El país de los locos

Als wäre Titan ein Kosmonaut vor einer wichtigen Weltraummission, besuchen ihn am Abend vor dem Start seine zwei Leibärzte. Man überzeugt sich ein letztes Mal, dass er in guter Verfassung ist, dass die Papiere vollständig sind und dass die Transportbox ordnungsgemäß für die Reise präpariert ist. Titan wird in dem Behältnis verstaut und die Ärzte nehmen ihn für eine letzte Untersuchung mit in die Klinik. Nach zwei Stunden ist er wieder da. Als er uns sieht, ist er aus dem Häuschen, als wäre er gerade wieder auf der Erde gelandet, glücklich zurückgekehrt aus den Weiten des Alls.

Ich beginne mir Sorgen zu machen, wie er wohl reagieren wird, wenn er allein den Ozean überquert. Damit er sich nicht einsam fühlt, empfehlen die Ärzte, ich solle auf einer Decke schlafen, die er dann mit auf die Reise nimmt. Der vertraute Geruch werde ihn beruhigen. Ich wickle mir also ein Badetuch um den Bauch und verbringe die Nacht damit. Am Tage des Abflugs bereite ich Titan daraus ein gemütliches Nest und der Hund legt sich sogleich hinein.

Auf dem Flughafen checkt Titan zusammen mit den menschlichen Passagieren ein, doch die Abfertigung nimmt mehr Zeit in Anspruch als bei allen anderen, viel mehr. Dies wäre nicht Ecuador, wenn ein missgünstiges Schicksal nicht noch in den verbleibenden Tagen versuchte, uns mit aller Macht auch den letzten Rest guter Laune auszutreiben: Anlässlich seiner letzten Visite hatte uns der Tierarzt noch einmal versichert, dass die Airline für die Überführung eines Hundes nach Deutschland nie mehr als zweihundert Dollar verlange. Der Arzt sprach mit einem Ernst, als leiste er eine Art Offenbarungseid. Er sagte, er mache diesen Job schon viele Jahre, aber noch nie, wirklich noch nie, sei es vorgekommen, dass jemand mehr als die genannte Summe für ein Ticket bezahlt habe. Wir nehmen seine Versicherung fast als Schwur, aber bekanntlich ist man auf See und vor Gericht in Gottes Hand. Man könnte noch hinzufügen: beim Check-in auf einem Flughafen.

Wir melden Titan beim Check-in an und übergeben artig die Papiere, die das Pendant eines Transitvisums darstellen. Ohne sie wäre es dem Hund gar nicht gestattet, die Reise anzutreten. Alles läuft wie am Schnürchen und eigentlich bleibt als letzter Akt nur noch, das Ticket zu bezahlen. Ich halte die Summe – sorgfältig abgezählt und penibel sortiert – schon einmal bereit. Präsident Andrew Jackson strahlt siegesgewiss von den druckfrischen Scheinen. Im Vorgefühl stiller Befriedigung sehne ich den Augenblick herbei, da die Airline-Mitarbeiterin vom Counter aufsieht, mir ihr schönstes Lächeln schenkt und die Worte „zweihundert Dollar“ spricht.

Dann ist der Augenblick gekommen und die Angestellte sieht mir tatsächlich in die Augen. Sie lächelt mich an, wie das Aufsichtspersonal auf derartigen Massentransporten das Frachtvieh nun einmal anlächelt. Die Luft zwischen uns ist elektrisiert und ein euphorisches Gefühl der Vorfreude jagt Schauder des Glücks durch meinen Körper. Ihre Lippen formen die Worte wie in Zeitlupe. Sie sagt: „Vierhundert Dollar“.

Ich höre gar nicht, was sie sagt, oder vielmehr höre ich, was ich hören will: Im Vorgefühl des Triumphes habe ich meinen Geist mit solch fanatischer Ausschließlichkeit auf die Zahl „Zweihundert“ konditioniert, dass ich jetzt genau das höre, was ich zu hören erwarte. Ich gebe ihr die Scheine mit derselben naiven Arglosigkeit, mit welcher der arme Paris einst Aphrodite den Apfel gab. Sie zählt das Geld einmal und dann noch einmal und dann auch noch ein drittes Mal. Dies seien zweihundert Dollar, stellt sie fest. Richtig! Ihr Lächeln hat gedreht von freundlich zu irritiert.

Ich begreife noch immer nicht, was sie eigentlich von mir will. Erst als sie mir detailliert auseinandersetzt (wie man einer Person mit geistig eingeschränkter Kapazität einen einfachen Sachverhalt eben auseinandersetzt), dass das Ticket für den Hund vierhundert Dollar koste, wird mir klar: Ich habe zu wenig Geld. Es sei richtig, so lasse ich mich belehren, dass ein Flugticket tatsächlich zweihundert Dollar koste. Nur erfolge in Amsterdam eine Zwischenlandung – leider. Ich verstehe rein gar nichts, doch die Airline-Angestellte erklärt dem Hilfsschüler mit aller gebotenen didaktischen Kunstfertigkeit, dass das erhöhte Beförderungsentgeld seine Richtigkeit habe: An und für sich sei der Zwischenaufenthalt im Ticket-Preis enthalten und zwar bis zu einer Dauer von zwei Stunden. Ich prüfe den Flugschein. Titan wird in Amsterdam zwei Stunden und exakt fünf Minuten verweilen.

Da stellt sich die Frage, worin der Unterschied zwischen zwei Stunden und zwei Stunden und fünf Minuten besteht – abgesehen natürlich von den dreihundert Sekunden. Die Airline-Mitarbeiterin fährt mit ihren Erklärungen fort, als sei sie ein Sprechautomat. In ihrem schicken roten Kostümchen vermittelt sie den Eindruck, dies wäre ein Verkaufsgespräch in der Filiale eines Anbieters für Luxusjachten und in diesem Augenblick sei sie gefordert, ihre ganze fachliche Kompetenz auszuspielen, um der zwar solventen, aber etwas beschränkten Kundschaft zu erklären, warum Sanitärarmaturen aus Massivgold nur gegen Aufpreis zu haben seien (und vor allem, warum sie im Falle einer Havarie bis auf den Grund des Meeres sinken): In Amsterdam müsse ein Hunde-Hotel gebucht werden. Das Hotel werde pauschal mit zweihundert Dollar berechnet.

Zweihundert Dollar für fünf Minuten? Ich erwarte das Burj Khalifa für Hunde: goldene Fressnäpfe in denen livrierte Hoteldiener der verwöhnten Kundschaft Tartar aus der Lende des Kobe-Rindes darreichen, Hundedecken aus Vicuña-Wolle und Beißspielzeug aus Narwalelfenbein. Doch die Zeit in Amsterdam würde nicht einmal ausreichen, um einen gepflegten Joint zu rauchen, geschweige denn, um ein- und wieder auszuchecken. Ich bezweifle, dass man den Hund erst umständlich ins Hotel chauffiert. Wahrscheinlich lässt man ihn gleich in seiner Transportkiste und macht sich mit den zweihundert Dollar einen schönen Nachmittag im Coffee-Shop.

Wozu braucht man Logik, wenn es doch Bestimmungen gibt: Die Airline bleibt stur und besteht auf dem erhöhten Beförderungsentgeld. Meine Frau, deren Nervenkostüm nach einem Jahr Ecuador so löchrig ist wie ein Schwamm, möchte dem Sprechpüppchen in der adretten erdbeerfarbenen Uniform die Unverschämtheit nicht unkommentiert durchgehen lassen. Ich habe plötzlich Captain Picard vor Augen, als er in einem Moment beispielloser Erregung schwört, seinem Erzfeind, den Borg, mit brutaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die Reaktion meiner Frau ist von der des Captains nicht weit entfernt – sie verlangt die Vorgesetzte zu sprechen. Die Supervisorin steht nur fünf Meter entfernt und während sich die Lautstärke des Wortgeplänkels nach Art eines Crescendos steigert, lässt sie über ihre Untergebene mitteilen, sie sei im Augenblick beschäftigt und habe keine Zeit: Sie ordnet Stapel von Formularen, die aussehen, als wären sie von jemandem mit schwerem Ordnungszwang bereits sortiert worden.

So viel Impertinenz verlangt nach Vergeltung. Meine Frau, durchaus erregt über diese Unverfrorenheit, will wissen, wie die Mitarbeiterin heißt, doch sie trägt kein Namensschild an ihrer schmucken Uniform und ihren Namen würde sie wahrscheinlich nicht einmal unter der Folter preisgeben. Ich kann sehen, wie sie auf ihren Lippen herumkaut. Sie ist nun sehr still geworden, das stereotype Lächeln ist ihr wie aus dem Gesicht gewischt.

Für Situationen wie diese gibt es immer einen, der eigens dazu angestellt ist, sich der Probleme anzunehmen, mit denen sich sonst niemand abgeben mag. Er ist sozusagen der Prügelknabe des Unternehmens, der Kloppi, der Dummie, der die Schläge einstecken muss, die eigentlich den Ohrfeigengesichtern in der Chef-Etage gebühren. Er ist die letzte Person, die man sieht, bevor man von der Haus-Security vor die Tür gesetzt wird.

Der Mann, der uns sogar seinen vollständigen Namen nennt, hört sich unser Problem ruhig an. Sehr gekonnt heuchelt er Verständnis – wahrscheinlich wurde er eigens darin geschult, aufgebrachte Kunden mit einem hypnotischen Sermon aus Entschuldigungen und Plattitüden einzuschläfern. Mit der Geschmeidigkeit eines gewieften Diplomaten bringt er immer neue und vor allem vollkommen nichtssagende Höflichkeitsfloskeln vor. Sie dienen nur dazu, unseren Zorn wie ein Blitzableiter von dem Unternehmen abzulenken, das solch einen cleveren Krisenunterhändler beschäftigt.

Ein Gespräch mit ihm nützt ungefähr so viel wie ein Tauchschein auf der Titanic: Er bedauere sehr, nichts weiter für uns tun zu können, aber die Gesellschaft könne uns die zweihundert Dollar für das Hunde-Hotel leider nicht erlassen. Er beruft sich auf die Transportbestimmungen und diese ließen nun einmal keine Ausnahmen zu. Wir könnten auch mit dem Computer des Self-Check-in sprechen, vielleicht würde uns die seelenlose Maschine sogar zuhören. Wir finden, da man sich auf die AGBs beruft, sei es nicht zu viel verlangt, wenn man sie uns auch einmal zeigte. Leider erweist es sich als gar nicht so leicht, eine Kopie der Beförderungsbestimmungen zu beschaffen. Wir müssen dem Wort des Unternehmens vertrauen, doch wann hätte man je davon gehört, dass weltweit operierende Konzerne Kunden belügen.

Für den übrigen Teil verfährt man nach der Devise „Friss oder stirb“: Wir können das Ticket kaufen oder es sein lassen. Von Kundenfreundlichkeit oder gar Kulanz scheint man noch nie gehört zu haben. Dem Unternehmen muss es wirklich schlecht gehen, wenn es schon darauf angewiesen ist, lächerliche Summen mit erpresserischer Härte einzutreiben. Insgeheim wünsche ich, der ganze Laden möge nur ja schnell pleite gehen.

Während sich die Auseinandersetzung Runde um Runde hinzieht wie ein Schwergewichtsboxkampf zwischen zunehmend angeschlagenen Rivalen, suchen der Hund und ich uns ein ruhiges Plätzchen und warten ab. Titan sitzt friedlich in seiner Box und nur manchmal gibt er einen Laut von sich, der an ein leises Wimmern erinnert. Vielleicht ahnt er, was ihm bevorsteht. Die Crew einer niederländischen Fluglinie kommt zufällig des Wegs. Obwohl ich beileibe kein Zwerg bin, überragt mich jedes einzelne der Crewmitglieder in den schneidigen blauen Uniformen um mindestens einen halben Kopf. Unter den kleinwüchsigen Ecuadorianern nehmen sich die großen blonden Menschen aus wie eine Schar Elben, die sich in ein Dorf der Hobbits verirrt hat.

Die Crew sieht den Hund in seiner Box und als würde Titan fühlen, dass dies die letzte Chance ist, seinem Schicksal doch noch zu entgehen, fängt er plötzlich an, herzzerreißend zu heulen. Die Stewardessen gehen zu ihm und trösten das Tier, das vor Aufregung zittert. Sie streicheln den Hund und sprechen mit ihm, wie man nur mit Hunden und Kindern zu sprechen pflegt. Ich glaube, am liebsten hätten sie ihn mit ins Cockpit genommen. Der Hund gibt sich so lieb und anhänglich, dass man ihn auf der Stelle behalten will. Doch der Flug ist schon gebucht und auch die Crew muss weiter.

Nach einer Weile ist am Check-in der tote Punkt erreicht: Meine Frau hat sich an der Sturheit der Fluggesellschaft abgearbeitet wie ein Fighter an einem schweren Sandsack. Nun ist sie stehend k.o. Die Lust auf eine weitere Runde ist ihr vergangen. Doch sie schwört, diese Demütigung werde ein Nachspiel haben. Die Mitarbeiter am Counter zeigen sich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hören sie solche Schwüre alle Tage und gewiss bekommen sie auch noch alle möglichen Flüche zu hören, bevor die Querulanten von der Security abgeführt werden.

Dann checkt der Hund ein. Ein Airport-Angestellter kommt mit einem Gepäckwagen, lädt die Transportbox auf und in wenigen Augenblicken ist Titan fort, verstaut im Bauch eines Flugzeugs. Kaum zwei Stunden später ist er schon über dem Atlantik. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache mit dem Hunde-Hotel nur ein Witz war, aber als Titan in Berlin eintrifft, wirkt seine Box unberührt. Es scheint, sie wäre während der ganzen Reise nicht einmal geöffnet worden. Der Hund hat ganze vierzehn Stunden darin zugebracht und während dieser Zeit hat er nicht einmal Wasser bekommen. Das hochqualifizierte Fachpersonal der Airline hat den Trinknapf außen am Käfig angebracht. Nicht einmal der cleverste Schlossknacker und Ausbrecherkönig hätte ihn dort erreichen können. Aber vielleicht war der Hund ja gar nicht durstig, weil er sich in der Bar seines Hotels mit Cocktails abgefüllt hat.

Titan ist solch ein tapferer Hund. Während der ganzen Zeit hat er nicht einmal in seine Box gemacht. Ein Mensch hätte es wohl kaum so lange ausgehalten. Als man ihn in Berlin endlich befreit, läuft er ein wenig herum, beschnüffelt alles neugierig und tut dann, was Hunde zu tun pflegen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nimmt er die Stadt in Besitz, indem er seine Marke setzt. Wir verlassen das Land zwei Tage später, doch so besitzergreifend wie der Hund sind wir natürlich nicht. Im übrigen gehört uns Berlin ja bereits …

Nachspiel

Viel später versuche ich, bei der Fluggesellschaft die Kosten für das Hunde-Hotel zu reklamieren. Natürlich ist man nicht so dumm, eine Hotline zu unterhalten, bei der Krethi und Plethi anrufen und unverschämte Forderungen stellen könnte. Aber immerhin findet sich auf der Web-Präsenz des Unternehmens eine versteckte Unterseite für Beschwerden. Mit wachsender Verzweiflung klicke ich mich durch die verschiedenen Untermenüs, mit denen man Unruhestifter wie mich in Schach zu halten versucht. Am Ende der Odyssee lande ich in einer Beschwerde-Kategorie. Es ist für das Unternehmen sicher sehr praktisch, wenn man die Quertreiber gleich vorsortieren kann. Ein Fenster öffnet sich und ich darf eine Nachricht hinterlassen.

Schon drei Wochen später erhalte ich Antwort. Es ist ein vorgefertigter Serienbrief, in dem man mich höflich bittet, die Website des Unternehmens aufzusuchen und die Art der Beschwerde zu konkretisieren. Offenbar spielt es keine Rolle, dass ich genau das bereits getan habe. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die leitenden Angestellten der großen Firmen gar keine echten Menschen, sondern bloß Bots, die sich hinter menschengestaltigen Avataren verstecken.

Ganz allmählich beginne ich zu begreifen, dass der Wahnsinn nicht nur in Ecuador zuhause ist (wahrscheinlich hat sich das Virus aber von hier, dem Infektionsherd, erst weltweit ausgebreitet – mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaften). Ich bin mir plötzlich auch nicht mehr so sicher, wo die Heimat der Verrückten eigentlich zu finden ist. Aber irgendwo müssen all die Irren ja herkommen, die einem pausenlos das Leben vermiesen wollen. Ich habe das Gefühl, es gibt gar keinen Ort namens País de los locos. Und wenn ich mich irren sollte und doch so etwas wie das Land der Verrückten existiert, ist es vielleicht nur in uns selbst zu finden, und es ist immer dort, wo auch wir sind, ganz egal, wohin der Wunsch, ihm zu entfliehen, uns auch führen mag.

Weltraumhunde

Der Bericht über unser ecuadorianisches Abenteuer wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch ein paar Worte über Titan, den vierbeinigen Immigranten im Flokati, verlieren wollte. Dem Wunsch einer aufmerksamen Leserin nachzukommen, sehe ich deshalb kaum als Pflicht an, um so mehr aber als Vergnügen. Wie immer verlangt der Text Sitzfleisch, denn schon ein paar karge Zeilen in einem Notizbuch öffnen Schleusen, durch die eine Flut aus Erinnerungen über den Verfasser hereinbricht. Zumindest hoffe ich, dass der vergnügliche Teil bei der langen Lektüre nicht zu kurz kommt.

Der Hund fliegt zuerst. Wie die berühmten Weltraumhunde, die selbstlosen Kundschafter, die das Feld für den Entdeckerruhm des Menschen bereiten, darf Titan vor uns die Reise antreten. Gern hätten wir unseren vierbeinigen Hausgenossen mit nach Florida genommen, der letzten Station unserer amerikanischen Odyssee, doch der bürokratische Aufwand würde sich dadurch nur in einem Ausmaß vergrößert haben, das man getrost als Wahnsinn bezeichnen kann.

Obwohl es sich nur um einen kleinen Hund handelt, nicht um einen kosmischen Botschafter, sind die Kosten nicht von dieser Welt: Ausgezahlt in Spanischen Silberdollars, hätte die Summe ausgereicht, den Titel eines Granden zu erwerben sowie das dazugehörige Schloss und die Ländereien oder Kolumbus nach China zu schicken (und derart komfortabel ausgestattet, wäre er dort wahrscheinlich sogar angekommen). Der Hund reist mit unseren Gästen nach Berlin. Schweren Herzens überlassen wir ihn der Obhut des Flugpersonals.

Alles muss seine Ordnung haben. Der Entschluss, einen Hund nach Deutschland einzuführen, will reiflich überlegt sein, denn es ist keineswegs damit getan, ihn bei der Fluggesellschaft anzumelden. Der deutsche Amtsschimmel lauert bereits mit hinterhältigen Fußangeln und bevor man dem Airline-Mitarbeiter die Transportkiste mit dem geliebten Tier aushändigen darf, gilt es, so manche Hürde im bürokratischen Parkour zu nehmen. Ganz auf sich allein gestellt, sähe man sich außerstande, dieses Bravourstück zu Wege zu bringen. Doch es gibt Hilfe: Tierärzte haben sich auf solche verzweifelten Fälle spezialisiert. Für die Dienstleistung wird natürlich Geld verlangt, aber man gibt dieses Geld gern aus, denn man ist froh, der Gefahr entronnen zu sein, zwischen den Fußnoten der Amtsformulare allmählich den Verstand zu verlieren.

Damit die deutsche Hundepopulation nicht durch eingeschleppte Seuchen dahingerafft wird, muss vor der Einreise der Nachweis erbracht werden, dass der vierbeinige Immigrant gesund ist. Von unserem Tierarzt haben wir den Namen einer Veterinärin in Erfahrung gebracht, die sich auf die Ausfuhr von Hunden spezialisiert hat. Leider befindet sich ihre Praxis auf dem Dorf. Der Ort, dessen Name mir wieder entfiel, sobald ich ihn gehört hatte, versteckt sich in einem grauen Google-Maps-Niemandsland und auch unser Navi ist im Labyrinth der drei Dorfstraßen überfordert. Wir finden die Praxis dennoch und als wir die ländliche Gegend sehen, wird uns klar, warum man als Tierarzt ausgerechnet hier residieren möchte: Hier lebt die Kundschaft. Als kosmetischer Chirurg mit Ambitionen würde man sicher auch lieber eine Klinik am Kudamm unterhalten statt in der brandenburgischen Pampa.

Dem Hund wird Blut abgezapft, doch an den zappelnden Beinchen, die zudem noch von einem dichten Pelz bedeckt sind, lassen sich Adern gar nicht so leicht aufspüren. Es bedarf mehrerer Versuche, bis endlich ein paar Tropfen das Reagenzglas füllen. Titan weint wie ein kleines Kind und es bricht einem das Herz, ihn leiden zu sehen. Doch es ist schnell vorbei – anders als die Leiden, die nun folgen sollen.

Die Blutprobe muss in einem Labor analysiert werden. Aber in einer so wichtigen Angelegenheit wie dem Wohlergehen einer ganzen Nation möchte man natürlich absolute Gewissheit. Die Untersuchung darf daher nur in solchen Einrichtungen vorgenommen werden, die offizielle deutsche Stellen ihres uneingeschränkten Vertrauens für würdig erachten. Sämtliche Labore in Lateinamerika fallen da natürlich aus – angesichts der bedenklichen Mengen Coca, Salsa und Lustig-Tralala eigentlich kein Wunder. Die Blutprobe muss weit reisen, sehr weit, bis ins ferne Kansas in den USA.

Allein die Blutuntersuchung kostet achthundert Dollar. Einen Transportbehälter braucht der Hund natürlich auch, denn einen Platz in der Economy-Class wird man ihm wohl kaum anbieten. Titan ist zwar klein, doch die Box, die uns die Angestellte des Petshops empfiehlt, hat die Ausmaße eines Kühlschranks und der Hund nötigt uns, sie zu kaufen. Während uns die Frau mit den technischen Raffinessen des Transportbehälters langweilt, nutzt der Hund die Gelegenheit, überall im Laden seine Marken zu hinterlassen. Der Gedanke, dass er in seiner Einzelkabine mit Sicherheit bequemer reist als die menschlichen Ölsardinen, die man portionsweise in die Holzklasse pfercht, tröstet uns ein wenig über den Preis hinweg. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dem Hund die zweihundert Dollar in Rechnung zu stellen: Er macht sich nicht viel aus Geld und aus Reisen schon gar nicht.

Apropos Rechnung: Unsere Bilanz hat mittlerweile Schlagseite wie ein sinkendes Schiff. Ausgaben für diverse Zertifikate kommen hinzu und natürlich auch noch ein Flugticket. Wenn man bedenkt, dass die Reise über Kontinente und Ozeane führt, ist es mit zweihundert Dollar fast schon wieder preiswert. Alles in allem belaufen sich die Aufwendungen für den Hund auf gut tausendzweihundert Dollar (und dabei sind die Leckerlis noch gar nicht mit eingerechnet). Liebe ist zwar selbstlos, aber selten kostenlos und sinnlos ist es, darüber zu jammern: Wir hätten es ja doch nicht übers Herz gebracht, den Hund zurückzulassen. Titan gehört zur Familie und Familienangehörige lässt man nun einmal nicht im Stich. Gesetzt den Fall, das Schicksal verlangte, dass einer zurückbliebe – in Augenblicken des Zorns würde ich vielleicht darüber nachdenken, ob es ausgerechnet der Hund sein muss …

Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.

Tischlein, deck dich!

Am Tage unserer Ankunft in Guayaquil ist es schon reichlich spät und wir überlegen, wo wir noch etwas essen könnten, ohne unsere Reisekasse übermäßig zu strapazieren. Zwar gibt es ein hübsches Hotelrestaurant, doch die Preise sind eher abschreckend. Rechtzeitig fällt meiner Frau ein, dass sie anlässlich eines länger zurückliegenden Besuches in der Stadt in einem Restaurant zu Mittag aß, das ihr sehr gefallen hätte, und das sie uns nun wärmstens empfiehlt. Ein alter Bekannter lud sie damals zum Essen ein und offenbar hat das Mahl bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Jedenfalls erinnert sie sich noch an den Namen des Lokals: „Las Menestras de la Pocha“. Wir kämpfen uns durch den dichten abendlichen Stadtverkehr, doch dank Google-Maps finden wir das Restaurant tatsächlich auf Anhieb.

Die Gegend erweckt nicht gerade den Eindruck, als ob es eine gute Idee wäre, hier bei Dunkelheit spazieren zu gehen, aber in einer Stadt wie Guayaquil kann man sich wahrscheinlich nur in der Shopping-Mall, in der Hotel-Lobby oder im Wartesaal des Flughafens völlig sicher fühlen. Es ist spät am Abend und die Straßen der großen Hafen-Metropole sind erfüllt von Leben. Man hat den Eindruck, niemand in dieser Stadt müsste je schlafen.

Trotz der späten Stunde ist das Restaurant fast bis auf den letzten Platz besetzt. Der Laden erweckt eher den Anschein einer Kantine. Das Interieur ist einfach und zweckmäßig gestaltet, aber alles ist sehr sauber. Da das Lokal sich selbst Nachts eines geradezu fabelhaften Zuspruchs erfreut, dürfen wir für das Essen nur das Beste hoffen. Ein Tisch ist noch frei und wir stürzen uns darauf wie die Piranhas auf die blutige Beute. In der Sekunde, in der wir uns setzen, drückt uns der agile Kellner auch schon die Menü-Karte in die Hand. Das ist nicht die Art Lokal, in das man seine Angebetete beim ersten Rendezvous ausführen würde. Zum Glück kenne ich meine Frau schon ein wenig länger. Doch wir haben Hunger und wir wollen satt werden und dafür sind wir genau am richtigen Fleck gelandet.

Serviert werden, wie der Name verrät, ausschließlich Menestras, also Linsen- und Bohnengerichte. Ein Teller, das sind immer wahlweise Linsen oder Bohnen, weißer Reis und eine ordentliche Portion Fleisch vom Grill. Zur Auswahl stehen Rind, Schwein, Huhn oder Meeresfrüchte. Zugegeben, das Essen sieht in dieser unabänderlichen Dreifaltigkeit recht uniform aus und es kommt auch ziemlich schlicht daher. Auf den Tellern finden sich keine aufwendigen Dekorationen, kein Salat, kein Schnickschnack. Wir sind gespannt.

Obwohl der Laden nun bis auf den letzten Platz besetzt ist und die Bestellungen im Akkord eingehen, scheint dem Personal Eile fremd zu sein. Die Kellner bewegen sich mit aristokratischer Würde zwischen den Gästen, nehmen mit unbewegtem Gesicht Bestellungen entgegen und zaubern das Essen in solch atemberaubender Geschwindigkeit auf die Tische, dass es fast schon an Zauberei grenzt. Wenn man ihnen eine Weile dabei zuschaut, wie sie sich – steif aufgerichtet, das Kinn stolz in die Höhe gereckt – mit der Grazie von Tänzern von Tisch zu Tisch schwingen, gewinnt man fast den Eindruck, ihre Bewegungen folgten einer ausgeklügelten Choreografie. Leider bleibt einem nie viel Zeit, das Treiben zu beobachten, denn kaum hat man seine Wahl getroffen, ist das Essen auch schon da.

Wir brauchen bestimmt dreimal so lange, unser Essen aus dem ziemlich übersichtlichen Angebot auszuwählen, wie der Kellner benötigt, die Bestellung entgegenzunehmen und zu servieren. Kaum zwei Minuten sind vergangen, da stehen die Teller auch schon auf dem Tisch. Das Essen dampft. Die Bestellung hat uns fast überfordert, unser Kellner erweckt indes den Eindruck, die Arbeit sei für ihn kaum mehr denn ein verspieltes Hobby: Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schreitet er würdevoll wie ein zufälliger Flaneur durch den Gästeraum. Nichts entgeht seinem scharfen Blick, jeder Wink eines Gastes erweckt seine Aufmerksamkeit und findet eine prompte Antwort. Ich bin beeindruckt.

Das Essen liegt recht unspektakulär auf dem Teller und eigentlich erwarten wir nicht viel, aber als die Bohnen in der cremigen Soße, das herzhaft gegrillte Rindfleisch und ein dampfender Schneeberg von Reis meine Geschmacksknospen küssen, verwandle ich mich augenblicklich in einen Fresssüchtigen. Ich kann nicht eher aufhören zu essen, ehe alles vollständig verputzt ist oder ich geplatzt bin. Glücklicherweise ist der Teller irgendwann leer und ich bin einfach nur satt, glücklich satt. Bedauerlicherweise verbietet die moderne Etikette das Tellerablecken.

Das Essen war ausgezeichnet und auch nicht allzu teuer. Wirklich preiswert kann man aber in Ecuador seit der Einführung des Dollars nirgendwo mehr essen. Die Preise unterscheiden sind nur dahingehend von denen in Berlin, dass man oft den Eindruck hat, hier wäre alles sogar noch um mehr als bloß einen Tick teurer. Die Betreiber des „Las Menestras de la Pocha“ müssen sich ums Geschäft jedenfalls keine Sorgen machen: Der Laden läuft so gut, als wäre er inmitten einer Typhus-Pandemie der letzte Ort, an dem es noch saubere Nahrung gibt.

Das Erfolgsrezept ist klar: Man beschränkt sich auf einfache Bohnen- und Linsengerichte und bietet diese in hervorragender Qualität an. Das Konzept geht auf, denn zur Mittagszeit und am Abend stürmen die Leute den Laden förmlich. Das ist kein Restaurant, sondern eine Geldmaschine. Ich wette, die Betreiber sind längst Millionäre und genießen den wohlverdienten Ruhestand an irgendeinem Palmenstrand in Miami, der Schweiz Lateinamerikas.

[Anmerkung: Gern hätte ich ein paar Fotos beigesteuert, doch es ist kein ganz ungefährliches Vorhaben, in einer großen Stadt wie Guayaquil eine Kamera für jedermann sichtbar mit sich zu führen. Nur zu leicht erregt man Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist wirklich das Letzte, was man sich wünschen könnte. Man sollte sich die Leute von hier zum Vorbild nehmen: Niemand zeigt in der Öffentlichkeit sein Handy oder sein Tablet oder protzt mit einer teuren Kamera. Dafür gibt es gute Gründe und es ist nur klug, nie zu vergessen, wo man sich gerade befindet.]

Ein Herz und eine Gruft

Wir sagen Bahía Lebewohl und reisen weiter nach Süden, nach Guayaquil, der großen pulsierenden Hafenstadt am Río Guayas. Unterwegs machen wir einen Abstecher nach Montecristi, das in Ecuador wegen zweier Dinge berühmt ist, im Rest der Welt aber kaum für eines davon: Montecristi ist die Geburtsstätte Eloy Alfaros, des berühmten und gemeinhin verehrten Präsidenten, der vor über hundert Jahren die liberale Revolution einleitete. Aber nicht nur berühmte Präsidenten stammen aus Montecristi, sondern auch der Panama-Hut.

Eloy Alfaro war bis 1911 Präsident Ecuadors. Erst nach langen wechselvollen Kämpfen gelang es ihm, die Ordnung des Landes auf der Grundlage moderner verfassungsrechtlicher Normen zu verankern. Die strikte Trennung von Kirche und Staat war dabei die größte Errungenschaft und gilt als einer der Marksteine der liberalen Revolution. Sie eröffnete Freiräume für eine Entwicklung, wie sie unter der paternalistischen Diktatur der Kirche nicht möglich gewesen wäre. Die unwiderrufliche Trennung hat die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes jedoch nicht davon abbringen können, sich auch weiterhin als Katholiken zu bekennen.

In Ecuador kennt natürlich jeder Eloy Alfaro – Grund, ihn zu lieben, haben aber bei weitem nicht alle. Unter der Präsidentschaft Rafael Correas, des derzeitigen Amtsinhabers (er wird noch bis 2017 regieren), hat man oberhalb von Monecristi ein Mausoleum mit den sterblichen Überresten des Generals sowie einen Plenarsaal errichten lassen. Dem architektonischen Ensemble, das einsam wie ein Eremitenkloster am Fuße der Berge thront, verlieh man den stolzen Namen Ciudad Alfaro. Hätten Nationen ein Herz, wäre es gewiss dieser Ort, über den der Geist eines ecuadorianischen Märtyrers wacht.

Ein, zweimal im Jahr werden hier, gewissermaßen am Reliquienschrein der Nation – der zugleich der Nabel des modernen nationalen Selbstbildes ist – symbolische Parlamentssitzungen abgehalten. Man darf bezweifeln, dass alle Abgeordneten in den Überbleibseln des grausam hingemordeten Präsidenten einen Quell der Inspiration sehen.

Wie der Zufall es will, ist Correa ein entfernter Verwandter des großen Generals. Nicht wenige halten dies für ein denkbar schlechtes Omen, da Alfaro selbst vor einem blutigen Staatsstreich nicht zurückschreckte, um seine politische Agenda durchzusetzen. Der derzeitige Präsident versteht sich zwar als ideologischer Erbe, aber damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten, denn schließlich hat er sich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde vom Volk in freier Wahl dreimal hintereinander mit großer Mehrheit ins Amt gewählt. Nicht jeder freilich möchte sich mit dieser Wahrheit abfinden.

Nur wenige Schritte vom Sitzungsort entfernt, lädt die Stätte mit den sterblichen Überresten des Generals zu einem Besuch ein. Ihre letzte Ruhe fanden die Gebeine in einer schlichten Marmorkiste zu Füßen einer Monumentalstatue, die den Präsidenten als kraftstrotzenden Heiland und Heroen zeigt. Vor dem Mausoleum ist indes sein größtes Werk zu bestaunen: die Eisenbahn.

Die Strecke, die einst von den Hafenstädten am Pazifik bis hinauf in die Anden führte, war seinerzeit eine technische Meisterleistung, würdig eines großen Führers und als solcher hat sich dieser stolze Mann wohl auch Zeit seines Lebens empfunden. Durch das Bahnprojekt standen Costa und Sierra zum ersten Mal in direktem Kontakt und die neuen Transportmöglichkeiten förderten die Entwicklung des Landes wie nie zuvor. Eloy Alfaro hat ein wichtiges Kapitel Geschichte geschrieben, aber bekanntlich findet jeder große Mann die Gegner, die er verdient. Am Ende haben sie ihn zu Fall gebracht. Sein Vermächtnis aber besteht bis heute fort.

Die andere Sache, mit der sich Montecristi einen Namen gemacht hat, sind natürlich Panama-Hüte. Die traditionelle Kopfbedeckung, die aus den Fasern einer endemischen Grasart, der Paja Toquilla, hergestellt wird, hat jedoch mit dem Land in Zentralamerika, nach dem sie benannt ist, etwa soviel zu tun wie der Hamburger mit der Stadt an der Elbe.

Panama-Hüte werden auch heute noch auf traditionelle Weise hergestellt, doch mittlerweile sind Hüte von guter Qualität unerschwinglich geworden und wohl auch ein wenig aus der Mode. Wer würde heutzutage schon zweitausend Dollar für einen Hut ausgeben, nur damit er ihn dann am Strand spazieren tragen kann? Ein unerwarteter Regenguss und das edle Stück taugt ohnehin nur noch als Dichtungsmaterial für Abwasserleitungen. Gerade noch eine Handvoll Hutflechter, die sich auf ein Werk von solch hoher Kunstfertigkeit versteht, widersetzt sich dem Trend. Aber wahrscheinlich kann man die Kunden, welche die exquisite Qualität zu schätzen wissen und die die ebenso exquisiten Preise für dieses handwerkliche Meisterwerk zu zahlen bereit sind, mittlerweile auch an einer Hand abzählen.

Wir besuchen die Ciudad Alfaro, die an diesem Tag wirkt, als wäre sie in einen Schlaf des Vergessens gesunken. Der Schlag des Herzens in der Brust dieser Nation gleicht dem Puls eines Patienten, der vorübergehend in ein Koma gefallen ist. Als einzige Besucher verlieren wir uns geradezu auf dem riesigen Parkplatz vor dem Mausoleum. Wir streifen ziellos umher, spazieren durch die Gärten, besteigen die Kuppel des Grabmals und lassen uns von der sakralen Atmosphäre in seinem Innern gefangen nehmen. Ein grauer Himmel hängt schwer über den Bergen und der Stadt.

Später fahren wir die Hauptstraße Montecristis ab, auf der sich Geschäft an Geschäft reiht. Ich habe den Eindruck, wir sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat und ich kann mir nicht vorstellen, dass heute auch nur einer der Händler irgendein Geschäft macht. Auch uns steht nicht der Sinn nach Flechtarbeiten und Hängematten. Nirgendwo kann man Flechtarbeiten guter Qualität günstiger kaufen, aber wir haben schon mehr Hängematten und Körbe als wir im ganzen Leben je brauchen könnten. Und so verlassen wir Montecristi mit seiner nationalen Andachtsstätte mit nichts weiter als Erinnerungen und ein paar Fotos.

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Begegnung am Kanal

Der Kauf eines Hauses will reiflich überlegt sein und bevor man solch einen Schritt wagt, sollte man sich gut informieren. Gucken ist unverbindlich und Fragen verpflichtet auch noch nicht zum Kauf. Aber man kann schon einmal eine Menge in Erfahrung bringen und manchmal ist so eine Besichtigungstour auch eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen. Wir hatten gehört, dass der Sohn eines berühmten Einwohners der Stadt eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadtgrenzen errichten lasse. Unsere Neugier war geweckt und wir wollten uns einmal ansehen, wie so etwas aussieht. Wir ließen uns daher für eine Objektbesichtigung vormerken und fuhren hin.

Die neue Siedlung befindet sich einige Autominuten außerhalb von Bahía. In der Stadt selbst ist gutes Bauland in den letzten Jahren rar geworden und leere Baugrundstücke gibt es schon seit langem nicht mehr. Zwar hört man immer wieder, dass Leute verkaufen wollen, doch gerade in der jüngsten Zeit hat die Stadt eine Art Immobilienfieber befallen und jeder, der eine sechsstellige Zahl korrekt auf ein Blatt Papier schreiben kann, fühlt sich bemüßigt, unverschämte Forderungen zu stellen, sobald man fragt, wie viel sein Grundstück wohl koste. Ich weiß nicht, ob jemand diesen Leuten schon einmal Realitätsverlust attestiert hat – mittlerweile scheint der Grad der Wahrnehmungsverzerrung ein klinisches Stadium erreicht zu haben.

Die Preise sind geradezu abenteuerlich. Für dieselbe Summe könnte man sich in Berlin ein kleines, aber feines Apartment leisten. Doch Bahía ist nicht Kalifornien oder die Costa del Sol, ja nicht einmal Guayaquil. Es handelt sich immer noch um denselben winzigen Flecken am Rande des Pazifiks, dessen Einwohner vor gut zwanzig Jahren die erste Verkehrsampel bestaunten wie das achte Weltwunder. Manchmal glaubt man, die Leute seien nicht mehr bei Trost, wenn sie annehmen, jemand würde ihnen ihr winziges Grundstück mit einem alten Haus darauf tatsächlich für den Fabelpreis abkaufen, den sie sich in einer tropischen Mondnacht bei Zuckerrohrschnaps und Bier herbeiphantasiert haben.

Die neue Wohnanlage wird auf Brachland errichtet, außerhalb von Leonidas Plaza, der quirligen Vorstadt von Bahía. Das Grundstück ist überwältigend groß – an der längeren Seite misst es sicher an die zweihundert Meter – und wenn man am Eingangstor steht, fühlt man sich fast so klein wie ein Gesandter aus dem Barbarenlande vor den Pforten der Verbotenen Stadt. Die Straße führt direkt vor dem Tor vorbei, doch die Siedlung ist immer noch weit genug von der Stadt entfernt, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, man befände sich mittendrin.

Auf der gegenüberliegenden Seite grenzt die Anlage an ein Grundstück der Katholischen Universität. Diese Lehreinrichtung ist eine der besten privaten Hochschulen des Landes und wer hier studiert darf sich glücklich schätzen (und seinen reichen Eltern danken), denn allein schon der Besuch der berühmten Alma Mater stellt sicher, dass man sich nach dem Abschluss zur Elite des Landes zählen darf.

Das der Universität gehörende Grundstück ist noch vollkommen unerschlossen – das allgegenwärtige Grün wuchert uferlos bis zum Horizont – und da es sich zudem noch um ein Naturschutzgebiet handelt, besteht wenig Anlass zu der Befürchtung, dass sich daran jemals etwas ändern wird – also schöne Aussichten für Häuslebauer, die beim Morgenkaffee die freie Aussicht in die Natur genießen wollen. Ein gewaltiger Zaun aus armdicken Gitterstäben, wie man sie sonst nur im Zoo an den Gehegen der gefährlichsten Kreaturen findet, markiert die Grenze.

Nachdem der Wachschutzmann unsere Namen erfragt und uns eingelassen hat, können wir einen ersten Eindruck gewinnen. Überall in Bahía hört man über diese neue Wohnanlage reden. Wir spazieren ziellos umher, doch wirklich viel kann man freilich nicht sehen: Kaum mehr als ein Dutzend Häuser ist bis dato fertiggestellt, dazu stehen noch die Mustertypen, die man braucht, um Interessenten den Mund wässrig zu machen. Auch an Bäumen fehlt es noch: überall nur staubtrockene, kahle Erde. Der Ort erinnert sehr an eine Großbaustelle, auf welcher der Baubetrieb momentan zum Erliegen gekommen ist, weil der Investor gerade Konkurs angemeldet hat. Doch hier verhält es sich ausnahmsweise einmal anders.

Wir laufen gerade durch die Anlage und schauen uns die neuen Häuser und die ebenfalls neuen und schön gepflasterten Straßen an, als uns Rodrigo wie zufällig über den Weg läuft. Natürlich ist das kein Zufall, denn er bewohnt derzeit eines der Musterhäuser und selbstverständlich ist ihm unser Besuch vom Wachmann pflichtschuldig gemeldet worden. Rodrigo ist ein alter Freund – ich habe ihn 1992 zum ersten Mal getroffen – und sein Sohn ist der eigentliche Spiritus rector hinter dem Projekt, dessen erste Resultate wir gerade Gelegenheit haben, in Augenschein zu nehmen. Rodrigo ist mit einer alten Schulfreundin meiner Frau verheiratet und seinerzeit galt er, wie man hört, als der Schwarm von ganz Bahía. Er ist seit unserem letzten Treffen vor einigen Jahren deutlich gealtert, aber ja, er sieht immer noch gut aus, und zwar trotz der schweren Krankheit, von der er erst kürzlich genesen ist.

Rodrigo entstammt einer alten, einflussreichen Familie, die in der Gegend seit langem begütert ist. Ecuador, so könnte man glauben, ist voll von alten Familien und wohin man sich auch wendet, auf Schritt und Tritt begegnet einem irgend ein alter Titel, der seinem Träger Bewunderung und Vorrechte einträgt. Aber der Eindruck täuscht natürlich, denn es können immer nur wenige sein, die Vermögen und Privilegien unter sich aufteilen.

Doch man sollte nicht ungerecht sein: Gerade von Rodrigo wissen die Leute nur Gutes zu berichten. Man sagt, er hätte viele gute Dinge für die Stadt getan, und wer ihn kennt, möchte dies nur allzu gern glauben. Er ist dafür bekannt, dass er so manchem half, der in eine verzweifelte Lage geraten war. Und man weiß auch, dass er Freunde niemals im Stich lässt.

Nur zu oft begegnet man unter den Eliten dieses Landes jenem kalten Standesdünkel, der Distanz schafft zwischen den Welten der Besitzenden und der Habenichtse. Doch solches gekünstelte Gehabe liegt Rodrigo völlig fern; er ist immer ganz er selbst und man achtet und respektiert ihn gerade deswegen. Nie würde man erleben, dass er etwa mit seinen Angestellten anders verkehrte als mit Geschäftspartnern – ein Charakterzug mit Seltenheitswert. Menschenfreundlichkeit und Natürlichkeit prägen seinen Charakter und sie sind der Quell seiner Beliebtheit – etwas, das man beileibe nicht allen Angehörigen der Oberschicht nachsagen kann.

Rodrigo lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu führen. Während wir uns die Musterhäuser anschauen, erklärt er, dass, wenn alles vollendet wäre, einmal hundert Wohneinheiten auf dem Gelände stehen würden. Auch werde man bald die Begrünung in Angriff nehmen. Die Hauseigentümer könnten selber entscheiden, welche Bäume sie auf ihrer Parzelle gepflanzt haben möchten. Es sei auch möglich, die Farbe zu wählen, in der das Haus später erglänzen soll.

Es gibt drei Typen von Häusern; sie sind unterschiedlich groß und die Preise sind entsprechend gestaffelt. Die mittlere Variante spricht uns am meisten an. Das Haus verfügt über zwei Etagen und drei Schlafzimmer sowie über ein sehr großes helles Wohnzimmer und eine schöne Wohnküche. Überdies gibt es eine Garage, doch man könnte den Wagen auch einfach auf der Straße abstellen, denn die Anlage wir rund um die Uhr bewacht. Der Komplettpreis für solch ein Haus beträgt 85.000 Dollar und der erste Spatenstich erfolgt, sobald der Klient dreißig Prozent der Gesamtsumme angezahlt hat.

Rodrigo erläutert, dass beim Bau nur qualitativ hochwertige Materialien Verwendung fänden und dass man Techniken einsetze, wie sie etwa in Deutschland Standard seien. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Anlage einmal aussehen würde, wenn alles fertig wäre – wahrscheinlich kaum anders als eine propere deutsche Vorstadtsiedlung, in welcher der Mittelstand seinen Traum vom Glück verwirklicht hat: schnurgerade Reihen von Serien-Einfamilienhäusern mit schönen Einbauküchen und Carports; das Grauen als Mittelstandsidylle.

Hier in Ecuador, zumal in Bahía, fallen solche altbackenen Spießerträume auf fruchtbaren Boden. Die Leute sehnen sich geradezu verzweifelt nach der vermeintlich schönen heilen Welt des fernen Europa. Ein Haus, ordentlich in Reih und Glied neben anderen Häusern, von denen es sich auch beim dritten Mal Hingucken kaum unterscheiden ließe, hübsch herausgeputzte Vorgärten und argwöhnisch blickende Nachbarn sind für die meisten die Essenz des Glücks schlechthin und die unentbehrlichen Requisiten eines erfüllten Lebens. Jeder mag die Vollendung finden, die ihm beliebt.

Doch es gibt nicht viele Alternativen. In Ecuador findet man Landstriche von atemberaubender Schönheit und tatsächlich wäre es möglich, Land zu kaufen und sich ein Haus zu bauen. Man sollte vor solchen Utopien Reißaus nehmen. Trotz aller Veränderung zum Besseren prallen in diesem Land immer noch extreme soziale Gegensätze aufeinander und Gewaltkriminalität ist leider einer der bestimmenden Faktoren des Lebens. Solche Blütenträume von einem autarken Glück in der bezaubernden tropischen Landschaft würden dem Alltag nicht lange standhalten. Es bedarf nicht viel Phantasie, das Bild zu vervollständigen.

Die Wohnanlage verfügt über ein ausgedehntes Gemeinschaftsareal, das für alle Arten sportlicher Aktivitäten gerüstet ist: Es gibt einen Fußballplatz mit Kunstrasen, einen Tenniscourt, wie er selbst einen verwöhnten Profi zufriedenstellen würde, und einen großen Swimmingpool. Mitten durch die Anlage führt ein Graben von den Dimensionen des Panamakanals. Mir war keineswegs klar, dass es auf dem Areal der Siedlung Bewässerungsprojekte mit megalomanischem Anspruch gibt. Ein Brückenbogen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil spannt sich anmutig über den Canyon.

Wenn alles erst einmal in das tropische Paradies verwandelt ist, das den Bauherren vorschwebt, wird man glauben, man wandle durch einen blühenden Lustgarten – oder so ähnlich. Rodrigo meint, das Gelände sei durch Überschwemmungen bedroht und um die Gefahr abzuwenden, habe man den Entwässerungskanal angelegt, ein Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen. Ich frage mich, wie groß die Bedrohung wohl sein mag, wenn es eines mehrere Meter tiefen Kanals bedarf, um sie abzuwenden? Der Graben scheint geeignet, darin Mammuts zu fangen oder um als Deponie für den Müll der Stadt aus den letzten zehn Jahren zu dienen. Der Anblick verursacht ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wir plaudern noch ein wenig, wie man eben so plaudert, wenn man sich über die Jahre aus den Augen verloren hat. Über seine Krankheit spricht Rodrigo nicht, aber er meint, es sei nun alles wieder in Ordnung. Es gehe ihm gut. Zumindest ist er am Leben und das ist viel, wenn man den Gerüchten, die eine Zeitlang in Umlauf waren, Glauben schenken möchte.

Wir kommen schnell auf das Erdbeben zu sprechen, das Bahía wie die gesamte Küste getroffen hat. Auf einigen der Wege zeigen sich Verwerfungen und die Einfassung des Schwimmbeckens ist herausgebrochen, als hätte sie jemand mit dem Vorschlaghammer vorsätzlich herausgesprengt. Rodrigo zeigt auf eines seiner Musterhäuser, durch dessen Fassade sich ebenfalls Risse ziehen. Es sei jedoch nichts eingestürzt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt; die Statik wäre jedenfalls nicht betroffen. Vielleicht spricht das für die gute Bauausführung oder für die „deutschen“ Standards. Ich kann es nicht beurteilen.

Rodrigo verabschiedet sich. Er sieht aus, als hätte er eine Verabredung zum Tennis auf dem nagelneuen Platz in seiner Anlage. Er ist etwas schlanker als ich ihn in Erinnerung habe, aber er sieht sportlich aus. Er scheint ruhiger geworden zu sein und vielleicht auch gelassener. Augenscheinlich geht es ihm gut. Ich freue mich darüber von ganzem Herzen und ich gönne ihm seinen Frieden.

Wir sind natürlich neugierig und natürlich ist die Auskunft des Investors keinen Pfifferling wert, wenn man seinen Sachverstand nicht auch noch durch eine zweite Meinung stärkt. Der Cousin meiner Frau, einer der Eigentümer und Betreiber des „Buenavista Place Hotel“, kennt sich aus mit Immobilien – notgedrungen. Gerade in einer Gegend, die regelmäßig von Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, ist man auf kundigen Rat angewiesen.

Der Vetter stellt rundheraus in Frage, dass man durchgängig hochwertige Baumaterialien verwendet hätte, wie man behauptet, doch dass ein tiefer Flutgraben durch die Anlage verlaufe, sei einfach nur besorgniserregend. Wenn er zu entscheiden hätte, welcher der sicherste Platz für ein Haus sei, würde er eine Stelle wählen, die möglichst hoch liegt und vor allem möglichst weit entfernt vom Graben.

Zumindest wissen wir nun, dass der Graben kein stiller Wasserarm ist, der in einen Seerosenteich mündet, auf dem sich Liebespaare in Schwanenhalsbarken ein romantisches Stelldichein geben. Wir erfahren darüber hinaus, dass es die Wohnanlage schon seit vier Jahren gibt, aber erst der kleinste Teil der Parzellen sei verkauft. Vielleicht hat der Stillstand auf der Baustelle also doch etwas zu bedeuten. Ich kann es nicht wirklich glauben, dennoch will es mir nicht gelingen, die ungute hellseherische Ahnung abzuschütteln, die sich an mich klammert wie ein Alp.

Exodus zum Ersten

Ganz gleich, wohin man reist – wenn man längere Zeit zu bleiben beabsichtigt, ist es aus vielerlei Gründen unumgänglich, dass man sich eine feste Bleibe sucht. In der Regel wird man ein Zimmer oder – ist man zu mehreren unterwegs – eine Wohnung mieten. Dann ist es unausweichlich, dass man mit einer ganz besonderen Spezies Bekanntschaft macht: dem Vermieter. Diese Begegnung muss nicht in jedem Fall unangenehm sein, doch nur zu oft ist die Interessenlage der Parteien zu verschieden, als dass ein einvernehmliches Miteinander möglich wäre. Wir haben ein Jahr in Ecuador gelebt. In dieser Zeit sind wir dreimal umgezogen und jedes Mal war es weder ein einvernehmlicher noch ein freundlicher Abschied.

Die erste Zeit wohnten wir in Santa Inés. Das ist ein Stadtteil Cumbayás, eines Vorortes von Quito. Cumbayá hat in den letzten Jahren eine Immobilienhausse ohnegleichen erlebt. Das billige Bauland vor den Toren der Hauptstadt hat die Begehrlichkeit der Oberschicht Quitos geweckt, und wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken, die ein grünendes Weizenfeld erspähen, stürzte man sich auf den unbedeutenden Flecken, der Cumbayá damals war (und auch heute noch ist – entgegen den Beteuerungen seiner neureichen Bewohner).

Als wäre eine Art Goldrausch ausgebrochen, begann man vor zwanzig Jahren damit, sich wie im Fieber die aussichtsreichsten Claims zu sichern. Die Bodenpreise sind seither freilich geradezu explodiert und derzeit werden dem solventen Interessenten eine Million Dollar für ein bescheidenes Stück Land abverlangt. Ein Kollege meiner Frau, der die Absicht hegte, sich auf Dauer in Cumbayá niederzulassen, klagte uns einmal sein Leid (die enorme Summe reicht dabei gerade für ein unerschlossenes Stück Land).

Die Teuerung macht sich auch auf dem Mietmarkt bemerkbar. Die Mieten in Cumbayá gleichen denen in Berlin oder übertreffen diese sogar noch. Jedenfalls gelang es uns nicht, in dieser Vorstadtsiedlung ein Apartment zu finden, für das wir ungefähr so viel wie für unsere Wohnung in Friedrichshain zu bezahlen hätten. Was wir für uns als angemessen erachtet hätten, also guter Plattenbaustandard, lag deutlich darüber, und in Wohnungen, die etwa dem Berliner Preisniveau entsprachen, hätten wir nicht leben wollen – zu unsicher, zu abgewohnt, zu klein.

Santa Inés, ein Stadtteil Cumbayás, gilt immer noch als weitgehend ursprünglich. Die angestammte Bevölkerung verteidigt ihren Besitz zäh gegen die Begehrlichkeiten der Invasoren aus Quito. Doch nagelneue Apartment-Häuser, die wie Inseln zwischen den einfachen Eingeschossern aufragen, zeigen an, dass die Gentrifizierung bereits in vollem Gange ist. Von diesen Brückenköpfen nimmt die Invasion der Gutbetuchten ihren Ausgang, und gleich Krebsgeschwüren fressen sich die schicken neuen Wohnanlagen immer weiter ins Stadtbild.

Schon haben die Bessergestellten sich eine neue Kirche bauen lassen. Wie man hört, sei das Gotteshaus fast ausschließlich durch die Spenden „der Reichen“ finanziert worden. Man gibt sich gern fromm, eine Eigenschaft, welche nur noch durch die Bigotterie übertroffen wird, die unter diesen Leuten zu grassieren scheint wie der Aussatz in einer Leprakolonie. Außerdem ist so ein sonntäglicher Gottesdienst die perfekte Gelegenheit zu zeigen, welchen Platz unter den Menschen einem der Herrgott im Himmel zugewiesen hat. Denn zwar heißt es, sein sei das Reich und die Macht und die Herrlichkeit, und zwar sein allein, aber natürlich weiß man, dass der Allmächtige seinen Lieblingen nicht gar zu selten schon zu Lebzeiten gestattet, sich im Glanze seiner Herrlichkeit zu sonnen.

In Santa Inés haben wir nur einige Wochen gewohnt. Unser Apartment war zwar sehr schön, doch hatte der Besitzer kaum für die Sicherheit Sorge getragen. Nach einem Wohnungseinbruch beschlossen wir, uns ein neues Quartier zu suchen. Jeder verständige Hausbesitzer hätte in dieser Situation davon Abstand genommen, die Kaution einzubehalten oder die Miete für einen weiteren Monat zu fordern, zumal der Einbruch erhebliche Sicherheitsmängel offenbart hatte, für die niemand anderer als der Vermieter die Verantwortung trug. Eine weitere Mietzahlung war dennoch eine Zeitlang im Gespräch, denn mit unserem Auszug würden wir den Vertrag, der pro forma eine Mietdauer von einem Jahr vorsah, vorzeitig beenden.

Ich glaube, der Eigentümer des Hauses nahm nur deshalb von seiner unverschämten Forderung Abstand, weil ihm zu dämmern begann, dass er allein die Verantwortung für die offengelegten Mängel trug, welche den Einbruch letztlich erst begünstigt hatten. Jeder Versuch, das Geld einzuklagen, hätte ihn in Erklärungsnot gebracht. Gleichsam als Beweis kann der Umstand gesehen werden, dass er schon wenige Tage nach dem Ereignis hektisch Ausbesserungsarbeiten an sämtlichen Türen und Toren anordnen ließ, wobei er sich nicht zu schade war, selbst Hand anzulegen: Ich sah ihn wie einen Berserker an den Flügeln des Garagentores zerren. Hier hatten sich die Diebe Zutritt verschafft. Das billige Tor hatte einfach nachgegeben. Als wäre er ein Eisenbieger, versuchte der Hausbesitzer, den Stahlstreben ihre ursprüngliche Form zurückzugeben. Der Mann musste wirklich verzweifelt sein.

Kakao & Co.

Ecuador ist nicht nur ein Bananenimperium – das Land ist der weltgrößte Exporteur –, sondern gilt auch als der größte Produzent von Edelkakaos. Edelkakaos machen nur etwa fünf Prozent der gesamten Weltproduktion aus, aber davon bestreitet Ecuador allein schon drei Fünftel. Kakao hat seit der Erringung der Unabhängigkeit von Spanien immer wieder die Geschicke des Landes bestimmt, doch die Zeiten, da mächtige Kakaobarone sich in die Politik einmischten und versuchten, dem Land ihren Willen aufzuzwingen, sind lange vorbei. Heute heißt der Kakao Öl und die Förderung ist fest in staatlicher Hand.

Bei der Herstellung von Schokolade verlässt man die eingetretenen Pfade: Statt auf Massenware zu setzen, hat man sich auf Sortenschokoladen, vorzugsweise aus Edelkakao, spezialisiert. Die letzten Jahre haben einen wahren Kakaoboom gesehen. Dutzende Labels, die Handwerksschokoladen aus erlesenen Kakaosorten vertreiben, sind buchstäblich aus dem Boden geschossen. Oft handelt es sich um Manufakturen, in denen ein Großteil der Arbeit noch tatsächlich von Hand erledigt wird.

Ein schönes Beispiel ist „Cacao & Cacao“, ein Unternehmen, das eine Kette kleiner Cafés in Quito betreibt. Man kann dort edle Schokoladen und hochwertige ecuadorianische Kaffees aus eigener Röstung kaufen, aber der eigentliche Star ist die heiße Schokolade, die so gut ist, dass man nach dem Genuss schon fast sein Leben überdenken möchte. Als meine Frau mich vor der Tasse sitzen und versonnen die Rose anstarren sah, die der Barrista in den Schaum gezaubert hatte, mochte sie wohl glauben, ich wäre versucht, eine Wahl zwischen ihr und der Schokolade zu treffen. Ich gestehe, ich hatte noch eine zweite Tasse, doch dann war die Liaison beendet – nur eine schnelle Affäre, mein Schatz, nichts Ernstes.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals begegnete einem ein gänzlich anderes Land und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich wunderte und wie bestürzt ich darüber war, dass man nirgendwo hochwertige Schokolade aus einheimischer Herstellung kaufen konnte. Zwar fand man in den Regalen der Supermärkte auch schon damals die Produkte der großen internationalen Produzenten wie Nestlé oder Hershey, aber die Vielfalt der Sorten aus einheimischer Produktion, wie sie der Schokoladenliebhaber heute genießen kann, suchte man vergeblich.

„Manícho“ gab es natürlich schon viel länger, wahrscheinlich sogar schon zu Zeiten der Clovis-Leute, und die genaue Lage der Mine, in der Schokoladensüchtige die Tafeln mit bloßen Händen aus dem Gestein kratzen, ist nach wie vor ein streng gehütetes Geheimnis. Manícho ist eine Vollmilchschokolade mit gerösteten Erdnüssen (Maní y Chocolate – Manícho), nichts Besonderes also, aber ich liebe den Stoff, der mich schon so manches Mal vor dem Hungerkoma bewahrt hat.

Ich kann bezeugen, dass man mit einem Manícho im Bauch auch die größte Herausforderung besteht, die dem Reisenden in diesem an Herausforderungen nicht armen Land begegnen kann: den Besuch der Shopping-Mall mit der Partnerin. So ein Manícho baut auf und hebt die Stimmung. Und einen Stimmungsaufheller braucht man unbedingt, wenn man fühlt, dass einem zwischen Boss und Banana Republic (was für ein passender Name im Land der Banane) allmählich der Verstand abhanden zu kommen droht.

Neben Andrés Gómez und Jefferson Pérez waren in meinem Bewusstsein stets drei Dinge verankert, für die Ecuador berühmt ist: Bananen, Kaffee, Kakao. Wie Manícho gab es natürlich auch Bananen oder Guineos, wie sie hierzulande genannt werden, schon lange und seit der Erfindung des Kühltransports ist Ecuador zum weltgrößten Exporteur der gelben Früchte aufgestiegen. So mancher ecuadorianische Austauschlehrer im Ausland musste sich schon von seinen Schülern fragen lassen, ob er in der Bananenkiste eingereist sei (Wir haben so gelacht, während meine Frau mit verkniffenem Mund daneben stand und grollte). Aber das ist eine der vielen Wahrheiten dieses Landes: Ecuador, das sind vor allem Bananen (und neuerdings auch Öl).

Kakao und Kaffee haben erst in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Auf meiner ersten Reise 1992 war es unmöglich, irgendwo guten Kaffee zu bekommen, und ich weiß noch genau, wie enttäuscht ich darüber war. Merkwürdig genug, schien dieses Manko keinen Ecuadorianer wirklich zu bekümmern. Heute ist das natürlich anders: Kaffeehaus-Ketten breiten sich im ganzen Land aus und gepflegte Cafés, aus denen einem der köstliche Duft frisch gerösteter Bohnen so unwiderstehlich wie eine Überdosis Pheromone in die Nase steigt, finden sich mittlerweile zumindest in jeder größeren Stadt (siehe auch meinen Blogpost „Leder, Pilger und Kaffee“).

Die Edelkakaos, die auf den fruchtbaren Böden des Landes gedeihen, werden überwiegend zu nicht weniger edlen Handwerksschokoladen oder zu Sortenschokoladen verarbeitet. Wie beim Kaffee bestimmen nämlich Sorte, Bodenqualität und Klima das Aroma. Beim Wein spricht man vom Terroir, bei Kakao haben sich solche subtilen Unterscheidungskriterien aber nicht eingebürgert, auch bedingt durch den Umstand, dass Schokolade aus industrieller Massenfertigung die feinen Nuancen des Aromas entbehrt. Doch es sind nur die Connoisseure, die solche Feinheiten zu schätzen wissen. Dem Schokoladensüchtigen kommt es lediglich darauf an, seine Synapsen mit der täglichen Dosis Glück zu fluten, die der Genuss des theobrominhaltigen Stoffes verheißt.

Ganz überwiegend handelt es sich bei den Chocolates artesanales, den Handwerksschokoladen, um dunkle Sorten, die einen unverfälschten Schokoladengenuss gestatten, ohne den im wahrsten Sinne des Wortes bitteren Nachgeschmack, den man beim Verzehr von Industrieschokoladen aus Massenproduktion oft zu gewärtigen hat – dunkle Sorten aus Edelkakao schmecken erstaunlich mild und vermögen selbst eingefleischte Liebhaber der Vollmilchschokolade zu verführen.

Solche edlen Genüsse haben natürlich ihren Preis, aber bevor man sich darüber echauffiert, darf man nicht vergessen, dass Schokolade ein Genuss- und kein Grundnahrungsmittel ist und deshalb nur zu seltenen Anlässen und in kleinen Mengen genossen wird. Wer es sich leisten kann und leisten möchte, darf die Edeldroge natürlich auch gleich tafelweise essen, was umso leichter fallen wird, da Manufakturschokoladen meist nur als handliche Vierzig-Gramm-Tafeln angeboten werden.

Badekultur

Papallacta ist ein kleines Städtchen, das verlassen im Talgrund zwischen hohen Bergen liegt. Es gibt nicht viel zu entdecken und kaum etwas zu sehen. Der Strom der Touristen fließt zuverlässig an diesem Ort vorbei, denn die eigentliche Attraktion sind die Thermen. Wir hielten kurz und ich kaufte mir eine Tüte Caña de azucar, geschnittenes Zuckerrohr. Man kann den süßen Saft auskauen und tatsächlich erinnert der Geschmack ein wenig an braunen Rohrzucker. Schade, dass man frisches Zuckerrohr nicht in Deutschland bekommt.

Die Thermen liegen etwas oberhalb der Stadt und wenn man dorthin gelangen möchte, muss man eine Ausfahrt nehmen. Die Hauptstraße kerbt sich durch den Ort wie ein Messer durch eine Torte und die Ausfahrt schwingt sich irgendwann unvermittelt als scharfe Rechtskurve in die Höhe. Nicht wenige verpassen sie und ist man erst einmal vorbeigefahren, kann man nicht wieder zurück. Vielmehr ist man gezwungen, einer schmalen Einbahnstraße zu folgen, einer Schotterpiste, die zunächst um die steile Flanke eines Berges herumführt und schließlich in einen Rundkurs mündet. Man braucht eine Viertelstunde, ehe man wieder am Ausgangspunkt angelangt ist. Doch eigentlich ist das kein Drama, weil die Strecke eine Vielzahl landschaftlicher Glanzpunkte bietet, und am Ende ist man sogar froh darüber, diesen idyllischen Abzweig gefunden zu haben.

Einige Besucher ignorierten freilich die Schilder, drehten und befuhren die Straße als Geisterfahrer. Ich weiß nicht, wie es ihnen überhaupt gelingen konnte zu wenden, denn die Straße war so schmal, dass man schon in die Büsche fahren musste, wenn man einem entgegenkommenden Fahrzeug nur ausweichen wollte. Zwar setzten sie sich der Gefahr aus, den steilen Hang herunterzustürzen (oder andere über die Klippen zu schieben), aber zumindest hatte man wieder unglaublich viel Zeit gespart. In den menschenleeren Anden kommt es nämlich auf jede Minute an. Que gente!

Als wir dann endlich auf dem Parkplatz der Thermen eintrafen, ahnten wir bereits, dass dies kein vergnüglicher Ausflug mit unbeschwertem Badespaß werden würde: Der Parkplatz war so dicht zugestellt wie die Parkfläche vor dem Olympiastadium während des Pokal-Endspiels. Ich kurbelte den Wagen durch die engen Gassen bis ich fast schon aufgeben wollte, als ich wundersamerweise doch noch einen freien Platz fand – offenbar der letzte weit und breit.

Wir spazierten ein wenig durch die Anlage. Die Thermen erweckten ganz den Eindruck eines touristischen Knotenpunktes. Das Gelände war so überlaufen wie die Stadtparks in Berlin zu Ostern, wenn die Leute zur Eiersuche ausschwärmen. Die weitaus meisten Besucher schienen Ecuadorianer zu sein, wenn man auch hin und wieder in der Menge die typischen Attribute des abenteuernden Auslandstouristen ausmachen konnte: Cargohosen, Trekkingstiefel und der große Wanderrucksack, vorzugsweise in Tarnfarben. Viel Vergnügen bereitet so ein Ausflug nicht, zumal man manchmal das Gefühl hat, wie ein Lachs zur Laichwanderung inmitten eines dichten Stroms aus Lachsen zu schwimmen.

Wir ließen uns mit der Menge treiben und irgendwann standen wir vor dem Eingang zu den Thermalbädern. Ich schickte meine Frau vor, weil ich keine Lust auf Kuscheln zwischen fremden Leibern hatte. Die Wartezeit betrug zwei bis drei Stunden. Mehrere Dutzend Besucher hatten sich vor uns angemeldet und zwei bis drei Stunden war natürlich nur eine Schätzung. Es hätte auch länger dauern können.

Von der überfüllten Lobby aus warfen wir einen Blick ins Innere, um abzuschätzen, ob sich die lange Warterei überhaupt lohnen würde: Man sah ein halbes Dutzend flacher Becken, in denen die Menschen erschlafft wie nach einer römischen Orgie lagen. Wahrscheinlich hatte sie das heiße Thermalwasser regelrecht paralysiert, denn sie trieben so bewegungslos in den Pools wie die Olive im Martini. Man sah überwiegend Ältere die arthritischen Leiber in diesen Quell der ewigen Jugend tauchten, wohl in der Hoffnung, dass das warme, mineralreiche Wasser ihren steifen Gliedern die Geschmeidigkeit der Jugend wiederzugeben vermöchte. Der Bäderbereich erinnerte an die Saunalandschaft irgendeiner großen Therme in Brandenburg, aber darüber hinaus gab es eigentlich nicht viel, dessentwegen ein Besuch gelohnt hätte. Ach ja, Handtuchservice gab es auch.

Wir entschieden uns dagegen zu warten. Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich noch ein zweites Bad, und diese Anlage erinnert eher an ein richtiges Schwimmbad. Hier können Kinder auch einmal toben, ohne den Unmut der älteren Badegäste zu erregen. Und man ist auch nicht gehalten, die ganze Zeit über im Wasser zu sitzen, als wäre man eine Kaulquappe. Wir warfen einen Blick hinein – normaler Badebetrieb; nichts, was man nicht schon Hunderte Male an Berlins Seen und in seinen Schwimmbädern erlebt hätte. Doch in Ecuador gibt es keine öffentlichen Badeanstalten und nur Verrückte oder Selbstmörder würden auf die Idee kommen, sich in die kalten Seen der Anden zu werfen. Eine Badekultur, wie man sie etwa aus Berlin mit seinen vielen Freibädern gewohnt ist, kennt man hier nicht, und wenn man doch einmal ins Wasser will, muss man schon an die Strände des Pazifiks fahren.

Ein großes Schwimmbecken ist für viele fast schon eine Sensation. Nicht für mich – im Sommer kann ich jeden Tag an den Orankesee fahren und im Winter könnte ich immer noch eines der zahlreichen Schwimmbäder in der Stadt besuchen. Papallacta liegt ziemlich hoch in den Bergen und deshalb kam es uns zuweilen recht kühl vor. Wenn man nicht frieren will, muss man eben doch dauernd im warmem Wasser sitzen, und nach einer Stunde hat man dann ohnehin genug. Mir war die Lust auf Freibad vergangen. Ihren Mienen konnte ich ablesen, dass meine Frau und mein Sohn nicht anders empfanden.

Wir suchten an diesem Tag noch ein Restaurant auf und spazierten noch ein wenig durch die Bäderanlage. Wirklich viel zu sehen gab es eigentlich nicht. Der Reiseführer hatte insofern die Wahrheit verkündet, als die ganze Anlage bis zur letzten Fliese internationalem Standard entspricht. Ein Tourist aus Europa oder aus den USA findet hier dasselbe angenehme Ambiente vor, wie er es für eine ähnliche Einrichtung zuhause erwarten könnte. Man war so sehr bemüht, die Bäderanlage internationalen Maßstäben anzugleichen, dass man sich fragt, was hier eigentlich noch ecuadorianisch sein soll. Man könnte Urlaub in irgendeinem Wellness-Hotel im Spreewald machen und würde kaum einen Unterschied feststellen (abgesehen natürlich von der Landschaft). Auch die Preise würden sich wahrscheinlich kaum unterscheiden, denn für eine Übernachtung in einem der kleinen Hotels zahlt man um die zweihundert Dollar. Dafür darf man dann aber auch die hauseigenen Pools nutzen, die jedoch oft so klein sind, dass sie eher großen Badewannen gleichen.