Flucht aus Cumbayá

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbrachten wir an der Küste. Wenn man es freundlich meinte, würde man Cumbayá (wo wir derzeit wohnen) als eine ruhige, beschauliche Kleinstadt bezeichnen. Nicht ganz so wohlgesinnte Zeitgenossen könnten allerdings behaupten, der Ort sei ein sterbenslangweiliger und dazu noch potthässlicher Vorstadtflecken, in dem der unüberbietbare Höhepunkt eines jeden Wochenendes in einem Besuch der Shopping-Mall bestünde. Halleluja! An einem ruhigen Samstag oder Sonntag, von denen es immer viel zu viele zu geben scheint, möchte man sich vor Langeweile am liebsten die Kugel geben. Und wenn man schon an ausnahmslos jedem Wochenende in eine Lebenskrise verfällt, mag man sich leicht ausmalen, wie es an den Feiertagen aussieht. Selbstmord oder Flucht scheinen da die einzigen Alternativen zu sein, denn Alkohol ist leider viel zu teuer.

Der 24. Dezember ist hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag. Man hat nicht den Eindruck, dass das Gros der Leute sonderliche Anstrengungen unternimmt, um das Fest zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Die meisten scheinen kaum genug Geld zu haben, um sich die notwendigsten Dinge des Lebens zu leisten. Für Extraausgaben bleibt da in der Regel kaum etwas übrig und so feiert man in ganz bescheidenem Rahmen, kaum anders als man etwa den Freitagabend nach einer langen harten Wochen genießen würde. Noch an Heiligabend mussten wir einen wichtigen Auslandsanruf tätigen und auch noch einige Seiten ausdrucken. Da wir Auslandsanrufe nicht von unserer Wohnung aus führen können und der Drucker auch nicht funktioniert, suchten wir den erstbesten Cybershop in der Stadt auf. Wir waren nicht sicher, ob wir nicht noch einmal am nächsten Tag (das wäre der 25. Dezember) anrufen müssten, aber die Besitzerin des Ladens versicherte uns, das sei überhaupt kein Problem; wie jeden Tag habe sie ab 6:30 Uhr geöffnet. Meine Frau wunderte sich und fragte sie neugierig, ob sie denn nicht feiere. Die Cyber-Frau schaute sie bloß verständnislos an und frage dann zurück, was sie denn feiern solle. Ich glaube, die arme Frau wohnt in ihrem Laden.

Für die Alteingesessenen ist es oft schwer, sich durchs Leben zu schlagen, aber nicht jeder in der Stadt muss sich darum sorgen, wie er den nächsten Tag übersteht. Cumbayá hat in den letzten Jahren viele Pelucones angezogen. So nennen die Leute spöttisch das neureiche Gesindel, welches die Grundstücke in der Stadt billig aufgekauft hat und das nun mit seinen protzigen Häusern und seinen dicken Luxuskarossen jedermann die eigene Bedeutung vor Augen zu führen versucht – nagelneue Wagen der Marke Porsche sieht man hier weit öfter im Straßenbild als in Berlin, obwohl der Verkaufspreis für die preiswertesten Modelle bei über 150.000 Dollar liegt. Ganz davon abgesehen ist so ein tiefliegendes Auto auf den hiesigen Straßen mit ihren alle paar hundert Meter willkürlich eingefügten Schwellen einfach unpraktisch.

Wer Geld hat, gönnt sich zu den Feiertagen auch etwas und da die Reichen nach Cumbayá drängen wie die hungrigen Humboldt-Kalmare zum Fischkadaver, werden die teuren Supermärkte und Spezialitätengeschäfte an den Festtagen regelrecht überschwemmt von aufgebrezelten Señoras und ihrem Dienstpersonal. Den übervollen Einkaufswagen lässt man sich vom Bediensteten des Supermarkts bis vor das Auto schieben und dann überwacht man mit Argusaugen, dass die Einkäufe auch ja ordentlich verstaut werden – man kann einfach niemandem trauen. Gerade Lebensmittel, und ganz besonders solche Dinge, die hierzulande nicht unbedingt Teil der traditionellen Esskultur sind, wie zum Beispiel Schinken, italienische Salami, europäischer Käse oder Schweizer Schokolade kommen preislich dem nahe, was man in Berlin für eine kleine Dose Kaviar verlangen würde. Doch wer es sich leisten kann, das Konsumverhalten der europäischen gehobenen Mittelklasse zu kopieren, würde es fast als Schmach empfinden zu verzichten. Und so kann ein Feiertagseinkauf leicht mit drei-, vierhundert Dollar oder mit noch mehr zu Buche schlagen, alkoholische Getränke nicht mit eingerechnet. Aber was soll´s – wer hat, der hat.

Am 25. Dezember brachen wir nach Bahía auf. Wir hatten schon am Vortag alle Besorgungen für die Reise gemacht, denn wir gingen fest davon aus, dass die Geschäfte zu Weihnachten geschlossen bleiben würden. Doch wir hatten uns getäuscht. Zwar herrschte auf den Straßen nur wenig Verkehr, aber fast sämtliche Läden, einschließlich der Supermärkte, schienen geöffnet zu haben, als wäre es ein ganz normaler Arbeitstag. Nichts deutete darauf hin, dass Weihnachten war – keine Chöre, die fröhlich Weihnachtschoräle schmetterten, keine Studenten, die, als Weihnachtsmänner verkleidet, kleine Kinder belästigten, keine Sammelbüchsen und tränenreiche Spendenaufrufe. Es war warm, die Sonne schien und Weihnachtsdekoration fand sich nur so spärlich in der Stadt, dass man sie glatt übersehen konnte. Würde man nichts von Weihnachten wissen und hätte man noch nie davon gehört, dass man an diesem Tag die Geburt des Heilands feiert, wäre es gut möglich, dass der Tag vorüberginge und man hätte von einem der bedeutendsten Feste der Christenheit kaum etwas bemerkt – und das in einem katholischen Land! Im Gegensatz dazu kann man im heidnischen Berlin all dem Frohlocken, dem ununterbrochenen Weihnachtsgesang und dem Besinnlichsein kaum entrinnen, so gern man es auch manchmal möchte.

Apropos Weihnachtsmänner: Der Weihnachtsmann – in Deutschland der Superstar jedes Weihnachtsfestes – lässt sich hierzulande nur selten sehen. Das mag daran liegen, dass sich Papa Noël, so sein Name, getreu dem amerikanischen Vorbild zu mitternächtlicher Stunde, wenn jedermann in tiefem Schlaf liegt, durch Schornsteine und Kamine zwängen muss (dabei gibt es hier im Land nicht einmal Schornsteine – armer Papa Noël). Anders als in Deutschland, wo man dem Rauschebart um die Weihnachtszeit in so ziemlich jeder Einkaufsmeile begegnen kann, sieht man die Rotjacke hier nie – er ist ja immer nachts unterwegs; kein Auf-dem-Schoß-sitzen, kein Wangentätscheln, keine mahnenden Worte, keine ängstlich hingemurmelten Weihnachtsgedichte, um den gestrengen Rauschebart gnädig zu stimmen. Studenten verlieren eine lukrative Einnahmequelle, obwohl ich kaum glaube, dass die Studierenden hierzulande es nötig haben, als Weihnachtsmänner verkleidet kleine Kinder zu erschrecken. Wer studiert, noch dazu an einer teuren Privatuniversität, wie sich eine in der Stadt befindet, hat reiche Eltern. Da kommt der Weihnachtsmann nur als Spender erlesener Gaben, nicht als Bittsteller.

Auch Weihnachtsbäume sieht man selten. Weihnachten ohne Weihnachtsbaum ist in Deutschland einfach undenkbar. Da würde man das Fest lieber ganz ausfallen lassen als auf die festlich geschmückte Tanne zu verzichten. Zwar bin ich in einem atheistischen Elternhaus groß geworden, aber zum Fest musste immer ein Baum her, und er durfte auf keinen Fall zu klein sein. Oft waren die Bäume so groß, das mein Vater das sperrige Geäst erst zurechtstutzen musste, damit sie überhaupt ins Zimmer passten. Hier am Äquator gibt es keine Nadelwälder und da der Christbaum, wenn man es recht bedenkt, eine ganz heidnische Angelegenheit ist, die im erzkatholischen Ecuador nie so recht hat Fuß fassen können, sind die Leute auch gar nicht erpicht darauf, sich einen Baum in die gute Stube zu stellen. Ohnehin müsste man in Ermangelung echter Bäume mit Abies plastica (der Plastiktanne) Vorlieb nehmen, denn auf eine so absonderliche Idee, sich etwa eine Palme ins Haus zu stellen, käme wohl niemand. Ein Baum zu Weihnachten ist eher etwas für die Gutbetuchten, die es, wie in so vielem, dem nordamerikanischen Vorbild gleichzutun versuchen.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf der Behörde

Jeder, der länger als drei Monate in Ecuador bleiben möchte, muss sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen, andernfalls ist er illegal im Lande. Da das Registrierungsverfahren relativ umständlich ist und auch lange dauern kann, empfahl uns der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, einen Anwalt mit der Sache zu beauftragen. Das taten wir dann auch. Unsere Anwältin residiert in einem bewachten Gebäudekomplex im Zentrum von Quito. Möchte man hinein, muss man bei der Wache seinen Ausweis abgeben, selbst wenn man einen Termin hat und sich ausweisen kann. Nachdem wir zunächst einen Monat nichts von der Anwältin gehört hatten, lud sie uns plötzlich zu einem Termin. Wir reisten von Nayón aus mit dem Auto an. Wir hätten auch den Bus nehmen können, aber die Fahrt hätte viel mehr Zeit beansprucht und wir waren an diesem Tag spät dran. Wenn man mit dem eigenen Wagen fährt, muss man sich leider daran gewöhnen, im Stau zu stehen. In Quito gibt es immer irgendwo Stau und ein missgünstiges Schicksal will es, dass man ausgerechnet immer genau dorthin will, wo alle anderen schon sind.

Nachdem wir bei der Anwältin eingetroffen waren, wurde uns klar, dass wir lieber den Bus genommen hätten, denn die Frau fackelte nicht lange und nahm unseren Wagen gleich als Taxi. Wieder ging es quälend langsam durch den dichten Stadtverkehr. Die Anwältin zeigte uns den Weg zur hiesigen Version der Meldestelle. Einen Parkplatz zu finden, glich wieder einem Kunststück, aber wir hatten Glück, denn auf einem bewachten Parkgrundstück wurde gerade ein Platz frei und wir quetschten uns in die Lücke. Dass der Lack auf dem nur handtuchschmalen Platz keinen Schaden litt, war fast ein Wunder. Um ein Haar wären wir nicht mehr aus der Tür gekommen. Ich gab der freundlichen Parkplatzwächterin das Parkgeld für zwei Stunden und wir mussten noch einmal zehn Minuten durch die Gegend marschieren, um zur Meldebehörde zu gelangen.

Im Grunde unterscheiden sich die Ämter in Ecuador nicht sehr von den Ämtern in Deutschland mit der Ausnahme, dass sie größer und moderner sind. Uns empfing ein riesiger Wartesaal mit schätzungsweise zwanzig Schaltern zur Abfertigung. Von der Angestellten am Empfang ließen wir uns Wartenummern geben und nahmen Platz. Über die Bildschirme flimmerten im Wechsel lustige Sketche oder Vermisstenanzeigen, während auf der unteren Bildlaufzeile aktuelle, die Behörde betreffende Nachrichten zu lesen waren. In einem Feld am rechten Rand erschienen im Wechsel die Nummern der Wartenden und die Schalter, zu denen sie sich begeben sollten. Unsere Anwältin, die sich auf Ämtern auskennt, hatte sich gleich mehrere Nummern geben lassen, um all das, was auch immer nötig sein würde, in nur einem Aufwasch zu erledigen.

Sobald unsere Nummer aufgerufen wurde, gingen wir zum Schalter – wie gesagt, man kommt sich vor wie auf einem deutschen Amt. Ich war froh, dass ich nichts tun musste, außer zu warten; die Anwältin erledigte alles. Nicht unbeträchtliche Irritationen rief der Familienname in unseren Pässen hervor. Die spanische Sprache kennt bekanntlich kein „ß“ und die Beamtin, die unsere Personalien aufnahm, beharrte steif und fest darauf, dass es sich um ein „B“ handeln müsse; etwas anderes war für sie völlig ausgeschlossen. Die Verwirrung war komplett, als ich meinen Personalausweis hervorholte und auf die Transskription in Großbuchstaben hinwies, die auf Doppel-S lautet. Offensichtlich hat man nicht aller Tage mit deutschen Namen zu tun. Das Rätselraten ging noch eine Weile weiter und würde bestimmt noch den ganzen Tag beansprucht haben, wenn die Beamtin nicht ihre Supervisorin herbeiholt hätte, die auf die geniale Idee kam, in den einschlägigen Transkriptionstabellen nachzusehen (zur Meldebehörde muss irgendwann jeder, auch Menschen mit unaussprechlichen deutschen Namen, die es durch Zufall nach Ecuador verschlagen hat). Tatsächlich fand sie heraus, dass „ß“ durch „ss“ zu ersetzen sei, und der Tag war gerettet.

So ein Behördengang könnte geradezu geruhsam sein, wenn man das Gebäude nicht dauernd wegen irgendwelcher zusätzlichen Besorgungen verlassen müsste. Wir aber mussten immer wieder hinaus, um Kopien von Pässen, Ausweisen oder diversen Schreiben anzufertigen, doch praktischerweise befand sich der Copy-Shop nur wenige Schritte entfernt. Fast alles, was wir an diesem Tag erledigten, sei es die Ausgabe eines amtlichen Papiers, seien es Kopien oder sei es einfach nur ein Stempel, kostete Geld. Selbst fürs Parken wurde noch der übliche Obolus gefordert. Nach ca. zwei Stunden war alles für diesen Tag erledigt und wir hatten etwa dreißig Dollar ausgegeben. Die Anwältin bemerkte mein Erstaunen angesichts so vieler zusätzlicher Ausgaben. Sie sagte, ihr Mann sei wie ich Deutscher und auch er wundere sich immer darüber, wie viel Geld jeder Behördenbesuch verschlinge. Sie könne durchaus verstehen, wie unerfreulich dies sei. Und da sie schon einmal bei den unerfreulichen Dingen war, hätte sie gleich erwähnen können, dass das Gros der Kosten durch ihr Anwaltshonorar verursacht wurde, demgegenüber die Summen, welche die Ämter verlangten, bloß Peanuts sind. Für 1.300 Dollar würde ich selber nur zu gern die lästigen Behördengänge übernehmen. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch.

Zur „Migración“ gingen wir ohne die Anwältin. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich die Einwanderungsbehörde, zu der sich jeder irgendwann begeben muss, der länger als drei Monate im Lande zu bleiben beabsichtigt. Die Einwanderungsbehörde residiert in einem unscheinbaren Gebäude in Quito. Nur die übermannsgroße blaue Aufschrift „Migración“ auf dem weiß getünchten Gemäuer verrät, dass man an der richtigen Adresse ist. Im Innern empfängt einen der übliche strikt funktionelle Behördencharme: ein großer Wartesaal und mehrere Schalter, die auf Antragsteller warten. Alles ist neu und wirkt aseptisch sauber. Der Wartesaal ist nicht übermäßig gefüllt und wir haben gerade ein paar Minuten gewartet, da werden wir auch schon zum ersten freien Schalter gewunken. Die Formalitäten, derentwegen wir uns herbemühen mussten, sind ebenfalls in ein paar Minuten erledigt. Jedes der Papiere, das man uns ausgestellt hat, kostet fünf Dollar.

Auf der Behörde trifft man jene Ausländer, die sich wie wir auf das Abenteuer eingelassen haben, für längere Zeit in Ecuador zu bleiben. Gringos oder Personen, die, ihrem Aussehen nach zu urteilen, den Anschein erweckten, welche zu sein, sahen wir an diesem Tag nicht, dafür aber Latinos aus den anderen Ländern des Kontinents. Neben mir am Schalter steht eine Frau aus Venezuela. Ich kann ihren Reisepass sehen, als sie ihn dem Beamten durch das Fenster zuschiebt. Dabei schüttelt sie ihre blondierte Mähne, als wollte sie den Mann hinter dem Glas beeindrucken. Der Beamte nimmt den Pass mit undurchdringlicher Miene entgegen, blättert eine Weile aufmerksam darin herum und gibt ihn der Frau zurück. Die Venezolanerin bedankt sich überschwänglich herzlich und schüttelt wieder ihr Haar, dass ich schon anfange zu glauben, es müsse etwas bedeuten.

Die Beamten hinter den Schaltern tragen Jacken in den Farben der Behörde und Blau und Weiß scheinen ausschließlich für die Einwanderung reserviert zu sein. Über dem Herzen prangt die Aufschrift „Migración“. In ihren sportiven Jacken wirken sie so frisch wie die Angehörigen eines Olympiateams. In Deutschland würde man sie kaum für Beamte halten, aber hierzulande haben die Behörden in den letzten Jahren einen neuen Anstrich herhalten. Wirklich auffällig ist, dass der ecuadorianische Beamte jung ist – unfassbar, wie jung diese Beamten sind! In Ehren verknöcherte Vorpensionäre, die ihre letzten Jährchen in kontemplativer Stille zwischen verstaubten Aktenbergen absitzen, sieht man hier nicht. Das mag daran liegen, dass sämtliche staatliche Behörden in den letzten Jahren tiefgreifend reformiert worden sind. Alles wirkt nun viel moderner und neuer als in Deutschland. Bürgerämter in baufälligen Baracken, wie ich sie aus Berlin gewohnt bin, sucht man hier vergebens. Es hat den Anschein, man hat nicht nur die Gebäude erneuert, sondern gleich das Personal mit ausgetauscht. Und so kommt es, das einem auf den Ämtern statt alter mürrischer Beamter in abgewetzten Jacketts gut aussehende junge Frauen in feschen Sportblazern gegenüber sitzen. Wer geht schon gern zur Behörde? Zugegeben, es gibt interessantere Dinge, die man stattdessen tun könnte, zumindest aber verspürt man nicht mehr jenen nahezu unüberwindlichen Widerwillen, und das ist doch schon ein Fortschritt!

Der TÜV unter anderem Namen

Das Verwirrende in diesem Land ist, dass einem jeder etwas anderes erzählt, wenn man doch nur eine einfache und vor allem verbindliche Antwort haben möchte. Ich kann nicht sagen, ob dahinter eine bestimmte Intention steht, oder ob die Leute nur helfen wollen und es am Ende doch nicht besser wissen. Zugegeben, das Leben läuft auch hier in ähnlichen Geleisen wie in Deutschland, aber ehe man das Wie, Wo und Wann herausgefunden hat, kann viel, viel Zeit vergehen; um in der Metapher zu bleiben: Bevor man weiß, wo sich der Bahnsteig befindet, hat man sich die Füße wund gelaufen. Und das Nervenkostüm ist auch nicht mehr in bester Verfassung, zumal es die Regel zu sein scheint, dass man erst alle Irrwege ausmessen muss, ehe man sein Ziel findet.

Wie in Deutschland müssen auch in Ecuador alle Autos in bestimmten Abständen zum TÜV. Die zuständige Stelle heißt natürlich nicht so und mir ist momentan entfallen, wie sie sich eigentlich nennt, aber im Prinzip handelt es sich um genau dasselbe Verfahren. Über die technische Güte der Untersuchung kann ich natürlich nichts sagen. Der eigentliche Unterschied zwischen Ecuador und Deutschland zeigt sich aber im Preis: Zwar ist in Ecuador, von wenigen, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, alles teurer als in Deutschland, aber erfreulicherweise gehört ausgerechnet die Fahrzeugüberprüfung zu diesen wenigen Ausnahmen. Schlappe 23 Dollar zahlt man für die begehrte Plakette.

Unser Autohändler machte uns darauf aufmerksam, dass die technische Überprüfung sehr wichtig sei und dass man sich viel Ärger einhandeln kann, wenn man die Sache auf die leichte Schulter nimmt und den Termin verstreichen lässt. Aus irgendeinem logisch nicht nachvollziehbaren Grund finden Polizeikontrollen auf den Straßen stets nach Einbruch der Dunkelheit statt. Wenn man also Nachts mit dem Auto unterwegs ist, kann es durchaus vorkommen, dass man zur Überprüfung der Personalien und der Fahrzeugpapiere herausgewunken wird. Wenn dann etwas nicht stimmt, kann das sehr unangenehme Folgen haben. Um jegliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wollten wir den Technik-Check so bald wie möglich vornehmen lassen. Doch unser Autohändler hatte noch eine schlechte Nachricht für uns: Leider gäbe es nur wenige Stellen, die autorisiert seien, und so wäre es kein kleines Kunststück, einen Termin zu ergattern. Man müsse schon nachts um 2:00 Uhr an der Terminausgabe sein, um mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Termin am selben Tag zu bekommen.

Das sind in der Tat überraschende Neuigkeiten. Wir waren ein wenig ratlos, was wir tun sollten. Die Zeit schien uns etwas ungewohnt und wir fragten uns, ob die staatlichen Stellen noch nie etwas von Bürgerfreundlichkeit gehört hätten. Und selbst wenn wir zu nachtschlafender Zeit vor der Werkstatt aufgetaucht wären, hätte dies bedeutet, dass wir mit einem Termin allenfalls ab 8:00 Uhr rechnen könnten. Und wer schlägt sich schon gern die ganze Nacht um die Ohren, nur für einen Werkstatt-Check? Was also sollten wir tun? Der Autohändler bemerkte unsere Ratlosigkeit und schlug uns darum etwas anderes vor: Er habe einen Bekannten, der uns einen Termin auf viel einfachere Weise beschaffen könnte, ohne dass wir die ganze Nacht dafür opfern müssten. Für die kleine Serviceleistung werde nur ein geringes Entgelt fällig, das jedoch angesichts der vermiedenen Unannehmlichkeiten jeden Cent wert sei. Die reguläre technische Überprüfung kostet 23 Dollar, ein Termin mit Ausschlafen schlüge mit ca. sechzig Dollar zu Buche. Wir entschieden uns dann fürs Ausschlafen. Nun beging meine Frau leider einen Kardinalfehler, denn sie verplapperte sich beim Chef unseres Autohändlers, indem sie arglos erwähnte, dass sein Mitarbeiter uns freundlicherweise seine Hilfe bei der Beschaffung eines Termins zur technischen Überprüfung angeboten hätte. Der Chef schien diesen Extra-Service keineswegs gutzuheißen, denn als wir unseren Autohändler das nächste Mal ansprachen und fragten, wann wir denn auf einen Termin hoffen könnten, wiegelte er nur freundlich ab und die ganze Sache verlief im Sande.

Wir machten uns schon darauf gefasst, mitten in der Nacht aufzustehen und den halben Tag wartend im Auto zuzubringen, als meine Frau zufällig unsere Vermieterin auf das Problem ansprach. Die Vermieterin ruft meine Frau öfters an, teils um sich nach dem Befinden zu erkundigen (schön, dass ein Vermieter sich so für seine Mieter interessiert!), teils um herauszufinden, ob die Wohnung noch in Ordnung ist. Solange sie von unangemeldeten Inspektionen Abstand nimmt, soll es mir recht sein. Die Vermieterin meinte, einen Termin für den Technik-Check zu erhalten, sei überhaupt kein Problem. Sie kenne eine Stelle, bei der man auch nicht lange warten müsse. Ob ich morgen um 9:00 Uhr Zeit hätte? Ich könnte sie an der Schule meines Sohnes treffen. Sie würde vorausfahren und mir den Weg zeigen. Selbstverständlich war ich einverstanden, denn ich wollte den lästigen Termin so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Am nächsten Tag erwartete ich sie Punkt 9:00 Uhr an der Schule meines Sohnes. Gemessen am landesüblichen Zeitempfinden war sie sehr pünktlich – gegen halb zehn traf sie schließlich gutgelaunt ein und sie entschuldigte sich sogar für die Verspätung. Ich hatte damit gerechnet, dass sie sich verspäten würde, und ich gönnte ihr das halbe Stündchen, denn wer hierzulande exakt auf die Minute eintrifft, wird leicht als eine Art komischer Kauz angesehen (oder für einen Deutschen gehalten). Wir fuhren nach Valle de los Chillos; das ist ein Vorort von Quito im Südosten. Wo genau sich die Werkstatt zur technischen Überprüfung befand, kann ich gar nicht sagen, weil ich mich die ganze Zeit darauf konzentrierte, am Heck meiner Vermieterin zu bleiben, und das Navi hatte ich auch nicht eingeschaltet.

Von der Autopista gelangten wir schließlich in eine Nebenstraße. Auf der linken Seite befand sich ein Autoshop, rechter Hand lag die Werkstatt. Punkt 10:00 Uhr trafen wir ein. Ich rechnete schon damit, dass wir einige Stunden Wartezeit in Kauf nehmen müssten, denn schließlich hatte es ursprünglich geheißen, man müsse schon Nachts vor Ort sein, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Im Autoshop gegenüber holten wir uns einen Termin – ich war verblüfft, dass es auf einmal so schnell gehen sollte. Die Mitarbeiterin des Autoshops druckte mir ein DIN-A-4-Blatt mit dem Kennzeichen und den technischen Spezifikationen meines Autos aus. Ganz unten stand groß die Uhrzeit für meinen Werkstatt-Termin: 10:45 Uhr. Für den kleinen Service entrichtete ich noch einmal zwei Dollar.

Der Werkstatt-Termin selbst verlief so, wie man es auch in Deutschland erwarten könnte: Ich fuhr auf den Parkplatz, übergab dem Angestellten den Autoschlüssel und begab mich in den Wartesaal. Nach nicht mal einer Stunde war die Überprüfung abgeschlossen und der Techniker fuhr mir den Wagen auf den Stellplatz am Ausgang. Die Formalitäten waren in ein paar Minuten erledigt. Ein anderer Mitarbeiter klebte mir den Sticker auf die Windschutzscheibe – so einfach kann TÜV sein! Vom Ausgang aus konnte ich einen Blick in die Werkstatt werfen. Es gab zehn oder zwölf Hebebühnen und zwei Dutzend Mitarbeiter wirbelten im Akkord um die Autos herum. Alles wirkte sehr ordentlich und war penibel sauber; nirgendwo sah man Öllachen oder Fettflecken, das Werkzeug war akkurat verstaut. Selbst die Blaumänner der Techniker waren mit Bügelfalten versehen und wirkten wie frisch gewaschen und gestärkt. Im Autoshop hatte ich bemerkt, dass man Termine auch im Internet buchen kann. Dann kommt man einfach vorbei und muss auch gar nicht warten. Wirklich phantastisch, dieses Internet! Warum weiß eigentlich niemand davon?

Ein glatter Deal

Der Kauf eines gewöhnlichen Konsumgutes kann sich manchmal etwas schwierig gestalten. Nachdem ich große Mühen aufgewendet hatte, ein gutes Hantel-Set zu finden, und es mir schließlich gelungen war, den Kauf anzubahnen, musste der „Deal“ nun nur noch abgeschlossen werden (ich hatte davon berichtet). Wir waren mit dem Händler übereingekommen, uns am nächsten Samstag wieder an der selben Stelle, einem Parkplatz an der Mautstelle der Autopista, zu treffen. Diesmal wählten wir nicht einen Ort hinter sondern vor der Mautstelle, auf einem viel frequentierten Parkplatz direkt an der Straße. Der Händler kam mit seinem Kompagnon und im Kofferraum des Wagens befanden sich die Hanteln. Mir war etwas mulmig, weil ich das Geld, immerhin einige Hundert Dollar, einfach so in der Hosentasche trug.

Der Parkplatz erstreckt sich über hundert Meter entlang der vielbefahrenen Austopista, etwa zweihundert Meter vor der Mautstelle. Kleine Läden und einfache Restaurants säumen ihn und so kurz vor der Mautstelle nutzt manch einer der Fahrer noch einmal die Gelegenheit, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen oder letzte Besorgungen zu machen. Vor der Mautstelle verbreitert sich die Autopista auf etwa zehn Spuren und zu den Hauptverkehrszeiten staut sich der Verkehr vor den Mauthäuschen mit den Schranken. Der Parkplatz ist also immer gut besucht, und ich fragte mich, ob dies ein geeigneter Ort sei, um ein Geschäft abzuschließen, das vielleicht nicht zu einhundert Prozent koscher ist. Doch die Leute hierzulande sind mit Gratwanderungen dieser Art sehr wohl vertraut und niemanden käme es komisch vor, wenn er Leute auf dem Parkplatz irgendeinen Deal abwickeln sähe. Die Sorge, jemand könnte an unserem Handel Anstoß nehmen, war vielleicht nur meine Einbildung.

Auch an diesem Tag war der Parkplatz gut besucht und ich fürchtete schon, man würde unseren nicht ganz astreinen Transaktionen auf die Schliche kommen. Aber ob man sich haarscharf an der Grenze des Gesetzes bewegt oder schon um einiges darüber hinaus, ist manchmal nur eine Frage der Perspektive. Viele im Land sind ohnehin davon überzeugt, dass Gesetze, von korrupten Politikern erlassen, reine Schikane seien und man ohne sie – Politiker wie Gesetze gleichermaßen – besser verführe. Wir fuhren unsere Wagen Heck an Heck zusammen und wuchteten Hanteln und Platten in unseren Kofferraum. Ich wollte das Geld nicht in aller Öffentlichkeit übergeben – wie sähe denn das aus! – und deshalb setzten wir uns ins Auto. Ich zählte dem Hantelmann die Scheine vor. Er bedankte sich artig und steckte das Bündel zufrieden in seine Tasche. Er sagte, er hätte noch mehr Geräte im Angebot und wenn ich wolle, könnte er mir den Katalog zuschicken. Sehr gern. Mit einem Handschlag besiegelten wir unser Geschäft. Wenn ich noch etwas bräuchte, könnte ich ihn jederzeit erreichen.

Ich war zufrieden, zumal die Hanteln wirklich sehr gut aussehen, eigentlich unterscheiden sie sich auf den ersten Blick kaum von Profigeräten. Wenn man genau hinsieht, ist der Guss etwas grober, aber das beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit überhaupt nicht. Insbesondere die Langhantel sieht so gut aus, dass man sie nicht von dem Gerät eines Markenherstellers unterscheiden könnte – wirklich erstklassige Arbeit. Mittlerweile habe ich Gelegenheit gehabt, mit den neuen Geräten zu trainieren und ich muss sagen, der Kauf hat sich gelohnt, zumal auch der Preis stimmt. Ich bin sehr zufrieden, aber es gibt auch einen kleinen Wermutstropfen im Freudenbecher: Man muss bedenken, dass die Geräte in Schwarzarbeit hergestellt wurden. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Sehr gern hätte ich Markengeräte gekauft – hätte ich nur welche finden können. Doch es gab leider keine und die, die es gab, wären durch Transport und Zoll so teuer gewesen, dass es sich überhaupt nicht gelohnt hätte. So what?

Der Transport vom Auto in unsere Wohnung war etwas schwierig, weil ich die Hanteln und die größeren Platten jeweils einzeln zu uns nach oben schleppen musste. Für die kleinen Hantelscheiben reichte zwar eine robuste Tasche, aber so eine 20-kg-Platte trägt man lieber einzeln. Der Hantelmann erbot sich, die Gerätschaften bis in die Wohnung zu liefern, aber angesichts unserer Erfahrungen mit Hausbesuchern der unangenehmen Art nahmen wir davon lieber Abstand. Nicht, dass ich ihm zugetraut hätte, unsere Wohnung leer zu räumen – ich habe bei ihm eigentlich ein sehr gutes Gefühl, doch Gefühle können bekanntlich täuschen und nach unseren Erfahrungen sind wir misstrauisch geworden. Wenn es nicht unbedingt sein muss, würde ich niemals wieder jemanden in meine Wohnung lassen und ich würde auch niemandem empfehlen, dies zu tun. Ich habe das Gefühl, dass ich dem Hantelmann damit Unrecht tue, aber hierzulande ist Vorsicht in jedem Fall besser als Nachsicht und Vertrauen muss erst verdient werden.

Wie leicht man in eine Falle tappt und wie leicht man vor allem Opfer werden kann, selbst dann, wenn man sich ganz sicher wähnt, zeigt eine Geschichte, die sich erst jüngst in Bahía ereignete: Bahía de Caráquez (oder hier, hier und hier) ist eine kleine verschlafene Küstenstadt. Hier passiert nie irgendetwas von Bedeutung und ein klassischer sozialer Brennpunkt sieht anders aus. Umso erstaunlicher ist es, dass man immer wieder von Verbrechen hört, und keineswegs nur von Handtaschen- oder Handydiebstählen: Ein altes Ehepaar hob zehntausend Dollar von ihrem Bankkonto ab und ließ sich das Geld in bar auszahlen. Man muss sich fragen, wofür jemand so viel Geld im Haus braucht, aber die Motive bleiben im Dunkeln und letztlich ist der Grund auch nicht wichtig. Die beiden Alten machten alles richtig, denn sie wahrten Stillschweigen über die Abhebung. Niemand erfuhr aus ihrem Munde auch nur ein Sterbenswörtchen. Außer der Bank konnte also niemand wissen, dass sich eine so große Summe Bargeld in ihrem Haus befand.

Eines Tages war das Ehepaar außer Haus und nur die Hausangestellte blieb allein zurück (in den wohlhabenderen Haushalten hierzulande ist es üblich, dass sich Hausangestellte um die kleinen und großen Dinge kümmern). Zwei Boten klingelten an der Tür und behaupteten, sie wollten ein Paket ausliefern. Die Angestellte öffnete nichtsahnend, denn sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass die Besucher Böses im Schilde führten. Sobald sich aber die Tür öffnete, ließen die Männer ihre Maske fallen, stürzten sich auf die Frau, schlugen sie nieder und fesselten sie. Sie durchsuchten gründlich das Haus und als Experten ihres Fachs wurden sie natürlich schnell fündig – die zehntausend Dollar waren ihre Beute.

Man fragt sich, wie sie davon wissen konnten. Da das Ehepaar niemandem davon erzählt hatte, bleibt eigentlich kein anderer Schluss, als dass einer der Bankangestellten ihnen den Tipp gegeben haben musste. Wahrscheinlich rechnete er sich eine kleine Provision aus. Bewiesen ist natürlich nichts und obwohl man die beiden Täter gefasst hat, kommt die Wahrheit vielleicht nie ans Licht. Das Beispiel zeigt eindringlich, dass man hierzulande niemandem vertrauen sollte, was ich sehr schade finde, weil man so auch gleichzeitig alle Menschen unter Verdacht stellt, die Vertrauen verdient hätten, und das ist wahrscheinlich sogar die Mehrheit. Abgesehen davon sollte man sich fragen, ob eine Bank angesichts der umstürzenden Ereignisse der letzten Jahre überhaupt noch Vertrauen verdient hat.

Gesetz und Gesetzlosigkeit

Keine guten Nachrichten aus Santa Inés: Seit über einer Woche wohnen wir in unserer neuen Wohnung in Nayón; das ist eine Siedlung auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. Die Wohnung ist sehr schön, doch an die Wohnumgebung muss man sich erst gewöhnen. Ich hatte davon berichtet. Meine Frau steht immer noch in Kontakt mit den Mietern unserer alten Wohnanlage im Sektor Santa Inés in Cumbayá. Von den Leuten dort hat sie erfahren, dass die Besitzer der Wohnanlage erst kürzlich Überwachungskameras an strategisch wichtigen Punkten installieren ließen. Eine der Kameras ist auf die Straße vor dem Haus gerichtet. Als man kürzlich die Aufnahmen sichtete, sah man darauf ein Fahrzeug, das keinem der Anwohner in der Nähe gehörte. Es parkte unauffällig in der Straße und der Fahrer beobachtete offenbar das Haus.

Die Calle Maria Auxiliadora, das ist die Straße, in der sich die Wohnanlage befindet, liegt abseits der Hauptrouten und deshalb gibt es nie viel Verkehr. Eigentlich kann man die Autos, die am Tag vorbeifahren, an einer Hand abzählen. Auch parken hier selten Fahrzeuge, denn viele der Häuser verfügen über eigene Parketagen und überhaupt stellt es ein Wagnis dar, ein Fahrzeug an einem unbewachten Platz abzustellen. So sieht man also fast nie parkende Wagen, es sei denn, sie gehören Anwohnern. Ein fremdes Fahrzeug, das mehrmals mehrere Stunden in der Nähe des Eingangs zur Wohnanlage parkt, ist in jedem Fall verdächtig und die Bewohner tun gut daran, höchste Vorsicht walten zu lassen, denn wer so viel Energie aufwendet, anderer Leute Gewohnheiten auszukundschaften, tut dies nicht, weil er sich zuhause langweilt. Man weiß, es gibt Leute, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten und die ihrem „Gewerbe“ durchaus berufsmäßig nachgehen. Wer wäre nicht glücklich, wenn er sein Geld so leicht verdienen könnte? Und wo es schon einmal etwas zu holen gab, ohne dass man sich sonderlich anstrengen musste, warum sollte sich dann ein weiterer Besuch nicht auch lohnen? Wir sind froh, dass wir die Wohnanlage in Santa Inés verlassen haben.

Ein bisschen Hoffnung

Meine Frau hatte einen Termin bei der Polizei – es ging wieder einmal um den Einbruch in unsere Wohnung. Die Diebe hatten drei Laptops, eine Kamera und das Handy unseres Sohnes gestohlen, alles zusammen im Wert von ca. viertausend Dollar. Man muss davon ausgehen, dass solche Einbrüche in unbewachten Wohnanlagen häufig vorkommen. Für die Polizei ist unser Fall nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist auch nicht, dass bisher keine handfeste Spur entdeckt wurde, der man hätte nachgehen können. Man muss als fast gewiss annehmen, dass dieser Fall, wie so viele, viele andere, niemals aufgeklärt wird.

Der Polizist, der unseren Fall bearbeitet, nahm sich viel Zeit und hörte meiner Frau durchaus mit Interesse zu, aber er konnte verständlicher Weise keine Versprechungen machen und schon gar keine Prognose abgeben. Er erzählte meiner Frau, dass es in Quito zwei Orte gäbe, an denen man gestohlene Technikartikel kaufen könne. Die Ware dort sei deutlich billiger als alles, was man in den regulären Elektronikmärkten anbiete. Im Grunde handelt es sich um Hehlerware und wenn auch die Frage, wie so etwas möglich ist, naiv erscheinen mag, macht man sich sehr wohl Gedanken und meistens sind das keine guten Gedanken. Der Polizist meinte, wenn es überhaupt eine Chance gibt, die gestohlenen Computer wiederzufinden, dann dort. Nur leider könnten die Agenten der Polizei in diesem und auch in jedem anderen Fall nicht viel tun, weil ihre Gesichter längst stadtbekannt seien. Wahrscheinlich hängen Steckbriefe mit ihren Konterfeis in den Geschäften der Hehler aus. Offensichtlich verfügen die Behörden nicht einmal über genug unverbrauchte Gesichter, um unerkannt operieren zu können und so scheint auch kein Zweifel daran zu bestehen, wie dieser Fall wohl ausgehen wird.

Da die Polizei also nicht viel bis gar nichts unternehmen könne, schlug der Beamte meiner Frau vor, doch selbst zu den bezeichneten Orten zu fahren und auf eigene Faust nach den gestohlenen Geräten zu suchen: Man gehe einfach zu den Händlern und frage, ob sie beispielsweise einen Dell Bradley I5 verkaufen würden (das war zufällig mein Laptop). Sei dies der Fall und würde der Händler die Ware zudem auch noch vorrätig haben, solle man umgehend die Polizei einschalten, die ab hier alles weitere veranlassen werde. Ob dies nicht gefährlich sei, wollte meine Frau wissen. Ganz und gar nicht, meinte der Beamte, denn auf diesen Märkten kaufe einfach jeder, auch wohlhabende Leute, die sich einen teuren Computer oder ein Handy mit Leichtigkeit ganz legal im Elektronikfachhandel leisten könnten. Und nach einer bestimmten Marke zu fragen, sei ganz und gar üblich. So weit so gut.

Von Waren und Käufern

Abgesehen von den moralischen Implikationen muss man sich immer bewusst machen, dass hinter jedem Gerät, das an den bezeichneten Orten verkauft wird, eine Straftat steht, die im Prinzip auch in Ecuador verfolgt wird. Den Leuten, die hier einkaufen, scheint das egal zu sein, solange sie die Ware, etwa ein teures Handy, nur billiger als im Elektronikfachhandel kaufen können. Viele Menschen sind gegenüber der Kriminalität hierzulande derart abgestumpft, dass sie nichts dabei finden, wissentlich Hehlerware zu kaufen: Man sieht ja die Opfer nicht und man kann sich einbilden, dass niemandem ein Schaden entstanden sei, denn die Opfer sind ja die vermeintlich Reichen, denen es nichts ausmacht, bestohlen zu werden, weil sie sowieso genug haben. Niemandem ist ein Leid zugefügt worden, mag man sich sagen, niemandem wurde weh getan, jedenfalls sieht man die Opfer nicht. Den Käufer schert das Schicksal der Opfer ohnehin nicht, schließlich hat er das Handy ja nicht gestohlen, und er mag sich einreden, dass niemandem ein echter Schaden entstanden ist. Und wenn ihn doch einmal das Gewissen piesackt und er sich nicht recht wohlfühlt bei dem Gedanken, dass sein Handy noch vor kurzer Zeit einem anderen gehörte und er es nicht freiwillig hergab, kann er sich sagen, dass er selbst auch nicht viel Geld habe und heilfroh sein könne, solch ein kolossales Schnäppchen gemacht zu haben.

Man fragt sich dennoch, wie es möglich ist, dass Hehlerware, von der offenbar jedermann weiß, dass es Hehlerware ist, so offen feilgeboten werden kann, ohne dass die Behörden, die ja ebenfalls im Bilde sind, einschreiten. Das lässt nicht viele Schlüsse zu. Einer wäre, dass die Polizei chronisch unterbesetzt und überarbeitet ist, und dass sie nach dem Prinzip des Marshals aus „Last Man Standing“ verfährt: Ein gewisses Maß an Verbrechen sei völlig normal; es komme nur darauf an, die Auswüchse zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass man Kriminalität flächendeckend ausmerzen kann. Dagegen stehen viele Faktoren, nicht zuletzt die menschliche Natur. Und was man nicht bekämpfen kann, muss man notgedrungen tolerieren. In Ecuador reicht der Arm des Staates ohnehin nicht sehr weit. Die Bürokratie hierzulande ist immer noch meilenweit entfernt von der Regulierungswut europäischer Beamtenapparate, deren inquisitorischer Blick bis in die Gehirne der Menschen vorzudringen versucht. Es könnte natürlich auch sein, dass die Polizei einfach unfähig ist, dem Treiben Einhalt zu gebieten, doch dies kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Und dann drängt sich noch ein dritter Schluss auf, den auszuformulieren mir sehr widerstrebt, weil er alle Vorurteile und Klischees bedienen würde, die man einem Land wie Ecuador gegenüber nur haben kann. Was auch immer die Wahrheit sein mag – sie ändert nichts an der Tatsache, dass wir bestohlen worden sind und es hinnehmen müssen. So einfach ist das.

Meine Frau, durch den Besuch geradezu von Hoffnung beseelt und abenteuerlustig wie eh und je, hat sofort den Entschluss gefasst, nach Quito zu fahren, um sich auf einem der Hehlermärkte umzusehen. Ich stand dem Unternehmen von Anfang an skeptisch gegenüber. Ich glaube, die Polizei ist sich ihrer begrenzten Macht nur allzu bewusst, aber eine Straftat ist eine Straftat und man wäre nicht die Polizei, wenn man die Sache einfach auf sich beruhen lassen würde. Aber was kann man schon tun? Ich denke, der Polizist wollte uns nur ein wenig Hoffnung machen, denn die Aussichten, irgendetwas aufzuklären, stehen denkbar schlecht, wahrscheinlich tendieren sie gegen Null. Ich weiß nicht, wie viele dieser Termine der Beamte am Tag über sich ergehen lassen muss – in den allermeisten Fällen wird er den Besuchern nichts Erfreuliches berichten können. (In der Zwischenzeit bemerkte eine Bekannte meiner Frau gegenüber, das Phlegma des Polizeiapparates habe durchaus Methode und eigentlich warte der Beamte nur darauf, dass man ihm das entsprechende Handgeld anbiete, damit er endlich tätig werden könne. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit, vielleicht handelt es sich nur um ein weiteres böses Gerücht. Wir sind nicht sonderlich darauf erpicht, es herauszufinden.)

Der Ort für die großen und die kleinen Geschäfte

Nach Quito also, in die Höhle des Löwen: Einer der genannten Märkte, auf denen die gestohlene Ware angeboten wird, befindet sich im Stadtzentrum an der Kreuzung Montúfar y Olmedo. Ich hatte mir vorgestellt, angesichts der heiklen Natur der angebotenen Ware müsste es sich um ein unscheinbares Gebäude handeln, das man nur bei Dämmerlicht über irgendeinen Hinterhof und nur nach gründlichem Gesichts-Check betreten dürfe. Ganz das Gegenteil war der Fall: In bester Lage im wunderschön sanierten Altstadtviertel steht das Marktgebäude an einer viel befahrenen Straßenkreuzung. Man sieht es schon von Weitem. Der Bau erhebt sich auf sieben Etagen, was viel ist in der Altstadt mit ihren Drei- oder Viergeschossern, noch dazu in einer von Erdbeben bedrohten Stadt wie Quito.

Wie bei allen spanischen Kolonialstädten ist auch der Grundriss von Quito nach Art eines Schachbretts ausgelegt, mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen. Diese haben die letzten fast fünfhundert Jahre unbeschadet überstanden und sie haben stets allen Ansprüchen genügt, doch mit dem Fahrzeugverkehr des 21. Jahrhunderts tun sie sich schwer: Es gibt nur Einbahnstraßen, weil die Straßen zu schmal für zwei Fahrspuren sind, und zu fast jeder Tageszeit verstopft die allgegenwärtige Blechlawine die Innenstadt. Es kommt vor, dass der Verkehr zähflüssig vor sich hin fließt und dann kommt man wenigstens im Schritttempo voran, oft aber steht man einfach nur im Stau und schaut zu, wie einen die Fußgänger überholen.

Es dauert fast eine Stunde bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Einmal verpassen wir die Einfahrt und ein anderes Mal ist kein freier Platz verfügbar; also noch einmal um den Block und wieder viermal links abbiegen. Man muss die anderen Verkehrsteilnehmer regelrecht nötigen, denn dem Abbieger mag niemand gern freiwillig Platz einräumen. Auf Rücksicht hofft man vergeblich. Allein die Angst um das eigene Fahrzeug bringt die Fahrer dazu, auf die Bremse zu treten. Man muss schon beherzt fahren und darf keine Angst vor kleineren Lackschäden haben, wenn man sich im Verkehr der Hauptstadt durchsetzen will. Viele Einheimische geben einfach Gas, ohne Rücksicht auf Verluste – wer da auf seiner Vorfahrt besteht und nicht rechtzeitig bremst, ist selber Schuld. Schließlich gelangen wir auf den Parkplatz, einen verwinkelten Hof zwischen schönen historischen Gebäuden. Der Einweiser teilt uns einen Platz seitlich der Einfahrt zu – der gesamte Hof ist restlos zugeparkt. Wir geben die Schlüssel ab, denn sobald ein Platz frei wird, will er den Wagen dorthin umparken. Die Stunde kostet einen Dollar. Wir beschließen, die wirklich sehenswerte Innenstadt nur noch zu Fuß zu erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bedeutet Stress pur und dass man schneller zum Ziel gelangt, ist bloß ein frommer Wunsch.

Wir gehen die Olmedo entlang; es geht immer bergab und das Laufen fällt uns trotz der Höhe leicht. Rechter Hand passieren wir die Plaza Benalcazar mit dem überlebensgroßen Standbild des Conquistadors. Auf der linken Seite befindet sich das Haus des Eroberers und Stadtgründers von Quito; es ist eines der ersten Häuser, die nach der Gründung der Stadt errichtet wurden. Nur ca. zweihundert Meter weiter erreichen wir das Warenhaus, in dem wir unsere Laptops zu finden hoffen – oder auch nicht. Ein Stoßgebet hilft vielleicht. Man betritt das Gebäude durch den Haupteingang, der zur Straße hinausführt, nicht über einen versteckten Nebeneingang, wie ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. An der Ecke, auf dem Bürgersteig, stehen blonde Touristen in Cargo-Shorts und Wanderstiefeln und studieren einen Stadtplan, aber nur wenige Meter neben ihnen befindet sich der Eingang zum „Hehler“-Warenhaus. Ich gehe davon aus, dass diese touristische Attraktion nicht in ihrem Stadtführer verzeichnet ist, und wäre sie es, würde sie wahrscheinlich mit dem roten Ausrufezeichen für „Dangerous Location“ markiert sein.

Wenn man das Eingangsportal passiert, wechselt man sogleich in eine andere Welt, die so gar nichts mit den prächtigen Fassaden des kolonialen Quito zu tun zu haben scheint. Die Welt der Touristen liegt außerhalb der Türen; hierher verirrt sich nie jemand und wenn doch, würde er von nicht wenigen der Eingesessen eher als Einnahmequelle für das ganz spezielle Gewerbe, dem an diesem Ort nachgegangen wird, wahrgenommen werden, und nicht etwa als potentieller Käufer, wie er selbst vielleicht glauben mag. Das Gebäude, in dem der Markt aller Tage abgehalten wird, ist riesig, wenn man auch den gegenteiligen Eindruck gewinnen kann, da der Platz sehr eng mit Geschäften verbaut ist. Es gibt keine Treppen, über die man von einer auf die nächste Etage gelangen könnte, sondern alle Stockwerke sind durch flache Rampen miteinander verbunden, und da es immer nur rundherum nach oben geht, entsteht der Eindruck, man befände sich in einem Schneckenhaus.

Auf jedem Stockwerk befinden sich jeweils zwei parallele Gänge, die auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt werden. Geschäft oder Laden ist eigentlich ein irreführender Ausdruck, denn in Wahrheit handelt es sich um winzige Verschläge von ca. zwei Metern im Quadrat, deren eine Seite sich hinaus zur Ladenpassage öffnet. Schätzungsweise neunzig Prozent dieser „Tiendas“ bieten Elektronikartikel feil. Manche Geschäfte sind bis unter die Decke vollgestopft mit Laptops, Handys und allem möglichen anderen elektronischen Krempel, andere bieten eine Auswahl oder haben sich anscheinend auf bestimmte Marken spezialisiert. Auffällig oft sieht man HP, Toshiba und Apple. In einem Gang finden sich etwa fünfzehn solcher kleinen Geschäfte auf einer Seite, also dreißig pro Gang und demnach ca. sechzig auf jeder Etage. Dazu kommen noch die Geschäfte im Bereich der Rampen. Die Läden sind fortlaufend nummeriert; über dem Eingang zu jedem der Verschläge prangt eine große Zahl. Wir haben es an diesem Tag nur bis zur dritten Etage geschafft. Die Ladennummern dort lauteten auf zweihundert und fortlaufend. Man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Läden es in dem ganzen Kaufhaus gibt und welche unvorstellbaren Mengen an Handys, Laptops und allerlei sonstigem elektronischen Equipment jeden Tag auf Käufer warten. [Anmerkung des Autors: Angesichts der kamerascheuen Kundschaft und einer äußerst misstrauischen Händlergilde verbot sich das Fotografieren. Zudem hätten wir die Kamera in dem babylonischen Gewirr überhaupt erst ausfindig machen müssen.]

Es ist Sonnabend und das Einkaufszentrum ist gut besucht. Man sieht auf den ersten Blick, dass es sich keineswegs um die vermeintlich „normalen“ Leute handelt, die durch die Gänge des Elektronikmarktes flanieren. Nicht selten trifft man regelrechte „Gestalten“, denen man anzumerken meint, dass irgendetwas ganz und gar nicht koscher ist. Man sieht vor allem einfache Leute, die sich die teuren Laptops oder Handys im Elektronikfachmarkt nicht leisten können: Familien mit Kindern spazieren durch die Gänge und schauen sich interessiert die Auslagen an. Ein junges Pärchen – er Irokesenfrisur, sie knallbunte Leggings und pinkfarbene Highheels – lassen sich von einem der Händler ein Laptop vorführen. Ein schnauzbärtiger Opa spielt im Gang mit seinem Enkel Fußball. Man sieht auffällig viele junge Männer, die sich ohne erkennbares Ziel in den Gängen herumtreiben. Manche von ihnen könnten gut und gerne „Warenlieferanten“ sein. Daneben gibt es die üblichen Typen, die sich scheinbar absichtslos und desinteressiert auf dem Markt herumdrücken, entweder weil ihnen langweilig ist oder sie anderswo nicht geduldet wären.

Der Markt hat sogar einen eigenen Wachschutz. Auf jeder Etage patrouillieren ein oder zwei mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstete Sicherheitsmänner (Polizei sieht man dagegen nirgendwo). Nicht auszudenken, wenn einem der Händler etwas gestohlen würde! Ich glaube allerdings, die Sicherheitsleute sind nötig, um Gewaltausbrüche zu verhindern, nicht um die Ware zu beschützen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, alles sei friedlich: Leute schlendern an ihrem freien Tag entspannt durch eine Ladenpassage, nicht anders als dies etwa in einer der großen Shopping-Malls der Stadt der Fall sein könnte. Doch der Eindruck täuscht, denn sobald man den Markt betritt, fühlt man augenblicklich eine gewisse Anspannung. Das mag vielleicht daher rühren, dass wir nicht sind, was wir vorgeben zu sein – Käufer. Und dennoch, die Atmosphäre ist aufgeladen wie vor einem Gewitter und die einschlägige Klientel sieht nicht gerade so aus, als würde sie Streit scheuen oder einem guten Fight aus dem Weg gehen. Solange wir uns im Markt aufhielten, blieb alles ruhig, auch dank der Sicherheitsleute, aber ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es immer so friedlich zugeht.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Artikel, mit denen hier gehandelt wird, gestohlen sind und man sie also getrost als Diebesgut deklarieren darf (man sollte sich jedoch hüten, dies öffentlich zu tun). Kaum etwas hat seinen Weg legal hierher gefunden. Wer an diesem Ort kauft, ist entweder zu dumm, um darüber Bescheid zu wissen, oder es ist ihm schlicht egal, dass es sich um Hehlerware handelt. Mir wäre nicht ganz wohl dabei, etwas zu kaufen, von dem ich wüsste, dass es jemanden gestohlen wurde. Aber davon spricht niemand und es wäre ein unverzeihlicher, ja geradezu gefährlicher Fauxpas, einen Händler mit der Tatsache zu konfrontieren, dass seine Ware aus unsicherer Quelle stamme. Ich glaube, man würde sofort mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als einem lieb wäre.

Die Händler kann man in drei Kategorien einteilen: junge Männer, alte Männer und alte Frauen. Die jungen Händler mögen um die zwanzig oder sogar noch jünger sein. Sie sitzen teils lässig, teils gelangweilt in ihren Kabuffs und manchmal wirken sie so knabenhaft, dass man den Eindruck hat, sie seien Schüler auf einem Schulbasar. Die alten Männer sind von ganz anderem Kaliber. Viele sehen aus wie abgehalfterte Impresarios, mit pomadiger Frisur und dicken Siegelringen an den aufgedunsenen Fingern. Sie sitzen schmerbäuchig vor ihren Läden und taxieren die Besucher des Marktes mit durchdringendem Blick. Nichts scheint ihnen zu entgehen, und ich glaube, sie haben uns mit kundigem Blick durchschaut, noch ehe wir es überhaupt merkten. Die dritte Kategorie sind schließlich alte Frauen. Sie sind meist klein, gedrungen, deutlich zu stark geschminkt und zeigen sich allen modischen Anfechtungen zum Trotz gern in quietschbunten Leggings. Man sieht sofort, dass man ihnen nichts vormachen kann, denn sie haben seit wer weiß wie vielen Jahren darin Übung, Leute auszuforschen. Wer schon einmal auf einem Markt verkauft hat, weiß, dass so ein Händlerleben meist sehr langweilig ist: Man sitzt und wartet. Das einzig Interessante dabei sind die Menschen, die man von seinem Stand aus beobachten kann.

Bei mir ist es allerdings nicht wirklich schwer, etwas herauszufinden, denn ich bin im ganzen Haus der einzige, der wie ein Gringo aussieht (ich bevorzuge die Bezeichnung Europeo oder Alemán; das ist neutral und keineswegs so abwertend wie „Gringo“). Verständlicherweise ziehe ich da die Aufmerksamkeit auf mich und so schauen mich alle an, als käme ich geradewegs von einem anderen, noch dazu sehr merkwürdigen Planeten. Ich versuche, betont gelassen zu wirken und gebe mich cool, doch das ist nicht so einfach, wenn einen alle entweder versteckt oder ganz offen anstarren.

Als wir die Gänge auf der ersten Etage entlang schlendern, wird mir schlagartig bewusst, wie sinnlos der Ratschlag war, hier auf eigene Faust nach unseren gestohlenen Laptops zu suchen. Unser Vorhaben gleicht der Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen. Selbst wenn wir uns Tage an diesem Ort aufhielten und jeden einzelnen Händler fragten, würden wir wohl kaum fündig werden. Mir ist danach aufzugeben, bevor die Suche überhaupt richtig begonnen hat. Meine Frau sieht das naturgemäß anders und möchte es auf einen Versuch ankommen lassen. Sie fragt den erstbesten Händler nach einem Laptop für unseren Sohn. Sie tischt ihm die Legende auf, dass sie nicht viel Geld habe und hierher gekommen sei, weil sie gehört hätte, dass man hier Geräte günstig kaufen könne – natürlich, wofür sollte man sonst hierher kommen. Der Händler, ein kräftiger Typ mit Ted-Herold-Frisur und dicken Silberketten um den Hals und an den Handgelenken, zeigt sich sofort interessiert; er ist überaus nett, geradezu charmant und zeigt sich ungeheuer gesprächig und unversehens befinden wir uns auch schon im Verkaufsgespräch. Meine Frau lässt unseren Sohn beschreiben, was für ein Gerät er angeblich suche. Meinem Sohn ist die Situation sichtlich unangenehm, aber vorerst spielt er noch mit.

Ted Herold hat leider nichts Passendes im Angebot. Dafür führt er uns zu einigen Läden befreundeter Händler. Man zeigt uns Laptops von HP und Apple. Die Geräte sind zwar gebraucht, aber keineswegs alt und alle sind in sehr gutem Zustand; die meisten könnte man für neu halten, und wahrscheinlich sind sie das auch, denn ihre Vorbesitzer haben sich gewiss nur kurze Zeit an ihnen erfreuen können. Das Betriebssystem und sämtliche wichtigen Programme sind gebrauchsfertig installiert. Die Preise sind ungeheuerlich: Ein Laptop, der im Elektronikfachhandel tausend Dollar oder mehr kosten würde, bekommt man hier für schlappe vierhundert. Und eine „Händlergarantie“ von drei Monaten gibt’s noch obendrauf – wenn das kein Service ist!

Die Geräte, die man uns zeigt, sind natürlich nicht „unsere“ – wie hätten wir dies auch erwarten können – und so macht sich schnell Verdruss breit. Wir wollen eigentlich nur noch weg, aber Ted Herold scheint im Urin zu haben, dass er mit uns ein Bombengeschäft machen könne, und deshalb wird er nicht müde, uns immer weiter in den Markt hineinzukomplimentieren. Wortreich präsentiert er uns noch mehr Laptops und noch mehr Handys, die uns gefallen könnten. Uns ist die Situation schon ganz unangenehm – als wäre man in einem fremden Heim eingeladen und der aufdringlich-liebenswürdige Gastgeber nötigte einem noch ein Stück Torte auf, nachdem man schon drei hatte essen müssen.

Unter einem Vorwand schaffen wir es schließlich, uns loszureißen. Meine Frau gibt Ted Herold noch ihre Telefonnummer – falls sich etwas ergibt. Es hält uns nichts mehr an diesem Ort und wir sind froh, als wir endlich wieder auf der Straße sind, zwischen ganz normalen Einheimischen und den üblichen Touristen. Meine Frau hat kein Verständnis dafür, dass wir den Markt so schnell verlassen wollten, und erklärt, sie möchte beizeiten wiederkommen und weitersuchen. Leidlich amüsiert entgegne ich, vielleicht habe sie ja demnächst mehr Erfolg, wo sie doch jetzt einen neuen besten Freund hätte, der ihr helfen könnte. Ich verspüre nicht die geringste Lust, diesen Ort je wiederzusehen. Mich würde an der ganzen Sache eigentlich nur interessieren, wer der Friseur ist, der solche tollen Retrofrisuren auf die Köpfe zaubert!

Wie man ein Handy kauft

Es war immer meine Überzeugung, dass Gesetze dazu da sind, den Menschen das Leben erträglicher zu machen, den Schwachen zu beschützen und den Mächtigen zu zügeln. Hierzulande empfinden viele Menschen Gesetze als reine Schikane und man hat den Eindruck, nicht wenige verfahren nach dem Grundsatz: Solange man nicht ertappt wird, ist es auch nicht verboten. Ich finde diese Einstellung einfach nur zum Kotzen, aber es ist einzusehen, dass vieles nicht so reibungslos funktioniert wie in Deutschland und dass die Menschen daher auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um sich das Leben erträglich zu machen. Und für nicht wenige ist dies einfach eine Frage des Überlebens.

Mein Sohn braucht unbedingt ein Handy. Wir würden es nicht gern sehen, dass er am Tag nicht erreichbar ist oder uns in einem Notfall nicht anrufen kann. Ein Handy ist also kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als unsere Wohnung aufgebrochen wurde, hatten die Diebe neben den Computern auch das Handy mitgenommen. Da unser Sohn nicht ohne Handy in die Schule kann, rechneten wir schon fest damit, ihm ein neues kaufen zu müssen, bis eines Tages die Tante meiner Frau erklärte, sie wolle ihm eines schenken. Da unsere finanziellen Mittel arg strapaziert sind, waren wir über dieses großzügige Angebot natürlich heilfroh und wir sind der Tante sehr dankbar.

Wie alle Elektronikartikel sind auch Handys in Ecuador wahnwitzig teuer. Im Elektronikfachhandel zahlt man mindestens das Doppelte dessen, was man für ein identisches Gerät in den USA ausgeben würde. Aber wie immer öffnen sich dem Eingeweihten hierzulande Möglichkeiten und Wege, die dem Unwissenden verschlossen bleiben. Man ahnt es schon: natürlich kann man Handys auch preiswerter kaufen. Das ist zwar ein klitzekleines Bisschen illegal, aber wer fragt schon danach, wenn man dadurch ein glücklicherer Mensch sein kann! Man muss nur die richtigen Leute kennen. Der Bruder meiner Frau hat solch einen Kontakt. Viele Leute in Ecuador haben solche Kontakte; eigentlich kennt jeder irgendeine Person, die einem irgendetwas besorgen kann. Man kennt den Freund eines Freundes und der wiederum hat einen Schwager, der die Möglichkeit hat, etwas zu beschaffen, was man auf anderem Wege nie bekommen würde. Alles klar?

Die Bestellung ist ganz einfach: Man ruft eine Nummer an und sagt, was man haben möchte, beispielsweise einen Computer einer bestimmten Marke, der zudem noch gewisse technische Spezifikationen aufweist. Nach einigen Tagen wird man dann seinerseits angerufen und man erhält Bescheid, dass die Ware eingetroffen sei. Man trifft sich mit dem Händler an einem zuvor vereinbarten Ort, vorzugsweise in einer Mall oder einem anderen Ort mit Publikumsverkehr. Dort findet dann die Übergabe statt. Das hört sich sehr konspirativ an und das ist es auch, denn die Händler arbeiten unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Und so findet man solche Kontakte auch nicht in den Gelben Seiten oder im Lokalanzeiger. Man muss Leute kennen. Alles beruht auf Mund-zu-Mund-Propaganda (Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich unwillkürlich an den Straßenverkäufer aus der Sesamstraße denken, den flüsternden Typen im Trenchcoat, der Ernie ein M verkaufen möchte).

Als mein Sohn sein neues Handy zum ersten Mal einschaltete, war Italienisch als Menüsprache eingestellt. Es ist nicht schwer zu erraten, wie die Ware ins Land gelangt: Wahrscheinlich fliegt einer der Händler nach Italien, kauft dort alles gemäß Bestellliste legal im Elektronikmarkt ein und kehrt mit dem nächsten Flug zurück (vielleicht wohnt auch ein Verbindungsmann in Italien, der die Handys im Internet bestellt – vieles ist denkbar). Ob er mit oder ohne Wissen der Zollbeamten ins Land einreist, mag dahingestellt sein. Vielleicht ist ihm das Flughafenpersonal gegen eine kleine Aufwandsentschädigung sogar behilflich – man weiß es nicht und Gerüchte gibt es viele. Aber eigentlich will man es auch gar nicht so genau wissen.

Landläufig würde man die auf diese Weise ins Land geholten Güter als Schmuggelware bezeichnen, aber niemand macht sich deswegen ernsthafte Sorgen und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Elektronische Geräte sind so verdammt teuer, dass jeder die kleine Gesetzesübertretung fast schon als eine Notwendigkeit empfindet. Das Handy meines Sohnes hätte legal im Laden um die 450 Dollar gekostet. So viel wollte die Tante natürlich nicht ausgeben und warum freiwillig mehr bezahlen, wenn man es auch günstiger haben kann? Die Bestellung unter der Hand schlug mit gerade einmal 250 Dollar zu Buche. Das sind Preisunterschiede, die einem die Schuhe ausziehen, zumal man bedenken muss, dass die Händlerprovision ja schon im Endpreis enthalten ist. Manchmal muss man sich damit begnügen zu begreifen, wie die Welt funktioniert. Das ist schon viel und das sollte auch reichen, wenn es unmöglich ist, sie zu ändern.

Vom Abenteuer, ein Sportgerät zu kaufen

Ein paar gewöhnliche Hanteln zu kaufen, kann in Ecuador ein Abenteuer sein, das nächtliche Fahrten auf gefährlichen Straßen und konspirative Treffen auf abgelegenen Parkplätzen einschließt. Ich habe mich nun dagegen entschieden, in einem Studio zu trainieren (zu teuer, zu schlecht, zu weit). Statt mein Geld also gierigen Studiobesitzern in den Rachen zu werfen, habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein gutes Hantel-Set zu kaufen. In Deutschland wäre dies gar kein Problem: Man ordert bei Amazon oder Ebay oder irgendeinem renommierten Anbieter für Sportartikel und drei Tage später wird die Ware schon frei Haus geliefert. Hierzulande ist das nicht ganz so einfach, ganz und gar nicht.

Amazon und Ebay kann man in Ecuador nicht nutzen – wer so vertrauensselig ist und fremden Menschen freiwillig Geld überweist, muss sich nicht wundern, dass seine Ware nie ankommt. Hierzulande gibt es Mercadolibre und OLX. Das sind im Grunde gewöhnliche Anzeigenmärkte, auf denen jeder alles verkaufen kann. Es gibt auch die Möglichkeit, über Ali-Express zu bestellen – dort gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt –, da die Artikel aber aus China geliefert werden, sind die Transportkosten ungeheuer hoch und am Ende lohnt es sich dann doch nicht, zumal der ecuadorianische Zoll seinen Teil vom Kuchen abhaben möchte. Und um das Maß des Ungemachs schließlich voll zu machen, hat auch der Postweg so seine Tücken. Es kommt kommt vor, dass Sendungen einfach im Nirgendwo verschwinden und Nachforschungen verlaufen, wer hätte es gedacht, im Sande. Shit happens, möchte man da grimmig sagen.

Nach längerer Suche – in Wahrheit war ich der Verzweiflung nahe – fand ich endlich ein lohnendes Angebot auf OLX: Langhanteln (sogar Olympia-Hanteln), Kurzhanteln und Platten aller Größen aus ecuadorianischer Produktion und zu einem wirklich guten Preis. Ein Bild von der Ware gab allen Grund zur Hoffnung. Die Schwierigkeit bestand nämlich darin, eine gute Trainingshantel zu finden. Freizeithanteln bis zwanzig Kilo für den sportelnden Angestellten findet man zuhauf. Aber richtig gute Profihanteln für diejenigen, die ernsthaft trainieren möchten, sind rar. Zwei Wochen später versuchte ich, eine Bestellung aufzugeben, doch die Anzeige war verschwunden. Trotz längerer Suche konnte ich auch nichts Vergleichbares entdecken. Manchmal hat sich die Welt eben gegen einen verschworen.

Zum Glück hatte ich mir die Telefonnummer des Anbieters notiert. Ich ließ meine Frau anrufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Anzeige noch aktuell wäre und wenn ja, wo ich die Ware kaufen könnte. Eine junge Frau meldete sich. Da in der Anzeige auch eine Adresse genannt wurde (die jedoch zu unbestimmt war, als dass man sie leicht hätte finden können), fragte meine Frau sie, ob sie den Weg zu besagter Adresse beschreiben könnte. Die junge Frau antwortete, dass die Adresse nicht mehr existiere. Ob denn überhaupt noch Hanteln verkauft würden, wollte meine Frau daraufhin wissen. Ja, das Geschäft bestehe weiter und der Inserent werde in einer Stunde zurückrufen. Dann könne ja alles weitere besprochen werden. Das klang sehr mysteriös, aber bekanntlich geben erst Geheimnisse dem Leben die nötige Würze. Ich war gespannt, welche Überraschungen der Tag noch für uns bereithalten würde.

Ein sonderbares Erlebnis

Wir befanden uns gerade in Sangolquí. Das ist eine Stadt, die in Richtung der Schule unseres Sohnes liegt. Wenn man an der British School vorbei fährt und der Landstraße weiter folgt, gelangt man über El Tingo nach ungefähr zwanzig Minuten schließlich nach Sangolquí. Um die Stadt selbst zu sehen, hätte sich die lange Fahrt sicher nicht gelohnt, und auch der schönen Landschaft wegen hat es uns nicht hierher verschlagen. Es war vielmehr unsere Absicht, eine Shopping-Mall namens San Luis zu besuchen. Wir sind nämlich auf der Suche nach Möbeln (wieder einmal!), insbesondere nach Regalen für unsere Bücher, denn unsere neue Wohnung in Nayón ist noch weitgehend leer und wirkt daher ein wenig unwohnlich, ein Zustand, den wir schleunigst zu ändern beabsichtigten.

Auf dem Weg zur Shopping-Mall kommt man an mehreren kleinen Schreinereien vorbei. Wer Industriemöbel im Ikea-Design und aus dem obligatorischen Pressholz nicht mag, ist gut beraten, sich hier einen Schrank, ein Bett oder wonach auch immer es ihn gelüstet aus Pinienholz zimmern zu lassen. Das ist kaum teurer als das Gegenstück aus industrieller Fertigung, aber dafür hat man dann ein echtes Stück Handwerk in seiner Wohnung stehen, aus echtem Holz, und dazu sieht es auch noch schön aus. Die Bestellung ist denkbar einfach: Man gibt dem Schreiner eine Zeichnung des gewünschten Möbelstücks oder ein Foto und wählt die Farbe (es gibt verschiedene Beizen). Eine kleine Anzahlung besiegelt das Geschäft. Jetzt muss man nur noch auf den Anruf warten, dass alles fertig ist. Wir bestellten ein Regal, in das der Fernseher und die Bücher passen.

Die Shopping-Mall in Sangolquí ist unvorstellbar groß und auch unvorstellbar voll – ich hatte den Eindruck, teure Markenartikel würden an diesem Tag kostenlos verteilt, solche Menschenmassen drängten sich um die Auslagen. Doch der Eindruck täuscht natürlich und das Centro comercial San Luis bietet keine Abwechslung gegenüber all den anderen Malls: Überall begegnen einem dieselben internationalen Marken und die Preise sind natürlich auch dieselben wie in allen anderen Einkaufsmeilen. Der Food-Court ist wie der Innenhof eines spanischen Landhauses gestaltet. Die Stahlkonstruktion gibt sich als ziegelgedecktes Holzdach aus, und von den Pfeilern blicken abwechselnd Rinder- und Pferdeköpfe im Bronze-Imitat auf das dichte Treiben der hungrigen Konsumenten.

Der Besuch in der Mall, die keine Attraktionen zu bieten hat, mit denen nicht auch jedes x-beliebige Einkaufszentrum aufwarten könnte, wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der hauseigene Wachschutz nicht SA-Uniformen tragen. Natürlich waren das keine echten SA-Uniformen, aber auf den ersten Blick hätte man sie dafür halten können: nazi-braunes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Hose, glänzende Stiefel und dazu ein schwarzes Käppi, das verdächtig und zugleich vertraut „deutsch“ wirkte. Die orange-weißen Armbinden vervollständigten das Bild (rot-weiß wäre des Guten oder vielmehr des Schlechten – des schlechten Geschmacks wohlgemerkt – wirklich zu viel gewesen). Nazisymbole waren selbstverständlich nicht zu sehen und vielleicht war das optische Erscheinungsbild nur Zufall und gar nicht gewollt. Wer weiß. Im tropischen Ecuador gibt es sicher nicht viele Menschen, die wissen, wer die SA ist. Glückliches Ecuador.

Als mir der erste Wachmann über den Weg lief, war ich so perplex, dass ich mir keinen Reim darauf machen konnte. Es war wohl mein Unterbewusstsein, das mir die naheliegende Erklärung eingab: hier wird gerade ein Film gedreht. Aber das war natürlich absurd, und was für ein Film sollte dies sein, in dem man SA-Leute unter Palmen sieht? Doch welches kranke Hirn käme auf die Idee, Wachleuten (oder sollte man besser sagen Wachmannschaften) braune Hemden anzuziehen? Vielleicht ist das alles nur ein Scherz und jemand hatte einen Mordsspaß dabei, diese Groteske in Szene zu setzen. Ich witzelte: die hätten wohl alle beim Ausstatter des Führers eingekauft. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, welche unheilvollen und zugleich komischen Reminiszenzen solch ein Aufzug heraufbeschwört, gerade an einem Ort wie diesem, inmitten der üppigen tropischen Landschaft. Wahrscheinlich nicht; das Bizarre an der Szenerie draußen auf dem Parkplatz vor der Einkaufsmeile schien niemandem wirklich aufzufallen.

Apropos Nazis: Aus der Feder eines ecuadorianischen Historikers stammt eine interessante Arbeit, welche sich mit den Beziehungen zwischen Ecuador und Nazi-Deutschland beschäftigt. Ihr Titel lautet „El Ecuador y la Alemania Nazi“. Der Autor zeigt darin, dass Teile der Elite Ecuadors tief empfundene Sympathien gegenüber dem nationalsozialistischen Regime hegten. Sicherlich gibt es auch heute noch stille Bewunderer des braunen Ungeistes, aber würde diese Bewunderung so weit gehen, den Kaufhaus-Wachschutz als SA zu verkleiden? Ich frage mich, ob es überhaupt ecuadorianische Nazis gibt. Ich denke nicht. Das wäre ja fast schon so bizarr wie Space-Nazis oder Nazi-Zombies (Schönen Gruß an Kathi aus der TiB!).

Nachts auf dem Parkplatz

Nach einer Stunde rief uns der Hantelmann an. Wir saßen gerade im Food-Court und mein Sohn verputzte einen Tropi-Burger. Die Burger dieser Fast-Food-Kette, die es in Deutschland leider nicht gibt, sind übrigens unglaublich gut und viel leckerer als die Produkte der Konkurrenten McDonalds und Burger King. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, um etwaigen Klagen vorzubeugen. Doch zurück zu den Hanteln: Der Hantelmann bot uns an, sich mit ihm in zwanzig Minuten hinter der Mautstelle an der Autopista zu treffen. Wir kennen uns in Quito zwar nicht aus, aber das Navi führte uns sicher zum vereinbarten Treffpunkt. Wir stellten den Wagen auf dem Parkplatz eines Tankstellenshops gleich hinter der Mautstelle ab. Bis zum Treffpunkt waren es noch einmal hundert Meter entlang der Autopista.

Das ist nicht gerade die beste Gegend für eine zwanglose Verabredung. Die meisten Häuser sehen aus, als ob sie eine Renovierung dringend nötig hätten. Die Grundstücke sind mit Maschendrahtzaun und Stacheldraht gesichert. Auf einem verwahrlosten Platz spielen Typen Volleyball, die nicht so aussehen, als wollte man ihnen gern bei Mondschein begegnen. Sie beäugen uns interessiert und misstrauisch, kümmern sich aber sonst nicht weiter um uns. In den Tropen wird es immer so schnell dunkel, als würde jemand das Licht ausknipsen. Als wir den Treffpunkt abseits der Autopista erreichen, herrscht fast stockfinstere Nacht. Nur die spärliche Straßenbeleuchtung erhellt die Szenerie. Es ist kalt geworden, denn wir sind in Quito, auf fast dreitausend Metern Höhe und manchmal sinken die Temperaturen Nachts unter zehn Grad. Leider haben wir vergessen, unsere dicken Jacken mitzubringen (das passiert uns nicht zum ersten Mal). So stehen wir also zitternd in der Dunkelheit, irgendwo an der Autopista – eine Szene wie aus einem Film, kurz bevor das Verbrechen geschieht.

Der Hantelmann ist Anfang zwanzig und macht einen sehr sympathischen Eindruck. Ich lasse mir die Muster zeigen. Er öffnet den Kofferraum seines Wagens und darin befindet sich die Ware: Es sind gusseiserne graue Platten in den üblichen Größen – 1,25 kg, 2,5 kg, 5 kg usw. Das ist nicht umwerfend, aber schlecht ist es auch nicht, ganz und gar nicht. In Berlin habe ich Studios mit weit fragwürdigerem Equipment gesehen, mit zerschlissenen Platten, ausgeschlagenen Lagern und verbogenen Hantelstangen. Die Platten sehen fast wie Profimaterial aus und können sich durchaus mit den einfacheren Produkten der renommierten Hersteller messen. Und Gusseisen hat den Vorteil, dass nichts kaputt gehen kann. So etwas hält ewig – nicht dass ich vorhätte, bis zu meinem Lebensende mit diesen Geräten zu trainieren.

Hantelstangen und Kurzhanteln sind ebenfalls im Angebot – Hantelmann zeigt uns Bilder auf seinem Handy. Er sagt, die Hanteln seien aus gehärtetem Chromstahl hergestellt und würden weit mehr verkraften als bloß die hundert Kilo, die ich zu bestellen gedachte. Auf den Bildern sehen die Geräte wirklich erstklassig aus. Selbst in der Nahaufnahme sind sie von den Produkten einschlägiger Hersteller nicht zu unterscheiden. Selbstverständlich hat das Trainingsequipment nie einen TÜV-Test bestehen müssen, und selbstverständlich ist alles, was wir sehen, an sämtlichen internationalen Lizenzen vorbei produziert worden. Aber ich bin überzeugt und bestelle. Vorsorglich nehme ich die 1,80-Meter-Version der Langhantel; ich fürchte, bei 2,20 m könnte das Biegemoment doch zu groß werden. Vielleicht habe ich aber einfach nur zu wenig Vertrauen in die Güte der Schwarzarbeit. Immerhin laufen die Geschäfte schon seit Jahren außerordentlich gut und es scheint sich noch nie jemand über schlechte Qualität beschwert zu haben. Davon abgesehen, hat die kürzere Hantel ganz praktische Vorteile. So lässt sie sich viel besser transportieren und auch gut verstauen, und in unserer nicht gerade übermäßig geräumigen Wohnung würde ich ohnehin fürchten, mit der großen Hantel die Einrichtung zu zerlegen.

Der Hantelmann erzählt uns, dass er in einer Gießerei arbeite. Wie es scheint, legen die Gießereikumpel nach Feierabend noch Extraschichten ein, um die große Nachfrage befriedigen zu können. Das Geschäft scheint gut zu laufen, denn er sei, so meint er, ständig unterwegs, um bestellte Ware auszuliefern. Im Vergleich zu den Sportgeräten der professionellen Hersteller sind diese relativ günstig zu beziehen. Ich hätte gern das Produkt eines Markenherstellers gekauft, aber trotz langwieriger, hartnäckiger und zum Schluss fast verzweifelter Suche im Internet, gelang es mir nicht, im Land selbst ein geeignetes Hantel-Set aufzutreiben. Ich hätte in Europa oder in den USA bestellen können, doch die Kosten für Verschiffung und Zoll sind so astronomisch, dass ich mir für das Geld auch gleich ein komplettes Home-Studio aus einheimischer Produktion einrichten könnte. Wir verabreden uns für das nächste Wochenende, um den Deal abzuschließen, wieder an derselben Stelle, auf dem Parkplatz an der Autopista. Hantelmann liefert die Ware, wir bringen das Geld. Ich bin gespannt, ob die Langhantel überhaupt in unser Auto passt. Aber was tut man nicht alles, um seinem liebgewonnenen Hobby frönen zu können.

Auf der Rückfahrt, es war mittlerweile stockfinster, nahmen wir die falsche Auffahrt und wenn wir das Navi nicht gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich gefahren bis uns der Sprit ausgegangen wäre. Aber das Navi führte uns zielsicher zur nächsten Ausfahrt. Dann fuhren wir, immer den Anweisungen folgend, im Zickzackkurs durch ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen, in denen es, mangels Straßenlaternen, dunkel wie in einem Kohlenkasten war. Nur aus den Häusern beleuchtete fahler Schein die Straße. Die Wohngegend beiderseits der von Schlaglöchern übersäten Strecke machte nicht gerade den Eindruck, als ob es angeraten wäre, nachts allein umher zu spazieren. Merkwürdige Gestalten trieben sich in der Dunkelheit herum. Wir waren froh, dass wir nicht zu Fuß gehen mussten. Die Türen des Wagens hatten wir vorsorglich verriegelt, darüber hinaus vertrauten wir auf das Navi. Ich musste vorsichtig fahren, weil wir immer wieder auf Passanten trafen. Ich weiß nicht, was die Leute in dieser nicht gerade ungefährlichen Gegend auf die Straße treibt, noch dazu bei fast völliger Dunkelheit. Nachdem wir im Gewirr der Gassen gefühlte fünfzig Mal abgebogen waren und schon zweifelten, ob unsere Irrfahrt ein glückliches Ende nehmen würde, gelangten wir endlich zur Autobahnauffahrt – und diesmal war es die richtige. Zwanzig Minuten später waren wir sicher in unserer Wohnung.

Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.

Unter Irren

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Zeit und Muße gefunden habe, ein paar Zeilen zu schreiben. Aber das Leben ist hier so verrückt und nimmt einen derart in Anspruch, dass man nur selten dazu kommt, sich um die angenehmen Dinge zu kümmern. Man hat manchmal den Eindruck, man sei von Irren umgeben. Aber vielleicht täuscht die Wahrnehmung, vielleicht ist dieser Eindruck ganz falsch und es kommt nur auf die richtige Perspektive an. Vielleicht bin in Wirklichkeit ja ich derjenige, der verrückt geworden ist und habe es nur nicht gemerkt. Die Irren in der geschlossenen Anstalt, die glauben, sie seien Napoleon, halten sich sicher auch nicht für verrückt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse regelrecht überschlagen und wir hatten kaum Zeit, Atem zu holen. Aber alles der Reihe nach.

Ein neuer Mitbewohner

Mein Sohn wünscht sich schon seit Jahren einen Hund. Bisher konnten wir ihm diesen Wunsch nicht erfüllen, denn unsere Berliner Wohnung ist nicht gerade groß und auch noch einen Hund darin zu halten, hätte unsere Nerven und wahrscheinlich die des Hundes zu sehr strapaziert. Hier in Ecuador bewohnen wir eine neue, sehr geräumige Wohnung. Platz wäre also da. Zudem ist der Boden in Wohnzimmer, Küche und Bad gefliest. Wenn also wirklich einmal etwas daneben geht, ist das kein großes Malheur. Sollte es irgendwo überhaupt möglich sein, unserem Sohn den sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, dann wohl hier. Wir freundeten uns also mit dem Gedanken an, dass wir bald ein weiteres Familienmitglied würden begrüßen dürfen.

Man darf sich nichts vormachen – ist so ein Tier erst einmal im Haus, schließt man es sogleich ins Herz, ganz egal wie ablehnend man ihm am Anfang auch begegnet sein mag. Unser Sohn wollte nun unbedingt einen Mops haben, weil Möpse eben klein sind und leicht in der Wohnung gehalten werden können. Er hatte sich ein wenig in die Idee verrannt und war auch nicht bereit, Alternativen in Betracht zu ziehen. Wir erkundigten uns sogleich nach Preisen. Jeder, der schon einmal einen Hund besessen hat oder sich ein wenig mit Rassehunden auskennt, weiß, dass ein Welpe aus einer Zucht auch seinen Preis hat. Die günstigste Offerte belief sich dann immer noch auf dreihundert Dollar und wir fragten uns, warum es ausgerechnet ein teurer Rassehund sein muss. Wir waren hin und hergerissen, ob wir wirklich so viel Geld für ein Haustier ausgeben sollten. Schließlich wünschte sich unser Sohn so sehr einen Hund, so sehr, dass er sogar gewillt war, morgens früher als sonst aufzustehen, um mit ihm Gassi zu gehen. Das Verlangen nach einem Hund muss wirklich groß sein, wenn er zu solch einem Opfer bereit ist.

Am Ende vertagten wir die Entscheidung. Manchmal ist es das Beste, man wartet einfach ab und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Wie der Zufall so spielt, fand sich bald eine Lösung: Die Besitzerin des Cyber-Shops hat eine Bekannte, die Hunde hält (vielleicht ist es auch eine Verwandte – ich sehe da nicht so richtig durch). Eine der Hündinnen hatte gerade einen Wurf und die Leute fragten sich, was sie mit so vielen Hunden anfangen sollten. Das Beste wäre, sie einfach zu verschenken! So reifte die Idee heran, einen der Welpen zu uns zu nehmen.

Vorletzten Freitag besuchte mein Sohn zusammen mit meiner Frau, die einem Schwätzchen nie abgeneigt ist, die Leute, um sich die Hunde anzusehen und vielleicht einen auszuwählen, den man mitnehmen könnte. Ich blieb zuhause und rechnete nicht damit, dass unser Sohn so schnell mit einem Hund wiederkommen würde, zumal meine Frau dieser Vorstellung eher reserviert gegenübersteht. Am Ende trat dann genau das ein, womit niemand gerechnet hatte, was man aber hätte voraussehen müssen: Als ich die Tür öffnete, stand mein Sohn freudestrahlend vor mir, in beiden Händen eine große Kiste und darin befand sich ein haariges Etwas, das entfernt an eine Kuh in Miniatur erinnerte.

Der Welpe ist acht Wochen alt, fast so winzig wie ein Meerschweinchen und hat ein Fleckenmuster wie die Milka Kuhflecken. Er hört auf den Namen Titan – sicherlich weil er so furchteinflößend wirkt. Die meiste Zeit des Tages verschläft er. Er rollt sich dann auf seiner Kuschelmatte zusammen und gibt keinen Mucks von sich. Wenn ich am Computer sitze und schreibe, legt er sich auf meine Füße und schläft ein. Das ist der bravste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Er ist so lieb, dass er nicht mal bellt. Nur wenn er einmal zufällig sein eigenes Spiegelbild in der Scheibe sieht, fängt er an zu springen und zu kläffen, aber das ist eher drollig. Leider ist er noch nicht stubenrein und was er wirklich gut kann, ist fressen, Wasser lassen und Häufchen machen. Jedes Mal, wenn ich eine der Tretminen in der Wohnung sehe, bin ich heilfroh, dass der Boden gefliest ist. In den nächsten Wochen wollen wir aber versuchen, ihn stubenrein zu bekommen. Wir haben schon eine Leine mit einem winzigen Geschirr daran gekauft. Neulich haben wir es ihm angelegt – er hielt währenddessen ganz still – und als wir ein bisschen mit ihm herumliefen, schien er sich nicht daran zu stören. So ein lieber Hund!

Eile mit Weile

In der letzten Woche ist endlich ein lang gehegter Traum wahr geworden. So muss man es fast beschreiben, denn nachdem wir so lange auf einen Internetanschluss hatten warten müssen, schickte der Netzanbieter endlich seine Leute vorbei, um die dafür nötige Kabelbox installieren zu lassen. Ein versierter Mitarbeiter hätte sicher gereicht, aber es kamen ihrer gleich vier und es dauerte ungefähr zwei Stunde, bis die Kabel gelegt und die Anschlüsse an der Wand befestigt waren. Merkwürdigerweise hat der Hauseigentümer zwar an jeder Wand zwei Steckdosen anbringen lassen, aber es befindet sich nur ein Telefonanschluss in der Wohnung und zwar ausgerechnet in der hintersten Ecke des Schlafzimmers. Die Installateure meinten, wenn ich die Box woanders hängen haben möchte, müssten sie die Kabel durch die Wohnung legen. Ich entschied mich dann aus ästhetischen Gründen doch dafür, das Telefon in die hinterste Ecke der Wohnung zu verbannen.

Ich war allein zuhause, meine Frau war arbeiten und meinen Sohn hatte ich zur Schule gebracht. Die Leute des Internetanbieters begnügten sich nicht damit, die Kabelbox einfach zu installieren, wie es sich gehört, sondern stellten mir zig Fragen, die ich, mangels ausreichender Spanisch-Kenntnisse, gar nicht beantworten konnte. Ich musste passen, aber hätte ich mich auch verständlich ausdrücken können, so würde ich sie wahrscheinlich doch nicht verstanden haben, denn meistens ging es um technische Details, und es gibt keine Sprache, in der ich dazu kompetent hätte Stellung nehmen können. Am Ende ging es dann doch, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage beantwortet hätte, und am Abend hatten wir endlich Internet.

Einige Tage später kam dann noch der Telefon-Mann. Er war wie vom Schlag gerührt, als er die Kabelbox an der Wand hängen sah, denn man hatte ihn beauftragt, Internet und Telefon zu installieren. Er suchte dann in sämtlichen Zimmern die Wände nach irgendwelchen Anschlüssen ab, kratzte sich konsterniert am Kopf und war mit seinem Latein schließlich am Ende. Er murmelte etwas davon, dass er eine Box holen müsste und dass er wiederkommen würde. Weder holte er die Box, noch kam er jemals wieder. Dafür kamen am nächsten Tag noch einmal drei Mitarbeiter derselben Firma und installierten endlich den Telefonanschluss.

Was jetzt noch fehlt, ist das Fernsehen, um die langen ereignislosen Abende zu überstehen. Mittlerweile habe ich fast alle Bücher, die ich mir mitgebracht habe, ausgelesen und Lektüre-Nachschub kommt wahrscheinlich erst in einigen Wochen, wenn unser Container aus Deutschland eintrifft. Vorsorglich habe ich mir einen nicht eben kleinen Fundus an Büchern eingepackt. Darunter ist vieles, das ich mir irgendwann einmal gekauft habe, das ich aber nie gelesen habe, weil ich bisher keine Zeit hatte. Aber vielleicht hatte ich so wenig Zeit, weil ständig der Fernseher lief. Die Tage in Berlin haben mich meist so sehr erschöpft, dass ich mich oft nur noch nach Bequemlichkeit und Entspannung sehnte. Was gibt es Schöneres, als sich in einen gemütlichen Sessel zu fläzen und durch das Abendprogramm zu zappen.

Der Schock zum Wochenende

Letzten Samstag war wieder einmal der große Einkaufswahnsinn angesagt. Wir mussten nach Quito, um Dinge zu kaufen, die es hier in Cumbayá nicht gibt. Zum Beispiel brauchten wir unbedingt einen Wäschetrockner, denn schließlich ist es kein Zustand, wenn ständig die ganze Wohnung mit nasser Wäsche verhängt ist. Da wir immer noch kein Auto haben – die Lieferung kann sich nur noch um Wochen verzögern –, nahmen wir Taxis und den Bus. Am Ende dauerte alles wieder länger, als wir ursprünglich geplant hatten, denn ist man einmal dabei, unentbehrliche Dinge zu kaufen, fallen einem gleich tausend andere Sachen ein, die mindestens genauso unentbehrlich sind.

Nachdem wir aus Quito zurückgekehrt waren, musste meine Frau einer Klinik in der Innenstadt Cumbayás noch einen Besuch abstatten, um die Ergebnisse ihrer letzten Blutuntersuchung zu erfahren. Sie litt seit Tagen unter Durchfällen und die Ärzte vermuteten eine Infektion. Wir verbrachten noch mindestens eine Stunde in der Klinik. Meine Frau wurde ohne Befund (weder Viren noch Bakterien ließen sich nachweisen) nach Hause geschickt. Der Arzt gab ihr ein Rezept, auf das sie in der Apotheke ein Durchfallmittel erhalten würde. Wir suchten noch die Apotheke auf, um das Rezept einzulösen. Nach einem skeptischen Blick auf den Zettel meinte die Apothekerin, dass dieses Durchfallmittel seit zwei Jahren nicht mehr vertrieben werden dürfe und folglich auch nicht im Bestand der Apotheke zu finden sei. Sie gab meiner Frau stattdessen ein anderes Medikament. Da es schon dunkel wurde, nahmen wir uns ein Taxi und fuhren nach Hause. Wir hatten das Haus gegen zwölf Uhr Mittags verlassen. Nach über sechs Stunden Besorgungsmarathon kehrten wir glücklich erschöpft mit unseren Einkäufen heim.

Vor dem Haus empfing uns ein Blitzlichtgewitter in Blau und Rot. Zwei oder drei Polizeiwagen parkten vor dem Eingang, einige Polizisten standen herum und die Bewohner der Wohnanlage erwarteten uns draußen. Alle schauten uns an, als wären wir in irgendetwas verwickelt, von dem wir als einzige nichts wussten. Wir stiegen aus dem Taxi und fragten, was passiert sei. Man sagte uns, es sei eingebrochen worden. Wie sie uns dabei ansahen, wussten wir, dass es die Diebe auf unsere Wohnung abgesehen hatten. Dennoch stürmten wir die Treppe nach oben in der Hoffnung, nein, in der unerschütterlichen Erwartung, dass sich alles als ein Alptraum erweisen würde, den man vergessen hat, sobald man aufwacht. Doch die Ahnung trügt nie und die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Es kam genauso, wie wir befürchtet hatten: Die Wohnungstür aufgebrochen, die Schubladen herausgerissen, die Schränke durchwühlt. Noch wie betäubt, sprachlos, doch mit rasendem Herzschlag prüften wir, was noch da war und was fehlte. Nach unserer verzweifelten Inventur war klar, dass die Diebe genau wussten, was mitzunehmen lohnte. An unseren Reisepässen waren sie nicht interessiert. Wichtige Papiere und Dokumente lagen immer noch fein säuberlich geordnet an ihrem Platz. Selbst Bargeld verschmähten sie, denn die Sparbüchse unseres Sohnes, die immerhin 150 Dollar enthielt, war nicht angetastet worden. Was fehlte, waren die Laptops von uns dreien sowie ein dazugehöriger Kühler, eine Kamera, das Handy meines Sohnes und zwei teure File-cabinets meiner Frau.

Was macht man in solch einer Situation? Die Szene wirkte surreal. Ich hatte den Eindruck, ich wäre gar nicht anwesend, sondern schaute mir von irgendeinem Ort weit entfernt einen Film an, der zufällig von mir und meiner Familie handelte. Vier Polizisten standen in unserem Wohnzimmer und stellten Fragen: Wann wir das Haus verlassen hätten, ob uns etwas aufgefallen sei, welche Dinge wir vermissen würden. Ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei nahm den Fall auf und kümmerte sich um die Spurensicherung, die darin bestand, mit der Handy-Kamera Fotos von dem zerstörten Türschloss zu machen. Ich hatte den Eindruck, dass er häufig Fälle wie diesen zu bearbeiten hätte. Anders als seine Polizeikollegen trug er keine Uniform. Er trat vielmehr so auf, wie man es von den coolen Cops in den Filmen US-amerikanischer Provenienz erwartet: Jeans und Sneakers, schwarze Adidas-Jacke über dem bulligen Oberkörper, das Haar kurz geschoren und ein Brillantstecker im Ohr.

Der Polizist hörte sich ruhig und nicht ohne Mitgefühl unsere Sicht der Dinge an: Wenn man sich an den üblichen ecuadorianischen Preisen orientiert, belief sich der materielle Schaden auf etwa viertausend Dollar. Das ist nicht wenig, zumal wir nicht wohlhabend genug sind, um solche Verluste mal eben aus der Portokasse zu ersetzen. Was aber noch schwerer wiegt als der finanzielle Aderlass ist der Verlust wichtiger, ja unersetzbarer Arbeitsmaterialien: Meine Frau hatte mit ihrem Laptop sämtliche Schulunterlagen verloren und war der Verzweiflung nahe. In den File-cabinets befanden sich weitere wichtige Materialien für die Unterrichtsvorbereitung – über Jahre ausgearbeitet, zusammengestellt und archiviert. Mein Sohn braucht seinen Laptop für die Schule. Wir hatten ihm extra einen für tausend Dollar hier in Ecuador gekauft. Das hört sich nach viel an, man muss aber bedenken, dass Computer und insbesondere Laptops hierzulande manchmal doppelt so teuer sind wie in den USA. In der British School wird vernetzt mit „Google Classroom“ gearbeitet; ohne einen eigenen Laptop ist es schlichtweg einfach unmöglich, an Materialien zu kommen oder überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Ein Laptop war daher ein absolutes Muss. Das Gerät war gerade ein paar Tage alt, also nagelneu, und mein Sohn, der von uns dreien wohl am meisten von Computern versteht, hatte gerade damit begonnen, einige unverzichtbare Programme zu installieren, als die Diebe zuschlugen. Und ich schließlich brauche meinen Laptop zum Schreiben. Die Kamera, eine teure Lumix, war gerade ein Jahr alt. Meine Frau hatte sich schon immer eine gute Kamera gewünscht und sie schließlich eigens dafür gekauft, um sie nach Ecuador mitzunehmen; sie wollte „schöne Bilder“ machen. Schöne Bilder macht sie jetzt wahrscheinlich auch – es ist bittere Ironie, dass sie nun für immer in Ecuador bleiben wird. Ich hoffe nur, dass die Kriminellen nicht allzu viel Freude an der Kamera haben. In ihrer Eile haben sie das Ladekabel und den Transformator übersehen. Meine Frau hatte die Lumix in Europa gekauft und europäische Ladekabel sind hier in Ecuador nur schwer zu bekommen. Ich fürchte, sobald der Akku leer ist, wird man die Kamera entweder wegwerfen oder alle verwertbaren Teile ausschlachten und den Rest unauffällig entsorgen.

Leider hatte mein Sohn sein Handy im selben Rucksack verstaut, in dem sich auch der Computer befand. Die Diebe schütteten hektisch die Schulbücher und Hefter auf den Boden, stopften den Computer hinein und nahmen den Rucksack mit. Dabei merkten sie offenbar nicht, dass sich darin ein eingeschaltetes Handy befand. Gleich nach unserer Ankunft versuchte die Polizei, das Handy über Satellit zu orten. Sie wurde auch schnell fündig, doch leider konnte der Standort nur mit einem Radius von zweihundert Metern bestimmt werden. Das Handy befand sich zu diesem Zeitpunkt irgendwo in der Nähe des Quicentro Sur im Süden der Stadt. Leider ist das Areal dicht bebaut und man hätte schon mehrere Teams in das dichte Gassengewirr schicken müssen, um den genauen Standort ausfindig zu machen. Bloß wegen einiger Computer würde die Polizei wohl kaum Männer und Ressourcen verschwenden. Am nächsten Tag versuchte man wieder eine Ortung, doch diesmal hatte man keinen Erfolg. Wahrscheinlich hatten die Diebe das Handy entdeckt und die Sim-Karte entfernt.

Nach einer Stunde war die Polizei wieder weg und wir waren allein. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dies könnte ein ganz normaler Samstagabend sein. Wir könnten einen Film gucken oder Musik hören, lesen oder uns unterhalten. Nichts von alledem schien an diesem Abend möglich. Da es im Augenblick nichts zu tun gab, hatten wir alle Zeit der Welt und schon ging das Grübeln los: Warum? Warum wir? Warum heute? Warum sind wir nicht früher nach Hause gekommen? Das sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt und man tut sich selbst einen Gefallen, sie gar nicht erst zu stellen. Man braucht eine Beschäftigung, um sich von solch nutzlosen wie quälenden Gedanken abzuhalten.

Um uns abzulenken, schauten wir uns noch einmal in aller Ruhe – so ruhig man eben nach solchen Ereignissen sein kann – die Einbruchsspuren an: Die Wohnungstür war offenbar mit einem Brecheisen aufgestemmt worden. Soviel konnte selbst ich als kriminaltechnischer Laie erkennen. Den Spuren nach zu urteilen, mussten die Diebe nur ein einziges Mal ansetzen, dann flog die Tür auch schon ihn hohem Bogen auf. Jetzt war mir auch klar, warum sie der Gewalteinwirkung so wenig Widerstand entgegengesetzt hatte: Zwar sind die Wände aus undurchdringlichem Beton, aber der Türrahmen besteht aus Pressholz und Pappe. Das ist keine Übertreibung, die Beweise waren eindeutig: Unter einer ca. fünf Millimeter dünnen Holzblende, die dem Türrahmen ein schweres und massives Aussehen verleiht, verbirgt sich ein dünner Rahmen aus Pressholz, dasselbe wie man es für Ikea-Möbel verwendet. Der Pressholzrahmen wurde einfach mit Montageschaum in der Tür fixiert. Unebene Stellen wurden mit Pappe ausgeglichen (ganz recht, dieselbe Pappe, aus der man Schuhkartons macht). Darüber wurde dann die dünne Blende genagelt, die dem Rahmen den Anschein von Massivholz verleiht. Selbstverständlich kann solch ein Türrahmen keiner hohen Belastung standhalten (wer schon einmal Ikea-Möbel in handliche Stücke zerbrochen hat, weiß, dass ein paar gezielte Tritte reichen, um einen ganzen Schrank zu demolieren).

Zum Teil muss man dem Hausbesitzer die Schuld geben, dass es zu den geschilderten Ereignissen kommen konnte, denn er hat es offenbar versäumt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Das Haus ist nagelneu und es ist auch schön anzusehen, eine regelrechte Augenweide ist es, aber was nützt dies, wenn Kriminelle ohne jeden Widerstand und dazu noch mitten am Tage eindringen und die Bewohner bestehlen können. Zumindest würde man erwarten dürfen, dass die Wohnungstür den unerwünschten Eindringlingen das Leben schwer macht. Man sieht, dass die Wohnung in großer Eile durchsucht worden ist, denn wäre man gründlich gewesen, hätte man auch den Tablet-Computer meiner Frau entdeckt, der unter einem Papierstapel lag. Hätte die Tür sich nur fünf Minuten dem gewaltsamen Eindringen widersetzt – was man von einer ordentlichen Tür wohl erwarten kann –, wären die Diebe wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder abgezogen, denn im Erdgeschoss befanden sich zu jener Zeit Anwohner, die durch den Krach alarmiert worden wären. So aber reichte es, das Brecheisen anzusetzen, einmal kräftig zu ziehen und – plong! – schon stand die Tür offen. Das war nicht einmal laut genug, um die Bewohner der Parterre-Wohnungen aufhorchen zu lassen. Als die Polizei sie befragte, gaben sie zu Protokoll, dass sie nichts gesehen oder gehört hätten.

Unsere Wohnung war nicht die einzige, die an diesem Samstagnachmittag ausgeraubt wurde. Auch die Nachbarwohnung war aufgebrochen worden, auch dort hatten die Diebe alles Wertvolle mitgenommen. Die Bewohnerin, eine junge Frau, studiert Filmkunst an der hiesigen Universität. Ihr Vater ist der Bürgermeister von Otavalo. Die Diebe wussten ganz genau, was sich lohnt: Auf einem Tisch mitten im Wohnzimmer stand ihr Mac. Der materielle Schaden wäre zu verkraften, zumal ihr Vater einen gut bezahlten Posten bekleidet, aber unglücklicherweise hatte sie ihre Abschlussarbeit, einen Film, an dem sie seit anderthalb Jahren arbeitete, auf der Festplatte gespeichert. Sie war leider so unvorsichtig, keine Kopie anzufertigen, und deshalb ist nun all die Arbeit zunichte geworden. Sie heulte wie ein Schlosshund und ich konnte ihr die Verzweiflung, die Enttäuschung und die Wut nachfühlen. Mir ging es auch nicht anders, doch dauerte es erst einmal eine ganze Weile, bis sich die Ereignisse in mein Bewusstsein gegraben hatten. Mein Verstand sträubte sich noch immer, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Noch immer klammerte ich mich an die sinnlose Hoffnung, man würde die Computer wiederfinden und alles würde sich noch einmal zum Guten wenden. Ich wünsche ihr Glück und hoffe, dass sie ihren Abschluss dennoch schafft.

Meine Frau war völlig aufgelöst, denn sie hatte all ihre Unterrichtsmaterialien, die Arbeit von Jahren, verloren. Der Hausbesitzer und Vermieter weilte gerade mit seiner Familie in den USA und so waren nur seine Söhne und seine Schwiegermutter gekommen, um den Schaden in Augenschein zu nehmen. Meine Frau war verständlicherweise sehr erregt und warf dem Besitzer vor, er hätte durch den Einbau minderwertiger Türen die Sicherheit der Hausbewohner gefährdet. Die Schwiegermutter, ein fette Matrone, entgegnete schnippisch, ob meine Frau denn denke, sie (also die Vermieter) hätten den Einbruch verübt. Meine Frau sagte ihr ganz ruhig ins Gesicht, dieses Gespräch sei absurd und warf die Tür zu (oder zumindest das, was von der Tür noch übrig war). Später freilich erfuhren wir, dass die Frau selbst schon einmal Opfer eines Überfalls wurde. Man hatte ihr eine Waffe an die Schläfe gehalten und sie beraubt. Die Leute hier nehmen solche Ereignisse mit einer Gleichgültigkeit hin, dass es einen nur wundert. Beraubt zu werden, ist Teil des Lebens und Kriminalität wird fast schon als selbstverständlich wahrgenommen. Nahezu jeder kann eine Geschichte erzählen, und eine ist schrecklicher als die andere.

Man könnte einwerfen, warum solch ein Aufruhr wegen einiger Laptops? Schließlich wurde niemand verletzt, niemand kam zu Schaden und das ist doch das Wichtigste. Ja, das ist das Wichtigste. Demgegenüber verliert alles andere an Bedeutung. Natürlich überlegt man immer, was man falsch gemacht haben könnte, durch welche Unvorsichtigkeit man unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gerieten wir schon allein deshalb ins Blickfeld der Kriminellen, weil wir ein schönes neues Haus bewohnen und weil wir (d.h. mein Sohn und ich) wie Gringos aussehen. Das sind Merkmale, die einen aus der Masse herausheben und die geeignet sind, die Leute glauben zu machen, man sei reich. Die Ironie ist, dass wir es gar nicht sind. Wir leben zur Zeit buchstäblich von der Hand in den Mund. Jeder Dollar, der verdient wird, ist am Ende des Monats quasi verdampft. Wenn man annähernd so leben will, wie man es aus Europa gewohnt ist, wenn man also eine schöne Wohnung haben möchte und wenn man den Anspruch hat, die Kinder auf eine gute Schule zu schicken, ist das Geld rasend schnell ausgegeben. Die Lebenshaltungskosten sind hierzulande einfach unvorstellbar hoch und selbst für bescheidene Rücklagen ist fast gar kein Geld übrig. Man darf auch nicht vergessen, dass Ortslehrkräfte an den deutschen Auslandsschulen, wie etwa meine Frau, viel schlechter bezahlt werden als die Auslandslehrkräfte, die doppeltes Gehalt beziehen. Befände sich meine Frau in einer solch vorteilhaften Lage, würden wir einfach in den nächsten Elektronikladen fahren und ein paar Laptops kaufen. Das wäre nur zu schön, doch leider schert sich die Realität nicht um Wunschträume.

Unerwartete Hilfe

Noch am selben Abend rief meine Frau ihren Vater an und aufgelöst in Tränen berichtete sie ihm, was sich zugetragen hatte. Sie sagte ihm, dass sie sämtliche Materialien verloren hätte, dass wir die Computer mit unserem letzten Geld gekauft hätten und dass nun alles fort sei und wir nicht wüssten, was wir tun sollten. Ihr Vater hörte sich ihre Schilderung ruhig an und lud uns dann zu sich ein. Er bot an, uns allen neue Laptops zu kaufen. Als ich das hörte, war ich zunächst einmal sprachlos. Ich fragte mich, warum er das tun sollte, aber dann wurde mir klar, dass es ihm wohl ein Herzensbedürfnis war, uns zu helfen. Ich war beschämt und ich hätte verstanden, wenn er allein seiner Tochter oder seinem Enkel einen neuen Laptop kaufen würde. Mir wäre wohler gewesen, ich hätte mir selbst einen kaufen können, mit meinem eigenen Geld. Einer von uns hätte nach Miami fliegen, bei Best-Buy drei Laptops holen und schon am nächsten Tag zurückkehren können. Das hätte wahrscheinlich sogar noch weniger gekostet als die Geräte hier im Lande zu kaufen. Warum eigentlich nicht? Was sprach dagegen?

Das Abenteuer, in dieses Land zu kommen und uns hier einzurichten, hat unsere finanziellen Mittel restlos erschöpft. Alles ist viel teurer als wir uns hatten vorstellen können, sehr viel teurer sogar. Von unserer einstmals üppig gefüllten Reisekasse ist allein die Erinnerung geblieben. Warum sollten wir also ein so großzügiges Angebot nicht annehmen? Eigentlich hatten wir gar keine andere Wahl, denn die Computer sind unverzichtbar: Meine Frau könnte ihrer Arbeit nicht nachgehen und mein Sohn könnte nicht die Schule besuchen. Der einzige, der wirklich darauf verzichten könnte, ohne berufliche Konsequenzen fürchten zu müssen, wäre ich.

Wir verbrachten die Nacht auf den Sonntag unruhig und taten kaum ein Auge zu. Die beschädigte Tür hatten wir notdürftig mit Möbeln verstellt – für einen beherzten Einbrecher hätte diese Sicherung wohl kein Hindernis dargestellt. Am nächsten Morgen erschien die Matrone mit einem Handwerker, um die beschädigte Tür reparieren zu lassen. Die Reparatur bestand eigentlich nur darin, dass ein dünnes Stahlblech in den Türrahmen gesetzt und verschraubt wurde. Die verbogenen Riegel wurden notdürftig begradigt und – hoppla! – schon war die Tür repariert. Die Instandsetzung dauerte gerade einmal zwanzig Minuten und ich wunderte mich, ob alle in diesem Land verrückt geworden sind, oder ob ich der einzige bin, der spinnt.

Der Vater lebt in Santo Domingo, einer Stadt, die man von Quito aus mit dem Bus in etwa fünf Stunden erreichen kann. Die Straße führte hinauf in die Berge und als wir Quito verließen, konnten wir von hoch oben auf die südlichen Stadtbezirke hinabblicken. Es sah aus, als hätte sich eine graue Häuserlawine in das Tal ergossen, gerade so, als wäre ein mit grauen Lego-Steinen gefüllter Eimer in der Badewanne ausgeschüttet worden. Irgendwo dort befanden sich jetzt unsere Laptops. Ich trauerte meinem Dell Bradley nach. Wir waren wie füreinander gemacht. Bei Best-Buy hatte ich 540 Dollar bezahlt. Das ist nicht viel für einen Laptop. Sicherlich gibt es weit bessere und leistungsstärkere Geräte, aber mir genügte dieser. Nun war er weg und ich musste es hinnehmen.

Am Abend trafen wir in Santo Domingo ein. Die Stadt wirkte genauso ungastlich wie bei unserem ersten Besuch und ich fürchte, sie wird uns auch nicht einladender erscheinen, wenn wir sie noch öfter besuchen. Der Vater meiner Frau holte uns vom Busbahnhof ab. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und deshalb kam er nicht wie üblich mit dem eigenen Wagen, sondern ließ sich von einem guten Freund chauffieren. Zuhause angekommen, wurde auch schon das Abendessen serviert. Es gab frische Blutwurst, Longaniza. Meine Frau liebt die deftige Spezialität und langte ordentlich zu. Mir war der Appetit auf der langen Fahrt vergangen. Außerdem rumorte es merkwürdig in meinem Magen und deshalb hielt ich es für klüger, mit einem Tee Vorlieb zu nehmen.

Am nächsten Morgen, es war ein Montag, fuhren wir mit dem Auto in eine Gegend, in der vor allem Fabriken und Lagerhäuser angesiedelt zu sein schienen. Die Straßen waren menschenleer. Auf einem vollkommen verwaisten Parkplatz hielten wir. Vor einem großen Tor standen einige Personen und schienen auf etwas zu warten. Kein Türschild verriet, was hinter dem mit Stahlplatten bewehrten Eingangstor zu finden wäre. Als wir dann endlich eingelassen wurden, fanden wir uns im Lager eines Elektronikimporteurs wieder. Fernseher, Computer und Drucker standen, fabrikneu verpackt, auf dem Boden oder lagen zur Ansicht auf Tischen. Die Laptops hatte man in Vitrinen untergebracht. Wir schauten uns ein wenig um und versuchten in Erfahrung zu bringen, welche Leistungsparameter die Geräte aufzuweisen hätten und vor allem wie viel sie kosteten. Man fragte uns, ob wir das Betriebssystem mit oder ohne Garantie wünschten. Wir wunderten uns – was soll das denn für eine Frage sein? Wir fanden, dass die Computer im Vergleich zu den Geräten im normalen Elektronikgeschäft nicht preiswerter wären, und entschlossen uns daher, zu Computron zu fahren.

Computron ist die hiesige Kette für Elektronikartikel. Wir fanden rasch drei Laptops, die uns gefielen, und ließen sie uns einpacken. Vorher lud der Angestellte noch das Office-Paket auf die Festplatte. Mein Schwiegervater zahlte stillschweigend. Beschämt verließen wir den Laden. Um das Maß unserer Beschämung voll zu machen, lud er uns auch noch zum Mittagessen ein. Vielleicht sollte ich mir aber gar nicht so viele Gedanken machen und es als das nehmen, was es ist: ein Akt der Großzügigkeit. Es fällt mir leichter, sein Geschenk anzunehmen, wenn ich mir vorstelle, dass er einfach nur ein großzügiger Mann mit einem noblen Charakter ist. Wie man hört, hat er schon öfter Freunden aus der Patsche geholfen, und auch gegenüber seinen Angestellten soll er sich sehr anständig verhalten. Man mag dies für eine Selbstverständlichkeit halten, aber hierzulande kommt es nicht oft vor, dass ein Chef sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter kümmert. Die Leute vertrauen ihm und schätzen seine Art. Vielleicht gibt es nicht mehr viele Menschen wie ihn auf der Welt. Man kann froh sein, dass sie noch nicht ganz ausgestorben sind.

Zurück nach Cumbayá

Unsere wertvolle Fracht wollten wir nicht den normalen Linienbussen anvertrauen. Wir bestellten uns ein Express-Taxi. Das ist ein Pkw oder ein Kleinbus mit einem Fahrer und drei bis fünf Passagieren. Diese Art zu reisen ist zwar ein wenig teurer als der normale Bus, dafür ist man aber auch schneller am Ziel und meistens fährt man viel bequemer. Wir fuhren in die Nacht hinein und unterwegs begann es zu regnen. Auf der Autopista begegnete uns wieder der Wahnsinn, den man üblicherweise auf dieser Route erwarten kann: Vor uns verlor ein Pkw auf der regennassen Straße die Haftung, wurde in eine 180-Grad-Drehung geschleudert und geriet auf die Gegenfahrbahn. Höhere Mächte oder der Zufall wollten es, dass just in diesem Augenblick einmal kein dichter Gegenverkehr auf der Gegenspur entlangrollte, und die Insassen des Wagens kamen mit dem Schrecken davon. Etwa auf halber Stecke passierten wir eine Unfallstelle; der Unfallwagen war wie eine Ziehharmonika zusammengequetscht worden. In einer engen Kurve kam uns ein Sattelschlepper entgegen. Er fuhr auf unserer Spur, doch im letzten Augenblick lenkte er zurück. Wären wir nur ein wenig schneller gefahren, hätte es leicht zur Katastrophe kommen können. Dass wir noch lebten, war entweder Vorsehung oder reines Glück. Ich bin geneigt, letzterem den Vorzug zu geben.

Einmal machten wir an einer Tankstelle mitten in den Bergen Rast. Um uns herum türmten sich bewaldete Bergketten zu einem atemberaubenden Panorama. Dann ging es weiter und als wir höher in die Berge hinaufkamen, wurden wir bald von dichtem Nebel eingeschlossen. Es war wie in einer Waschküche, man konnte kaum dreißig Meter weit blicken. Unser Fahrer drosselte die Geschwindigkeit, schaltete die Scheinwerfer ein und hielt die Spur. Die geänderte Wetterlage und die schlechte Sicht schienen jedoch einige Fahrer nicht davon abzuhalten, ihren gewohnten Fahrstil beizubehalten. Manch einer fuhr ohne Licht und es war ein Wunder, dass es nicht noch mehr Unfälle gab. Einmal überholten wir in dichtem Nebel einen Motorradfahrer, der es nicht für nötig befand, durch Licht auf sich aufmerksam zu machen. Dazu war er noch schwarz gekleidet. Er schien zu glauben, dass er die eklatanten Sicherheitsmängel durch langsames Fahren auf dem Standstreifen ausgleichen könnte. Ich frage mich, warum man in diesem Land den Wahnsinnigen Autos und Motorräder gibt statt sie einzusperren.

Neue Überraschungen in Cumbayá

Am nächsten Tag, einem Dienstag, mussten wir wieder zur gewohnten Zeit, also kurz nach Sieben, das Haus verlassen, denn meine Frau wollte pünktlich in der Schule sein. Leichter gesagt als getan: Das Schloss der Haustür hatte sich verklemmt und ließ sich auch trotz größter Kraftanstrengung nicht mehr drehen. Die Tür zur Parketage war ebenfalls verschlossen, denn auch hier hatte das billige Schloss seinen Geist aufgegeben und der Riegel ließ sich nicht mehr zurückschieben. Die Mängel waren seit längerer Zeit offensichtlich, aber bekanntlich muss erst etwas Schlimmes geschehen, bevor Abhilfe geschaffen wird. Wir waren im Treppenhaus eingesperrt, denn aus dem Fenster unserer Wohnung im zweiten Obergeschoss zu springen, ist für jemanden, der kein Artist ist, doch etwas riskant. Meine Frau oszillierte zwischen Wut- und Tobsuchtsanfällen, weil in diesem Haus nicht einmal so einfache und selbstverständliche Dinge funktionierten. In unserer Not klopften wir bei der Mieterin unter uns an die Tür. Sie öffnete noch halb verschlafen im Schlafanzug. Wir fragten sie, ob wir aus ihrem Schlafzimmerfenster klettern dürften. Sie erkannte unsere Lage und hatte nichts dagegen.

Kaum waren wir aus dem Haus, begegneten wir schon dem nächsten Hindernis: Angesichts der Tatsache, dass die Diebe ohne großen Widerstand zu finden, in die Wohnanlage eindringen konnten, hatte der Besitzer angeordnet, die Türen mit Vorhängeschlössern zu sichern. Es dauerte geraume Zeit bis sich endlich jemand fand, der einen Schlüssel hatte. In der Zwischenzeit wurde von allen Seiten viel geschrien und geschimpft und es wurden Drohungen ausgesprochen. Der Chihuahua einer der Besitzerinnen eines Hauses innerhalb der Wohnanlage kläffte meine Frau an und versuchte sie zu beißen. Der Köter ist klein und zerbrechlich wie ein Rehkitz, doch bellt er jeden an, der sich auch nur auf fünfzig Meter nähert. Eigentlich hört man ihn den ganzen Tag bellen als wäre er von Sinnen. Wenn man mich fragt, gehört der Hund zum Hundepsychiater oder eingeschläfert. So früh am Morgen hatte die Besitzerin das Tier frei in der Anlage herumlaufen lassen und meine Frau, deren Nerven mittlerweile blank lagen, war nahe daran, die dauerkläffende Töle mit einem Tritt in die Hundehölle zu schicken.

Wir nahmen ein Taxi. Der Fahrer an diesem Morgen war uns gut bekannt, denn er hatte uns schon öfter zur Deutschen Schule bzw. zur British School gefahren. Auf der Calle Santa Inés muss er wohl für einen Augenblick unkonzentriert gewesen sein, denn er touchierte ganz leicht den vor ihm stehenden Audi A4. Es gab wieder einmal Stau und die Kolonne kam nur im Schritttempo voran. Eigentlich war es kein echter Auffahrunfall, sondern nur ein leichtes Anstoßen an der Stoßstange. Der Fahrer des Audi sprang jedoch wie ein geölter Blitz aus dem Wagen. Von meinem Platz im Font des Taxis konnte ich ihn genau sehen: Straff gebügelter grauer Anzug, akkurat gebundene Krawatte, die Haare platt gegelt, teure Sonnenbrille. Der Taxifahrer blieb sitzen und versuchte mit dem Mann zu reden, doch der zückte gleich sein Handy und rief seinen Anwalt an.

Ich versuchte zu erkennen, ob der Schaden an seinem Auto ein solch extremes Verhalten rechtfertigte, doch ich konnte nichts entdecken. Die Stoßstange wirkte unversehrt, keine Beule, keine Delle. Vielleicht hatte der Lack einen Kratzer davongetragen, aber würde man deshalb gleich seinen Anwalt anrufen? Während diese gebügelte Canaille ihrem Rechtsbeistand das „Verbrechen“ meldete, stieg die Tochter aus dem Auto, ein etwa zehnjähriges Mädchen in der Uniform der Deutschen Schule. Ich hasse dieses reiche Pack, das glaubt, besser als der Rest der Menschheit zu sein, weil es Anzug und Krawatte trägt, ein teures deutsches Auto fährt und das eigene Kind auf eine exquisite Schule schickt. Der Taxifahrer ist ein einfacher Mann, der sich, wie die meisten in diesem Land, irgendwie durch den Alltag schlägt und zu überleben versucht. Mit ein wenig gutem Willen hätte man sich gütlich einigen können, denn der Schaden war nur sehr gering – wenn es überhaupt einen Schaden gab. Doch Audi wollte keine Einigung. Leute seiner Sorte sind es gewohnt, Menschen wie den Taxifahrer als Untergebene zu betrachten: Man pflegt nur dann mit ihnen Umgang, wenn sie im Haus die Böden schrubben oder die Toiletten reinigen. Ich weiß nicht, wie die Sache endete. Jedenfalls machte Audi mit seinem Handy eifrig Fotos vom Nummernschild des Taxis und von dem „Schaden“ an seinem wertvollen deutschen Wagen. Der Taxifahrer fürchtete das Schlimmste und wahrscheinlich hat er wirklich Grund, sich Sorgen zu machen, denn solches Geschmeiß wie Audi bewegt nur zu gern alle Hebel, um den „Pöbel“ in die Schranken zu weisen.

Wenn der Tag schon einmal schlecht angefangen hat, warum sollte er dann besser enden? Als wir zuhause ankamen, ließ sich das Schloss unserer Wohnungstür nicht mehr öffnen. Es klemmte. Die Riegel hatten sich durch die gewaltsame Türöffnung verzogen und schließlich so verkeilt, dass man ihn nicht mehr zurückziehen konnte. Die Tür saß fest wie zugeschweißt. Sicherlich hätte ich mir mit einem kräftigen Tritt Zugang zur Wohnung verschaffen können, doch dann hätte der Besitzer darauf bestanden, dass ich die Tür bezahle. Zum Glück waren an diesem Tag Handwerker im Haus. Der Besitzer ließ in aller Eile jene Sicherheitsmängel beheben, die der Einbruch offengelegt hatte. Er schickte einen Schlosser zu uns nach oben, um die Tür zu öffnen. Der Mann mühte sich redlich, aber auch Expertenhände vermochten die Tür nicht aufzubekommen. Ironisch schlug ich vor, doch das Schloss einfach aufzubohren. Der Schlosser entgegnete schlagfertig, genau das habe er gerade in diesem Moment auch vorschlagen wollen. Wir warteten dann noch einmal geschlagene zwei Stunden bis das Schloss endlich nachgab. Zwar kann ich die Fähigkeiten des Mannes als Schlosser nicht beurteilen, aber ganz sicher ist er der miserabelste Dieb, von dem man je gehört hat. Der Einbau eines neuen Schlosses war dann allerdings in ein paar Minuten erledigt.

Wir werden uns nach einer neuen Wohnung umsehen müssen, denn das Haus, in dem wir zur Zeit wohnen, ist nicht sicher – trotz aller Bemühungen des Hausbesitzers, diesen Zustand zu ändern. Seine Anstrengungen kommen zu spät. Wir und unsere Nachbarin werden ausziehen. Für den Besitzer der Anlage ist das ein finanzieller Verlust, zumal er nicht so schnell Nachmieter finden wird, wenn sich herumspricht, dass schon zweimal eingebrochen worden ist (vor vier Wochen drangen Unbekannte in die Parketage ein). Schon oft hat man davon gehört, dass immer wieder dieselben Häuser heimgesucht werden. Wenn es einmal etwas zu holen gab, warum dann nicht auch beim zweiten Mal? Wir wollen kein Risiko eingehen und wer sagt uns, dass wir beim nächsten Mal so glimpflich davonkommen?

Fazit

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie bestohlen worden, aber dies ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt wiederholen möchte. Wir hoffen, dass wir bald ein Heim finden werden, in dem wir uns wohlfühlen und in dem wir sicher sind. Gewiss kann man nie vollkommene Sicherheit erwarten, weder in Ecuador, noch in Deutschland. Das ist etwas, das es nicht gibt und auch nicht geben kann. Dennoch sollte man sämtliche möglichen Vorkehrungen treffen, damit man solche bitteren Erfahrungen gar nicht erst machen muss. Das ist man sich und den Menschen schuldig, die man liebt.

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Colegio Alemán Quito

Unser Sohn soll das Colegio Alemán Quito, die Deutsche Schule Quito besuchen. Das Colegio Alemán ist eine Schule mit langer Tradition; in Ecuador genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Alle Bekannten, die wir fragten, welche denn die beste Schule in Quito sei, antworteten ohne zu zögern – die Deutsche Schule. Da meine Frau hier ohnehin als Lehrerin arbeitet, lag die Idee, unseren Sohn auf diese Schule zu schicken, nicht allzu fern.

Zwei Wochen zuvor – wir waren erst vor Kurzem in Quito eingetroffen –, hatten wir der Deutschen Schule schon einmal einen Besuch abgestattet. Meine Frau hatte sich in der Verwaltung vorgestellt und mein Sohn und ich hatten die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzusehen, zumal man uns ausdrücklich dazu eingeladen hatte, als wollte man sagen: Seht euch nur gründlich um – ihr werdet nichts finden, was euren Augen missfällt. Tatsächlich ist die Deutsche Schule ein Hort der Ordnung und Sauberkeit, wie man nur wenige selbst in Deutschland antreffen würde: Die Wege sind besenrein gekehrt, kein einziges welkes Blatt stört die vollkommene Harmonie; die Blumenrabatten sind wie aus dem Bilderbuch; der Rasen ist so akkurat geschnitten, als hätte man ihn mit der Nagelschere bearbeitet. Auf dem ganzen Gelände herrscht perfekte Ordnung – nichts ist überflüssig oder sieht so aus, als läge es zufällig herum. Gebäude und Wege sind in erstklassigem Zustand, die Wände sehen so glatt aus, als hätte man sie eben erst gestrichen. Ein Heer von unsichtbaren Helfern sorgt tagein, tagaus dafür, dass alles so bleibt: außerhalb der Schulzeit sieht man Gärtner, Techniker, Reinigungskräfte emsig unter den wachsamen Augen des schuleigenen Sicherheitsdienstes wirken. Der Wachschutz hat eine eigene Uniform und auf der Mütze prangt das Logo der Schule. Als wir das Stadion mit der 400-Meter-Tartanbahn besichtigen und eifrig Fotos schießen, werden wir misstrauisch beäugt. Man weicht uns keinen Zentimeter von der Seite. Vielleicht fürchtet man, einer von uns würde die schöne Bahn mit Kaugummipapier verunreinigen. Ordnung muss sein!

Die Schule behält sich vor, ihre Schüler in spe zunächst Tests absolvieren zu lassen. Schließlich gilt es, den guten Ruf zu verteidigen und letztlich will man auch wissen, mit wem man es im nächsten Schuljahr im Klassenraum zu tun haben wird. Das Zeugnis mit dem Versetzungsvermerk wäre zwar pro forma ausreichend, dies ist aber die Deutsche Schule und da gelten wiederum ganz eigene Gesetze.

Obwohl noch Ferien sind, hatte meine Frau das Haus während der ganzen Woche jeden Morgen vor Acht Uhr verlassen müssen. Wie üblich, bereiten sich die Lehrer in der Woche vor Schulbeginn in Schulungen und Weiterbildungen auf das kommende Schuljahr vor. Unser Sohn konnte derweil noch seine Ferien genießen und jeden Morgen ausschlafen, jedenfalls bis zum Donnerstag. Zwar wussten wir, dass er sich in der Woche noch den üblichen Test unterziehen sollte, aber dann kam alles ganz plötzlich. An einem Donnerstagmorgen stand plötzlich meine Frau in der Tür und verkündete etwas abgehetzt, dass wir sofort aufbrechen müssten, weil unser Sohn jetzt gleich (!) seine Tests schreiben sollte. Er war gerade erst aufgestanden und verständlicherweise verspürte er nicht die geringste Lust, die Schule zu besuchen – es waren Ferien! Und dann, zu allem Überdruss, sollte er auch noch eine Prüfung ablegen. Ich konnte sehr gut nachempfinden, warum er so schlecht gelaunt war.

Wir nahmen ein Taxi; die Fahrt aus dem Valle (das Tal – so nennen die Einheimischen die Gegend, in der wir wohnen) hinauf zur Schule dauert etwa zehn Minuten und kostet 2,50 Dollar. Das Colegio Alemán Quito befindet sich eben nicht, wie der Name behauptet, in Quito selbst, sondern in Cumbayá, das man als eine Art Vorort von Quito ansehen kann. Kaum waren wir angekommen, ging es sofort zum Test. Der Lehrer, der ihn abholte, war sehr nett, gar nicht so furchteinflößend wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit in Erinnerung habe. Mein Sohn drehte sich noch einmal um und warf mir einen etwas bangen Blick zu. Ich lächelte aufmunternd und sagte, ich würde im Sekretariat auf ihn warten.

An diesem Donnerstag wurden Deutsch und Englisch geprüft. Nach anderthalb Stunden kehrte mein Sohn quietschvergnügt zurück und als ich ihn fragte, wie es denn gewesen wäre, meinte er nur nur ganz cool: „Das war aber leicht!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Am Freitag würden noch Mathe und Spanisch geprüft und ich hoffe, dass wir dann auch noch Grund zum Lachen haben.

Während mein Sohn seine Tests absolvierte, brachte ich meine Zeit damit zu, im Foyer des Sekretariats herumzusitzen. Wenn man nichts zu tun hat (ich hatte vergessen, mir Lektüre mitzubringen), ist es eine vortreffliche Art, die Zeit herumzubringen, indem man Leute beobachtet. Und an diesem Donnerstag war viel los in der Deutschen Schule Quito: Es wurden Weiterbildungen abgehalten und selbstverständlich hätten alle Lehrer auch dann daran teilgenommen, wenn diese nicht obligatorisch gewesen wären. Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, so dass ich Gelegenheit hatte, mich mit der gesamten Belegschaft der Schule zumindest optisch vertraut zu machen.

Was einem sofort auffällt, ist der erfrischend zwanglose und kollegiale Umgang – alle duzen sich und die weiblichen Lehrkräfte werden, wie in Ecuador üblich, mit einem Wangenkuss begrüßt (allerdings küsst man nur einmal, während ich es noch aus Berlin gewohnt bin, auf beide Wangen zu küssen, was manchmal Verwirrung stiftet). Der Lehrkörper der Deutschen Schule Quito setzt sich jeweils zur Hälfte aus Ecuadorianern und Deutschen zusammen. Die Direktorenposten sind immer paritätisch besetzt: Ein Direktor ist Deutscher, der andere Ecuadorianer. Von meinem bequemen Sessel aus konnte ich das geschäftige Treiben in aller Ruhe beobachten: Lehrer schlenderten hin und her, Leute kamen die Treppen herunter und verschwanden in Büros, andere durchquerten ruhigen Schrittes das Foyer. Niemand hatte es eilig, die Atmosphäre war äußerst entspannt. Alle nahmen sich Zeit, um Kollegen, die man zufällig traf, zu grüßen. Man wechselte ein paar Worte, plauderte eine Weile freundschaftlich miteinander und ging dann gemächlich seiner Wege – der ecuadorianische Lebensstil hat eindeutig auf die deutsche Belegschaft abgefärbt. Es wirkte sehr beruhigend, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen und ich würde sie direkt um ihren Job beneiden, wenn ich nicht wüsste, wie nervenaufreibend der Lehrerberuf manchmal sein kann. Dessen ungeachtet hört man immer wieder, dass es schwer sei, geeignetes Fachpersonal für längere Zeit zu verpflichten. Es kam schon vor, dass Lehrer nach dem ersten Jahr ihren Vertrag ohne Angabe von Gründen kündigten und einfach abreisten – nicht jeder kommt mit der neuen Situation klar. Vielleicht ist man deshalb so sehr um Schönwetter bemüht, denn schließlich kann ein gute Arbeitsatmosphäre helfen, Menschen auf längere Zeit zu binden.

Ich würde die Wahrheit verleugnen, wenn ich behauptete, man könne Ecuadorianer und Deutsche nicht voneinander unterscheiden. Selbst dem umgeschulten Auge fallen die Unterschiede sofort auf: Der deutsche Lehrer pflegt im Allgemeinen den eher unauffälligen Bekleidungsstil, der durch Understatement bis hin zu äußerster Schlichtheit gekennzeichnet ist. Bekleidung, die selbst noch so geringe Aufmerksamkeit erregen könnte, scheint geradezu verpönt. Einen solchen Anblick kennt man auch aus Schulen in Deutschland. Ich erinnere mich, dass meine Lehrer sich in der Mehrheit oft so schlecht kleideten, dass es zum Erbarmen war. Ich bin der Meinung, Lehrer sollten die Schule stets gut angezogen betreten, denn immerhin repräsentieren sie eine wichtige staatliche Institution.

Die einheimischen Lehrkräfte und insbesondere die Lehrerinnen machten auf mich einen viel stärkeren Eindruck und zwar nicht, weil sie die schöneren oder interessanteren Menschen gewesen wären, sondern weil sie sich einfach besser anzogen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Lehrerinnen sahen so aus, wie ich mir als Schüler meine Lehrer immer gewünscht hätte. Aber es kann sein, dass die Zeit meine Erinnerungen ein wenig durcheinandergebracht hat.

Anschließend, sozusagen als Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Prüfungen, sind wir Pizza essen gegangen. Wir sind ins Pueblo gefahren – das ist das ältere innerstädtische Viertel Cumbayás. Um einen gepflegten kleinen Park haben sich Restaurants, Cafés und allerlei Geschäfte angesiedelt, die der solventen Kundschaft ihre Waren und ihren Service offerieren. Wohin man auch blickt, nirgends wird man etwas Preiswertes finden. Das Preisniveau entspricht durchaus dem der europäischen Metropolen und wer hofft, dennoch das berühmte Schnäppchen zu finden, hat sich gründlich verrechnet. Diese Gegend ist nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht – ein Kollege meiner Frau verbrachte seinen letzten Urlaub in Spanien und er war der Meinung, Ecuador sei teurer.

Schließlich fanden wir ein Pizza-Restaurant. Es trug den Namen „Pizza rodante“ (d.i. Pizza auf Rädern). Seinen Namen verdankt das Lokal einem Wohnwagen, den man höchst dekorativ auf einer Seite des Gastraumes platziert hat. Früher sind Hausierer, Hippies oder Aussteiger mit solchen Wagen durch die Lande gezogen; heute sieht man sie in Berlin noch gelegentlich im Umkreis alternativer Wohnkultur. Hier diente der Wagen nur als Dekoration. Das Restaurants war einfach und mit einem gewissen kultivierten Hang zum Trash-Appeal eingerichtet: An den Wänden waren einfache Holzregale befestigt, in denen sich allerlei Nippes sammelte – Sonnenbrillen, Ansichtskarten, Dinosaurierspielzeug, antike Kameras und dergleichen Plunder mehr. Die Tische waren aus Industriespanplatten gezimmert und grobschlächtig verschraubt. Dennoch wirkte das Lokal sehr gemütlich und man verspürte Lust, eines der Cervezas artesanales (der Craft-Biere) zu genießen, die schon am Eingang groß angepriesen wurden. Meine Lust auf ein kühles Bier wurde sofort gedämpft, als ich sah, wie viel für das Vergnügen zu berappen wäre: 5,50 Dollar kostete die kleine Flasche.

Wir bestellten Pizza. Es gab eine unglaubliche Auswahl an Belägen und noch mehr Kombinationen. Mein Sohn – er war am Ende der einzige, der etwas aß – orderte erwartungsgemäß Pizza peperoni, die in Deutschland Pizza Salami heißt. Die Bedienung fragte, ob der Teig aus Vollkorn, Weißmehl oder aus einer Mischung von beidem gemacht werden solle. Er entschied sich für den klassischen Pizzateig. Dann kam die Pizza. Sie sah wirklich sehr gut aus und in diesem Augenblick hätte ich auch Lust gehabt, mir eine zu bestellen, aber ich unterließ es dann doch. Mein Sohn meinte, die Pizza schmecke hervorragend, aber das kann man auch erwarten, denn schließlich kostete sie 6,50 Dollar. Das ist für ecuadorianische Verhältnisse viel Geld; für die Hälfte dieses Betrages bekommt man mancherorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe und Dessert. Die teuersten Pizzen schlugen mit acht Dollar zu Buche – das sind Preise, die man sicherlich auch in Berlin erwarten könnte.

An den Tischen rechts und links neben uns saß jeweils eine Gruppe junger Mädchen. Die Gruppe auf der Rechten bestellte ebenfalls Pizza. Sie tratschten ununterbrochen und ihr Redefluss wurde nur unterbrochen, um das Essen herunterzuschlucken. Die Gruppe links von uns war überwiegend damit beschäftigt, cool auszusehen, und so saßen sie fast die ganze Zeit lang schweigend am Tisch und musterten ihre Umgebung mit einem allzu deutlich zur Schau getragenen Ausdruck der Langeweile. Die Mädchen bestellten Pilsener und tranken ihr Bier gleich aus der Flasche. Dazu machten sie sehr erwachsene Gesichter, dabei mögen sie höchstens fünfzehn gezählt haben. Die Bedienung der Pizzeria nahm am Alter der Gäste keinen Anstoß, sie ließ sich nicht einmal die Ausweise zeigen, obwohl auf dem Etikett jeder Flasche vermerkt war, dass der Ausschank alkoholischer Getränke erst ab 18 gestattet sei. Dass man es sich in dem Alter leisten kann, einen teuren Laden wie diesen zu besuchen, sagt viel über die Herkunft der Mädchen aus. Meine Frau war empört, dass sie „Alkohol“ tranken und sie warf die Frage auf, wo denn die Eltern seien. Ich weiß es auch nicht.

Am Abend wollten wir noch etwas Brot einkaufen. Von unserer Reise vor drei Jahren war uns ein Bioladen im Zentrum von Cumbayá in guter Erinnerung geblieben. In dem Laden findet man die landestypischen Produkte, nur sind sie unmäßig teurer, weil eben „Bio“ auf den Etiketten steht. Mitten im Laden befand sich eine Art Schautisch, auf dem sich Gebäck stapelte. Es gab solch exotisches Backwerk wie Quinoa-Cookies und deutsches Roggenschrotbrot. Wir entschieden uns für das Roggenbrot – nicht, weil wir unbedingt jeden Tag deutsches Brot essen müssten, sondern weil es einfach eine Abwechslung im Weißbrot-Einerlei darstellt. Mein Frau, obgleich Ecuadorianerin von Geburt, hat sich während der Jahre, die sie in Deutschland verbrachte, derart an Roggensauerteig gewöhnt, dass sie nicht mehr ohne leben kann. Roggen ist hierzulande nur schwer zu bekommen und so exotisch wie vielleicht Quinoa in Deutschland. Der Besitzer des Bioladens jedenfalls wusste damit nicht viel anzufangen. Er wog das Brot und stellte fest, dass es ganz schön schwer sei, und in der Tat hatte man den Eindruck, man hielte einen Ziegelstein in der Hand. Dafür schmeckte es umso besser, wie richtiges gutes Bäckerbrot. Für meinen Geschmack hatte der Bäcker jedoch viel zu viel Leinsamen an den Teig gegeben, aber es war dennoch ein sehr gutes Brot. Selbst mein Sohn, der sich sonst nicht viel aus Brot macht, langte ordentlich zu. In zwei Tagen hatten wir es bis auf einen Kanten aufgegessen.