Klassentreffen

Meine Frau hatte ihre ehemaligen Kommilitonen, allesamt Ex-Stipendiaten aus der DDR, zu einer „Reunión“, einer Art Klassentreffen, eingeladen. Gut ein Dutzend Gäste folgten der Einladung. Unsere kleine Wohnung wäre bei solch einem Andrang natürlich aus allen Nähten geplatzt, aber zum Glück gibt es in jedem Haus unserer Wohnanlage einen Bereich, welcher der gemeinschaftlichen Nutzung vorbehalten ist. Auf dem Dach unseres Hauses befindet sich ein kleiner Saal, der gut geeignet ist für Familienfeste oder andere festliche Zusammenkünfte. Der Platz reicht für mindestens dreißig Gäste und zudem kann man auch noch die weite Dachterrasse nutzen, von der aus man einen wunderbaren Blick über Cumbayá und die Berge hat.

Wir gaben uns viel Mühe mit der Vorbereitung, denn wir wollten, dass unsere Gäste sich – zumindest kulinarisch – ein wenig an ihre Zeit in der DDR erinnert fühlten. Wir hatten schon Bockwürste, Gewürzgurken und das gute „Werder“-Ketchup (eine Marke aus dem Osten) aus Deutschland mitgebracht, was zwar, vor allem wegen der Schlepperei, einen nicht geringen zusätzlichen Aufwand bedeutete, aber die Mühe in jedem Fall wert war, denn deutsche Lebensmittel sind in Ecuador nur sehr schwer zu bekommen.

Die Vorbereitungen beanspruchten einiges an Zeit in Anspruch und bevor die Gäste dann am Sonntagnachmittag eintrafen, hatte ich schon seit den frühen Morgenstunden am Herd gestanden. René, bei dem wir bereits vor ein paar Wochen zu Besuch waren, ist ebenfalls ein Ex-Stipendiat aus der DDR. Von Santo Domingo aus, in dessen Nähe er sein Haus hat und wo sich auch seine Hühnerfarm befindet, benötigt man ca. drei Stunden mit dem Auto nach Cumbayá. Als meine Frau ihn zu ihrer „Ossi“-Party einlud, druckste er erst ein wenig herum: der Weg sei so weit und er wisse auch nicht, ob er Zeit habe, denn er müsse sich um seine Hühner kümmern. Er fragte, ob es denn Soljanka gäbe. In dem Fall wolle er es sich überlegen. Meine Frau erwiderte, dass selbstverständlich Soljanka serviert werde, denn natürlich wollte sie, dass René zu der Party käme. Sie fragte mich dann später ganz unschuldig, ob ich Soljanka kochen könnte. Mit einer gewissen Vorahnung fragte ich sie, warum ich das denn tun solle, und sie gab wie beiläufig zu verstehen, sie hätte den Gästen versprochen, es würde Soljanka geben und sie wolle nun nicht als Hochstaplerin dastehen. Ich hatte dieses Gericht in meinem Leben noch nicht gekocht und außerdem wusste ich nicht, ob ich die Zutaten rechtzeitig beschaffen könnte. Soljanka wurde fast immer in den Mensen der Universitäten und in Kantinen angeboten. Ich habe die gehaltvolle Suppe früher oft selber genossen, aber wer käme schon auf die Idee, ein Kantinengericht zuhause aufzutischen?

Das Internet ist eine tolle Erfindung, denn wen es nach Wissen dürstet, dem steht in nur einem Augenblick die Weisheit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Die Fülle des Wissens wäre vielleicht ein klitzekleines Bisschen zu viel, da ich doch nur ein Rezept suchte. Aber manchmal braucht es gar nicht das Internet und das gute alte Buch tut es auch: Vor unserer Abreise nach Ecuador hat meine Frau noch ein Koch- sowie ein Backbuch gekauft, das wir unserem ohnehin nicht kleinen Fundus an Kochbüchern hinzufügen konnten. Das eine ist das „DDR-Backbuch“, das andere das „DDR-Kochbuch“. In letzterem schlug ich nun nach und ich wäre sehr überrascht gewesen, hätte ich darin kein Rezept für Soljanka gefunden.

Als ich dann übrigens am nächsten Tag auch das Backbuch durchblätterte, kamen mir fast die Tränen, so gerührt war ich: Nahezu alle Kuchen, die auf den großformatigen Bildern zu sehen sind, kenne ich von früher, doch erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unendlich viel Zeit seitdem vergangen ist, und das Verrückte ist, ich habe es kaum bemerkt. Allmählich muss ich wohl alt werden, denn ich ertappe mich nun immer öfter dabei, wie ich der Nostalgie erliege, die sich unbemerkt in meine Erinnerungen einschleicht. Mich kommt dann so eine Wehmut an, die sich nur schwer ertragen lässt, und die wohl von der Erkenntnis herrührt, dass alles Schöne im Leben irgendwann einmal enden muss.

Die Zubereitung der Gerichte war dann nicht weiter schwierig, zumal wir Glück hatten und es uns gelang, die restlichen Zutaten in einem Delikatessengeschäft hier in Cumbayá zu kaufen (manchmal ist es eben doch kein Nachteil, wenn man in einer Stadt wohnt, die erst kürzlich von einer Invasion der Gutbetuchten überrollt wurde). Die Soljanka schmeckte übrigens genau so, wie ich sie in Erinnerung habe – wirklich lecker, obwohl ich mit diesem Gericht eigentlich immer Kantinenessen verbinde, das ich nur selten als schmackhaft empfand. Zusammen mit der Soljanka gab es einfache, herzhafte Gerichte: Bouletten, Bockwürste, Kartoffelsalat, als Nachtisch warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es versteht sich von selbst, dass wir für einen mehr als ausreichenden Vorrat an Getränken gesorgt hatten. An die Bouletten habe ich eine gute Hand Majoran gegeben, damit sie so schmecken, wie die Gäste sie von früher in Erinnerung haben. Es war übrigens gar nicht so einfach, an Majoran zu kommen, denn dieses Kraut findet in der hiesigen Küche nur spärlich Verwendung.

Am Nachmittag trudelten dann nach und nach die Gäste ein. Es sollte eine ganz zwanglose Party sein, nichts Offizielles, nur ein fröhliches Wiedersehen, ein Hallo nach über fünfundzwanzig Jahren. Doch obwohl sich die Gäste sehr über die Einladung und über das Essen freuten, und auch ordentlich zulangten, ohne dass man sie lange bitten musste, wollte die rechte Stimmung nicht aufkommen. Die Leute saßen etwas steif auf ihren Stühlen, aßen, tranken und waren darüber hinaus meist mit sich selbst beschäftigt. Am Essen kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn am Ende war fast alles aufgegessen und wir hatten so reichlich aufgetragen, dass wir schon befürchteten, wir würden hinterher die Hälfte wegwerfen müssen. Ein richtiges Gespräch – von Scherzen und Witzeleien ganz zu schweigen – wollte sich jedoch nicht einstellen und so glich unsere kleine Party stellenweise eher einer Konferenz mit sehr, sehr ernsten Teilnehmern. Schade.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmung entspannter, ja ausgelassener gewesen wäre, aber vielleicht hatte man sich nach so langer Zeit einfach nicht mehr allzu viel zu sagen. Vielleicht sind die Lebenswege unserer Gäste zu verschieden verlaufen, als dass es noch viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gäbe. Über ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich ihre Wege zum letzten Mal kreuzten. Zwar hat man sich auch in der Zwischenzeit hin und wieder gesehen, hat sich zufällig getroffen, ist sich gewiss manchmal auch beruflich über den Weg gelaufen, doch hat ein jeder sein eigenes Leben geführt seither, hat Karriere gemacht, eine Familie gegründet, ein Haus gebaut, sich einen Freundeskreis geschaffen und hat der Bekanntschaften von früher nur in seltenen nostalgischen Momenten gedacht. Menschen können sich bekanntlich verändern in so langer Zeit und gar nicht so selten wird man sich eben fremd dabei. Bei einigen der Gäste konnte man sich ohnehin nur schwer vorstellen, dass sie einmal Studenten waren, die in der Mensa Soljanka aßen, am Nachmittag in den Bibliotheken hockten und für die Prüfungen büffelten und Abend für Abend Partys stürmten oder in Diskotheken einfielen. Die Zeit ist unerbittlich, gegen den einen mehr als gegen den anderen.

Eine Zeitlang saß ich zufällig neben Hugo, einem der Gäste. Laut meiner Frau soll er eine große Nummer am Verfassungsgericht sein, aber man merkt ihm die Bürde seines Amtes nicht unbedingt an. Hugo ist ein Mann mit vollendeten Manieren und überhaupt ist er einer der höflichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann (wenn diese Bezeichnung nicht so antiquiert wäre, würde ich ihn ohne zu zögern einen Gentleman nennen). Als ich ihm etwas zu essen anbot, lehnte er ebenso bescheiden wie bestimmt ab, aber es schien ihm wirklich unangenehm zu sein, seinen Gastgeber enttäuschen zu müssen. Er entschuldigte sich denn auch gleich wortreich dafür, dass er nichts essen könne, aber sein Arzt hätte es ihm strikt untersagt. Man habe bei ihm Diabetes im Anfangsstadium diagnostiziert und daher sei ihm, dem Genießer, der so gerne esse, im Grunde alles verboten, was schmeckt. Sein Leben sei nicht mehr dasselbe, aber er habe sich eben zu fügen, denn wenn er seinen gewohnten Lebensstil beibehalte, wären die Konsequenzen furchtbar.

Ich empfahl ihm eine kohlenhydratreduzierte Diät und vor allem Sport. Letzterer Vorschlag löste bei ihm deutliche Irritationen aus und er sah mich an, als hätte ich ihm nahegelegt, den Diabetes mittels einer Art Exorzismus auszutreiben. Am Ende ließ er sich dann zwar nicht zu körperlicher Betätigung, doch wenigstens dazu überreden, von der Bockwurst zu kosten, die wir eigens aus Deutschland mitgebracht hatten. Vielleicht waren es aber weniger meine Überredungskünste, als vielmehr der Umstand, dass er sich nicht mehr länger zurückhalten konnte, da er doch sah, wie sich alle anderen das Essen schmecken ließen. Der wahren Versuchung kann man eben doch nicht widerstehen. Er kaute genüsslich und meinte mit verträumtem Expertenblick, ja, das seien die „echten“ Bockwürste.

Man kann auch in Ecuador deutsche Wurst kaufen, oder zumindest das, was man hierzulande dafür hält. Gleich neben dem „Supermaxi“ in Cumbayá (das ist eine der großen Supermarktketten) befindet sich ein Verkaufsstand, an dem es Bratwurst und all die wunderbaren Dinge gibt, die das Herz des Wurstliebhabers höher schlagen lassen. In Berlin würde man dazu schlicht Wurstbude sagen, aber hier ist alles eine Nummer bedeutungsschwerer, denn wer Geld hat, lässt sich nur widerstrebend mit dem gemeinen Volk auf eine Stufe herab. Der edle Anstrich ist da einfach unerlässliche Verkaufsstrategie. Die Firma, welche die Würste herstellt, heißt „Bunz“ und die deutsche Nationalflagge hinter dem Namenszug suggeriert, dass es sich bei den in Plastik eingeschweißten Würsten tatsächlich um ein deutsches Produkt handelt. Meist ist es an dem Stand so leer wie auf dem Parkplatz eines Vorstadt-Autokinos außerhalb der Spielzeit. Die Ecuadorianer sind eben doch kein Volk von Wurstessern und werden es vermutlich auch niemals sein. Nur an den Wochenenden um das Oktoberfest sieht man Kundschaft: Als wir einmal zur Oktoberfestzeit zufällig mit dem Auto vorbeifuhren, hatte sich vor dem Würstchenstand eine fröhliche Zechgemeinde versammelt. Achtzig Prozent der Anwesenden rekrutierten sich aus dem deutschen Lehrpersonal des Colegio Alemán Quito. Der Rest waren deren Partner sowie einige Schüler der Deutschen Schule.

Mein Sohn, der seinen rechten Arm für eine gute Wurst hergeben würde, fragte mich einmal, ob wir uns den Wurststand ansehen könnten. Er wolle unbedingt einmal wieder eine leckere Bratwurst essen. Ich mache mir nichts aus Wurst, aber ihm zuliebe ging ich mit. Wir schauten uns nur ein wenig um. Es war Mittagszeit, aber wir waren die einzigen an der Wurstbude. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, denn die Wurst in den Auslagen sah nicht einmal auf den ersten Blick wirklich „deutsch“ aus. Die Verkäuferin, die unseren skeptischen Blick bemerkte und deshalb sogleich beteuerte, dies sei tatsächlich deutsche Wurst, reichte uns ein paar Kostproben. Mein Sohn war enttäuscht – das sei nie und nimmer die Wurst, die er aus Berlin kenne. Und in der Tat, die Wurst schmeckte eindeutig anders. Kein Wunder, dass Hugo, der sich auskennt, mit Kennerblick urteilte, dies sei die „echte“ Wurst. Aber das waren ja auch die Würste aus der Dose, die wir aus Berlin mitgebracht hatten.

Als Nachtisch gab es Apfelkuchen mit Schlagsahne. Es war ein ganz einfacher Apfelkuchen, aber dank vorzüglicher Äpfel war er ausgezeichnet gelungen. Meine Frau kauft nur noch die Äpfel aus heimischer Produktion. Man kann im Lande auch Importäpfel kaufen, die meist aus Chile stammen und die in den großen und teuren Supermärkten manchmal fast ausschließlich angeboten werden. Die heimischen Äpfel hingeben muss man oft suchen; fast scheint es, man würde sie verstecken. Die hiesigen Sorten sehen zwar nicht so schön aus wie die rot leuchtenden chilenischen Früchte, aber sie schmecken viel besser und wenn man sie in einen Korb gibt, duftet die ganze Küche nach Äpfeln.

Unsere Gäste wunderten sich darüber, dass man Kuchen mit Schlagsahne isst. Offenbar war keiner von ihnen während der Studienzeit je zu Kaffee und Kuchen an einer richtigen Kaffeetafel eingeladen worden – Schlagsahne ist einfach ein Muss. Die hierzulande gängige Kombination ist die Dreifaltigkeit aus Kuchen, Fruchtgelatine (Götterspeise) und Eis. Das ist auch nicht schlecht und die erste Zeit nach unserer Ankunft hat meine Frau jeden Tag darin geschwelgt, als hätte sich der Himmel geöffnet. Freilich musste sie sich bald wieder zügeln, denn das schlechte Gewissen und die Angst vor dem Hüftgold waren mächtiger als die Versuchung. Einige der Gäste waren so begeistert von der Kombination Kuchen und Schlagsahne, dass sie mich regelrecht mit der Frage bestürmten, wie man etwas so Leckeres zubereite. Ich sagte es ihnen und sie staunten, wie simpel es ist. Dann luden sie sich noch mehr Kuchen auf die Teller und schaufelten ganze Berge von Schlagsahne darüber. Ich hatte reichlich davon bereitgestellt, aber ich hätte sie vorher vielleicht warnen sollen, dass zu viel davon brachial auf die Hüften schlägt.

Irgendwann gegen Ende, nach zwei Stunden, in denen die Zeit zuweilen in peinlichem Schweigen eingefroren schien, kam der Teil mit den Reden – kein offizieller Anlass ohne Rede, und dies war nun sozusagen ein offizielles Treffen der DDR-Stipendiaten und also mussten Reden gehalten werden: Reden, die ermuntern; Reden, die Mut machen; Reden der Ermahnung. Es wurde viel davon gesprochen, dass man zwar am Anfang eine schwere Zeit durchmache, aber dafür am Ende umso besser leben werde. Ich denke, das mag zutreffen für jemanden, der mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit hatte, sich sein Leben in diesem Land einzurichten. Wir aber sind hier auf Abruf: Der Arbeitsvertrag meiner Frau, von dem unser aller Auskommen abhängt, wird mit Sicherheit enden und eine echte berufliche Perspektive ist nicht zu erkennen, weder für sie, noch für mich. Der Verweis eines Redners auf sein eigenes Leben – die ersten Jahre seien so hart gewesen, dass man oft nicht einmal genug zu essen gehabt hätte –, ist für jemanden, der hierher kommt, um es besser zu treffen, keine echte Ermutigung. Ich bin zwar kein großer Esser, aber muss es denn gleich Hunger sein?

Zieht man den materiellen Wohlstand als Maßstab heran, dann haben es die Ex-Kommilitonen fast alle gut getroffen. Doch dass wir bei Null anfangen, ist nur dann richtig, wenn man die ecuadorianische Seite betrachtet, denn schließlich hatten wir ja auch ein Leben in Berlin und wir haben es sogar immer noch; es hat nur im Augenblick seine Vitalfunktionen auf ein Minimum reduziert, als hielte es Winterschlaf. Es heißt immer so schön, man könne nicht gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen: Die meisten der Anwesenden haben in Deutschland nichts oder nicht viel zurückgelassen. Ihr Lebensmittelpunkt und alles, was sie sich in den Jahren darum geschaffen haben, liegt in Ecuador. Wir hingegen ließen das Inventar unserer Existenz in Berlin zurück; in Ecuador haben wir nichts. Es wäre ideal, könnte man seine Zeit aufteilen – eine Hälfte des Jahres hier in den Tropen, die andere in Berlin (zumindest würde man so dem langen kalten Winter entgehen). Aber man lebt ja nicht nur von Sonne, Meer und Strand und nur selten hat man das Glück, dass sich die Erfordernisse des Alltags aufs Beste mit den Träumen vom Glück vertragen, die einem wie ein unerfüllbares Vermächtnis anhängen.

Bei mir richtet sich immer ein wenig der innere Stachelpanzer auf, wenn ich jemanden moraltriefende Ratschläge erteilen höre: Sicher, meine Frau stammt aus Ecuador, aber deshalb gleich zu behaupten, ihr Platz sei hier und nur hier, weil dies nun einmal ihre Kultur ist, erachte ich als etwas vermessen, zumal diejenigen, die so sprechen, meine Frau kaum gut genug kennen, um sich eine derartige Feststellung erlauben zu dürfen. Und schließlich gab es gute Gründe, die sie einst veranlassten, aus diesem Land fortzugeben.

Es ist wohl wahr, dass man nicht aus seiner Haut heraus kann; ein Teil von einem bleibt sich immer treu und sehnt sich nach dem Vertrauten und nach einer Vergangenheit, die mit dem Abstand von Jahren als immer schöner empfunden wird. Doch daraus abzuleiten, dass es nur einen Platz geben könne, an dem es sich zu leben lohnte, weil man nur dort glücklich werden kann, scheint mir ein Trugschluss. Entspräche dies der Wahrheit, hätten sich die Menschen nicht zu allen Zeiten auf die gefahrvolle Reise zu den entferntesten Orten der Welt begeben, um dort das Glück zu suchen. Manche haben es gewiss gefunden, anderen ist nur die blanke Verzweiflung begegnet. Ich weiß nicht, was uns auf dieser Reise noch widerfahren wird, aber ich hoffe das Beste und ich vertraue darauf, dass stets nur die Wünsche wahr werden können, deren Erfüllung man am meisten ersehnt.

Was mir fehlt

Wenn man in ein anderes Land reist, entdeckt man Dinge, die man vorher nicht gekannt hat, macht Erfahrungen, die man nie gemacht hätte, wenn man daheim geblieben wäre, sieht, was man noch nie zuvor gesehen hat. Man erlebt etwas Neues. Manchmal sind die neuen Eindrücke schön und man freut sich, dass man den großen Schritt ins Abenteuer gewagt hat; manchmal sind sie es aber nicht und man bereut, dass man die Sicherheit und die Bequemlichkeit des eigenen Heims verließ und man fragt sich, warum man nicht auf die innere Stimme gehört hat, die einen immer wieder mahnte, zuhause zu bleiben. Ich glaube, ganz gleich, ob man gute oder schlechte Erfahrungen macht – Menschen brauchen Erfahrungen, damit sie wachsen können und damit sie sich vervollkommnen als Menschen. So schmerzlich der Abschied vom Vertrauten, vom Gewohnten, auch von der Bequemlichkeit sein mag, der Reisende wird mehr als jeder andere mit einem neuen und reicheren Leben belohnt.

Wenn man in ein anderes Land reist, lässt man auch immer etwas zurück und das ist nicht wenig: die Familie, Freunde, den Bekanntenkreis. Man verlässt Orte, die einem etwas bedeuten, wie die eigene Wohnung mit dem Zimmer, in dem das erste Bettchen des Sohnes stand. Die Straßen und Plätze, auf denen man tausendmal entlangging, ohne dass man daran einen einzigen Gedanken verschwendet hätte, sind verschwunden, und doch sind sie weiter da, denn längst sind sie Teil der Topografie des Gedächtnisses. Man verlässt jene Orte, an denen man mit den Menschen, die man liebt, Zeit verbracht hat, und tauscht sie gegen andere Orte, die einem nichts bedeuten. Wenn man auch dem Leben durch Erfahrungen etwas Neues hinzugewinnt, so verliert man doch auch immer ein kleines Stück davon. Und nach und nach geht alles dahin und was bleibt, ist Erinnerung.

Aber es sind ja nicht nur die ernsten und bedeutsamen Dinge im Leben, die man vermisst, und die einen ganz sentimental werden lassen, wenn man erst einmal angefangen hat, darüber nachzudenken. Oft ist es etwas ganz und gar Triviales, das gar nicht den Anschein erweckt, als wäre es wichtig in so einem Leben. Man merkt oft erst, wie sehr man diese kleinen Dinge vermisst, wenn man sie nicht mehr hat, und manchmal wird einem sogar dann erst bewusst, dass es sie überhaupt gibt. Es kommt vor, dass man sich nichts anderes mehr wünscht – als hinge das Leben von jenen Nebensächlichkeiten ab. Es sind oft die kleinen unersetzbaren Dinge, die darüber entscheiden, ob wir uns heimisch fühlen oder nicht, ob wir geneigt sind, unsere Zukunft als hoffnungsvoll zu empfinden, oder ob wir verzagen.

Ich vermisse meine Bibliothek. Viele Bücher haben wir im Container nach Ecuador geschickt. Aber das ist natürlich immer nur eine Auswahl, die dem Muster folgt: Welche Bücher würde ich auf eine einsame Insel mitnehmen. Das sind dann zumeist jene, die man sich irgendwann einmal gekauft hat, weil man den drängenden Wunsch verspürte, sie zu lesen, aber am Ende haben einen die Querelen des Alltags oder schlicht Müdigkeit davon abgehalten, sie überhaupt nur aufzuschlagen. Ich habe einige Bücher, die seit Jahren bei mir im Regal stehen, aber noch immer in Plastik eingeschweißt sind. Ein Besucher fragte mich einmal ungläubig, ob ich all die Bücher, die sich in den Regalen stapeln, wirklich gelesen hätte. Natürlich nicht, denn zuallererst kauft man ja Bücher, um sie zu besitzen. Das fühlt sich so an, als würde man einen Schatz erwerben, der nur darauf wartet, gehoben zu werden. Und die Vorfreude ist nicht selten größer als das Vergnügen des Lesens selbst. Zwar habe ich auch jetzt einen kleinen Bestand an Büchern um mich, aber es ist doch etwas anderes, in einer gemütlichen Bibliothek zu sitzen, aufs Geratewohl ins Regal zu greifen und einfach zu lesen, wozu man sich aus einer Laune heraus hinreißen lässt. Wenn die Stimmung danach ist, liest man sich fest und man merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Dazu ein Glas Port und die Welt war niemals näher am Zustand der Perfektion.

Merkwürdigerweise seht man sich immer nach Essen. Anscheinend prägen sich Geruch und Geschmack dem Gedächtnis schärfer als alle anderen Sinneswahrnehmungen ein, und es mag sein, dass es unmöglich ist, sie je wieder zu vergessen. Welche Speisen uns einmal beglückt haben, daran erinnern wir uns ein Leben lang, und wer hätte sich nicht schon einmal förmlich nach seiner Lieblingsspeise verzehrt, nachdem er sie lange entbehren musste.

Ich vermisse Schafskäse. Im ganzen Land – und ich bin mir nicht sicher, ob auf dem ganzen Kontinent – gibt es anscheinend nicht einen Ort, an dem man Schafskäse kaufen könnte. Was würde ich nicht geben für ein Stück Feta oder bulgarischen Schafskäse! Doch hier bekommt man immer nur Queso fresco; das ist ein aus pasteurisierter Kuhmilch hergestellter Weichkäse mit der Konsistenz von Mozzarella. Eigentlich schmeckt dieser Käse nach gar nichts, man hat manchmal sogar den Eindruck, man kaue auf einem Stück Radiergummi herum. Ich weiß nicht, warum er sich hierzulande so großer Beliebtheit erfreut. Gereifte Käse sieht man hingegen nur selten und wenn, sind sie unvorstellbar teuer – kein Vergleich mit den Preisen in deutschen Supermärkten, ja selbst mit denen in deutschen Edelfeinkostläden.

Es gibt auch europäische Käse zu kaufen, vor allem in den teuren Verbrauchermärkten und in Feinkostläden, aber man kann sich durchaus vorstellen, dass zum Beispiel ein bescheidenes Stück Roquefort ein Loch von der Größe eines Atombombenkraters in die Geldbörse reißt. Einmal waren wir auf einem Biomarkt, der immer am Wochenende in einer der feineren Einkaufspassagen Cumbayás abgehalten wird. Man muss durchaus fragen, ob alles, was als Bio etikettiert ist, auch wirklich nur Bio enthält. Aber ich bin kein fanatischer Bio-Verfechter und würde mich nicht daran stören, wenn es nicht so wäre. Zumindest gab es Käse nach europäischer Art, aber aus einheimischer Fabrikation, und auch gute Salami, die man hier im Lande sonst nirgends kaufen kann. Die Produkte sahen aus, als wären sie in kleinen Manufakturen oder sogar in Heimarbeit hergestellt worden und sie schienen weit entfernt vom üblichen Industriestandard. Wir nahmen Kostproben – lecker! Der Hartkäse, den wir probierten, erinnerte an Parmesan und war wirklich gut, über Spaghetti Alfredo oder in einer Lasagne einfach perfekt. Doch ein flaches Stück, nicht größer als ein Handteller, kostete sieben Dollar. Bei diesen Preisen überlegt man wirklich zweimal, ob man noch einmal abbeißt.

Eigenartig ist, dass ich Roggenbrot gar nicht vermisse. Das würde man aber von einem Deutschen erwarten und wenn man die Expatriates fragt, bekommt man unisono zu hören, dass es das deutsche Roggenbrot sei, dass sie vermissten. Vielleicht ist das aber nur ein Klischee. Roggen ist hierzulande wirklich etwas Exotisches und sehr viel schwerer zu finden als etwa Quinoa in Berlin (mittlerweile gibt’s Quinoa sogar im Supermarkt um die Ecke). Ich glaube, die meisten Leute hier haben noch nie von Roggen gehört und dass man daraus Brot backen kann, würde ihnen höchst merkwürdig erscheinen, geradezu barbarisch. So etwas wie Roggenmischbrot sucht man denn auch vergeblich. Zwar kann man sogenanntes Pan integral kaufen – das ist eine Art Vollkornbrot –, doch darf man sich nicht allzu große Hoffnungen machen, denn Brot wird hierzulande immer aus Weizen gebacken, auch Pan integral. Ich fürchte, die schöne dunkle Farbe mancher dieser Brote, deren wertvolle Bestandteile als besonders gesund angepriesen werden, stammt vom Malzzucker.

Richtiges, gutes Roggenbrot und dazu noch von einem deutschen Bäcker gebacken (wenn das nichts heißen will!), kann man im Bioladen in Cumbayá kaufen. Das ist zwar kein ganz billiges Vergnügen (fünf Dollar kostet der Laib), aber wenn es einen eben danach verlangt, was interessiert da schon schnöder Mammon! Ich bin kein großer Vollkorn-Fan, in Berlin war ich es nicht und hier werde ich nicht zu einem werden, und deshalb stört es mich auch nicht, dass Schrot- und Vollkornbrot hierzulande unbekannt sind. Meine Frau jedoch leidet regelrecht darunter, denn als wir noch in Berlin lebten, ernährte sie sich im Grunde von nichts anderem als den schweren Körner-Laiben aus der Bio-Bäckerei.

Ich vermisse das Roggenmischbrot, das mancherorts Graubrot genannt wird, und das vertraute Mundgefühl des Sauerteigs – Brote lässt man hier ausschließlich mit Hefe gehen, Sauerteig scheint dagegen unbekannt. Mit Hefe erreicht man lange nicht die Textur und die Komplexität der Aromen des Sauerteigs. Vielleicht versuche ich, selbst einen Sauerteig herzustellen. In Texas und in Berlin ist es mir einige Male sehr gut gelungen. Sauerteig zu machen, ist nicht schwer, denn im Grunde rührt man einfach nur Mehl und Wasser zusammen und wartet, bis die Pampe anfängt zu blubbern. Das kann einige Tage bis Wochen dauern. Ich habe aber gehört, dass den Hefen in den Tropen dieses Kunststück manchmal nicht so recht gelingen will. Vielleicht machen sie Siesta. Es käme auf einen Versuch an.

Merkwürdig ist, dass man Gerste im normalen Supermarkt kaufen kann, und zwar nicht etwa geschrotet oder zu Mehl vermahlen, sondern als Körner. Ich wüsste nicht, wozu man Gerstenkörner in einer normalen Haushaltsküche verwenden könnte. Gerste ist den Leuten hier noch eher vertraut als Roggen, denn man weiß natürlich, dass sie ins Bier gehört. Wozu man aber die Gerstenkörner noch nutzt, bleibt ein Rätsel. Meine Frau, die übrigens von hier stammt, musste ebenfalls passen.

Was ich noch vermisse? Portwein. Vielleicht gibt es im Land welchen zu kaufen, aber ich möchte lieber nicht nach Preisen fragen. Und wahrscheinlich muss man mit dem fast schon obligatorischen Sandeman, den man selbst in den weniger gut sortierten deutschen Supermärkten findet, Vorlieb nehmen. Einen Late Bottled Vintage Port wird man wohl eher nicht antreffen und dass man irgendwo auf eine Auswahl der Weine verschiedener Hersteller trifft, halte ich für ausgeschlossen.

Neulich sah ich im Supermaxi (das ist eine der teuren Supermarktketten) in der Abteilung für Spirituosen eine Flasche Jägermeister. Der Preis ließ mich fast aus den Latschen kippen – für den klebrigen Kräuterlikör wurden tatsächlich 72 Dollar verlangt. Etwas weiter, aber noch im selben Regal, stand der Bailey´s: über sechzig Dollar kostete die Flasche. Wenn man sich preiswert betrinken wollte, müsste man schon zum einheimischen Billigfusel greifen. In einigen Gegenden, in denen der Zuckerrohranbau Tradition hat, soll es auch guten Rum geben. Ein Abstecher könnte sich lohnen.

So weit ich sehen konnte, war das einzige, das etwa genauso viel wie in Deutschland kostete oder sogar noch um weniges preiswerter war, kubanischer Rum aus den staatlichen Destillerien. Die Flasche Black Rum, sieben Jahre in Eichenfässern gelagert, war für etwas mehr als dreißig Dollar zu haben – diesen Preis würde man durchaus auch in Berlin erwarten dürfen. Vielleicht kaufe ich mir eine Flasche, denn verschiedene Male gelang es uns, ein großartiges Gingerale herzustellen (Ingwer gibt es massenhaft zu kaufen, obwohl die Wurzel in der traditionellen einheimischen Küche keine Verwendung findet – ein weiteres der vielen ungelösten Rätsel dieses Landes). Zusammen mit einem Schuss gutem dunklen Rum wird das Ale zu „Dark and Cloudy“ veredelt, dem Longdrink der Skipper und Weltumsegler. Bis ich wieder eine gute Flasche Port genießen kann (vielleicht zusammen mit einem englischen Käse, einem Blue Stilton etwa), wird aber wohl noch eine ziemlich lange Zeit vergehen müssen. Doch ich bin geduldig, wie der Port, der auf mich wartet und der ja erst ein paar Jährchen reifen muss. Wenn der Wein warten kann, kann ich es auch.

Ich vermisse Käsekuchen. Ich könnte Cheesecake backen, den ich auch sehr mag, ja, nachdem ich geradezu süchtig bin, denn Creme Cheese (Queso crema, Frischkäse) bekommt man in allen Supermärkten. Aber das ist nicht dasselbe, auch wenn ich das samtig weiche Mundgefühl dieses Kuchens liebe. Deutscher Käsekuchen ist Teil meiner ältesten Erinnerungen und ein Stück Heimat sowieso. Außerdem liebe ich Käsekuchen einfach, am besten noch warm – wer kann da schon widerstehen. Leider bekommt man hierzulande keinen Quark. Das scheint etwas so Exotisches zu sein wie mancherorts frittiertes Meerschweinchen (Cuy asado) oder ganze Hühnerfüße, die in einer Suppe schwimmen (der Kenner lutscht gern die geleeartige Haut von den Knochen). Das wäre aber noch keine Tragödie, wenn es wenigstens Buttermilch gäbe, die man braucht, um Quark herzustellen. Doch bisher ist es mir nicht gelungen, irgendwo welche aufzutreiben. Schade, sehr schade. Allerdings gibt es Molkereien im Lande und vielleicht würde es sich lohnen, die Milch frisch von ihnen zu beziehen, denn anders als H-Milch lässt sie sich zu Quark verarbeiten; H-Milch ist dazu völlig ungeeignet, nur wird sie in den Geschäften ausschließlich angeboten.

Es ist schon verrückt: Ecuador ist ein Land, in dem die traditionelle Landwirtschaft viel verbreiteter ist als in Europa, aber die Leute bevorzugen die Lebensmittel nach Industriestandard aus dem Supermarkt, weil sie glauben, diese seien besser. Nur wer zu arm ist, um in den Supermärkten einzukaufen, geht auf den Wochenmarkt. Viele Ecuadorianer, der es sich leisten können, woanders zu kaufen, empfinden diese Märkte als unhygienisch, und auch mancher deutsche Einwanderer bekommt bei der Vorstellung, von dort Lebensmittel zu beziehen, eine Gänsehaut. In Berlin scheint demgegenüber die Welt auf dem Kopf zu stehen: Wer es sich leisten kann, kauft auf Biomärkten ein, weil er dort die vermeintlich frischere und gesündere Ware, Erzeugnisse aus traditioneller Landwirtschaft, zu bekommen hofft. Das Volk geht zu Aldi, Lidl oder Netto, die mit Schnäppchen und Schnäppchenpreisen locken. Den Leuten hierzulande würde es nur ein ratloses Stirnrunzeln entlocken, wenn sie sähen, dass es Menschen gibt, die unansehnliches Gemüse für viel Geld auf dem Markt kaufen.

Apropos: Wir kaufen auf dem Markt ein, sooft es möglich ist. Wir – das heißt eigentlich nur meine Frau, denn sobald die Händler mich entdecken, verdoppelt sich automatisch der Preis. Anscheinend befiehlt ihnen irgendein ungeschriebenes Marktgesetz, dass sofort der Gringo-Aufschlag erhoben werden muss, wenn jemand mit heller Haut und blauen Augen durch die Tür tritt. Ich lasse meine Frau immer allein auf den Markt gehen und sie will meist auch gar nicht, dass ich mitkomme; ich bin ihr wirklich keine große Hilfe, zumal sie, anders als ich, nicht die geringste Scheu hat, erbarmungslos mit den Händlern zu feilschen – ein Talent, das mir völlig abgeht. Manchmal ist es schon direkt peinlich, wie sie den Preis einer ohnehin schon preiswerten Ware auch noch zu drücken versucht. Aber hierzulande muss man sich fürs Feilschen nicht schämen, denn einfach jeder versucht noch irgendwie etwas für sich herauszuholen, und wenn es nur ein paar Cents sind. Wer noch nicht erlebt hat, wie Handeln wirklich funktioniert, muss meiner Schwiegermutter zugucken! Diese Frau hat noch jeden Händler in den Wahnsinn getrieben, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, eine Ware zu kaufen, aber den Preis als unverschämt hoch empfindet. Am Ende hat sie noch immer ihren Willen bekommen – Hauptsache, sie geht und kommt nie wieder, niemals!