Von Hunden und Menschen

Wir sind froh, dass Titan keinen Lebenslauf vorlegen muss, denn seine Vergangenheit liegt im Argen. So viel weiß man immerhin: Geboren wurde er in Cumbayá, einem Vorort östlich von Quito, in einem Stadtteil namens Santa Inés. Zu jener Zeit wohnten wir dort in der Calle Maria Auxiliadora. Wenn man dieser Straße etwa hundert Meter den Berg hinauf folgt, gelangt man zur Calle San Francisco de Asis. Dreißig Meter rechts hinter der Stelle, an der die Maria Auxiliadora in die Asis mündet, liegt der Cyber, d.i. der Internet-Shop, und nur zwanzig Meter weiter gelangt man, wiederum rechter Hand, zu einem Haus und einem Tor, welches auf einen großen Hof führt. In dem Haus wohnen die Betreiberin des Internet-Shops und ihre Familie und auf dem Hof dahinter wurde Titan geboren. Der Tag seiner Geburt ist nicht bekannt, aber irgendwann Mitte Juli 2015 kam er in einem Wurf als einer von sechs Welpen auf die Welt (wir haben uns entschieden, den 15. Juli als seinen Geburtstag zu feiern und dann bekommt er Pancakes, die er so sehr liebt).

Von seiner Mutter weiß man nur, dass sie ein Schaf ist. Ich habe sie ein paarmal gesehen: ein kompaktes Tier auf kurzen Beinen in einem dichten flauschigen Pelz aus weißen Wolllocken, ein Schaf also. Der Vater ist unbekannt, was aber in der Welt der Hunde eher die Norm als die Ausnahme zu sein scheint, da Titan äußerlich aber so gar nichts von seiner Mutter hat, darf man annehmen, dass der Vater das Terrierblut beisteuerte. Mancher Hundeliebhaber glaubt in ihm einen Jack Russell zu erkennen und tatsächlich sieht er Tieren dieser Rasse zum Verwechseln ähnlich. Sein Temperament verrät, dass er Terrierblut in sich hat, ein Blaublüter ist er damit aber noch lange nicht. Titan ist etwas kleiner als ein Jack Russell und sein Fell ist viel flauschiger, fast wie ein Flokati – ein Erbe seiner Schafmutter.

In Ecuador ist der Übergang zwischen Haushund und Straßenhund fließend. Sofern es sich nicht um teure Rassehunde handelt, mit denen man als Mann von Stand beeindrucken kann, oder um bissige Wachhunde, die den Besitz des Mannes von Stand schützen, leben Hunde zwar in der Nähe des Menschen, aber sie leben nicht wirklich mit ihm: Die meisten streifen auf dem Hof herum oder ziehen ums Haus. In der Regel steht es ihnen frei zu gehen, wohin sie wollen, und wenn sie dennoch bei den Menschen bleiben, tun sie das vielleicht nicht immer aus Anhänglichkeit, sondern aus Bequemlichkeit. Darin unterscheiden sie nicht nicht allzu sehr von uns. Wenn sie sich davontrollen möchten, lässt man sie in der Gewissheit ziehen, dass sie zurückkommen werden – oder auch nicht. Wenn es um Hunde geht, ist den Leuten Gefühlsduselei durchaus fremd. Zwei von Titans Geschwistern sind auf diese Weise verschwunden. Wahrscheinlich sind sie tot und die, die noch am Leben sind, strolchen herum und ernähren sich von Abfällen, die ihnen die Menschen spenden.

Auf der Straße fraternisieren die Streuner mit echten Straßenhunden. Anders als die menschliche, kennt die Hundegesellschaft keinen Klassendünkel. Als halbwilde Meute macht man das Revier unsicher, immer auf der Jagd nach Fressbarem und Abenteuern. Flöhe und Würmer sind die Visitenkarten, die man auszutauschen pflegt. Der Mensch begnügt sich damit, das Treiben zu ignorieren und so lange ihn die Hunde nicht bedrängen, lässt er sie gewähren.

Die Vierbeiner ihrerseits, so scheint es, nehmen unsere Gegenwart in ähnlicher Weise zur Kenntnis wie wir die Nähe eines ungeliebten Mitmenschen: Sie tun so, als wären wir wandelnde Schatten, denen man keine besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Manchmal beäugt man uns neugierig, zuweilen auch argwöhnisch (wer könnte es verdenken), doch oft hat man den Eindruck, die Hunde sähen nur gelangweilt dabei zu, wie wir uns Tag für Tag mit jener tristen Routine abmühen, die wir geneigt sind für unser Leben zu halten.

Die meisten Hunde, auch jene, die bei Menschen leben, scheinen sich von Abfällen zu ernähren, dabei findet man in der Stadt auf Schritt und Tritt Spezialgeschäfte für Hundebedarf, einschließlich einer den gesunden Menschenverstand sprengenden Auswahl an Futter. Es gibt Hunde-Spas, Hunde-Schulen und sogar Hunde-Hotels. Das Gassigehen übernimmt die Hausangestellte, denn schließlich muss auch sie einmal vor die Tür. Überall sieht man Tierkliniken, die den Einrichtungen für Menschen an Größe und Ausstattung kaum nachstehen. Einen derartigen Luxus würde man in einem Land wie Ecuador nicht unbedingt erwarten, aber Cumbayá, der Sehnsuchtsort für den besseren Teil der Einwohnerschaft Quitos, stellt in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme dar.

Wer den „Planeten der Affen“ gesehen hat, mag sich vorstellen, wie der „Planet der Hunde“ ausähe: Würden intelligente Abgesandte fremder Welten zufällig in Cumbayá landen, müssten sie zu dem Schluss kommen, die dominierende Spezies dieses Planeten sei der Hund und die merkwürdigen zweibeinigen Kreaturen wären bloß dessen domestizierte Lakaien. Immerhin hat man sie so gezüchtet, dass sie die Hände frei haben – auf diese Weise können sie ihren vierbeinigen Herren viel besser dienen; man hat sie auch leidlich intelligent gemacht, so dass sie den Willen ihrer Gebieter schon am Schwanzwedeln erkennen.

Was in der Küche übrigbleibt, bekommt der beste Freund des Menschen – so ist es seit Alters her Sitte und niemand nimmt daran Anstoß, nicht einmal die Hunde. Dass man dem besten Freund die Abfälle auftischt, sagt alles über die Art der Freundschaft. Titan hat es da besser getroffen: Er wird von uns regelmäßig und reichlich gefüttert, doch obwohl er nur die beste Hundenahrung bekommt (Liebe geht bekanntlich durch den Magen), ist auch er verrückt nach Müll. Sobald er merkt, dass jemand in der Küche zugange ist, sucht er den Boden nach Essensresten ab wie ein Staubsauger. Man könnte direkt glauben, wir lassen ihn hungern, mit solcher Begeisterung stürzt er sich auf die Reste. Einmal fiel der Mülleimer um und als wäre er plötzlich wieder zu der wilden Kreatur geworden, von der er abstammt, sprang er kopfüber und knurrend wie ein Wolf in den Müllkübel, um sich an den Pancakes vom Frühstück zu laben (wie man weiß, ist der Pancake die bevorzugte Jagdbeute des Wolfes).

Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

Straßenhunde

Die Hunde in Ecuador führen kein solch luxuriöses Leben wie ihre Vettern in Deutschland. In den Supermärkten gibt es kleine Abteilungen für Hundefutter, aber ich glaube nicht, dass es viele Leute hierzulande gibt, die bereit sind, so viel Geld für den besten Freund des Menschen auszugeben wie deutsche Frauchen und Herrchen. Im Supermarkt ist fast alles teuer; viele Produkte, die man aus dem Alltag kennt, kosten hier manchmal ein Vielfaches von dem, was man in Deutschland dafür berappen müsste. Da sind preiswerte Alternativen gefragt. Ich wundere mich, wie die Menschen bei solch horrenden Preisen überleben können. Da lernt man ganz schnell, sich einzuschränken – unsere Reisekasse leerte sich jedenfalls in Null-Komma-Nix.

Die Krone setzte dem aber die Erdnussbutter auf. Ich bin ein großer Fan der Erdnussbutter und wenn ich eine Zeitlang keine bekomme, werde ich wirklich traurig. Hier in Ecuador gibt es einige Gerichte, in denen Erdnüsse oder Maní (das ist der einheimische Name für Peanutbutter) Verwendung finden. Im Supermarkt suchte ich deshalb nach Erdnussbutter. Ich fand sie schließlich, aber der Preis zog mir fast die Schuhe aus – ein kleines Glas kostete an die sechs Dollar, dafür stand aber „Peanutbutter“ auf dem Etikett. Sechs Dollar für ein paar Erdnüsse? Die spinnen, die Ecuadorianer. Ich habe mir die leckere Creme dann später auf dem Markt gekauft. Ein Pfund hat nur einen Dollar und etwas gekostet. Der Händler hat sie mir mit dem Löffel in die Tüte abgefüllt. Aber ich schweife ab.

In Ecuador gibt es Straßenhunde, aber sie werden von den Menschen nicht etwa gejagt oder verscheucht, vielmehr lebt man in einer Art friedlicher Koexistenz. Niemand tut den Hunden hierzulande etwas zuleide, und sie fühlen sich so sicher, dass sie sich mitten auf der Straße zum Schlafen hinlegen. Niemand käme auf die Idee, sie aus dem Weg zu prügeln oder sie vom Platz zu jagen. Hundefänger sucht man vergeblich. Man lässt die Tiere einfach liegen; wenn es nötig ist, macht man einen Bogen. Dafür bellen und beißen die Hunde auch nicht – so lautet der Deal. Nur Hunde, die einen Besitzer haben, kläffen ununterbrochen, wie der Hund unserer Nachbarin in Cumbayá. Sie scheinen zu wissen, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen.

In Quito, mitten auf einem großen Platz vor einer Bank, sah ich einen Hund liegen. Erst dachte ich, er sei tot, denn ich konnte nicht erkennen, dass er atmete, und welcher Hund bei Verstand würde sich schon mitten auf einem belebten Platz zum Schlafen legen. Ich beobachtete ihn eine Weile und als ich absolut sicher war, dass er tot sei, ging ich hin. In diesem Moment hob er den Kopf, blickte dösig in die Runde, legte sich wieder hin und schlief einfach weiter. Niemand störte sich daran, dass der Hund ausgerechnet dort lag, wo Hunderte Menschen seinen Weg kreuzen mussten, und der Hund störte sich nicht an den vielen Menschen.

Direkt neben dem Haus in Bahía, in dem wir zeitweilig logieren, gibt es ein kleines Restaurant. Davor liegen immer zwei riesige zottelige Hunde. Der eine ist braun, der andere grau. Ich nahm zunächst an, die Hunde gehörten der Besitzerin, aber dann bekam ich mit, dass es sich um Straßenhunde handelte. Sie liegen den ganzen Tag auf dem Gehsteig, starren gelangweilt in der Gegend rum und sehen zu, dass sie irgendwo etwas Essbares ergattern können. Hundefutter aus dem Supermarkt haben sie wahrscheinlich noch nie zu fressen bekommen. Sie tun niemandem etwas – man kann wenige Zentimenter an ihnen vorbeigehen und sie nehmen keine Notiz davon. Man muss sie auch nicht wegscheuchen, wenn sie den Weg versperren, denn sie merken von allein, wann sie verschwinden sollen. Sie machen einfach Platz und trollen sich.

Einmal fuhr ein Pickup langsam an dem Restaurant vorüber. Der Fahrer hatte seinen riesigen schwarzen Hund auf die Ladefläche gesetzt. Sobald die beiden Lokalmatadoren den Eindringling bemerkt hatten, rasten sie wie wild auf ihn zu, versuchten, in den Pickup zu springen und den fremden Hund zu beißen. Der Pickup fuhr weiter, doch die beiden Platzhirsche verfolgten den Eindringling noch mehrere Blocks weit. Aus der Ferne konnte man sie noch lange Zeit belfern hören.