Todos los Santos

Am Abend schlendern wir ziellos durch die Straßen Cuencas. Auf der Suche nach der ganz großen Entdeckung und vielleicht auch in der Hoffnung, ein besonderes Schnäppchen zu machen, besuchen wir Kunstgewerbeläden und Boutiquen. An einem dieser Geschäfte vorbei führt ein schmaler Gang zum Hinterhaus. Auf dem Türsturz steht „Todos los Santos“, ansonsten kein Hinweis, was es mit diesem recht unscheinbaren Eingang auf sich hat. Der leere Gang dahinter ist wie eine Lockung und wir sind neugierig. Wir fragen den Besitzer des Ladens, ob man hineingehen dürfe und mit entlassender Geste gibt er uns zu verstehen, dass wir uns ruhig umsehen sollen. Wir treten ein.

Ein schmaler hoher Gang führt unter einer von altem Gebälk gestützten Decke in die Tiefe des Gebäudes. Kerzenlicht erhellt behaglich die Dunkelheit: Alle paar Schritte steht eine steinerne Schale auf dem Boden, aus der sich der Schaft einer Kerze wie ein sprießender Pflanzenstängel erhebt. Wasser im Gefäß reflektiert das Kerzenlicht und auf der Oberfläche schwimmen Rosenblätter. Der Gang ist ziemlich schmal und so schreiten wir ihn hintereinander ab wie die Teilnehmer einer mystischen Prozession.

Wir wissen noch immer nicht, wohin uns dieser Weg führen wird. Ich habe das unbestimmte Gefühl, am Ende wartet ein Mysterium auf uns oder eine Offenbarung. Doch dann nimmt alles einen viel profaneren Ausgang: Wir gelangen in einen großen Konferenzraum, in dem man gerade damit beschäftigt ist, Stühle für das Auditorium eines abendlichen Vortrags aufzustellen; nebenan befindet sich ein streng dekorierter Speisesaal und wenn man um ein paar Ecken geht, steht man plötzlich in einer modernen Restaurantküche. Später finden wir noch eine Bäckerei, in deren altertümlichen Holzregalen Brote und Kuchen angeboten werden, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass es sich um Produkte der selten gewordenen Kunst der Handwerksbäckerei handelt.

Als wir weiter in das Innere dieses labyrinthischen Baus vordringen, gelangen wir in ein Restaurant und wir betreten einen kleinen Weinkeller, der sich anheimelnd unter einer tiefen Gewölbedecke aus Ziegeln duckt. Angestellte des Restaurants sind gerade eifrig damit beschäftigt, die Tische einzudecken und die Dekoration herzurichten. Wir sind die einzigen Besucher zu dieser Stunde, doch niemand nimmt von uns Notiz, denn wahrscheinlich sieht man uns auf den ersten Blick an, dass uns der Zufall hierher verschlagen hat, und dass wir nicht vorhaben, hier das Abendessen einzunehmen. Von den Plätzen des Restaurants aus hat man einen bezaubernden Blick auf die Ufer des Río Tomebamba, der die Stadt an ihren südlichen Ausläufern durchfließt.

Wir sind gerade im Begriff zu gehen, als wir von einer kleinen drahtigen Frau im Business-Kostüm angesprochen werden. Ich glaube erst, sie sei die Restaurant-Managerin und vielleicht denkt sie, wir wollen zu Abend essen, doch der Irrtum klärt sich schnell auf. Wir sagen ihr, dass uns lediglich der Zufall hierher geführt hätte und wir drücken unser Erstaunen darüber aus, welch einen wundervollen Ort wir hier vorgefunden haben. Als Europäer muss man seine Maßstäbe ganz neu justieren, denn der Erhalt von Kulturmonumenten steht auf der Agenda der hiesigen Politik nicht unbedingt an erster Stelle, und wenn man doch einmal alte Gebäude schön restauriert sieht, ist das die große Ausnahme, und man sollte daher das Ergebnis umso höher schätzen.

Die Frau aus dem Restaurant erklärt uns, dass die Räumlichkeiten, in denen wir uns befinden, zu einem Nonnenkloster gehören. Sie sei auch nicht die Managerin des Restaurants, das nur einen Teil davon ausmache, sondern die Verwalterin der Stiftung, der die Restaurierung, der Erhalt sowie der Betrieb der Einrichtungen des Klosters übertragen worden sei. Wir sehen sie staunend an, doch sie klärt uns auf: Früher einmal hätten alle Räumlichkeiten dem Kloster unterstanden und dort, wo wir uns gerade befänden, hätten Nonnen gelebt. Zu seinen Glanzzeiten beherbergte das Kloster 120 Insassinnen.

Doch die Welt hat sich seitdem mit rasender Geschwindigkeit verändert und statt dass man den Töchtern lebenslange Versorgung garantiert, indem man sie das Gelübde ablegen und ins Kloster eintreten lässt, schickt man sie lieber zum Studium nach Übersee oder auf eine der heimischen Universitäten, damit sie Ärztinnen oder Anwältinnen werden. Das Kloster existiert zwar nach wie vor, doch gerade einmal drei ältliche Nonnen trotzten der Zeit und dem Lauf der Welt in Gebet und frommer Andacht.

Der Bereich, in dem die Nonnen leben, ist von den Teilen des Klosters, die für Besucher zugänglich sind, strikt getrennt. Wer den Schleier nimmt, ist für die Welt verloren. Wenn man früher ins Kloster ging, sagte man seinem Heim, seiner Familie und seinen Freunden Lebewohl und das Leben (wenn man es so nennen will), das man von nun an bis zum Lebensende zu führen hatte, muss sich ungefähr so anfühlen, als sei man lebendig begraben. Alles, was man liebt, ist einem genommen, und nur das Allerwenigste von dem, was man als lebenswert erachten würde, ist geblieben.

Die Nonnen verkehren mit der Außenwelt durch Drehtüren, so dass nicht einmal Blickkontakt möglich ist. Nahrungsmittel und alles, was die Insassinnen des Klosters zum Leben benötigen, findet durch diese Pforten zwischen den Welten ins Kloster hinein, nur weniges kommt jedoch hinaus. Es kommt nicht selten vor, dass man den Nonnen Zettelchen mit Nachrichten schickt, durch die man sie ersucht, für das Seelenheil einer Person zu beten oder Fürbitte zu leisten. Selber sprechen kann man sie nämlich nicht, denn die Nonnen verlassen niemals die Räumlichkeiten des Klosters und niemand bekommt sie je zu Gesicht.

Eines der wenigen Zeugnisse des handwerklichen Geschicks der Nonnen sind übrigens die Backwaren der hauseigenen Klosterbäckerei. Wenn man lange Zeit nur mit dem Industriebrot aus dem Supermarkt hat Vorlieb nehmen müssen, ist so ein frischer, von Hand geformter Laib geradezu eine Offenbarung für die Sinne. Wir kaufen mehrere Tüten mit Backwerk, die aber gerade einmal bis zum nächsten Morgen überstehen.

Die Säkularisierung und ein weites Spektrum an Bildungs- und Berufschancen für junge Frauen haben der Lebensperspektive Kloster viel von ihrer Attraktivität genommen. Der Personalbestand des Klosters ist über die Jahre ausgedünnt. Zuwendungen flossen spärlicher und notwendige Reparaturen konnten schon bald nicht mehr vorgenommen werden. Irgendwann war der ganze Gebäudekomplex in einem solch bemitleidenswerten Zustand, dass es nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das morsche Gebälk zusammenbrach und die letzten Insassinnen unter sich begrub. Doch wenn es eines gibt, das man in einem Kloster im Überfluss hat, dann ist es Zeit. Und so schrieben die Nonnen fleißig Briefe an Gott und die Welt – in diesem Fall wohl überwiegend an die Welt, wenn sie wohl auch so manches für den Allmächtigen bestimmte Gebet in ihre Bitten eingeschlossen haben mögen.

Die fleißige Schreibarbeit machte sich am Ende bezahlt: Gott und irgendeine „Heritage Foundation“ aus den USA erhörten das Flehen der schreibfreudigen Nonnen und man brachte tatsächlich die fünf Millionen Dollar auf, die es kostete, das Kloster von Grund auf zu sanieren. Und eine Wiederherstellung war auch dringend nötig, denn die brüchigen Mauern hätten wohl kein weiteres Jahrzehnt überstanden. Die Rettung hatte natürlich ihren Preis, denn ein beträchtlicher Teil des Klosters wurde seinem ursprünglichen weltabgewandten Zweck entfremdet und der (zahlenden) weltlichen Öffentlichkeit übergeben. Doch man kann den ursprünglichen Zweck der alten Gemäuer noch sehr gut erahnen, denn die Restaurierung erfolgte sehr behutsam und indem man so viel alte Bausubstanz wie nur möglich bewahrte, hat der Genius loci nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Vielfach ist es da nicht schwer, sich gedanklich in eine Zeit zu versetzen, in der die einzigen Bewohner jener Räumlichkeiten Nonnen waren.

Die Stiftungsverwalterin zeigt uns einen winzigen fensterlosen Raum, der vielleicht drei mal zwei Meter im Geviert misst. Die mit Holz vertäfelten Wände sind fast schwarz und die Decke ist so niedrig, dass ich den Kopf einziehen muss, wenn ich aufrecht stehe. Aber der Ecuadorianer ist in der Regel kleiner als der durchschnittliche Europäer und früher waren die Menschen ohnehin nicht so groß wie heute. Die Frau von der Stiftung erzählt uns, dass es sich um eine Gästekammer handele. Ich denke, nun gut, zu zweit kann man es hier wohl aushalten und wenn man schläft, braucht man ohnehin kein Licht. Aber sie sagt, dass man zu Zehnt in dieser winzigen Zelle zu nächtigen pflegte, und manchmal vielleicht auch zu Zwölft. Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert, wenn da jemand Nachts auf die Toilette muss.

Da keine weiteren Gäste zugegen sind, lässt es sich die Verwalterin der Stiftung nicht nehmen, uns durch das ganze Haus zu führen. Besucherführungen dieser Art gehören wahrscheinlich nicht zum Programm, doch sie scheint sichtlich Spaß daran zu haben, uns einen Einblick in die fremde Welt des Klosters zu gewähren, und sie genießt es offenbar, wie wir staunen und wie sich uns manchmal ein wenig die Haare sträuben.

Irgendwann stehen wir in der Backstube. Im hinteren Teil thront der riesige Ofen, in dem das leckere Gebäck entsteht, mit dem die Regale des Bäckerladens bestückt werden. Sanfte Wärme strahlt von ihm aus und erfüllt die ganze Stube mit Behaglichkeit. Der Ofen ist riesig wie ein Atommeiler und sein Inneres so geräumig, dass es scheint, man könnte einen Fiat Uno darin parken, wenn er nur durch die Tür passte. Nebenan liegen die Brotschieber. Die größten bringen es sicher auf eine Länge von fast doppelter Mannshöhe und wenn sie mit mehreren Broten bestückt sind, braucht es die Arme eines Berserkers, um das Brot sicher bis in den hintersten Winkel des Ofens zu befördern.

Ich lege die Hand auf die Wandung des Ofens und ich spüre die Wärme. Die Verwalterin erklärt, der Ofen dürfe niemals auskühlen, denn es würde Tage dauern, ihn wieder auf Betriebstemperatur zu heizen. Die sparsamen Nonnen haben übrigens nie etwas verschwendet und so verwundert es nicht, dass sie, lange vor der Erfindung von Green Energy und Recycling, selbst noch die Abwärme der Bäckerei für etwas Nützliches zu verwenden wussten: Mit der entweichenden Wärme wurden die darüber liegenden Räume beheizt. Dort hielt man Cuyes, also Meerschweinchen. Bei molliger Wärme gedeihen die flauschigen Nager nämlich prächtig und in den Anden waren sie seit jeher eine begehrte Proteinquelle.

Ein Speisesaal ist vom eigentlichen Restaurant abgetrennt. Von einem Separee zu sprechen, verbietet sich aber deshalb, weil drei Tische mit jeweils zwei Stühlen darin stehen. Der Raum ist ganz schlicht gestaltet: Die Wände sind weiß getüncht, in Nischen hängen Bilder lokaler Künstler, Tische und Stühle stehen auf nacktem Steinfußboden. Obwohl ich diese Schlichtheit mag und den Willen zum Stil anerkennen muss, macht mir der Saal doch zu sehr den Eindruck eines Refektoriums, als dass ich einen entspannten Abend zu zweit darin verbringen könnte. Irgendwie erwartet man immer, dass jeden Augenblick der ehrwürdige Bruder Jorge aus „Der Name der Rose“ den Raum betritt und einem mit einem Vortrag über die Verwerflichkeit des Lachens den Abend verleidet. Ich ziehe die weniger streng wirkenden Räumlichkeiten des Restaurants vor.

Wir haben die Zeit der Frau von der Stiftung schon über Gebühr beansprucht und wir wollen gehen. Wir werfen einen letzten Blick ins Restaurant. Ich schaue kurz in die Speisekarte, um mich wieder einmal davon zu überzeugen, dass eine in stilvollem Ambiente genossene Mahlzeit auch ihren Preis hat – die Preise unterscheiden sich nur unwesentlich von dem, was man in Berlin in einem Lokal dieses Niveaus erwarten dürfte.

Man muss relativierend hinzufügen, dass der stilvolle Abend in Cuenca keinen bitteren Nachgeschmack hinterlässt wie dies bei einem Restaurantbesuch in Cumbayá der Fall wäre. Die Preise in Cuenca sind gut und gerechtfertigt, in Cumbayá jedoch hat man es mit den ekstatischen Übertreibungen einer durch die hiesige Schickeria entfesselten Lifestyle-Orgie zu tun. Hier ist einfach alles teuer und es ist fast nie seinen Preis wert. Nur schade, dass Cuenca so weit von Quito entfernt ist.

Die leidige spanische Sprache

Der Erwerb einer fremden Sprache folgt ganz eigenen Gesetzen. Wie man weiß, lernen die Menschen nicht alle auf dieselbe Weise, und ein Weg, der dem einen schnelle Erfolge verspricht, mag den anderen in eine Sackgasse führen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich eine Sprache am besten lerne, wenn ich sie nur oft genug höre, insbesondere, wenn die Worte von einem Muttersprachler gesprochen werden. Zumindest war es beim Englischen so, der einzigen Fremdsprache, die ich gut genug spreche, um darin sowohl eine gepflegte Unterhaltung zu führen, die nicht ständig an den eingeübten Floskeln des Smalltalks kleben bleibt, als auch ohne die Hilfe eines Wörterbuches Texte zu lesen, deren Schwierigkeitsgrad ein klitzekleines Bisschen über das Niveau der Dialoge bei den Teletubbies hinausgeht.

Experten – Linguisten, Lernforscher, Polyglotte – räumen ein, es mag zwar ausgewiesene Sprachtalente geben, dennoch könnten auch Menschen Fremdsprachen erlernen, die sich selbst überhaupt nicht für sprachbegabt halten (in diese Kategorie falle ich). Ich möchte der Expertenmeinung nicht grundsätzlich widersprechen und ich glaube sogar, dass unter idealen Bedingungen jeder eine Fremdsprache erlernen kann, doch meist sind die Bedingungen weit davon entfernt, ideal zu sein und dann hat natürlich derjenige, dem der Zugang zur Sprache leichtfällt, einen Vorteil gegenüber dem „Normalbegabten“.

Vor einigen Jahren traf ich in Berlin einen jungen Brasilianer, der erst seit wenigen Wochen in der Stadt lebte. Obwohl er sozusagen kaum angekommen war, sprach er so gut Deutsch, dass ich direkt neugierig wurde. Ich fragte ihn, wie er denn die Sprache so schnell habe erlernen können. Er erzählte mir, dass er sich, ein Jahr bevor er nach Deutschland kam, jeden Tag DVDs auf Deutsch angeschaut und auch oft die „Deutsche Welle“, das deutsche Auslandsfernsehen, geguckt hätte. Ich war begierig zu erfahren, ob er denn nicht Vokabeln habe lernen müssen oder ob er denn nicht Übungen zur Grammatik gemacht hätte, aber er verneinte. Natürlich sprach er nicht perfekt und manchmal fehlte ihm das eine oder andere Wort, doch war er dann zumindest fähig, wortreich und sehr anschaulich zu beschreiben, was er meinte, und wenn man nur deutlich genug sprach, verstand er fast alles auf Anhieb. Das ist mehr als erstaunlich und ich denke, nur wenige Menschen sind mit einem derartigen Sprachtalent gesegnet. Ich kann mit größter Sicherheit erklären, dass ich nicht zu diesen Glücklichen gehöre.

Gemeinhin stellt man sich vor, man müsse nur lange genug in einem fremden Land leben und wenn der Kontakt zu seinen Bewohnern auch eng genug ist, sei das Erlernen der Sprache dieses Landes ein Kinderspiel, etwas, das man gewissermaßen en passant erledigen kann – auch ohne lästiges Vokabelnpauken, ohne langweilige Grammatikübungen und vor allem ohne quälende Repititorien. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass an dieser Idee ungefähr so viel dran ist wie an der Illusion, man könnte übers Wasser laufen, wenn man es sich nur fest genug vornimmt.

Der Aufenthalt in einem fremden Land ist natürlich noch kein Garant dafür, dass man auch die Sprache erlernt, denn der Lernerfolg ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, und fehlen diese, ist der Erwerb des fremden Idioms nur um den Preis von Blut, Schweiß und Tränen sowie jeder Menge Kopfschmerzen möglich. All die Expats, die sich in Kulturen eingerichtet haben, deren Sprache sie nicht sprechen – sei es, dass sie nicht wollen, sei es, dass sie nicht können –, und die deshalb auch noch nach Jahren in ihrer neuen Heimat wie Fremdkörper wirken, geben davon beredt Zeugnis. Ich habe in Berlin Menschen getroffen, die kaum fähig waren, auch nur ein Dutzend Worte auf Deutsch zu sagen, obwohl sie fünf Jahre oder länger in der Stadt lebten. Das ist bedauerlich, aber eigentlich sollte ich nicht sie, sondern mich selbst bedauern, denn im Augenblick bin ich gar nicht so weit davon entfernt, ihre Erfahrung zu wiederholen, und es gibt Momente des Versagens und der Unfähigkeit, in denen ich wirklich den Tränen nahe bin – Tränen der Wut.

Die wichtigste Bedingung für den Lernerfolg ist natürlich, dass man mit der Sprache, die man lernen möchte, überhaupt in Kontakt kommt – je öfter dieser Kontakt stattfindet und je nachhaltiger er ist, für umso wahrscheinlicher kann man es ansehen, dass man ein Verständnis für die neue Sprache entwickelt. Der Versuch, eine Sprache zu meistern, die man weder tagtäglich hört noch selbst zu sprechen gezwungen ist, kommt dem Bestreben gleich, das Schwimmen zu lernen, ohne jemals ein Schwimmbad von innen gesehen zu haben.

Ich komme hier mit absolut niemandem in Kontakt. Es scheint fast, als lebte ich in einem Paralleluniversum, das zufällig einige Überschneidungen mit dieser Welt aufweist, dem Universum von Newton und Einstein. Ansonsten aber gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Welt und der Welt da draußen. Die Bewohner unserer Urbanisation entziehen sich größtenteils der Annäherung durch ihre Mitmenschen, aber die Wohnanlage ist ja auch keine normale Stadt mit einem normalen öffentlichen Leben, das die Möglichkeit böte, sich zu begegnen.

Es gibt hier eigentlich nur zwei Arten von Residenten: Die einen sind wohlhabend und die anderen sind steinreich. Verschwiegenheit bedeutet hierzulande Sicherheit (s.v. „Kriminalität“) – je weniger die Nachbarn von einem wissen, desto sicherer fühlt man sich und desto besser glaubt man sein Eigentum beschützt. Da ist es natürlich schwierig, einen Kontakt aufzubauen. Außerdem fahren alle mit dem Auto und nur ein paar Verrückte gehen manchmal joggen. Die einzigen Worte bzw. Redewendungen, die ich wirklich brauche, um einigermaßen komfortabel durch den Tag zu kommen, beschränken sich auf „Guten Tag“ und „Danke“. Mehr muss ich eigentlich nie sagen und manchmal ist auch das schon zu viel. Es leuchtet ein, dass man eine Sprache wohl kaum wird lernen können, wenn es keinen Anlass gibt, sie zu sprechen.

In den USA habe ich viel fern gesehen. Im Gegensatz zu seinem etwas biederen deutschen Gegenstück ist amerikanisches Fernsehen eine Sache mit erheblichem Suchtpotential; ich liebe US-TV, denn es ist einfach nur großartig und wie von einer psychedelischen Droge kann man davon eigentlich nie genug bekommen. Doch der Marathon vor der Glotze dient nicht nur rein hedonistischen Zielen, sondern hat zugleich auch einen ganz praktischen Zweck: Durch die Dauerberieselung verbessert sich das Hörverständnis ganz enorm. Selbst die Werbung nützt da. Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn man plötzlich feststellt, dass man alles versteht und dass man zum Beispiel den witzigen Plaudereien in den Late-Night-Shows oder den Pointen der Comedians problemlos zu folgen vermag. Dazu muss man mit keinem besonderen Sprachtalent gesegnet sein – es reicht, die Mattscheibe anzubeten.

Leider haben wir hier in Ecuador keinen Fernseher und so bin ich fast vollkommen von der Möglichkeit abgeschnitten, zumindest hin und wieder etwas Spanisch zu hören. Ich könnte mir auf Youtube Videos hochladen, aber – mein Gott! – das hätte ich auch in Berlin tun können. Dazu hätte ich nicht um den halben Erdball reisen müssen. Zu allem Übel scheint sich im Fundus der spanischsprachigen Videos kaum etwas wirklich Gescheites zu finden. Man stößt nur immer wieder auf die unsäglichen Telenovelas. Ich hasse diese absurden Daily Soaps aber so sehr, dass sie für mich ein Grund wären, niemals auch nur eine einzige spanische Vokabel zu lernen.

Spanisch ist keine einfache Sprache. Ich möchte nicht bezweifeln, dass es Menschen gibt, die Spanisch leicht finden und die auch in kurzer Zeit Lernerfolge erzielen, von denen ich nur träumen kann. Für mich ist diese Sprache so kompliziert wie nur irgendein exotisches Idiom aus dem hintersten Winkel der Welt, und ich habe manchmal das Gefühl, ich könnte noch eher Mandarin oder Arabisch lernen als Spanisch. Ich muss mir eingestehen, dass ich leider überhaupt keine Ader für diese Sprache habe. Mit viel Fleiß könnte man sicher so manches erreichen, allein mir fehlt der Antrieb; und man kann so manches über mich sagen, aber zu behaupten, ich sei fleißig, wäre ungefähr so, als würde man Mario Barth witzig nennen. Was nützt es, eine Sprache zu lernen, wenn man mit niemandem sprechen kann!

Wenn ich viel Englisch höre, kann ich mir Redewendungen und Wörter merken, und es ist erstaunlich, wie viel mein Hirn festzuhalten vermag, auch ohne dass ich mich langwierigen Exerzitien über Vokabellisten verschreiben müsste und ohne dass ich mich der Selbstkasteiung des Grammatikstudiums auszuliefern hätte. Aus irgendeinem Grund, der für mich ein vollkommenes Mysterium bleibt, verweigert das störrische Denkorgan aber denselben Dienst, wenn es sich um Spanisch handelt. Ich denke manchmal, die Art der Verschaltung meiner Neuronen steht der Beherrschung dieser Sprache so sehr entgegen wie die berüchtigten zwei linken Füße einer Karriere als Rudolf Nurejew. Wir, die spanische Sprache und ich, sind einfach nicht füreinander geschaffen, und wie es aussieht, können wir niemals Freunde sein.

Ich habe das ungute Gefühl, je länger ich hier lebe, umso weniger verstehe ich und umso weniger bin ich überhaupt fähig, selbst einfachste Sätze zu bilden. Die meisten Wörter kann ich nicht einmal korrekt aussprechen und die wenigen Sprechversuche, zu denen mir der Alltag Anlass gab, gipfelten darin, dass man mich je nach Sympathie entweder unsicher lächelnd oder achselzuckend oder fragend oder völlig verwirrt ansah. Je mehr Mühe ich mir gebe, mich verständlich zu machen, desto größere Verwirrung scheinen meine stockend vorgebrachten Ausführungen zu stiften. Das ist einfach nur frustrierend und mittlerweile habe ich eine regelrechte Abneigung dagegen entwickelt, überhaupt irgendetwas auf Spanisch zu sagen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Wie man grüßt und sich bedankt, habe ich gelernt, und das reicht, um durch den Tag zu kommen. Mehr wird vielen Expats übrigens auch nicht abverlangt und ich fühle mich fast schon wie einer von ihnen.

Es ist ermüdend und gleichermaßen unfruchtbar, immer nur Vokabeln zu lernen, wenn man keine Möglichkeit hat, sie zu üben. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell man vergisst: Mein Kopf ist wie ein Schwarzes Loch, das alles, was hineingelangt, unerbittlich verschlingt und niemals wieder lässt es auch nur den kleinsten Zipfel davon wieder hervortreten. Ich frage mich, wo all die vielen Vokabeln geblieben sind, die ich mir unter so großen Mühen versucht habe ins Gedächtnis zu hämmern. In meinem Kopf sind sie jedenfalls nicht.

Dafür geschehen neuerdings kuriose Dinge: Während ich mich krampfhaft an eine spanische Vokabel zu erinnern versuche, schießen mir plötzlich russische Wörter ins Hirn, die ich seit einer Ewigkeit weder gehört, noch gesprochen habe und an die mich zu erinnern ich nicht einmal den Wunsch verspüre. Das ist schon eine merkwürdige Art von Ironie (wirklich, sehr witzig!) und zugleich ist dieser unerbetene „Besuch“ aus der Vergangenheit schon ein wenig befremdlich, denn eigentlich habe ich mich als Teenager mehr für die durchsichtigen Blusen meiner Russischlehrerin als für das Schul-Russisch erwärmen können.

Vielleicht ist dies eine Art himmlisches Zeichen, um mir zu verstehen zu geben, ich solle ja nicht glauben, es sei bereits vorbei mit der russischen Sprache. Als Atheist und Rationalist vermag ich mich zwar nicht so recht davon zu überzeugen, dass nicht existente himmlische Mächte mir Zeichen schicken, aber die Welt ist ja bekanntlich größer als der eigene Verstand und man sollte die Türen stets geöffnet halten für unerwarteten Besuch.

Es könnte sich auch bloß um eine pathologische Laune meines Gedächtnisses handeln, das wie bei einer voll belegten Festplatte fieberhaft Speicherplatz zu schaffen versucht, indem es den alten Datenmüll entsorgt. Kürzlich ist mir sogar die verrückte Idee gekommen, dass ich, zurück in Berlin, meine Russisch-Studien wieder aufnehmen könnte. Gelegenheit zu sprechen, gäbe es jedenfalls genug, denn schließlich gilt Berlin innerhalb Deutschlands als die heimliche russische Hauptstadt. Aber das ist sicher nur so eine Flitzidee, die sich schnell verliert, sobald ich wieder in den hektischen Alltag der Stadt eintauche.

Cuy asado mit Promis

Am Nachmittag verlassen wir Mindo. Nach den Feiertagen möchte alles nur schnell nach Hause und der Verkehr auf den gut ausgebauten Straßen spült uns zurück nach Quito. Als ich, meinen Gedanken nachhängend, so dahinfahre, gewahre ich plötzlich aus den Augenwinkeln ein bekanntes Gesicht. Ich stoppe fünfzig Meter weiter auf einem staubigen Parkplatz und meine Frau nimmt die Kamera, um ein paar Fotos zu schießen. Ich bleibe lieber im Auto, denn die Gegend macht ganz den Eindruck, als könnte man damit rechnen, zwei gefüllte Geldbörsen vorzufinden statt einer, wenn man zum Wagen zurückkehrt.

Tatsächlich grinst Andrew Zimmern von der Plakatwand herab und in der Hand hält er etwas, wofür seine Show „Der Alles-Esser“ berühmt ist: exotic food. Wir sind in Ecuador und natürlich muss es ein Cuy sein, ein Meerschweinchen – das sind die süßen quiekenden Flauschbällchen, bei deren Anblick Kinderaugen ganz feucht werden und die man in Deutschland in jeder Zoohandlung kaufen kann. Er hätte auch im Urwald fette Käferlarven essen können, aber das gibt es schon genug und die Leute verlangen nach immer neuen Sensationen. Hier nun steckt das Cuy am Spieß und ich kann mich nicht dafür verbürgen, dass Zimmern es nicht schon wie einen Lolly abgeleckt hat, bevor die Aufnahme gemacht wurde. Jedenfalls guckt er ganz so, als würde er die Requisite gleich nach dem Shooting verspeisen wollen.

Ich habe später gegoogelt, um mehr herauszufinden, nicht über das Meerschweinchen, über Zimmern. Ich dachte immer, er sei nur so ein lustiger dicker Mann, der komische Dinge isst und es damit auch zu einiger Popularität gebracht hat, aber in Wahrheit scheint er der Besitzer und CEO seines eigenen Food-Imperiums zu sein. Und sein Unternehmen ist keineswegs klein: Zimmern ist einfach omnipräsent und mindestens die Hälfte des Internets ist mit seinen Shows sowie seinen zahlreichen Geschäftsaktivitäten ausgelastet (den restlichen Platz brauchen die Bilder, auf denen man ihn sehen kann).

Aber die Amerikaner lieben nun einmal Food-Shows, obwohl in diesem Land kaum noch jemand selber kocht, und der Verzehr einer Spezialität wie etwa Cuy mag vielen fast schon so exotisch vorkommen wie die Münchener Weißwurst. Man gruselt sich nur zu gern, wenn man dabei im eigenen Heim gemütlich vor dem Fernseher sitzen kann. Solange die Pizza von der freundlichen Fastfoodkette um die Ecke pünktlich geliefert wird, ist die Welt in Ordnung. Den Rest sollen ruhig die anderen essen – und natürlich Zimmern.

Manta: Am Pool

Nach einem langen Tag am Strand ist man rechtschaffen erschöpft. Man könnte tatsächlich glauben, man hätte ein bedeutendes Werk vollbracht, obwohl man doch gar nichts getan hat, außer sich in die Wellen zu werfen und in der Sonne zu baden. So ein Tag am Strand ist wie eine Lossprechung von aller Sündenschuld und man fühlt sich befreit, als wäre man von jeglichen Bürden des Lebens erlöst und hätte nur noch dessen Belohnungen zu erwarten. Und obwohl die Glieder ermattet sind vom Spiel mit den Kräften des Meeres, ist einem ganz leicht ums Herz, denn das reinigende Bad hat etwas von der Seele gewaschen, das schwer und drückend auf ihr lag wie der Goldstaub in der Legende von El Dorado.

Man sagt, der Ozean kenne keine Vergangenheit und er habe auch keine Erinnerung, und das ist die Wahrheit: Die Stimmen, die einem weismachen, dass man durchs Leben laufen müsse, so schnell einen die Füße tragen, sind im Donnern der Brandung kaum mehr als ein leises Wispern, das schließlich verstummt, lauscht man dem Klang der Wellen nur lange genug. Wenn man Abends am Meer sitzt und eine laue Brise wehrt heran und über einem spannt sich das bestirnte Firmament, bedeutet Zeit gar nichts, aber das Leben alles. Und nie fühlt man sich so lebendig wie in diesem kurzen Augenblick.

Im Haus von Maria Vicenta, der besten Freundin meiner Frau, geht es manchmal ein wenig drunter und drüber: Noch immer steht das Geschirr vom Mittagessen auf dem Tisch und in der Küche türmen sich neben der Spüle Berge von schmutzigen Tellern, Töpfen und Pfannen. Zwar gibt es wie in allen wohlhabenderen Häusern eine Haushälterin, doch es scheint, sie hat im Augenblick andere Sorgen, und auch ist das Haus nicht gerade so klein, dass sich alle anfallenden Arbeiten – angefangen vom Bettenmachen, Wäschewaschen, Bügeln über Staubsaugen, Wischen, Bohnern bis hin zu Putzen, Kochen, Abwaschen, Aufräumen – im Handumdrehen erledigen ließen.

Meine Frau hat ein Herz aus Gold und niemals würde sie einem Bedürftigen ihre tatkräftige Hilfe versagen, und so lässt sie es sich nicht nehmen, selbst anzupacken, um diesen Augiasstall von einer Küche wieder auf Vordermann zu bringen. Während sie sich emsig wie eine Ameise durch Berge von schmutzigem Geschirr arbeitet, sieht man die Haushälterin fröhlich winkend das Haus verlassen. Solche Hausgäste wünscht man sich, die nach dem Essen auch noch aufräumen und abwaschen, ohne dass man sie mit vorgehaltener Waffe dazu nötigen muss.

Am Abend wollen die Jungs noch zum Pool der Wohnanlage. Wir haben zwar den ganzen Tag am Strand verbracht und die Sonne hat mich dermaßen ermattet, dass ich mein Hirn auf Leerlauf schalten und mich nur noch willenlos vor die Glotze schmeißen möchte, doch Kinder können ja bekanntlich immer dann unbändige Energien freisetzen, wenn Erwachsene an den Grenzen ihrer physischen und vor allem ihrer psychischen Leistungsfähigkeit angekommen sind. Maria Vicenta meint, die Wohnanlage sei sicher und es wäre überhaupt kein Problem, wenn die Kinder allein zum Pool gingen. Ich bin ganz ihrer Meinung.

Doch meine Frau fürchtet, mit der Dunkelheit sei die beste Zeit für das Verbrechen gekommen und daher müsse man besonders achtsam sein – als würden die einschlägigen Vertreter der Branche auf die Nacht warten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie ersucht mich dringend, die Kinder zu begleiten und auch am Pool zu bleiben, um aufzupassen. Bin ich der Bademeister? Aber diese dringlichen amtlichen Ersuchen haben so etwas Förmliches, dass man sich nur schwer widersetzen kann, gerade so, als bekäme man von einem Polizisten gesagt, dass man gefälligst woanders parken solle. Am Ende fahren wir mit dem Auto, obwohl sich der Pool nur eine kurze Strecke vom Hause Maria Vicentas entfernt befindet. Man könnte in wenigen Minuten bequem zu Fuß dorthin gelangen, aber mit dem Auto sei es eben sicherer.

An diesem Abend ist der Pool voll mit Kindern unterschiedlichen Alters. Die Nacht ist so warm, dass man auch nicht frieren würde, wenn man stundenlang im Wasser bliebe und die nasse Kleidung anschließend anbehielte, was die meisten der Kinder auch tun. Als wir am Pool eintreffen, mögen an die zwanzig Badenden das Wasser bevölkern. Erwachsene sieht man weit und breit nicht. Ich habe mir ein Buch mitgebracht und setze mich an den Beckenrand. Ich tue so, als hätte ich zufällig nichts anderes zu tun, dabei wartet doch im Haus unserer Gastgeberin der Fernseher auf mich und die Freuden des Pay-TV. Irgendwann kommt ein Wächter auf dem Motorrad vorbei, checkt kurz die Lage und dreht wieder ab.

Gleich neben dem Pool befindet sich ein kleiner Kiosk. Eigentlich ist der Laden direkt in den Pool integriert und nach zwei Seiten offen: Auf der dem Becken abgewandten Seite befindet sich ein ganz normaler Verkaufsstand für Eis, Schokolade, Snacks und Getränke. Auf der Seite, die zum Pool blickt, ragt eine Bar wie der Bug eines Schiffes in das Bassin hinein und die Badegäste können heranschwimmen und sich ganz mondän die Drinks gleich im Wasser servieren lassen. An diesem Abend sind aber nur Kinder im Pool, die nur wenig an Cocktails, dafür aber mehr an Wasserschlachten interessiert sind. Die Kiosk-Frau ist mit den Nerven am Ende und als sich wieder einmal ein Schwall Wasser von einer der zahlreichen Arschbomben über sie ergießt, kreischt sie hysterisch und schimpft mit den Kindern, die sich nicht benehmen können. Als wir dann später gehen, bestelle ich noch Eis für die Jungs. Die arme Frau ist so durchnässt, als hätte sie selbst an der Wasserschlacht teilgenommen.

Als ich so am Pool sitze und versuche, mich in meine Lektüre zu vertiefen, glaube ich plötzlich, jemanden Russisch sprechen zu hören. Tatsächlich unterhalten sich einige der Kinder miteinander auf Russisch. Ich bin neugierig und versuche zu überschlagen, wer noch alles Russisch spricht und ich komme darauf, dass es mindestens die Hälfte der Kinder ist. Gegen Ende kommen dann auch noch drei der russischen Mütter zum Pool, um sich ein wenig zu entspannen. Sie bringen eine Flasche Wein mit und Pappbecher und plaudern angeregt miteinander, während ihre Sprösslinge weiter den Kiosk unter Wasser setzen. Maria Vicenta erzählt uns später, dass mehr als die Hälfte der Bewohner der Urbanisation entweder Russen oder Kroaten seien. Viele von ihnen betrieben ihre eigenen Unternehmen, sie hätten zum Beispiel Hotels oder Yoga-Schulen. Einige von ihnen kenne sie sehr gut und mit manchen sei sie sogar befreundet. Warum sie nach Ecuador gekommen sind, darüber sagt Maria Vicenta aber nichts.

Manta ist eine sehr lebendige Stadt und eine Stadt, die sich in einer Phase dramatischen Wachstums befindet. An allen Ecken wird gebaut und überall sieht man (noch) leere Grundstücke, auf denen Werbetafeln großartige Bauprojekte ankündigen, die man schon sehr bald ins Werk zu setzen verspricht. Die Infrastruktur wird mit Hochdruck erneuert und die meisten Straßen in Manta und seiner Umgebung sind entweder in den letzten Jahren überhaupt erst ganz neu entstanden oder frisch asphaltiert worden. Maria Vicenta meint, viel Narko-Geld sei dabei im Spiel, und seit die Amerikaner im Jahre 2009 ihre Luftwaffenbasis räumen mussten, weil die Regierung es ablehnte, ihnen den Pachtvertrag zu verlängern, hätte die Geldwäsche geradezu epidemische Ausmaße angenommen.

Die Schattenwirtschaft bleibt für den normalen, gesetzestreuen Bürger größtenteils unsichtbar. Nur manchmal, so Maria Vicenta, tauche die Spitze des Eisbergs auf, wenn, wie erst kürzlich geschehen, eine der kriminellen Größen der Stadt eine Hochzeit für zehn Millionen Dollar ausrichtet. Die Leute können eben nicht aus ihrer Haut und statt stillzuhalten und sich des unredlich erworbenen Reichtums im privaten Rahmen zu erfreuen, gebärden sie sich wie die Barockfürsten und werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Dass das Gesetz ihnen schnell auf die Schliche kommt, ist angesichts solchen Leichtsinns sicher kein Zufall.

Manta: Asphalt und Straßenkarten

Manta ist eine der größten Städte in Manabí, einer der Küstenprovinzen Ecuadors. Sie beherbergt den größten Fischereihafen des Landes und ist der bedeutendste Umschlagplatz für Thunfisch im gesamten Ostpazifik. Aber das kann man auch auf Wikipedia oder in jeder beliebigen Länderenzyklopädie nachlesen und deswegen würde man auch kaum nach Manta reisen, denn Manta ist nicht nur berühmt für seine Fischkonserven, sondern vor allem für seine schönen Strände. Da trifft es sich gut, dass die beste Freundin meiner Frau in Manta lebt. Sie hat uns für ein paar Tage zu sich eingeladen und es wäre nicht nur unhöflich, sondern geradezu eine Torheit, wenn wir uns diese Gelegenheit entgehen ließen.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch in Ecuador, hatte uns der Cousin meiner Frau nach Manta eingeladen und mit dem Auto dorthin gefahren. Wir hatten uns pünktlich für zehn Uhr Morgens verabredet, aber der Cousin traf dann doch erst gegen halb Zwölf mit dem Wagen vor unserer Haustür ein. Er schien diesen nicht unbeträchtlichen Zeitverzug gar nicht als Verspätung zu empfinden und aus der Sicht eines Küstenbewohners sind anderthalb Stunden auch gar nicht der Rede Wert, denn schließlich hat so ein Tag vierundzwanzig Stunden und in Bahía oft sogar noch ein bisschen mehr.

Obwohl auf der Karte nur eine kurze Strecke von Bahía entfernt, dauerte die Fahrt nach Manta eine Ewigkeit. Aber vielleicht kam es mir in dem kleinen Auto ohne Klimaanlage auch nur so vor. Damals waren die Straßen noch keineswegs so gut ausgebaut wie sie es heute sind und immer wieder gerieten wir an Streckenabschnitte, die man allenfalls in Schrittgeschwindigkeit passieren konnte, wollte man sich nicht unweigerlich die Federung ruinieren. Damals wurde allerorten viel gebaut und alle paar Kilometer sah man Bautrupps die alten löchrigen Straßen mit schwerem Gerät aufreißen oder Asphalt gießen.

Weite Teile des Streckennetzes waren bereits zu jener Zeit von Grund auf erneuert worden, aber es sollte noch weitere Jahre dauern, bis auch die letzten Teilstücke endlich internationalem Standard angeglichen werden konnten. Wenn einen heute die Abenteuerlust bis in die hintersten Winkel des Landes führt, kann man in der Regel davon ausgehen, dass man sich auf asphaltierten Pisten bewegt. Dadurch wird so eine Reise nicht weniger abenteuerlich, aber man erreicht sein Ziel auf jeden Fall schneller und vor allem reist man viel bequemer – Bandscheiben und Gesäß danken es einem.

Vor drei Jahren dauerte es elend lange bis wir endlich in Manta eintrafen, und dann war gerade noch genug Zeit übrig, ein Restaurant zu besuchen, bevor wir auch schon wieder die Rückreise antreten mussten. Ich glaube, daran war nicht der Zustand der Straßen schuld, sondern der Cousin, der eher in der Laune zu sein schien, uns auf einer Art Lustreise durch die schöne Landschaft zu kutschieren, als auf dem kürzesten Wege zum Ziel: Wenn man es schon mit der Zeit nicht allzu genau nimmt, wäre es naiv zu erwarten, dass man eine Karte benutzt, um den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten zu ermitteln. Damals waren Navis noch nicht sehr verbreitet und auch noch heute sieht man sie nicht oft. Karten gab es natürlich schon immer, aber aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist und der, wäre er es, mir wahrscheinlich auch gar nicht einleuchten würde, verlässt man sich lieber auf das Gedächtnis oder den Rat eines Freundes, ganz so, als wäre der modernen Kartografie nicht zu trauen.

Natürlich besitzt heute jeder ein Handy und viele benutzen Google Maps, aber das Misstrauen, das man Straßenkarten entgegenbringt, scheint dennoch keineswegs verflogen: Als wir unsere Anwältin in Quito bei einer Gelegenheit im Auto mitnahmen, war sie regelrecht erstaunt, dass es eine Maschine gibt, die einem präzise den Weg weist. Sie schaute sehr skeptisch, aber wir beteuerten, dass das Navi in der Regel gut funktioniere. Unsere Versicherung schien ihren Zweifel nicht zu zerstreuen. Und selbst meine Frau, die sich als Ecuadorianerin während der Jahre in Deutschland doch viele der pedantischen Marotten der Deutschen zu Eigen gemacht hat, fragt unterwegs lieber wildfremde Menschen als sich durch einen Blick in die Karte des richtigen Weges zu vergewissern – als könnte man der Information eines Fremden eher vertrauen als der Kartografie, die immerhin eine Wissenschaft ist. (Wer wissen möchte, wie man ohne die Hilfe einer Straßenkarte reist und dennoch zum Ziel gelangt, mag „Coyotes“ von Ted Conover lesen. Darin reisen Menschen Tausende von Kilometern quer durch die USA und orientieren sich nur anhand dessen, was sie durch Hörensagen in Erfahrung gebracht haben.)

Leder, Pilger und Kaffee

Wir wollten Cotacachi besuchen. Warum auch nicht! (Wir – das ist jenes ominöse Kollektiv, das stets einem Willen gehorcht und mit einer Stimme spricht.) Cotacachi ist bekannt für seine Lederarbeiten und alles, was man sich aus Leder nur wünscht – Gürtel, Geldbörsen, Schuhe, Taschen –, kann man dort in guter Qualität und zu einem recht günstigen Preis kaufen. Wir fuhren auf der Panamericana Norte von Quito aus direkt nach Norden. Wie fast alle Hauptrouten in Ecuador wurde auch diese Straße in den letzten Jahren großzügig erneuert und modern ausgebaut. Über weite Strecken befindet sie sich in einem erstklassigen Zustand und die Fahrt selbst über lange Strecken ist wirklich ein Vergnügen.

An wenigen Abschnitten wird noch immer gebaut und so ist der Verkehr manchmal auf eine Spur eingeengt. Dort staut es sich dann hin und wieder, vor allem hinter den vielen Schwerguttransportern, die Steigungen und Gefälle oft nur im Schritttempo bewältigen können. Sie zu überholen, ist ein riskantes Manöver, denn da man nur eine Fahrspur zur Verfügung hat, ist man genötigt, auf die dicht befahrene Gegenfahrbahn auszuweichen. Aber natürlich gibt es mutige Fahrer, die das Risiko eines Frontalzusammenstoßes für wenige Minuten Zeitersparnis gern in Kauf nehmen. Hat man die Engpässe aber erst einmal passiert, geht die Fahrt zügig voran.

Von Cumbayá aus braucht man bei gemächlicher Fahrt etwa zwei Stunden bis Cotacachi. Auf halber Strecke gerieten wir in eine endlose Kolonne von Wanderern, die auf dem Standstreifen der Fahrbahn nach Norden zog. Da es sich zumeist um Jugendliche handelte – die Älteren schienen den Gruppen als eine Art Wanderführer vorauszugehen –, nahm ich wie selbstverständlich an, es müsse sich um eine Naturführung, einen jährlich stattfindenden Traditionsmarsch, um ein Festival oder um ein Event handeln, wie man es manchmal ins Leben ruft, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige gesellschafts- oder umweltpolitische Fragen zu lenken.

Die Wanderer waren ein zähes Volk, denn weder zwanzig Kilometer hinter uns noch vor uns gab es irgendeine nennenswerte Ansiedlung. Die Autopista zog sich endlos durch die majestätische Einsamkeit des Gebirges, grub sich in steil abfallende Hänge, schlängelte sich durch Täler. Manchmal, wenn die Asphaltpiste im Bogen um einen Berg zog, konnte man den Blick von der Klippe herab durch ein weites Tal schweifen lassen. Ich konnte die schöne Aussicht nicht genießen, denn rechter Hand fiel der Hang in eine furchteinflößende Tiefe hinab und ich wagte es nicht, die Augen auch nur für eine Sekunde von der Straße abzuwenden.

Der Zug nahm kein Ende. Manchmal, wenn die Straße wegen des unpassierbaren Geländes eines Umweg machte, nahmen die Wanderer einen Abzweig und stiegen direkt in die Hänge. Man sah sie in endloser Kette gleich einem Ameisenzug die Anhöhe bezwingen. Für einen kurzen Moment erschienen sie, winzig wie Streichholzköpfe, auf dem Kamm des Bergrückens. Dann überschritten sie den Grat und begannen den Abstieg. Der Anblick erinnerte an längst vergangene Zeiten, als Trägerkarawanen durch die Anden zogen, um Güter von einem Ende des weitläufigen Inkareiches zum anderen zu befördern, und Boten sich aufmachten, die Befehle des Inka-Kaisers bis in den hintersten Winkel des Reiches zu tragen. Und immer wieder kommt mir die Szene aus Werner Herzogs „Aguirre“ in den Sinn. Die Autopista umrundete den Berg und auf der anderen Seite traf sie wieder auf den Zug der Wanderer.

Im Abstand von mehreren Kilometern hatte man Streckenposten aufgebaut. Vor Tischen mit Getränken und Informationsmaterial wurden die Wanderer von Pantomimen empfangen. Kein Witz – schwarzer Ganzkörperanzug, weiß geschminktes Gesicht (Wir sind immer noch mitten in den Anden!). Nach stundenlangem verzehrenden Fußmarsch werden sich die Erschöpften bestimmt darüber gefreut haben, von Marcel-Marceau-Klonen pantomimisch zum Durchhalten angefeuert zu werden. Man musste langsam fahren und durfte sich keine Unaufmerksamkeit gestatten, denn viele der Fußgänger trugen keine Bedenken, die Straße zu überqueren, ohne sich zu vergewissern, ob die Fahrbahn auch wirklich frei war. Immerhin ist die Autopista das Äquivalent zur Autobahn und wer außer einem Verrückten käme schon auf die Idee, fröhlich über die A3 zu spazieren?

Wir waren neugierig geworden, und fragten uns, was dieser Exodus biblischen Ausmaßes eigentlich zu bedeuten hatte. Wir hielten kurz an und fragten jemanden, der so aussah, als ob er es wüsste. Obwohl man wegen der vielen Wanderer nur im Schritttempo vorankam, staute sich hinter uns sofort die Fahrzeugkarawane und das unvermeidliche Hupkonzert setzte ein. Der Mann erzählte uns, dies sei die Prozession für die Heilige von … ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den unaussprechlichen Namen erinnern (die Heilige möge mir verzeihen). [Nachtrag: Inzwischen ist er mir wieder eingefallen – Tabacundo]

Jetzt plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, dass vor allem junge Menschen, Jugendliche zumeist, an der Prozession teilnahmen. Ältere sah man kaum, nicht einmal Personen mittleren Alters. Im atheistischen Berlin hingegen, meiner Heimatstadt, begegnen einem zur Messfeier fast nur Alte und voll sind die Kirchen eigentlich nur an den Feiertagen, wenn die säumigen Schäfchen sich doch einmal ins Haus des Herrn begeben. Die Jüngeren muss man regelrecht mitschleifen und dann fragen sie nur immerfort: „Wann ist es denn endlich vorbei?“ Was für Banausen!

Mit dem Auto hat man die Strecke in weniger als einer halben Stunde bewältigt, aber zu Fuß und dann noch durch die Berge wäre man bestimmt sechs Stunden unterwegs. Zwischenzeitlich begann es auch noch wie aus Eimern zu regnen, doch die Pilger schreckte dies nicht ab. Durchgeweicht bis auf die Knochen, zogen sie stoisch Kilometer um Kilometer dem verheißenen Ziel entgegen. Schließlich durften wir, zwei Getaufte und der Atheist, auch noch einen Blick auf die Heilige erhaschen: hinter einer Wegbiegung breitete sich ein riesiger Parkplatz aus und an dessen Eingang, vor einem dramatischen Bergpanorama, hatten die Impresarios der Erbauung ein mehrere Meter hohes Gestell mit der Monstranz aufgebaut. Erst eine Handvoll Pilger hatte das Ziel erreicht und da der Pilgerzug sich in den Bergen wie die Marschkolonne einer Armee in die Länge gezogen hatte, würde es vermutlich noch Stunden dauern, bis der Letzte eingetroffen wäre.

Die lebensgroße Figur der Heiligen war prächtig geschmückt und empfing ihre Verehrer mit einem seligen Lächeln. Aus der Höhe blickte sie auf die vorbeiziehende Autokolonne und es schien sogar, als würde sie jedes einzelne der Autos segnen. Dies brachte meine Frau sofort auf eine grandiose Idee: Irgendwo in den Anden soll es einen Ort geben, an dem man das Auto tatsächlich von einem Priester segnen lassen kann, inklusive Weihwasser und all den anderen nützlichen Vorkehrungen, die helfen, das Böse unfehlbar abzuwehren. Natürlich müssen wir hin, denn angesichts der Sittenverrohung auf den Straßen empfiehlt sich himmlischer Beistand in jedem Fall.

Cotacachi ist ein winziges Städtchen ohne größere Attraktionen. Man muss den Stadtvätern zugute halten, dafür Sorge getragen zu haben, dass die Straßen ordentlich gepflastert und sauber sind und dass keine Bauruinen das Stadtbild verschandeln. Der eigentliche Grund, der uns und alle anderen hierher zieht, ist eine Straße im Zentrum, in der sich Geschäft an Geschäft reiht und überall verkauft man Leder.

Wir trafen gegen Mittag in Cotacachi ein und da so eine Reise hungrig macht, und sei sie auch noch so kurz, mussten wir uns zunächst einmal ausgiebig stärken. Wir suchten das erstbeste Restaurant auf, das uns gefiel – und tappten gleich in eine Touristenfalle. Nicht, dass das Essen schlecht gewesen wäre oder überteuert oder die Besitzer versucht hätten, sich dem internationalem Einheitsgeschmack anzubiedern – das war es nicht. Als wir das Restaurant, einen riesigen, schön dekorierten Saal, betraten, hatten sich erst wenige Gäste eingefunden. Doch kaum hatten wir Platz genommen und die Bestellung aufgegeben, füllte sich der Saal mit amerikanischen Reisegruppen. Es waren ihrer tatsächlich gleich mehrere, wie man unschwer an den ecuadorianischen Guides erkennen konnte, die T-Shirts mit dem Namen des jeweiligen Reiseveranstalters trugen. Alle Tische des Restaurants waren nun bis auf den letzten Platz besetzt – und es gab viele Tische –, aber ich glaube, abgesehen von den Touristenführern war meine Frau die einzige Ecuadorianerin unter den Gästen.

Nur allzu oft findet man den Eindruck bestätigt, dass amerikanische Touristen sich stets ein bisschen daneben benehmen. Natürlich tun sie das nicht willentlich und schon gar nicht in böser Absicht und man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn die meisten wissen es einfach nicht besser. In der Regel sind Amerikaner angenehme Zeitgenossen, sie sind nett, gesprächig und hilfsbereit, aber viele haben die Staaten noch nie in ihrem Leben verlassen und sie unterliegen daher dem Irrglauben, dass das Leben selbst an den entferntesten Orten der Welt ungefähr denselben Regeln gehorche wie in einer x-beliebigen Kleinstadt in Texas. Und Ecuador liegt gewissermaßen direkt vor der Haustür. Was also sollte hier schon anders sein als zuhause? Auf der Toilette fuchtelte einer der Touristen verzweifelt vor dem Wasserhahn herum. Er hoffte, den Sensor zu aktivieren, denn er wollte sich die Hände waschen. Ich machte ihn freundlich darauf aufmerksam, dass er einfach nur den Hebel nach oben ziehen müsste. Er betätigte den Hebel, das Wasser floss und er schaute mich an, als hätte ich für ihn gerade das Fahrrad neu erfunden – Thank you. You are welcome!

Amerikaner sind laut; nie machen sie einen Hehl daraus, woher sie kommen und welche Überzeugungen sie haben. Viele scheinen tatsächlich zu glauben, die Welt sei eine Art Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten und deshalb könne man sich überall ganz wie zuhause geben. Und außerdem will ja alle Welt ohnehin genau so leben wie man selbst – warum also sich anpassen? Nicht wenige Expats, also Auswanderer, die sich in Ecuador dauerhaft niedergelassen haben, pflegen exakt denselben Lebensstil wie in ihrer Heimat (und leider auch dieselben Einstellungen) und mit ihrem Geld ist ihnen das auch gut möglich. Die Ecuadorianer schauen dem Treiben teils spöttisch, teils ablehnend, vielfach aber auch neidisch zu und lästern über die Gringos in ihrer Mitte, die sich aufführen, als sei das Land eine Provinz Amerikas.

Die Mitglieder der Reisegruppen orderten so gewaltige Mahlzeiten, als wären sie schon seit Tagen halb verhungert durch die Anden geirrt. Einige konnten der Exotik dann doch nicht widerstehen und bestellten sich Cuy asado, also frittiertes Meerschweinchen, um dann mit hochgezogenen Lippen und enttäuschtem Gesichtsausdruck an den Knöchelchen herumzunagen. An so einem Cuy ist nicht viel dran und eigentlich ist es eine Enttäuschung. Die Einheimischen meinen darum, man dürfe nur die größten und fettesten Tiere schlachten, denn sonst esse man im Grund nichts weiter als Panade. Das Fleisch erinnert sehr an Kaninchen und ist ziemlich trocken, aber vielleicht war das Cuy, das ich vor Jahren probieren durfte, auch nicht fett genug. Mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht werden. Es gibt in der Sierra Familienrestaurants, die auf Cuy spezialisiert sind. Dort bietet man nichts anderes an als Cuy, in allen vorstellbaren Zubereitungsarten. Und die Läden sind zur Mittagszeit rappelvoll. Man sieht, Essen ist ein Stück Kultur und was man nicht in der Kindheit zu schätzen gelernt hat, kann man als Erwachsener nur sehr schwer liebgewinnen.

Nach dem Essen gingen wir einkaufen – wozu sollte man sonst nach Cotacachi kommen? Wir suchten nach nichts Bestimmtem, sondern schlenderten einfach nur so von Geschäft zu Geschäft. Die Läden selbst sind keineswegs alle gleich, was Ausstattung und Preislage betrifft. Es gibt regelrechte Kaufhäuser, die alles anbieten, was der Lederliebhaber nur wünschen kann. Leider bedient das Angebot eher den Massengeschmack. Dafür ist die Ware in der Regel recht preiswert. Daneben finden sich immer wieder kleine, geschmackvoll eingerichtete Boutiquen, die zwar über ein viel kleineres Sortiment verfügen, dafür aber teilweise mit wirklich originellen Stücken aufwarten können. Ware von guter Qualität hat natürlich ihren Preis, aber dennoch fährt man immer noch günstiger als bei den großen internationalen Labels. Die findet man übrigens auch, so man dem eingestanzten Schriftzug Glauben schenken will; ich habe mir sagen lassen, dass es sich sämtlich um Fälschungen handelt.

Sehr gut haben mir die Reisetaschen gefallen – schöne Taschen, auch Koffer, aus hochwertigem Leder und dazu noch aufwendig verarbeitet. Sie sahen edel aus und waren einfach nur schön, viel zu schön, um damit schnödes Reisegepäck durch die Gegend zu schleppen. Im Vergleich zu den Waren in Europa sind sie geradezu für einen Schnäppchenpreis zu haben (an die zweihundert Dollar kostete eine große Tasche dennoch). Doch was sollte ich mit einer exquisiten Reisetasche hier in Ecuador anfangen? Man würde mich sofort für reich halten und bei der erstbesten Gelegenheit um mein Gepäck erleichtern. Am Ende kaufte ich mir für zwanzig Dollar einen Gürtel. Das Leder ist so dick, dass man es unmöglich falzen kann, und die Geschäftsinhaberin musste sich sehr anstrengen, um den Gürtel auf meine Länge zuzuschneiden und mit neuen Löchern zu versehen. Alle Gürtel waren ausschließlich in Überlängen verfügbar und ich hätte sie mir leicht zweimal um den Bauch schnallen können. Wahrscheinlich hat man amerikanische Touristen als Käufer im Visier.

Eine Überraschung erlebten wir noch. Obwohl Ecuador zu den Ländern gehört, in denen aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen Kaffee angebaut wird (Ecuador gehört jedoch nicht zu den großen Kaffeeproduzenten), hat das Land merkwürdigerweise keine eigene Kaffeekultur hervorgebracht. Der Ecuadorianer trinkt Instant-Kaffee, ein scheußliches Gebräu, und bis vor einigen Jahren hat man Coffeeshops vergeblich gesucht. Mittlerweile gibt es sie in jeder Shopping-Mall und vor allem von der gutbetuchten Kundschaft werden sie geradezu enthusiastisch angenommen. Aber wie sollte es auch anders sein, dass vornehmlich die, die es sich leisten können, ihren Kaffee hier trinken, da beispielsweise ein großer Latte macchiato um die 3,50 Dollar kostet. Dafür bekommt man andernorts schon ein komplettes Mittagessen, inklusive Vorsuppe, Hauptgang, Nachspeise und Getränk. Sehr oft begegnet man den Filialen von „Juan Valdez“, einer kolumbianischen Kette, die in den USA und ganz Lateinamerika vertreten ist. Die Shops erinnern ein wenig an „Starbucks“ und auch das Angebot ist ähnlich, obwohl ich finde, dass der Kaffee deutlich besser schmeckt als bei dem Multi aus Seattle. Richtig gut ist „Sweet and Coffee“, eine einheimische Kette, die erst in den letzten Jahren auf Expansionskurs steuerte. Der Kaffee ist exzellent und das Angebot an exotischen Kuchen und Cookies sucht seinesgleichen.

Kleine Provinzstädte wie Cotacachi können in der Regel nicht mit dem Luxus guten Kaffees aufwarten. Pulverkaffee ist hier meist das Getränk der Wahl für den unter Entzug leidenden Koffein-Junkie. Umso erstaunlicher war es, dass wir ausgerechnet in einer verlassenen Nebenstraße ein Café entdeckten. „Café Serendipity“ stand groß an die Scheibe gemalt. Wir waren neugierig und traten ein. Der Innenraum war einfach, aber sehr gemütlich eingerichtet. Am größten Tisch saßen vier Gäste, offensichtlich Ecuadorianer, doch in dieser Gegend Touristen wie wir. Einer trug einen Poncho, den er sich vielleicht im nahegelegenen Otavalo gekauft hatte (nur Touristen kommen auf die absurde Idee, sich Ponchos anzuziehen). Auf einer Tafel im Gastraum wurde für ein großes Truthahn-Essen geworben: Roast turkey, Mashed potatoes, Cranberry sauce. Wir glaubten nicht eine Sekunde, dass die Betreiber etwas anderes als Amerikaner sein könnten. Auch die Kuchenkarte bot eine gute Auswahl an amerikanischen Klassikern: Apple pie, Lemon pie, Cookies, Brownies und dergleichen mehr. Das Angebot überzeugte uns. Meine Frau und ich entschieden uns für den Lemon pie, mein Sohn nahm den Apple pie.

Die Bedienung rekrutierte sich aus Einheimischen und während wir auf Kuchen und Kaffee warteten, versuchte meine Frau, die Leute auszuhorchen – das entsprach dem üblichen und erprobten Verfahren und meist findet man so eine ganze Menge heraus, denn die Angesprochenen erweisen sich oft als sehr mitteilsam, nachdem man sie erst einmal vorsichtig angestoßen hat. Dann kam der Kuchen. Der Lemon pie war so gut, dass er uns bestimmt süchtig gemacht hätte, würden wir noch ein weiteres Stück bestellt haben. Und auch der Apple pie, den mein Sohn aß, war unglaublich lecker, eigentlich so lecker, dass ein Stück bei weitem nicht ausreichte, den Appetit darauf zu stillen. Erstaunt war ich aber über den Kaffee, denn statt der üblichen Pulverplörre servierte man uns einen exzellenten Cappuccino, nach landesüblicher Sitte mit etwas Zimt bestäubt.

Meine Frau hatte inzwischen ihre inquisitorische Befragung abgeschlossen und folgendes herausgefunden: Ursprünglich war das Café tatsächlich von einer Amerikanerin betrieben worden. Vor einigen Jahren kehrte sie aber in die Staaten zurück. Doch bevor sie Ecuador verließ, brachte sie ihren Angestellten bei, wie man Lemon und Apple pie und all die anderen typisch amerikanischen Spezialitäten bäckt, wie man einen ordentlichen Espresso brüht und wie man ein Thanks-giving-Essen zubereitet. Die ehemaligen Angestellten sind jetzt die Besitzer und führen das Café im hergebrachten Stil weiter. Manchmal ist das Alte eben nicht unbedingt schlecht, nur weil es alt ist. Mag das Café auch eine Oase des internationalen Mainstream in einem ecuadorianischen Provinznest sein, so ist es dennoch hochwillkommen, denn manchmal kann man eben doch nicht von liebgewonnenen Gewohnheiten lassen. Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt.

The British School Quito

Wir haben uns nun doch dagegen entschieden, unseren Sohn auf das Colegio Alemán zu schicken. Die Deutsche Schule ist eine der besten Schulen überhaupt und an der Qualität der Lehrer und des Unterrichts gibt es keinen Zweifel. Das Colegio Alemán genießt weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf und eigentlich gibt es keinen Grund – von den Gebühren einmal abgesehen –, warum man seine Kinder nicht auf diese Schule schicken sollte.

Unser Sohn wuchs dreisprachig auf, und zwar mit Deutsch, Spanisch und Englisch. Wir verbrachten einige Jahre in den USA und dort ging unser Sohn auch in den Kindergarten. Später in Deutschland besuchte er von Anfang an die Amerikanische Schule. Dadurch, dass er in Amerika aufgewachsen ist und seither viel Zeit in einem englischsprachigen Umfeld verbracht hat, verfügt er im Englischen über ein Niveau, das dem eines Muttersprachlers entspricht. Wir wollten, dass er zumindest im ersten Jahr viel Englisch spricht, damit seine Fähigkeiten erhalten bleiben.

Die British School Quito genießt, ähnlich wie die Deutsche Schule, einen sehr guten Ruf. Aber dafür ist sie auch eine der teuersten Privatschulen im Lande. Wer schon einmal eine Rechnung in Händen gehalten hat, kann guten Gewissens behaupten, dass er den wahren Wert von Bildung kennt: Wie man hört, beträgt die monatliche Gebühr um die achthundert Dollar. Hinzu kommt noch eine einmalige Einschreibegebühr von sechshundert Dollar sowie der Beitrag für Lunch, der sich auf gut einhundert Dollar pro Monat beläuft. Aber immerhin ist eine gute Bildung auch etwas wert und wen interessiert schon schnöder Mammon, wenn er die höchsten Weihen der Weisheit erwerben kann.

Verglichen mit ihrem deutschen Pendant ist die British School deutlich kleiner: Zählt die Deutsche Schule ca. zweitausend Schüler, so sind es in der British School gerade einmal dreihundert. Das Gelände der Schule liegt auch nicht in Cumbayá, sondern etwas außerhalb von Tumbaco (das ist die Gemeinde weiter östlich von Cumbayá). Von Cumbayá aus kann man sie mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten erreichen, vorausgesetzt, es gibt keinen Stau, was morgens zu bestimmten Zeiten aber leider immer der Fall ist.

Das Gelände der Schule befindet sich in einer dem Anschein nach relativ ärmlichen Gegend und wie alle Schulen in Ecuador ist sie gegen die Nachbarschaft mit Mauern und Zäunen gesichert. Ein Sicherheitsdienst bewacht das gesamte Gelände und kontrolliert den Zugang. Außerhalb der offiziellen Besuchszeiten am Morgen und nach Schulschluss muss der Besucher, wie schon in der Deutschen Schule, seinen Ausweis abgeben und bekommt im Tausch dafür eine Besucherkarte. Ich habe mich ein wenig über den Wachschutz gewundert, denn auf den Schutzwesten der Mitarbeiter prangt groß der Davidsstern und darüber ist der Schriftzug „Sefardi“ zu lesen. Wenn man das Gelände betreten möchte, kommt es einem so vor, als passiere man einen israelischen Checkpoint. Ganz im Gegensatz zu ihrem martialischen Auftreten, sind die Leute aber sehr nett und hilfsbereit.

Bei der British School sieht man, dass der Zahn der Zeit schon ein wenig an der Substanz genagt hat. Zwar sind alle Gebäude gut in Schuss und zwar kümmert sich auch hier ein Heer von Bediensteten darum, dass alles so bleibt, doch man empfindet deutlich, dass einige Bereiche einer Generalüberholung bedürften. Der Principal, der es sich nicht nehmen lässt, uns persönlich herumzuführen, erklärt, dass Vieles in den nächsten zwei Jahren von Grund auf renoviert werden soll. Zu wünschen wäre es, denn die Schule macht einen sehr sympathischen Eindruck: In der Mitte des Geländes thront das Hauptgebäude mit dem Sekretariat, den Büros und der Cafeteria. Darum herum gruppieren sich die einzelnen Klassenräume, die in Bungalows untergebracht sind. Die Gebäude vermittelten mir doch stark den Eindruck einer Missionsschule, wie die Briten sie in vielen Teilen ihres ehemals weit gespannten Empires errichteten. Doch als man uns ins Innere führte, sahen wir, dass sie eingerichtet sind, wie es sich für moderne Klassenräume gehört, und dass es an nichts fehlt.

Wie in „Harry Potter“ werden die Schüler einzelnen Häusern zugeteilt und zuweilen kommt es vor, dass die Fiktion gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist: Jedes dieser Häuser hat einen eigenen Namen und eine eigene Farbe. Mein Sohn kam zum Haus „Cayambe“ (nicht der sprechende Hut übernahm die Zuteilung, sondern eine Angestellte der Schule). Alle Häuser sind nach Vulkanen benannt und mit den Farben der ecuadorianischen Trikolore (blau, rot, gelb) ausgezeichnet. Cayambe ist gelb (oder Gold, wie auch „Gryffindor“, das Haus, dem Harry Potter angehört). Mein Sohn hat die Harry-Potter-Romane alle gelesen und musste schmunzeln, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

Es war der erste Schultag und die Schüler waren in ihren Schuluniformen im Hof angetreten. Ich hatte tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck, ich befände mich im Mutterland England (oder in Hogwarts), als ich die Schüler in ihrer gebügelten Schulkleidung, die Mädchen in Rock und alle mit Krawatte dastehen sah. Das männliche Lehrpersonal trug übrigens ausnahmslos Anzug und die weiblichen Angestellten wirkten auf mich allesamt sehr gut gekleidet. Wüsste man nicht, dass es sich um Lehrer handelt, hätte man sie auch für Banker oder Angestellte in Führungspositionen in einer großen Firma halten können. Manche der Männer trugen dazu noch einen Panama-Hut, was sie sehr britisch wirken ließ. Allerdings sind es weniger die Äußerlichkeiten, die einen die „Britishness“ des Ortes empfinden lassen, sondern vielmehr die ganz besondere Art, wie man als Fremder aufgenommen wird. Alle sind so ausnehmend freundlich und so hilfsbereit, dass man sich sofort wohlfühlt. Ich habe das Gelände der Schule noch nie zuvor betreten, aber jedermann, dem ich begegne, gibt mir das Gefühl, als gehörte ich schon eine Ewigkeit dazu. Der Umgang ist so leger wie in einem exklusiven Tennis- oder Golfklub und sämtliche Klischees, die man immer gern über britische Höflichkeit bemüht, werden erfüllt. Dabei ist immer ein gewisses Understatement zu spüren – auch das sieht man als typisch britisch an; niemals würde man damit protzen, wer man ist, obgleich man durchaus Grund dazu hätte. Das alles macht es sehr angenehm und augenblicklich kamen mir viele schöne Erinnerungen an meine Reisen nach England ins Gedächtnis.

In der British School wird Schulkleidung getragen – für die meisten Schüler sicher ein handfester Grund, sich dem Wunsch der Eltern zu verweigern und lieber eine andere Schule zu besuchen, auf der keine Schulkleidung vorgeschrieben ist. Nur würde man es damit auch nicht besser treffen, jedenfalls ist mir keine Privatschule bekannt, an der keine einheitliche Kleidung getragen wird, und Ausländer wie Ecuadorianer, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder der besseren Bildungschancen wegen nur zu gern dorthin. Wenn man nach Schulschluss durch die Stadt fährt, sieht man die verschiedenfarbigen Uniformen der Schulen: blau, braun, grün. An der Deutschen Schule trägt man übrigens graue Hose, weißes Shirt mit dem Schullogo darauf und, wer will, darf sich eine grüne Jacke überziehen (auf dem Herzen prangt das Emblem der Schule). Die Jacken und die dazu passenden Hosen erinnern sehr an die Trainingsanzüge der deutschen Fußballnationalmannschaft anno 1954. Das sind nicht die coolen Sachen, in denen man als Dreizehn-, Vierzehnjähriger gesehen werden möchte. In Deutschland würde man ganz sicher Sticheleien über sich ergehen lassen müssen, doch hierzulande ist es eher eine Auszeichnung, diese Kleidung tragen zu dürfen. Der einzige Trost ist, dass alle anderen genauso aussehen – kein Grund also, sich zu schämen. In einem Land wie Ecuador ist es nur einer kleinen Elite vergönnt, die Kinder auf teure Privatschulen zu schicken, so dass die Schüler dieser Schulen von Gleichaltrigen wohl eher beneidet werden, als dass man über sie lacht.

Für Jungs besteht die Uniform der British School aus weißem Hemd, gelber Krawatte (Haus Cayambe), blauem Blazer mit roten Streifen, grauer Hose und schwarzen Schuhen. In der Ventura-Mall, das ist eine Shopping-Mall in Tumbaco, unterhält die British School einen eigenen Uniform-Shop. Zwar besuchen die Einrichtung nur dreihundert Schüler, doch muss sich jeder mit einer Schuluniform eindecken. Die einfache Garnitur kostet schon über zweihundert Dollar, dabei sind die Schuhe, die hier in Ecuador extrem teuer sind, noch gar nicht mit eingerechnet. Darüber hinaus ist es ratsam, gleich mehrere Garnituren zu kaufen, denn schließlich verschmutzt ja auch mal etwas. Wer nur auf die Idee gekommen ist, Schüler in weiße Hemden zu strecken! Leider waren Hosen in der entsprechenden Größe und gelbe Krawatten (Haus Cayambe) nicht mehr verfügbar, so dass wir am Samstag erst zur Fabrik nach Quito fahren müssen, um die fehlenden Kleidungsstücke dort direkt zu kaufen. Wir haben immer noch kein Auto und der vermeintlich kurze Trip wird wahrscheinlich wieder zur Weltreise ausarten. Ich sehe mich nach der Rückkehr am Abend schon wieder vollkommen erschöpft auf der Couch liegen.

Am ersten Schultag holte ich meinen Sohn von der Schule ab. Da wir immer noch kein Auto haben und es in den Sternen steht, wann es geliefert wird, musste ich mit dem Taxi zur Schule fahren. Von unserer Wohnung aus zahlt man fünf Dollar und Fahrt dauert ca. zwanzig Minuten. Unsere Wohngegend ist offenbar selbst für Taxifahrer so abgelegen, dass der Dispatcher der Taxi-Kooperative stets nachfragen muss, wo genau wir zu finden wären. Nach dem dritten oder vierten Mal konnte meine Frau nicht mehr an sich halten und machte dem Mann wortreich Vorwürfe, dass man immer noch nicht wüsste, wohin man das Taxi beordern solle. Ich glaube, die Tirade half, denn heute kam das Taxi auch ohne umständliches Nachfragen. Wenn ich mir in der Schule ein Taxi bestellen lasse, geben sie immer meinen Vornamen an, denn gewöhnliche deutsche Nachnamen sind für ecuadorianische Zungen einfach unmöglich korrekt auszusprechen. Ich bin dann Señor Henry (ausgesprochen je nach Gusto entweder Chenry mit hartem „Ch“ oder Enry, denn die spanische Sprache kennt kein „H“).

Ich hatte noch ein paar Besorgungen zu machen – unter anderem wollte ich ein Fitness-Studio testen – und bin deshalb mit dem Bus nach Tumbaco gefahren. Ich fand das Studio übermäßig teuer, aber zumindest hatte ich ein Probetraining frei. Zufällig lief mir der Besitzer über den Weg. Ich merkte schnell, das er ein Landsmann war und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte, dass er seit vier Jahren im Lande sei. Mit seiner Frau zusammen hätte er das Studio aufgebaut, aber sie überlegten, ob sie nicht alles wieder verkauften und nach Europa zurück gingen. Die Mentalität der Leute hierzulande sei furchtbar. Die Ecuadorianer hätten keinen Respekt vor fremdem Eigentum und alles werde mutwillig zerstört. Wie zum Beweis zeigte er auf die Matten, mit denen er sein Studio erst kürzlich ausgelegt hätte, wie er meinte – sie waren schon über und über zerschlissen und sahen aus, als würden sie seit Jahren genutzt. Er war darüber erbost, dass jeder um kleinste Dollarbeträge feilsche. Er habe es so satt. Es gäbe einfach keine Kultur in diesem Land, auch keine Esskultur. Man hätte sich ein Grundstück am Pazifik gekauft und habe vor, ein Haus zu bauen – doch wozu? Es lohne ja doch nicht. Man wolle hier nicht bleiben. Man werde alles verkaufen und in Europa einen neuen Start versuchen. Ich wünsche ihm viel Glück.

Von Tumbaco aus wollte ich ein Taxi zur Schule nehmen. Ich postierte mich gut sichtbar am Taxistand vor der größten Shopping-Mall im Ort und war guter Hoffnung, dass ich in kürzester Zeit ein Taxi finden würde. Aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten bis überhaupt eines auftauchte. Ich nannte dem Fahrer mein Ziel, aber er entgegnete mir nur, dass er von einer British School noch nie gehört habe. Die British School ist eine der teuersten und exklusivsten Schulen des Landes und jeder in der Gegend kennt sie, Taxifahrer oder nicht. Ich muss annehmen, der Mann wollte mich nicht fahren. Doch schon wenige Minuten später tauchte ein zweites Taxi auf und diesmal hatte ich mehr Glück.

Als ich ankam, waren die meisten Eltern schon da, um ihre Kinder abzuholen. Eine Seitenstraße direkt an der Mauer, die das Gelände der Schule begrenzt, ist fürs Parken reserviert und dort standen nun die Wagen der Eltern. Die Phalanx der parkenden Autos gab einen deutlichen Hinweis auf den Wohlstand, der sich an diesem Ort sammelt: Sämtliche Fahrzeuge der Marke Chevy sowie diverser ostasiatischer Hersteller waren deutlich übermotorisiert, viele hatten Allradantrieb. Die SUVs waren eindeutig in der Überzahl. Manche der Autos waren so geräumig, dass man eine ganze Fußballmannschaft damit transportieren könnte, dennoch saßen meist nur zwei Personen darin. Wenn man diese Flotte aus geländegängigen Fahrzeugen so sah, hätte man glauben können, es gäbe in diesem Land keine einzige asphaltierte Straße.

Pünktlich um 15:20 Uhr öffnete die Schule ihre Pforten und die Kinder strömten befreit hinaus. Es dauerte gerade einmal fünf Minuten, dann hatten sich mehrere Dutzend Fahrzeuge in den Verkehr gequetscht und die Parkstraße war wieder leer. Während sie abfuhren, konnte man bei manchen der Autos auf der Heckscheibe einen Hinweis auf die Herkunft der Insassen erkennen: Man sah amerikanische, britische oder australische Fahnen. Es schien, als wollte man jedermann gut sichtbar kundtun, wer man ist. Ich hatte den Eindruck, die Insassen säßen gut geschützt in ihren stählernen Festungen, in denen sie nach Hause, zu ihren bewachten Wohnanlagen rollten.

Am nächsten Tag brachte ich meinen Sohn wieder mit dem Taxi zur Schule. Auf halbem Weg setzten wir meine Frau an ihrem Arbeitsplatz, dem Colegio Alemán ab. Viele der Schüler trugen die „Retro“-Schuluniform anno ’54, einige aber nur das weiße Shirt mit dem Adler auf der Brust, was mich ungewollt an die preußische Turnerriege aus Wilheminischer Zeit denken ließ. An der British School gab ich meinen Sohn ab und fuhr dann wieder mit demselben Taxi nach Hause. An der Pforte zu unserer Wohnanlage angekommen, merkte ich jedoch, dass ich nicht ins Hause kommen würde: Die Haushälterin hatte die Eingangstür zur Anlage aus mir unbekannten Gründen von innen mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert, obwohl die Tür bereits über ein gutes Schloss verfügt. Ich habe zwar einen Schlüssel für das Vorhängeschloss, doch um es zu öffnen, hätte ich irgendwie auf die andere Seite der Tür gelangen müssen und dort hätte ich den Schlüssel nicht mehr gebraucht, da ich ja schon drin wäre. Ich hätte freilich auch über die Parkanlage ins Haus gelangen können; dazu wäre nur der Türöffner nötig gewesen, den aber meine Frau mit in die Schule genommen hatte. An manchen Tagen läuft wirklich alles perfekt!

Ich wartete einige Zeit vor der Tür, weil ich hoffte, jemand würde das Haus verlassen, aber es kam niemand. Keine Menschenseele war zu sehen, obwohl Autos im Parkdeck standen. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob man mir öffnete, wäre kaum möglich gewesen, da man es hierzulande als klüger erachtet, niemandem zu öffnen, den man nicht kennt oder der sich nicht angekündigt hat. Wohl oder Übel musste ich mir wieder ein Taxi nehmen, zur Schule meiner Frau fahren und mir von ihr den Türöffner für die Parketage geben lassen. So kann man schon mal einen Morgen sinnvoll verstreichen lassen.

[Anmerkung des Autors: Ich habe diesen Artikel noch einmal gepostet, diesmal auch mit Bildern von der British School. Am allerletzten Schultag wollte man mir (allerdings nur unter dem strengen Blick des Wachpersonals) schließlich erlauben, auch ein paar Aufnahmen von der Schule zu machen, die unser Sohn ein Jahr lang besucht hat. Für gewöhnlich ist das Fotografieren aus Sicherheitsgründen streng untersagt, aber da ich so nett darum bat, machte man eine Ausnahme. Zum Re-Post geht es hier.]

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.

Auf Wohnungssuche in Cumbayá

Schon am Tag nach unserer Ankunft begeben wir uns auf Wohnungssuche. Meine Frau hat Termine mit den örtlichen Maklern vereinbart, denn wir wollen uns gern einmal anschauen, wo man vielleicht wohnen könnte. Vor allem aber brennen wir natürlich darauf zu erfahren, wie viel der Spaß denn kostet. Die Maklerin hat ihre zwei Kinder (etwa fünf und neun Jahre) mitgebracht. Sie ist überaus freundlich und charmant und spricht meine Frau, wie es hierzulande üblich scheint, gleich mit dem Vornamen an. Mein Spanisch ist zu schlecht, um mitreden zu können. Ich höre nur zu, schaue mich um und denke mir meinen Teil. Man kann ja auch eine Meinung haben, ohne sie andauernd kundzutun.

Die erste Wohnung, die sie uns die Maklerin präsentiert, ist ein Traum: drei große helle Zimmer, zwei Bäder, Dachterrasse, Parkplatz im Erdgeschoss im eigenen Haus. Alles sieht nagelneu aus, wahrscheinlich sind wir die ersten, die sich das Objekt überhaupt anschauen dürfen. Mit uns zusammen besichtigen einige junge Leute aus Quitos Oberschicht das Objekt. Sie sehen sich gelangweilt um, beeindruckt scheinen sie nicht – wir aber sind es dafür umso mehr.

Die Wohnumgebung wirkt wie eine mediterrane Feriensiedlung gehobenen Standards – rundherum schöne neue Häuser in strahlendem Weiß; aus den Vorgärten wachsen Palmen, die Straßen sind ordentlich, die schicken neuen Autos adrett am Bordstein geparkt. Der Ausblick vom Wohnzimmer aus ist herrlich. Das Haus ist in einen Hang gebaut und so hat man freie Sicht. Der Bick geht über die anderen Häuser hinweg in ein grünes Tal, in dem sich die Siedlung allmählich verliert, Hohe Berge, an deren Flanken das Grün in die Höhe wächst, schließen die Talsenke ein. An den Hängen treiben Wolken gemächlich vorrüber.

Solch ein Traum hat natürlich auch seinen Preis – achthundert Dollar will die Maklerin dafür pro Monat. Wir wollen es uns überlegen. Sie merkt, dass wir zögern und bietet uns darum noch eine zweite Wohnung eine Etage tiefer an. Die Wohnung ist ebenso schön und neu wie die erste, nur deutlich kleiner. Dafür würde sie auch etwas weniger kosten. Die Wohnung gefällt uns sehr, doch sie hat einen gravierenden, ganz entscheidenden Makel: jeder Ausblick ist durch Betonwände verstellt. Nirgendwo hat man freie Sicht – sei es, dass ein Haus direkt davor steht, sei es, dass man in den nur schmalen Innenhof schaut. Schon nach kurzer Zeit kommt man sich vor wie in einem Gefängnis. Wir glauben, die Wohnung werde nur deshalb so preiswert angeboten, weil sie keiner haben will. Wir geben der Maklerin unsere Nummer. Wir wollen unbedingt in Kontakt bleiben, aber wir müssen uns die Sache erst einmal überlegen, denn schließlich geht der übliche Mietvertrag über einen Zeitraum von einem Jahr und die Kaution in Höhe von zwei Monatsmieten wird einbehalten, wenn man den Vertrag früher löst. Die Maklerin hat Verständnis für unsere Bedenken.

Am selben Tag haben wir noch einen zweiten Termin. Die Wohnung ist relativ klein und durchaus erschwinglich, aber der Grundriss behagt uns gar nicht. Eigentlich handelt es sich nur um einen langen, schmalen Gang, von dem ausschließlich auf einer Seite sämtliche Zimmer, die Küche und das Bad abgehen. Man kommt sich vor wie in einem Zellentrakt. Wir verwerfen das Angebot augenblicklich.

Die Wohnungen, die wir uns anschauen, befinden sich alle in Cumbayá. Cumbayá ist eigentlich nur eine östliche Vorstadt von Quito und bis vor ein paar Jahren wäre wahrscheinlich auch niemand auf die Idee gekommen, sich dort anzusiedeln. Doch Quito liegt in einem Tal und wird von allen Seiten von Bergen umschlossen. So gibt es wenig Platz zum Wachsen. In den letzten Jahren hat sich die Mittel- und Oberschicht nach neuen Möglichkeiten umgesehen, Grundbesitz zu erwerben. In Cumbayá ist sie fündig geworden, denn die kleine Siedlung hat alles, was es braucht: Sie liegt nur wenige Kilometer außerhalb Quitos und man kann hier relativ ruhig und geschützt wohnen und doch jeden Tag zur Arbeit nach Quito pendeln. Mittlerweile gibt es moderne Straßen, die es erlauben, in kürzester Zeit nach Quito und wieder zurück zu fahren.

Die Grundstückspreise waren anfangs noch niedrig, aber dann gab es einen regelrechten Run, so dass die Bodenpreise bald förmlich durch die Decke schossen. Reiche Ausländer heizten den Boom noch zusätzlich an. Heute hat Cumbayá eine Infrastruktur, die der Quitos in nichts nachsteht. Es gibt einfach alles. Wer aber dort leben und all diese Annehmlichkeiten genießen möchte, muss auch dass nötige Kleingeld mitbringen, denn die Preise haben teilweise astronomische Dimensionen erreicht, und nicht nur mir kommt es so vor, als kostete hier vieles sogar mehr als etwa in Europa oder in den USA.

Wir wissen noch nicht, ob wir eine der Wohnungen nehmen werden. Klug wäre es, noch weitere Angebote einzuholen. Wir möchten schon in Cumbayá leben, weil unser Sohn die Deutsche Schule besuchen wird, die sich ebenfalls dort befindet. Bei einer Anreise aus Quito muss man am Morgen unter Umständen lange Anfahrtzeiten in Kauf nehmen.

In Quito

Quito empfing uns nicht wie üblich mit azurblauem Himmel und Schäfchenwolken, sondern Grau in Grau. Der ecuatoriansche Zoll – der strengste der Welt – ließ uns dafür aber merkwürdigerweise ungeschoren davonkommen (nicht, dass wir etwas zu verbergen gehabt hätten). Aber in der Vergangenheit war es immer wieder vorgekommen, dass wir aus Gründen, die uns verborgen blieben, lange Wartezeiten und Kofferinspektionen über uns ergehen lassen mussten. Vor ein paar Jahren führte ich versehentlich vier Äpfel im Handgepäck ein; ich hatte sie als Verpflegung mitgenommen. Diese unbedachte Handlung zog einen längeren Aufenthalt in einem Büro des Zolls nach sich, wo ich ein fünfseitiges eng bedrucktes Protokoll auszufüllen hatte. Anschließend wurden die Äpfel konfisziert. Ich hoffe, sie haben geschmeckt.

Diesmal verfuhr der Zoll ausgesprochen milde mit uns: wir wurden recht gelangweilt durchgewinkt. Die Durchsuchung der Koffer hatte schon Homeland-Security vorgenommen. Dabei war natürlich das Kofferschloss geknackt worden. Ein Zettel im Innern des Koffers informierte mich darüber, dass rechtliche Schritte gegen diesen Eingriff in meine Privatsphäre ausgeschlossen seien. Zugleich dankte man mir für meine Kooperation (Thank you for your cooperation). You are welcome!

Auf dem Flughafen empfing uns mein Schwager, der Bruder meiner Frau. Die erste Schwierigkeit bestand darin, ein geeignetes Taxi zu finden, denn die Taxigesellschaft, die für den Flughafen arbeitet, verfügt merkwürdigerweise nur über kleine Autos. Man sah nur Kleinwagen, keine Vans oder Kleinbusse – ich muss annehmen, der übliche Fluggast reist mit leichtem Gepäck. Unsere fünf Koffer und die zahlreichen Handgepäckstücke hätten niemals in eines dieser Taxis gepasst. Man schlug uns vor, doch stattdessen einfach zwei Taxis zu nehmen. Das hätte dann auch den doppelten Preis bedeutet. Doch meine Frau, in diesen Dingen viel versierter als ich, ist ein echter Profi-Pfennigfuchser und hat sofort Abzocke gewittert. Mein Schwager kam uns zu Hilfe: Er hat einen Bekannten, der selber Taxi fährt, und er sollte uns zusammen mit den Koffern nach Quito schaffen.

Das Auto, das wir zu sehen bekamen, war eine Enttäuschung: Es war kaum größer als eines der Flughafentaxis und hatte den Zenit seiner Haltbarkeit schon lange überschritten. Ich zweifelte, dass wir überhaupt nur die Hälfte der Gepäckstücke würden darin verstauen können. Doch der Mann entpuppte sich als ein wahres Pack-Genie. Es gelang ihm tatsächlich, den Kofferraum so zu füllen, dass nirgendwo auch nur eine flache Hand zwischen Koffer und Fahrzeugwand passte. Einige Stücke des Handgepäcks nahmen wir auf den Schoß und dann ging es auch schon los Richtung Quito.

Vielleicht hatte der Fahrer seinem altersschwachen Gefährt ein wenig zu viel zugemutet; Die Federn waren vollständig zusammengedrückt, so dass man jede Bodenwelle spürte, und selbst leichte Steigungen ließen sich nur mit dem zweiten Gang und mit Vollgas bewältigen. Aber wir schafften es dann doch, auch dank der vorzüglich ausgebauten Straßen, die europäischem Standard in nichts nachstehen. Die derzeitige Regierung hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Wichtige Verkehrswege wurden großzügig ausgebaut, nachdem die Vorgänger das ganze Land förmlich verrotten ließen. Als ich 1992 Ecuador bereiste, fand ich nur hundsmiserable Schlaglochpisten vor. Diese Zustände gehören nun der Vergangenheit an.

Der Fahrer erzählte, dass er früher ebenfalls für die Taxigesellschaft des Flughafens gearbeitet hätte, aber nicht genug verdient habe. Eine Schicht dauerte 24 Stunden, danach hätten die Fahrer 24 Stunden am Stück frei. In einer Schicht verdiente man 50 Dollar. Jetzt arbeitet er selbständig als sein eigener Taxiunternehmer, kann arbeiten, wann er will, und verdient pro Schicht so um die 80 Dollar.

In Quito setzte das völlig überladene Taxi mehrfach auf und wir spürten einen Ruck durch den Unterboden in unsere Beine, als hätte jemand mit dem Vorschlaghammer von unten dagegen geschlagen. Einmal blieben wir sogar hängen und wir kamen erst wieder frei, als mein Schwager und ich (die beiden Schwersten im Auto) ausstiegen und schieben halfen. Auch als wir an eine kleine Anhöhe kamen, mussten wir wieder aussteigen, weil der Motor einfach zu schwach war, das Taxi samt seiner schweren Ladung hinaufzubefördern.

Dann kamen wir endlich ans Ziel, einen Stadtteil, den Touristen für gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommen. Eine Freundin meiner Frau hatte die eigene Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie lebt seit vielen Jahren schon in Europa und reist nur selten nach Quito. Die Wohnung nutzt sie mehr oder weniger als Abstellkammer, manchmal übernachtet sie dort auch für eine kurze Zeit. Die Einrichtung verströmt den Charme der 70er Jahre. Es gibt auch Fernseher, die man aber getrost als vorsintflutlich bezeichnen darf. Auch wenn man es nicht glauben mag, aber es gab eine Zeit, da nannte man solche Geräte ehrfürchtig Kofferfernseher. Angesichts der geradezu explodierenden Preise für Hotels und Wohnungen sind wir froh und dankbar, dass wir kostenlos übernachten dürfen.