Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

Die Orte meiner Erinnerung

Alles ist noch viel schlimmer als zunächst angenommen. Man hätte sich damit abfinden können, dass Häuser eingestürzt und Straßen zerstört sind, aber wir hören hier in Quito von immer neuen Opferzahlen und von schrecklichen Tragödien, die einem das Herz zerreißen und die einen am Ende einfach nur sprachlos zurücklassen. Aber was könnten Worte auch ausrichten angesichts all des Schrecklichen? Es ist nur schwer erträglich, das Leiden und Sterben der Menschen mit ansehen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Doch Quito ist weit entfernt vom Ort der Katastrophe und das Leben hier geht seinen gewohnten Gang, nicht anders als in einer Stadt jenseits des Ozeans, zehntausend Kilometer entfernt.

Da man die Toten noch nicht aus den Trümmern hat bergen können, denn noch immer fehlt es vielerorts an schwerem Räumgerät, liegt mittlerweile der Geruch von Tod und Verwesung über den zerstörten Städten. Wer mit dem Leben davongekommen ist, muss jetzt ums Überleben kämpfen. Vielerorts gibt es auch Tage nach der Katastrophe kein Wasser, keine Nahrung und keine Hilfe für die Eingeschlossenen. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt. Doch sie kämpfen nicht nur gegen die Unbilden der Natur, zu allem Unglück sehen sie sich fortwährend den Angriffen von Kriminellen ausgesetzt. Man hört immer wieder von Überfällen und es muss als wahrscheinlich gelten, dass gerade jetzt, da das Erdbeben nicht nur Häuser ins Wanken gebracht hat, sondern auch die öffentliche Ordnung, viele Verbrechen verübt werden, von denen man vielleicht nie erfahren wird.

Ich habe gehört, dass das „Bambú“ zerstört wurde. Gewissheit habe ich jedoch nicht, denn es fehlen noch immer verlässliche Nachrichten. Einige Anhaltspunkte geben Bilder, die jüngst über Facebook veröffentlicht wurden. Auf ihnen sieht man dort, wo das „Bambú“ einst stand, nur noch ein Trümmerfeld. Das „Bambú“ ist einer der magischen Orte auf der Landkarte meiner Erinnerung. Wir haben viele schöne Stunden dort verbracht und als ich hörte, dass es nun fort sein soll, fühlte es sich so an, als hätte man mir meine Erinnerungen gestohlen.

Es tut weh, Orte, die einem etwas bedeuten, einfach verschwinden zu sehen. Man empfindet es als unfair und ungerecht und wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, geben Betroffenheit und Trauer manchmal sogar dem Zorn nach. Aber wann hätte Zorn Dinge je wieder in Ordnung gebracht? Und wann hätte die Welt sich um Gerechtigkeit geschert? Welche Gerechtigkeit wird denen zuteil, die alles verloren haben? Und ist es etwa gerecht, dass so viele Menschen sterben mussten?

Man kann sich keine Vorstellungen von den Zerstörungen machen, die Canoa und auch die anderen Städte an der Küste heimgesucht haben. Canoa war immer ein fröhlicher Ort mit einem gewissen Laissez faire. In Canoa konnte man entspannt seinen Beschäftigungen nachgehen und niemand neidete einem sein Glück. Es fällt schwer zu glauben, dass das Glück diesen Ort für immer verlassen haben soll. Viele Urlauber sind unter den Opfern. Sie wollten nur ein paar schöne Ferientage in der Stadt und an den Stränden verbringen. Als das Beben kam, wurden nicht wenige unter den Trümmern ihrer Hotels, der Pensionen oder Restaurants, in denen sich sich gerade aufhielten, begraben.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das alles betroffen macht. Ich liebe die Costa und Manabí. Ich glaube, es täte mir unendlich weh, sehen zu müssen, dass vieles davon einfach ausgelöscht wurde als hätte es nie existiert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Man kann so wenig tun. Die betroffenen Regionen werden wahrscheinlich noch während der nächsten Wochen und Monate mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben und es ist nicht abzusehen, wann die Menschen an der Küste wieder zu einem „geregelten“ Alltag zurückfinden werden. Alle Schäden zu beseitigen, wird aber gewiss noch Jahre dauern. Die Verheerungen sind zu schwer, als dass man eine schnelle Verbesserung der Situation erwarten könnte.

Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, dass die Menschen nicht den Mut verlieren, und ich vertraue fest darauf, dass im Angesicht der Not die Menschlichkeit und das Mitleid der Vielen die Oberhand über die Gemeinheit und Habgier der Wenigen behalten werden.

Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.

El día de los muertos

Zum Tag der Toten am 2. November ist es üblich, dass man den verstorbenen Anverwandten einen Besuch abstattet. Viele Menschen zieht es bereits am Abend zuvor auf die Friedhöfe und nicht selten werden aus diesen Besuchen wahre Massenaufläufe. Die Gräber sind erhellt von Kerzenschein und um die Grabsteine sitzen die Menschen und machen ihren verstorbenen Anverwandten Aufwartung. Außerhalb der Friedhöfe haben findige Händler fliegende Garküchen eingerichtet, mancherorts werden regelrechte Buffets aufgebaut, und der hungrige Friedhofspilger kann sich mit deftigen Gerichten für die Nacht stärken. Es ist nicht ungewöhnlich, bis in die Morgenstunden an den Gräbern auszuharren. Es wird gesungen, gelacht und geschwätzt und die geliebten Verblichenen erfahren bei dieser Gelegenheit gleich alles, was sich während ihrer Abwesenheit so zugetragen hat.

Aus dem Blickwinkel eines Mitteleuropäers mutet dieses Spektakel sehr merkwürdig an – im atheistischen Berlin würden sich nachts nur Grufties auf die Friedhöfe verirren. Aber man sollte nicht vorschnell urteilen. Der Tod nimmt hierzulande einen viel größeren Platz im Leben ein als in Deutschland, in Berlin mit seiner enthemmten Lebensfreude und seiner rigorosen Diesseitigkeit allemal. Es ist zwar der Tag der Toten, aber in Wahrheit ist es ein Tag für die Lebenden, der Anlass gibt, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass der Tod zum Leben gehört wie die Geburt. Diese Erkenntnis ist den Menschen hierzulande nicht neu und sie ist ihnen keineswegs fremd, denn die damit verknüpften Traditionen reichen weit über katholisches Brauchtum hinaus; sie führen weit in die präkolumbianische Zeit zurück und sie haben tiefe Wurzeln in der Kultur des Kontinents geschlagen.

Dem Brauch, an den Gräbern auszuharren und der Verstorbenen zu gedenken, wohnt auch gar nichts Düsteres oder Schweres inne. Die Menschen sind fröhlich und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier findet ein großes Familienpicknick statt, mit Opa und Oma, Kindern und Enkeln, und wie selbstverständlich sind auch die Verstorbenen eingeladen. Das hat nichts von stillem Gedenken und Trauerandacht an sich, wie man es von den Friedhöfen in Deutschland her kennt. Die tropische Nacht wird vom Schein Abertausender Kerzen erhellt und die warme Luft ist erfüllt von Musik, fröhlichem Geplauder und Kinderlachen.

Ganz Bahía war am nächsten Tag schon in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, um seine Verstorbenen zu ehren. Es war der 2. November, der Tag der Toten. In anderen Orten, an denen wir auf der Fahrt vorbeigekommen waren, hatten die Menschen sich bereits am Abend versammelt, um dann Nachts gemeinsam an den Gräbern auszuharren. An den Eingängen zu den Friedhöfen erwarteten Garküchen die nächtlichen Besucher und vielerorts glich das nächtliche Gedenken einem bunten Volksfest. Die Gräber waren erleuchtet vom Kerzenschein und die Grabsteine waren üppig geschmückt. Man spendierte den Verstorbenen ihr Lieblingsessen und verbrachte die Nacht mit ihnen.

Ich weiß nicht, ob die Bahieños den Tag auf diese Weise begehen, doch als wir Morgens auf dem Friedhof eintrafen, herrschte bereits ein wahrer Massenandrang. Nur mit Mühe gelang es mir, einen Parkplatz zu finden. Ich war nicht in der Stimmung, den Friedhof zu besuchen, denn ich hatte dort ja niemanden, den ich besuchen könnte (wer geht schon gern auf eine Party, wenn er dort niemanden kennt). Ich wartete stattdessen im Auto und vertrieb mir die Zeit damit, die Leute zu beobachten. Nach einer Stunde kehrten Mutter, Tochter und Tante zurück, etwas bedrückt, wie es schien, aber auch irgendwie erleichtert – vielleicht haben die lieben Anverwandten ihnen ausnahmsweise einmal nicht die Leviten gelesen.