El país de los locos

Als wäre Titan ein Kosmonaut vor einer wichtigen Weltraummission, besuchen ihn am Abend vor dem Start seine zwei Leibärzte. Man überzeugt sich ein letztes Mal, dass er in guter Verfassung ist, dass die Papiere vollständig sind und dass die Transportbox ordnungsgemäß für die Reise präpariert ist. Titan wird in dem Behältnis verstaut und die Ärzte nehmen ihn für eine letzte Untersuchung mit in die Klinik. Nach zwei Stunden ist er wieder da. Als er uns sieht, ist er aus dem Häuschen, als wäre er gerade wieder auf der Erde gelandet, glücklich zurückgekehrt aus den Weiten des Alls.

Ich beginne mir Sorgen zu machen, wie er wohl reagieren wird, wenn er allein den Ozean überquert. Damit er sich nicht einsam fühlt, empfehlen die Ärzte, ich solle auf einer Decke schlafen, die er dann mit auf die Reise nimmt. Der vertraute Geruch werde ihn beruhigen. Ich wickle mir also ein Badetuch um den Bauch und verbringe die Nacht damit. Am Tage des Abflugs bereite ich Titan daraus ein gemütliches Nest und der Hund legt sich sogleich hinein.

Auf dem Flughafen checkt Titan zusammen mit den menschlichen Passagieren ein, doch die Abfertigung nimmt mehr Zeit in Anspruch als bei allen anderen, viel mehr. Dies wäre nicht Ecuador, wenn ein missgünstiges Schicksal nicht noch in den verbleibenden Tagen versuchte, uns mit aller Macht auch den letzten Rest guter Laune auszutreiben: Anlässlich seiner letzten Visite hatte uns der Tierarzt noch einmal versichert, dass die Airline für die Überführung eines Hundes nach Deutschland nie mehr als zweihundert Dollar verlange. Der Arzt sprach mit einem Ernst, als leiste er eine Art Offenbarungseid. Er sagte, er mache diesen Job schon viele Jahre, aber noch nie, wirklich noch nie, sei es vorgekommen, dass jemand mehr als die genannte Summe für ein Ticket bezahlt habe. Wir nehmen seine Versicherung fast als Schwur, aber bekanntlich ist man auf See und vor Gericht in Gottes Hand. Man könnte noch hinzufügen: beim Check-in auf einem Flughafen.

Wir melden Titan beim Check-in an und übergeben artig die Papiere, die das Pendant eines Transitvisums darstellen. Ohne sie wäre es dem Hund gar nicht gestattet, die Reise anzutreten. Alles läuft wie am Schnürchen und eigentlich bleibt als letzter Akt nur noch, das Ticket zu bezahlen. Ich halte die Summe – sorgfältig abgezählt und penibel sortiert – schon einmal bereit. Präsident Andrew Jackson strahlt siegesgewiss von den druckfrischen Scheinen. Im Vorgefühl stiller Befriedigung sehne ich den Augenblick herbei, da die Airline-Mitarbeiterin vom Counter aufsieht, mir ihr schönstes Lächeln schenkt und die Worte „zweihundert Dollar“ spricht.

Dann ist der Augenblick gekommen und die Angestellte sieht mir tatsächlich in die Augen. Sie lächelt mich an, wie das Aufsichtspersonal auf derartigen Massentransporten das Frachtvieh nun einmal anlächelt. Die Luft zwischen uns ist elektrisiert und ein euphorisches Gefühl der Vorfreude jagt Schauder des Glücks durch meinen Körper. Ihre Lippen formen die Worte wie in Zeitlupe. Sie sagt: „Vierhundert Dollar“.

Ich höre gar nicht, was sie sagt, oder vielmehr höre ich, was ich hören will: Im Vorgefühl des Triumphes habe ich meinen Geist mit solch fanatischer Ausschließlichkeit auf die Zahl „Zweihundert“ konditioniert, dass ich jetzt genau das höre, was ich zu hören erwarte. Ich gebe ihr die Scheine mit derselben naiven Arglosigkeit, mit welcher der arme Paris einst Aphrodite den Apfel gab. Sie zählt das Geld einmal und dann noch einmal und dann auch noch ein drittes Mal. Dies seien zweihundert Dollar, stellt sie fest. Richtig! Ihr Lächeln hat gedreht von freundlich zu irritiert.

Ich begreife noch immer nicht, was sie eigentlich von mir will. Erst als sie mir detailliert auseinandersetzt (wie man einer Person mit geistig eingeschränkter Kapazität einen einfachen Sachverhalt eben auseinandersetzt), dass das Ticket für den Hund vierhundert Dollar koste, wird mir klar: Ich habe zu wenig Geld. Es sei richtig, so lasse ich mich belehren, dass ein Flugticket tatsächlich zweihundert Dollar koste. Nur erfolge in Amsterdam eine Zwischenlandung – leider. Ich verstehe rein gar nichts, doch die Airline-Angestellte erklärt dem Hilfsschüler mit aller gebotenen didaktischen Kunstfertigkeit, dass das erhöhte Beförderungsentgeld seine Richtigkeit habe: An und für sich sei der Zwischenaufenthalt im Ticket-Preis enthalten und zwar bis zu einer Dauer von zwei Stunden. Ich prüfe den Flugschein. Titan wird in Amsterdam zwei Stunden und exakt fünf Minuten verweilen.

Da stellt sich die Frage, worin der Unterschied zwischen zwei Stunden und zwei Stunden und fünf Minuten besteht – abgesehen natürlich von den dreihundert Sekunden. Die Airline-Mitarbeiterin fährt mit ihren Erklärungen fort, als sei sie ein Sprechautomat. In ihrem schicken roten Kostümchen vermittelt sie den Eindruck, dies wäre ein Verkaufsgespräch in der Filiale eines Anbieters für Luxusjachten und in diesem Augenblick sei sie gefordert, ihre ganze fachliche Kompetenz auszuspielen, um der zwar solventen, aber etwas beschränkten Kundschaft zu erklären, warum Sanitärarmaturen aus Massivgold nur gegen Aufpreis zu haben seien (und vor allem, warum sie im Falle einer Havarie bis auf den Grund des Meeres sinken): In Amsterdam müsse ein Hunde-Hotel gebucht werden. Das Hotel werde pauschal mit zweihundert Dollar berechnet.

Zweihundert Dollar für fünf Minuten? Ich erwarte das Burj Khalifa für Hunde: goldene Fressnäpfe in denen livrierte Hoteldiener der verwöhnten Kundschaft Tartar aus der Lende des Kobe-Rindes darreichen, Hundedecken aus Vicuña-Wolle und Beißspielzeug aus Narwalelfenbein. Doch die Zeit in Amsterdam würde nicht einmal ausreichen, um einen gepflegten Joint zu rauchen, geschweige denn, um ein- und wieder auszuchecken. Ich bezweifle, dass man den Hund erst umständlich ins Hotel chauffiert. Wahrscheinlich lässt man ihn gleich in seiner Transportkiste und macht sich mit den zweihundert Dollar einen schönen Nachmittag im Coffee-Shop.

Wozu braucht man Logik, wenn es doch Bestimmungen gibt: Die Airline bleibt stur und besteht auf dem erhöhten Beförderungsentgeld. Meine Frau, deren Nervenkostüm nach einem Jahr Ecuador so löchrig ist wie ein Schwamm, möchte dem Sprechpüppchen in der adretten erdbeerfarbenen Uniform die Unverschämtheit nicht unkommentiert durchgehen lassen. Ich habe plötzlich Captain Picard vor Augen, als er in einem Moment beispielloser Erregung schwört, seinem Erzfeind, den Borg, mit brutaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die Reaktion meiner Frau ist von der des Captains nicht weit entfernt – sie verlangt die Vorgesetzte zu sprechen. Die Supervisorin steht nur fünf Meter entfernt und während sich die Lautstärke des Wortgeplänkels nach Art eines Crescendos steigert, lässt sie über ihre Untergebene mitteilen, sie sei im Augenblick beschäftigt und habe keine Zeit: Sie ordnet Stapel von Formularen, die aussehen, als wären sie von jemandem mit schwerem Ordnungszwang bereits sortiert worden.

So viel Impertinenz verlangt nach Vergeltung. Meine Frau, durchaus erregt über diese Unverfrorenheit, will wissen, wie die Mitarbeiterin heißt, doch sie trägt kein Namensschild an ihrer schmucken Uniform und ihren Namen würde sie wahrscheinlich nicht einmal unter der Folter preisgeben. Ich kann sehen, wie sie auf ihren Lippen herumkaut. Sie ist nun sehr still geworden, das stereotype Lächeln ist ihr wie aus dem Gesicht gewischt.

Für Situationen wie diese gibt es immer einen, der eigens dazu angestellt ist, sich der Probleme anzunehmen, mit denen sich sonst niemand abgeben mag. Er ist sozusagen der Prügelknabe des Unternehmens, der Kloppi, der Dummie, der die Schläge einstecken muss, die eigentlich den Ohrfeigengesichtern in der Chef-Etage gebühren. Er ist die letzte Person, die man sieht, bevor man von der Haus-Security vor die Tür gesetzt wird.

Der Mann, der uns sogar seinen vollständigen Namen nennt, hört sich unser Problem ruhig an. Sehr gekonnt heuchelt er Verständnis – wahrscheinlich wurde er eigens darin geschult, aufgebrachte Kunden mit einem hypnotischen Sermon aus Entschuldigungen und Plattitüden einzuschläfern. Mit der Geschmeidigkeit eines gewieften Diplomaten bringt er immer neue und vor allem vollkommen nichtssagende Höflichkeitsfloskeln vor. Sie dienen nur dazu, unseren Zorn wie ein Blitzableiter von dem Unternehmen abzulenken, das solch einen cleveren Krisenunterhändler beschäftigt.

Ein Gespräch mit ihm nützt ungefähr so viel wie ein Tauchschein auf der Titanic: Er bedauere sehr, nichts weiter für uns tun zu können, aber die Gesellschaft könne uns die zweihundert Dollar für das Hunde-Hotel leider nicht erlassen. Er beruft sich auf die Transportbestimmungen und diese ließen nun einmal keine Ausnahmen zu. Wir könnten auch mit dem Computer des Self-Check-in sprechen, vielleicht würde uns die seelenlose Maschine sogar zuhören. Wir finden, da man sich auf die AGBs beruft, sei es nicht zu viel verlangt, wenn man sie uns auch einmal zeigte. Leider erweist es sich als gar nicht so leicht, eine Kopie der Beförderungsbestimmungen zu beschaffen. Wir müssen dem Wort des Unternehmens vertrauen, doch wann hätte man je davon gehört, dass weltweit operierende Konzerne Kunden belügen.

Für den übrigen Teil verfährt man nach der Devise „Friss oder stirb“: Wir können das Ticket kaufen oder es sein lassen. Von Kundenfreundlichkeit oder gar Kulanz scheint man noch nie gehört zu haben. Dem Unternehmen muss es wirklich schlecht gehen, wenn es schon darauf angewiesen ist, lächerliche Summen mit erpresserischer Härte einzutreiben. Insgeheim wünsche ich, der ganze Laden möge nur ja schnell pleite gehen.

Während sich die Auseinandersetzung Runde um Runde hinzieht wie ein Schwergewichtsboxkampf zwischen zunehmend angeschlagenen Rivalen, suchen der Hund und ich uns ein ruhiges Plätzchen und warten ab. Titan sitzt friedlich in seiner Box und nur manchmal gibt er einen Laut von sich, der an ein leises Wimmern erinnert. Vielleicht ahnt er, was ihm bevorsteht. Die Crew einer niederländischen Fluglinie kommt zufällig des Wegs. Obwohl ich beileibe kein Zwerg bin, überragt mich jedes einzelne der Crewmitglieder in den schneidigen blauen Uniformen um mindestens einen halben Kopf. Unter den kleinwüchsigen Ecuadorianern nehmen sich die großen blonden Menschen aus wie eine Schar Elben, die sich in ein Dorf der Hobbits verirrt hat.

Die Crew sieht den Hund in seiner Box und als würde Titan fühlen, dass dies die letzte Chance ist, seinem Schicksal doch noch zu entgehen, fängt er plötzlich an, herzzerreißend zu heulen. Die Stewardessen gehen zu ihm und trösten das Tier, das vor Aufregung zittert. Sie streicheln den Hund und sprechen mit ihm, wie man nur mit Hunden und Kindern zu sprechen pflegt. Ich glaube, am liebsten hätten sie ihn mit ins Cockpit genommen. Der Hund gibt sich so lieb und anhänglich, dass man ihn auf der Stelle behalten will. Doch der Flug ist schon gebucht und auch die Crew muss weiter.

Nach einer Weile ist am Check-in der tote Punkt erreicht: Meine Frau hat sich an der Sturheit der Fluggesellschaft abgearbeitet wie ein Fighter an einem schweren Sandsack. Nun ist sie stehend k.o. Die Lust auf eine weitere Runde ist ihr vergangen. Doch sie schwört, diese Demütigung werde ein Nachspiel haben. Die Mitarbeiter am Counter zeigen sich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hören sie solche Schwüre alle Tage und gewiss bekommen sie auch noch alle möglichen Flüche zu hören, bevor die Querulanten von der Security abgeführt werden.

Dann checkt der Hund ein. Ein Airport-Angestellter kommt mit einem Gepäckwagen, lädt die Transportbox auf und in wenigen Augenblicken ist Titan fort, verstaut im Bauch eines Flugzeugs. Kaum zwei Stunden später ist er schon über dem Atlantik. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache mit dem Hunde-Hotel nur ein Witz war, aber als Titan in Berlin eintrifft, wirkt seine Box unberührt. Es scheint, sie wäre während der ganzen Reise nicht einmal geöffnet worden. Der Hund hat ganze vierzehn Stunden darin zugebracht und während dieser Zeit hat er nicht einmal Wasser bekommen. Das hochqualifizierte Fachpersonal der Airline hat den Trinknapf außen am Käfig angebracht. Nicht einmal der cleverste Schlossknacker und Ausbrecherkönig hätte ihn dort erreichen können. Aber vielleicht war der Hund ja gar nicht durstig, weil er sich in der Bar seines Hotels mit Cocktails abgefüllt hat.

Titan ist solch ein tapferer Hund. Während der ganzen Zeit hat er nicht einmal in seine Box gemacht. Ein Mensch hätte es wohl kaum so lange ausgehalten. Als man ihn in Berlin endlich befreit, läuft er ein wenig herum, beschnüffelt alles neugierig und tut dann, was Hunde zu tun pflegen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nimmt er die Stadt in Besitz, indem er seine Marke setzt. Wir verlassen das Land zwei Tage später, doch so besitzergreifend wie der Hund sind wir natürlich nicht. Im übrigen gehört uns Berlin ja bereits …

Nachspiel

Viel später versuche ich, bei der Fluggesellschaft die Kosten für das Hunde-Hotel zu reklamieren. Natürlich ist man nicht so dumm, eine Hotline zu unterhalten, bei der Krethi und Plethi anrufen und unverschämte Forderungen stellen könnte. Aber immerhin findet sich auf der Web-Präsenz des Unternehmens eine versteckte Unterseite für Beschwerden. Mit wachsender Verzweiflung klicke ich mich durch die verschiedenen Untermenüs, mit denen man Unruhestifter wie mich in Schach zu halten versucht. Am Ende der Odyssee lande ich in einer Beschwerde-Kategorie. Es ist für das Unternehmen sicher sehr praktisch, wenn man die Quertreiber gleich vorsortieren kann. Ein Fenster öffnet sich und ich darf eine Nachricht hinterlassen.

Schon drei Wochen später erhalte ich Antwort. Es ist ein vorgefertigter Serienbrief, in dem man mich höflich bittet, die Website des Unternehmens aufzusuchen und die Art der Beschwerde zu konkretisieren. Offenbar spielt es keine Rolle, dass ich genau das bereits getan habe. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die leitenden Angestellten der großen Firmen gar keine echten Menschen, sondern bloß Bots, die sich hinter menschengestaltigen Avataren verstecken.

Ganz allmählich beginne ich zu begreifen, dass der Wahnsinn nicht nur in Ecuador zuhause ist (wahrscheinlich hat sich das Virus aber von hier, dem Infektionsherd, erst weltweit ausgebreitet – mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaften). Ich bin mir plötzlich auch nicht mehr so sicher, wo die Heimat der Verrückten eigentlich zu finden ist. Aber irgendwo müssen all die Irren ja herkommen, die einem pausenlos das Leben vermiesen wollen. Ich habe das Gefühl, es gibt gar keinen Ort namens País de los locos. Und wenn ich mich irren sollte und doch so etwas wie das Land der Verrückten existiert, ist es vielleicht nur in uns selbst zu finden, und es ist immer dort, wo auch wir sind, ganz egal, wohin der Wunsch, ihm zu entfliehen, uns auch führen mag.

Weltraumhunde

Der Bericht über unser ecuadorianisches Abenteuer wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch ein paar Worte über Titan, den vierbeinigen Immigranten im Flokati, verlieren wollte. Dem Wunsch einer aufmerksamen Leserin nachzukommen, sehe ich deshalb kaum als Pflicht an, um so mehr aber als Vergnügen. Wie immer verlangt der Text Sitzfleisch, denn schon ein paar karge Zeilen in einem Notizbuch öffnen Schleusen, durch die eine Flut aus Erinnerungen über den Verfasser hereinbricht. Zumindest hoffe ich, dass der vergnügliche Teil bei der langen Lektüre nicht zu kurz kommt.

Der Hund fliegt zuerst. Wie die berühmten Weltraumhunde, die selbstlosen Kundschafter, die das Feld für den Entdeckerruhm des Menschen bereiten, darf Titan vor uns die Reise antreten. Gern hätten wir unseren vierbeinigen Hausgenossen mit nach Florida genommen, der letzten Station unserer amerikanischen Odyssee, doch der bürokratische Aufwand würde sich dadurch nur in einem Ausmaß vergrößert haben, das man getrost als Wahnsinn bezeichnen kann.

Obwohl es sich nur um einen kleinen Hund handelt, nicht um einen kosmischen Botschafter, sind die Kosten nicht von dieser Welt: Ausgezahlt in Spanischen Silberdollars, hätte die Summe ausgereicht, den Titel eines Granden zu erwerben sowie das dazugehörige Schloss und die Ländereien oder Kolumbus nach China zu schicken (und derart komfortabel ausgestattet, wäre er dort wahrscheinlich sogar angekommen). Der Hund reist mit unseren Gästen nach Berlin. Schweren Herzens überlassen wir ihn der Obhut des Flugpersonals.

Alles muss seine Ordnung haben. Der Entschluss, einen Hund nach Deutschland einzuführen, will reiflich überlegt sein, denn es ist keineswegs damit getan, ihn bei der Fluggesellschaft anzumelden. Der deutsche Amtsschimmel lauert bereits mit hinterhältigen Fußangeln und bevor man dem Airline-Mitarbeiter die Transportkiste mit dem geliebten Tier aushändigen darf, gilt es, so manche Hürde im bürokratischen Parkour zu nehmen. Ganz auf sich allein gestellt, sähe man sich außerstande, dieses Bravourstück zu Wege zu bringen. Doch es gibt Hilfe: Tierärzte haben sich auf solche verzweifelten Fälle spezialisiert. Für die Dienstleistung wird natürlich Geld verlangt, aber man gibt dieses Geld gern aus, denn man ist froh, der Gefahr entronnen zu sein, zwischen den Fußnoten der Amtsformulare allmählich den Verstand zu verlieren.

Damit die deutsche Hundepopulation nicht durch eingeschleppte Seuchen dahingerafft wird, muss vor der Einreise der Nachweis erbracht werden, dass der vierbeinige Immigrant gesund ist. Von unserem Tierarzt haben wir den Namen einer Veterinärin in Erfahrung gebracht, die sich auf die Ausfuhr von Hunden spezialisiert hat. Leider befindet sich ihre Praxis auf dem Dorf. Der Ort, dessen Name mir wieder entfiel, sobald ich ihn gehört hatte, versteckt sich in einem grauen Google-Maps-Niemandsland und auch unser Navi ist im Labyrinth der drei Dorfstraßen überfordert. Wir finden die Praxis dennoch und als wir die ländliche Gegend sehen, wird uns klar, warum man als Tierarzt ausgerechnet hier residieren möchte: Hier lebt die Kundschaft. Als kosmetischer Chirurg mit Ambitionen würde man sicher auch lieber eine Klinik am Kudamm unterhalten statt in der brandenburgischen Pampa.

Dem Hund wird Blut abgezapft, doch an den zappelnden Beinchen, die zudem noch von einem dichten Pelz bedeckt sind, lassen sich Adern gar nicht so leicht aufspüren. Es bedarf mehrerer Versuche, bis endlich ein paar Tropfen das Reagenzglas füllen. Titan weint wie ein kleines Kind und es bricht einem das Herz, ihn leiden zu sehen. Doch es ist schnell vorbei – anders als die Leiden, die nun folgen sollen.

Die Blutprobe muss in einem Labor analysiert werden. Aber in einer so wichtigen Angelegenheit wie dem Wohlergehen einer ganzen Nation möchte man natürlich absolute Gewissheit. Die Untersuchung darf daher nur in solchen Einrichtungen vorgenommen werden, die offizielle deutsche Stellen ihres uneingeschränkten Vertrauens für würdig erachten. Sämtliche Labore in Lateinamerika fallen da natürlich aus – angesichts der bedenklichen Mengen Coca, Salsa und Lustig-Tralala eigentlich kein Wunder. Die Blutprobe muss weit reisen, sehr weit, bis ins ferne Kansas in den USA.

Allein die Blutuntersuchung kostet achthundert Dollar. Einen Transportbehälter braucht der Hund natürlich auch, denn einen Platz in der Economy-Class wird man ihm wohl kaum anbieten. Titan ist zwar klein, doch die Box, die uns die Angestellte des Petshops empfiehlt, hat die Ausmaße eines Kühlschranks und der Hund nötigt uns, sie zu kaufen. Während uns die Frau mit den technischen Raffinessen des Transportbehälters langweilt, nutzt der Hund die Gelegenheit, überall im Laden seine Marken zu hinterlassen. Der Gedanke, dass er in seiner Einzelkabine mit Sicherheit bequemer reist als die menschlichen Ölsardinen, die man portionsweise in die Holzklasse pfercht, tröstet uns ein wenig über den Preis hinweg. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dem Hund die zweihundert Dollar in Rechnung zu stellen: Er macht sich nicht viel aus Geld und aus Reisen schon gar nicht.

Apropos Rechnung: Unsere Bilanz hat mittlerweile Schlagseite wie ein sinkendes Schiff. Ausgaben für diverse Zertifikate kommen hinzu und natürlich auch noch ein Flugticket. Wenn man bedenkt, dass die Reise über Kontinente und Ozeane führt, ist es mit zweihundert Dollar fast schon wieder preiswert. Alles in allem belaufen sich die Aufwendungen für den Hund auf gut tausendzweihundert Dollar (und dabei sind die Leckerlis noch gar nicht mit eingerechnet). Liebe ist zwar selbstlos, aber selten kostenlos und sinnlos ist es, darüber zu jammern: Wir hätten es ja doch nicht übers Herz gebracht, den Hund zurückzulassen. Titan gehört zur Familie und Familienangehörige lässt man nun einmal nicht im Stich. Gesetzt den Fall, das Schicksal verlangte, dass einer zurückbliebe – in Augenblicken des Zorns würde ich vielleicht darüber nachdenken, ob es ausgerechnet der Hund sein muss …