Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.

Auf Reisen

Wie man weiß, sind die Ferien der Ernstfall des Lebens und der Ausnahmezustand des Alltags (Paare trennen sich im Urlaub bekanntlich öfter als irgendwann sonst). Wir waren auf Reisen und wieder einmal durchstreiften wir das Land mit solch rücksichtsloser Abenteuergier, dass kaum einmal Zeit blieb für Erholung, von Besinnung gar nicht zu reden. Daran, Beiträge für den Blog zu schreiben, war nicht zu denken. Am Abend fiel ich todmüde ins Bett, ausgelaugt von den üblichen Strapazen des Individualtourismus – endlose Autofahrten, unendliche Fußmärsche durch historische Altstädte, Anstehen für Eintrittskarten, stundenlanges Flanieren in Museen und Galerien, Bergbesteigungen und Wandertouren.

Zum Schreiben muss man ausgeschlafen sein und vor allem braucht man einen klaren Kopf, ein Zustand, der sich nur schwer einstellen will, wenn einem die Bilder des Tages fortwährend mit schwindelerregender Geschwindigkeit durchs Oberstübchen jagen. Jetzt, mit gebührendem zeitlichen Abstand und in der Behaglichkeit und Ruhe meines Heims, kann ich meine Gedanken wieder sammeln. Und vor allem habe ich nun Zeit. Schreiben braucht Zeit. Habt also ein wenig Geduld. Die Berichte über unsere Erlebnisse erscheinen in loser Folge. Viel Spaß beim Lesen.

Unter dem Wasserfall

Man hat ja immer viel zu tun und da freut man sich, wenn man ausnahmsweise einmal mehrere Sachen in einem Aufwasch erledigen kann. Eigentlich wollen wir an diesem Tag nur dem Lechero, einem Wunderbaum in der Nähe Otavalos, unsere Aufwartung machen, doch dank günstiger Umstände und vor allem dank kurzer Wege ergibt es sich, dass wir gleich noch dem Parque el Condor und den Wasserfällen von Peguche einen Besuch abstatten.

Von den Kondoren aus folgen wir der Ausschilderung. Man ist immer wieder froh, wenn man auf die hilfreichen Wegweiser trifft, denn solche abgelegenen Straßen sind in den Karten oft nicht verzeichnet – die Travelmaps renommierter internationaler Verlage können einen gehörig in die Irre führen – und für das Navi sind solche einsamen Gegenden manchmal nur ein weißer Fleck auf der elektronischen Straßenkarte. Wir nähern uns den Wasserfällen durch die Berge. Freilich sollten wir noch herausfinden, dass es eine einfachere und vor allem besser zu befahrende Route gibt. Diese Straße aber gehört uns ganz allein und wir genießen den romantischen Ausflug durch die geheimnisvolle grüne Berglandschaft.

Eine Art Klamm schließt dieses Ende des Tales ab wie das schmale Ende eines Trichters: Von einem Absatz in einigen Dutzend Metern Höhe stürzt das Wasser durch einen Felskamin und zerstiebt brausend im Talgrund. Ein Wildbach schneidet sich durch die üppig grüne Talweitung, die sich, vom Wasserfall ausgehend, wie der Hals des Trichters öffnet. Die Straße nähert sich von der Seite, die über dem Wasserfall liegt, und sie steigt dann an der Flanke des Berges hinab ins Tal, während sie sich immer wieder in zahlreichen Spitzkehren windet.

Lange bevor man die Fälle sehen kann, hört man das Rauschen und Brausen des Wassers. Beim Fahren empfiehlt es sich, die Strecke stets mit Argusaugen im Blick zu halten, denn die Schotterpiste ist unberechenbar und Haarnadelkurven laden den unbesonnenen Fahrer zu einem Flug über das Tal ein. Hat man den Fuß des Berges glücklich erreicht, rollt man aus dem schattigem Grün ins Freie und plötzlich findet man sich vor einer Schranke wieder, hinter der ein Parkplatz liegt. Nachdem man das Eintrittsgeld in Höhe von 1,50 Dollar entrichtet hat, winkt einen der freundliche Wächter durch.

In den letzten Jahren hat an nahezu allen Orten des Landes, an denen es Sehenswürdigkeiten zu bestaunen gibt, der Tourismus einen starken Aufschwung genommen. Früher konnte man diese Orte besuchen, ohne dass sich irgendeine Behörde darum geschert hätte. Man konnte sich völlig frei bewegen und anderen Touristen begegnete man in der Regel auch nicht, es sei denn, man besuchte die Kirchen und Klöster Quitos, die von der Unesco als Weltkulturerbe ausgewiesen sind und die darum seit jeher touristische Aufmerksamkeit genossen. Die Gegend von Peguche mit ihren berühmten Wasserfällen ist touristisch jedenfalls so gut erschlossen wie das Freibad Orankesee in Berlin Hohenschönhausen und was es dort gibt, findet man auch hier (ausgenommen natürlich den Strand).

Man nähert sich den Wasserfällen durch das Tal. Ein Pfad schlängelt sich durch einen urzeitlich wirkenden Wald mit dicken, knorrigen Baumstämmen und ausladenden Blattkronen, doch bei den Bäumen handelt es sich ausnahmslos um Eukalyptus, eine Art, die erst vor hundert Jahren aus Australien eingeführt wurde. Forstleuten ist dieser schnellwüchsige Baum ein Graus, denn die mit ätherischen Ölen getränkten Blätter bilden am Boden eine dicke Schicht, welche die einheimische Flora zuverlässiger vernichtet als die berüchtigte chemische Keule. Unter dem Kronendach eines Eukalyptuswaldes sieht es aus wie in Vietnam nach einer Entlaubungsaktion des US-Militärs. Dort wächst ungefähr so viel wie auf Kojaks Glatze. Aber es riecht schön, wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Die Wurzeln des Eukalyptus reichen zudem tief in den Boden und der unstillbare Durst der Pflanze bewirkt, dass der Grundwasserspiegel absinkt.

An den Wasserfällen von Peguche hat man übrigens nichts dem Zufall überlassen und die Fürsorge, die einem als Besucher entgegengebracht wird, lässt einen schon fast an die Stadtparks in den USA denken: Es gibt fix und fertig eingerichtete Grillstationen und gepflegte Campingbereiche. Allerorten begegnet man Imbissständen und selbst Cabañas (kleine Ferienhäuschen), in denen man übernachten kann, findet man auf dem Gelände. Direkt hinter dem Einlass gelangt man auf eine Plaza, die von Restaurants und Souvenir-Shops gesäumt wird. Zum Park hin wird der Platz von den Resten alter Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert begrenzt. Eine einzige Wand, die vielleicht einmal Teil der Wirtschaftsgebäude einer großen Hacienda gewesen sein mag, hat dem Zahn der Zeit widerstanden.

Die Pfade, die sich durch das geheimnisvolle Halbdunkel des Eukalyptuswaldes winden, wirken uralt und zugleich so anheimelnd wie die Wege, die durch einen Märchenwald führen, doch es ist alles Täuschung. Gleich erkalteten Lavakanälen werden die Wege von hüfthohen Mauern begrenzt, die wirklich so aussehen, als wären sie aus Feldsteinen errichtet. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man aber, dass es sich um Beton handelt. Das tut der Stimmung indes keinen Abbruch und man wandelt gern durch diesen verzauberten Eukalyptuswald.

Der Weg führt durch Kathedralen aus Licht, vorbei an Stämmen, die wie gotische Säulen himmelwärts streben. Man spaziert über unberührte grüne Wiesen und überquert kristallklare Bäche – vorsorglich hat man Planken über das kaum eine Elle breite Gewässer gelegt, aber man müsste sich schon sehr anstrengen, um der Länge nach hineinzufallen. Familien aus der Gegend suchen Entspannung in dieser nach Eukalyptus duftenden Idylle: Man spielt Federball oder picknickt oder macht sich an einem der zahlreichen Grills zu schaffen – also ganz normaler Alltag, wie er einem im Sommer auch in den Berliner Parks begegnen könnte.

Der Wasserfall ist nicht weit. Wir hören das Brausen der Wasser schon eine ganze Weile, aber wegen des dichten Waldes kann man nichts sehen. Doch dann stehen wir unterhalb der Fälle und sehen die Wassermassen als weißes schäumendes Band herabfallen. Eine Holzbrücke führt über die Schlucht, durch die der Wildbach fließt, welcher durch den Wasserfall gespeist wird. Die Schlucht ist gut besucht, doch alle Touristen scheinen Ecuadorianer zu sein. Jedenfalls begegnet uns niemand, der schon auf den ersten Blick die untrüglichen Kennzeichen offenbart, an denen man den Auslandstouristen, insbesondere den Gringo, erkennt.

Ein feiner Sprühnebel steigt aus der Schlucht auf. Schon nach Minuten in der Nähe des Wassers fühlt sich die Kleidung ganz klamm an, und bleibt man länger, ist man anschließend vollkommen durchnässt. Einige Besucher, die sich bis direkt unter die Fälle gewagt haben, sind so nass, als hätten sie gebadet. Ihre Haare tropfen, die Shirts kleben ihnen am Körper und die Jeans quietschen bei jeder Bewegung. Ich nähere mich, so weit es mir möglich ist, denn immer wieder setzt sich ein Wasserfilm auf der Kamera ab und ich fürchte, lange wird die Elektronik diese Misshandlung nicht aushalten. Ich mache ein paar Fotos und drehe ein paar kurze Clips. Meine Kleidung ist mittlerweile ganz feucht und ich halte es für eine gute Idee, ins Trockene zu flüchten.

Aus größerer Entfernung betrachtet, wirken die Wasserfälle nicht sehr imposant, und erst, wenn man einen Vergleich heranzieht, bekommt man einen Eindruck von ihrer wahren Größe: Die Leute, die sich nahe unter die Fälle gewagt haben, wirken vor den niederstürzenden Wassermassen winzig wie vor einer Schneelawine. Die Wasser schießen über die Felsstufe, verwandeln sich im freien Fall in einen weißen, brodelnden Vorhang und fallen brausend in die Tiefe. Als würden sie zu kochen beginnen, zerstieben sie im Auffangbecken zu einer Wand aus Vapor. Der Dunst aus Abermilliarden winzigen Tröpfchen füllt die Talschlucht.

Am Ausgang des Tales spannt sich eine Hängebrücke über die Schlucht. Es besteht keine Notwendigkeit, sie zu überqueren, doch ich möchte Fotos machen und von der Höhe der Brücke hat man einen bezaubernden Blick über die Talniederung. Als ich die Mitte erreicht habe, versuchen zwei Jungs die Brücke in Schwingung zu versetzen: Sie springen rhythmisch und zerren an den Seilen. Die Hängebrücke schaukelt ein wenig. Da ich relativ schwindelfrei bin, macht mir der übermütige Schabernack nichts aus und die beiden Strolche sind schwer enttäuscht. Aber eine Frau hält sich schreiend an den Seilen fest und als die beiden frechen Gören genug von dem Spaß haben, geht sie ihnen wütend nach, um ihnen gehörig die Leviten zu lesen. Man kann es den Jungs nicht verübeln, dass sie die Beine lieber in die Hand nehmen, als seelenruhig auf die fällige Abreibung zu warten.

Auf der Rückfahrt nehmen wir die Strecke über den Flughafen. Es ist kurz nach Sechs und die Sonne sendet ihre Strahlen bereits von jenseits des Horizonts in den Himmel. Voraus taucht plötzlich die kegelförmige Silhouette des Cotopaxi auf, über der grünen Landschaft schwebend wie eine Fata Morgana. Der goldene Abendglanz, den das scheidende Tagesgestirn als letzten Gruß über die Landschaft wirft, schneidet ein Relief aus Licht und Schatten in die Flanken des Vulkans. So plastisch wie zu dieser Stunde kurz nach Sonnenuntergang sieht man den Berg wohl nie.

Diese einmalige Gelegenheit möchten wir uns nicht entgehen lassen. Wir halten, machen Fotos und genießen die grandiose Aussicht. Beim Aussteigen muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht von den Pisten-Desperados in ihren allradgetriebenen SUVs oder Pickups überfahren werde. So stark befahren wie zu dieser Stunde habe ich die Strecke am Flughafen noch nie erlebt.

Ich lasse den Anblick auf mich wirken. Erst in solchen raren Augenblicken der Besinnung, wie man sie manchmal im Angesicht einer ganz und gar fremden Welt erlebt, merkt man plötzlich, dass man auf einem Planeten lebt, der größer ist, als man es sich immer hat vorstellen können. Im Grunde weiß man nur sehr wenig über diese Welt. Man ist ein Alien und vielleicht zum ersten Mal im Leben wird einem klar, wie weit man von allen Dingen entfernt ist, die einem wirklich vertraut sind – Lichtjahre weit. Wir fahren zurück nach Cumbayá mit dem guten Gefühl, viel an diesem Tag erlebt zu haben.

Auf den Spuren Humboldts

Die Straße nähert sich dem Vulkan von Südwesten und schlägt dann am Fuß des Berges einen weiten Bogen nach Norden, wo sie schließlich auch wieder aus dem Park hinausläuft. Die nördliche Route ist weit weniger befahren als die südliche und die meisten Besucher reisen auf demselben Weg zurück, auf dem sie in den Park gelangt sind. Unterhalb der Flanken des Berges sahen wir immer wieder Pferde auf der kargen Hochebene weiden. Ich wunderte mich aber, warum man nirgends Lamas oder Alpakas begegnet. Fast hat es den Anschein, die einheimischen Spezies sind in Ecuador zur Rarität geworden.

Unterhalb der nördlichen Flanke des Vulkans kamen wir zu einem wüsten Feld, das über und über mit Gesteinsbrocken übersät war. Die Trümmer hatte der Berg beim letzten Ausbruch im Jahre 1904 herausgeschleudert. Viele der Brocken, die über die Ebene verstreut lagen gleich Hagelkörnern nach einem heftigen Schauer, waren groß wie Kühlschränke und manche hatten sogar die Ausmaße von Autos, aber der Vulkan hatte sie durch die Luft geworfen, als wären sie Popcorn, das knisternd aus dem Topf springt. Die Flur war dicht gespickt mit den tonnenschweren Monolithen und fast hatte man den Eindruck, sie wären aus steinerner Saat der Erde entsprossen und warteten nur darauf, von Giganten geerntet zu werden.

Ich habe einmal gelesen, wenn man als Vulkanologe von einem Ausbruch überrascht wird, ist es der Gesundheit zuträglicher, man schaut nach oben, in den Himmel, statt nach unten, auf den Weg. Denn wenn man sieht, dass ein Felsblock im Begriff ist, auf einen niederzufallen als wäre er eine Smartbombe, abgefeuert von einer Killer-Drohne, können einem schnelles Reaktionsvermögen und ein beherzter Sprung das Leben retten. Ich bin natürlich kein Vulkanologe, aber ich werde es mir merken – für den nächsten Besuch.

Die „Humboldtsche Straße der Vulkane“ führt vom Cotopaxi aus immer geradeaus nach Norden. Hat man den Bergriesen erst einmal hinter sich gelassen, ist man auf sich selbst gestellt, denn fast alle Besucher des Parks reisen durch den Südausgang und dann weiter auf der Panamericana zurück nach Quito. Die Route über die Panamericana ist der kürzeste und schnellste Weg zurück in die Zivilisation und vor allem fährt man auf der schön ausgebauten Autopista viel bequemer als auf der holprigen Humboldtschen Straße. Die Anreise von Quito aus hatte kaum eine Stunde in Anspruch genommen, zurück brauchten wir fast vier Stunden.

Sobald man den Vulkan im Rücken hat, ändert sich der Zustand der Straße von einer glatten Schotterpiste hin zu einem von Erosionsrinnen und Schlaglöchern zerfressenen Allrad-Parkour. Felsbrocken, groß wie Fußbälle, liegen über den Weg verstreut gleich Landmienen und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht den Unterboden ruiniert. An einigen Abschnitten der Straße kommt man kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran und der Zustand der Fahrbahn stellt wahrscheinlich das Limit dessen war, was ein Auto ohne Allradantrieb gerade noch bewältigen kann. Wer aber lieber bequem fährt, dem sei die Rückkehr über die Panamericana ans Herz gelegt.

Unterhalb des Vulkans, aber schon zum nördlichen Ausgang hin, liegt eine Hacienda in der trostlosen Einsamkeit der Hochebene. Manche der großen Landgüter gehen auf Gründungen des 16. oder 17. Jahrhunderts zurück. Dabei kam es vor, dass man Grundmauern aus der Zeit der Inkas in den Bau integriert hat, nicht anders als man Kirchen und Klöster auf den Fundamenten ehemaliger Tempel und Paläste errichtete. Die meisten Haciendas sind schon lange keine produzierenden Landwirtschaftsbetriebe mehr. Einige Güter wurden aufwändig restauriert und dem Tourismus zugänglich gemacht. Eine stilechte Übernachtung in den alten spanischen Gemäuern ist aber alles andere als erschwinglich und mehr als die erkleckliche Summe von zweihundert Dollar für die Nacht ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch zumindest kann man sich einmal im Leben wie ein richtiger Latifundista fühlen.

Das Herrenhaus der Hacienda liegt so verlassen in der Landschaft, dass man sich unwillkürlich fragt, wer außer den hartleibigsten Eskapisten hier gern Urlaub machen würde. Aber vielleicht reicht ja eine Nacht, um sich zu sammeln und auf sich selbst zu besinnen. Länger würde man es wahrscheinlich sowieso nicht aushalten, denn ringsherum gibt es im Grunde nichts, worauf der neugierige, forschende Geist seine Aufmerksamkeit richten könnte: Abseits der ausgewiesenen Pfade darf man nicht durch den Páramo streifen und der Vulkan ist fast ständig in dichte Wolken gehüllt. Wahrscheinlich fühlt man sich schon nach kurzer Zeit ziemlich einsam.

Eigenartig ist, dass Steinmauern die Hacienda umgeben und den Besitz von der Außenwelt abgrenzen. Wer würde in dieser kargen und menschenleeren Landschaft das Stück Land innerhalb der Mauern, das genauso karg und menschenleer ist, betreten wollen und vor allem, in welcher Absicht? Es gibt ja nichts, das man stehlen könnte, und der eisige Wind streicht diesseits genauso wie jenseits der Mauern über das Land.

Erst nachdem man den Park durch den nördlichen Ausgang verlassen hat, wird die Straße wieder besser, und eigentlich befindet man sich erst jetzt auf der berühmten Humboldtschen Route. Der preußische Naturforscher ist in Ecuador wie in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents, in denen man Spanisch spricht, fast schon so etwas wie ein Volksheld. Jeder kennt natürlich Humboldt, aber ich habe leider vergessen, die Leute zu fragen, ob sie wüssten, dass ihre Straße nach ihm benannt ist. Ich wäre wirklich gespannt gewesen auf ihre Antwort. Leider kam mir der Gedanke erst hinterher.

Wen könnte der Name „Humboldtsche Straße der Vulkane“ nicht beeindrucken, doch wenn man sich dann tatsächlich auf der berühmten Route befindet, ist man überrascht, bloß einen schmalen Kopfsteinpflasterweg vorzufinden. Ich war keineswegs enttäuscht, denn diese nostalgische Straße wie aus einer Reisebeschreibung Theodor Fontanes wird dem Geist und dem Andenken des berühmten Forschungsreisenden viel besser gerecht als eine moderne Autopista mit Bogenlampen und Leitplanken. Humboldt gilt als der Pate so mancher Entdeckung und als begehrter Namenspatron obendrein; erinnert sei an den Humboldt-Strom und den Humboldt-Pinguin. Dieser Straße aber hat man seinen Namen sicher nur ehrenhalber verlieren (immerhin ist verbürgt, dass er wirklich durch diese Gegend zog), denn die Vulkane waren ja schon seit jeher bekannt.

An diesem Tag waren wir allein unterwegs auf der Straße der Vulkane, aber wahrscheinlich wären wir es auch an jedem anderen Tag gewesen. Beiderseits des Weges findet man ein ländliches Postkartenidyll, das bis heute von einem metastatisch ausufernden Tourismus verschont geblieben ist. Es gibt keine asphaltierten Straßen, keine Hotels, keine Parkplätze und vor allem keine Touristen. Vor über zwanzig Jahren, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, sah es in Ecuador fast überall so aus, doch seitdem ist viel Wasser den Río Napo hinuntergeflossen.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben und selbst dieser verschlossene Landstrich am äußersten Rande des Erdkreises musste irgendwann einmal aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Doch dieses unscheinbare Fleckchen Ecuador beiderseits der Straße der Vulkane scheint sich seit den Zeiten Humboldts kaum verändert zu haben. Und so kann man auch heute noch einer Ursprünglichkeit begegnen, die anderswo längst verschwunden ist in einer Welt, die sich immer schneller um sich selbst zu drehen scheint.

Die Landschaft ist so schön, dass man alle paar Hundert Meter halten und Fotos machen möchte. Die liebliche grüne Flur schmiegt sich sanft wie ein Traum von Elysium in die Hügel. Wiesen, Weiden und Wälder wechseln einander in rascher Folge ab. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Humboldt und Bonpland vor über zweihundert Jahren über diese Straße zogen und wie sie unablässig Proben sammelten, Messungen vornahmen, sich Notizen machten und staunten und ihr Forscherglück gar nicht fassen konnten. Vor lauter Beschäftigtsein hatten sie wahrscheinlich gar keine Zeit, sich der Schönheit dieses reizenden Fleckchens Ecuador bewusst zu werden.

Am Straßenrand sahen wir Einheimische Mora-Beeren pflücken. Die Ernte der fast schwarzen Früchte scheint sich hierzulande ähnlicher Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland das Pilzesammeln. „Mora“ wird immer mit „Maulbeere“ übersetzt, aber eigentlich handelt es sich um Brombeeren. Die Büsche wuchsen so dicht, dass man den Eindruck hatte, die Straße schneide sich durch eine endlose Wildnis aus Brombeergestrüpp. Wir fragten zweimal nach dem Weg. Die Leute meinten gutmütig, wir sollten der Straße einfach nur folgen, dann kämen wir schon irgendwann nach Quito. Sicher werden sie nicht oft nach dem Weg gefragt.

Ganz gewiss gab es schon zu Humboldts Zeiten eine Menge zu sehen, denn schließlich heißt die Route, auf der die berühmten Reisenden wandelten, nicht ohne Grund „Straße der Vulkane“. Uns aber war das Wetter leider nicht gewogen: Der Himmel war grau in Grau und undurchdringlicher Dunst lag über dem Horizont – man hätte nicht einmal erahnen können, wo die Bergriesen ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe reckten.

An einer Weggabelung trafen wir eine Frau in der Tracht der Indigenen. Man begegnet in der Landschaft mehr Kühen als Menschen, und wenn einem schon einmal jemand über den Weg läuft, sollte man unbedingt halten, denn man weiß nie, wann die nächste Gelegenheit kommt, Auskünfte einzuholen. Wir fragten die Frau, welcher der richtige Weg nach Quito sei, und bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich wissen, wo denn die Vulkane wären, die uns der Reiseführer versprochen hatte und für die diese Straße berühmt ist.

Wahrscheinlich klang unsere Frage wie ein Vorwurf, gerade so, als machten wir die Frau persönlich dafür verantwortlich, dass man nichts sah. Wie um sich von jeglicher Schuld reinzuwaschen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm siebenmal zielsicher jeweils in eine andere Richtung und sagte dabei aus dem Effeff die Namen der Berge der Reihe nach her. Man konnte wirklich nicht das Geringste erkennen, aber irgendwo hinter dem Dunst warteten die Vulkanriesen darauf, von neugierigen Augen entdeckt zu werden. Nur an diesem Tag wollten sie sich leider nicht zeigen.

Von diesem Punkt an schien sich die Rückreise zu beschleunigen. Humboldt und seine Vulkane entschwanden bald unseren Blicken und unsere Gedanken richteten sich auf gutes Essen und den Komfort eines bequemen Sofas. Wir hielten noch einige Male, um den Ausblick zu genießen und um die schöne Landschaft zu fotografieren. Anderen Reisenden, die Abenteuerlust oder romantische Sehnsüchte auf die Spur Humboldts gelockt hätten, begegneten wir aber auch hier nicht, obwohl wir uns doch schon nahe der Stadt befanden. Irgendwo kurz vor Sangolquí, einem Ort südöstlich von Quito, bekamen wir dann seit Stunden zum ersten mal wieder Asphalt unter die Räder. Da wussten wir, wir waren zurück in der Zivilisation.

Wir fuhren durch ländliche Vorstädte, die so ausgestorben wirkten, als hätte man gerade die Sperrstunde verhängt. Die wenig befahrenen, schmalen Landwege mündeten bald in größere Straßen mit mehr Verkehr. Über Sangolquí gelangten wir nach El Tingo, einem hübschen Provinzstädtchen mit einer entzückenden Plaza. Von El Tingo ist es nur ein Katzensprung nach Cununyacu; dort befindet sich die Schule unseres Sohnes.

Der letzte Abschnitt der Reise führte über die schöne neue Autopista zurück nach Cumbayá. Die Fahrt verging wie im Fluge, und als wir dann wieder in die Behaglichkeit unseres Heims zurückgefunden hatten und es uns auf dem Sofa bequem machten, um auszuruhen und um die vielen neuen Eindrücke zu verdauen, die wie eine Flut auf uns eingestürmt waren, konnten wir kaum glauben, dass es erst wenige Stunden her sein sollte, dass wir unter dem Gletscher des Cotopaxi gestanden hatten.

Auf Umwegen zum Cotopaxi

Es gibt zwei Eingänge zum Cotopaxi-Nationalpark: einen im Süden, den anderen im Norden. Der südliche Einlass ist, obwohl weiter von Quito entfernt, mit dem Auto sehr viel leichter zu erreichen als der nördliche und die weitaus meisten Besucher entscheiden sich daher für den Südeingang. Man reist bequem auf der Panamericana und hinter Machachi, der nächstgrößeren Stadt südlich von Quito, aber noch vor Latacunga, nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt. Die Straßen sind hervorragend ausgebaut und eigentlich muss man sich auch keine Sorgen machen, dass man sich verfährt, denn der Cotopaxi ist so etwas wie die bekannteste touristische Ikone in diesem an landschaftlichen Höhepunkten keineswegs armen Land.

Man würde denken, dass bei der Anreise von Quito aus nichts schiefgehen könnte, denn die Route, auf der man sich dem Berg nähert, ist hervorragend ausgebaut und – wie wir bald feststellen sollten – auch gut ausgeschildert. Doch wir trauten der Sache nicht so richtig und ich hatte die nicht ganz unbegründete Befürchtung, man müsse die Zufahrt zum Park erst mühsam in der Landschaft suchen. Wir waren überzeugt, nach guter alter Landessitte hätte man wieder einmal vorausgesetzt, dass ein jeder intuitiv wüsste, wie er zum Berg gelangt, und daher wäre es auch ganz unnötig, Wegweiser aufzustellen. In Ecuador macht man des Öfteren die Erfahrung, dass man wichtige touristische Orte erst findet, nachdem man zehn Leute auf der Straße nach dem Weg gefragt hat. Nicht selten fangen die Schwierigkeiten aber dann erst an, denn es kommt vor, dass sich die Antwort der einen Hälfte der Gefragten nicht mit jener der andere Hälfte deckt.

Hinter Machachi nahmen wir eine Ausfahrt, von der wir überzeugt waren, dass sie uns direkt zum Eingang des Parks führen würde. Wir fuhren zehn Minuten auf dem gewundenen Asphaltstreifen durch die Wildnis. Eigentlich hätte uns stutzig machen müssen, dass wir niemanden sonst begegneten. Dass der Abzweig nicht ausgeschildert war, erschien uns hingegen nicht als ein ungünstiges Zeichen – wir gingen davon aus, dass man wieder einmal auf die überflüssigen Wegweiser verzichtet hätte. Irgendwann aber war die Straße einfach zu Ende und wir standen vor einem Maschendrahtzaun und einem Tor. Als handelte es sich um einen versteckten Außenposten des SETI-Programms, reckte sich hinter dem Zaun eine gewaltige Antennenschüssel in den Himmel.

Ein Wächter kam gemächlich aus seinem Postenhaus spaziert und ein kleiner Hund bellte aufgeregt. Meine Frau erklärte dem Mann, dass wir den Eingang zum Cotopaxi-Nationalpark suchten und dass wir uns wohl verfahren hätten. Der Mann schaute etwas amüsiert, denn dass dies nicht der richtige Weg war, leuchtete natürlich ein. Er meinte, die Ausfahrt finde sich ein Stück weiter die Panamericana runter. Aber eigentlich könne man sie nicht übersehen, denn der Weg sei ausgeschildert. Uns begann allmählich zu dämmern, dass wir das ecuadorianische Planungstalent grob unterschätzt hatten – Ausschilderungen und dazu noch flächendeckend, das war etwas revolutionär Neues.

Wozu die enorme Satellitenschüssel von den Ausmaßen einer Kirchenkuppel, zu der uns der Zufall verschlagen hatte, eigentlich dient, vergaßen wir leider zu erfragen. Dass es sich um eine wichtige militärische Anlage handelt, etwa zur Satellitenverfolgung oder zum Abhören der elektronischen Kommunikation, kann man natürlich nicht ausschließen, aber man muss sich fragen, wie ein einzelner Wächter und sein kleiner Hund einen Trupp zu allem entschlossener Pazifisten abwehren sollte?

Mindo: Stadt in den Bergen

Als wir so gemütlich am Tisch sitzen und unseren Kaffee genießen, während draußen der Regen auf die Stadt niederfällt, wird uns klar, dass Mindo doch eine recht künstliche Welt ist, die sich auf Gedeih und Verderb dem Tourismus verschrieben hat. Aber es gibt auch keine Alternative und gäbe es eine, hätten die Bewohner die Chance vielleicht auch ergriffen. Ich glaube allerdings, der Ort würde noch immer in seinem Dornröschenschlaf dahinschlummern, und er wäre auch nie daraus erwacht, wenn Scharen von lärmenden Touristen ihn nicht aus seinem Koma erlöst hätten. Für die Menschen kann man nur hoffen, dass der Traum von einem besseren Leben, der sich für sie erfüllt zu haben scheint, niemals ein Ende haben wird.

Die Berge versperren den Horizont, nirgendwo vermag man weiter zu blicken als bis zum nächsten Gipfel und nirgendwo in Mindo hat man den offenen Ausblick, den die Seele manchmal braucht, um sich frei zu fühlen. Die Berge erheben sich gleich unüberwindlichen Wächtern, die jeden daran hindern, diesen Ort je wieder zu verlassen. Oft ist der Himmel bedeckt und die Wolken hängen so tief wie die Bäuche nasser Bettlaken. Nicht selten liegt Nebel schwer wie eine alte Federdecke im Tal und dann verschwinden selbst die wachenden Berge in einem grauen Nirwana.

Verweilt man länger in Mindo, kann einen leicht das Gefühl beschleichen, man wäre eingesperrt; klaustrophobische Naturen könnten sogar zu Panikattacken neigen. Vielleicht aber empfinden die Bewohner die Enge der Berge und des Himmels als Geborgenheit – jedenfalls muss es einen Grund geben, der sie in ihrer Heimat hält. Ich kann nichts in Mindo entdecken, das mich zum Bleiben einlädt. Im Gegenteil, je länger ich hier verweile, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre von Mauern umstellt und diese Mauern rückten immer näher.

Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Von San Antonio führt die Straße nach Westen Richtung San Miguel de los Bancos. Von Cumbayá aus, das ganz im Osten von Quito liegt, benötigt man mit dem Auto gute anderthalb Stunden nach Mindo. Man fährt meist sehr entspannt, denn die Straßen sind über den Großteil der Strecke gut ausgebaut und wenn man den Reisetermin nicht gerade so wählt, dass er mit den Feiertagen oder mit dem Beginn der Schulferien zusammenfällt – denn dann will alles, was Räder hat, zur Küste –, sind die Straßen erfreulicherweise auch fast leer. Bei strömenden Regen kann so eine Fahrt allerdings sehr unangenehm sein, und in den feuchten tropischen Bergwäldern regnet es fast schon so oft wie im „Bladerunner“ von Ridley Scott. Bei Dunkelheit sollte man die Route durch die Berge lieber meiden, wie es sich überhaupt empfiehlt, bei Nacht von einer längeren Fahrt durch die Anden Abstand zu nehmen.

Die stark gewundene und nicht selten abschüssige Straße fordert selbst dem erfahrenen Autofahrer höchstes Können ab. Wer es aber nicht gewohnt ist, viel zu fahren und vor allem bei Dunkelheit, kommt schnell an seine Grenzen. Schon die kleinste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass die Fahrt in einer Schlucht endet oder in einem der zahlreichen wilden Flüsse. Dies ist ein Land, in dem man beidseits der Straße noch tatsächlich das authentische Abenteuer finden kann. Man ist gut beraten, auf den gepflasterten Wegen zu bleiben.

Von der Hauptroute führt ein gut ausgeschilderter Abzweig nach Mindo. In zehn Minuten rollt man auf der asphaltierten Straße gemütlich hinab ins Tal und man fragt sich dabei, warum man sich stattdessen nicht mit einer schlammigen Lehmpiste zu begnügen hat, da einen in Mindo doch das Abenteuer fernab von jeglicher Zivilisation erwartet. Schon auf den letzten Kilometern stechen immer wieder Hinweisschilder aus dem monotonen Grün des Waldes, die den interessierten Besucher in Eco-Lodges und Birdwatching-Touren, zu Kakao-Farmen oder Schmetterlingsrefugien zu locken versuchen. Wir lassen uns aber nicht beirren und halten stur auf Mindo zu, das Epizentrum des Öko-Abenteuer-Rummels.

Bevor der Tourismus lärmend Einzug hielt, muss Mindo einer jener Orte gewesen sein, die von der Welt und der Zeit vergessen waren. Es hätte noch eine Ewigkeit vergehen können und dennoch würde niemand je von der Existenz der Stadt erfahren haben und vielleicht wäre sie mehr ein Ort aus dem Reich der Fabel geblieben, denn ein Ort in dieser, der wirklichen Welt, dem mythenumsponnenen Macondo ähnlicher als einer Stadt aus Stein. Doch der Tourismus hat zuverlässig dafür gesorgt, dass Mindo fest im Diesseits verwurzelt ist, fester als man es sich manchmal wünschen mag.

Es gibt in Ecuador auch heute noch Orte, die nicht an das Pipeline-Netz der Zivilisation angeschlossen sind – man muss nur auf die Karte schauen, zu den leeren Flächen, der Terra incognita zwischen den roten Arterien der Highways. Diese Orte liegen in einem kartografischen Vakuum: Keine Straße, kein Weg führt zu ihnen und es gibt nicht einmal bewohnte Ansiedlungen in der Nähe. Man wundert sich, dass sie dennoch auf der Karte vermerkt sind und ich glaube, der Geograf, dem das Verdienst zukommt, ihre Koordinaten der Welt zum ersten Mal mitgeteilt zu haben, kämpfte sich unter größten Entbehrungen durch Urwälder, musste schroffe Bergketten bezwingen und reißende Flüsse überwinden, ehe er sein Ziel erreichte. Die Annahme, dass die Menschen, die an solchen Orten leben, auch heute noch ohne viele der technischen Errungenschaften unserer Zivilisation auskommen, ist sicher nicht allzu verwegen.