Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

Malts und Shakes

Nachdem wir uns eine Zeitlang in den Ruinen des Inka-Palastes von Pumapungo verloren haben und uns durch die Säle des Museums der Zentralbank haben treiben lassen, sind wir ermattet von so viel Kultur, aber vor allem tun uns die Füße weh. Leicht vergisst man, wie anstrengend ein Museumsbesuch sein kann: Minutenlang verharrt man vor den Vitrinen, versunken in die Betrachtung eines Exponats, ehe man seinen Weg gedankenverloren fortsetzt, aber kaum ist man ein paar Schritte gegangen, da zieht das nächste Schaustück die Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann sind drei Stunden vorbei, doch die Zeit scheint in einem einzigen Augenblick verflogen. Nur die Füße brennen.

Es ist schon Nachmittag und nach dem schmackhaften, aber nicht sehr üppigen Frühstück im Hotel sehnen wir uns nach einer opulenten Vesper. So wie wir hergefunden haben, lassen wir uns wieder zurück treiben – ohne klares Ziel und ohne sonderlichen touristischen Ehrgeiz. Vor Hunger halb entkräftet, schwanken wir auf der Calle larga, einer der Hauptstraßen, dem Stadtzentrum entgegen. Die Calle larga verläuft nördlich des Río Tomebamba und auf der Karte spreizt sie sich wie das Bein eines Zirkels vom Fluss ab. Die Straße führt auf geradem Wege direkt ins Zentrum der Stadt. Natürlich wollen wir nicht den ganzen Weg bis zum Hotel zurücklegen, ohne vorher gegessen zu haben, zumal wir fürchten, unterwegs an Entkräftung dahinzuscheiden.

Entlang der Calle larga reiht sich ein Restaurant an das andere. Nahezu an jeder Ecke könnte man einkehren, doch offenbar hat unsere Auszehrung noch nicht den Grad erreicht, da es einem egal ist, in welcher Form die dringend benötigten Kalorien zugeführt werden: Sobald wir vor der Tür eines Lokals anlangen, entspinnt sich ein ums andere Mal eine angeregte Diskussion darüber, ob es nicht lohnender wäre, lieber noch ein Stück weiter zu laufen, um zu sehen, was die nächste Adresse für uns bereithalte.

Wahrscheinlich ist es nur eine Auswirkung des Hungerdeliriums, ein klarsichtiges Halluzinieren infolge akuten Blutzuckerabfalls, aber wie ein Blitzstrahl (und völlig unvorbereitet) trifft mich in diesem Moment die Erkenntnis, dass der Merowinger völlig recht hat: Das Wissen um die Kausalität ist die einzige Freiheit im Leben – zu wissen, warum etwas geschieht. Ich sehe die anderen diskutieren und ich verstehe, warum es nichts zu essen gibt.

Wir laufen weiter und wie ich uns kenne, wären wir auch noch den ganzen übrigen Tag durch die Stadt marschiert, ein Zug der Elenden auf der Suche nach etwas Essbarem. Wenn es niemand sonst tut, muss man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Mittlerweile hat sich der Fokus meiner Gedanken auf solche hochkalorischen Extravaganzen wie Cheeseburger oder Eiscreme verlegt oder auf Burger und Eiscreme oder Burger mit Eiscreme. Angesichts des lebensbedrohlichen Energieabfalls werden alle höheren Funktionen eingestellt; das Denken ist auf seine Urinstinkte reduziert.

Mit Tunnelblick wanke ich durch die Calle larga. Plötzlich stehe ich vor einem Schild mit der Aufschrift „Bagels“. Ich denke nicht nach – die wenigen Glukosemoleküle, die noch durch mein System zirkulieren, reichen gerade aus, um die Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten. Es ist der reine kreatürliche Instinkt, der mich kurzerhand nach rechts durch die Tür schwenken lässt. Ich verschwende nicht einen einzigen Gedanken daran, was mich dahinter erwarten könnte.

Wir durchschreiten die Pforte zu einer anderen Welt. Nachdem wir Hunger und Elend nur knapp entronnen sind, erwartet uns ein Schlaraffenland, ein schwelgerisches Eldorado für alle, die das Kalorienzählen verabscheuen und denen Schlagsahne ein Lebenselixier bedeutet. Der Zufall hat uns in ein amerikanisches Café geführt ober vielmehr in ein Café, das von einer Amerikanerin geführt wird. Der Laden ist urgemütlich und macht Lust, länger zu verweilen, um sich mit Kalorien in ihrer leckersten Form den Bauch zu füllen.

Wir stürzen uns auf die Speisekarte wie ein Rudel hungriger Wölfe. Die Bestellung ist aberwitzig: Bald türmen sich auf dem Tisch Berge saftiger Toasts aus dem Grill und Bagels, aus denen der Creme cheese so üppig hervorquillt wie die Hüftrollen, die der Genuss des ringförmigen Backwerks verheißt; vor unseren Augen breitet sich ein buntes Potpourri von Lemon-, Apple- und Maracuja-Pies aus; ein Cesar Salad, der sich wie der Komposthaufen in einer Gärtnerei mittlerer Größe ausnimmt, türmt sich in der Schüssel.

Die Mixer surren ununterbrochen – es scheint, unsere Bestellung hat sie an die Grenze ihrer Kapazität getrieben – und als dann schließlich mein Chocolate-Malt auf dem Tisch steht, kann ich mein Glück kaum fassen: Das Glas ist riesig wie ein Meisterschaftspokal und sein Inhalt fließt über den Rand wie dickflüssige Magma über die Hänge eines Vulkans. Die Monstrosität wird zudem noch von einem Sahnehäubchen gekrönt. Die Besitzerin des Cafés stellt mir sogar den Mixbecher daneben – er ist immer noch gut zur Hälfte gefüllt. Ich glaube, ich bin im Himmel.

Der Malt, den ich bestellt habe, ist so dick, dass ich ihn selbst mit größter Anstrengung kaum durch den Strohhalm bekomme. Ein ganzes Kilo Schokoladeneis muss darin verarbeitet worden sein. Es dauert ewig, bis ich mein Glas und auch den Mixbecher bis auf den Grund geleert habe, aber danach bin ich so satt, als hätte ich eine Zwei-Liter-Einscreme-Box allein ausgelöffelt. Ich koste also lediglich von dem Maracuja-Pie, der ein so intensives und angenehmes Maracuja-Aroma verströmt, wie es nur mit frisch verarbeiteten Früchten gelingt. Gerade ist Saison und kaufen kann man die sauren Früchte nahezu überall.

Nach dem mächtigen Shake fühlte ich mich so schwer, als wäre ich mit dem Hosenboden am Stuhl festgeschraubt. Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden und der warme Abglanz von Glückseligkeit liegt in ihren Augen, während der Kalorienexzess sie mit angenehmer Schläfrigkeit schlägt. Alle sind der Meinung, es hat sich gelohnt. Die besten Empfehlungen gibt eben manchmal der Zufall.

Die Besitzerin des Cafés ist Amerikanerin und sie ist überaus nett und vor allem ist sie sehr gesprächig. Während sie die Bestellung entgegennimmt, kommen wir ins Plaudern. Da ich das Glück habe, endlich einmal eine Expertin zu treffen, nutze ich die Gelegenheit und stelle ihr die eine Frage, die mir schon seit langem den Schlaf raubt: Worin besteht der Unterschied zwischen einem Malt und einem Shake? Die Chefin erklärt, im Grunde sei beides dasselbe, nur werde beim Malt etwas malted barley, also gemälzte Gerste, hinzugesetzt, was dem Shake eine malzige Note verleihe. Damit wäre auch diese existenzielle Frage ein für allemal beantwortet.

Manchmal kann man sich nur wundern, mit welcher Entschlossenheit und welchem Enthusiasmus manche Menschen sich einer Aufgabe verschreiben: Die Besitzerin des Cafés mag gut und gerne in einem Alter sein, in dem man in Deutschland den wohlverdienten Ruhestand zu genießen pflegt. Es ist sicher nicht leicht, jeden Tag zehn, zwölf Stunden auf den Beinen zu sein – freiwillig, wohlgemerkt. Dafür muss man das, was man tut, wirklich lieben. Ich glaube, dass die Café-Besitzerin nicht weniger als das Glück gefunden hat, ihre ganze private Insel der Glückseligkeit. Alles an diesem Ort strahlt jene Sorgfalt, Hingabe und Leidenschaft aus, die man nur dann aufzubringen bereit ist, wenn man sich seiner Arbeit mit Liebe widmet. Ich denke, das ist die einzige Weise, auf die es sich zu arbeiten lohnt. Alles andere ist Geldverdienen.

An einem der Tische sitzt ein weißhaariger alter Amerikaner. Er scheint eine Art Faktotum zu sein und ich wette, man trifft ihn fast immer hier an, auf seinem Stammplatz. Hin und wieder wirft er der Besitzerin einen launigen Kommentar zu. Man sieht dieser Tage viele alte Amerikaner in Ecuador – manche verzehren mehr schlecht als recht ihre Rente, andere betreiben Cafés.

Mir will es als regelrecht paradox erscheinen, dass ausgerechnet die Amerikaner, die doch bis zum Aufstieg von Starbucks und Konsorten über keine eigene Kaffeekultur verfügten (zumindest über keine, die diesen Namen verdiente), nun die Kultur der Coffee-Shops in alle Welt tragen. Es ist faszinierend, wie ein Land mit so wenig eigener Tradition sich aller Traditionen bemächtigt, mit ihnen experimentiert und sie der Welt um ein Vielfaches multipliziert wieder zurückgibt.

Oft hat man den Eindruck, der geschäftliche Erfolg sei nur möglich, weil man gleichsam das tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Gemütlichkeit und natürlich nach gutem Essen so vorzüglich zu bedienen versteht. In der Tat ist so ein Coffee-Shop gemütlich, der Kaffee ist gut und man fühlt sich wohl. Es scheint, die Amerikaner haben einen siebten Sinn für solche lebenswichtigen Banalitäten und wo auch immer sie sich niederlassen, beginnen sie sofort geschäftstüchtig damit, ihre Netzwerke zu knüpfen. Da viele Amerikaner Ecuador zu ihrem Wohnsitz erkoren haben, sind die Maschen dieses Netzes nirgendwo allzu groß.

Wir fragen die Besitzerin ein wenig aus – nicht, dass wir sie nötigen müssten, unsere Fragen zu beantworten: Sie sagt, sie stamme aus Minnesota. Wir haben einige Jahre in Texas gelebt, und auch wenn für jemanden aus dem Norden Amerikas Texas als ein Land der Hillbillies erscheinen muss, freut sie sich doch zu hören, dass wir uns gern an unsere Zeit in den Staaten zurückerinnern.

Unser Sohn, der auch in den USA aufgewachsen ist und Englisch deshalb wie ein Amerikaner spricht, fühlt sich sofort wie zuhause. Er plaudert mit der Chefin, als würde man sich schon eine Ewigkeit kennen, und er fühlt sich dabei sichtlich wohl und ist auch ein wenig stolz, dass man ihn wie einen Erwachsenen behandelt. Ich bewundere die spielerische Leichtigkeit, mit der er die unsichtbare Grenze zwischen den Kulturen überwindet. Natürlich ist er sich dessen gar nicht bewusst, ich hingegen, der ich erst als Erwachsener in anderen Kulturen gelebt habe, bewege mich durch ein weites Niemandsland, passiere unsichtbare Grenzkontrollen und das Büro des Zolls. Fremde Kulturen sind faszinierend und in ihnen zu leben, hat seinen Reiz, heimisch aber fühlt man sich nur selten – es sei denn, man ist ihnen durch die Kindheit innig verbunden.

Wir verlassen das Café in gehobener Stimmung und wir fragen uns, warum es so etwas nicht in Quito oder gar in Cumbayá gibt. Doch im selben Augenblick, da wir uns diese Frage stellen, wissen wir die Antwort. Wahrscheinlich sind die Gewerbemieten dort so exorbitant hoch, dass es kaum jemand wagt, seine schwer verdienten Ersparnisse zu investieren. Und außerdem, wer möchte schon sein Leben in einem so trostlosen Ort wie Cumbayá beschließen. Etwas ähnliches wie das „Windhorse Café“ – so der Name des Lokals, in dem man uns so vorzüglich bewirtet hat – habe ich in Cumbayá noch nie gesehen und ich glaube, man wird noch sehr lange darauf warten müssen. Wir sind jedenfalls froh, dass der Zufall uns hierher geführt hat – ins Schlaraffenland der Toasts und Bagels und Pies und Cakes, ins süße Wunderland der Malts und Shakes.

Nur ein Reifen

Dieser Artikel ist Teil einer Serie von Posts, die auf einen einzelnen Blogpost unter dem Titel „Eine wahre amerikanische Odyssee“ zurückgehen. Siehe auch die Einleitung zu dieser Serie!

Eigentlich wollen wir nach Newhaven, aber wieder einmal läuft uns die Zeit davon, während das Schicksal schon andere Pläne für uns schmiedet: Am Nachmittag besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schoko-Shakes sind große Klasse!). Als wir vom Parkplatz rollen, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine Falschmeldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr schließen, entscheide ich, bis zum nächsten Tag zu warten.

Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und reihe mich in die Schlange ein, während der undichte Reifen leise vor sich hin zischt. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Car-Shop um diese Zeit so voll ist. Vor mir in der Reihe wartet ein älterer Herr, ein Gentleman im Freizeitoutfit. Er duftet nach teurem Rasierwasser und der eisgraue Haarschopf ist akkurat frisiert. Die Kleidung ist penibel sauber und frisch gebügelt. Als er hört, dass mein Wagen einen undichten Reifen hat, erklärt er mit der Stimme eines News-Anchorman: „When it comes to tire pressure, you come first.“ Und er macht mir augenblicklich Platz, damit ich schneller an die Reihe komme.

Ich lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er leicht mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert –, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Aber ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellen-Shops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch.

Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.

Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet haben, teilt man uns mit, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns aber noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben.

Am Abend klingelt mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setze mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bietet uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns nach Long Island bemühen.

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United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.

Auf Mission

Seit Jahren unternehmen evangelikale Freikirchen große Anstrengungen, ihren Kongregationen neue Schäfchen zuzuführen. Dabei bedient man sich bevorzugt der guten alten Zeugen-Jehovas-Methode: Man geht von Haustür zu Haustür und versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Diese Art der Mission scheint sehr gut zu verfangen, denn die evangelikalen Kirchen haben in den letzten Jahren großen Zulauf aus allen Teilen der Bevölkerung erhalten. Man hat sogar einen eigenen Sender, in dem – genau wie in den USA mit ihrer weitläufigen evangelikalen Szene – pausenlos gepredigt und gebetet wird.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lästig diese Leute werden können. Hat man sie einmal in die gute Stube gelassen, wird man sie nicht mehr los. Als wir in Texas lebten, half man uns Möbel transportieren. Die kostenlose Tour entpuppte sich am Ende als gar nicht so kostenlos, denn zu den unmöglichsten Zeiten stand einer jener Glaubens-Emissäre vor meiner Tür. Ich konnte sie schlecht draußen stehen lassen, denn schließlich hatten sie mir sehr geholfen, aber kaum im Haus, startete schon die Gehirnwäsche. Ich wollte höflich sein, aber um sie wieder loszuwerden, musste ich sie am Ende mit der Tatsache konfrontieren, dass ich’s mit der Religion nicht so habe. Und als das auch nicht fruchtete, wirkte nur noch die Holzhammermethode: ich outete mich als Atheist. Von da an hatte ich meine Ruhe.

Ecuador ist ein katholisches Land. In kaum einem Land ist die katholische Kirche fester verwurzelt als hier, zumal die Trennung von Staat und Kirche sehr spät, erst Ende des 19. Jahrhunderts, erfolgte. Die Oma meiner Frau hielt seinerzeit den Papst für einen Heiligen, und nie wäre ihr auch nur ein böses Wort gegen die Kirche über die Lippen gekommen. Was der Heilige Vater sagt, wird von den Menschen hier sehr aufmerksam verfolgt und jetzt kann man ihn sogar verstehen, da er dieselbe Sprache spricht. Obwohl eine tief verwurzelte Frömmigkeit den Alltag der Menschen bestimmt, hält sie ihr Glaube keineswegs davon ab, die kleinen und manchmal auch großen Freuden des Lebens in vollen Zügen zu genießen – schließlich ist die Kirche eine Kirche der Sünder und nicht der Heiligen. Vom Sakrament der Beichte wird reger Gebrauch gemacht und zur Messe am Sonntag sind die Kirchen voll wie eh und je. Glaube und Vergnügen schließen sich nicht aus und das macht den Katholizismus schon wieder sympathisch: Wann hätten sich Katholiken je das Feiern verbieten lassen?

Apropos Spaßbremsen: Weil die Missionsbemühungen der Evanglikalen vielen Leuten in der Stadt gehörig auf den Wecker gehen, hat man einen Aufkleber ersonnen, mit dessen Hilfe man sich die lästigen Hausbesuche vom Hals zu halten hofft. Der Anstecker gleicht den Aufklebern, die man in Deutschland oft an Briefkästen findet: Keine Werbung! Hier sagen sie „Este hogar es católico“ – dieses Haus ist katholisch. Und weiter heißt es, man solle davon Abstand nehmen, weiter zu insistieren. Ich weiß nicht, ob die Aufkleber helfen, aber während unseres Aufenthaltes im Haus der Tante blieben unerwünschte Besuche aus.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Als wir durch Newark fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht – was soll also schon schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“, meint er achselzuckend. Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er ein Cap wie es Gängsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen. Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch mal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Niemand ist verletzt und der Wagen fährt auch noch – das sind gute Nachrichten. Ich hoffe, dass die Pechsträhne beendet ist, aber es muss erst noch schlimmer kommen, bevor es besser wird: In Connecticut, wo wir der billigen Hotels und der schönen Strände wegen einige Tage zu verbringen beabsichtigen, besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schokoshakes sind große Klasse!). Als wir wieder abfahren, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine falsche Meldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr Feierabend machen, beschließe ich, bis zum nächsten Tag zu warten. Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er locker mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert -, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellenschops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch: Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.


Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet hatten, beschied man uns, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben. Am Abend klingelte mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setzte mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bot uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns bis nach Long Island bemühen.

Nach viertündiger Fahrt kamen wir endlich am McArthur-Airport in Long Island an, wo unser Ersatzauto auf uns wartete. Erschöpft, aber glücklich nahmen wir den neuen Wagen in Empfang. Unsere Frage, ob wir einen Discount erwarten könnten, weil wir doch so viel Zeit und Mühe aufwenden mussten nur wegen eines undichten Reifens, wurde mit der üblichen eingeübten Floskel abgewimmelt: Darum kümmere sich stets die Stelle, bei der das Auto ursprünglich angemietet wurde. Als ich dort anrief, erachtete man es nicht einmal für angemessen, dass ich mein Anliegen einem Mitarbeiter vortrug; man verband mich gleich mit der Mail-Box. Ich unterließ es, eine Nachricht zu hinterlassen.

Irgendwo im Nirgendwo finden wir einen Starbucks. Ich muss erst einmal meine Nerven beruhigen und so beschließen wir, eine kleine Rast einzulegen. Wir bestellen überteuerten Kaffee und einen viel zu teuren Chai latte, dazu nehmen wir noch etwas Kuchen, der auch zu teuer ist und nicht mal schmeckt. Wenigstens gibt es freies W-Lan. Ich buche unser Hotel für die Nacht und dann versuche ich, ein wenig zu entspannen und meinen Chai latte zu genießen, was mir aber nicht gelingen will, da er regelrecht mit Zimt kontaminiert ist (und an der Theke steht noch ein Streuer, aus dem man sich extra Zimt hineinschütten kann). Alles schmeckt nur noch nach Zimt, vom Tee keine Spur. Am Nebentisch sitzen ein paar Jungs, die mit viel zu großen Autos gekommen sind. Sie sind gebräunt wie Fitnessmodels, die Haare haben sie sorgsam frisiert, die Arme sind noch immer ordentlich aufgepumpt vom Workout im Gym. So posieren sie vor den Mädchen, die sie mitgebracht haben, um ihnen einen Kaffee auszugeben, und weil sie vielleicht auch auf mehr hoffen. Die Mädchen haben sich in ultrakurze Pants gezwängt; sie sitzen auf dem Schoß der Jungs und lachen über deren Witze und Neckereien – manche Dinge werden sich wohl niemals ändern, egal wie alt die Welt noch werden mag.

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Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.