Besuch aus der Zukunft

Am Neujahrstag fuhren wir von Bahía aus nach Cañaveral, einem Ort auf dem Troncal del Mar, einer sumpfigen Landzuge nördlich von Pedernales. Cañaveral ist für seine fast unberührten tropischen Palmenstrände berühmt, und wäre man Regisseur und suchte nach einem Drehort, an dem man die Landung der ersten Europäer vor fünfhundert Jahren glaubhaft nachstellen könnte, würde man an diesem paradiesischen Küstenstrich fündig.

Der Strand war nur spärlich mit Einheimischen bevölkert; Touristen – Ausländer wie Ecuadorianer gleichermaßen – sah man nirgendwo. Es gab auch keine parkenden Autos und es schien, wir wären die einzigen, die mit dem eigenen Wagen angereist waren. Unter diesen Umständen wollten wir das Auto nicht gern unbewacht stehen lassen, zumal uns seit unserer Ankunft ein Dutzend Einheimischer anstarrte, als wären wir die Superstars in irgendeiner der ständig durch den Äther dudelnden Telenovelas.

Doch wir waren an diesem Tag nicht die einzigen Exoten in der Nähe des Strandes und vor allem nicht die merkwürdigsten: Nur wenige Meter entfernt hatte das ecuadorianische Äquivalent einer Bikergang eine kurze Rast eingelegt. Die Biker sahen zwar so gefährlich aus wie ihre amerikanischen oder europäischen Vettern, von denen die Presse immer wieder Unangenehmes zu berichten weiß, aber ich glaube, dass es sich um gesetzte Leute handelte, denen es ein Bedürfnis ist, in der Freizeit den Easy Rider in sich zu entdecken.

Hierzulande können sich nicht viele eine Harley leisten – und vor allem muss man einen diebstahlsicheren Unterstellplatz haben, andernfalls hat man nicht lange Freude an der teuren Maschine – und deshalb liegt der Schluss nahe, dass es sich keineswegs um Outlaws, sondern ganz im Gegenteil um Angehörige der Oberschicht handelte (das ist das eine reiche Prozent oder sogar noch weniger, das die Geschicke dieses Landes und seiner Bewohner bestimmt).

Gerade so, als müsste man sich beweisen, dass man trotz dieses nicht unerheblichen Mankos ein echter Biker sei, hatte man es bei der Garderobe arg übertrieben. Das authentische Mitglied irgendeines Motorradklubs käme sicher niemals auf die Idee, sich in etwas anderem sehen zu lassen als in Lederjacke und Weste. Doch diese Leute waren ausstaffiert wie die Figuren in Mad Max, und zwar nicht wie die Mitglieder in Toecutters Gang, sondern eher wie die Gefolgsleute des Humungus: Überall sah man mit Stacheln und Nieten besetztes Leder. Manche der Kombis waren regelrecht mit Protektoren überladen, so dass man gern glauben wollte, ihre Träger beabsichtigten, an einem postapokalyptischen Death-Race teilzunehmen. Meist waren die Fahrer Männer und in nur allzu bekannter Macho-Manier ließen sie die überwiegend sexy gekleideten Mitfahrerinnen auf den Platz hinter sich schlüpfen. Doch eine Frau fuhr selber und ihr Outfit erinnerte mich wirklich an Aunty Entity.

Ich wusste nicht, ob ich mich nun fürchten oder ob ich in Lachen ausbrechen sollte. Selbst wenn ich diesen Leuten in einer so verrücken Stadt wie Berlin begegnet wäre, hätte ich mit mir ringen müssen, sie ernst zu nehmen. Aber in einem Land wie Ecuador waren sie schon fast mehr als ein bloßes Kuriosum. Sie kamen mir vor wie eine Anomalie, denn an dem einsamen pazifischen Palmenstrand wirkten sie wie Zeitreisende aus einer fernen apokalyptischen Zukunft: Ein Defekt an ihrer Zeitmaschine hatte sie in das falsche Jahrhundert katapultiert, wo sie nun auf ewig gestrandet waren zwischen Einheimischen, die sie nicht anders anstarrten als die Angehörigen eines Eingeborenenstammes im Amazonas-Urwald, die zum ersten Mal Besuchern aus der Welt der Weißen begegnen.

Manta: Santa Marianita

Maria Vicenta will uns nicht von Manta Abschied nehmen lassen, ohne uns an einen weiteren spektakulären Strand geführt zu haben. Auf einer Piste, deren Asphalt so unberührt scheint, als wäre er erst in der Nacht zuvor gegossen worden, fahren wir nach Santa Marianita. An diesem wie an allen Tagen scheint die Sonne aus einem feindlich blauen Himmel unerbittlich auf das ausgedörrte Land. Zwischen grellem Sonnenschein und Schatten gibt es keine Nuancen und das Gleißen über der Fahrbahn ist so stark, dass einem die Augäpfel schmerzen. Zwar weiß jedes Schulkind, dass sich Wärme und Licht aus dem nuklearen Feuer im Innern der Sonne speisen, doch erst hier möchte man es wirklich glauben. Die Sonne am tropischen Himmel ist ein anderer Stern als die kühle silbrige Scheibe, die sich im Nebeldunst des Nordens verbirgt, und man bekommt ihre Kraft zu spüren als eine dem Menschen feindlich gesinnte Naturgewalt.

Wir fahren vorbei an ockerfarbenen Hügeln, an Dornengestrüpp und ausgedörrter Erde. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet sich der Blick auf den Ozean. Sein Anblick ist wie eine alles überwältigende Offenbarung. Das Blau des Meeres unter dem allgewaltigen Himmel ist unbeschreiblich – so wie man sich den Pazifik in seinen Träumen immer vorgestellt. In diesem Augenblick scheint es mir nicht mehr verwunderlich, dass die Alten Himmel und Meer von Gottheiten bevölkert glaubten. Doch selbst ein Gott müsste weichen vor der Majestät des Anblicks und auch ein noch so betörender Traum könnte unmöglich bestehen vor der Kraft dieses Bildes.

Santa Marianita ist kein unentdecktes Paradies, sondern eines, zu dem die Annehmlichkeiten moderner Infrastruktur wie zeitgenössischer Konsumkultur gefunden haben: Es gibt Parkplätze, einige Strandbars, mehrere kleine Pensionen und nicht einmal eine Handvoll Restaurants wartet in den Hügeln hinter dem Strand auf Gäste. Nichts von alledem ist auf Massenandrang ausgelegt. Am Strand selbst geht es sehr ruhig zu. Die meisten Gäste lümmeln in den Bars oder Restaurants, nur einige Verwegene werfen sich in die Wellen, andere sieht man erste vorsichtige Schritte mit dem Kite machen. Obwohl Meer und Strand geradezu zum Badevergnügen einladen (aber wann tun sie das nicht!), sieht man weit weniger Badewillige als an einem beliebigen Ostseestrand bei schlechtem Wetter. Die Leute können den Strand an ausnahmslos jedem Tag des Jahres genießen – da würde man irgendwann auch das Paradies über haben.

Es gibt erstaunlich viele Kiter an diesem Strandabschnitt, doch einen echten Profi sucht man vergeblich unter ihnen. Die besten sind allenfalls passable Amateure. Die meisten aber, die sich in die Gurte schnallen lassen, stellen sich so linkisch an, dass man in ihnen sofort den Anfänger erkennt. Ihrem blassen Teint nach zu urteilen, handelt es sich um Touristen. Die einheimischen Ausbilder legen ihnen die Geschirre an und der warme auflandige Wind füllt die bunten Schirme und lässt sie in den Himmel steigen. Ein eigenes Brett bekommen die Eleven aber noch nicht unter die Füße, denn erst einmal müssen sie lernen, mit dem Schirm über den Strand zu gehen und dabei sollen sie ein Gefühl für das Segel und die Launen des Windes entwickeln. Peinliche Missgeschicke, wie an anderen Stränden, wo Kiter in spe schon einmal bäuchlings hundert Meter über den Sand geschleift werden, wissen die Instruktoren zu verhindern. Jedenfalls ist mir kein Strandbesucher begegnet, dessen Bauch die verräterischen Brandspuren aufwies. Wie ich höre, kostet ein Kite-Kurs gerade dreihundert Dollar, und ich bin versucht, es zu wagen. Es muss einfach herrlich sein, allein mit der Kraft des Windes scheinbar schwerelos über die Wellen zu gleiten.

Während mein Sohn und ich uns kühn wie die Galapagos-Leguane ins Meer werfen, machen es sich meine Frau und ihre Freundin in einer der Strandbars bequem. Wie üblich haben sie viel zu bereden und das große Bier, das ich vor Maria Vicenta stehen sehe, scheint ihre Zunge noch mehr als sonst zu lösen. Meine Frau braucht solch einen Zungenlöser natürlich nicht. Sie kann auch so stundenlang reden, aber ich werde den Verdacht nicht los, der Barmann habe ihr eine Überdosis Aufputschdrogen in den Fruchtsaft gerührt. Doch Redseligkeit entspricht dem Naturell der Küstenbewohner und wer noch nicht erlebt hat, was es heißt, von einer Wortlawine ausgeknockt zu werden, der sollte die Madrina meiner Frau (also ihre Patentante) kennenlernen. Diese Frau kann schneller sprechen als ein Maschinengewehr zu schießen vermag, und zu allem Unglück kann sie es auch noch länger, viel länger. Widerstand ist zwecklos und eigentlich kann man die Wortflut nur wie eine Naturkatastrophe über sich ergehen lassen und hoffen, dass man alles ohne größeren Schaden übersteht (posttraumatische Störungen sind natürlich nicht auszuschließen).

Die Wellen werfen meinen Sohn und mich mit unbändiger Gewalt umher. Ein paarmal ziehen mich die Brecher unter Wasser: Man hört nur noch Rauschen und das Geräusch rollender Kiesel. Es ist finster wie am Grunde der Tiefsee. Im Bruchteil einer Sekunde verliert man jede Orientierung, und man kommt sich vor, als säße man mit verbundenen Augen in einer Achterbahn. Oft weiß man nicht, ob man kopfüber wie eine gekenterte Boje in der Dunkelheit treibt. Doch dann, als würde man von einem Wal ausgespuckt gleich einem unverdaulichen Happen, wird man wie ein Korken an die Oberfläche gespült und erst jetzt gibt es wieder Oben und Unten. Die Wasserwand rollt weiter auf den Strand, doch prustend und lachend und gierig nach Luft schnappend erwartet man schon die nächste Woge.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.

Manta: Am Pool

Nach einem langen Tag am Strand ist man rechtschaffen erschöpft. Man könnte tatsächlich glauben, man hätte ein bedeutendes Werk vollbracht, obwohl man doch gar nichts getan hat, außer sich in die Wellen zu werfen und in der Sonne zu baden. So ein Tag am Strand ist wie eine Lossprechung von aller Sündenschuld und man fühlt sich befreit, als wäre man von jeglichen Bürden des Lebens erlöst und hätte nur noch dessen Belohnungen zu erwarten. Und obwohl die Glieder ermattet sind vom Spiel mit den Kräften des Meeres, ist einem ganz leicht ums Herz, denn das reinigende Bad hat etwas von der Seele gewaschen, das schwer und drückend auf ihr lag wie der Goldstaub in der Legende von El Dorado.

Man sagt, der Ozean kenne keine Vergangenheit und er habe auch keine Erinnerung, und das ist die Wahrheit: Die Stimmen, die einem weismachen, dass man durchs Leben laufen müsse, so schnell einen die Füße tragen, sind im Donnern der Brandung kaum mehr als ein leises Wispern, das schließlich verstummt, lauscht man dem Klang der Wellen nur lange genug. Wenn man Abends am Meer sitzt und eine laue Brise wehrt heran und über einem spannt sich das bestirnte Firmament, bedeutet Zeit gar nichts, aber das Leben alles. Und nie fühlt man sich so lebendig wie in diesem kurzen Augenblick.

Im Haus von Maria Vicenta, der besten Freundin meiner Frau, geht es manchmal ein wenig drunter und drüber: Noch immer steht das Geschirr vom Mittagessen auf dem Tisch und in der Küche türmen sich neben der Spüle Berge von schmutzigen Tellern, Töpfen und Pfannen. Zwar gibt es wie in allen wohlhabenderen Häusern eine Haushälterin, doch es scheint, sie hat im Augenblick andere Sorgen, und auch ist das Haus nicht gerade so klein, dass sich alle anfallenden Arbeiten – angefangen vom Bettenmachen, Wäschewaschen, Bügeln über Staubsaugen, Wischen, Bohnern bis hin zu Putzen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen – im Handumdrehen erledigen ließen.

Meine Frau hat ein Herz aus Gold und niemals würde sie einem Bedürftigen ihre tatkräftige Hilfe versagen, und so lässt sie es sich nicht nehmen, selbst anzupacken, um diesen Augiasstall von einer Küche wieder auf Vordermann zu bringen. Während sie sich emsig wie eine Ameise durch Berge von schmutzigem Geschirr arbeitet, sieht man die Haushälterin fröhlich winkend das Haus verlassen. Solche Hausgäste wünscht man sich, die nach dem Essen auch noch aufräumen und abwaschen, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu nötigen muss.

Am Abend wollen die Jungs noch zum Pool der Wohnanlage. Wir haben zwar den ganzen Tag am Strand verbracht und die Sonne hat mich dermaßen ermattet, dass ich mein Hirn auf Leerlauf schalten und mich nur noch willenlos vor die Glotze schmeißen möchte, doch Kinder können ja bekanntlich immer dann unbändige Energien freisetzen, wenn Erwachsene an den Grenzen ihrer physischen und vor allem ihrer psychischen Leistungsfähigkeit angekommen sind. Maria Vicenta meint, die Wohnanlage sei sicher und es wäre überhaupt kein Problem, wenn die Kinder allein zum Pool gingen. Ich bin ganz ihrer Meinung.

Doch meine Frau fürchtet, mit der Dunkelheit sei die beste Zeit für das Verbrechen gekommen und daher müsse man besonders achtsam sein – als würden die einschlägigen Vertreter der Branche auf die Nacht warten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie ersucht mich dringend, die Kinder zu begleiten und auch am Pool zu bleiben, um aufzupassen. Bin ich der Bademeister? Aber diese dringlichen amtlichen Ersuchen haben so etwas Förmliches, dass man sich nur schwer widersetzen kann, gerade so, als bekäme man von einem Polizisten gesagt, dass man gefälligst woanders parken solle. Am Ende fahren wir mit dem Auto, obwohl sich der Pool nur eine kurze Strecke vom Hause Maria Vicentas entfernt befindet. Man könnte in wenigen Minuten bequem zu Fuß dorthin gelangen, aber mit dem Auto sei es eben sicherer.

An diesem Abend ist der Pool voll mit Kindern unterschiedlichen Alters. Die Nacht ist so warm, dass man auch nicht frieren würde, wenn man stundenlang im Wasser bliebe und die nasse Kleidung anschließend anbehielte, was die meisten der Kinder auch tun. Als wir am Pool eintreffen, mögen an die zwanzig Badenden das Wasser bevölkern. Erwachsene sieht man weit und breit nicht. Ich habe mir ein Buch mitgebracht und setze mich an den Beckenrand. Ich tue so, als hätte ich zufällig nichts anderes zu tun, dabei wartet doch im Haus unserer Gastgeberin der Fernseher auf mich und die Freuden des Pay-TV. Irgendwann kommt ein Wächter auf dem Motorrad vorbei, checkt kurz die Lage und dreht wieder ab.

Gleich neben dem Pool befindet sich ein kleiner Kiosk. Eigentlich ist der Laden direkt in den Pool integriert und nach zwei Seiten offen: Auf der dem Becken abgewandten Seite befindet sich ein ganz normaler Verkaufsstand für Eis, Schokolade, Snacks und Getränke. Auf der Seite, die zum Pool blickt, ragt eine Bar wie der Bug eines Schiffes in das Bassin hinein und die Badegäste können heranschwimmen und sich ganz mondän die Drinks gleich im Wasser servieren lassen. An diesem Abend sind aber nur Kinder im Pool, die nur wenig an Cocktails, dafür aber mehr an Wasserschlachten interessiert sind. Die Kiosk-Frau ist mit den Nerven am Ende und als sich wieder einmal ein Schwall Wasser von einer der zahlreichen Arschbomben über sie ergießt, kreischt sie hysterisch und schimpft mit den Kindern, die sich nicht benehmen können. Als wir dann später gehen, bestelle ich noch Eis für die Jungs. Die arme Frau ist so durchnässt, als hätte sie selbst an der Wasserschlacht teilgenommen.

Als ich so am Pool sitze und versuche, mich in meine Lektüre zu vertiefen, glaube ich plötzlich, jemanden Russisch sprechen zu hören. Tatsächlich unterhalten sich einige der Kinder miteinander auf Russisch. Ich bin neugierig und versuche zu überschlagen, wer noch alles Russisch spricht und ich komme darauf, dass es mindestens die Hälfte der Kinder ist. Gegen Ende kommen dann auch noch drei der russischen Mütter zum Pool, um sich ein wenig zu entspannen. Sie bringen eine Flasche Wein mit und Pappbecher und plaudern angeregt miteinander, während ihre Sprösslinge weiter den Kiosk unter Wasser setzen. Maria Vicenta erzählt uns später, dass mehr als die Hälfte der Bewohner der Urbanisation entweder Russen oder Kroaten seien. Viele von ihnen betrieben ihre eigenen Unternehmen, sie hätten zum Beispiel Hotels oder Yoga-Schulen. Einige von ihnen kenne sie sehr gut und mit manchen sei sie sogar befreundet. Warum sie nach Ecuador gekommen sind, darüber sagt Maria Vicenta aber nichts.

Manta ist eine sehr lebendige Stadt und eine Stadt, die sich in einer Phase dramatischen Wachstums befindet. An allen Ecken wird gebaut und überall sieht man (noch) leere Grundstücke, auf denen Werbetafeln großartige Bauprojekte ankündigen, die man schon sehr bald ins Werk zu setzen verspricht. Die Infrastruktur wird mit Hochdruck erneuert und die meisten Straßen in Manta und seiner Umgebung sind entweder in den letzten Jahren überhaupt erst ganz neu entstanden oder frisch asphaltiert worden. Maria Vicenta meint, viel Narko-Geld sei dabei im Spiel, und seit die Amerikaner im Jahre 2009 ihre Luftwaffenbasis räumen mussten, weil die Regierung es ablehnte, ihnen den Pachtvertrag zu verlängern, hätte die Geldwäsche geradezu epidemische Ausmaße angenommen.

Die Schattenwirtschaft bleibt für den normalen, gesetzestreuen Bürger größtenteils unsichtbar. Nur manchmal, so Maria Vicenta, tauche die Spitze des Eisbergs auf, wenn, wie erst kürzlich geschehen, eine der kriminellen Größen der Stadt eine Hochzeit für zehn Millionen Dollar ausrichtet. Die Leute können eben nicht aus ihrer Haut und statt stillzuhalten und sich des unredlich erworbenen Reichtums im privaten Rahmen zu erfreuen, gebärden sie sich wie die Barockfürsten und werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Dass das Gesetz ihnen schnell auf die Schliche kommt, ist angesichts solchen Leichtsinns sicher kein Zufall.

Manta: Leben hinter Mauern und zweimal Strand

Die Urbanisation Manta Beach liegt direkt am Highway und wenn man sich nähert, glaubt man zunächst, es handele sich nicht um einen Wohnpark, sondern um eine wichtige militärische Einrichtung, denn die Zufahrt ist gesichert, als würden hinter den Mauern nicht Menschen leben, sondern Atomsprengköpfe gelagert oder ein Arsenal tödlicher Biowaffen. In den USA habe ich Militärbasen gesehen, die weniger gut bewacht wirkten als der Eingang zu dieser Siedlung. Maria Vicenta, die Freundin meiner Frau, holt uns am Tor ab und wir fahren zu ihrem Haus.

Das Areal ist innerhalb der schützenden Mauern weiträumig bebaut und die ganze Anlage ist groß wie eine Kleinstadt. Die Grundstücke um jedes Haus sind so riesig, dass nirgendwo zwei Häuser aneinanderstoßen, und oft ist sogar Platz genug, dass ein Dutzend Leute dazwischen Fußball spielen könnten. Alles wirkt ein bisschen kahl, denn das trocken-heiße Klima verhindert, dass Bäume wachsen. Hier und da kämpft eine Palme gegen die Trockenheit und den Staub an, aber dort, wo Grundstücke verlassen stehen oder noch nicht erschlossen sind, sieht man nichts als staubtrockene Erde und Dornengestrüpp.

Die Vorgärten müssen auf den obligatorischen Rasen verzichten und manch einer, der sich damit nicht abfinden kann, versucht der Natur zu trotzen, indem er sich Kunstrasen vor dem Haus ausrollen lässt. Der Plasterasen ist so grün, dass es schon in den Augen sticht, und im Kontrast zu den teuren Häusern erscheint er nur um so billiger. Die Wohnanlage indes gehört zu den teuersten und exklusivsten der Stadt. Maria Vicenta versichert, es gäbe überhaupt nur eine Siedlung, die noch teurer sei. Die Häuser, die wir sehen, würden jedem Vorstadt-Nobelviertel in Deutschland zur Ehre gereichen.

Bis das Mittagessen fertig ist, dauert es noch eine Weile und so macht unsere Gastgeberin den Vorschlag, an die Playa de murcielago, den Fledermausstrand, zu fahren. Murcielago Beach ist einer der prominentesten Strände der Stadt und will man den Reiseführern glauben, der einzige Strand innerhalb der Stadtgrenzen, an dem man dank Strandpatrouille nicht fürchten muss, dass einem die Unterhosen nebst anderen Dingen abhanden kommen, während man sorglos im Meer schwimmt. Der Sohn Maria Vicentas arbeitet bei der Strandaufsicht und so müssen wir auch nicht die übliche Taxe für die Benutzung des Parkplatzes entrichten.

Die Playa de murcielago bietet alles, was sich der an den Komfort karibischer Ressorts gewöhnte Strandurlauber nur wünschen kann: Um eine große Plaza einen Steinwurf hinter dem Sandstrand reiht sich ein Dutzend Restaurants, deren Schlepper hungrige Spaziergänger mal marktschreierisch, mal höflich-reserviert in die auf Massenansturm ausgelegten Fresstempel zu locken versuchen. Zwischen den Restaurants finden sich die üblichen Souvenirshops und die unvermeidlichen Boutiquen, in denen Strandkleidung und Accessoires feilgeboten werden.

Es gibt eine unscheinbare Kaffeerösterei, welcher aber ein so verführerischer Duft nach frisch gerösteten Bohnen entströmt, dass man sofort Lust auf eine schöne Tasse Kaffee bekommt. Doch an diesem Tag herrscht eine infernalische Hitze und das einzige, wonach man sich nach einer Stunde auf dem heißen Sand wirklich sehnt, ist Schatten und ein kühles Blondes. Mitten auf der Plaza steht das Zelt eines Tätowierers, in dem sich der abenteuerlustige Strandbesucher das unvermeidliche Tribal oder einen neckischen Delfin zum Andenken stechen lassen kann. Für jedes noch so kleine Bedürfnis der zahlreichen Besucher an diesem Tag ist gesorgt, doch die eigentliche Sensation an der Playa de murcielago ist das Meer: Der Pazifik ist türkisblau und der Horizont scheint unter dem Azur des Himmels geradezu in eine jenseitige Welt entrückt. Wann im Leben sieht man schon einmal solches Blau!

Nach dem Mittagessen soll es nicht bei einer Stippvisite am Strand bleiben. Maria Vicenta fragt uns, welche Art Strand wir bevorzugen würden: den ruhigen, einsamen oder lieber einen solchen, wo sich Jubel, Trubel und der übliche Konsum ein Stelldichein geben. Ohne zu überlegen entscheiden wir uns für das Friedvolle. Nach zwanzigminütiger Fahrt über frisch gepflasterte Highways, über deren heißem Asphalt die Fata Morgana wabert, erreichen wir einen Strand außerhalb der Stadt. Man könnte mit dem Auto geradewegs ins Meer fahren, doch wir sind ja keine Barbaren und deshalb parken wir den Wagen ein wenig oberhalb des Strandes neben einer windschiefen Palmstrohhütte, dem einzigen Hinweis am ganzen Strand, dass Menschen diesen Planeten bewohnen. Nicht viele Besucher haben am Nachmittag hierher gefunden – kaum ein halbes Dutzend Autos parkt oberhalb des Strandes neben der Hütte. Die wenigen Besucher verlieren sich geradezu in der Einsamkeit des über einen Kilometer langen Sandstrandes.

Ockerfarbene Berge, rau und kahl wie die Abhänge eines Mondkraters, umschließen den Strand gleich dem gezackten Rand einer Muschelschale. Und in der Tat scheint es dem Auge, als schmiege sich der Sandstreifen an die Berge wie das glatte Innere der Muschel an den gewölbten Rand der Schale. Die Pazifikküste macht bei Manta einen scharfen Bogen und der Strand verläuft daher nicht in Nord-Süd- sondern in Ost-West-Richtung. Das westliche Ende der Bucht wird von einem Vorgebirge begrenzt, dessen äußerste felsige Ausläufer an eine Sphinx erinnern, die wie die Wächterin des Meeres über den Wellen thront und deren steinernes Antlitz hinaus auf den weiten Horizont des Ozeans gerichtet ist.

Ich sitze im warmen Sand und schaue den Jungs beim Herumtollen in den Wellen zu. Einmal gehe ich mit ins Wasser – das Meer reißt einen mit Gewalt von den Beinen und wirbelt einen herum, dass man glaubt, man würde nie wieder auftauchen. Ich lasse mich am Strand von der Sonne trocknen und schaue den Wellen dabei zu, wie sie sich matt legen und den Sand mit einem glänzenden Firnis überziehen. Noch herrscht Ebbe und der Strand ist so breit, dass ein ganzes Fußballfeld darauf Platz hätte.

Ein altes Ehepaar hat sich Campingstühle aufgebaut. Die Eheleute sitzen Hand in Hand wie frisch Verliebte vor der überwältigenden Szenerie des Meeres und warten auf den pazifischen Sonnenuntergang. Eine Joggerin läuft leichtfüßig an mir vorbei. Bei jedem Schritt vibriert die papierdünne Haut über den Muskelsträngen ihres Bauches. Ihre eng anliegende Sportkleidung und das zu einem dicken Zopf geflochtene Haar gemahnen an Lara Croft. Ich muss schmunzeln, aber sie nimmt nicht einmal Notiz von mir, obwohl sie auf Armeslänge an mir vorbeiläuft. Ihr Tempo ist mörderisch, sie fliegt förmlich über den Strand, aber ich höre sie nicht einmal atmen. Wie fit man sein kann. In der Ferne werfen sich ein paar Teenager quietschend vor Vergnügen in die Brandung. Auf dem Spiegel des Meeres ziehen weiße Jachten und Fischerboote vorüber.

Der Zivilisation zu entfliehen ist ein sinnloses Unterfangen; man könnte versuchen, selbst noch zu den entferntesten, gottverlassenen Orten der Welt zu entkommen, man würde dennoch eingeholt. Gibt es irgendein Paradies, das nicht besudelt worden wäre? Manchmal muss man sich wirklich fragen, wer eigentlich die Barbaren sind – die sogenannten Wilden oder diejenigen, die sich für zivilisiert halten?

Ich habe einen Bekannten, der in der Reisebranche arbeitet, und der das Reisen zu fernen, unbekannten Orten über alles liebt. Reisen ist seine Leidenschaft. Schon von Jugend an erforschte er die ganze Welt und irgendwann erfüllte er sich seinen großen Traum: Tahiti. In Tahiti hörte er Einheimische von einer geheimen Insel sprechen, einem Ort, der dem gewöhnlichen Touristen für immer verwehrt bleibt. Er machte sich auf die Suche nach dieser Insel und schließlich, nach vielen Mühen und Gefahren, fand er sie. Er überredete einen Fischer, ihn überzusetzen, und als er dann an dem menschenleeren weißen Sandstrand angelangt war und im kühlen Schatten eines einsamen Palmenhains rastete, vernahm er plötzlich Stimmen auf dem angeblich menschenleeren Eiland. Er folgte den Stimmen und dann verstand er sogar, was sie sagten, und als er nahe genug war, so dass er alles ganz genau hören konnte, wurde seine Verwunderung nur um so größer. Und dann begriff er und da erst zerbarsten all seine Hoffnungen und was blieb, war Enttäuschung, schwärzer als die dunkelste Ohnmacht, und sein vor Leidenschaft hämmerndes Herz wäre fast daran erstickt, wenn ihn nicht sein eigenes hysterisches Lachen erlöst hätte: Die Worte, achtlos in die Einsamkeit von Meer, Sonne, Wind gesprochen, drangen mit einem unverkennbar sächsischen Zungenschlag an sein Ohr. (Ich schwöre, die Geschichte ist nicht erfunden – soviel zu den Netzen der Zivilisation)

Natürlich war der Strand, an dem wir unseren Nachmittag verbrachten, kein wirklich unentdecktes Land, dessen Koordinaten auf der Landkarte etwa nur ein weißer Fleck markiert hätte. Und so blieb es nicht aus, dass man auch hier von den üblichen nervigen Abgesandten der Zivilisation behelligt wurde: Einer der Besucher des Strandes hatte sämtliche Türen seines Wagens sowie die Heckklappe geöffnet und dann die Stereoanlage auf volle Lautstärke gestellt. Aus den Boxen, die groß genug waren, um ein ganzes Stadion zu beschallen, dröhnte Partysalsa der schlimmsten Sorte. Ich wollte eigentlich den Strand und den Klang des Meeres genießen, doch dieses bescheidene Vergnügen blieb mir dank dieses Idioten versagt. Die einzige Maßnahme, um den Tag noch zu retten, hätte wohl darin bestanden, den Möchtegern-DJ mit dem Basie windelweich zu prügeln – einfach so, aus purer Lust und natürlich aus erzieherischen Gründen! Denn man weiß ja: Erziehung ist alles. Leider hatte ich zufällig keinen Basie dabei. Schade.

Am entferntesten Ende des Strandes sah man einen SUV nur wenige Meter entfernt von den Wellen im Sand stehen. Zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Der Polizeiwagen hielt neben dem motorisierten Strandbesucher und man sah, wie der Halter des Fahrzeuges und der Polizist in eine angeregte, um nicht zu sagen, in eine heftige Diskussion gerieten. Wahrscheinlich machte der Gesetzeshüter den Mann darauf aufmerksam, dass es nicht gestattet sei, den Strand mit dem Auto zu befahren. Der Mann antwortete wahrscheinlich, wozu hätte er sich denn ein allradgetriebenes Auto gekauft, wenn er damit nicht einmal über den Strand fahren dürfe. Das bisschen Motoröl könne doch wohl kaum dem riesigen Ozean schaden, und überhaupt sei so ein Biotop nur gesund, wenn es beständig durch Umweltveränderungen herausgefordert werde. Um also einen wirklichen Beitrag für die Umwelt zu leisten, müsste eigentlich an Ort und Stelle ein kompletter Ölwechsel vorgenommen werden. Und da das allein bei einem so gewaltigen Ozean keinesfalls ausreichend sei (immerhin handele es sich um den Pazifik!), könne man ja gleich noch die alte Batterie im Meer entsorgen … Der Polizist und der SUV-Fahrer diskutierten noch eine ganze Weile. Leider konnte man überhaupt nichts hören, weil die Entfernung und das Donnern der Wellen jedes Geräusch erstickten. Manchmal wünscht man sich, der Punisher würde sich öfter melden. Gelegenheit, sein gerechtes Werk zu verrichten, gäbe es jedenfalls genug – in Ecuador wie anderswo.

Im Licht der untergehenden Sonne ließ sich ein junges Hochzeitspaar vor der Kulisse einer steil aufragenden Felswand fotografieren: er im schwarzen Anzug, sie im blütenweißen Brautkleid mit Schleier und Brautstrauß. Beide lächelten gegen die sinkende Sonne an, aber die geologischen Schichtungen im Hintergrund, die von Jahrmillionen des Wechsels von Land und Meer, Hitze und Kälte, Regen und Trockenheit erzählten, degradierten das Glück des jungen Paares zu nicht mehr als einem kurzen Augenblick, kaum länger als ein einziges schnelles Blinzeln in einem langen Menschenleben.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)

Mein Schatz: Der Führerschein

Die Tante hatte meiner Frau erzählt, dass man in Bahía für zweihundert Dollar den Führerschein erwerben könne. Wie in fast jedem Land der Welt, ist das Führen eines Fahrzeuges auch in Ecuador nur mit einer gültigen Lizenz gestattet. Eine begrenzte Zeit darf man mit dem deutschen Führerschein ganz legal auf ecuadorianischen Straßen fahren, aber danach ist man gehalten, eine ecuadorianische Fahrerlaubnis vorzulegen, wenn man von den hiesigen Gesetzeshütern ersucht wird, sich als Führer eines Fahrzeugs auszuweisen. Da spielt es denn auch keine Rolle, dass man schon viele Jahre im Besitz eines europäischen Führerscheins ist. Gegen diese Regelung ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, wenn man denn den ecuadorianischen Führerschein erwerben könnte, ohne durch allzu große bürokratische Hürden daran gehindert zu werden.

Andere Länder, andere Führerscheinprüfungen

Wie einfach es anderswo sein kann, sieht man am Beispiel USA: Wir haben einige Zeit in Texas gelebt und ich habe dort auch den Führerschein gemacht. Ich möchte jedem, der die Staaten bereist – und sei es nur im Urlaub –, nahelegen, den Führerschein zu erwerben, denn nirgendwo auf der Welt bekommt man ihn so leicht und nur selten ist er so preiswert. In Texas ist der Erwerb der Lizenz eine ganz einfache Angelegenheit, die man etwa an einem beliebigen Nachmittag in nicht einmal einer Stunde erledigen kann: Man fährt mit dem eigenen Auto (oder dem Mietwagen) zu einem der zahlreichen Büros des Texas Department of Public Safety und legt dort zunächst die theoretische Prüfung ab. Dazu muss man am Computer dreißig Fragen zu den Verkehrsregeln beantworten; die Antworten sind als multiple choice vorgegeben. Achtzig Prozent davon (oder waren es nur siebzig?) müssen richtig beantwortet sein, damit die Prüfung als bestanden gelten kann. Doch keine Sorge, die Fragen sind leicht und man kann die Prüfung so oft wiederholen, wie man möchte. Wahrscheinlich hätte man schon eine gute Chance zu bestehen, wenn man einfach nur rät.

Viel lernen muss man eigentlich nicht, denn es gibt weit weniger Verkehrsregeln als in Deutschland und die Anzahl der Verkehrszeichen ist allzu überschaubar: Das Texas Drivers Handbook ist eine schmale Broschüre von vielleicht vierzig Seiten, von denen sich etwa die Hälfte allein schon mit der Fahrzeugsicherheit beschäftigen. Um die Prüfung ablegen zu können, muss man nicht einmal des Englischen mächtig sein, denn der Fragenkatalog steht in mindestens zehn Sprachen zur Verfügung.

In einer Viertelstunde hat man die Theorie geschafft und sogleich geht es auf die Strecke zur praktischen Prüfung: Mit dem eigenen Wagen fährt man fünf Minuten in Schrittgeschwindigkeit durch verwaiste Wohngebiete; auf den Straßen tut sich ungefähr so viel wie an einem Sonntagmorgen fünf Uhr in irgendeinem Flecken in Vorpommern. Einmal muss man vorwärts einparken und einmal rückwärts. Die Parklücke ist ist groß genug, dass man darin einen Laster bequem abstellen könnte. Ein weiteres Viertelstündchen muss man sich noch gedulden, dann ist man stolzer Besitzer einer Texas Drivers Licence und alles in allem hat man dafür gerade einmal 27 Dollar bezahlt (Preis von 2007). Ausnahmslos jeder kann den Führerschein erwerben, man muss nicht einmal im Besitz einer legalen Aufenthaltserlaubnis sein. Mit einem beliebigen amtlichen Dokument, mit dem man sich ausweisen kann, macht man die Beamten des Department of Public Safety schon glücklich.

Eine Enttäuschung und fünf Typen im Unterhemd

In Ecuador ist der Erwerb des Führerscheins nicht ganz so einfach, vor allem gibt es im Vorfeld jede Menge bürokratische Hürden zu überwinden. Aber die Tante hatte uns Mut gemacht und warum sollte nicht einmal irgendetwas einfach sein, wo doch alles andere immer so verdammt umständlich ist. Am 28. Dezember fuhren wir also in aller Frühe zusammen mit der Tante zur lokalen Führerscheinstelle in Leonidas Plaza (das ist die Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts).

Um 8:30 Uhr öffnet das Büro und wir waren pünktlich auf die Sekunde vor der Tür. Es erwies sich als etwas schwierig, einen Parkplatz in der Nähe zu finden, denn die Straßen waren förmlich zugeparkt mit den Autos der Anwohner und der Besucher der Führerscheinstelle. Wir fuhren in eine staubige Nebenstraße und stellten den Wagen dort ab. An einer Ecke lungerten fünf Typen in Unterhemden herum und glotzten uns an, als wären wir die Sensation in irgendeiner Freakshow. Es war morgens halb Neun und die Leute sahen nicht so aus, als kämen sie gerade aus der Nachtschicht oder als warteten sie auf den Bus, der sie zur Arbeit bringt. Erst jetzt bemerkten wir, dass außer uns niemand sonst in der Straße parkte. Die Tante meinte, einer solle vorsichtshalber im Wagen zurückbleiben, während sie zum Büro ginge, um Erkundigungen einzuholen. Meine Frau blieb im Auto und ich begleitete die Tante zur Anmeldung des Führerscheinbüros.

Die Anmeldung des Führerscheinbüros erwies sich als ein Bretterverschlag auf dem Gehsteig, kaum größer als eine Telefonzelle. Der Verschlag stand direkt vor dem Eingang des Büros und ich wunderte mich, warum der Anmeldung nicht erlaubt sein sollte, im Gebäude selbst zu residieren. Gleich der Kartenverkäuferin auf einem Rummelplatz, thronte in dem winzigen Häuschen eine sorgfältig zurechtgemachte junge Frau. Sie war ziemlich stark geschminkt und hatte eine recht üppige Figur, so dass ihr Gesäß kaum in den engen Verschlag passte. Sie trug ein hautenges kurzes Kleid, das ihre Rundungen noch betonte (Schönheitsideale in den Tropen unterscheiden sich erheblich von denen in den gemäßigten Breiten). Ihre Nägel waren aufwendig manikürt wie bei den Vorzimmerdamen in einem exklusiven Spa. Mit einem geradezu betörenden Augenaufschlag gab sie uns zu verstehen, dass sie ganz Ohr sei.

Sie hörte sich geduldig und sehr aufmerksam das Anliegen der Tante an und die Tante legte ihr das Problem auch äußerst wortreich dar – die spanische Sprache ist sehr viel besser als das Deutsche geeignet, noch den einfachsten Sachverhalt in einer geradezu biblischen Wortflut zu ertränken. Die junge Frau nickte immer wieder, um uns zu verstehen zu geben, dass sie die ganze Tragweite des Problems erkannt hätte. Nachdem die Tante ihre Erklärung beendet hatte, meinte die Empfangsdame, dass man den Führerschein keinesfalls einfach so erwerben könne, nur weil man ihn haben wolle. Die lakonische Feststellung bremste unseren Enthusiasmus ganz erheblich. Man dürfe, so fuhr sie fort, die Prüfung, die übrigens dreihundert Dollar koste, nur ablegen, wenn man eine gültige Cedula de identidad vorweise, das ist eine ID-Card, das Äquivalent zum Personalausweis.

Damit konnten wir unsere Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems erst einmal begraben, denn mein Antrag auf einen legalen Aufenthaltsstatus, welcher in der Erteilung eines Visums münden würde, war noch bei den Ämtern anhängig. Sämtliche Unterlagen befanden sich bei unserer Anwältin, die den Fall nach Kräften vorantrieb, wie sie nicht müde wurde zu behaupten. Erst nachdem das Visum erteilt worden wäre, könnte ich eine Cedula de identidad, also eine ID-Card, beantragen. Und hätte ich erst einmal die Cedula, wäre es mir möglich, die Führerscheinprüfung zu absolvieren. Da spielte es auch keine Rolle, dass ich den europäischen Führerschein schon seit vielen Jahren besaß.

Zumindest in der Theorie war der Weg vorgezeichnet und das Ziel schien in greifbarer Nähe. Es würde nur etwas mehr Zeit erfordern, dorthin zu gelangen, und ich ahnte, es würde mich noch jede Menge Nerven kosten, Nerven vor allem. Aber ich hatte nicht mit den Fallstricken des bürokratischen Apparates gerechnet, und dies wäre nicht Ecuador, wenn der Gesetzesdschungel, der kaum weniger dicht als der wirkliche Regenwald zu sein scheint, nicht noch eine tückische Fußangel für den willigen Führerscheinaspiranten bereitgehalten hätte.

Der Morgen war erst einmal gelaufen, aber mehr konnten wir in der Sache im Augenblick nicht tun. Als wir zum Auto zurückkehrten, hockten die fünf Typen im Unterhemd immer noch an der Ecke. Sie starrten ununterbrochen unseren Wagen an und es hatte den Anschein, als beredeten sie etwas konspirativ unter sich. Meine Frau, die die ganze Zeit über im Auto geblieben war, gruselte sich schon und sie war froh, als wir endlich wieder verschwinden konnten. Wir hatten jede Menge Zeit – in Bahía hat man immer mehr als genug davon – und so beschlossen wir, Fatima und Giovanni einen Besuch abzustatten.

Fatima und Giovanni: Shrimps und Bullies

Fatima und Giovanni sind alte Freunde. Meine Frau kennt sie natürlich sehr viel länger als ich und sie ist sogar die Patin ihrer Kinder. Ich traf die beiden zum ersten Mal im Jahre 1992. Damals versuchte Giovanni sein Glück als Shrimpzüchter. Er fuhr uns mit dem Boot hinaus in die Mangrove und zeigte uns die Shrimpfarm, die er verwaltete. Es war an diesem Tag brütend heiß und die Mosquitos machten förmlich Jagd auf jede ungeschützte Hautstelle. Wächter mit Shotguns patrouillierten um die Becken, damit des Nachts niemand heimlich die wertvollen Krebstierchen abfischte.

Im Schlamm unter einer Hütte, in der Arbeitsgeräte und Futter für die Shrimps deponiert waren, wimmelte es nur so von Krabben. Mit ihren Scheren stopften sich die kaffeebraunen Tierchen unaufhörlich Futterreste und Exkremente der Shrimps zwischen die Mandibeln und sie hatten sich schon so fett gefressen, dass die größten von ihnen die Ausmaße eines Handtellers erreichten. Giovanni fing ein Dutzend und kochte sie in einem rostigen Eimer. Meine Frau ließ sich den Panzer aufbrechen und pickte dann den Inhalt genüsslich heraus. Das Innere so einer Krabbe erinnert an ein aufgeschnittenes Herz: Man sieht Ligamente und feine Muskelstränge. Alles glänzt feucht wie der Kern einer frischen Mandel. Merkwürdigerweise hatte ich in diesem Augenblick so gar keinen Appetit mehr.

Die Shrimpindustrie hatte 1992 in Ecuador gerade seit einigen Jahre Fuß gefasst und der Boom, der während der nächsten Jahre über die gesamte Küstenregion wie eine Flutwelle schwappen sollte, war gerade erst im Aufwind begriffen. Viele, die zu jener Zeit ins Shrimp-Business einstiegen, machten ein Vermögen. Oft wurden die Becken für die Shrimpaufzucht ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen angelegt. Es kam häufig vor, dass nicht einmal eine amtliche Genehmigung vorlag und nicht wenige der Farmen waren schlicht illegal. Das Land zahlte einen hohen Preis im Tausch für den Wohlstand einiger Weniger: Fast an der gesamten Küste verschwanden die Mangrovenwälder und weite Bereiche der Küstenprovinzen sind noch heute mit Antibiotika und Exkrementen aus den Shrimp-Becken verseucht.

Wir treffen Giovanni vor dem Haus. Mit dem kurzgeschorenen Schädel, dem einprägsamen Profil und dem markanten Kinn erinnert er mich immer ein wenig an Mussolini, aber er ist ein ruhiger, freundlicher Zeitgenosse und hat so gar nichts Diktatorisches an sich. Sein Haus ist wie eine Festung mit meterhohen Maschendrahtzäunen gesichert und überall sieht man Stacheldraht. Das ist nicht gerade die beste Wohngegend und ein jeder, der hier lebt, versucht, sein Eigentum zu schützen, so gut es eben geht. Giovanni bittet uns ins Haus.

Im geräumigen Wohnzimmer treffen wir auch Fatima. Sie erzählt, dass die Kinder bald in Russland studieren werden. Sie haben ein Stipendium bekommen und zur Zeit seien sie eifrig damit beschäftigt, in Kolumbien Russisch zu lernen. Den Spracherwerb müssten sie aus eigener Tasche bezahlen und in Kolumbien kostet ein Intensivkurs viel weniger als anderswo.

Als Fatima hört, dass man schon einmal unsere Wohnung aufgebrochen und uns bestohlen hat, erzählt sie ihre Geschichte: Sie ist Lehrerin und die Gegend, in der sie und Giovanni leben, zählt nicht gerade zu den Stadtteilen, in denen man für einen ruhigen Abendspaziergang vor die Tür gehen würde. Eines Tages sei sie auf der Straße von einem ihrer ehemaligen Schüler ausgeraubt worden. Es gehört schon eine gehörige Portion Unverfrorenheit dazu, die eigene Lehrerin zu berauben. Haben diese Leute denn überhaupt keinen Anstand? Man könne dagegen gar nichts tun, meint Fatima, denn in der Gegend kennt natürlich jeder jeden und die Leute haben Angst, dass die Kriminellen ihnen noch weit schlimmere Dinge antun würden, als bloß die Geldbörse und das Handy zu rauben, wenn man sie auch noch bei der Polizei anzeigte.

Ein zweites Hindernis bei der Strafverfolgung ist eine eigenartige Gesetzeslage, welche die Beweislast ausschließlich dem Opfer auferlegt: Der Bestohlene bzw. der Beraubte muss beweisen, dass er Opfer einer kriminellen Handlung geworden ist. Selbst wenn dies gelänge – es könnte ja Augenzeugen geben –, muss man, falls das Diebesgut sicherstellt wurde, darüber hinaus auch noch beweisen, dass die Sachen einem tatsächlich gehören. Bei einem Handy mag dies noch möglich sein, nicht aber bei Geld oder teurer Markenkleidung.

Die meisten Leute zeigen Diebstähle und Überfälle gar nicht mehr an, denn die Polizei tut ja ohnehin nichts. Das ist auch eine Art, die Statistik zu schönen. Viele sehen die Gesetzeshüter, die doch die Bürger verteidigen und vor Übergriffen schützen sollten, eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Fatima meint, damit man nicht ständig ausgeraubt werde, müsse man sich mit den Kriminellen gut stellen, sich mit ihnen anfreunden. Jeder kenne diese Leute, denn sie seien ja Nachbarn. Die Polizei müssen sie jedenfalls nicht fürchten und so können sie seelenruhig weiter die Leute in der Gegend terrorisieren.

Zum Abschied schenkt uns Giovanni noch eine ganze Tüte voll Mangos. Auf dem Nachbargrundstück, das seit einiger Zeit verlassen steht, wächst ein riesiger Mangobaum – ich hatte gar nicht gewusst, dass Mangobäume so groß werden können. In der ausladenden Krone hängen dicht an dicht die reifen Früchte. Hin und wieder sieht man eine Mango herunterfallen. Man muss sie nur noch vom Boden auflesen – und essen. Schon aus der Tüte duften die Mangos so verführerisch, dass einem die Sinne schwinden, und sie sollten auch nicht lange liegen bleiben, denn sie verderben sehr schnell und müssen deshalb bald gegessen werden. Es ist kaum Mittagszeit, da ist von den süßen Früchten schon nichts mehr übrig. Die wirklich guten Mangos bekommt man nur an der Küste und da wir hier nicht immer sein können und die Erntesaison ohnehin nur kurz ist, nutzen wir jede Gelegenheit, um die köstlichen Früchte zu genießen.

Noch eine Enttäuschung und weitere bürokratische Kabalen

Der Tante geht die Sache mit dem Führerschein nicht aus dem Kopf und so dirigiert sie uns noch zu einem Notar, um zu erfragen, ob man die Führerscheinprüfung ablegen könne, auch wenn man nur einen Reisepass besitze. Die Klimaanlage hat das Büro des Notars auf frostige Temperaturen heruntergekühlt. Im Vorzimmer sitzt die Sekretärin und erteilt Auskünfte oder wimmelt unliebsame Gäste ab; ansonsten scheint sie sich den ganzen Tag zu langweilen. Nein, erklärt die nette Vorzimmerdame, ein Reisepass reiche nicht aus. Um die Führerscheinprüfung abzulegen, müsse man unbedingt im Besitz einer Cedula de identidad, also einer ID-Card, sein.

Die Tante zeigt uns später ihre Cedula und erst bei dieser Gelegenheit fällt uns auf, dass Bürokratenhirne noch ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu der begehrten Lizenz ersonnen haben: Auf jeder Cedula sind die sogenannten „Credenciales“ vermerkt, die im Grunde nichts anderes bedeuten als eine Wertung des Bildungsstandes. „Superior“ heißt, dass man mindestens einen Schulabschluss vorweisen kann, „inferior“ steht für das genaue Gegenteil. Wenn man es milde sagen wollte, drückt letztere Kategorie aus, dass die so bezeichnete Person keine höhere Bildung besitzt, doch in Wahrheit steht „inferior“ als Synonym für Analphabetismus.

Nach Meinung der Behörden könne jemand, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, unmöglich eine Führerscheinprüfung ablegen. Der Gedanke, dass man dem Prüfling die Fragen auch vorlesen könnte, ist offenbar noch niemandem gekommen, und überhaupt will mir nicht recht einleuchten, warum ein Analphabet nicht fähig sein sollte, ein Fahrzeug zu führen. Aber das ist nun einmal die Realität: Wer nicht lesen und schreiben kann, bekommt in Ecuador keinen Führerschein. Und ob jemand als Analphabet zu gelten hat, entscheidet ein kleines Wörtchen auf der Cedula.

Nun könnte man einwenden, es sei doch ganz einfach herauszufinden, ob eine Person Analphabet ist oder nicht: Man lässt sie einen Text vorlesen oder etwas aufschreiben. Aber so leicht lassen sich Bürokraten nicht hinters Licht führen. Die Schriftprobe ist unzulässig und der Anwärter muss durch Originalzeugnisse bzw. Urkunden beweisen, dass er tatsächlich einen Schul- oder Universitätsabschluss hat und somit kein Analphabet ist, denn kann er es nicht, hat er automatisch als solcher zu gelten (Es soll ja schon Fälle gegeben haben, in denen Menschen trotz Schulabschluss Analphabeten blieben).

Nun trägt man nur in den seltensten Fällen seine Abschlusszeugnisse mit sich herum. In Deutschland braucht man sie eigentlich nur, wenn man sich für einen Job bewirbt. Dass man lesen und schreiben kann, wird hingegen überall als selbstverständlich vorausgesetzt. In Ecuador hat der bürokratische Irrsinn dafür gesorgt, dass es Menschen gibt, die seit Jahren ohne Führerschein Auto fahren, obwohl sie einen Schul- oder sogar einen Universitätsabschluss haben und obwohl sie seit Jahrzehnten im Besitz des Führerscheins eines anderen Landes sind (und als ob dies alles überhaupt eine Rolle beim Autofahren spielen würde!). Doch die enthemmte Bürokratie hat sie als Analphabeten eingestuft, weil sie nicht beweisen konnten, dass sie keine sind, und wer nicht lesen und schreiben kann, der darf auch kein Fahrzeug führen.

Gern treiben rachsüchtige Bürokraten dieses Spiel mit Gringos oder anderen Ausländern. Ich kann darin überhaupt keinen Sinn sehen, einzig den, dass man endlich einmal Gelegenheit hat, den vermeintlich Schuldigen die vielen Demütigungen heimzuzahlen, denen man als Inhaber eines ecuadorianischen Passes bei Sicherheits- und Zollkontrollen auf US-Flughäfen häufig ausgesetzt ist.

Wir machten uns natürlich berechtigte Sorgen und meine Frau rief sofort unsere Anwältin an. Diese beruhigte uns dann aber. Sie meinte, erst einmal dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich das Visum erhielte (ach so?), und dann könnte ich überhaupt erst die Cedula de identidad beantragen. Ich hätte also noch genug Zeit, irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich kein Analphabet sei.

Die Anwältin erinnerte uns bei dieser Gelegenheit daran, dass ich außerdem noch mein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen hätte, damit mein Visaantrag endlich erfolgreich zum Abschluss gebracht werden könnte. Ich habe das Führungszeugnis in Deutschland beantragt und mir teuer, weil gut versichert, nach Ecuador schicken lassen. Selbstverständlich muss das Original vorgelegt werden, denn ich könnte mir ja auch ein blütenreines Führungszeugnis gefälscht haben. Wenn man etwas nach Ecuador schickt, empfiehlt es sich, die Sendung gut zu versichern, andernfalls kann man sie auch gleich in den Müll werfen. Warum man unbedingt ein Führungszeugnis braucht? Ich glaube kaum, dass die paar Kriminellen aus dem Ausland die Verbrechensstatistik noch merklich nach oben treiben könnten.

Von all dem Ärger über so viel bürokratischen Schwachsinn müssen wir uns erst einmal am Strand erholen. Gegen drei Uhr läuft die Flut ein und als wir uns in die Wellen werfen, sind die Sorgen im Nu vergessen.

Surfer und ungewöhnliche Jobs

27. Dezember: Weihnachten ist vorbei und das Leben folgt allmählich wieder seinem gewohnten Rhythmus – wenn es je davon abwich. Wir fahren nach Canoa. Das Wetter ist umgeschlagen. Zwar ist es immer noch genauso warm wie an den vorangegangenen Tagen, aber der Himmel hat sich mit einer dicken Schicht aus grauen Wolken bedeckt und hin und wieder fallen ein paar Regentropfen. Es war mittlerweile fast Mittag geworden und unsere erste Station führte uns unweigerlich ins „Bambú“. Eigentlich wollten wir erst baden und dann essen, aber gegen ein so elementares körperliches Verlangen wie es Hunger nun einmal darstellt, lässt sich eben nicht ankommen. Außerdem war die Verführung einfach zu groß und das Lokal war um diese Zeit noch relativ leer, so dass wir einen guten Tisch ergattern konnten.

Mein Sohn bestellte für sich die ausgezeichnete Hühnchen-Lasagne, meine Frau nahm einen Salat und ich begnügte mich, da ich eigentlich gar keinen Hunger verspürte, mit einem geradezu göttlichen Batido de coco (einem dicken, süffigen Kokosshake). Wenn die Kokosnuss eine Bestimmung hat, dann doch wohl die, als Shake im „Bambú“ zu enden! Ein großes Kelchglas hätte sicherlich gereicht, um den Magen zu füllen, aber keineswegs um den Appetit zu stillen. Deshalb genoss ich noch ein zweites Glas. Danach fühlte ich mich dann allerdings wie eine Stopfgans und das reichhaltige Getränk sättigte mich für den ganzen Tag. Meine Frau, durch ihr Salätchen durchaus noch nicht gesättigt, bestellte sich dann aus Neugier auch noch einen Shake und auch sie war begeistert, wie unglaublich lecker er schmeckte. Als sie ihren Batido schlürfte, meinte sie, Coco sei eher eine Speise der Armen; Reiche würden die nahrhafte Nuss verschmähen. Ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass jemand diesen unglaublichen Shake zurückweisen könnte.

Am Tisch neben uns hatte eine junge Familie Platz genommen. Der Vater sah aus wie ein Gangster-Rapper und benahm sich auch so: Er trug eine bunte Cap, eine schwarze Sonnenbrille verdunkelte seine Augen und er hatte die ganze Zeit Ohrstöpsel im Ohr – selbst ich konnte die Musik hören, obwohl er einige Meter entfernt saß. Dann kam das Essen, für ihn jedoch kein Grund, die Hörer aus den Ohren zu nehmen oder die Mütze abzunehmen, geschweige denn die Sonnenbrille. Während er aß, hatte er auch noch Zeit, die neuesten WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy zu checken und darauf zu antworten. Seine Frau und seine kleine Tochter saßen wie ein paar Fremde mit am Tisch. Wie peinlich muss man denn sein, ehe man es selber merkt?

Das Meer vor Canoa war so herrlich und schien so ursprünglich wie beim ersten Mal, da ich diesen Ort besucht hatte. Die Flut lief ein und türmte die Wassermassen zu zwei Meter hohen Wellen, auf deren Kämmen Schaumkronen glitzerten. Die Brecher rollten weit auf den Sand. Der Strand selbst war an diesem Tag nicht übermäßig mit Badegästen gefüllt. Es war die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester, die Schulen hatten Ferien und wer es sich leisten kann, fuhr an die See, um unbeschwerte Tage am Strand zu genießen. Dennoch wirkte der Strandbetrieb eher beschaulich und ich wunderte mich darüber – was könnte einen denn daran hindern, diesen wundervollen Ort zu besuchen?

An diesem Tag sah man viele Surfer und im Gegensatz zu ihren Kollegen in Long Beach, New York, vermochten diese Leute die Wellen wirklich zu reiten. In Long Beach hatte man etwa neunzig Prozent des Strandes als Surfer-Beach deklariert und an den Abschnitten, die den Surfern vorbehalten waren, sorgte die Strandaufsicht dafür, dass man dem Wasser auch ja nicht zu nahe kam. Ein paar Wagemutige versuchten ihr Glück in den nicht sehr hohen Wellen, aber meist lagen sie eher unter dem Brett, als dass es ihnen gelungen wäre, länger als zwei Sekunden darauf zu stehen. Hier in Canoa scherte sich niemand darum, ob Surfer und Schwimmer sich vertrugen, und an manchen Abschnitten des Strandes, an denen man besonders viele Bretter sah, war es ratsam, stets auf der Hut zu sein, damit einem nicht der Kopf von so einem dahinjagenden Brett von den Schultern getrennt wurde. Aber die Surfer waren verträgliche Leute und machten gern Platz und suchten sich ein anderes Revier, wenn sie sahen, dass zu viele Schwimmer im Weg waren.

Manche der Wellenreiter waren echte Könner: Sie ruderten zweihundert Meter auf die See hinaus und wenn sie dort, wo das Meer sich wie ein Berg aufzutürmen begann, eine Welle erwischten, ließen sie sich von ihr mit einer Leichtigkeit, um die man sie nur beneiden kann, bis zum Strand tragen. Einen jungen Surflehrer erkannte ich wieder. Seine bevorzugte Klientel sind dralle und immer weißhäutige Touristinnen, die er bäuchlings aufs Brett legt und dann durch die Wellen schiebt, dass sie nur so kreischen. Das ist sicherlich ein Job, für den sich in keinem Job-Center der Welt eine aussagekräftige Beschreibung finden ließe.

Am Nachmittag zog der Himmel immer mehr zu und dann begann es zu regnen. Der Regen war wie eine warme Dusche und obwohl ich bald völlig durchnässt war, fror ich kein bisschen. Man behielt die nassen Sachen einfach an und irgendwann würde die Sonne sie wieder trocknen. Bei einem Strandspaziergang kamen uns Einheimische auf Pferden entgegen. Sie fragten uns, ob wir auch einmal über den Strand reiten wollten. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Pferd gesessen und das war wohl eher ein handzahmes Pony, das auch bloß brav im Schritt ging. Ich lehnte ab. Ein Stück weiter kamen uns Jungs auf Crossmaschinen entgegengeknattert. Sie versuchten mit den Reifen Kreise in den Sand zu ziehen, aber scheiterten jedes Mal jämmerlich. Um ein Haar wäre der eine von ihnen sogar gestürzt. Überhaupt schienen sie die Maschinen nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben und wir hielten vorsichtshalber Abstand.

Die Flut türmte das Meer immer weiter auf. Wenn man im Sand saß und über den Strand zum Wasser blickte, hatte man den Eindruck, das Meer würde sich in einer gewaltigen Flut erheben und alles Land verschlingen. Unter dem grauen Himmel erschienen die Wassermassen wie ein schwarzer Berg, der sich mit ungezügelter Gewalt auf das Land warf. Der tiefhängende graue Himmel bewirkte, dass der Horizont tatsächlich höher zu liegen schien als das Land. Man fühlt förmlich, welch ungeheure Kraft dem Ozean innewohnt.

Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und höchste Zeit für den Aufbruch. Wir verabschiedeten uns von Canoa und fuhren zurück nach Bahía. Von der Brücke aus, die das weite Delta des Río Chone überspannt, warfen wir einen letzten Blick auf einen fast schwarzen Pazifik unter einem bleigrauen Himmel.

Tropische Weihnachten

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Bald ist Weihnachten, aber die rechte Stimmung will einfach nicht aufkommen. Am Tag ist es oft so warm wie in Berlin an einem heißen Julitag. Um die Mittagszeit scheint die Sonne mit einer Kraft, dass man glaubt, die Haut würde einem geröstet. Im Freien hält man es nicht lange aus und nur zu gern flüchtet man in das kühle Innere der Einkaufszentren. Die Parkplatzeinweiser vor dem Supermarkt müssen sich dick mit Sonnencreme, Sonnenschutzfaktor fünfzig, einschmieren, damit sie nicht verbrennen. Manchmal regnet es am Nachmittag – das ist für diese Jahreszeit durchaus nicht ungewöhnlich –, aber nach einer halben Stunde ist alles schon wieder vorbei. Erst gegen Abend, nach Sonnenuntergang, sinken dann die Temperaturen wegen der Höhe merklich ab und man ist froh darüber.

Die Malls und die Geschäfte sind nun weihnachtlich dekoriert und man hat den Eindruck, die Leute stürzten hier nicht anders als andernorts in einen wütenden Kaufrausch, um all die teuren Geschenke für Menschen zu besorgen, die sie nicht leiden können. Der Weihnachtstrubel wartet auch hier mit den üblichen Exzessen auf: Als Besucher der Malls wird man bis an die Grenze des Wahnsinns (und manchmal darüber hinaus) mit Weihnachtsevergreens beschallt und es ist wahrlich die Hölle.

Neulich habe ich meine Frau nach Quito gefahren, weil sie im „Quicentro“ (das ist die größte Mall in der Stadt) einige wichtige Besorgungen machen wollte. Natürlich dauerte alles wieder eine gefühlte Ewigkeit und ich hätte am Ende nicht sagen können, ob ich drei Stunden oder drei Jahre in dem labyrinthischen Einkaufszentrum verbrachte. Die Leute kauften ein, als gelte es, vor dem Jüngsten Gericht schnell noch die letzten Besorgungen für die Ewigkeit zu machen. Dabei ergoss sich unablässig der süßliche Brei aus Weihnachtssongs in mein Ohr und richtete nicht wiedergutzumachende Schäden an meinen Synapsen an. Es würde mich nicht wundern, wenn man die bedauernswerten Insassen von Guantanamo mit „Jingle Bells“ folterte. Nach nur drei Stunden war ich bereit, alles zu gestehen, nur es sollte endlich aufhören!

Cumbayá ist ein kleiner Ort und der Weihnachtswahnsinn erreicht bei weitem nicht die Ausmaße wie in Berlin, wo man sich angesichts der wilden Konsumorgie fast schon schuldig fühlt, wenn man nichts verschenkt. Aber obwohl die Stadt so klein ist, gibt es drei Shopping-Malls. Vielleicht ist das der Grund, warum das panische Gedränge ausbleibt: in den riesigen Einkaufspassagen verlaufen sich die Massen und es geht eher gemächlich zu.

Außerhalb der Malls würde man kaum bemerken, dass Weihnachten vor der Tür steht. Sporadisch sieht man Lichterketten oder auch einmal die Lichter-Silhouette eines Weihnachtsbaumes hinter einem Wohnzimmerfenster; mancher festlich gestimmte Autofahrer montiert sich gern Rentiergeweihe aus Plüsch an seinen Wagen (das ist das Äquivalent zur roten Weihnachtsmannmütze, mit der Weihnachtsenthusiasten sich in Berlin während der Festtage zu schmücken pflegen). Doch das ist fast schon alles. Gäbe es keine Kalender, könnte man Weihnachten glatt verschlafen. Sicherlich würde man sich angesichts der lustigen Plüschgeweihe an den Autos ein wenig wundern und vielleicht würde man um den geistigen Zustand der Fahrer fürchten (wenn ihre Fahrweise nicht schon dafür sorgte), doch darüber hinaus hätte man kaum Anhaltspunkte, anhand derer man erkennen könnte, dass die festliche Zeit begonnen hat.

Wenn man sich in unserer Wohnanlage umschaut, möchte man glauben, die Leute unternehmen ihr Möglichstes, um das Weihnachtsfest zu verhindern: In der Lobby unseres Wohnhauses hat man einfach ein paar Lichter in den Ficus neben der Eingangstür gehängt und voilà – schon fühlt es sich ganz weihnachtlich an! Kaum einmal sieht man festliche Dekorationen, von geschmackvollen Festtags-Arrangements ganz zu schweigen, und wenn doch, dann sind es allenfalls die üblichen bunten Lichterketten, die man lieblos ans Vordach hängt. Weihnachten in einem Atom-U-Boot unter dem Packeis des Polarmeeres könnte kaum trister sein.

Echte Weihnachtsbäume habe ich noch nirgends gesehen, aber etwas anderes wäre auch eine Überraschung in einem tropischen Land, in dem es keine Nadelwälder gibt, aus denen man die Bäume holen könnte. Manchmal sieht man stattdessen künstliche Weihnachtsbäume, aber der Weihnachtsschmuck aus Plastik ist sehr teuer und ich bezweifle, dass es viele gibt, die einen Christbaum in ihrer Wohnung stehen haben. Der Weihnachtsbaum hat hier keine Tradition und der Brauch ist erst unter dem Einfluss der Vorbilder aus dem Norden hierher gelangt. Angesichts der sommerlichen Temperaturen wirkt der festlich geschmückte Nadelbaum für meinen Geschmack ohnehin fehl am Platze, gerade so wie die Palme an der winterlichen Strandbar in Berlin.

Hier, nahe dem Äquator, fühlt man sich, als sei man im Sommerurlaub, als mache man Ferien auf einem tropischen Eiland und als würden diese Ferien niemals enden – nicht, dass ich die Kälte und das schlechte Wetter vermisse, aber über ein wenig besinnliche Stimmung würde ich mich dennoch freuen. Ich fürchte aber, die weiße Weihnacht meiner Kindheit bleibt nur eine schöne Erinnerung. Wir werden nach Bahía an den Stand fahren – wenn es denn schon Sommer sein soll, dann richtig: mit Sonne, Sand und Meer und Piña coladas bis zum Alkoholkoma (bei mir wären das dann genau drei). Besinnungslos statt besinnlich, möchte man da sagen.

Weihnachtsgruß

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.