Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.

Auf unbekannten Straßen

Am Donnerstag müssen wir dann aber wirklich wieder zurück nach Quito, denn die Schule hat bereits begonnen und uns fällt keine sinnvolle Ausrede ein, die unserem Sohn erlaubt hätte, noch länger dem Unterricht fernzubleiben. Ursprünglich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber am Ende sind alle Pläne für die Katz, denn die Wirklichkeit bringt sich immer gerade dann unangenehm in Erinnerung, wenn man am wenigsten damit rechnet. Es waren noch letzte Besorgungen zu machen und das Packen dauerte wieder einmal den ganzen Vormittag. Mein Einwand, dass ich auf keinen Fall Nachts fahren wolle, weil die Strecke viel zu gefährlich sei, wurde geflissentlich überhört und so musste es erst Mittag werden bis wir endlich Richtung Quito aufbrechen konnten. Die Schwiegermutter begleitete uns. Sie wollte sehen, wie ihre Tochter lebt, und außerdem beabsichtigte sie, bei dieser Gelegenheit gleich ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen. Ich ahnte, diese Fahrt würde meine Kräfte bis zum Äußersten beanspruchen.

In der Nähe Santo Domingos lebt ein alter Studienkollege meiner Frau und obwohl abzusehen ist, dass wir Quito erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, muss erst noch ein Zwischenstopp bei besagtem Ex-Kommilitonen eingelegt werden. Ich fahre ungern bei Dunkelheit durch die Anden. Die Straßen sind schon am Tage gefährlich genug, Nachts aber verlangt die Strecke einem alles ab und nach ein paar Stunden Fahrt durch die Berge, inklusive Passhöhen von über dreitausend Metern, ist man am Ende seiner Kräfte – physisch wie mental. Meine Frau telefoniert noch einmal und René, so der Name des ehemaligen Mitstudenten, sagt, das Essen würde bei unserem Eintreffen schon bereitstehen. Wer kann da schon Nein sagen!

René wohnt irgendwo auf dem Campo, d. h. auf dem Land, und seine Adresse ist so schwer zu finden, dass selbst das Navi mit seinem Latein am Ende ist. Wir verabreden uns deshalb zehn Kilometer hinter einem markanten Verkehrskreisel. Er sei nicht zu verfehlen, meint René, aber wir haben so unsere Erfahrungen mit Verkehrskreiseln und schon aus Angst, die Stelle wieder zu verpassen, wittern wir wie die Eichhörnchen ständig in alle Richtungen. Entgegen allen Erwartungen finden wir den Kreisel auf Anhieb und alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist Kilometer zählen. Ich schaue genau auf den Kilometeranzeiger und tatsächlich, gerade als die Ziffern zur Zehn Komma Null umschalten, sehe ich René winkend und lächelnd am Straßenrand stehen. Wir begrüßen uns kurz und weiter geht es über eine mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste. René fährt einen Pickup mit Allradantrieb und wahrscheinlich ist ein geländegängiges Fahrzeug auch nötig. Ich wage mir kaum auszumalen, wie die Wege bei Regen aussehen. Die Straße führt durch eine Art pastorale Idylle. Kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit bändigt die wild wuchernde Natur. Plötzlich halten wir vor einem stählernen Flügeltor von geradezu zyklopischen Ausmaßen. Wir stehen davor wie die Besucher des „Jurassic Park“, aber natürlich sind wir nur zum Essen gekommen und nicht als die Mahlzeit. Es steht aber nichts zu befürchten, denn René ist einer der freundlichsten Zeitgenossen, die ich kenne. Er öffnet das Tor und wir rollen auf den Hof.

René wohnt so, wie man sich gemeinhin vorstellt, dass ein Großagrarier leben müsste: Der flache Gebäudekomplex von gewaltigen Ausmaßen thront auf der Anhöhe wie das Hauptquartier eines Generalobersten. Rundherum breitet sich eine verwilderte Hügellandschaft aus. Eine Meute furchteinflößender Wachhunde patrouilliert argwöhnisch um das Haus und verbellt jeden Einbrecher. Wir dürfen passieren, aber nur weil René die Hunde zurückhält. Er führt uns ins Wohnzimmer des Hauses, einen Raum von den Ausmaßen eines Audienzsaals. In dessen Mitte befindet sich gleich einer Insel der Ruhe eine bequeme Sitzgruppe. Wir lassen uns erschöpft in die weichen Polster fallen. Vitrinen und Bilder schmücken die Wände. Um wirklich zu glauben, man befände sich im Herrenhaus einer großen Hacienda, fehlt eigentlich nur der Kamin mit dem ausgestopften Stierkopf an der Wand darüber. Doch in einem Land, in dem immer sommerliche Temperaturen herrschen, sind Kamine wohl fehl am Platze. Und René ist kein Rinder-, sondern ein Hühnerbaron. Und wie sähe denn ein Huhn über dem Kamin aus!

Unser Gastgeber hat in Deutschland Landwirtschaft studiert und reüssiert seit Jahren als Hühnerzüchter. Ich habe noch nie zuvor einen Leibhaftigen Hühnerbaron getroffen und René muss herzlich lachen, als er den Ausdruck hört. Ich frage ihn, ob wir uns die Ställe anschauen dürfen und während seine Frau das Essen zubereitet, machen wir einen kurzen Spaziergang. Wir schlagen den Weg über einen holprigen Sandpfad ein. Es geht bergab und dann bergauf und nachdem wir uns unter einem Dornendickicht hindurch gebückt haben, öffnet sich plötzlich der Blick: Wir schauen über ein weites, von sattgrünem Gestrüpp überwuchertes Hügelland. Aus der dichten Vegetation erheben sich vier kastenförmige Gebäude, jedes von den Ausmaßen einer Kaserne. Wir befinden uns oberhalb der Anlage und schauen aus der Vogelperspektive herunter. An einigen Stellen hat man die Dachluken geöffnet und darunter herrscht heilloses Gewimmel: Jeder der kleinen weißen Punkte ist ein Huhn. Es müssen Tausende sein. Über den Hügeln hört man ihr Gegacker, das einem tausendstimmigen geschwätzigen Chor gleicht.

Die Hügelketten steigen wie eine Theaterkulisse sanft zum Horizont hin an. Gleich dem Rand eines Suppentellers rahmen sie eine Senke ein, in deren Mitte Renés Hühnerfarm liegt. Die Kämme der weiter weg liegenden Höhenzüge nehmen uns die Fernsicht. Die Hügel breiten sich vor uns aus wie Sandrippen an einem Strand und die vier Gebäude, jedes so lang wie ein Fußballfeld, wirken darin wie Fremdkörper. Ich frage René, ob das alles ihm gehöre und mache dazu eine ausschweifende Geste bis hin zu den entferntesten Hügeln. Und dieser bescheidene Mann nickt etwas schüchtern. Das Areal ist riesig, geradezu gigantisch und es fällt mir schwer zu glauben, dass René, wie er sagt, nur eine kleine Nummer im Hühnerbusiness ist. Er erzählt mir, er habe zur Zeit sechzigtausend Hühner, um aber als Großproduzent zu gelten, müsse man mindestens dreihunderttausend Tiere besitzen. Das sind eine Menge Vögel!

Ich erzähle ihm, dass der Vater eines der Klassenkameraden meines Sohnes der größte Hühnerproduzent Ecuadors sei. Der Mann gehöre zu den Top-Lieferanten für KFC (das ist der Colonel) in ganz Lateinamerika und überdies sei er auch noch Eigentümer des „El Español“, einer Kette von Deli-Restaurants. René nickt abermals – ja, er kenne ihn. Wahrscheinlich geht es in in seiner Branche zu wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Sicherlich trifft man sich alljährlich auf den einschlägigen Fachmessen und bebauchpinselt sich auf den Verbandsfeiern.

Als wir zurückkehren, wartet schon das Essen auf uns. Es gibt Reis mit – wer hätte es ahnen können! – Hühnchen. Wir setzen uns an den Tisch, der die Ausmaße einer Rittertafel hat. René und ich nehmen jeweils am Kopfende Platz und wir müssen laut sprechen, damit unsere Stimmen die Worte über die große Entfernung tragen. Von meinem Platz aus kann ich die Küche sehen – sie ist so groß wie unsere ganze Wohnung in Berlin und mit so viel Kücheninventar ausgestattet, dass leicht zwei Dutzend hungriger Landarbeiter verköstigt werden könnten. Hier ist einfach alles riesig, doch selbst noch das größte Anwesen verliert sich in der weithin leeren Landschaft. Renés Frau kümmert sich offenbar um das Haus, was angesichts von dessen Größe keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, es ist weniger fordernd, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, als diesen Pharaonenpalast von einem Haus zu verwalten. Sie ist von der herzlich-zupackenden Art der Landfrauen, obwohl ich mich nicht dafür verbürgen könnte, dass sie wirklich vom Lande stammt. Aber vielleicht wird man so, wenn man nur lange genug auf dem Campo gelebt hat. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen und wir langen ordentlich zu. Das Essen ist lecker – kein Wunder, dass René Bauch angesetzt hat, seit ich ihn das letzte Mal sah.

Nach dem Essen plaudern wir noch ein wenig, aber wir können nicht lange bleiben. Schon bald wird es dunkel und ich bin ein wenig besorgt, weil uns der schwierigste Teil der Strecke noch bevorsteht. In einigen Wochen wollen wir uns wieder treffen, diesmal bei uns in Cumbayá, und neben René sind all die anderen „Ossis“ eingeladen. Die Ecuadorianer, die in der DDR studiert haben, nennen sich selbst immer scherzhaft „Ossis“. Meine Frau möchte eine Nostalgie-Party veranstalten und sie hat deshalb Bockwürste, Gewürzgurken im Glas und noch vieles mehr mitgebracht, das an die alte Zeit erinnert. Ein halbes Dutzend Leute werden der Einladung wohl folgen und wir sind jetzt schon gespannt, was sie zu erzählen haben.

Wir verabschieden uns bald und René öffnet uns das Tor. Die Wachhunde umkreisen argwöhnisch unser Auto. Ein letzter Abschiedsgruß und dann geht es wieder auf die Autopista. Zwar hoffen wir, dass wir die Berge vor Einbruch der Dunkelheit überwunden haben werden, aber die Zeit ist zu knapp. Ich verkneife mir einen rechthaberischen Einwand und stelle mich mental schon einmal auf eine lange und anstrengende Nachtfahrt ein. Ich entschließe mich, die nördliche Route nach Quito auszuprobieren. Diese führt nicht über Santo Domingo sondern über San Miguel de los bancos. Wir hoffen so, dem Regen, dem Nebel und den tückischen Serpentinen mit ihren starken Steigungen und Gefällen zu entgehen.

Unsere Reise steht unter einem guten Stern: Wir haben noch mehr als zwei Stunden Tageslicht, die Straße ist in exzellentem Zustand und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Einmal fahren wir eine Stunde oder länger am Stück, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet wäre. Die Straße führt durch sanft geschwungene grüne Hügel unter einem blaue Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. Wir fahren durch winzige Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben, und die wir schon wieder vergessen, als wir die letzten Häuser passieren. Die Straße zieht sich in immer neuen Schwüngen durch das Grün der Hügel. Alles ist ruhig, friedvoll und einfach nur schön. Die Landschaft ist der Traum von einer Idylle, wie er nur dem Kopf eines Großstadtmenschen entspringen kann. Mir kommt der Gedanke, hier vielleicht einmal Urlaub zu machen, doch ich verwerfe sofort diese Weltfluchtidee des Großstädters in mir. Wie sollte man sich hier versorgen – ich hatte seit Stunden nicht ein Geschäft gesehen – und vor allem, was sollte man hier eigentlich tun? Außer der schönen Landschaft gibt es absolut nichts; wir sahen nicht einmal Menschen. Die meisten Einheimischen sind froh, wenn sie der Tristesse und der Armut ihrer Dörfer entrinnen können. Nur der Reisende von weither ist der Wirklichkeit fern genug, um mit dem Blick des Romantikers in der Einöde ein Paradies zu erkennen.

Wir waren nun schon über zwei Stunden unterwegs und so schlagartig, als hätte sich ein Vorhang gesenkt, kam die tropische Nacht über uns. Wir hatten noch kaum die Hälfte geschafft und mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, schien sich die Strecke zum zwei zu verlängern. Auf der Karte sehen beide Routen – die südliche über Santo Domingo und die nördliche über San Miguel de los bancos – etwas gleich weit aus, tatsächlich aber benötigt man auf der nördlichen Strecke fast zwei Stunden mehr bis Cumbayá. Bei Tage mag dies noch angehen, denn die Straßen sind in gutem Zustand und die nördliche Strecke ist viel weniger gefährlich als die südliche. Während der ganzen Fahrt war es trocken und auch der Nebel blieb uns erspart, was dem Umstand zu danken ist, dass die Strecke nicht so hoch in die Tierra fría hinaufführt wie die Route über Santo Domingo. Für diesen Komfort muss man jedoch mehr Zeit einplanen. Bei Tag macht es sogar richtig Spaß, diese Route zu befahren, bei Nacht kann es jedoch passieren, dass man unversehens in einen Alptraum gerät.

Es war stockdunkel. Ohne das Licht der Scheinwerfer hätte ich die Hand vor Augen nicht sehen können. Hin und wieder kamen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die meisten der Fahrer schienen nicht zu wissen, dass man das Licht auch abblenden kann, und nach jeder dieser Begegnungen sah ich für Sekunden nur noch grüne Punkte. Ich fuhr langsam, so langsam, dass man mich einige Male überholte, aber die Straße war wegen der Dunkelheit und auch wegen der schlechten Kennzeichnung stellenweise kaum noch zu erkennen. Als wäre ich hypnotisiert, hielt ich die Augen die ganze Zeit starr auf den Seitenstreifen gerichtet, der einzigen Orientierungshilfe in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Plötzlich, als hätte die Nacht sie verschluckt, waren die Fahrbahnmarkierungen verschwunden. Im Licht der Scheinwerfer versuchte ich die Straße auszumachen, doch im nächsten Augenblick bäumte sich der Wagen auf wie ein bockendes Pferd und sprang ein paarmal wie wild auf und ab. Wir wurden hart in die Sitze gestaucht und dann hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl von Schwerelosigkeit, wie wenn man mit dem Auto über einen Hügel rast und wenn man die Kuppe erreicht, zieht es einem die Eingeweide nach oben und es ist, als tanzten Schmetterlinge im Bauch. Doch das verheißungsvolle Gefühl entpuppte sich als Täuschung, denn die Fahrt endete mit einem großen Plumps.

Der Motor lief noch, die Scheinwerfer brannten auch noch und die Airbags hatten nicht ausgelöst. Um uns herum breitete sich tiefschwarze Nacht aus, die durch die Scheinwerfer eher noch verstärkt wurde, als dass das Licht sie durchdringen konnte. Alles ging so schnell, doch meine Schwiegermutter hatte noch Zeit, die Mutter Gottes und sämtliche Heiligen um Hilfe anzurufen. Und es hat etwas genutzt! Ich hörte ihre Worte in meinem Kopf nachhallen und ich musste fast lachen, als ich daran dachte, dass wir vielleicht nur deshalb noch am Leben waren, weil der Himmel mich, den Atheisten, verschmäht hatte. Ich spürte überhaupt keine Angst, obwohl ich doch Angst haben sollte. Stattdessen überkam mich eine geradezu meditative innere Ruhe wie sonst nur nach der Neujahrsansprache unserer Bundeskanzlerin.

Da niemand verletzt war – alle saßen noch angeschnallt und mit perplexem Gesichtsausdruck auf ihren Sitzen –, konnte ich mich um den Wagen kümmern. Meine Frau meinte, da lägen Teile. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Sobald ich die Tür geöffnet hatte, versanken meine Füße im Matsch. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Wagen in einer Schlammpfütze gelandet war. Rundherum verstreut lagen Teile von Kotflügeln, Scheinwerfer, eine zerbrochene Stoßstange, Radkappen. Ich stakte auf Zehenspitzen um den Wagen herum, doch ich konnte keinen Schaden feststellen. Bis auf die Tatsache, dass das Auto verdreckt war wie nach einer Tauchfahrt durch einen Schlammgeysir, schien alles in Ordnung. Die Teile, die ich im Matsch liegen sah, stammten nicht von uns. Sehr wahrscheinlich waren wir nicht die einzigen, und ganz sicher nicht die ersten, die in diese gemeingefährliche Falle tappten.

Was war geschehen? Die Straße hatte sich gegabelt und ich hatte mich für den falschen Abzweig entschieden. In der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, ob auf dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, gerade gebaut wurde oder man den Abzweig einfach stillgelegt hatte. Jedenfalls waren zehn Meter hinter der Gabelung einige Sandhügel aufgeschüttet worden. Über den letzten davon hatte es uns wie auf einer Sprungschanze hinausgetragen und der Wagen war in die dahinter liegende Schlammpfütze geplumpst. Ob die Straße noch weiter ging, konnte man wegen der Dunkelheit nicht erkennen. Sie verlor sich irgendwo an der Flanke eines Hügels im Gebüsch.

Jedenfalls mussten wir wieder zurück. Ich legte also den Rückwärtsgang ein – der Wagen reagierte wie gewohnt –, umfuhr die Sandhügel und setzte zurück auf die Hauptroute. Erst jetzt wunderte ich mich, warum man vor dem toten Abzweig keinen Warnhinweis angebracht hatte. Sonst pflegt die Verkehrspolizei aus unerfindlichen Gründen an den unmöglichsten Stellen Kegel aufzustellen. Warum sie das tut, bleibt ein ungelöstes Rätsel, denn die willkürlichen Absperrungen behindern eher den Verkehr, als dass sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. In diesem Fall hätte sich eine Markierung als nützlich erweisen können, zumal wir nicht die ersten gewesen zu sein scheinen, die sich für die falsche Ausfahrt entschieden hatten. Aber man darf den Leuten hier nicht mit Logik kommen. Ich habe schon oft daran gedacht, dass man vielleicht einer anderen Art Logik folgt, die zu erkennen, ich bloß noch keinen Sinn entwickelt habe. Das kommt aber alles noch – da bin ich mir ganz sicher!

Der restliche Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Auf dem allerletzten Abschnitt kurz vor Quito gerieten wir hinter einen Laster, der eine schwere Ladung Holzbohlen transportierte. Die meiste Zeit zuckelte er mit allenfalls vierzig Kilometern pro Stunde durch die Nacht. Ein dickes Seil, mit dem wohl ursprünglich die Ladung gesichert war, schleifte hinter ihm her und pendelte wie ein Treibanker von einer Straßenseite zur anderen. Ich hätte ihn gern überholt, aber nach acht Stunden Fahrt und nachdem wir nur knapp der Katastrophe entronnen waren, hatte ich keine Nerven mehr, an ihm vorbeizuziehen. Die Straße war ziemlich schmal und durch die vielen Serpentinen konnte man den Gegenverkehr erst im allerletzten Moment erkennen. Mehrmals überholte man mich, doch ich war keineswegs darauf erpicht, es selbst zu versuchen, denn einige Male hatte ich den Eindruck, der Zusammenstoß wäre unausweichlich. Doch dann, im letzten Moment, zog der Überholende mit verzweifelter Verwegenheit vor den Laster und der Aufprall wurde nur um Zentimeter vermieden. Auch wenn es ein wenig länger dauerte, schafften wir es schließlich sicher nach Hause, und an diesem Abend war ich darüber so froh wie noch nie.