Auf der Panamericana

Von Ingapirca ging es zurück nach Quito. Es war bereits Nachmittag und uns wurde klar, dass wir die Hauptstadt nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Nachts in den Anden unterwegs zu sein, ist wahrlich kein Vergnügen, zumal, wenn man schon mehrere Stunden hinter dem Lenkrad verbracht hat. Doch es sollte noch besser kommen und manchmal bin ich nahe daran zu glauben, Murphys Gesetz gehört wie das Newtonsche Gravitationsgesetz, das Plancksche Wirkungsquantum oder die Zahl Pi zu jenen unabänderlichen Größen, die seit dem Beginn der Zeit eingewebt sind in den Stoff, aus dem der Kosmos gemacht ist. Es scheint, es musste alles so kommen, wie es nun einmal gekommen ist.

Nicht lange nachdem wir Ingapirca verlassen hatten, gerieten wir in einen Stau. Es war nicht zu erkennen, was ihn verursacht hatte und angesichts der Witterungsbedingungen wäre vieles denkbar gewesen: ein Erdrutsch, ein entwurzelter Baum, eine Überschwemmung, ein unterspülter Abschnitt der Straße. Während wir geduldig darauf warteten, dass sich der Stau auflöste, wurde uns wieder einmal ein Beweis geboten für die unschlagbare Fähigkeit der Ecuadorianer zur Improvisation und dafür, jede noch so kleine Chance wahrzunehmen, wenn es darum geht, ein Einkommen zu erzielen, unabhängig davon, wann und wo auch immer sich die Gelegenheit dazu bieten mag: Wir hatten uns gerade hinter das letzte Auto der Kolonne eingereiht, als auch schon der erste Händler auftauchte.

Es ist ein Phänomen, das seit jeher einer schlüssigen Erklärung harrt, aber wann immer sich an irgendeinem Abschnitt der Autopista ein Stau bildet, sind fliegende Händler zur Stelle, um die Reisenden mit Snacks, Getränken oder Eis zu versorgen. Dabei spielt es gar keine Rolle, wo der Stau auftritt – ob mitten in der Stadt oder irgendwo in den Anden an einem menschenleeren Abschnitt der Panamericana. Wenn mehr als drei Autos länger als ein paar Minuten auf einem Fleck stehen, kann man sicher sein, dass ein Händler nicht weit ist.

Das hat etwas von einem Mysterium, denn die Leute können unmöglich so schnell erfahren haben, wo der Verkehr stockt. Ich frage mich auch, wo sie eigentlich wohnen. Das gebirgige Terrain beiderseits der Straße wirkte wie ausgestorben. Nirgends sah man Häuser, geschweige denn Geschäfte oder einen Markt, doch die Händler waren zu Fuß unterwegs und es bleibt wahrscheinlich auf ewig ein Rätsel, wie sie zielsicher und vor allem so schnell die eine Stelle finden konnten, an der sich ihnen Möglichkeiten für ihr Business eröffneten.

Meine Frau kaufte Chifles, also Chips aus Kochbananen, und sie fragte den Händler bei dieser Gelegenheit, ob er wüsste, was den Stau ausgelöst hatte. Ein Lkw sei verunglückt, meinte er so gleichgültig, als erlebe er Ähnliches jeden Tag. Es hätte in den letzten Jahren immer wieder Unfälle auf diesem Abschnitt der Panamericana gegeben. Vor gar nicht langer Zeit sei ein Lastwagen von der Brücke gefallen, die ein Stück weiter die Straße hinunter den Fluss überspanne. Die Straße sei gefährlich, aber die Leute fahren wie die Verrückten.

Als sich der Stau dann nach einer Stunde auflöste, hatten wir Gelegenheit, die Unfallstelle näher zu betrachten: Ein großer Laster war von der regennassen Straße abgekommen, auf die Gegenfahrbahn geraten und hatte sich schließlich in die Böschung gefräst. Die Unfallstelle war in das rot-blaue Blitzlichtgewitter der Polizei getaucht. Ob der Fahrer verletzt war, konnte man nicht erkennen, aber die Fahrerkabine war noch intakt und so konnte man das Beste für ihn hoffen. Es hatte lange gedauert, bis es der Polizei und den Einsatzkräften gelang, die Unfallstelle zu räumen, doch nun war die Straße wieder frei und wir konnten die Reise fortsetzen.

Kurz vor Riobamba ließ uns das Navi im Stich – endgültig und unwiderruflich. Das launische Gerät hatte uns schon vorher hin und wieder auf Routen geschickt, die nur ihm bekannt zu sein schienen, von denen aber die altmodische Karte nichts wusste. Jetzt aber wollte uns die Maschine nicht einmal mehr in die Irre führen: Die App hatte den Betrieb eingestellt und außer einer nervigen Mitteilung, die den konsternierten Fahrer großspurig darüber in Kenntnis setzte, dass das Programm gerade geladen werde, erfuhr man nichts. Es sollte auch später nichts mehr passieren. Das Navi war tot.

Als wäre das Gerät von einem tödlichen Virus befallen, stellte das Radio nach und nach seine Funktionen ein. Am Ende machte der Computer nicht einmal mehr den Versuch hochzufahren. Man sah nur noch das Herstellerlogo und es war fast wie der Nachruf auf einen Toten – Exitus. Die Techniker unseres Vertragshändlers versuchten eine Stunde lang, die komatöse Maschine zu reanimieren, doch ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als das Radio auszubauen und an den Hersteller zu schicken. Das war vor einigen Wochen und wahrscheinlich werden wir auf die Auferstehung noch bis zum Jüngsten Tag warten müssen.

Man könnte einwenden, wozu braucht es auf der Panamericana ein Navi, da man doch immer nur geradeaus fahren muss. Das mag der Fall sein, solange es einen nicht in eine größere Stadt verschlägt. Denn zwar ist die Panamericana recht gut ausgebaut und man kommt daher in der Regel zügig voran, doch da es nur selten Umgehungsstraßen gibt, verliert sich die Autopista in den größeren Städten schnell im dichten Verkehr.

Nach mehreren Stunden anstrengender Autobahnfahrt ist eine solche Verzögerung mehr als bloß lästig und man verflucht die Verkehrsplaner, die zwar ein schönes Stück Autobahn in die Landschaft gesetzt haben, aber die Umgehungsstraßen vergaßen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausschilderung im besten Falle äußerst spärlich ist; meist sucht man Wegweiser ganz vergeblich. Und so fährt man größtenteils blind – wenn das Navi ausgefallen ist und wenn man zufällig keine Straßenkarte der Stadt zur Hand hat.

Das Schicksal ereilte uns zum ersten Mal in Riobamba. Nachdem wir dreimal abgebogen waren, hatten wir uns so hoffnungslos verirrt, dass wir fragen mussten, um aus dem fremden Straßen-Labyrinth wieder herauszufinden. Wir mussten sogar mehrmals fragen, denn dass man Straßen der leichteren Orientierung wegen ausschildern kann, davon scheint man noch nie gehört zu haben. Einmal glaubten wir schon, wieder auf dem richtigen Weg zu sein, als meine Frau die glorreiche Idee hatte, zum wiederholten Male die ecuadorianische Methode auszuprobieren und wieder einmal jemanden zu fragen, einfach zur Sicherheit.

Das war leichter gesagt als getan, denn die Gegend wirkte schon auf den ersten Blick wie der Alptraum jedes Reisenden – die Straßen lagen einsam in der Dunkelheit und das Viertel beiderseits der Bürgersteige zählte augenscheinlich nicht gerade zu den Renommieradressen der Stadt. Hier zu halten, war wirklich nicht die beste Idee, aber dazu hätte man überhaupt erst einmal jemanden finden müssen, den man fragen könnte.

Schließlich kamen wir doch an einem nächtlichen Spaziergänger vorbei. Die Straße war nur schummrig beleuchtet und hinter jeder Ecke hätte jemand stehen können, der es nicht unbedingt darauf abgesehen hat, verirrten Reisenden mit einem Rat hilfreich zur Seite zu stehen. Ich wunderte mich, was der junge Mann hier mutterseelenallein zu schaffen hatte, zu dieser Stunde. Meine Frau fragte ihn, ob die Straße zur Panamericana führt. Wir waren fast sicher, dass dies der Fall wäre, aber der Mann machte ein sehr besorgtes Gesicht und meinte, wir sollten unbedingt umdrehen. Wenn wir der Straße folgten, kämen wir in ein wirklich schlimmes Viertel und dort wolle man Nachts auf keinen Fall sein. Wir glaubten ihm aufs Wort und fuhren zurück.

Nach über zehn Stunden Fahrt hatte mich die Erschöpfung dann doch überwältigt und ich musste erst einmal eine Pause einlegen, um meine müden Augen zu entspannen und meine Nerven zu beruhigen. Irgendwo in der Stadt fanden wir ein gut besuchtes KFC-Restaurant und ich hoffte auf einen starken Kaffee, aber aus einem Grund, der mir wahrscheinlich auf ewig verschlossen bleiben wird, wurde hier kein Kaffee verkauft, obwohl es doch sonst in jeder Filiale der Fastfood-Kette Kaffee gibt, und zwar zu jeder Tageszeit. Ich nahm stattdessen einen Eisbecher, denn ich hoffte, dass der Zucker eine ähnliche Wirkung hätte wie das Koffein.

Während ich in aller Ruhe mein Eis genoss, konnte ich den Leuten dabei zusehen, wie sie an der Theke die fettigen Kalorienbomben orderten, für die der Colonel berühmt ist. Angesichts der Größe der Portionen muss man davon ausgehen, dass die zumeist übergewichtigen Konsumenten für die Bucket-Challenge trainierten.

Nach anderthalb Stunden erzwungenen Zwischenaufenthalts ging es endlich weiter. Ich hatte mich leidlich erholt und ich hoffte, dass der restliche Teil der Strecke mit weniger Herausforderungen aufwarten würde, als der Teil, der bereits hinter uns lag, doch kaum hatten wir das verregnete Ambato erreicht, da wiederholte sich die Geschichte: Unser Navi war ausgefallen und es gab nicht einen Wegweiser, der uns einen Anhaltspunkt geben konnte, wo die Panamericana zu finden sei.

Wir fragten einen Taxifahrer, der sein Auto zufällig am Straßenrand geparkt hatte, und der Mann schickte uns in eine Straße, die so verlassen wirkte, dass es leicht möglich gewesen wäre, die Autos, die am Tag auf ihr entlangfuhren, an einer Hand abzählen. Doch der Taxifahrer kannte sich natürlich bestens aus und so gelangten wir schließlich zu einer Brücke, welche die Schlucht überspannt, die Ambato in zwei Hälfen teilt. Wir fuhren hinüber und auf der anderen Seite fanden wir relativ problemlos zurück auf die Panamericana. Eine halbe Stunde hatte das Intermezzo in Ambato dennoch gedauert.

Es ging weiter auf der Panamericana. Seit dem frühen Vormittag hatte es fast ohne Unterbrechung geregnet und auch in der Nacht blieb uns der strömende Regen erhalten. Bei Dunkelheit durch die Anden zu fahren, ist leider überhaupt kein Vergnügen und wenn noch Regen und schlechte Sicht dazukommen, ist man als Autofahrer jede Sekunde zu einhundert Prozent gefordert. Und wieder einmal konnten wir uns davon überzeugen, dass so manche unschöne Landestradition wohl niemals aussterben wird: Wenn man in Ecuador mit dem Auto unterwegs ist und man plötzlich ein wichtiges Anliegen hat, ist es üblich, einfach am Straßenrand zu halten. Natürlich trägt der verantwortungsvolle Autofahrer für seine und für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer Sorge und deshalb schaltet er immer die Warnblinklichter ein.

Die Signallichter, die doch eigentlich nur für seltene Notfälle reserviert sein sollten, werden bei so ziemlich jeder Gelegenheit genutzt und man bedient sich ihrer viel öfter als etwa der Fahrtrichtungsanzeiger – im Grunde könnte man die Autos in Ecuador ohne Blinklichter an die Kunden ausliefern, denn niemand braucht sie. Man scheint zu glauben, jedermann würde instinktiv wissen, was man beabsichtigt und deshalb sei es auch ganz unnötig, ein Vorhaben, wie etwa eine Richtungsänderung, durch Blinken anzuzeigen.

Das Warnblinklicht wird aber sehr häufig genutzt und zwar für fast alles, was einem auf der Straße so passieren kann: etwa wenn man ein dringendes Telefonat zu führen hat (um die anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu behindern, rollt man manchmal im Schritttempo auf dem Standsteifen entlang, während man telefoniert), wenn man seine Notdurft am Wegesrand verrichtet oder wenn man sich die Beine vertritt.

Häufig kann man beobachten, dass die Leute einfach anhalten, wenn sie sich an irgendeinem Stand etwas zu Essen kaufen möchten. Das Auto wird derweil mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Warnblinklicht auf dem rechten Fahrstreifen geparkt. Wenn man nachts bei Regen und schlechter Sicht, dazu nach fast zwölf Stunden strapaziöser Fahrt Blinklichter am Straßenrand sieht, kann es vorkommen, dass man, magisch angezogen wie die Motte vom Licht, auf die Blinksignale zuhält als wäre man in Trance. Man ist gut beraten, die rechte Spur grundsätzlich zu meiden. Ohnehin wird man alle paar hundert Meter durch Leute, die irgendein wichtiges Geschäft zu erledigen haben, zum Ausweichen gezwungen.

Die Panamerica ist in Ecuador in der Regel gut ausgebaut und nirgends erwarten den Reisenden größere Schwierigkeiten, doch erst kurz vor Latacunga, der letzten größeren Stadt vor Quito, wird die schlichte Autopista zum Luxus-Highway: Der Asphalt ist so neu und glatt, dass der Wagen förmlich darüber zu schweben scheint. Die dreispurige Trasse wird durch ein Spalier von Bogenlampen großzügig erleuchtet und die Ausschilderung ist einfach nur superb. Zu dieser späten Stunden waren wir fast die einzigen auf der Straße und hätte mich die lange Fahrt nicht restlos erschöpft, wäre es das reinste Vergnügen gewesen, in die sanften Schwünge der schönen neuen Autopista zu preschen. Diesmal mussten wir uns auch nicht durch den Stadtverkehr quälen und mühsam nach der richtigen Route suchen, denn Latacunga verfügt über eine exzellent ausgebaute Umgehungsstraße. In wenigen Minuten ließen wir die Stadt hinter uns.

Am Stadtrand von Quito gerieten wir in eine Nebelbank, die so dicht war, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Nach vierzehnstündiger Fahrt war ich nun fast dem Zusammenbruch nahe, aber ich musste mich noch eine weitere halbe Stunde zusammennehmen, bis ich mich endlich ins Bett fallen lassen konnte. Der Nebel lag so dick über der Stadt, dass man beiderseits der Straße nicht einmal Umrisse erahnen konnte. Manchmal sah man blasse Schemen, die jedoch an nichts Bekanntes erinnerten. Wir rollten in ein graues, waberndes Nichts.

Plötzlich tauchten vor uns zwei Warnblinklichter auf und ich muss dem Fahrer des Wagens dankbar sein, dass er die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, denn in den undurchdringlichen Nebelschwaden hätte ich ihn glatt übersehen. Er fuhr nur mit Schrittgeschwindigkeit und ich war kaum schneller, und diesmal war ich wirklich froh, dass jemand das Warnblinklicht auf diese höchst sinnvolle Weise zu verwenden wusste.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir wieder nach Hause fanden. Zwischen den dichten Nebelschleiern konnte man Richtungsweiser eher erahnen, als dass es einem gelungen wäre, sie zu lesen. Ich kenne mich in Quito nicht sehr gut aus und ich glaube, es war reiner Zufall, dass wir in dieser Nacht keine einzige Ausfahrt verpassten. Schließlich, nach über vierzehn Stunden Fahrt durch die Anden, fanden wir den Weg zu unserer Urbanisation, ohne dass wir uns auch nur ein einziges Mal verirrten. Wir stellten den Wagen ab, erledigten das Nötigste und fielen so erschöpft ins Bett, als wären wir soeben glücklich von der gefahrvollen Expedition in die unerforschten Weiten dieses erst kürzlich entdeckten Kontinents zurückgekehrt.

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.