Lustige Witwen

Nachmittags um drei Uhr verlassen wir dann endgültig den Strand. Wir müssen zurück nach Bahía und Maria Vicenta muss zur Führerscheinprüfung – sie trinkt nur noch eben schnell ihr Bier aus. In diesem Land kein Auto zu besitzen, ist eigentlich eine Qual, denn mit dem Bus dauert die Fahrt über jede noch so kurze Strecke eine Ewigkeit. Da ist es schon kurios und wirklich so etwas wie eine Rarität, wenn jemand in meinem Alter nicht Auto fahren kann. Wir verabschieden uns herzlich, danken Maria Vicenta für ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr viel Glück für die Prüfung. Maria Vicenta meint, wir könnten jederzeit nach Manta kommen und bei ihr übernachten, denn sie und meine Frau seien allerbeste Freundinnen seit Kindertagen. Um anzudeuten, wie nah sie sich wirklich stehen, verschränkt sie Zeige- und Mittelfinger, als seien es siamesische Zwillinge.

Es geht zurück nach Bahía. In Rocafuerte legen wir einen Zwischenstopp ein, um Dulces, Süßigkeiten, zu kaufen. Schon auf der Hinfahrt hatten wir die Stadt besuchen wollen, aber das Navi, dieser hinterlistige Intrigant von einem Elektronenhirn, hatte dafür gesorgt, dass wir das Ziel verfehlten. Diesmal verlassen wir uns ganz altmodisch auf unsere Straßenkarte, die ich noch kurz vor unserer Abreise in Berlin gekauft hatte. Damals rümpfte meine Frau die Nase und fragte mich, wozu ich denn eine Karte ausgerechnet aus Deutschland mitnehmen müsste. Sie meinte ganz unschuldig, ich könnte doch auch welche in Ecuador kaufen. Dabei guckte sie mich so an, als beabsichtigte ich, einen Toilettensauger, eine Gasmaske und eine Skiausrüstung ins Gepäck zu schmuggeln. Doch ich bin froh, dass ich die Karte habe, denn hier in Ecuador kommt man nur schwer an Straßenkarten, die wirklich etwas taugen. Und dem Navi, dieser heimtückischen Maschine, kann man einfach nicht trauen.

In Rocafuerte laden wir tütenweise Dulces ein – Alfajores (kleine runde Kekse mit Schichtfüllung), Toffees, Suspiros (Sahnebaisers) und vieles mehr. Ich glaube, mein Blutzuckerspiegel hat in den folgenden Tagen bedenkliche Werte erreicht und wahrscheinlich würde man mich mit einem Zuckerschock in die nächste Klinik eingeliefert haben, hätte ich nicht das örtliche Fitnessangebot genutzt und die überschüssigen Kalorien bei Kniebeugen und Kreuzheben verbrannt. Aufgeladen mit so viel Energie, kann man wie ein wahrhaftiger Berserker trainieren und selbst noch ein solch mörderisches Programm, wie ich es mir manchmal ausdenke, um das Gewissen nach all der Völlerei zu beruhigen, kommt mir unter dem Einfluss der süßen Droge geradezu läppisch vor.

In Leonidas Plaza, der Vorstadt von Bahía, einige Kilometer landeinwärts, begegnen uns die ersten Viudas. Damit hat es folgende Bewandtnis: Viuda bedeutet Witwe. Zum Jahresende verkleiden sich vorzugsweise junge Männer als Witwen und bitten Passanten oder Autofahrer um Geld. Die Spenden geben sie dann für Partys und Alkohol aus oder wonach auch immer ihnen gerade der Sinn steht – also Alkohol und Partys. Doch die Tradition ist im Niedergang begriffen, denn eigentlich ist so eine zünftige Witwe mit einem Handwagen oder Karren unterwegs, in den sie die Leiche ihres verstorbenen Ehemannes gebettet hat. Den Karren schiebt sie nun umher, um aller Welt ihre Trauer über das Ableben des ach so geliebten Gatten zu bekunden. Den Gatten, eine mehr oder weniger aufwändig gestaltete Puppe, stellt man sich dabei als das alte, gewissermaßen dahingeschiedene Jahr vor und die Rolle der Witwen besteht nun darin, den Verblichenen lautstark und möglichst publikumswirksam zu beweinen. Je origineller und vor allem je lustiger die Witwen den Tod des Gatten zu beklagen verstehen, desto lockerer sitzt den Leuten das Geld in der Tasche und für eine gute Show sind sie auch gern bereit, die lustigen Witwen anständig zu entlohnen.

Meine Frau ist in Bahía aufgewachsen, aber sie meint, heute scheine niemand mehr zu wissen, was es mit der Tradition auf sich habe. Die jungen Männer verkleiden sich nur noch – was allerdings auch sehr lustig sein kann – und gehen die Leute um Geld an. Die Commedia dell’arte früherer Zeit ist aber fast in Vergessenheit geraten.

Kurz vor Bahía stoppen uns einige ziemlich aufreizend gekleidete und stark geschminkte Witwen und ich frage mich, ob sich solch ein Aufzug für eine Trauernde überhaupt ziemt. Eigentlich will ich weiterfahren, aber ich fürchte, ich könnte jemanden verletzen und so halte ich. Die „Witwe“ hat eine wallende schwarze Lockenmähne, trägt Miniröckchen und stöckelt in ihren Pumps gekonnt um das Auto (so muss man sich erst einmal auf Highheels bewegen können!). Sie sagt, was für ein hübscher Bursche ich sei und schmeichelt mir, ich hätte so schöne blaue Augen. Ich gebe ihr einen Dollar – für die blauen Augen – und wir dürfen weiterfahren.

Ich lasse den Abend bei einem brutalen Beintraining in meinem Lieblingsstudio ausklingen. Das Studio ist so voll, dass man kaum einen Schritt machen kann, ohne jemanden auf die Füße zu treten. Der Besitzer macht über Silvester und Neujahr Urlaub, so dass der Fitnesstempel geschlossen bleiben muss. Der sportliche Teil der Einwohnerschaft Bahías nutzt die letzte Gelegenheit des Jahres, um die schwächelnde Muskulatur noch einmal präventiv durchzuarbeiten. Ich lasse mich von so viel Trainingswut anstecken und erhöhe spontan die Schlagzahl. Von all dem Zucker im Blut (dank der Dulces aus Rocafuerte) habe ich ein regelrechtes High. Das Training ist die Hölle und obwohl meine Oberschenkel schon nach kurzer Zeit so infernalisch zu brennen beginnen, als hätte man mir flüssiges Blei in den Muskel gespritzt, genieße ich jede Sekunde.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)