Parque Nacional Cotopaxi

Als wir in den USA lebten, haben wir einmal einen Naturpark besucht, das Wichita Mountains Wildlife Refuge im Süden von Oklahoma. Großartig an den US-Naturparks ist, dass es gut ausgebaute Straßen gibt, auf denen man den Park bequem mit dem Auto durchqueren kann. Die Idee dahinter ist, dass es auch den einfachen, hart arbeitenden Menschen – und nicht nur einer Handvoll Privilegierter oder einigen elitären Abenteurern – möglich sein soll, einen Einblick in die Vielfalt der Natur zu gewinnen und ihre Schönheit zu genießen. Die amerikanische Kultur betet die Mobilität an und das Auto ist fast schon Gegenstand der Verehrung. Da würde es verwundern, wenn es in diesem Land auch nur einen Ort gäbe, den man nicht mit dem eigenen Wagen erreichen könnte, ganz gleich, wo auch immer sich dieser Ort befinden mag. Und so rollt man gemächlich durch die unberührten Weiten der Prärie und sieht den Bisons vom Auto aus dabei zu, wie sie friedlich grasen.

Die Gegend rund um den Cotopaxi ist mit Straßen so gut ausgebaut wie nur irgendein Naturpark in den USA. Weite Abschnitte sind sogar asphaltiert und lediglich direkt unterhalb des Vulkans und am Nordausgang muss man mit einer Schotterpiste vorliebnehmen, die umso holpriger wird je weiter man nach Norden kommt. Aber das Straßenbett ist immer noch gut genug, um auch Fahrzeugen, die nicht über Allradantrieb verfügen, eine leidlich sichere Fahrt zu ermöglichen.

Im Cotopaxi-Nationalpark findet man keine Bisons, sondern Wildpferde. Sie sind die Nachkommen der von den Spaniern eingeführten Andalusier. Sie dienten den Eroberern auf ihren Kriegszügen gegen die Azteken und gegen das Inka-Reich und oft erwiesen sich die Tiere in der Schlacht als kriegsentscheidende Waffe. Einigen gelang die Flucht in die Freiheit und auf den weiten Grasebenen unterhalb des Vulkans fanden sie offenbar so gute Lebensbedingungen vor, dass sie prächtig gediehen und sich vermehrten. Die Tiere zeigen keine Scheu vor dem Menschen. Wenn man sich ihnen nähert, beobachten sie einen nur aufmerksam, aber sie laufen nicht davon.

Wir näherten uns dem majestätischen Stratovulkan auf der Südroute. Es ging vorbei an tiefen Erdspalten und Klüften – ohne Zweifel Zeugnisse nicht weit zurückliegender tektonischer Aktivität. Viele der Hänge und Böschungen am Eingang des Parks sind zum Schutz gegen die Bodenerosion mit Pinien bepflanzt worden. In dem trüben Licht aus tiefhängenden Wolken, die an diesem Tag den Himmel verdunkelten, wirkten die Wälder fast schwarz. Leider hat man die Bäume viel zu dicht gesetzt, so dass das Unterholz in dem kühlen, feuchten Klima leicht zu faulen beginnt. An den Flanken der Berge sind die Bäume zudem oft starken Winden ausgesetzt und Windbruch kommt häufig vor. Die Stämme bleiben in dem dichten Bewuchs einfach liegen und verrotten mit der Zeit.

Wir rollten gemächlich auf der Straße dahin, die uns in sicherem Abstand an Klüften und Spalten vorbeiführte. Die geologischen Spuren wirkten wie Wunden, die sich nicht mehr schließen wollen. Einige Wagen fuhren vor uns und vielleicht gab es auch ein paar Autos hinter uns, doch sie verloren sich in der Weite der Landschaft. Es waren an diesem Tag nur wenige Touristen im Park unterwegs. Einigen der Besucher ging es dann aber doch nicht schnell genug und sie überholten die langsam vor ihnen rollende Kolonne, als wäre dies ein Rennen und als gelte es, die Ziellinie am Vulkan unter allen Umständen als erste zu überqueren.

Wir hatten es nicht eilig. Wir hielten ein paarmal und machten Fotos – ich glaube nicht, dass wir noch einmal Gelegenheit haben werden, den Vulkan zu besuchen. Die Parkregeln verbieten es, die ausgeschilderten Wege zu verlassen. Das Ökosystem rund um den Berg reagiert sehr empfindlich auf Eingriffe des Menschen und angesichts des kalten Klimas braucht eine Regeneration viel Zeit. Aber man darf halten und den Wagen verlassen, um Fotos zu schießen. Bären, wie im Yellowstone, gibt es natürlich nicht und deshalb muss man auch nicht fürchten, zur „Mahlzeit auf Rädern“ zu werden.

Der Puma, von dem noch immer einige Exemplare durch die menschenleeren Ebenen rund um den Vulkan streifen sollen, ist eher scheu und man müsste schon unglaublich viel Glück haben, um eines der Tiere je zu Gesicht zu bekommen. Allerdings sollte man immer ein Auge auf die Straße haben, denn mancher Parkbesucher scheint es gar nicht abwarten zu können, endlich sein Ziel zu erreichen: Schon von Weitem sieht man die Staubfahne, die sein geländegängiger Wagen aufwirbelt, wenn er ihn mit hoher Drehzahl über die Schotterpiste treibt.