Badekultur

Papallacta ist ein kleines Städtchen, das verlassen im Talgrund zwischen hohen Bergen liegt. Es gibt nicht viel zu entdecken und kaum etwas zu sehen. Der Strom der Touristen fließt zuverlässig an diesem Ort vorbei, denn die eigentliche Attraktion sind die Thermen. Wir hielten kurz und ich kaufte mir eine Tüte Caña de azucar, geschnittenes Zuckerrohr. Man kann den süßen Saft auskauen und tatsächlich erinnert der Geschmack ein wenig an braunen Rohrzucker. Schade, dass man frisches Zuckerrohr nicht in Deutschland bekommt.

Die Thermen liegen etwas oberhalb der Stadt und wenn man dorthin gelangen möchte, muss man eine Ausfahrt nehmen. Die Hauptstraße kerbt sich durch den Ort wie ein Messer durch eine Torte und die Ausfahrt schwingt sich irgendwann unvermittelt als scharfe Rechtskurve in die Höhe. Nicht wenige verpassen sie und ist man erst einmal vorbeigefahren, kann man nicht wieder zurück. Vielmehr ist man gezwungen, einer schmalen Einbahnstraße zu folgen, einer Schotterpiste, die zunächst um die steile Flanke eines Berges herumführt und schließlich in einen Rundkurs mündet. Man braucht eine Viertelstunde, ehe man wieder am Ausgangspunkt angelangt ist. Doch eigentlich ist das kein Drama, weil die Strecke eine Vielzahl landschaftlicher Glanzpunkte bietet, und am Ende ist man sogar froh darüber, diesen idyllischen Abzweig gefunden zu haben.

Einige Besucher ignorierten freilich die Schilder, drehten und befuhren die Straße als Geisterfahrer. Ich weiß nicht, wie es ihnen überhaupt gelingen konnte zu wenden, denn die Straße war so schmal, dass man schon in die Büsche fahren musste, wenn man einem entgegenkommenden Fahrzeug nur ausweichen wollte. Zwar setzten sie sich der Gefahr aus, den steilen Hang herunterzustürzen (oder andere über die Klippen zu schieben), aber zumindest hatte man wieder unglaublich viel Zeit gespart. In den menschenleeren Anden kommt es nämlich auf jede Minute an. Que gente!

Als wir dann endlich auf dem Parkplatz der Thermen eintrafen, ahnten wir bereits, dass dies kein vergnüglicher Ausflug mit unbeschwertem Badespaß werden würde: Der Parkplatz war so dicht zugestellt wie die Parkfläche vor dem Olympiastadium während des Pokal-Endspiels. Ich kurbelte den Wagen durch die engen Gassen bis ich fast schon aufgeben wollte, als ich wundersamerweise doch noch einen freien Platz fand – offenbar der letzte weit und breit.

Wir spazierten ein wenig durch die Anlage. Die Thermen erweckten ganz den Eindruck eines touristischen Knotenpunktes. Das Gelände war so überlaufen wie die Stadtparks in Berlin zu Ostern, wenn die Leute zur Eiersuche ausschwärmen. Die weitaus meisten Besucher schienen Ecuadorianer zu sein, wenn man auch hin und wieder in der Menge die typischen Attribute des abenteuernden Auslandstouristen ausmachen konnte: Cargohosen, Trekkingstiefel und der große Wanderrucksack, vorzugsweise in Tarnfarben. Viel Vergnügen bereitet so ein Ausflug nicht, zumal man manchmal das Gefühl hat, wie ein Lachs zur Laichwanderung inmitten eines dichten Stroms aus Lachsen zu schwimmen.

Wir ließen uns mit der Menge treiben und irgendwann standen wir vor dem Eingang zu den Thermalbädern. Ich schickte meine Frau vor, weil ich keine Lust auf Kuscheln zwischen fremden Leibern hatte. Die Wartezeit betrug zwei bis drei Stunden. Mehrere Dutzend Besucher hatten sich vor uns angemeldet und zwei bis drei Stunden war natürlich nur eine Schätzung. Es hätte auch länger dauern können.

Von der überfüllten Lobby aus warfen wir einen Blick ins Innere, um abzuschätzen, ob sich die lange Warterei überhaupt lohnen würde: Man sah ein halbes Dutzend flacher Becken, in denen die Menschen erschlafft wie nach einer römischen Orgie lagen. Wahrscheinlich hatte sie das heiße Thermalwasser regelrecht paralysiert, denn sie trieben so bewegungslos in den Pools wie die Olive im Martini. Man sah überwiegend Ältere die arthritischen Leiber in diesen Quell der ewigen Jugend tauchten, wohl in der Hoffnung, dass das warme, mineralreiche Wasser ihren steifen Gliedern die Geschmeidigkeit der Jugend wiederzugeben vermöchte. Der Bäderbereich erinnerte an die Saunalandschaft irgendeiner großen Therme in Brandenburg, aber darüber hinaus gab es eigentlich nicht viel, dessentwegen ein Besuch gelohnt hätte. Ach ja, Handtuchservice gab es auch.

Wir entschieden uns dagegen zu warten. Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich noch ein zweites Bad, und diese Anlage erinnert eher an ein richtiges Schwimmbad. Hier können Kinder auch einmal toben, ohne den Unmut der älteren Badegäste zu erregen. Und man ist auch nicht gehalten, die ganze Zeit über im Wasser zu sitzen, als wäre man eine Kaulquappe. Wir warfen einen Blick hinein – normaler Badebetrieb; nichts, was man nicht schon Hunderte Male an Berlins Seen und in seinen Schwimmbädern erlebt hätte. Doch in Ecuador gibt es keine öffentlichen Badeanstalten und nur Verrückte oder Selbstmörder würden auf die Idee kommen, sich in die kalten Seen der Anden zu werfen. Eine Badekultur, wie man sie etwa aus Berlin mit seinen vielen Freibädern gewohnt ist, kennt man hier nicht, und wenn man doch einmal ins Wasser will, muss man schon an die Strände des Pazifiks fahren.

Ein großes Schwimmbecken ist für viele fast schon eine Sensation. Nicht für mich – im Sommer kann ich jeden Tag an den Orankesee fahren und im Winter könnte ich immer noch eines der zahlreichen Schwimmbäder in der Stadt besuchen. Papallacta liegt ziemlich hoch in den Bergen und deshalb kam es uns zuweilen recht kühl vor. Wenn man nicht frieren will, muss man eben doch dauernd im warmem Wasser sitzen, und nach einer Stunde hat man dann ohnehin genug. Mir war die Lust auf Freibad vergangen. Ihren Mienen konnte ich ablesen, dass meine Frau und mein Sohn nicht anders empfanden.

Wir suchten an diesem Tag noch ein Restaurant auf und spazierten noch ein wenig durch die Bäderanlage. Wirklich viel zu sehen gab es eigentlich nicht. Der Reiseführer hatte insofern die Wahrheit verkündet, als die ganze Anlage bis zur letzten Fliese internationalem Standard entspricht. Ein Tourist aus Europa oder aus den USA findet hier dasselbe angenehme Ambiente vor, wie er es für eine ähnliche Einrichtung zuhause erwarten könnte. Man war so sehr bemüht, die Bäderanlage internationalen Maßstäben anzugleichen, dass man sich fragt, was hier eigentlich noch ecuadorianisch sein soll. Man könnte Urlaub in irgendeinem Wellness-Hotel im Spreewald machen und würde kaum einen Unterschied feststellen (abgesehen natürlich von der Landschaft). Auch die Preise würden sich wahrscheinlich kaum unterscheiden, denn für eine Übernachtung in einem der kleinen Hotels zahlt man um die zweihundert Dollar. Dafür darf man dann aber auch die hauseigenen Pools nutzen, die jedoch oft so klein sind, dass sie eher großen Badewannen gleichen.

Hochlandbewohner

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Lamas und Alpakas in freier Wildbahn gesehen. Wir sind viel gereist und oft waren wir in den Anden unterwegs, aber Lamas sind uns dabei nie begegnet, obwohl einem die folkloristisch angehauchten Klischees, die immer wieder in den Reisekatalogen bemüht werden, um Touristen ins Land zu locken, weiszumachen versuchen, über die Hochweiden würden ganze Herden der friedlichen Pflanzenfresser streifen.

Viele der Tiere, die wir hier im Archäologiepark von Cochasquí sahen, trugen Markierungen oder bunte Halsbänder, so dass man annehmen muss, sie seien nicht wirklich „Wildtiere“. Jedenfalls bewegten sie sich auf dem Gelände völlig frei. Nur mit den Pferden – eine invasive Art auf diesem Kontinent wie die Menschen – mussten sie sich ihren Weidegrund teilen. Während man den Lamas aber kaum noch in freier Natur begegnet, sieht man Pferde fast überall. Es scheint, die Eroberung des Kontinents bis an seine entferntesten Grenzen ist tatsächlich vollendet.

Meist standen die Lamas einfach nur auf der Blumenwiese, welche die gesamte Ruinenstätte gleich einem bunten Teppich bedeckt, und taten so, als würden sie die Menschen gar nicht bemerken. Unbeeindruckt gingen die Tiere ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie fraßen das saftige Gras und darüber hinaus schien sie nicht sehr viel mehr zu kümmern. Manchmal guckten sie (verwundert, wie es schien) und witterten, wenn sich ihnen wieder einmal eines jener merkwürdigen zweibeinigen Wesen zu nähern versuchte. Erst wenn man ihnen so nahe kam, dass man sie um ein Haar hätte berühren können, trabten sie mit aristokratischer Grazie davon – nur anschauen, streicheln verboten.

Wir ließen uns gern darüber belehren, dass die Tiere mit dem dickeren Fell Alpakas seien. Eigentlich wirkten sie eher wie zu groß geratene Schafe auf viel zu hohen Beinen und sie sahen ein wenig so aus, als hätte man es seit langem versäumt, ihnen das wollige Fell zu scheren. Ihre Vettern, die Lamas, unterscheiden sich von ihnen durch ein feineres, weicheres Fell und während die Alpakas oft weiß sind, ist das Fell der Lamas meist von kaffeebrauner Farbe. Lamas sind so ziemlich die friedlichsten Wesen, die man sich vorstellen kann, und die eigentümliche Unart, die man ihnen immer wieder nachsagt, das Spucken, ist wahrscheinlich nur ein Gerücht. Jedenfalls spuckte kein einziges der Tiere, obwohl die Touristen doch immer wieder versuchten, sie zu streicheln.

Traurige Pyramiden

Die Ruinenstätte von Cochasquí liegt ca. eine Autostunde nördlich von Quito. Von der Panamericana nimmt man die gut ausgeschilderte Ausfahrt und dann geht es über idyllische Landstraßen durch die bezaubernde Landschaft der Anden. Auf der krummen Straße mit ihrem Kopfsteinpflaster hat man nicht nur einmal den Eindruck, die Schwingen der Vorfreude trügen einen zum Meer, welches sich irgendwo am Golf von Nafplio gegen die Küste schmiegt, doch nur eine Wegbiegung weiter geben die Hügel den Blick auf das weite Andenpanorama frei und die Anmutung verfliegt ebenso schnell, wie sie gekommen ist.

An diesem Tag waren kaum Leute unterwegs, doch ich bezweifle, dass man auf der einsamen Straße überhaupt je Menschen begegnet. Die Gegend ist zu abgelegen und eigentlich gibt es in dem gepflegten und mit viel Engagement verwalteten archäologischen Park nicht mehr zu sehen, als der neugierige Besucher an einer Stätte wie dieser erwarten könnte – also kein Grund für einen Massenansturm.

Man kann jedoch eine Menge über die Geschichte und Kultur der Andenregion lernen, zumal die Tour-Guides oft ein profundes Wissen über die Gegend, die Leute und ihre Kultur besitzen. Wer aber spektakuläre Artefakte erwartet – goldene Totenmasken, überwältigend schöne Bildstelen oder steinerne Altäre, auf denen den Göttern einst blutige Opfer dargebracht wurden – wird enttäuscht.

An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

In die Caldera

Vor einigen Wochen hatten wir den Pululahua-Krater besucht. Wir waren damals jedoch am Kraterrand geblieben und hatten lediglich einen kurzen Blick in die Caldera riskiert, denn wir fürchteten, der Abstieg und noch viel mehr der unvermeidliche Aufstieg würden sich zur körperlichen Tortur auswachsen. Nun aber hatten wir uns doch dazu verleiten lassen hinabzusteigen.

Ich schätzte, dass ein geübter Wanderer in nicht mehr als einer Stunde bis zum Boden gelangen könnte, und dass er zwei Stunden benötigte, um wieder emporzusteigen. Es zeigte sich dann aber, dass man gerade eine halbe Stunde braucht, um nach unten zu gelangen, und eine Stunde, um wieder hinaufzusteigen, und dabei hatten wir uns noch nicht einmal beeilt, sondern viele Pausen eingelegt – um zu rasten, zu fotografieren und einfach, um den herrlichen Ausblick zu genießen.

Der Weg führt an der Wand der Caldera entlang und ein steiniger Saumpfad, der an manchen Stellen kaum breit genug ist, auch nur einer Person Platz zu bieten, windet sich im Zickzack der Serpentinen in die Tiefe. Beiderseits wird der Weg von dichter Vegetation gesäumt – Regen und die allabendlich über den Krater ziehenden Wolken spenden Feuchtigkeit genug, um üppigen Pflanzenbewuchs zu ermöglichen. Abfließendes Regenwasser hat tiefe Rinnen in den Boden gewaschen und freigelegte Gesteinsbrocken und allerlei Geröll machen den Abstieg oft zu einem schwierigen Balanceakt. Die Wahl festen Schuhwerks erweist sich in jedem Fall als eine kluge Entscheidung.

Auf dem Weg in den Krater begegnen einem kaum Menschen. Die meisten Touristen scheuen die anstrengende und vor allem zeitraubende Klettertour und sie bleiben daher oben am felsigen Kraterrand. Man steigt allenfalls fünfzig Meter hinab, schießt wie zum Beweis des eigenen Wagemuts ein paar schnelle Selfies und klettert dann wieder hoch zur Aussichtsplattform. Der Selfie-Stick ist dabei ein unerlässliches Utensil und ich habe noch nie so viele Menschen mit dem lächerlichen Stab auf einem Haufen gesehen.

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, den Boden des Kraters zu besuchen, aber nach zehn Minuten war schon fast die Hälfte der Strecke zurückgelegt und es kam uns nicht einmal besonders anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob es Entdeckergeist war oder einfach Neugier, aber da wir schon einmal so weit gekommen waren, erschien es uns irgendwie töricht, so kurz vor dem Ziel umzukehren. Wenn eine Wanderung so angenehm ist wie diese, verbietet es sich, an den Rückweg und seine Strapazen zu denken.

Während des Abstiegs begegneten uns zweimal Bewohner des Kraters. Beim ersten Mal war es eine ältere Frau. Sobald sie meine Kamera sah, machte sie mit einer unmissverständlichen Geste klar, dass sie nicht fotografiert zu werden wünschte. Wahrscheinlich gibt es viel zu viele Besucher, die den Krater für eine Art Freilichtmuseum halten und die sich nicht scheuen, seinen sehr zurückgezogen lebenden Bewohnern mit geradezu voyeuristischer Neugier zu begegnen. Der zweite Kraterbewohner, der uns an diesem Tag über den Weg lief, war ein Mann mit seinen beiden Maultieren. Eines der Tiere ritt er selber, das andere diente ihm als Lasttier; es war mit Bündeln und Kanistern bepackt. Er grüßte freundlich, beachtete mich und die Kamera aber sonst nicht weiter.

Wir gelangten schneller zum Kratergrund, als wir es für möglich gehalten hatten: Vor uns breitete sich eine weite Idylle aus Wiesen und Weiden aus. Feldwege führten schnurgerade durch den sattgrünen, bunt mit Blumen gesprenkelten Rasenteppich. An den Rändern sah man den Mais sich in die Sonne recken. Pferde galoppierten über die Weiden und Hunde trotteten gemächlich auf den Wegen daher.

Wir kamen an einem alten Gehöft vorbei, das durch Jahrzehnte der Vernachlässigung in Verfall geraten war. Die Dachbalken kragten wie die Spanten eines geplünderten Piratenschiffes in die Luft. Die Denkmalpflege hatte zwar verzweifelte Anstrengungen unternommen, die zerbröckelnden Mauern vor dem Einsturz zu bewahren, doch es schien, alle Bemühungen wären vergeblich, denn sie kamen zu spät. Die Zeit forderte ihren Tribut – der Verfall hatte längst das Stadium der Unumkehrbarkeit erreicht und alles, was von dem einstmals ansehnlichen Haus noch übrig ist, sind brüchige Mauern und eine Handvoll morscher Balken.

Gleich nachdem man den Kraterboden erreicht hat, führt der Weg an einem Haus vorbei. Der Bau ist rund wie eine Jurte und von der Höhe des Kraterwalls aus betrachtet, wirkt er er eher wie der Tank einer Kläranlage. Auf dem Grundstück war ein junger Mann gerade mit Gartenarbeiten zugange. Er sprach gebrochen Englisch und wir erfuhren, dass man Zimmer mieten könne, nur wusste er nicht, wie viel man zu bezahlen hätte. Später fragte er seinen Vater – zwanzig Dollar verlangte man für die Nacht. Es schien jedoch nicht viele Reisende zu geben, die von dem Angebot Gebrauch machten. Als ich später allein durch den Krater streifte, begegnete mir nur ein junges Paar, das sich offenbar auf eine romantische Abenteuerreise begeben hatte. Ansonsten war ich ganz allein. Zwischen den Kraterwänden herrschte eine so tiefe Stille, dass jedes fremde Geräusch wie der Vorbote einer Invasion wirkte.

Mitten im Krater gibt es ein kleines Hotel. Ich gelangte eher zufällig zu diesem Ort, während ich den Feldwegen ziellos durch die üppig grüne Flur folgte. Es schien, das Gasthaus stand leer und die einzigen Bewohner waren der Besitzer, seine Familie und eine Angestellte. Von der anderen Seite hörte ich Kinderlachen und als ich den Bau umrundete und einen neugierigen Blick wagte, sah ich eine Frau, die an irgendeiner Maschine mit etwas Schweißtreibendem beschäftigt war: Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ein großes, schweres Handrad zu drehen. Ich weiß nicht, was genau sie da tat, aber es sah aus wie etwas, das Mägde und Knechte auf einem Gutshof um das Jahr 1900 getan haben würden. Zwei Kinder tollten in der Nähe herum. Ich wollte nicht stören und begab mich in den Gästeraum.

Das kleine Hotel ist so rustikal eingerichtet, dass man sich vorstellen könnte, man sei in einer Berghütte in den Rocky Mountains. Doch Bergsteiger und andere Abenteurer bekommt man hier wohl eher nicht zu Gesicht, denn es bedarf keiner besonderen körperlichen Fähigkeiten oder einer speziellen Ausrüstung, um zum Grund des Kraters zu gelangen. Es dauerte geraume Zeit, bis es mir gelang, auf mich aufmerksam zu machen. Ich wollte einfach nur eine Weile sitzen und ausruhen und damit ich einen Vorwand hätte, bestellte ich einen Kaffee.

Eine Angestellte war gerade damit beschäftigt, Caldo de pollo, also Hühnersuppe, zu kochen. Der aromatische Duft zog durch das ganze Haus und obwohl ich Suppen im Allgemeinen und Hühnersuppe im Speziellen gar nicht mag, bekam ich dennoch Appetit, weil es so verführerisch roch. Als die Frau dann endlich geruhte, meine Anwesenheit zu bemerken, nahm sie meine Bestellung in einer Mischung aus Verwunderung und Widerwillen entgegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der Kaffee kam. Nach guter alter Landessitte bestand er aus Instantpulver, das mit heißem Wasser aufgegossen worden war. Zumindest machten Milch und Zucker das Getränk einigermaßen genießbar.

Während ich so dasaß und meinen Kaffee trank – zum Glück war er heiß –, schaute der Besitzer vorbei. Er nahm von mir keinerlei Notiz, grüßte auch nicht, obwohl ich doch als der einzige Gast in der Lobby seines Hotels saß. Ich sprach ihn an, weil ich mehr über den Krater in Erfahrung bringen wollte, und wenn es jemanden gäbe, der darüber Bescheid wüsste, dann doch wohl er, da er hier lebte. Meine Spanischkenntnisse sind nicht der Rede wert, aber mein Englisch ist passabel und so fragte ich ihn, ob er Englisch spräche. Er bejahrte und ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Sprache sehr gut beherrschte, fast wie jemand, der längere Zeit in den USA verbracht hatte. Doch ich kann mich natürlich auch täuschen, denn seine Antworten blieben einsilbig. Meist beschränkte er sich sogar nur auf ein, wie es schien, widerwillig dahingemurmeltes Ja oder Nein.

Schon nach wenigen Minuten ging mir der Redestoff aus und außerdem kommt man sich schnell wie ein Idiot vor, wenn man immer nur Fragen stellt, aber nie eine Antwort bekommt. Es ist alles andere als erbaulich zu versuchen, mit jemandem ein Gespräch zu führen, der nicht im Geringsten an einer Unterhaltung interessiert zu sein scheint. Der Mann verstand mein Angebot zum Smalltalk offenbar gründlich falsch und ich hatte sogar den Eindruck, er fühlte sich regelrecht belästigt. Vielleicht lässt man sich als Hotelbesitzer zu solcherart seichter Unterhaltung nur herab, wenn man es mit zahlenden Gästen zu tun hat.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Rückweg. In der Einsamkeit des Kraters hat man sich menschlicher Gesellschaft offenbar bis zu dem Punkt entwöhnt, dass man selbst schon die flüchtige Begegnung mit Fremden als Störung empfindet. Ich hatte den Eindruck, die Leute wollten für sich bleiben und das mag auch der Grund sein, warum sie die Anwesenheit neugieriger Reisender nur ungern dulden. Ich wundere mich aber, warum man ausgerechnet ein Hotel betreibt, wenn man doch mit Menschen nichts zu tun haben möchte. Das ist ungefähr so, als würde jemand mit einer ausgeprägten Anthropophobie ausgerechnet im Kundenservice bei Ikea arbeiten.

Der Aufstieg hatte es in sich. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, Treppen zu steigen oder sich in schier endlosen Trainingssitzungen auf dem Stepper zu kasteien, beginnen die Oberschenkel schon nach kurzer Zeit infernalisch zu brennen. Aber man hat es ja nicht eilig und man kann so viele Pausen machen, wie man eben braucht, um sich wieder zu erholen. Die Mittagssonne schien heiß auf die Kraterflanke und der Fels speicherte und reflektierte die Wärme wie die Ziegelwände in einem alten Bäckerofen. Die steil aufragenden Wände der Caldera unterbinden jede Luftzirkulation und an manchen Abschnitten des Weges staute sich die Hitze wie im Fokus eines Brennspiegels. Schon nach kurzer Zeit rann mir der Schweiß über den Rücken, als hätte ich ein anstrengendes Ausdauertraining absolviert. Das Shirt klebte mir auf dem Leib und ich hätte sonst etwas gegeben für eine kühlende Brise. Doch man spürte nicht den geringsten Lufthauch.

Anderen Spaziergängern machte der Aufstieg weniger zu schaffen: Als ich einmal rastete (und dabei die schöne Aussicht genoss), überholte mich eine Frau von vielleicht Siebzig. Sie trug einen dicken Wollpullover, dazu auf dem Kopf ein grünes Filzhütchen, wie es in Deutschland wohl nur passionierte Jäger im Seniorenalter aufzusetzen pflegen. Dazu hatte sie sich einen prall gefüllten Rucksack auf den Rücken geschnallt. Sie grüßte mich freundlich und stapfte dann in einem solch forschen Tempo den Pfad hinauf, dass man glaubte, sie wäre fest entschlossen, sämtliche Rekorde einzustellen. Während sie hurtig an mir vorbeizog, rätselte ich, wie man es in dieser Hitze fertigbringt, einen dicken Wollpullover zu tragen (wahrscheinlich war er aus molliger Alpaka-Wolle gefertigt) und dazu noch einen Filzhut und es dennoch vermeidet zu schwitzen.

Oberhalb des Kraters gibt es ein schönes Hotel mit einem gemütlichen Restaurant. Das Hotel sitzt auf dem Grat des Kraterwalls wie die Ananasspalte auf der Piña colada. Es gibt eine kleine Lobby unter einer Kuppel, in deren Zenit sich ein Fenster befindet, das gleich einem allsehenden Auge Licht spendet. Man sitzt entspannt in den überaus bequemen Sesseln, trinkt Tee aus Guayusa, einer Pflanze des Oriente, und schaut durch die riesigen Panoramafenster verträumt in die karge Hochgebirgslandschaft.

Vom Restaurant aus blickt man direkt in den Krater und an jedem Nachmittag wird man Zeuge, wie die Wolken gleich einem Wasserfall aus Trockeneisnebel in Zeitlupe über den Felsgrat in die Caldera stürzen. Wenn man vom behaglichen Innern des Hotels aus die aufregend andersartige Welt jenseits der Panoramafenster gewahrt, fühlt man den angenehmen Schauder des Exotischen und man kommt sich so vor, als befände man sich im beschützten Innern seines Raumschiffs, das gerade auf einem fremden, gefährlichen Planeten gelandet ist. Und aus der sicheren und komfortablen Kommandozentrale bewundert man die ganz und gar unvertraute Landschaft mit ihren grandiosen Schauspielen.

Die Mauer des Inka

Wenn man von Cuenca aus der Panamericana nach Norden folgt, gelangt man über Azogues nach ca. einer Stunde zu einem Ort namens Ingapirca. Ingapirca liegt nicht direkt an der Panamericana, sondern etwas abseits. Kurz zuvor erklimmt die Autopisa noch einmal einen Pass und die Straße führt bis hinauf in die Tierra helada auf über 3.500 Metern Höhe. Danach, etwa auf der Höhe von Cañar, nimmt man den gut ausgeschilderten Abzweig, der einen in etwa einer Viertelstunde von der Hauptroute zur Ruinenstätte von Ingapirca führt.

Von Cuenca aus gibt es nur eine Route, auf der man direkt nach Quito gelangt, und das ist die Panamericana. Wie der Nervenstrang im Rückgrat durchzieht diese wichtige Verkehrsader den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland (Erst kürzlich musste ich mich belehren lassen, dass die berühmte Autopista eigentlich nur bis Puerto Montt in Chile reicht. Ganz im Süden des Kontinents macht die Straße einen Umweg über Argentinien. Am letzten Teilstück, der Carretera austral, wird seit den Zeiten des seligen Diktators Pinochet eifrig gebaut, aber es werden wohl noch einmal zwanzig, dreißig Jahre vergehen müssen, bis auch dieser Abschnitt fertiggestellt sein wird). In Südamerika folgt die Route der Panamericana über den größten Teil der Strecke dem Hochtal der Anden und deshalb muss der Reisende nur selten hohe Pässe überwinden oder sich durch gefährliche Serpentinen an steilen Bergflanken quälen. Die Straße führt auf einer Höhe zwischen zwei- und dreitausend Metern mit nur wenigen Umwegen immer geradeaus und wenn man in Ecuador auf der Nord-Süd-Achse reisen möchte, empfiehlt es sich, auf der in aller Regel gut ausgebauten Panamericana zu bleiben.

Wir veranschlagten für die Reise von Cuenca nach Quito etwa sechs Stunden und wahrscheinlich schafft man die Strecke auch in dieser Zeit, wenn man sich nicht verfährt, wenn es keinen Nebel gibt, wenn es einmal nicht sintflutartig zu regnen beginnt und für den Rest des Tages nicht mehr aufhört, wenn die Straße nicht wegen eines Unfalls gesperrt ist, wenn das Navi nicht plötzlich ausfällt, wenn, wenn, wenn … Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und eine kurze Strecke auf der Karte oder im Navi (sofern das Gerät die Güte hat, zu funktionieren) bedeutet in der Wirklichkeit nicht selten eine Prüfung für den Reisenden. Am Ende wurden aus geplanten sechs Stunden reiner Fahrtzeit über vierzehn Stunden, inklusive einer längeren Besichtigungstour der Ruinenstätte von Ingapirca.

Die Unannehmlichkeiten begannen, kaum dass wir Cuenca verlassen hatten. Wir waren eben aus der Stadt, da schickte uns das Navi auf eine alternative Route ins Nirgendwo. Unsere Absicht war es, auf der Panameriana zu bleiben, denn unser Ziel war Quito und die schnellste und beste Verbindung führt nun einmal über diese Straße. Doch am Ende fanden wir uns auf einem Abzweig wieder, der auf der Karte als dünner Faden von der Hauptroute ausläuft und welcher sich dann immer weiter nach Osten entfernt. Das Navi indes behauptete weiterhin steif und fest, dies sei die richtige Route, obwohl doch ein skeptischer Blick in die altmodische Straßenkarte genügte, um uns davon zu überzeugen, dass der Weg, auf dem wir uns befanden, schnurstracks in den Amazonas-Urwald führte.

Es blieb nichts weiter übrig, als zu drehen und zurückzufahren. Die Kreuzung, von der aus das Verhängnis seinen Ausgang genommen hatte, war so schlecht ausgeschildert, dass man tatsächlich raten musste, welcher der richtige Weg wäre, denn das Navi war in dieser Situation keine Hilfe. Anhand der Karte überschlugen wir, welche die richtige Richtung wäre, aber eigentlich waren es eher Mutmaßungen, die uns schließlich wieder zurück auf die Panamericana führten. Anhand des Zustandes der Straße konnte man jedenfalls nicht erkennen, wo man sich gerade befand, denn die Straßen an diesem Abschnitt der Autopista befanden sich allesamt in gleich schlechtem Zustand. Aber wir hatten Glück und unsere Entscheidung erwies sich als richtig. Nun ging es nach Norden, nach Quito, und die Straße wurde jetzt auch wieder besser.

Die Route, auf die uns das Navi irrtümlich (oder böswillig) geschickt hatte, führte an einem Fluss vorbei. Die braunen Wasser des Stromes flossen träge in einer weiten Schleife. Die Ufer waren dicht mit Bäumen und Buschwerk bestanden und oft ragten die Kronen wie ein Dach über die milchkaffeebraune Wasseroberfläche. An der Uferseite, die zur Straße hin lag, einem schlammigen Sandstreifen, auf dem man den Wald gerodet hatte, stand ein Lkw und Leute schienen mit etwas beschäftigt, das mir verdächtig bekannt vorkam.

Wenn man regelmäßig die „Goldschürfer“ auf D-Max guckt, dann fällt es schwer, in einem Lkw mit einer Siebvorrichtung, einer Schwimmplattform und einem dicken Schlauch, der beide über eine starke Pumpe verbindet, bloß eine Anlage zur Gewinnung von Sand zu sehen. Das jedenfalls behaupteten die Leute, als wir sie fragten. Man muss wissen, dass früher in der Gegend wirklich Gold gefördert wurde, und vielleicht ist der alte Entdeckergeist der Konquistadoren noch nicht ganz verschwunden. Es kann gut sein, dass man auch heute noch die eine oder andere Unze des begehrten Edelmetalls in den Flüssen rund um Cuenca findet – wenn man nur weiß, wo man zu suchen hat. Vieles, was in der Gegend geschieht, ist sicher nicht immer ganz legal, und ich würde mir auch nicht gern in die Karten gucken lassen, wenn ich in zwielichtige Geschäfte verstrickt wäre. Es könnte natürlich möglich sein, ich täuschte mich und man pumpte wirklich nur Sand vom Grunde des Flusses herauf. Dann habe ich eindeutig zu viel Zeit auf D-Max verbracht.

Ingapirca, das auf Quechua soviel wie „die Mauer des Inka“ bedeutet, liegt auf fast 3.200 Metern Höhe. Als wir die Ruinenstätte erreichten, regnete es wieder einmal in Strömen. In den Anden muss man immer mit schlechtem Wetter rechnen und es empfiehlt sich daher, Termine für Ausflüge oder Besichtigungstouren unter freiem Himmel nicht allzu dick im Kalender einzutragen. Doch nun waren wir schon einmal hier und da Ingapirca viele Stunden Autobahnfahrt von Quito entfernt liegt, würden wir diesen Ort auch so bald nicht wieder besuchen. Wir wollten uns die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen – trotz des unaufhörlichen Regens und trotz der Kälte.

Ich hatte Ingapirca 1992 anlässlich meiner ersten Reise nach Ecuador kennengelernt. Damals hatten wir kein Auto und wir waren von Cuenca aus mit dem Taxi hinauf zu den Ruinen gefahren. Zwar gab es noch die Landeswährung, den Sucre, aber man konnte schon damals überall mit Dollars bezahlen. Wir mieteten ein Taxi für den ganzen Tag und mussten dafür gerade einmal fünfundsechzig Dollar aufwenden. In jenen Tagen war das eine Menge Geld, heute aber würde ein solcher Betrag nicht einmal für den bescheidensten Wocheneinkauf reichen.

Ich erinnere mich, dass die Straße durch einsame Berglandschaften führte. Sobald wir von der Panamericana abgezweigt waren, verloren sich auch die letzten Zeichen menschlicher Besiedlung in der Landschaft und in Ingapirca selbst gab es damals kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit, nur die majestätischen Inkaruinen. Ich hatte einige Tage zuvor an einer schweren Durchfallerkrankung gelitten – Montezumas Rache nennt man dieses Leiden manchmal – und obwohl ich mittlerweile wieder leidlich hergestellt war, fühlte ich mich noch immer recht schwach.

Ich bin beileibe kein Hypochonder, aber manche Krankheiten kann man unmöglich aussitzen (es sei denn, auf dem Klo) und will man weiterleben (ganz recht!), ist die Hilfe eines Arztes dringend geboten. Es ging mir so schlecht, dass ich sogar ins Krankenhaus musste. Das Schlimme bei Durchfall ist, dass man jegliche Würde verliert und am Ende ist einem einfach alles egal – ob man lebt oder ob man stirbt oder ob man die Hosen im wahrsten Sinne des Worte voll hat. Man will nur, dass es aufhört – wie, ist dabei völlig gleich. Doch die Krise war nun ausgestanden und ich fühlte mich wieder gut, weshalb es auch möglich war, dass wir diese Reise unternahmen.

Irgendwo in der einsamen Berglandschaft forderte dann aber Mutter Natur doch ihr Recht und ich war vor die Wahl gestellt, entweder schnell ein stilles Örtchen zu finden oder mir ein paar neue Hosen zu besorgen. Die Straße schlängelte sich wie einer der alten Inkapfade in immer größere Höhen und beiderseits des Weges begegnete einem nur die menschenleere Einöde aus stacheligem Páramo-Gras. Wo sollte es denn hier ein Örtchen geben! Genauso gut hätte man darauf hoffen können, im Mare Nubium auf dem Mond ein Dixi-Klo zu finden. Doch in den Anden muss man immer mit dem Unerwarteten rechnen und manchmal hat man es nicht einmal mit unangenehmen Überraschungen zu tun.

An einem abweisenden Berghang, dort, wo die Straße einen ihrer unzähligen Haken schlug, um sich weiter hinauf in die Wolken zu winden, tauchte wie eine Verheißung urplötzlich ein Lokus aus dem Nebel auf. Es war der Archetyp aller Scheißhäuser dieser Welt seit der Morgenröte der menschlichen Zivilisation: vier wackelige Bretterwände und ein Dach, ein Herzchen in der morschen Holztür. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, mitten in der Stille der Bergwelt dieses stille Örtchen aufzustellen. Jedenfalls muss es ein Mensch mit einem zu Herzen gehenden Verständnis für die menschlichen Nöte gewesen sein. Er hat mir an jenem denkwürdigen Tag vielleicht nicht das Leben gerettet, doch mit Sicherheit hat er mich vor einer Kette recht peinlicher Ereignisse bewahrt.

Die Ruinenstätte von Ingapirca hat sich seit 1992 nicht verändert – wie könnte sie auch! –, doch die Landschaft würde man nicht wiedererkennen. Vor vierundzwanzig Jahren gab es in der näheren Umgebung der Ruinenstätte kein einziges Haus und der Landstrich wirkte fast unberührt. Es gab kein Besucherzentrum, keine Tickets, keine Souvenir-Shops, keine Restaurants, keine Kantinen, keine Cafés, keine Schranken, keine Zäune, keine Parkplätze, keine Besucherpfade, keine Hinweis- und Verbotsschilder, keine Objektbewachung, keine Eingangsschleuse, keine Besucherführungen, keine Guides – es gab nicht einmal Touristen.

Wir und der Taxifahrer waren damals die einzigen Menschen auf dem Berg. Man hätte glauben können, wir seien die Überlebenden einer Katastrophe planetaren Ausmaßes und die alte mystische Kultstätte wäre die letzte Zuflucht. Dort, wo früher rein gar nichts war, sieht man heute Dutzende Häuser wie Fremdkörper in der Landschaft stehen. Die meisten Gebäude wirken neu und es ist nicht schwer, sich einen Reim darauf zu machen: Wahrscheinlich haben die Leute die Touristenschwemme, die mit den Jahren über den Ort gekommen ist, als Einkommensquelle entdeckt.

Während wir damals, 1992, unbehelligt von jeglicher denkmalpflegerischer Autorität, um die Mauern turnten, verschwand der Taxifahrer für eine Weile, so dass wir ganz allein waren. Ich habe Fotos, auf denen man mich auf den Mauern stehen sieht, und rings herum gibt es nichts außer der leeren Landschaft des Andenhochlandes. Heute darf man nicht mehr auf die Mauern steigen, doch vor vierundzwanzig Jahren hätte man sich mit Vorschlaghammer und Brecheisen an den Steinquadern zu schaffen machen können und niemand hätte einen daran gehindert. Man hätte ganze Anhängerladungen Steine mitnehmen können und kaum einer hätte es bemerkt und ich glaube auch nicht, dass es jemanden gestört hätte. Das Bewusstsein für den Wert kultureller Hinterlassenschaften der Vorfahren hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. Früher sah man in Ruinenstätten wie dieser bloß unnütze alte Steinhaufen.

Es regnete an diesem Tag wieder einmal, als wollte der Himmel sein Werk doch noch vollenden und die Menschheit in einer zweiten Sintflut untergehen lassen. Zum Glück gab es an einem der Souvenir-Stände Regenpelerinen zu kaufen und solcherart gegen die Wassermassen gewappnet, warteten wir an der Eingangsschleuse, von der aus man auf das Ruinengelände gelangt, bis die nächste Führung stattfinden würde. Ohne fachkundige Begleitung darf man das Gelände nicht mehr betreten, aber schon bald hatte sich ein Dutzend Interessierter zusammengefunden und die Führung konnte beginnen.

Unser geführter Rundgang über das Gelände dauerte anderthalb Stunden und wir waren an diesem Tag froh, dass er nicht noch länger dauerte, denn der unaufhörliche starke Regen zerrte an den Nerven. Obwohl ich das höchst kleidsame Regencape trug, war alles, was daraus hervorschaute, schon nach kurzer Zeit vollkommen durchgeweicht. Meine Schuhe quietschten vor Nässe und die Hosenbeine platschten bei jedem Schritt gegen die Waden wie die Flossen eines toten Fisches. Das war wirklich kein Tag, um einen Kulturtrip zu genießen.

Aber es gab andere Besucher, denen der Regen und die feuchte Kälte ganz offensichtlich nichts ausmachten. Am Sonnentempel, dem Höhepunkt der Tour, begegneten wir einer Gruppe Amerikanern. Viele strahlten unter ihren Regencapes als könnten sie sich gar kein schöneres Wetter als dieses für ihren Ausflug in die Vergangenheit der Andenwelt vorstellen. Einer grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd und ich weiß nicht, was ihn so froh machte. Ich war durchnässt und fror und ich hätte mich am liebsten in ein mollig warmes Café geflüchtet und mich an einem großen Mocaccino mit extra viel Schokoladensoße gewärmt. Doch diese Leute wirkten so glücklich, als hätten sie sich gerade kollektiv rosa Happy-Pillen eingeworfen. Ich muss annehmen, die Überdosis Kultur hat sie in ein seliges Nirwana versetzt.

In den letzten Jahren hat man für den Schutz der Relikte aus präkolumbianischer Zeit gesorgt. Man konnte sehen, dass die Konservatoren die Grundmauern jener Gebäude, die einmal Wohnhäuser gewesen sein mochten, zum Schutz vor der harschen Witterung mit Sand bedeckt hatten. Viele Bereiche des Archäologie-Parks sind dem Besucher nicht mehr zugänglich wie noch vor über zwanzig Jahren. Darüber hinaus ist man gehalten, sich stets auf den ausgeschilderten Pfaden zu bewegen. Man mag diesen Zustand bedauern, denn die Anlage verliert im Getriebe des Kulturtourismus viel von ihrer mystischen Ausstrahlung. Doch jeder vernünftige Mensch wird dagegen kaum etwas einwenden wollen, denn man muss einsehen, dass die Erhaltung solcher wertvollen historischen Denkmäler gewisse Schutzmaßnahmen erfordert, die dem Einzelnen zwar widerstreben mögen, die aber letztlich nur dazu dienen, zukünftigen Generationen diese einmaligen Kulturgüter zu erhalten.

Trotz des Regens machten wir viele Fotos. Ich fürchtete, die Kamera könnte Schaden nehmen, wenn ich sie dauernd dem strömenden Regen aussetzte, und daher hielt meine Frau immer fürsorglich den Schirm über mich, wenn ich eine Aufnahme machte. Die meiste Zeit versteckte ich den Apparat unter dem Regencape, doch meine Kleidung war mittlerweile klamm und eine ganz und gar trockene Stelle gab es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich sahen wir aus wie der Kunstfotograf und seine beflissene Assistentin – wirklich drollig. Die anderen Besucher zückten nur selten das Handy und dann schossen sie ein schnelles Foto aus der Hüfte. Um ein Motiv sorgsam einzufangen, war es viel zu nass.

Als wir am Sonnentempel angekommen waren, konnte ich mich davon überzeugen, dass die Steinblöcke im Mauerwerk so dicht aneinandergefügt sind, dass nicht einmal ein Blatt Papier dazwischen Platz hätte. Darüber hört man in jeder einschlägigen Dokumentation, aber wenn man es mit eigenen Augen sieht, scheint es auf einmal viel wirklicher. Es muss eine Ewigkeit gedauert haben, solche perfekten Mauern zu errichten.

Aber nicht alles, was man auf dem Gelände sehen kann, stammt von den Inkas. Die Gegend war lange umkämpft zwischen ihnen und den Cañaris, den angestammten Bewohnern der Region. Trotz ihrer überlegenen Kriegsmacht ist es den Inkas nie gelungen, die Cañaris zu unterwerfen. Am Ende einigte man sich auf einen diplomatischen Kompromiss, der in einer Heiratsallianz gipfelte. Inkas und Einheimische teilten sich fortan in die Regierung und die Kultur der Cañaris blieb erhalten. Ihre Siedlung wurde nach und nach in die Anlage der Inkas integriert. Die charakteristischen Unterschiede zwischen beiden Kulturen kann man aber noch heute deutlich in den Monumenten erkennen.

Nach der Tour mussten wir uns erst einmal gründlich trocken frottieren – so gut man sich eben trocknen kann, wenn alles, was man zur Hand hat, ein klammes Badetuch ist und feuchte Kleidung. Schuhe und Stümpfe zog ich gleich ganz aus. Stattdessen nahm ich die Latschen, die ich immer am Strand von Bahía zu tragen pflege. Trotz der Kälte war dies immer noch angenehmer, als die nächsten Stunden in patschnassen Schuhen zu verbringen. Die Bewohner des Andenhochlandes trugen traditionell Sandalen und so hatte ich diesmal Gelegenheit auszuprobieren, wie es sich für einen antiken Andenbewohner angefühlt haben muss.

Es war mittlerweile schon Mittag und wir rechneten nicht mehr damit, dass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit Quito erreichen würden. Ich machte mich also auf eine lange anstrengende Nachtfahrt gefasst, aber dass wir erst nach Mitternacht zuhause eintreffen würden, damit rechnete niemand.

Fürsten der Welt in Las Peñas

Wir haben nicht viel Zeit, aber wir wollen die Stadt nicht verlassen, ohne eines ihrer Glanzstücke besichtigt zu haben. Guayaquil hat viele Attraktionen zu bieten, doch das Viertel „Las Peñas“ kann mit Sicherheit als der Höhepunkt einer jeden Besichtigungstour betrachtet werden. Das berühmte Viertel befindet sich oberhalb der Uferpromenade am Río Guayas. Aber dem Besucher, der die phantastische Aussicht über die Stadt und das Delta des Flusses genießen will, wird auch einiges abverlangt, denn um bis auf den Gipfel des Berges zu gelangen, an dessen Flanken „Las Peñas“ emporwächst, muss man insgesamt 444 Stufen erklimmen. Jede einzelne Stufe ist nummeriert, so dass der sportliche Flaneur stets im Bilde ist, welches Quantum an Qual ihm noch bevorsteht.

Die Hitze ist an diesem Tag so unerträglich wie an allen Tagen. Sobald man die kühle Hotellobby verlassen hat, rinnt einem der Schweiß aus allen Poren, und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. In „Las Peñas“ begegnen uns zwei ältere Herren, beide offenbar Bewohner des Viertels und beide von der gesetzt würdevollen Art, wie sie für Senioren hierzulande als üblich und unerlässlich empfunden wird. Sie unterhalten sich angeregt, während sie Seit an Seit durch die schön renovierten Gassen schlendern. Ihre Hemden und sogar die Hosen sind vorn und hinten so vollständig durchgeschwitzt, dass man glauben könnte, sie hätten gerade an einer Wasserschlacht teilgenommen. Das tut ihrer Würde aber keinen Abbruch, denn ganz gleich, ob Hoch oder Niedrig – schwitzen muss hier jeder.

„Las Peñas“ ist einer der ältesten Stadtteile Guayaquils und man hat in den letzten Jahren weder Kosten noch Mühen gescheut, um die traditionelle Architektur wieder instand zu setzen, nachdem sie in jahrzehntelanger Dekadenz dahingedämmert war. Das Viertel wurde von Grund auf erneuert. Dabei hat man es jedoch glücklicherweise vermieden, den Stadtteil in ein Schaukästchen für Touristen zu verwandeln, und so leben in dem traditionsreichen Viertel bis heute die angestammten Bewohner.

Man wünschte, dass noch mehr Städte auf solch umsichtige Weise saniert würden, aber oft regiert der Pragmatismus klammer Kassen oder einfach nur Ignoranz und die historisch wertvolle Bausubstanz weicht gesichtsloser Zweckarchitektur. Das ist schade, aber leider nicht zu verhindern, solange die Menschen kein Bewusstsein dafür entwickeln, dass ihre historischen Monumente einen Wert haben, der weit über das hinausgeht, was sich in Dollar und Cent bemessen lässt.

Wir klimmen mühsam die Stufen empor. Die Hitze macht uns den Aufstieg zur Qual, doch für die Mühen werden mit mit einem atemberaubenden Blick auf den Río Guayas und die Stadt an seinem Ufer belohnt. Etwa alle fünfzig Stufen gelangt man zu einer Plattform, auf der wir einen kurzen Moment lang verweilen, und während wir ruhen und die Schweißbäche einzudämmen versuchen, die uns unaufhörlich aus allen Poren brechen, genießen wir den Ausblick.

Wir begegnen an diesem Tag kaum einmal jemanden, der aussieht wie ein Tourist. Hin und wieder trifft man einen Bewohner des Stadtteils, doch die meisten scheinen es angesichts der Temperaturen vorzuziehen, im kühlen Innern ihrer Häuser zu verweilen. Alle fünfzig Meter grüßt uns ein Polizist. Ich weiß nicht, wie die Leute es den ganzen Tag lang in der prallen Sonne aushalten, noch dazu in dicker schwarzer Montur und mit kugelsicherer Weste. Die Gesetzeshüter wirken auch gar nicht wie der einfache Schutzmann von der Ecke, sondern erinnern eher an die Mitglieder einer Antiterroreinheit. Ich will hoffen, dass ich mich täusche.

Wir fühlen uns so sicher wie man sich nur fühlen kann: Es ist überhaupt kein Problem, die Kamera hervorzuholen und Bilder zu machen. Niemand beobachtet einen und vor allem ist da niemand, dem es ein ernstes Anliegen zu sein scheint, die Kamera immer schön im Auge zu behalten. Es gibt kaum Leute auf der Straße und wenn man doch einmal jemanden trifft, ist es nicht selten ein netter Polizist, der einem höflich den Weg weist. Wir sind uns bewusst, dass die Polizei ihre Leute nicht zum Spaß auf den Hügel beordert hat, und wir schätzen den Dienst, der es uns erlaubt, einen entspannten Vormittag in den Gassen von „Las Peñas“ zu verbringen.

Dann endlich haben wir auch die 444ste Stufe genommen und wir befinden uns an der höchsten Stelle des Viertels. Eine milde Brise empfängt uns auf dem Gipfelplateau und verschafft uns ein wenig Kühlung. Der Anblick, der sich uns bietet, ist einfach nur atemberaubend. Die Schlussszene eines James-Bond-Films oder einer Romanze könnte hier spielen. Der Blick streift bis zu den äußersten Rändern der Stadt, die wie eine Fata Morgana im Dunst des Flussdeltas verschwimmen. Stromaufwärts sieht man eine Insel, die wie ein Floß auf dem Wasser zu treiben scheint. Auf beiden Seiten wird sie von den mächtigen Armen des Río Guayas umflossen. Dort liegt Durán, eine Vorstadt der Hafenmetropole. Brücken spannen sich als filigrane Viadukte über die Wasser. Der Anblick ist so unwirklich, dass man an einen Traum glauben könnte, würde man nicht den sengenden Stachel der Hitze spüren und würde einem nicht unaufhörlich der Schweiß von der Stirn tropfen.

Auf dem Gipfel des Hügels gibt es einen Leuchtturm und eine kleine Kirche. Man findet die Überreste der Kasematten jener Festung, in der einst die Küstenbatterie untergebracht war. Von hier aus war es den Kanonieren möglich, das ganze Delta des Río Guayas unter Feuer zu nehmen und deshalb wurde die Festung immer wieder beharrlich gegen jeden Angreifer verteidigt. Der Märtyrer des Vaterlandes sind Legion.

In unmittelbarer Nähe steht der Leuchtturm. Wenn man die Aussichtsplattform unter dem Leuchtfeuer betritt, hat man den Eindruck, man stehe auf dem Gipfel der Welt und die Erde breite sich unter einem aus gleich einer Morgengabe, die nur darauf warte, dass man von ihr Besitz ergreife. Der Anblick ist so über alle Maßen schön, dass man leicht vergisst, wie viele Gefahren dem Reisenden begegnen in der Stadt am Fluss, die gleich einer betörenden Vision daliegt am Fuße jenes Hügels, der sich wie eine heilige Akropolis über die Köpfe der Menschen erhebt.

Mindo: Stadt in den Bergen

Als wir so gemütlich am Tisch sitzen und unseren Kaffee genießen, während draußen der Regen auf die Stadt niederfällt, wird uns klar, dass Mindo doch eine recht künstliche Welt ist, die sich auf Gedeih und Verderb dem Tourismus verschrieben hat. Aber es gibt auch keine Alternative und gäbe es eine, hätten die Bewohner die Chance vielleicht auch ergriffen. Ich glaube allerdings, der Ort würde noch immer in seinem Dornröschenschlaf dahinschlummern, und er wäre auch nie daraus erwacht, wenn Scharen von lärmenden Touristen ihn nicht aus seinem Koma erlöst hätten. Für die Menschen kann man nur hoffen, dass der Traum von einem besseren Leben, der sich für sie erfüllt zu haben scheint, niemals ein Ende haben wird.

Die Berge versperren den Horizont, nirgendwo vermag man weiter zu blicken als bis zum nächsten Gipfel und nirgendwo in Mindo hat man den offenen Ausblick, den die Seele manchmal braucht, um sich frei zu fühlen. Die Berge erheben sich gleich unüberwindlichen Wächtern, die jeden daran hindern, diesen Ort je wieder zu verlassen. Oft ist der Himmel bedeckt und die Wolken hängen so tief wie die Bäuche nasser Bettlaken. Nicht selten liegt Nebel schwer wie eine alte Federdecke im Tal und dann verschwinden selbst die wachenden Berge in einem grauen Nirwana.

Verweilt man länger in Mindo, kann einen leicht das Gefühl beschleichen, man wäre eingesperrt; klaustrophobische Naturen könnten sogar zu Panikattacken neigen. Vielleicht aber empfinden die Bewohner die Enge der Berge und des Himmels als Geborgenheit – jedenfalls muss es einen Grund geben, der sie in ihrer Heimat hält. Ich kann nichts in Mindo entdecken, das mich zum Bleiben einlädt. Im Gegenteil, je länger ich hier verweile, desto stärker drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre von Mauern umstellt und diese Mauern rückten immer näher.

Abenteuer auf dem Río Mindo

Nur einen Katzensprung vom Schmetterlingshaus entfernt, befindet sich die Rafting-Station. Ich musste mich belehren lassen, dass man nur dann vom Rafting sprechen kann, wenn die Wildwasser-Argonauten auch die Möglichkeit haben, das Gefährt, dem sie sich anvertrauen, selbst zu steuern. Sitzt man jedoch auf einem Traktorreifen, ist diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt vorhanden. Man nennt die Tätigkeit dann folglich auch nicht Rafting, weil man ja nicht auf einem Raft, einem Floß sitzt, sondern Tubing (Tube – Schlauch). Sechs solcher Reifen werden nach Art eines Kohlenstoffmoleküls zusammengeschnürt, der siebte Reifen kommt in die Mitte.

Am Río Mindo geht es zu wie am Riesenrad auf dem Rummelplatz, wenn die Vergnügungssüchtigen sich in die Gondeln drängen: Sobald ein Floß besetzt ist, wird es der Strömung anvertraut, aber schon folgt das nächste und so könnte es wahrscheinlich fort gehen bis in alle Unendlichkeit, wenn nicht irgendwann die Nacht hereinbrechen würde. Auf jedem der Gummiflöße klammert sich ein halbes Dutzend todesmutiger Tubonauten an die Reifen, doch es geht eher gemächlich den Fluss hinunter, von abenteuerlicher Wildwasserfahrt keine Spur. Irgendwo, ein paar Hundert Meter unterhalb der Einstiegsfurt, zieht man die kreischende Fahrtgemeinschaft wieder ans Ufer; die Flöße finden auf Pickups den Weg zurück zum Ausgangsort und mit der Rückfuhre wird gleich frisches menschliches Cargo zur Tubing-Station gebracht.

Als ich mich der Station nähere, um Fotos zu schießen, werde ich gleich ein paarmal von den „Bootsführern“ gefragt, ob ich mitfahren will. Man scheint es zu glauben, denn schließlich sehe ich aus wie ein Gringo und damit scheine ich geradezu prädestiniert für Abenteuer dieser Art. Nicht wenige sind sichtlich verstört, als ich dankend ablehne. Ich mache ein paar Fotos. Am Ufer drängen sich Leute in Schwimmwesten so dicht wie die Mähnenrobben auf den Felsklippen vor Feuerland.

Ein paar der Abenteuerwilligen haben sich Go-pros an den Kopf geschnallt, kleine Kameras, mit denen man festhalten kann, was man gerade sieht. Man kann sagen, was man will, aber mit so einer Linse an der Stirn sieht man einfach nur lächerlich aus. Im besten Falle würde man für einen Borg gehalten werden, aber ich glaube nicht, dass es hierzulande viele Trekkies gibt, die den Spaß auch verstehen könnten. Die meisten, die das Wagnis eingehen, sich den Fluss hinuntertragen zu lassen, scheinen Ecuadorianer zu sein. Überhaupt sieht man nur sehr wenige Touristen, die man für Ausländer halten könnte, und wenn, dann sind sie sofort als solche zu erkennen – als hätte man ihnen ein Mal auf die Stirn tätowiert.

Schmetterlinge und Kolibris

Das Mariposario, das Schmetterlingshaus, befindet sich eine kurze Wegstrecke von Mindo entfernt. Man könnte laufen – laut Reiseführer, den ich mir sicherheitshalber eingesteckt habe, benötigt selbst der ungeübte Wanderer gerade eine Dreiviertelstunde. Doch im Gegensatz zu der Abzweigung, die von der Hauptroute nach Mindo abgeht, ist diese Straße nicht befestigt und der letzte Regen hat sie in eine einzige Schlammpiste verwandelt. Die Entdeckerlust in mir ist keineswegs so groß, dass ich es wegen einiger Schmetterlinge auf mich nehmen würde, durch den knöcheltiefen Matsch zu waten.

Wir nehmen also das Auto, wie fast alle anderen Besucher des Mariposarios. Ein paar allerdings trampen fröhlich durch den Modder – ich weiß allerdings nicht, welche Notwendigkeit besteht, zu Fuß zu gehen, wenn man bequem mit dem Auto fahren kann. Vielleicht sind sie ohne eigenen Wagen angereist. Der Weg zu den Schmetterlingen ist nicht sehr gut ausgeschildert und es gibt auch Abzweigungen, in die man sich verirren könnte. Auf halber Stecke fragen wir den Kokosmann nach dem richtigen Weg. Er zeigt ihn uns und bietet uns gleich einen Coco helado, eine eisgekühlte Kokosnuss, an. Wir lehnen dankend ab, doch wir beteuern, wir kämen auf dem Rückweg noch einmal vorbei. Der Parkplatz an der Schmetterlingsfarm ist mit Autos restlos zugestellt und so parken wir, wie Dutzende andere auch, einfach am Straßenrand.

Das Mariposario ist nicht weiter imposant. Eigentlich handelt es sich nur um eine Art Vivarium, nicht unähnlich der Tropenhalle im Tierpark Berlin (nur viel kleiner). Hunderte von bunten Schmetterlingen flattern durch die Luft und wenn man sie so sieht, wird einem plötzlich klar, wie treffend die Metapher von den Schmetterlingen im Bauch ist: Überall ist Bewegung, kaum je sieht man die Tiere einmal stillhalten und fast hat es den Anschein, sie flögen nicht, sondern sie schwebten einfach durch die Luft. Die Insekten sind die wahre Attraktion und man kann sich kaum sattsehen an den wunderschönen Farben, Mustern und Formen, die einem fortwährend wie ein bunter Blütensturm um den Kopf schwirren. Schalen mit Bananen- oder Mangopüree locken die Flattertiere in Scharen an, und da sie stillhalten, während sie sich das Festmahl einverleiben, kann man sie auch einmal in Ruhe fotografieren.

Merkwürdigerweise gibt es eine Lobby, die sogar noch die Dimensionen des Schmetterlingshauses übertrifft. Sie ist ausstaffiert mit bequemen Sitzecken und auf Beistelltischen liegen dicke Stapel der neuesten Illustrierten aus. Die Lobby verfügt über eine Galerie und die Wände sind geschmackvoll dekoriert. Zwei oder drei Gäste fläzen in den Sesseln und blättern gelangweilt in den Zeitschriften. Man fragt sich, warum ein relativ kleines Schmetterlingshaus, das doch der eigentliche Anziehungspunkt sein soll, solch eine riesige Lobby braucht. Doch nicht jeder mag Schmetterlinge und es könnte sein, dass es Menschen gibt, die die bunten Seiten einer Illustrierten dem bunten Geflatter vorziehen. Vielleicht aber hat einer der Initiatoren des Projekts nur zu oft „Jurassic Park“ gesehen und er glaubte daher, ein echter Naturerlebnispark brauche eine Lobby, die dieses Namens würdig ist. Gott sei Dank hat man kein Dinosaurierskelett unter die Decke gehängt. Bienvenidos al Mariposario!

Am Ende stellte sich heraus, dass meine Frau nur Karten für die Schmetterlinge gekauft hatte und nicht für die Kolibris. Doch im Garten rund um das Schmetterlingshaus hatte man in den Bäumen Rastplätze mit Zuckerwasserflaschen für die kleinen Vögel angebracht. Ein Dutzend smaragdgrüner Vögel schwirrte an diesem Tag zwischen den Bäumen umher. Wir verweilten und schauten den Vögeln dabei zu, wie sie ihre unglaublichen Flugkünste vorführten. Ihr Flügelschlag ist so schnell, dass das Auge nur ein Flirren wie von heißer Luft wahrzunehmen vermag. Manchmal schwebten die Vögel auf der Stelle, manchmal flogen sie rückwärts, dann wieder schossen sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit durchs Geäst, stoppten vor einer der Plattformen und landeten zielsicher, um Zuckerwasser zu tanken. Man hatte wirklich den Eindruck, die Rastplätze wären Tankstationen, an denen fortwährend jemand landete oder wieder abflog, und es ging so geschäftig zu wie auf einem großen Flughafen.

Nicht viele der Gäste des Mariposarios schienen sich für die Kolibris zu interessieren. Die meisten liefen achtlos an den Vögeln vorbei. Einer versuchte gar, ihnen etwas von seinem Bier anzubieten, aber ich glaube kaum, dass so ein kleiner Vogel ein guter Zechkumpan wäre, denn er verträgt ja nicht viel. Mir ist indes völlig schleierhaft, warum man einen Naturerlebnispark überhaupt mit einem Bier betreten muss.