Immer wieder Canoa

Am 3. November ist die ganze Stadt auf den Beinen, um sich die Parade anlässlich der Erhebung Bahías zum Kanton im Jahre 1875 anzuschauen. Der Aufzug hat Tradition und die Einwohner der Stadt säumen nicht nur die Uferpromenade, auf der die Parade stattfindet, sondern nehmen selber in großer Zahl am Umzug teil: Jede Schule marschiert mit einer eigenen Abordnung. Schüler und Lehrer haben sich herausgeputzt, um auf diesem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu glänzen. Die Parade dauert den ganzen Vormittag, denn jede noch so kleine Behörde oder Institution entsendet ihre Teilnehmer. Man sieht die Bomberos, die örtliche Feuerwehr, stolz in ihren Uniformen durch die jubelnde Menge marschieren. Eine Abordnung der Streitkräfte paradiert zackig über das Pflaster, dass die Sohlen nur so knallen – einfache Soldaten in Kampfmontur; Scharfschützen im Fransentarn, das Gewehr wie ihr Baby im Arm wiegend; bullige Typen der Marine-Infanterie, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehen; Offiziere, die zum Gruß stolz den Paradesäbel präsentieren.

Die Straßen sind dicht gesäumt mit Schaulustigen. Salsa-Rhythmen dringen aus den Laufsprecherboxen und die Leute haben sichtlich Spaß am Marschieren und Präsentieren und am Zuschauen. Oft werden die Abordnungen von jungen Frauen in knappen Kleidern und hohen Schuhen angeführt. Sie sind Fahnenträgerinnen oder sollen wohl einfach nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele haben sich bunte Schärpen umgelegt, die sie als Gewinnerinnen irgendeiner Misswahl oder als exzellente Studentinnen ausweisen. Die Marschkolonnen werden mit Jubel- und Hochrufen empfangen und die Paradeteilnehmer genießen ihre momentane Aufmerksamkeit. Als die Parade beendet ist, verläuft sich die Menge keineswegs. Die meisten bleiben an der Promenade, wo bis in die Nachtstunden hinein Volksfeststimmung herrscht.

Später holten wir den Wagen mit dem Vorsatz ab, nach Canoa an den Strand zu fahren. Es war einer jener Tage, die so heiß sind, dass man glaubt, lebendig gebraten zu werden. Wir hatten Ferien und wer käme da schon auf die Idee, in seiner tristen Wohnung hocken zu bleiben, zumal bei solch einem Wetter! Wir konnten es kaum erwarten, nach Canoa zu gelangen – was für ein herrlicher Strand! Doch bevor wir uns in die Brandungswellen stürzen konnten, bekundeten zwei Drittel der Teilnehmer unserer Badepartie, dass sie Hunger verspürten, großen Hunger sogar. Selbstverständlich mussten erst die drängenden leiblichen Bedürfnisse befriedigt werden, bevor die Badelust gestillt werden konnte. Das „Bambú“ lag nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt – wir hatten mit Mühe und Not noch einen freien Platz ergattern können. Ein sonnenverbrannter älterer Herr, offenbar der Angestellte des kleinen Restaurants, vor dem unser Wagen stand, gab zu erkennen, dass er auf das Auto aufpassen würde. Es war klar, dass wir uns später für diesen Service erkenntlich zeigen würden, denn wo sich viel Volk tummelt, hat die Zunft der Diebe ein gutes Auskommen.

Der hungrige Teil unserer Reisegruppe stärkte sich erst einmal ausgiebig im „Bambú“, denn schließlich verleiht so ein voller Magen, vor allem wenn er mit fettreicher Nahrung gefüllt ist, genug Auftrieb, um in den Meeresbrechern nicht unterzugehen. Ich habe gelesen, Haie hätten keine Schwimmblase und der Auftrieb werde allein durch die Fettleber erzeugt. Vielleicht ist es beim Menschen ja ähnlich. Es war heiß wie in einem Backofen, nur die stramme Meeresbrise brachte ein wenig Erfrischung. An Essen war wegen der Hitze nicht zu denken und so begnügte ich mich mit einem Kaffee, während mein Sohn Spaghetti Carbonara und meine Frau eine dicke Suppe mit Käse orderten. Mein Sohn hat offenbar den Magen der Ecuadorianer geerbt, denn ganz gleich wie heiß es auch sein mag, so ein ordentliches Mittagessen besteht immer aus der Heiligen Dreifaltigkeit von Suppe, Hauptgericht und Dessert. Dabei sind die Suppen oft so gehaltvoll, dass man leicht auf das Hauptgericht verzichten könnte. Meine Frau nahm noch einen Cocos-Flan zum Dessert und ich bestellte noch einen Kaffee – die Hitze machte träge und müde und ich hoffte, dass das Koffein meinen Kreislauf ankurbeln würde.

Bekannten, gleich ob prominent oder nicht, begegneten wir diesmal nicht. Anlässlich unseres letzten Besuchs in Canoa waren wir der halben Hautevolee Bahías förmlich in die Arme gelaufen. Meiner Frau war es recht und sie nutzte die Gelegenheit zum fröhlichen Plaudern. Diesmal gab es nichts zum Tratschen und wahrscheinlich hatte sie wieder einmal ihre Vorahnungen, denn sie hatte sich vorsorglich ein Buch mitgenommen, damit ihr die Zeit nicht zu lang würde.

Was für ein herrlicher Strand! Es herrschte Ebbe und auf dem sechzig, siebzig Meter breiten Streifen aus feinem Sand versammelte sich die übliche Standgesellschaft. Sehen und gesehen werden, lautet das Motto. Man kann deutlich erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steht, denn an dieser Stelle steigt der Sand zu einem zwei, drei Meter hohem Wall an. Bei Ebbe liegt davor ein Glacis von fünfzig und weiter hinauf an der Küste von hundert Metern Breite. Die letzte Flut hat dort den Sand geglättet und verfestigt, so dass er sich ideal eignet, um darauf Fußball zu spielen. Und so sieht man verschiedentlich junge Männer gekonnt Bälle kicken. Mancher Strand-Adonis ist darunter: gravitätisch lässt er den Ball von der hantelgestählten Brust abtropfen und lässig passt er ihn zu seinen Mitspielern weiter.

Eine junge Frau geniert sich kein bisschen, nur wenige Meter von mir entfernt Liegestütze zu machen (und sie kann Liegestütze!). Später stemmt sie sich ächzend in den Seitstütz. Zwischen den Trainingssätzen hakt sie immer wieder den BH ihres Bikinis auf, um ein Maximum an Sonne einzufangen. Und in der Tat brennt die Sonne an diesem Tag, als wollte sie den Ozean verdampfen. Der Himmel ist stahlgrau und nur in der Nahe des Zenits sieht man eine Andeutung von Blau, dennoch gleißt das Tagesgestirn wie eine Magnesiumfackel. Das Licht ist so unerbittlich hart, dass einem die Augäpfel schmerzen, wenn man den Blick über Meer und Sand schweifen lässt. Vom Ozean her weht eine steife Brise und die Brecher werfen sich unermüdlich auf den Strand. Die Luft ist warm wie der Strahl eines Heißluftgebläses, aber das Meer verheißt Abkühlung.

Wir werfen uns lustvoll den Wellen entgegen. Das Meer ist einfach wunderbar und genau richtig temperiert, um den lieben langen Tag darin auszuharren. Wir möchten das Wasser am liebsten gar nicht mehr verlassen. Aber natürlich hat uns das fortwährende Auf und Ab nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir nur allzu gern wieder an den heißen Strand zurückkriechen. Mir ist schon ganz schwindelig von den vielen Hechtsprüngen und dem Tauchen und in meinem Kopf rauscht es wie in einer Meeresmuschel. Als uns der heiße Sand die Sohlen verbrennt, sind wir doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir wagen uns noch mehrmals ins Meer, aber jedes Mal kehren wir ein wenig ermatteter zurück. Nach ein paar Stunden bin ich wie genudelt; Meer und Sonne haben mich ausgelaugt. Mein Körper sehnt sich nach Kühle und Schatten und meine Kehle lechzt nach einem kalten Pils.

Es sind Ferien und der Strand ist gut gefüllt mit Urlaubern aus der Sierra – man erkennt sie sofort am blassen Teint. Auf dem Kamm des Flutwalls haben geschäftstüchtige Hoteliers Strandzelte und Liegestühle aufgebaut. Da wir nicht den ganzen Tag in der brennenden Sonne sitzen wollen, mieten wir uns eines der Zelte; fünf Dollar kostet der Tag. Von der Anhöhe aus hat man einen guten Überblick über den Strand und das Meer. Zwei Surfer stehen scheinbar gelangweilt herum, die Bretter lässig unter die muskulösen Arme geklemmt. Man findet sie wahrscheinlich an jedem tropischen Strand der Welt und ihr Habit ist auch immer das gleiche: Die äußerst knapp geschnittenen Shirts lassen genug gebräunte Haut sehen, um sich ohne große Anstrengung auch den Rest vorstellen zu können; dazu die quietschbunte Badehose und die obligatorische Sonnenbrille für die Coolness. Etwas Lokalkolorit verleiht der Afro. Wenn das wirklich Surfer sind – die Bretter lassen es vermuten –, dann sind das sie merkwürdigsten Surfer, die ich je gesehen habe, denn statt aufs Meer zu schauen, um nach der perfekten Welle zu suchen, haben sie nur Augen für die üppigen Strandschönheiten. Sie stehen geschlagene zwei Stunden im heißen Sand, aber weder gelingt es ihnen, eine Welle zu erhaschen, noch schaffen sie es, eine der Schönen zu mehr als einem kurzen Flirt zu verführen. Zumindest haben sie als Trost noch etwas mehr Bräune abbekommen. Vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal – mit dem Surfen und den Schönen.

Wir laufen am Strand ein Stück nach Norden. Schon nach ein paar Minuten haben wir den Trubel hinter uns gelassen und wir sind fast die einzigen auf dem hundert Meter breitem Sandstreifen. Nach zwanzig Minuten gelangen wir an eine kleine Bucht. In dem Geröll hinter dem Strand haben sich Berge von Treibgut verfangen wie Krill in den Barten eines Wals. Nach Norden hin steigt das Niveau immer weiter an, so dass sich die Küste stellenweise zu regelrechten Cliffs auftürmt. Die Bucht selbst wird an ihrem nördlichen Ende von schroffen Felsformationen begrenzt, die ein gutes Stück in die Meeresbrandung hineinragen. Bei Ebbe ist das Wasser so flach, dass man einfach hindurchwaten kann, um die Felsen zu umrunden.

Eine einsame Felsnadel, stark wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht vor der Küste und trotzt den Elementen. Bei Niedrigwasser könnte man hinlaufen, doch reicht einem der Meeresspiegel bis zur Brust, und dann muss man auch noch die fast senkrechte Felswand erklimmen, um zur Spitze zu gelangen. Einige Wagemutige haben dies tatsächlich getan und winken von der Höhe herab übermütig den Strandspaziergängern zu. Die Flut läuft ein und am Fuß des Felsens bricht sich schäumend die Brandung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie wieder zurückkommen wollen. Wir laufen zurück. Als wir die Felsen umrunden, steht ein alter fetter Mann breitbeinig wie ein Feldmarschall auf der Anhöhe und glotzt die Mädchen in ihren Bikinis an, dass ihm fast der Sabber aus dem Mund läuft.

Irgendwann ist auch der schönste Strand einfach nur zu heiß und zu sandig. Wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Bahía. Es ist später Nachmittag, aber es sieht nicht danach aus, als würde sich der Strand bald leeren oder als würde der Ort je zur Ruhe kommen. Wie man hört, sei es wegen der vielen Partys ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur eine Nacht durchzuschlafen. Ganz gleich, wann man nach Canoa fährt, die Stadt erweckt immer den Anschein, als hätten hier gerade die Ferien begonnen. Sicher macht dies einen Teil ihres Reizes aus und die Leute kommen hierher, um in die entspannte Atmosphäre einzutauchen und die gestresste Seele baumeln zu lassen. Wir drücken dem Mann vom Restaurant, der so gut auf unser Auto aufgepasst hat – immerhin wurde nichts gestohlen –, noch ein paar Dollar in die Hand. Er freut sich. Erschöpft, aber glücklich geht es zurück nach Bahía.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Badefreuden

Im Meer zu baden, scheint hierzulande ein Vergnügen für junge Leute zu sein, denn selten sieht man jemanden über vierzig ins Wasser steigen. Wenn ich mit meinem Sohn im Meer bade, bin ich fast immer der einzige Ältere, was wirklich merkwürdig ist, da das Baden ja keine körperlich anstrengende Tätigkeit wie das Schwimmen ist. Die älteren Strandgäste begnügen sich damit, träge im Klappstuhl zu sitzen und auf die Wellen zu starren, oder sie gehen allenfalls bis zu den Knien ins Wasser. Gemächliche Strandspaziergänge oder stundenlanges In-der-Gegend-Herumstehen scheinen die altersgemäßen Beschäftigungen zu sein. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Ich liebe das Meer und mir macht das Baden großen Spaß. Und ich werde bestimmt nicht damit aufhören, auch wenn man mich zu alt dafür findet.

Eine gewisse Zurückhaltung der Älteren ist auch bei sportlichen Aktivitäten zu beobachten: Wenn ich das Fitness-Studio besuche, bin ich in der Regel der bei weitem Älteste unter den Gästen. Das Durchschnittsalter scheint um die zwanzig zu liegen. Ältere Einheimische sieht man eigentlich nie Sport treiben. Die Frauen machen da allerdings eine Ausnahme: Öfter sieht man Frauen im fortgeschrittenen Alter am Strand walken oder eifrig Gymnastik im Park treiben. Neulich fragte mich ein Cousin meines Sohnes, wie alt ich sei. Ich nannte ihm mein Alter. Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit anerkennendem Gesichtsausdruck, ich sehe aber jünger aus, gerade so, als hätte er erwartet, einen Greis vorzufinden. Da haben sich die Workouts also doch gelohnt! Wo ist das nächste Fitness-Studio?

Canoa

Heute sind wir nach Canoa gefahren. Canoa ist berühmt für seine schönen Strände und für seinen entspannten Lebensstil – alles Merkmale, die den Reisenden mit einem Faible für das Exotische magisch anziehen. Der Ort selbst wirkt wie eine Hippiekommune aus den Siebzigern: Es gibt Surf- und Yogaschulen, die Straßen sind nicht gepflastert, viele Häuser sind aus Holz gezimmert und die windschiefen Behausungen verströmen einen unverkennbaren Heimwerkercharme.

Von Bahía aus gelangt man mit dem Auto in etwa dreißig Minuten nach Canoa. Die Straße führt direkt an der Küste entlang nach Norden; auf der Brücke überquert man die Bucht und gelangt zur anderen Seite, auf der schon San Vicente liegt. Dort hat sich in den letzten Jahren viel getan: Die Straßen sind gepflastert und es sieht so sauber und aufgeräumt aus wie nie zuvor. Eben ist man dabei, den großen Platz im Zentrum des Ortes mit verschiedenfarbigen Pflastersteinen auszulegen.

Da es schon spät ist und wir nicht von der Dunkelheit überrascht werden wollen, nehmen wir nicht den Bus sondern ein Taxi. Die Fahrt kostet acht Dollar, aber dafür halten wir auch nirgendwo an, was bei Busfahrten durchaus üblich ist. Der Fahrer gibt Gas, als gelte es, den Streckenrekord zu brechen. Wir fürchten schon, dass wir gar nicht ankommen, sondern irgendwo jenseits der Leitplanken enden, welche die nagelneue Autopista säumen. Doch dann gelangen wir doch noch wohlbehalten nach Canoa. Der Fahrer hat Schwierigkeiten, sich zu orientieren, weil es keine Straßennamen oder Hausnummern gibt, aber schließlich bringt er uns sicher ans Ziel: vor uns taucht das „Bambú“ auf.

Das Bambú ist ein Hotel mit einem angegliederten Restaurant. Wie der Name schon vermuten lässt, sind die meisten Häuser der Anlage und auch viele der Möbel aus Bambus gefertigt. Ein Holländer, der vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Ecuador kam, hat die Anlage praktisch aus dem Nichts aus dem Boden gestampft. In der Lobby des Hotels gibt es Fotos aus der Anfangszeit – damals gab es praktisch nur den Strand und Busch. Der Ort Canoa, wo sich heute einheimische Lebenskünstler und Weltenbummler treffen, war bloß ein kleines Fischerdorf. Es gab keine Surf- und Yogaschulen und nicht mal ein Restaurant. Über die Jahre hat der Besitzer die Anlage immer mehr erweitert, so dass jetzt neben dem eigentlichen Hotel mehrere niedliche Bungalows für den zahlungswilligen Gast bereitstehen. Dazwischen breitet sich ein größeres Areal aus, in dem der Hotelchef seine ganz persönliche Version vom Paradies realisiert hat: Unter Palmen schwingen Hängematten, die zum Ausruhen einladen. Die Vegetation ist tropisch üppig und das Ambiente erinnert an ein exklusives Resort. Das Hotel hat eine Veranda, von der aus man in einen schönen Garten blickt. Alles ist frei zugänglich, jeder kann kommen und die angenehme Atmosphäre genießen. Nirgendwo gibt es Absperrungen, was in einem Land wie Ecuador sehr verwundert. Oft sieht man den Besitzer irgendwo zwischen den Gästen liegen und ausruhen, als wäre er selbst nur ein Gast.

Meine Frau, die Neugierde in Person, sprach ihn an und verwickelte ihn schließlich in ein Gespräch. Sie wollte unbedingt mehr erfahren. Aber was soll man denn von einem Menschen, der alles hat, wissen wollen – ja, das ist sein persönliches Paradies; nein, er möchte nie wieder nach Holland zurück. Ich gönne ihm sein Glück und bin zugleich ein wenig neidisch.

Das Hotel beherbergt ein Restaurant gleichen Namens. Noch vor drei Jahren standen Tische und Stühle auf Sand, so dass man stets den Eindruck hatte, man befände sich in einer Strandbar. Man konnte die Füße im Sand vergraben und bei gutem Essen und ein paar Drinks wunderbar chillen. Inzwischen hat der Besitzer den Boden mit Steinplatten auslegen lassen. Alles wirkt nun etwas gediegener, seriöser, aber auch etwas konventioneller; der ursprüngliche Charme ist dadurch ein wenig gewichen, was dem Vergnügen aber keinen Abbruch tut, zumal der Gästeraum nach wie vor von einer Konstruktion aus Bambus und Palmstroh überspannt wird, wodurch er sehr anheimelnd wirkt und geradezu zum längeren Verweilen einlädt.

Das Bambú serviert seinen Gästen eine Reihe ausgezeichneter Gerichte. Sehr zu empfehlen sind die Shakes; die Shrimps in Erdnuss-Soße fand ich immer richtig lecker. Eigentlich bestelle ich sie jedes Mal, aber diesmal machten mir die Eingeweide einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich ist alles ziemlich gut. Was auch immer wir in der Vergangenheit bestellen, war immer von sehr guter Qualität und schmeckte hervorragend. Ein Ausflug nach Canoa lohnt sich auf jeden Fall – wegen der herrlichen Strände und wegen des guten Essens, das man im Bambú genießen kann.

Das Bambú ist übrigens bei Ausländern und Ecuadorianern gleichermaßen beliebt. Wer es sich leisten kann, kommt eigens von Bahía hierher, um im Hotelrestaurant zu essen und den schönen Strand zu genießen. Im Restaurant und an der Bar trafen wir dann auch die halbe Schickeria von Bahía, einschließlich Leo Viteris, eines Kanditaten für den örtlichen Wahlkreis. Meine Frau kennt ihn von früher und ich habe 1992 notgedrungen mit ihm Bekanntschaft machen dürfen, als er mich in seiner Klinik behandelte. Er schüttelte uns die Hand, als werbe er um unsere Stimmen. Wahrscheinlich befand er sich auf Wahlkampftour, jedenfalls begegnete uns sein Konterfei auf dem Weg nach Canoa an jeder Straßenecke. Während meine Frau allem und jedem ihre Aufwartung machte und sich mit größtem Eifer stundenlangem Geplauder hingab, gingen mein Sohn und ich an den Strand.

Das Meer war herrlich! Der Himmel war an diesem Tag zwar von einer dicken grauen Wolkenschicht überzogen und hin und wieder tröpfelte es ein wenig, aber es war warm wie in einer Waschküche und ein beständiger Wind sorgte dafür, dass unaufhörlich hohe Wellen gegen die Küste rollten. Es ist schön, sich in die Wellen zu werfen und seine Kräfte mit dem Ozean zu messen. Zwar verliert man immer, aber selten macht ein Kampf so großen Spaß. Als wir genug hatten und ermattet aus dem Wasser stiegen, schwebte ein Motor-Paraglider gemächlich über den Strand. In der straffen Brise, die vom Meer her wehte, konnte man den Motor kaum hören.

Auf der Rückfahrt nach Bahía hatten wir Gelegenheit, in Augenschein zu nehmen, was sich seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren verändert hat. Damals gab es auf der Strecke zwischen Bahía und Canoa noch jede Menge freies Land entlang der Pazifikküste. Mittlerweile ist vieles davon verkauft und die neuen Besitzer haben augenblicklich damit begonnen, Mauern um ihren soeben erworbenen Besitz zu ziehen. Man sieht schicke neue Einfamilienhäuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern. Wir fragen den Taxifahrer, wem das alles gehöre. Ausländer seien die neuen Eigentümer, meint er, Gringos zumeist, also Amerikaner, die sich hier häuslich eingerichtet hätten. Ein Stück weiter, auf einem malerischen Hügel mit Blick über den Pazifik soll eine geschlossene Siedlung für amerikanische Pensionäre entstehen. Weitere solcher Retortenstädte sind bereits geplant.

Zwar gibt es immer noch Land zu kaufen, aber die Filetstücke sind vergeben. Was noch zu haben ist, liegt meist ziemlich niedrig über dem Meer und würde von der ersten Flutwelle überspült werden. Das ist vielleicht der Grund, warum sich die Käufer zurückhalten. Manchmal führt die Autopista weniger als hundert Meter vom Strand entfernt an der Küste entlang. Dazwischen, eingezwängt zwischen Straße und Meer, gibt es noch Parzellen, die zum Verkauf stehen, aber ich frage mich, wer denn schon gern die Fernverkehrsstraße direkt in seinem Rücken haben möchte. An einigen wenigen Stellen fallen schöne Fleckchen Land ins Auge, die noch nicht vergeben zu sein scheinen, denn sie sind unbebaut: kleine Wäldchen wachsen darauf, durch die hindurch man direkt zum Strand laufen könnte. Ich fürchte, schon bald werden auch diese letzten Stücke Land an wohlhabende Ausländer verkauft sein. Die Einheimischen erzählen sich, die Gringos hätten rund um ihr neues Heim alles verfügbare Land aufgekauft und dann Mauern direkt bis zum Strand errichtet. Zwischen ihren Mauern haben sie nun ihren Privatstrand. Einheimische dürfen ihn nicht betreten. Bin ich der einzige, der das Verhalten dieser Leute abstoßend findet?

Angeln im Pazifik

Wir sind am Strand und versuchen zu angeln. Eine Angel haben wir nicht, aber eine Schnur mit einem Haken daran und einer Schraubenmutter als Gewicht tun es auch. Wir versuchen es mit einem Shrimp als Köder. Tags zuvor haben wir den örtlichen Markt besucht und ein Pfund davon gekauft. Bahía ist eine kleine Stadt, aber der Markt bietet alles, was man zum Leben braucht. Die Auswahl an Obst und Gemüse ist riesig; vieles sieht zwar nicht so makellos aus wie die Produkte im deutschen oder ecuadorianischen Supermarkt, aber dafür kann man sicher sein, dass die Ware wirklich von lokalen Erzeugern stammt.

Eine Abteilung ist für Fleisch reserviert: Man sieht riesige Brocken Fleisch von Fleischerhaken hängen. Auf den blanken Fliesen liegen die unterschiedlichen Cuts: Kotelettes, Filets, Rippchen. In einer weiteren Abteilung wird verkauft, was auch immer sich in den Netzen der heimischen Fischer verfangen hat. Wir bestaunen einen riesigen Block Fleisch, der offenbar aus der Flanke eines Thuns geschnitten wurde und ich bekomme augenblicklich Appetit auf Thunfischsteaks vom Grill. Es gibt eine reiche Auswahl an verschiedenen Arten Fisch und auch die unvermeidlichen Shrimps finden sich in großen Mengen. Freilich muss man sich erst an den Anblick gewöhnen: Die Händlertische in den Hallen bestehen aus massivem Beton und sind weiß gefliest – ein Anblick wie man ihn auch aus alten Fleischereigeschäften in Berlin kennt. Die fang- bzw. schlachtfrische Ware wird schnörkellos auf den Fliesen ausgelegt. Blut und Säfte sammeln sich in den Ritzen und tropfen auf den Boden, wo sich klebrige Pfützen bilden; eine Melange aus Blut, Fisch und Innereien liegt schwer in der Luft. Ein bisschen kommt man sich vor wie auf einer Zeitreise, denn genau so hat es vermutlich auch in den Markthallen Berlins gerochen, bevor die Idee populär wurde, dass Lebensmittel wie Reiniger riechen sollten.


Wir wollten auf dem Markt einige Camarones (Shrimps) kaufen, die wir als Köder verwenden könnten. Uns war es aber peinlich, nur vier oder fünf zu kaufen, also nahmen wir gleich ein Pfund, für das uns der Händler zwei Dollar abverlangte – nicht viel, dachten wir. Meine Frau meinte später, das sei aber teuer und der Verkäufer hätte uns eindeutig zu viel berechnet. Ich weiß, dass es eine weit verbreitete Praxis ist, Gringos immer mehr abzuknöpfen. Schließlich, so denkt man, haben diese Leute Geld und die paar Dollar extra tun ihnen gewiss nicht weh. Wenn wir mit dem Taxi fahren wollen, muss meine Frau vorgehen und den Preis aushandeln; wir, mein Sohn und ich, müssen uns derweil verstecken oder so tun, als gehörten wir nicht dazu. Als Gringos werden häufig alle Personen gezählt, die nur so aussehen, wie zum Beispiel ich, denn eigentlich gilt nur der US-Amerikaner als Gringo. Zwei Dollar sind gewiss nicht viel Geld für ein Pfund frischer Krabben und es tut mir nicht leid, sie so leicht ausgegeben zu haben. Jedoch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil wir die Shrimp zum Fischen verwenden wollten, statt sie zu essen. Manch einer in der Stadt hätte sich bestimmt über ein Pfund Shrimps gefreut.

Wir fischen schon eine Stunde und haben nichts gefangen. Wir fangen an zu glauben, dass die Fische in der Bucht sich derart mit den Shrimps aus den Shrimp-Farmen vollgefressen haben, dass sie den Appetit auf unseren Köder verloren haben. Wir beschließen, an einem anderen Tag wiederzukommen und es mit einem anderen Köder zu versuchen. Vielleicht mögen sie Maiskörner oder Makrelenstücke – wir sind nicht sehr optimistisch. Als wir gerade enttäuscht unsere Sachen zusammenpacken, kommt ein alter Mann angeschlurft. Er trägt ein viel zu weites rotes Hemd, die Hosen sind auf Hochwasser gezogen, der Hosenbund sitzt unter den Achseln. Er kann kaum laufen und für ein paar Meter braucht er eine Ewigkeit. Ich denke erst, er sei einer jener unglücklichen armen alten Menschen, die weder Haus, noch eine Familie haben, die sie aufnehmen könnte und die daher gezwungen sind, auf der Straße zu leben. Dann aber bemerke ich, dass er nagelneue Adidas-Sneaker trägt. Plötzlich bleibt der alte Mann mitten auf dem Strand stehen. Es sieht fast so aus, als hätte ihn sein kleiner Spaziergang überanstrengt und er müsse eine Pause machen. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet er den Hosenschlitz und uriniert, den Blick selig in den Himmel gewandt, in den Sand. Er hat es nicht eilig – ohne jede Hast schüttelt er ab, zieht sich die Hose zu und schlürft weiter, als sei nichts geschehen. Sind wir die einzigen, die daran Anstoß nehmen?

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.

Long Beach

Unsere Übernachtung in Long Island hatten wir strategisch geplant: Meine Frau hätte sich gern einen Vineyard angesehen, von denen es einige am östlichen Ende der Insel gibt. Sie hätte sich ebenfalls darauf gefreut, das Haus von Walt Whitman zu besuchen. Leider hat es sich nicht ergeben, denn um die Vineyards zu erreichen, hätten wir bestimmt zwei Stunden fahren müssen. Das Haus des Dichters, das als Museum erhalten geblieben ist, liegt nicht an der Atlantikseite, sondern an der Seite, die auf das amerikanische Festland blickt. Wir aber hatten in einem Motel im Süden eingecheckt. Die Zeit war recht knapp und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir den halben Tag mit dem Auto umherfuhren. Mein Sohn erklärte schon vorher wenig diplomatisch, dass er zu den von uns avisierten Zielen auf keinen Fall fahren wolle; das sei alles langweilig.

Nur eine kurze Autofahrt von unserem Motel entfernt, lag jedoch Long Beach, einer der schönsten und berühmtesten Strände der Welt. Zwar hatte der Wetterbericht Wolken und leichten Regen vorhergesagt, aber am Vormittag klarte es auf und eine gnadenlose Hitze brannte von einem wolkenlosen Himmel herab. Wir mussten einfach nach Long Beach!

Wir packten unsere sieben Sachen und checkten aus. Auf der Fahrt zum Strand fiel zwei der drei Reisenden ein, dass sie Hunger hätten und sofort essen müssten, so groß war die Hungerqual. Aus dem Augenwinkel gewahrte ich im Vorbeifahren irgendwo die Aufschrift „Falafel“ und wir beschlossen, dass wir etwas essen müssten, um uns für den Strandaufenthalt zu wappnen. Nachdem wir uns ein paarmal verfahren hatten, gelangten wir dann doch zu dem kleinen Bistro, das wir zufällig entdeckt hatten.

Für den Berliner ist Falafal ja kulinarisch nichts Neues und es ist etwa so exotisch wie die Currywurst oder der Döner, also normales Berliner Streetfood. Meine Frau liebt Falafel und Hummus und sie isst es, wann immer sie Gelegenheit dazu hat (bei mir macht die Verdauung Schwierigkeiten und mein Sohn hasst alles, was auch nur entfernt an Gemüse erinnert). In Berlin ist man daran gewöhnt, Falafel als eine typisch arabische Speise anzusehen, denn die allermeisten Falafel-Shops werden von Arabern betrieben. Als wir vor der Tür des Bistros standen, das mit seiner Falafel warb, fiel uns der Name „Geffen“ ins Auge und da erst merkten wir, dass wir unbewusst einem Irrtum aufgesessen waren. Der Laden war über und über mit israelischen Landesfahnen tapeziert. Auf einem Tisch an der Tür lagen Zeitungen in hebräischer Sprache sowie die jüdische Lokalzeitung aus. Die männlichen Kunden, egal welchen Alters, trugen allesamt Kippa, die Frauen waren züchtig gekleidet.

An der Theke bestellten wir Hummus und Falafel, eine Pita mit Falafel, Tee und als Nachtisch für unseren Sohn einen koscheren Schokoriegel. Die junge Frau hinter dem Tresen nahm unsere Bestellung mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Einige der Gäste, die an den Tischen im hinteren Teil ihr Mittagessen einnahmen, drehten sich neugierig nach uns um – wir passten so wenig ins hiesige Biotop wie ein Fisch in der Wüste. Auf einer Seite des Ladens standen Regale mit einer großen Auswahl an Lebensmitteln darin, unter anderem Kaffee, Tee und Schokolade. Vieles war aus Israel importiert und alles war natürlich koscher. Es gab auch eine Kühlteke, in der ich koscheres Ham sah.

Neben der jungen Frau, die hinter dem Tresen arbeitete, war noch ein älterer Herr zugegen, vielleicht der Besitzer des Ladens. Er lief umher und bediente die Gäste, nahm Bestellungen entgegen und machte Smalltalk. Ich konnte sehen, dass er uns die ganze Zeit über neugierig beäugte. Vielleicht wollte er herausfinden, wer wir waren, denn offenbar verirrten sich in diese Gegend Long Islands nicht viele Touristen und schon gar nicht solche wie wir: Wir sprachen deutsch miteinander und meine Frau wird in Berlin oft für eine Araberin oder Türkin gehalten. Ich weiß nicht, zu welchen Schluss er kam; vielleicht blieben wir ein Rätsel für ihn. Er unterließ es, uns zu fragen, obwohl er durchaus interessiert schien, mehr zu erfahren.

Erst nachdem wir das kleine Lokal verlassen hatten, fiel uns auf, dass es uns in eine Gegend mit überwiegend jüdischer Bevölkerung verschlagen hatte: Die Namen der Lebensmittelgeschäfte fingen alle an mit „kosher“. Es gab viel „Kosher Meat“, einmal sahen wir sogar „Kosher Chinese Food“. Das Essen, Hummus und Falafel, war übrigens ausgezeichnet und selbst mein Sohn, der ein echter Gemüse-Verächter ist, verdrückte seine Pita mit Falafel, scharfer Soße und viel Gemüse mit regelrechtem Heißhunger.

Endlich gelangten wir ans Ziel – Long Beach. Wir konnten schon das Meer riechen und die Brandung hören, aber es ist gar nicht so einfach, an den Strand zu gelangen. Weite Teile der Küste sind in Privatbesitz und es ist einfach unmöglich zum Wasser vorzudringen, ohne von bestellten Aufpassern davon abgehalten zu werden. Ich fragte einen Passanten, wo es denn Strände mit öffentlichem Zugang gäbe und er sagte mir, ich müsste noch viel, viel weiter fahren. Das taten wir dann auch, ungeduldig, endlich das Meer zu sehen. Als wir glaubten, weit genug gefahren zu sein, parkten wir das Auto auf einem kostenlosen Parkplatz und machten uns auf zum Strand.

Endlich, da lag das ersehnte Ziel zum Greifen nahe – Long Beach: von der hölzernen Strandpromenade aus erstreckte sich ein etwa fünfzig Meter breites Band feinkörnigen, weißen Sandes bis zum Meer. Auf der Promenade begegneten wir tätowierten Bodybuildern, deren Körper unglaublich massig und zugleich so hart waren, dass es schon an Wahnsinn grenzt. Sie waren sonnengebräunt, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe: wie schwarz angelaufenes Kupfer. Eine kleine zähe Frau um die sechzig, die zerknitterte Haut braun wie Milchschokolade, kam uns auf einer silbernen Beinprothese entgegengejoggt. Unter ihren grauen, wie Stacheln auffrisierten Haaren warf sie mir einen herausfordernden Blick zu – ich hatte ihre Beinprothese wie hynotisiert angestarrt.

Von der Promenade zum Strand waren es noch einmal drei, vier Meter. Man musste nur die Stufen einer Treppe hinabsteigen und schon lief man durch weichen, warmen Sand. Das war leichter gesagt als getan, denn vor dem Zugang zur Treppe stand eine Art Maut-Häuschen und darin thronte eine dicke Frau wie ein Zerberus und kassierte Eintritt. Eintritt für den Strand? Zwölf Dollar waren pro Person zu entrichten. Ich fragte, ob es denn irgendwo einen freien Strand gäbe und sie antwortete mir gleichgültig, ich müsste nur sechs Meilen die Küste hochfahren. Nachdem wir eine Ewigkeit gebraucht hatten, um überhaupt hierher zu gelangen, wollte ich jetzt nicht schon wieder ins Auto steigen. Wir zahlten also die zwölf Dollar. Mein Sohn ging einfach so durch, weil ich log, er sei erst zwölf Jahre alt. Als wir außer Hörweite waren, meinte er: „Die hat ja einen Bart.“

Am Strand selbst erlebten wir die nächste Überraschung: Die Lifeguard machte uns darauf aufmerksam, dass das Baden nur zwischen den grünen Fahnen gestattet sei. Der Strand zog sich unendlich weit hin, aber Badestellen gab es nur ca. alle zweihundert Meter, und der Abstand zwischen den Fähnchen betrug nicht mehr als zwanzig, dreißig Meter. Alles andere, sagte uns die Strandaufsicht, sei Surfer-Beach. Wir sahen keinen einzigen echten Surfer, nur ein paar Möchtegerns, die nicht mal dann auf dem Brett zu stehen vermocht hätten, wenn es auf dem Sand gelegen hätte. Einmal verließen wir beim Baden versehentlich den eingegrenzten Bereich um einige Meter, doch sogleich war der Aufpasser zur Stelle und forderte uns freundlich, aber bestimmt auf, in den zum Baden bestimmten Bereich zurückzukehren. Er war so dünn und nervte uns so sehr, dass wir beschlossen, ihn gleich an Ort und Stelle zu ertränken und seinen Körper dem Meer zu überlassen. Wenn uns die Polizei befragte, würden wir einfach sagen, er wollte schwimmen gehen.

Das Meer und der Strand waren überwältigend, einfach herrlich! Die 24 Dollar Standtaxe taten uns kein bisschen leid. Wir warfen uns in die Brandungswellen bis uns ganz schwindelig war und es in unseren Ohren nur noch rauschte. Man glaubt gar nicht, welche Kraft das Meer hat. Weit draußen sahen wir blasse Silhouetten an der Horizontlinie entlangschwimmen – Schiffe mit Fracht aus aller Welt, die den Hafen von New York anlaufen.

Ich hätte den ganzen Tag am Strand verbringen können, aber irgendwann haben einen Meer und Sonne so ermattet, dass man nur noch nach Hause will. Wir verließen Long Beach erschöpft und glücklich und ein wenig gebräunter als zuvor (so braun wie die Bodybuilder würde ich im Leben nicht mehr werden). Auf dem Heimweg versprachen wir uns, sollte uns das Schicksal noch einmal hierher führen, würden wir zum öffentlichen Strand gehen, dorthin, wo man keinen Eintritt zahlen muss. Aber das Geld konnten wir getrost verschmerzen, denn dieser Tag war jeden einzelnen Cent wert.