El país de los locos

Als wäre Titan ein Kosmonaut vor einer wichtigen Weltraummission, besuchen ihn am Abend vor dem Start seine zwei Leibärzte. Man überzeugt sich ein letztes Mal, dass er in guter Verfassung ist, dass die Papiere vollständig sind und dass die Transportbox ordnungsgemäß für die Reise präpariert ist. Titan wird in dem Behältnis verstaut und die Ärzte nehmen ihn für eine letzte Untersuchung mit in die Klinik. Nach zwei Stunden ist er wieder da. Als er uns sieht, ist er aus dem Häuschen, als wäre er gerade wieder auf der Erde gelandet, glücklich zurückgekehrt aus den Weiten des Alls.

Ich beginne mir Sorgen zu machen, wie er wohl reagieren wird, wenn er allein den Ozean überquert. Damit er sich nicht einsam fühlt, empfehlen die Ärzte, ich solle auf einer Decke schlafen, die er dann mit auf die Reise nimmt. Der vertraute Geruch werde ihn beruhigen. Ich wickle mir also ein Badetuch um den Bauch und verbringe die Nacht damit. Am Tage des Abflugs bereite ich Titan daraus ein gemütliches Nest und der Hund legt sich sogleich hinein.

Auf dem Flughafen checkt Titan zusammen mit den menschlichen Passagieren ein, doch die Abfertigung nimmt mehr Zeit in Anspruch als bei allen anderen, viel mehr. Dies wäre nicht Ecuador, wenn ein missgünstiges Schicksal nicht noch in den verbleibenden Tagen versuchte, uns mit aller Macht auch den letzten Rest guter Laune auszutreiben: Anlässlich seiner letzten Visite hatte uns der Tierarzt noch einmal versichert, dass die Airline für die Überführung eines Hundes nach Deutschland nie mehr als zweihundert Dollar verlange. Der Arzt sprach mit einem Ernst, als leiste er eine Art Offenbarungseid. Er sagte, er mache diesen Job schon viele Jahre, aber noch nie, wirklich noch nie, sei es vorgekommen, dass jemand mehr als die genannte Summe für ein Ticket bezahlt habe. Wir nehmen seine Versicherung fast als Schwur, aber bekanntlich ist man auf See und vor Gericht in Gottes Hand. Man könnte noch hinzufügen: beim Check-in auf einem Flughafen.

Wir melden Titan beim Check-in an und übergeben artig die Papiere, die das Pendant eines Transitvisums darstellen. Ohne sie wäre es dem Hund gar nicht gestattet, die Reise anzutreten. Alles läuft wie am Schnürchen und eigentlich bleibt als letzter Akt nur noch, das Ticket zu bezahlen. Ich halte die Summe – sorgfältig abgezählt und penibel sortiert – schon einmal bereit. Präsident Andrew Jackson strahlt siegesgewiss von den druckfrischen Scheinen. Im Vorgefühl stiller Befriedigung sehne ich den Augenblick herbei, da die Airline-Mitarbeiterin vom Counter aufsieht, mir ihr schönstes Lächeln schenkt und die Worte „zweihundert Dollar“ spricht.

Dann ist der Augenblick gekommen und die Angestellte sieht mir tatsächlich in die Augen. Sie lächelt mich an, wie das Aufsichtspersonal auf derartigen Massentransporten das Frachtvieh nun einmal anlächelt. Die Luft zwischen uns ist elektrisiert und ein euphorisches Gefühl der Vorfreude jagt Schauder des Glücks durch meinen Körper. Ihre Lippen formen die Worte wie in Zeitlupe. Sie sagt: „Vierhundert Dollar“.

Ich höre gar nicht, was sie sagt, oder vielmehr höre ich, was ich hören will: Im Vorgefühl des Triumphes habe ich meinen Geist mit solch fanatischer Ausschließlichkeit auf die Zahl „Zweihundert“ konditioniert, dass ich jetzt genau das höre, was ich zu hören erwarte. Ich gebe ihr die Scheine mit derselben naiven Arglosigkeit, mit welcher der arme Paris einst Aphrodite den Apfel gab. Sie zählt das Geld einmal und dann noch einmal und dann auch noch ein drittes Mal. Dies seien zweihundert Dollar, stellt sie fest. Richtig! Ihr Lächeln hat gedreht von freundlich zu irritiert.

Ich begreife noch immer nicht, was sie eigentlich von mir will. Erst als sie mir detailliert auseinandersetzt (wie man einer Person mit geistig eingeschränkter Kapazität einen einfachen Sachverhalt eben auseinandersetzt), dass das Ticket für den Hund vierhundert Dollar koste, wird mir klar: Ich habe zu wenig Geld. Es sei richtig, so lasse ich mich belehren, dass ein Flugticket tatsächlich zweihundert Dollar koste. Nur erfolge in Amsterdam eine Zwischenlandung – leider. Ich verstehe rein gar nichts, doch die Airline-Angestellte erklärt dem Hilfsschüler mit aller gebotenen didaktischen Kunstfertigkeit, dass das erhöhte Beförderungsentgeld seine Richtigkeit habe: An und für sich sei der Zwischenaufenthalt im Ticket-Preis enthalten und zwar bis zu einer Dauer von zwei Stunden. Ich prüfe den Flugschein. Titan wird in Amsterdam zwei Stunden und exakt fünf Minuten verweilen.

Da stellt sich die Frage, worin der Unterschied zwischen zwei Stunden und zwei Stunden und fünf Minuten besteht – abgesehen natürlich von den dreihundert Sekunden. Die Airline-Mitarbeiterin fährt mit ihren Erklärungen fort, als sei sie ein Sprechautomat. In ihrem schicken roten Kostümchen vermittelt sie den Eindruck, dies wäre ein Verkaufsgespräch in der Filiale eines Anbieters für Luxusjachten und in diesem Augenblick sei sie gefordert, ihre ganze fachliche Kompetenz auszuspielen, um der zwar solventen, aber etwas beschränkten Kundschaft zu erklären, warum Sanitärarmaturen aus Massivgold nur gegen Aufpreis zu haben seien (und vor allem, warum sie im Falle einer Havarie bis auf den Grund des Meeres sinken): In Amsterdam müsse ein Hunde-Hotel gebucht werden. Das Hotel werde pauschal mit zweihundert Dollar berechnet.

Zweihundert Dollar für fünf Minuten? Ich erwarte das Burj Khalifa für Hunde: goldene Fressnäpfe in denen livrierte Hoteldiener der verwöhnten Kundschaft Tartar aus der Lende des Kobe-Rindes darreichen, Hundedecken aus Vicuña-Wolle und Beißspielzeug aus Narwalelfenbein. Doch die Zeit in Amsterdam würde nicht einmal ausreichen, um einen gepflegten Joint zu rauchen, geschweige denn, um ein- und wieder auszuchecken. Ich bezweifle, dass man den Hund erst umständlich ins Hotel chauffiert. Wahrscheinlich lässt man ihn gleich in seiner Transportkiste und macht sich mit den zweihundert Dollar einen schönen Nachmittag im Coffee-Shop.

Wozu braucht man Logik, wenn es doch Bestimmungen gibt: Die Airline bleibt stur und besteht auf dem erhöhten Beförderungsentgeld. Meine Frau, deren Nervenkostüm nach einem Jahr Ecuador so löchrig ist wie ein Schwamm, möchte dem Sprechpüppchen in der adretten erdbeerfarbenen Uniform die Unverschämtheit nicht unkommentiert durchgehen lassen. Ich habe plötzlich Captain Picard vor Augen, als er in einem Moment beispielloser Erregung schwört, seinem Erzfeind, den Borg, mit brutaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die Reaktion meiner Frau ist von der des Captains nicht weit entfernt – sie verlangt die Vorgesetzte zu sprechen. Die Supervisorin steht nur fünf Meter entfernt und während sich die Lautstärke des Wortgeplänkels nach Art eines Crescendos steigert, lässt sie über ihre Untergebene mitteilen, sie sei im Augenblick beschäftigt und habe keine Zeit: Sie ordnet Stapel von Formularen, die aussehen, als wären sie von jemandem mit schwerem Ordnungszwang bereits sortiert worden.

So viel Impertinenz verlangt nach Vergeltung. Meine Frau, durchaus erregt über diese Unverfrorenheit, will wissen, wie die Mitarbeiterin heißt, doch sie trägt kein Namensschild an ihrer schmucken Uniform und ihren Namen würde sie wahrscheinlich nicht einmal unter der Folter preisgeben. Ich kann sehen, wie sie auf ihren Lippen herumkaut. Sie ist nun sehr still geworden, das stereotype Lächeln ist ihr wie aus dem Gesicht gewischt.

Für Situationen wie diese gibt es immer einen, der eigens dazu angestellt ist, sich der Probleme anzunehmen, mit denen sich sonst niemand abgeben mag. Er ist sozusagen der Prügelknabe des Unternehmens, der Kloppi, der Dummie, der die Schläge einstecken muss, die eigentlich den Ohrfeigengesichtern in der Chef-Etage gebühren. Er ist die letzte Person, die man sieht, bevor man von der Haus-Security vor die Tür gesetzt wird.

Der Mann, der uns sogar seinen vollständigen Namen nennt, hört sich unser Problem ruhig an. Sehr gekonnt heuchelt er Verständnis – wahrscheinlich wurde er eigens darin geschult, aufgebrachte Kunden mit einem hypnotischen Sermon aus Entschuldigungen und Plattitüden einzuschläfern. Mit der Geschmeidigkeit eines gewieften Diplomaten bringt er immer neue und vor allem vollkommen nichtssagende Höflichkeitsfloskeln vor. Sie dienen nur dazu, unseren Zorn wie ein Blitzableiter von dem Unternehmen abzulenken, das solch einen cleveren Krisenunterhändler beschäftigt.

Ein Gespräch mit ihm nützt ungefähr so viel wie ein Tauchschein auf der Titanic: Er bedauere sehr, nichts weiter für uns tun zu können, aber die Gesellschaft könne uns die zweihundert Dollar für das Hunde-Hotel leider nicht erlassen. Er beruft sich auf die Transportbestimmungen und diese ließen nun einmal keine Ausnahmen zu. Wir könnten auch mit dem Computer des Self-Check-in sprechen, vielleicht würde uns die seelenlose Maschine sogar zuhören. Wir finden, da man sich auf die AGBs beruft, sei es nicht zu viel verlangt, wenn man sie uns auch einmal zeigte. Leider erweist es sich als gar nicht so leicht, eine Kopie der Beförderungsbestimmungen zu beschaffen. Wir müssen dem Wort des Unternehmens vertrauen, doch wann hätte man je davon gehört, dass weltweit operierende Konzerne Kunden belügen.

Für den übrigen Teil verfährt man nach der Devise „Friss oder stirb“: Wir können das Ticket kaufen oder es sein lassen. Von Kundenfreundlichkeit oder gar Kulanz scheint man noch nie gehört zu haben. Dem Unternehmen muss es wirklich schlecht gehen, wenn es schon darauf angewiesen ist, lächerliche Summen mit erpresserischer Härte einzutreiben. Insgeheim wünsche ich, der ganze Laden möge nur ja schnell pleite gehen.

Während sich die Auseinandersetzung Runde um Runde hinzieht wie ein Schwergewichtsboxkampf zwischen zunehmend angeschlagenen Rivalen, suchen der Hund und ich uns ein ruhiges Plätzchen und warten ab. Titan sitzt friedlich in seiner Box und nur manchmal gibt er einen Laut von sich, der an ein leises Wimmern erinnert. Vielleicht ahnt er, was ihm bevorsteht. Die Crew einer niederländischen Fluglinie kommt zufällig des Wegs. Obwohl ich beileibe kein Zwerg bin, überragt mich jedes einzelne der Crewmitglieder in den schneidigen blauen Uniformen um mindestens einen halben Kopf. Unter den kleinwüchsigen Ecuadorianern nehmen sich die großen blonden Menschen aus wie eine Schar Elben, die sich in ein Dorf der Hobbits verirrt hat.

Die Crew sieht den Hund in seiner Box und als würde Titan fühlen, dass dies die letzte Chance ist, seinem Schicksal doch noch zu entgehen, fängt er plötzlich an, herzzerreißend zu heulen. Die Stewardessen gehen zu ihm und trösten das Tier, das vor Aufregung zittert. Sie streicheln den Hund und sprechen mit ihm, wie man nur mit Hunden und Kindern zu sprechen pflegt. Ich glaube, am liebsten hätten sie ihn mit ins Cockpit genommen. Der Hund gibt sich so lieb und anhänglich, dass man ihn auf der Stelle behalten will. Doch der Flug ist schon gebucht und auch die Crew muss weiter.

Nach einer Weile ist am Check-in der tote Punkt erreicht: Meine Frau hat sich an der Sturheit der Fluggesellschaft abgearbeitet wie ein Fighter an einem schweren Sandsack. Nun ist sie stehend k.o. Die Lust auf eine weitere Runde ist ihr vergangen. Doch sie schwört, diese Demütigung werde ein Nachspiel haben. Die Mitarbeiter am Counter zeigen sich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hören sie solche Schwüre alle Tage und gewiss bekommen sie auch noch alle möglichen Flüche zu hören, bevor die Querulanten von der Security abgeführt werden.

Dann checkt der Hund ein. Ein Airport-Angestellter kommt mit einem Gepäckwagen, lädt die Transportbox auf und in wenigen Augenblicken ist Titan fort, verstaut im Bauch eines Flugzeugs. Kaum zwei Stunden später ist er schon über dem Atlantik. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache mit dem Hunde-Hotel nur ein Witz war, aber als Titan in Berlin eintrifft, wirkt seine Box unberührt. Es scheint, sie wäre während der ganzen Reise nicht einmal geöffnet worden. Der Hund hat ganze vierzehn Stunden darin zugebracht und während dieser Zeit hat er nicht einmal Wasser bekommen. Das hochqualifizierte Fachpersonal der Airline hat den Trinknapf außen am Käfig angebracht. Nicht einmal der cleverste Schlossknacker und Ausbrecherkönig hätte ihn dort erreichen können. Aber vielleicht war der Hund ja gar nicht durstig, weil er sich in der Bar seines Hotels mit Cocktails abgefüllt hat.

Titan ist solch ein tapferer Hund. Während der ganzen Zeit hat er nicht einmal in seine Box gemacht. Ein Mensch hätte es wohl kaum so lange ausgehalten. Als man ihn in Berlin endlich befreit, läuft er ein wenig herum, beschnüffelt alles neugierig und tut dann, was Hunde zu tun pflegen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nimmt er die Stadt in Besitz, indem er seine Marke setzt. Wir verlassen das Land zwei Tage später, doch so besitzergreifend wie der Hund sind wir natürlich nicht. Im übrigen gehört uns Berlin ja bereits …

Nachspiel

Viel später versuche ich, bei der Fluggesellschaft die Kosten für das Hunde-Hotel zu reklamieren. Natürlich ist man nicht so dumm, eine Hotline zu unterhalten, bei der Krethi und Plethi anrufen und unverschämte Forderungen stellen könnte. Aber immerhin findet sich auf der Web-Präsenz des Unternehmens eine versteckte Unterseite für Beschwerden. Mit wachsender Verzweiflung klicke ich mich durch die verschiedenen Untermenüs, mit denen man Unruhestifter wie mich in Schach zu halten versucht. Am Ende der Odyssee lande ich in einer Beschwerde-Kategorie. Es ist für das Unternehmen sicher sehr praktisch, wenn man die Quertreiber gleich vorsortieren kann. Ein Fenster öffnet sich und ich darf eine Nachricht hinterlassen.

Schon drei Wochen später erhalte ich Antwort. Es ist ein vorgefertigter Serienbrief, in dem man mich höflich bittet, die Website des Unternehmens aufzusuchen und die Art der Beschwerde zu konkretisieren. Offenbar spielt es keine Rolle, dass ich genau das bereits getan habe. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die leitenden Angestellten der großen Firmen gar keine echten Menschen, sondern bloß Bots, die sich hinter menschengestaltigen Avataren verstecken.

Ganz allmählich beginne ich zu begreifen, dass der Wahnsinn nicht nur in Ecuador zuhause ist (wahrscheinlich hat sich das Virus aber von hier, dem Infektionsherd, erst weltweit ausgebreitet – mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaften). Ich bin mir plötzlich auch nicht mehr so sicher, wo die Heimat der Verrückten eigentlich zu finden ist. Aber irgendwo müssen all die Irren ja herkommen, die einem pausenlos das Leben vermiesen wollen. Ich habe das Gefühl, es gibt gar keinen Ort namens País de los locos. Und wenn ich mich irren sollte und doch so etwas wie das Land der Verrückten existiert, ist es vielleicht nur in uns selbst zu finden, und es ist immer dort, wo auch wir sind, ganz egal, wohin der Wunsch, ihm zu entfliehen, uns auch führen mag.

Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

In Quito

Quito empfing uns nicht wie üblich mit azurblauem Himmel und Schäfchenwolken, sondern Grau in Grau. Der ecuatoriansche Zoll – der strengste der Welt – ließ uns dafür aber merkwürdigerweise ungeschoren davonkommen (nicht, dass wir etwas zu verbergen gehabt hätten). Aber in der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass wir aus Gründen, die uns verborgen blieben, lange Wartezeiten und Kofferinspektionen über uns ergehen lassen mussten. Vor ein paar Jahren führte ich versehentlich vier Äpfel im Handgepäck ein; ich hatte sie als Verpflegung mitgenommen. Diese unbedachte Handlung zog einen längeren Aufenthalt in einem Büro des Zolls nach sich, wo ich ein fünfseitiges eng bedrucktes Protokoll auszufüllen hatte. Anschließend wurden die Äpfel konfisziert. Ich hoffe, sie haben geschmeckt.

Diesmal verfuhr der Zoll ausgesprochen milde mit uns: wir wurden recht gelangweilt durchgewinkt. Die Durchsuchung der Koffer hatte schon Homeland-Security vorgenommen. Dabei war natürlich das Kofferschloss geknackt worden. Ein Zettel im Innern des Koffers informierte mich darüber, dass rechtliche Schritte gegen diesen Eingriff in meine Privatsphäre ausgeschlossen seien. Zugleich dankte man mir für meine Kooperation (Thank you for your cooperation). You are welcome!

Auf dem Flughafen empfing uns mein Schwager, der Bruder meiner Frau. Die erste Schwierigkeit bestand darin, ein geeignetes Taxi zu finden, denn die Taxigesellschaft, die für den Flughafen arbeitet, verfügt merkwürdigerweise nur über kleine Autos. Man sah nur Kleinwagen, keine Vans oder Kleinbusse – ich muss annehmen, der übliche Fluggast reist mit leichtem Gepäck. Unsere fünf Koffer und die zahlreichen Handgepäckstücke hätten niemals in eines dieser Taxis gepasst. Man schlug uns vor, doch stattdessen einfach zwei Taxis zu nehmen. Das hätte dann auch den doppelten Preis bedeutet. Doch meine Frau, in diesen Dingen viel versierter als ich, ist ein echter Profi-Pfennigfuchser und hat sofort Abzocke gewittert. Mein Schwager kam uns zu Hilfe: Er hat einen Bekannten, der selber Taxi fährt, und er sollte uns zusammen mit den Koffern nach Quito schaffen.

Das Auto, das wir zu sehen bekamen, war eine Enttäuschung: Es war kaum größer als eines der Flughafentaxis und hatte den Zenit seiner Haltbarkeit schon lange überschritten. Ich zweifelte, dass wir überhaupt nur die Hälfte der Gepäckstücke würden darin verstauen können. Doch der Mann entpuppte sich als ein wahres Pack-Genie. Es gelang ihm tatsächlich, den Kofferraum so zu füllen, dass nirgendwo auch nur eine flache Hand zwischen Koffer und Fahrzeugwand passte. Einige Stücke des Handgepäcks nahmen wir auf den Schoß und dann ging es auch schon los Richtung Quito.

Vielleicht hatte der Fahrer seinem altersschwachen Gefährt ein wenig zu viel zugemutet; Die Federn waren vollständig zusammengedrückt, so dass man jede Bodenwelle spürte, und selbst leichte Steigungen ließen sich nur mit dem zweiten Gang und mit Vollgas bewältigen. Aber wir schafften es dann doch, auch dank der vorzüglich ausgebauten Straßen, die europäischem Standard in nichts nachstehen. Die derzeitige Regierung hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Wichtige Verkehrswege wurden großzügig ausgebaut, nachdem die Vorgänger das ganze Land förmlich verrotten ließen. Als ich 1992 Ecuador bereiste, fand ich nur hundsmiserable Schlaglochpisten vor. Diese Zustände gehören nun der Vergangenheit an.

Der Fahrer erzählte, dass er früher ebenfalls für die Taxigesellschaft des Flughafens gearbeitet hätte, aber nicht genug verdient habe. Eine Schicht dauerte 24 Stunden, danach hätten die Fahrer 24 Stunden am Stück frei. In einer Schicht verdiente man 50 Dollar. Jetzt arbeitet er selbständig als sein eigener Taxiunternehmer, kann arbeiten, wann er will, und verdient pro Schicht so um die 80 Dollar.

In Quito setzte das völlig überladene Taxi mehrfach auf und wir spürten einen Ruck durch den Unterboden in unsere Beine, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer von unten dagegen geschlagen. Einmal blieben wir sogar hängen und wir kamen erst wieder frei, als mein Schwager und ich (die beiden Schwersten im Auto) ausstiegen und schieben halfen. Auch als wir an eine kleine Anhöhe kamen, mussten wir wieder aussteigen, weil der Motor einfach zu schwach war, das Taxi samt seiner schweren Ladung hinaufzubefördern.

Dann kamen wir endlich ans Ziel, einen Stadtteil, den Touristen für gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Eine Freundin meiner Frau hatte die eigene Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie lebt seit vielen Jahren schon in Europa und reist nur selten nach Quito. Die Wohnung nutzt sie mehr oder weniger als Abstellkammer, manchmal übernachtet sie dort auch für eine kurze Zeit. Die Einrichtung verströmt den Charme der 70er Jahre. Es gibt auch Fernseher, die man aber getrost als vorsintflutlich bezeichnen darf. Auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gab eine Zeit, da nannte man solche Geräte ehrfürchtig Kofferfernseher. Angesichts der geradezu explodierenden Preise für Hotels und Wohnungen sind wir froh und dankbar, dass wir kostenlos übernachten dürfen.