Heroen und andere Unsterbliche

Die Tage in Bahía sind eine unbeschwerte Zeit, die bei Sonne, Strand und Meer nur allzu schnell verrinnt. Der Rhythmus der Stadt ist ansteckend und fünf Tage sind schnell vergangen, wenn man nichts weiter zu tun hat, als den natürlichen Bedürfnissen zu gehorchen. Es gibt keine Pflichten, denen man zu genügen hätte, keine lästigen Obliegenheiten, mit denen einen der Alltag nur allzu oft quält, und am Strand zu liegen, Muße zu pflegen und hin und wieder das gute einheimische Essen zu genießen, sind schon die einzigen Forderungen, denen man sich zu fügen hat.

Man könnte so das ganze Leben zubringen und es wäre in nur einem Augenblick vorbei. Selbst die Ewigkeit wirkt kürzer angesichts des Gleichmaßes, das der stete Takt von Tag und Nacht der Welt als unerschütterliches Gesetz auferlegt. In Bahía richtet sich das Versmaß des Lebens nach dem Rhythmus der Natur und das Metrum der Zeit schlägt immer mit derselben unveränderlichen Geschwindigkeit. Nie geschieht etwas, das ihren Lauf beschleunigt und Uhren, die einen daran gemahnen, immer hübsch im Takt zu bleiben, sind daher ganz unnötig. Das Leben ist ein einziges unerschütterliches Kontinuum. Es ist friedlich und ruhig – kein Wunder, dass es so viele Expats in die Stadt zieht: Einen größeren Kontrast zu den Großstädten der USA oder Europas könnte man sich wahrlich nicht denken.

Einmal fahren wir nach Rocafuerte, um Süßigkeiten einzukaufen. Wir schaufeln die Dulces gleich tütenweise ins Auto, aber die Leckereien sind auch schnell aufgegessen. Ich bin geradezu abhängig von dem Naschwerk mit Maní (Erdnussbutter) und ich kann mich schon ein paar Tage später nicht mehr zurückhalten und esse gleich zwei große Behälter an nur einem einzigen Abend leer.

Ganz in der Nähe liegt Montecristi, ein kleiner Ort, der für seine Flechtarbeiten aus Toquilla bekannt ist. Toquilla ist ein Gras, das ausschließlich an der ecuadorianischen Pazifikküste vorkommt. Schon in präkolumbianischer Zeit fand es Verwendung und Händler brachten Erzeugnisse daraus bis nach Mexiko. Berühmtheit erlangte Montecristi durch den Panama-Hut, denn auch wenn die Kopfbedeckung nach dem Land in Mittelamerika benannt ist, stammen die Hüte doch aus der ecuadorianischen Küstenregion, besonders aus Montecristi und dessen näherer Umgebung.

Montecristi wird ebenfalls als der Geburtsort Eloy Alfaros gerühmt. Eloy Alfaro war zweimal Präsident Ecuadors (bis 1911) und gilt als der Wegbereiter der liberalen Revolution. Unter seiner Ägide wurde die Trennung von Kirche und Staat vollzogen. Darüber hinaus initiierte er den Bau einer Eisenbahn, die zum ersten Mal Costa und Sierra direkt verbinden sollte. Das Projekt galt seinerzeit als undurchführbar, doch im Jahre 1908 wurde das letzte Teilstück der Route Guayaquil-Quito fertiggestellt. Vor dem Bau der Eisenbahnstrecke dauerte eine Reise Wochen. Für die Bergregionen bestimmte Handelsgüter mussten auf Eseln transportiert werden und der Weg führte über steinige Pfade bis hinauf in eisige Höhen.

Mit der Eisenbahn schaffte man dieselbe Strecke, für die man vorher Wochen benötigt hatte, in nur zwei Tagen. Damit wurden Costa und Sierra zum ersten Mal auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden (Heute braucht man mit dem Auto etwa acht Stunden.). Als sich der General später zum dritten Mal zum Präsidentenamt zu putschen versuchte, verlor er seine Unterstützer, wurde festgenommen, in Quito ins Gefängnis gesperrt und dort von einer wütenden Menge gelyncht. Seine Leiche wurde in einem der großen Parks der Stadt verbrannt.

Heute gilt Eloy Alfaro als eine Art Nationalheiliger und er wird als der mächtigste Bannerträger des Fortschritts in der ecuadorianischen Geschichte verehrt. Die derzeitige Regierung, die sich als Wahrerin jener Werte versteht, für die der General einst unter Einsatz seines Lebens kämpfte, beruft sich explizit auf dessen Vorreiterrolle in der liberalen Bewegung. Die Regierung Correa versteht sich als Alleinerbin der liberalen Revolution und sieht sich zugleich als kämpferische Verwalterin ihres Vermächtnisses. Sie wird nicht müde, diesen Anspruch propagandistisch akzentuiert unters Volk zu bringen, um noch dem Letzten im Lande klarzumachen, dass die liberale Revolution im Sinne Eloy Alfaros mit dieser Regierung ihre Fortsetzung und letztlich ihre Vollendung gefunden hat. Amtsinhaber Rafael Correa ist übrigens ein entfernter Verwandter des berühmten Generals.

Oberhalb von Montecristi, dem Geburtsort Eloy Alfaros, hat man eine nationale Weihestätte zum Andenken an den großen Präsidenten errichtet. In der Ciudad Alfaro, der „Alfaro-Stadt“, gibt es eine Gedenkstätte, die einem Mausoleum nicht unähnlich sieht. Darüber hinaus kann man noch ein Museum besuchen, das zur Geschichte und Kultur Ecuadors informiert sowie Stationen aus dem Leben Eloy Alfaros zeigt; auf dem Gelände findet sich ein Besucherzentrum, Tagungssäle für Parlamentssitzungen oder internationale Konferenzen und ein Areal mit kleinen Läden, in denen der Besucher schöne landestypische Handwerksarbeiten kaufen kann. Der große Parkplatz vor dem Eingang ist auf Massenandrang ausgerichtet.

Im Zentrum der Ciudad Alfaro erhebt sich ein massiver Kuppelbau. Darin befindet sich eine pompöse Monumentalplastik, die Eloy Alfaro als kettensprengenden Heroen zeigt (der Mann war in Wirklichkeit selbst für seine Zeit außergewöhnlich klein). Auf dem Postament ruhen in einem im Kontrast zur Statue sehr schlichten Ossuarium die sterblichen Überreste des Präsidenten. Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dies sei weniger ein Gedenkmonument für einen Staatsmann als vielmehr der Reliquienschrein für einen Heiligen.

Wenn man den Bau betritt, führt der Weg zunächst durch einen langen Gang, der unheimlich wie das Innere einer Mysteriengrotte erleuchtet ist. Das flache Gewölbe, das sich über die Köpfe der Besucher spannt, erzeugt eine Atmosphäre des Mystischen und Geheimnisvollen. In die Wände sind Vitrinen eingelassen und Tafeln mit berühmten Zitaten aus Briefen und Reden des Präsidenten stimmen den Besucher auf den Geist des Ortes ein. Fast scheint es, man gehe durch eine dunkle Krypta, und wenn man dann das Ende des Weges erreicht hat, tritt man urplötzlich ins helle Licht unter der Kuppel. Gleich einem heidnischen Idol erhebt sich dort die mächtige Heroenstatue des Präsidenten, und ich musste wirklich an einen Archäologen denken, der als erster Besucher seit Tausenden von Jahren den unterirdischen Kultraum einer vergessenen Kultur betritt. Wahrscheinlich ist dieser Effekt gewollt und wahrscheinlich fühlt es sich für einen wahren Gläubigen gar nicht anders an, wenn er seinen Tempel, seine Kirche oder seine Moschee betritt.

Von außen wird der Bau von den Spitzbögen einer Stahlkonstruktion gleich dem Fächer eines Blütenkelches eingerahmt. Angesichts ihrer schieren Größe lassen die Bögen öfter an das Gerippe eines Wals denken denn an irgendetwas anderes. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, was die fächerförmige Konstruktion eigentlich darstellt, aber vielleicht kommt mir ja noch eine Erleuchtung.

Ich hätte gern ein paar Fotos gemacht, aber aus Gründen, die sich der Erfassung durch den Verstand entziehen, waren der Akku der Kamera sowie das Ladegerät leider wie vom Erdboden verschluckt [Anmerkung des Autors: Die Fotos, die man sieht, stammen von einem späteren Besuch]. Die hektische Suche, die sich daraufhin entspann, hatte nicht den gewünschten Erfolg und auch als wir später noch einmal gründlich und methodisch suchten, blieb das Ladegerät verschwunden. Man hätte ja Fotos mit dem Handy schießen können. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, die Eigenwerbung der Hersteller übertreibt doch maßlos, wenn es um die Qualität der Bilder geht, die sich mit solch einer popeligen Handykamera angeblich erzielen lässt. Die Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, gleichen da schon eher Lomografien. Übrigens fand sich das Ladegerät später im Koffer (sic!), begraben unter Bergen all jener nützlichen wie unentbehrlichen Dinge, die man auf alle Fälle braucht, um eine siebentägige Reise zu überstehen.

Von so viel Bedeutungsschwere war mir schon ganz schummerig und ich war froh, dass wir noch vor dem Abend ins leichtlebige Bahía mit seinen spektakulären Sonnenuntergängen und seinen gutgelaunten Bewohnern zurückkehren konnten. Bahía gehört wahrscheinlich zu den wenigen Orten auf der Welt, an denen man den lieben langen Tag im Prinzip einfach mal nichts tun kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, denn paradoxerweise fühlt man sich am Abend, als hätte man wie einst Herkules die Welt aus den Angeln gehoben und auch gleich wieder ganz neu eingehängt.

In Bahía bedarf es nicht viel, um das Leben in seiner reinsten Form zu genießen. Aber braucht es denn auch viel mehr als Sonne, Strand und Zeit – vor allem Zeit, viel Zeit? Zeit jedenfalls hat man genug, und zwar immer. Wäre Zeit Geld, wie das Sprichwort behauptet, hätte man in Bahía stets mehr davon zur Hand, als man ausgeben könnte. Zeit kann nicht verschwendet werden, denn es gibt sie im Überfluss, doch überflüssige Zeit ist unbekannt.

Die Bahieños verlassen ihre Stadt nur ungern: Das Leben anderswo sei viel zu hektisch. Warum soll man das beruhigende Gefühl, eine Unendlichkeit zur Verfügung zu haben, um Dinge ins Lot zu bringen, gegen den Akkord nach dem rasenden Takt der Uhr tauschen? Ich kann die Leute gut verstehen, die leben, als wären sie unsterblich. Fast wünschte ich, ich wäre selbst ein Bahieño.

Auto-da-fé mit Truthahn

Man hat immer viel zu tun. Man könnte auf einer einsamen Insel stranden, mit einer Palme darauf und einem Vorrat an Kokosnüssen, gewiss fände man eine Beschäftigung, die einen vollständig ausfüllt. Leider bin ich erst jetzt – einen Monat später – dazu gekommen, die Ereignisse um Silvester in Textform aufzuarbeiten, aber dafür habe ich im Januar auch so viele Posts veröffentlicht wie kaum je zuvor. Ich versuche natürlich, die Texte immer zeitnah in den Blog einzustellen, aber manchmal ist das eben nicht möglich. Viel Spaß beim Lesen!

In Bahía ist jeder Tag ein Feiertag und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Bewohner auch den letzten Tag des Jahres nicht anders an sich vorüberziehen lassen als all die anderen Tage. In meiner Heimatstadt Berlin mit ihrer Rastlosigkeit und ihrem erbarmungslosen Tempo fühlt man sich fortwährend genötigt, ein Leben auf der Überholspur zu führen, zumal man ausschließlich solchen Menschen zu begegnen scheint, die noch mehr Arbeit und noch mehr Termine und noch mehr Besorgungen in den magischen 24 Stunden unterzubringen verstehen als man selbst. Immer hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die Mitmenschen scheinbar grenzenlose Energien entfalten sieht, während man sich selbst vor Erschöpfung kaum noch rühren mag. Mir scheint, vieles ist bloß eine Frage des Willens, aber ich kann mich einfach nicht dazu bringen zu wollen, wenn sich doch alles in mir sträubt.

In Berlin nimmt man die Feiertage viel deutlicher als eine Unterbrechung im hektischen Getriebe des Lebens wahr: Alles kommt für einen Augenblick zum Stillstand; die Menschen, die in der Tretmühle ihres Alltags gefangen sind, halten kurz inne, um Luft zu schöpfen; die lärmende Hast setzt für einen kurzen Augenblick aus und in der Stille hört man manchmal sogar die eigenen Gedanken, ehe der Lärm der Rastlosigkeit wie ein Flutberg über einen hereinbricht und alles unter sich erstickt.

In Bahía, dem pazifischen Refugium für Lebenskünstler aller Art, ist es ruhig. Zeit hat keine Bedeutung und Uhren sind sowohl der Beweis als auch das Symbol seiner zeitlosen Existenz, denn entweder sind sie kaputt oder sie gehen so hoffnungslos und mit solcher Regelmäßigkeit falsch, dass man fast schon glauben möchte, die Stadt sei durch irgendein kosmisches Phänomen in den Einflussbereich der berühmten Einsteinschen Raum-Zeit-Verzerrungen geraten. Wer aber nicht ohne Zeit leben kann, mag sich mit dem Gedanken trösten, dass eine Uhr, die steht, zumindest zweimal am Tag die exakte Zeit anzeigt – man weiß nur nicht wann. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Und überhaupt nützen Uhren nur wenig, wenn man sie einfach ignoriert: Niemand käme auf die wirklich irrwitzige Idee, den Rhythmus des eigenen Lebens dem Takt eines leblosen Mechanismus zu unterwerfen. Und da die Zeit ausgesetzt ist, kommt einem ausnahmslos jeder Tag des Jahres wie ein Feiertag vor.

Die Tante bittet mich, beim Truthahn zu helfen. Am letzten Tag des Jahres wird traditionell ein großes Essen für die Familie bereitet, und bevor sich am Abend der Besuch einstellt, hat die fleißige Hausfrau schon seit den frühen Morgenstunden geputzt und gekocht, und so ist sie nicht selten bereits am frühen Nachmittag mit den Nerven am Ende. Da ist eine helfende Hand manchmal die letzte Rettung vor dem Selbstmord aus Verzweiflung. Warum die Tante ausgerechnet mich fragt, bleibt allerdings eines von vielen ungelösten Rätseln. Wahrscheinlich habe ich die Ehre meiner Frau zu verdanken, die anlässlich einer der vielen Reuniones mit der Familie leichtsinnig ausplauderte, dass wir in den vergangenen Jahren zu Weihnachten fast immer ein großes Essen ausgerichtet hätten, zu dem der Truthahn als Krönung natürlich nicht fehlen durfte. Jetzt galt ich also als der große Chef und ich konnte die Tante, die immer so nett ist, schlecht enttäuschen.

Wie man einen Truthahn zubereitet – ein kurzer Exkurs: Vor so einem Truthahn muss man keine Angst haben. Wenn der gewaltige Vogel aufgebahrt in der Küche liegt als wäre er ein Alien in einem Geheimlabor der US-Regierung, ist man schon ein wenig eingeschüchtert, aber eigentlich besteht kein Grund dazu. Das einzige, worauf es wirklich ankommt, ist die Garzeit: Lässt man den Truthahn nicht lange genug im Ofen, ist er innen noch roh, und das ist nicht nur unschön, sondern kann wegen der Keime auch gefährlich sein; lässt man ihn dagegen zu lange in der Röhre, könnte er leicht austrocknen und die Gäste kauen dann mit so bemüht freundlichen Gesichtern auf dem trocknen Fleisch herum, dass man sich kaum traut, sie zu fragen, ob es denn mundet. Auch dies ist ärgerlich, doch das Malheur lässt sich leicht vermeiden, indem man peinlich genau auf die Garzeit achtet.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mehr auf die Qualität des Truthahns ankommt, als auf die sonstigen Zutaten. Ein guter Truthahn braucht nicht viel: Man wäscht ihn gründlich innen und außen, trocknet ihn dann sorgfältig mit Küchenpapier und nun kann man ihn für den Ofen vorbereiten. Ich nehme an diesem Tag nur Salz, frisch zerstoßenen schwarzen Pfeffer und Thymian. Damit reibe ich den Truthahn sorgfältig ein. Es empfiehlt sich, unter die Haut zu gehen, zumindest an den Stellen, an denen es möglich ist. Hat man die Gewürze aufgebracht, bestreicht man den Truthahn von allen Seiten großzügig mit weicher Butter (man darf dazu ruhig die Hände benutzen).

Der Puter sollte am Ende vollständig von einer Schicht Butter und den Gewürzen bedeckt sein. Fast ein ganzes Päckchen Butter kann man dabei schon verbrauchen, doch das Fett bleibt ja im Bräter und schlägt daher nicht auf die Hüften. Wenn man will, kann man den Truthahn auch noch füllen – Orangen, Trockenpflaumen, Äpfel und ein Zweiglein Rosmarin bieten sich an –, aber die Füllung ist wirklich kein Muss und ohne schmeckt er genauso gut. Man legt den auf diese Weise vorbereiteten Puter, Brust nach oben, in einen großen Bräter und bevor man ihn ins Rohr schiebt, platziert man noch zwei oder drei Stück Butter auf der Oberseite und das war´s auch schon! Kinderleicht, oder?

Bei den Garzeiten richtet man sich nach dem Gewicht. Im Internet findet man (vorzugsweise auf englischsprachigen Seiten) Tabellen, aus denen man verlässlich ersehen kann, wie lange ein Truthahn mit einem bestimmten Gewicht bei welcher Temperatur braucht, bis er fertig ist. Jetzt muss man nur noch die Uhr im Auge behalten. Alle halbe Stunde wird der Braten mit der flüssigen Butter aus dem Bräter beschöpft – so bleibt das Fleisch saftig und die Butter gibt Geschmack. Je nach Gewicht braucht so ein Vogel zwischen drei und sechs Stunden, aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, da man ja die genaue Zeit aus der einschlägigen Tabelle ersehen kann. Gegen Ende kann man den Braten auch noch glasieren, wie es bei den Amerikanern üblich ist, doch auch das ist natürlich keine Vorschrift, an die man sich unbedingt zu halten hätte.

Die Tante war etwas verblüfft, dass ich sie nach Butter fragte, wo doch jeder hier im Lande Butter schlicht für Teufelszeug hält, das in seiner Gefährlichkeit nur noch vom islamistischen Terror und von Gringos im Freizeitoutfit übertroffen wird. Stattdessen offerierte sie mir aus ihren Vorräten Margarine. Den chemisch gehärteten Fetten, einem Erzeugnis der guten alten Chemieindustrie, vertraut man merkwürdigerweise eher als dem Naturprodukt Butter. Ich musste extra zum Supermarkt, um einen Block zu kaufen, weil sich nirgends im Haus welche fand.

Der neueste Trend geht übrigens hin zu Kokosfett, dem geradezu magische Eigenschaften zugeschrieben werden. Man kann es hier für viel Geld in Bioläden kaufen. Man wäre erstaunt, könnte man die Würfel Kokosfett sehen, die sich im Kühlregel bei Aldi stapeln und die man schon für ein paar Cent bekommt. Ich kenne Kokosfett eigentlich nur als eine Zutat der Kuvertüre für Kalten Hund, einer Berliner Spezialität aus meinen Kindertagen. Ich bleibe lieber bei dem, was ich kenne, und bevorzuge weiterhin die gute irische Butter und mein spanisches Olivenöl. Thymian hingegen wird in der landestypischen Küche nicht verwendet, und ich weiß gar nicht mehr, warum wir ihn eigentlich mitnahmen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass man zufällig ein bisschen Thymian bei sich hat.

Am Nachmittag gingen wir ein wenig spazieren. Manch einer hatte schon seit Tagen Año-viejo-Figuren vor dem Haus aufgestellt und alle freuten sich natürlich darauf, die Figuren endlich in Brand setzen zu dürfen. Die Figuren symbolisieren das alte Jahr und werden gegen Mitternacht unter der allgemeinen Freude der Zuschauer den Flammen übergeben und mit ihnen verschwinden auch all die unheilvollen Geister der Vergangenheit im reinigenden Feuer. Das hat etwas von einem Auto-da-fé an sich und gerade wenn man den Figuren menschliche Gestalt verliehen hat, ist einem manchmal schon komisch zumute, wenn man sie brennen sieht. Feuerwerk und Knaller sind übrigens zum Jahreswechsel nicht üblich. Ganz selten einmal sieht man eine Rakete ihre funkelnde Leuchtspur in den Nachthimmel ziehen, knallen aber hört man es gar nicht. Bahía ist ruhig – auch in den letzten Stunden des Jahres.

Mittlerweile kann man die Figuren auch kaufen, aber mancherorts ehrt man noch immer die alten Bräuche und lässt es sich nicht nehmen, sie aus Holz und Pappmaschee selber zu bauen. Je größer sie sind, desto größer ist natürlich auch das Spektakel, das ihre feierliche Verbrennung erzeugt. Doch die allergrößten bleiben oft von den Flammen verschont – einmal, weil sie so schön anzusehen sind, und zum anderen, weil ihre Schöpfer viel Arbeit und Zeit aufgewendet haben, um sie zu bauen. Da will man sie nicht in wenigen Minuten zu einem Häufchen Asche verbrennen sehen. Meine Frau meinte, früher hätte man die Años viejos vor jedem Haus, an jeder Straßenecke stehen sehen. Was man hingegen heute erlebe, sei nur ein müder Abklatsch vergangener Zeiten.