Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Auf den Spuren Humboldts

Die Straße nähert sich dem Vulkan von Südwesten und schlägt dann am Fuß des Berges einen weiten Bogen nach Norden, wo sie schließlich auch wieder aus dem Park hinausläuft. Die nördliche Route ist weit weniger befahren als die südliche und die meisten Besucher reisen auf demselben Weg zurück, auf dem sie in den Park gelangt sind. Unterhalb der Flanken des Berges sahen wir immer wieder Pferde auf der kargen Hochebene weiden. Ich wunderte mich aber, warum man nirgends Lamas oder Alpakas begegnet. Fast hat es den Anschein, die einheimischen Spezies sind in Ecuador zur Rarität geworden.

Unterhalb der nördlichen Flanke des Vulkans kamen wir zu einem wüsten Feld, das über und über mit Gesteinsbrocken übersät war. Die Trümmer hatte der Berg beim letzten Ausbruch im Jahre 1904 herausgeschleudert. Viele der Brocken, die über die Ebene verstreut lagen gleich Hagelkörnern nach einem heftigen Schauer, waren groß wie Kühlschränke und manche hatten sogar die Ausmaße von Autos, aber der Vulkan hatte sie durch die Luft geworfen, als wären sie Popcorn, das knisternd aus dem Topf springt. Die Flur war dicht gespickt mit den tonnenschweren Monolithen und fast hatte man den Eindruck, sie wären aus steinerner Saat der Erde entsprossen und warteten nur darauf, von Giganten geerntet zu werden.

Ich habe einmal gelesen, wenn man als Vulkanologe von einem Ausbruch überrascht wird, ist es der Gesundheit zuträglicher, man schaut nach oben, in den Himmel, statt nach unten, auf den Weg. Denn wenn man sieht, dass ein Felsblock im Begriff ist, auf einen niederzufallen als wäre er eine Smartbombe, abgefeuert von einer Killer-Drohne, können einem schnelles Reaktionsvermögen und ein beherzter Sprung das Leben retten. Ich bin natürlich kein Vulkanologe, aber ich werde es mir merken – für den nächsten Besuch.

Die „Humboldtsche Straße der Vulkane“ führt vom Cotopaxi aus immer geradeaus nach Norden. Hat man den Bergriesen erst einmal hinter sich gelassen, ist man auf sich selbst gestellt, denn fast alle Besucher des Parks reisen durch den Südausgang und dann weiter auf der Panamericana zurück nach Quito. Die Route über die Panamericana ist der kürzeste und schnellste Weg zurück in die Zivilisation und vor allem fährt man auf der schön ausgebauten Autopista viel bequemer als auf der holprigen Humboldtschen Straße. Die Anreise von Quito aus hatte kaum eine Stunde in Anspruch genommen, zurück brauchten wir fast vier Stunden.

Sobald man den Vulkan im Rücken hat, ändert sich der Zustand der Straße von einer glatten Schotterpiste hin zu einem von Erosionsrinnen und Schlaglöchern zerfressenen Allrad-Parkour. Felsbrocken, groß wie Fußbälle, liegen über den Weg verstreut gleich Landmienen und man muss höllisch aufpassen, dass man sich nicht den Unterboden ruiniert. An einigen Abschnitten der Straße kommt man kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran und der Zustand der Fahrbahn stellt wahrscheinlich das Limit dessen war, was ein Auto ohne Allradantrieb gerade noch bewältigen kann. Wer aber lieber bequem fährt, dem sei die Rückkehr über die Panamericana ans Herz gelegt.

Unterhalb des Vulkans, aber schon zum nördlichen Ausgang hin, liegt eine Hacienda in der trostlosen Einsamkeit der Hochebene. Manche der großen Landgüter gehen auf Gründungen des 16. oder 17. Jahrhunderts zurück. Dabei kam es vor, dass man Grundmauern aus der Zeit der Inkas in den Bau integriert hat, nicht anders als man Kirchen und Klöster auf den Fundamenten ehemaliger Tempel und Paläste errichtete. Die meisten Haciendas sind schon lange keine produzierenden Landwirtschaftsbetriebe mehr. Einige Güter wurden aufwändig restauriert und dem Tourismus zugänglich gemacht. Eine stilechte Übernachtung in den alten spanischen Gemäuern ist aber alles andere als erschwinglich und mehr als die erkleckliche Summe von zweihundert Dollar für die Nacht ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch zumindest kann man sich einmal im Leben wie ein richtiger Latifundista fühlen.

Das Herrenhaus der Hacienda liegt so verlassen in der Landschaft, dass man sich unwillkürlich fragt, wer außer den hartleibigsten Eskapisten hier gern Urlaub machen würde. Aber vielleicht reicht ja eine Nacht, um sich zu sammeln und auf sich selbst zu besinnen. Länger würde man es wahrscheinlich sowieso nicht aushalten, denn ringsherum gibt es im Grunde nichts, worauf der neugierige, forschende Geist seine Aufmerksamkeit richten könnte: Abseits der ausgewiesenen Pfade darf man nicht durch den Páramo streifen und der Vulkan ist fast ständig in dichte Wolken gehüllt. Wahrscheinlich fühlt man sich schon nach kurzer Zeit ziemlich einsam.

Eigenartig ist, dass Steinmauern die Hacienda umgeben und den Besitz von der Außenwelt abgrenzen. Wer würde in dieser kargen und menschenleeren Landschaft das Stück Land innerhalb der Mauern, das genauso karg und menschenleer ist, betreten wollen und vor allem, in welcher Absicht? Es gibt ja nichts, das man stehlen könnte, und der eisige Wind streicht diesseits genauso wie jenseits der Mauern über das Land.

Erst nachdem man den Park durch den nördlichen Ausgang verlassen hat, wird die Straße wieder besser, und eigentlich befindet man sich erst jetzt auf der berühmten Humboldtschen Route. Der preußische Naturforscher ist in Ecuador wie in allen Ländern des südamerikanischen Kontinents, in denen man Spanisch spricht, fast schon so etwas wie ein Volksheld. Jeder kennt natürlich Humboldt, aber ich habe leider vergessen, die Leute zu fragen, ob sie wüssten, dass ihre Straße nach ihm benannt ist. Ich wäre wirklich gespannt gewesen auf ihre Antwort. Leider kam mir der Gedanke erst hinterher.

Wen könnte der Name „Humboldtsche Straße der Vulkane“ nicht beeindrucken, doch wenn man sich dann tatsächlich auf der berühmten Route befindet, ist man überrascht, bloß einen schmalen Kopfsteinpflasterweg vorzufinden. Ich war keineswegs enttäuscht, denn diese nostalgische Straße wie aus einer Reisebeschreibung Theodor Fontanes wird dem Geist und dem Andenken des berühmten Forschungsreisenden viel besser gerecht als eine moderne Autopista mit Bogenlampen und Leitplanken. Humboldt gilt als der Pate so mancher Entdeckung und als begehrter Namenspatron obendrein; erinnert sei an den Humboldt-Strom und den Humboldt-Pinguin. Dieser Straße aber hat man seinen Namen sicher nur ehrenhalber verlieren (immerhin ist verbürgt, dass er wirklich durch diese Gegend zog), denn die Vulkane waren ja schon seit jeher bekannt.

An diesem Tag waren wir allein unterwegs auf der Straße der Vulkane, aber wahrscheinlich wären wir es auch an jedem anderen Tag gewesen. Beiderseits des Weges findet man ein ländliches Postkartenidyll, das bis heute von einem metastatisch ausufernden Tourismus verschont geblieben ist. Es gibt keine asphaltierten Straßen, keine Hotels, keine Parkplätze und vor allem keine Touristen. Vor über zwanzig Jahren, als ich das Land zum ersten Mal besuchte, sah es in Ecuador fast überall so aus, doch seitdem ist viel Wasser den Río Napo hinuntergeflossen.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben und selbst dieser verschlossene Landstrich am äußersten Rande des Erdkreises musste irgendwann einmal aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Doch dieses unscheinbare Fleckchen Ecuador beiderseits der Straße der Vulkane scheint sich seit den Zeiten Humboldts kaum verändert zu haben. Und so kann man auch heute noch einer Ursprünglichkeit begegnen, die anderswo längst verschwunden ist in einer Welt, die sich immer schneller um sich selbst zu drehen scheint.

Die Landschaft ist so schön, dass man alle paar Hundert Meter halten und Fotos machen möchte. Die liebliche grüne Flur schmiegt sich sanft wie ein Traum von Elysium in die Hügel. Wiesen, Weiden und Wälder wechseln einander in rascher Folge ab. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Humboldt und Bonpland vor über zweihundert Jahren über diese Straße zogen und wie sie unablässig Proben sammelten, Messungen vornahmen, sich Notizen machten und staunten und ihr Forscherglück gar nicht fassen konnten. Vor lauter Beschäftigtsein hatten sie wahrscheinlich gar keine Zeit, sich der Schönheit dieses reizenden Fleckchens Ecuador bewusst zu werden.

Am Straßenrand sahen wir Einheimische Mora-Beeren pflücken. Die Ernte der fast schwarzen Früchte scheint sich hierzulande ähnlicher Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland das Pilzesammeln. „Mora“ wird immer mit „Maulbeere“ übersetzt, aber eigentlich handelt es sich um Brombeeren. Die Büsche wuchsen so dicht, dass man den Eindruck hatte, die Straße schneide sich durch eine endlose Wildnis aus Brombeergestrüpp. Wir fragten zweimal nach dem Weg. Die Leute meinten gutmütig, wir sollten der Straße einfach nur folgen, dann kämen wir schon irgendwann nach Quito. Sicher werden sie nicht oft nach dem Weg gefragt.

Ganz gewiss gab es schon zu Humboldts Zeiten eine Menge zu sehen, denn schließlich heißt die Route, auf der die berühmten Reisenden wandelten, nicht ohne Grund „Straße der Vulkane“. Uns aber war das Wetter leider nicht gewogen: Der Himmel war grau in Grau und undurchdringlicher Dunst lag über dem Horizont – man hätte nicht einmal erahnen können, wo die Bergriesen ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe reckten.

An einer Weggabelung trafen wir eine Frau in der Tracht der Indigenen. Man begegnet in der Landschaft mehr Kühen als Menschen, und wenn einem schon einmal jemand über den Weg läuft, sollte man unbedingt halten, denn man weiß nie, wann die nächste Gelegenheit kommt, Auskünfte einzuholen. Wir fragten die Frau, welcher der richtige Weg nach Quito sei, und bei dieser Gelegenheit wollten wir auch gleich wissen, wo denn die Vulkane wären, die uns der Reiseführer versprochen hatte und für die diese Straße berühmt ist.

Wahrscheinlich klang unsere Frage wie ein Vorwurf, gerade so, als machten wir die Frau persönlich dafür verantwortlich, dass man nichts sah. Wie um sich von jeglicher Schuld reinzuwaschen, zeigte sie mit ausgestrecktem Arm siebenmal zielsicher jeweils in eine andere Richtung und sagte dabei aus dem Effeff die Namen der Berge der Reihe nach her. Man konnte wirklich nicht das Geringste erkennen, aber irgendwo hinter dem Dunst warteten die Vulkanriesen darauf, von neugierigen Augen entdeckt zu werden. Nur an diesem Tag wollten sie sich leider nicht zeigen.

Von diesem Punkt an schien sich die Rückreise zu beschleunigen. Humboldt und seine Vulkane entschwanden bald unseren Blicken und unsere Gedanken richteten sich auf gutes Essen und den Komfort eines bequemen Sofas. Wir hielten noch einige Male, um den Ausblick zu genießen und um die schöne Landschaft zu fotografieren. Anderen Reisenden, die Abenteuerlust oder romantische Sehnsüchte auf die Spur Humboldts gelockt hätten, begegneten wir aber auch hier nicht, obwohl wir uns doch schon nahe der Stadt befanden. Irgendwo kurz vor Sangolquí, einem Ort südöstlich von Quito, bekamen wir dann seit Stunden zum ersten mal wieder Asphalt unter die Räder. Da wussten wir, wir waren zurück in der Zivilisation.

Wir fuhren durch ländliche Vorstädte, die so ausgestorben wirkten, als hätte man gerade die Sperrstunde verhängt. Die wenig befahrenen, schmalen Landwege mündeten bald in größere Straßen mit mehr Verkehr. Über Sangolquí gelangten wir nach El Tingo, einem hübschen Provinzstädtchen mit einer entzückenden Plaza. Von El Tingo ist es nur ein Katzensprung nach Cununyacu; dort befindet sich die Schule unseres Sohnes.

Der letzte Abschnitt der Reise führte über die schöne neue Autopista zurück nach Cumbayá. Die Fahrt verging wie im Fluge, und als wir dann wieder in die Behaglichkeit unseres Heims zurückgefunden hatten und es uns auf dem Sofa bequem machten, um auszuruhen und um die vielen neuen Eindrücke zu verdauen, die wie eine Flut auf uns eingestürmt waren, konnten wir kaum glauben, dass es erst wenige Stunden her sein sollte, dass wir unter dem Gletscher des Cotopaxi gestanden hatten.

Gipfel, Gletscher und Gefahren

Wenn man „Vulkan“ hört, gaukelt einem die Einbildungskraft vor, man hätte es mit einem feuerspeienden Bergriesen irgendwo im unzugänglichen Urwald oder auf einer Insel in den entferntesten Regionen des Ozeans zu tun. Doch dieser Berg liegt in Sichtweite der vielbefahrenen Panamericana und Straßen führen direkt bis an seinen Fuß. Und wenn man will, und wenn nicht gerade Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen ist, kann man der Straße auch noch ein ganzes Stück weit bergauf folgen, bis auf 4.600 Meter. Nur zweihundert Meter höher, knapp unterhalb der schroffen Eiszungen des Gipfelgletschers, liegt die alpine Schutzhütte „José Rivas“ wie ein roter Ziegelstein auf der schwarzen Felsflanke des Vulkans.

Doch an diesem Tag war die Straße, die zum Gletscher hinaufführt, leider gesperrt. Ein junger Parkranger bewachte den Abzweig, denn die Unvernunft ist in diesem Land so allgemein, dass man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen muss, einige der Parkbesucher würden die Schranke, die den Weg sperrte, geradezu als Aufforderung verstehen. Der Vulkan könne jederzeit ausbrechen, meinte der Parkranger, und wenn man sich zufällig dort oben aufhalte, sei man verloren. Wir überredeten ihn, ein Bild von uns zu machen, mit dem Vulkan im Hintergrund. Er schien nicht unglücklich über die Abwechslung, denn den ganzen Tag allein in der Landschaft herumzustehen und Posten zu schieben, um uneinsichtigen Möchtegern-Abenteurern die nur allzu offensichtlichen Gründe auseinanderzusetzen, warum sie nicht zur Schutzhütte hinauffahren dürften, gehört vielleicht nicht zu den Dingen, von denen man als Berufsanfänger immer geträumt hat.

Der Cotopaxi gilt unter Geologen als typischer Stratovulkan, also als Schichtvulkan, bei dem jeder neue Ausbruch eine weitere Decke Asche, Geröll und Lava über die Ablagerungen älterer Ausbrüche legt. Der Berg wird so mit jeder Eruption immer größer und seine regelmäßige Kegelform ist der Tatsache zu verdanken, dass Auswurfmaterial gleichmäßig auf die Hänge verteilt wird. Nach allgemeiner Vorstellung ist der Cotopaxi so etwas wie der Prototyp eines Vulkans und wenn man Kinder einen Feuerberg malen ließe, sähe das Ergebnis wahrscheinlich aus wie der Cotopaxi.

Der Vulkan erhebt sich fast unvermittelt aus der flachen Ebene, wodurch er noch viel beeindruckender wirkt als er ohnehin schon ist. Er hat keine Rivalen, mit denen er sich den Himmel teilen müsste, und so weit das Auge reicht, ist er der solitäre Herrscher dieser kalten stillen Welt. Seine Flanken steigen steil, aber fast gerade an und seine massive Silhouette verjüngt sich kegelförmig zur Spitze hin. Firnfelder und Gletscher krönen den Gipfel – ein wahrhaft majestätischer Anblick.

Und da standen wir also vor dem gewaltigen Vulkankegel und sahen – so gut wie nichts. Der Parkranger, der an der Kreuzung Wache hielt, erklärte uns, dass der Bergriese sich fast immer in Wolken hülle, die meiste Zeit des Jahres. Nur sehr selten klare es einmal auf und nur dann könne man den schneebedeckten Gipfel in seiner ganzen Pracht bewundern. Die Postkarten mit einem Cotopaxi vor strahlend blauem Himmel, die der Tourist gerne kauft, um sie in alle Welt zu versenden als Beweis, dass er tatsächlich den „gefahrvollen“ Aufstieg zum Vulkan gewagt hat, sind in diesen seltenen Augenblicken entstanden. Wahrscheinlich musste der Fotograf viele Tage warten, ehe ihm die Aufnahme glückte.

Nur eine Übung

Der Berg hatte Quito seit Wochen in Atem gehalten. Immer wieder war davon die Rede, dass er jeden Moment ausbrechen könne, und die Stadt hatte für den Fall der Fälle Vorsorge getroffen: Die Einwohner wurden angewiesen, Trinkwasser und Nahrung für mindestens drei Tage vorrätig zu halten. In vielen Supermärkten sahen die Getränkeabteilungen bald aus, als hätte man sie geplündert. Außerdem wurde die Anschaffung von Atemmasken empfohlen. Schon nach kurzer Zeit waren sie überall ausverkauft und angesichts der Menge an OP- und Filter-Masken, mit denen sich die Leute ausstatteten, hätte man glauben können, die weltweite Zombie-Apokalypse sei nun doch noch eingetreten.

Die meisten aber, mit denen wir sprachen, begegneten den Warnungen der Geologen mit der typisch ecuadorianischen Gelassenheit: Es wir schon nicht so schlimm kommen, hörte man immer wieder sagen. Aber die Bedrohung ist dennoch sehr real, denn Aschewolken können sich – wie schon vielfach in der Vergangenheit geschehen – so dicht über die Stadt legen, dass Dächer einstürzen. Für die tiefer gelegenen Wohnquartiere steht zu befürchten, dass Lahare, Schlamm-Geröll-Lawinen, durch die Täler rollen und ganze Urbanisationen einfach ausradiert werden. Die Gefahrenzonen sind auf einschlägigen Karten ausgewiesen und die Bewohner der gefährdeten Bereiche werden durch ein Frühwarnsystem verständigt und können sich dann in Sicherheit bringen. Viele werden nicht freiwillig gehen wollen, denn die leerstehenden Häuser sind ein lohnendes Ziel für Einbrecher.

Die Schule meines Sohnes, wie alle Schulen in Quito, führt regelmäßig Evakuierungsübungen durch. Der Koordinierungsaufwand ist nicht unbeträchtlich, denn viele der Kinder wohnen in Urbanisationen, die weit von der Schule entfernt sind, und ihre Eltern müssen im Notfall erst eine zeitraubende Anfahrt bewältigen, ehe sie die Kinder abholen können. Damit keines der Kinder versehentlich zurückbleibt oder Eltern und Kinder getrennt werden, hat die Schule sich ein etwas umständliches Prozedere einfallen lassen, bei dem man den Namen des Kindes auf einen Zettel schreibt, diesen durch die Tür reicht, worauf einem dann das Kind wie ein Paket ausgehändigt wird. Zwar besuchen nur dreihundert Schüler die British School Quito, aber man kann sich leicht ausmalen, wie lange es dauert, dreihundert Kinder einzeln durch die Tür zu schicken.

Einmal nahm ich an einer Notfallübung teil – man kann sich nicht vorstellen, welche geradezu grotesken Szenen sich vor dem Eingang der Schule abspielten. Und dies war nichts weiter als eine Routineübung! Mitarbeiter der Schule standen vor der Tür und verteilten Zettel, auf denen man den Namen des Kindes notieren sollte. Den größten und kräftigsten Lehrer hatte man direkt vor der Tür postiert (die Schüler nennen ihn ob seiner Leibesfülle respektlos Albondiga – Fleischklops). Sein massiger Leib versperrte wie ein Pfropfen den Eingang und so war es den Wartenden unmöglich, in die Schule zu gelangen. Ohne Zweifel würden einige der Eltern die Schule gestürmt haben, hätten sie sich nur an dem Wächter vorbeidrängeln können. Es herrschte ein ziemliches Durcheinander und mich beschlich das unangenehme Gefühl, im Ernstfall würde die panische Masse selbst einen so standfesten Torwächter beiseite schieben, als wäre er bloß ein Pappkamerad.

Der Türwächter rief die Namen der Kinder aus, was manchmal sehr lustig war, da er als Englischsprecher die spanischen Namen mit englischer Aussprache versah. An der Tür wurden die Kinder den wartenden Eltern ausgehändigt. Man schien zu glauben, sie seien aus Porzellan, denn man schickte sie durch ein Spalier aus Lehrern und jeder legte ihnen beschützend die Hände auf und schob sie behutsam weiter, als könnten sie plötzlich nicht mehr aus eigener Kraft laufen.

Manche der Mütter erschienen zu dieser simplen Katastrophen-Übung aufgebrezelt, als würde sie der Präsident der Republik persönlich empfangen. Als sie dann nach langem Warten endlich wieder ihre Kinder in den Arm nehmen durften, riefen sie mit zitternder Stimme „Mi hijo!“ (Mein Sohn!) oder „Mi hija!“ (Meine Tochter!). Es klang so bitterlich, dass man fast glaubte, ein grausames Schicksal hätte Mutter und Kind getrennt und erst jetzt, nach Jahren des Hoffens und Bangens, hätte das Glück sie wieder vereint. Manch eine der gutsituierten Hausfrauen, allesamt Angehörige der Oberschicht, schien wirklich den Tränen nahe. Ich habe so meine Zweifel, ob ihnen mit ein paar therapeutischen Ohrfeigen geholfen wäre. Ich fürchte, wenn man wie sie nur lange genug in der Stratosphäre schwebt, verliert man irgendwann auch den letzten Rest an Bodenhaftung. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich glaube, man muss beten, dass der Cotopaxi niemals ausbricht.

Der Hals des Mondes

Mit seinen fast 5.900 Metern ist der Cotopaxi nach dem Chimborazo der zweithöchste Berg Ecuadors und dazu noch einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Cotopaxi bedeutet auf Quechua „Hals des Mondes“ und wenn man den Berg bei Vollmond aus einer bestimmten Richtung sieht, wirkt er wie der Hals unter dem bleichen Antlitz des Erdtrabanten. Als wir den majestätischen Vulkankegel vor einigen Wochen besuchten, war Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen worden und sämtliche alpinistischen Aktivitäten mussten eingestellt werden – nicht dass wir vorgehabt hätten, den Gipfel zu erstürmen.

Der Berg selbst und der Nationalpark, in dessen Zentrum er wie sein Herrscher thront, befinden sich nicht einmal eine Autostunde südlich von Quito. Die gute Erreichbarkeit mag einer der Gründe sein, warum der Cotopaxi so oft wie kaum ein anderer Berg in Südamerika bestiegen wird – Alpinisten müssen nicht erst eine lange, beschwerliche Anreise in Kauf nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Vom Hotel aus fährt man mit dem Auto direkt bis zum Fuß des Berges, lädt die Ausrüstung aus und schon kann das Abenteuer beginnen.

Unser Aufstieg endete da, wo das Abenteuer des ambitionierten Bergtouristen gerade erst beginnt, nämlich am Fuße des Vulkans. Natürlich konnte unsere Tour nicht mit dem Schwierigkeitsgrad einer alpinistischen Unternehmung wie der Besteigung eines Vulkans mithalten, aber dafür führte unser Weg auch nicht ausschließlich über Felsklippen, Geröllfelder und Gletscherspalten. Kein geringerer als Humboldt sollte unser Reisegefährte sein und der Weg, dem wir folgten, trägt noch heute den Namen des berühmten Naturforschers und Humanisten: „Humboldtsche Straße der Vulkane“. Was für ein stolzer Name!

Am Krater

Am vorletzten Wochenende juckte es uns wieder einmal in den Beinen und wir wollten die freien Tage nicht verstreichen lassen, ohne etwas von welterschütternder Bedeutung vollbracht zu haben. Obwohl ich sonst wenig Veranlassung habe, mich von unseren mehr oder weniger einstimmig gefassten Kollektivbeschlüssen auszunehmen, verspürte ich eigentlich nicht viel Lust auf einen Trip in die Umgebung der Stadt. Doch meine Frau schien wieder einmal von Unrast getrieben und ihr die Idee auszureden, schien so sinnlos wie jemanden mit Restless-leg-Syndrom den Rat zu erteilen, er müsse, um schlafen zu können, doch einfach nur die Füße stillhalten.

Man hätte ja auch einmal zuhause bleiben und einen Brettspielabend mit Monopoly oder den Siedlern von Katan veranstalten können; man hätte es sich auf der Couch bequem machen und sich bei Pizza, Eis und Popcorn dem cineastischen Overkill mit allen drei Folgen von „Der Pate“ hingeben können (raubkopierte DVDs kann man hier allerorten für zwei oder drei Dollar kaufen). Als Großstadtmensch aus Überzeugung und Bestimmung bin ich eher fürs Bequeme und ich kann nur im Ausnahmefall einen triftigen Grund darin entdecken, ferne Orte zu besuchen, wenn man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen kann.

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als den Sonntag einmal in Ruhe und Frieden zuhause zu verbringen – schließlich hat man in der Woche genug Stress –, aber meine Frau meint, da wir schon einmal hier im Lande seien, wäre es eine Dummheit, wenn wir nicht auch einige seiner Sehenswürdigkeiten besuchten. Sie wird nicht müde, diese Weisheit nach Art eines Ceterum censeo wieder und wieder von sich zu geben, noch bevor ich überhaupt den leisesten Einspruch erheben kann, ja, bevor ich überhaupt widersprechen möchte, denn es kommt ja durchaus vor, dass wir einmal einer Meinung sind. Außerdem, so meint sie, käme die Gelegenheit vielleicht nie wieder. Das ist wohl wahr und damit hat sie ausnahmsweise einmal Recht.

Als wir vor einigen Wochen die Mitte der Welt (Mitad del Mundo) besuchten, hörten wir zufällig von einer Tour zu einem spektakulären Vulkankrater. Ich hatte von diesem Besuch nicht eigens berichtet, weil der Trip zur Mitad del Mundo ohnehin zum Standard-Repertoire jeder Ecuadorreise gehört wie die Pusteln zu den Windpocken. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht versagen können, ein paar Bilder auf diese Seite zu stellen – nur für den Fall, dass man mir vorwirft, ich hätte diese touristische Sensation absichtlich ausgelassen. Auf einem der Bilder sieht man mich sogar in der typischen Pose des Touristen, der stolz wie ein Weltbezwinger mit jedem Fuß auf einer Hemisphäre steht (weitere Bilder von der Mitte der Welt befinden sich in der Galerie).

Auf dem Areal der Mitad del Mundo haben sich einige kleinere Reiseagenturen angesiedelt; sie bieten vor allem Kurztrips zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung der Stadt an. Die Bilder am Büro eines dieser Reiseveranstalter waren von solcher Imaginationskraft, dass wir spontan beschlossen, an einem anderen Tag wiederzukommen, um eine Tour zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros empfahl uns, die Eintrittskarte für die Mitad del Mundo sowie die Banderole, die man ums Handgelenk geklebt bekommt, aufzuheben, denn andernfalls müssten wir das nächste Mal noch einmal Eintritt bezahlen. Ich sollte die Banderole nach Möglichkeit so entfernen, dass sie nicht reißt, was eine nicht geringe Herausforderung darstellte, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, den Türsteher seines Lieblingsklubs mit einem wiederverwendeten Armband auszutricksen. Den Rest des Abends war ich dann auch damit beschäftigt, die Banderole mit äußerster Akribie von meinem Handgelenk zu pulen.

Die Tour zum Krater Pululahua, so der Name der Örtlichkeit, nimmt ihren Ausgang auf dem Areal der Mitad del Mundo und wenn man daran teilnehmen möchte, muss man erst einmal dorthin gelangen. Meine Frau erklärte dem Mitarbeiter am Einlass wortreich, wo das Problem lag, und sie zeigte ihm auch die Eintrittskarte, die wir anlässlich des Besuches vor einer Woche gekauft hatten, und die Banderole, die sauber abzulösen mir unter größten Schwierigkeiten gelungen war. Der Mitarbeiter hatte ein Einsehen und verwies uns zu einem Serviceeingang an der Seite.

Dort empfing uns der unvermeidliche Posten des Wachschutzes mit dem grimmigen Gesichtsausdruck des Uniformierten, der ein Grüppchen fröhlicher Zivilisten nahen sieht (Wachposten gucken immer grimmig, wenn sie Zivilisten nahen sehen; das lernen sie wahrscheinlich auf der Akademie für Wachposten). Wieder legte sich meine Frau mit nicht weniger grimmiger Plauderlaune ins Zeug. Sie bestürmte den Mann mit einem unwiderstehlichen Wortschwall, als gelte es ein furchtbares Schicksal abzuwenden wie seinerzeit Scheherazade. Sie vergaß auch nicht, das Ticket und die Banderole triumphierend vor der Nase des Mannes zu schwenken. Der Uniformierte folgte der Bewegung wie der T-Rex der Fackel in „Jurassic Park“, und hätte sie die Banderole weggeworfen, wäre der Mann ihr wahrscheinlich hinterhergerannt.

Schließlich, nach einer herzerweichenden Rede, die selbst noch einen kaltherzigen Bösewicht wie Lord Voldemort zu Tränen gerührt hätte, ließ uns der Mann mit gönnerhafter Miene ein. So wie meine Frau ihn bearbeitet hatte, konnte er sich wie der Held fühlen, der zwei hilflosen Fremden das Leben rettete. Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland möglich gewesen wäre: Regeln sind Regeln und Ordnung muss nun einmal sein!

An der Reiseagentur wartete bereits der Kleinbus, der uns hinauf zum Krater transportieren sollte – ein klappriger alter Ford, dessen beste Zeit schon seit mindestens zwanzig Jahren vorüber war. Aber immerhin war der Fahrersitz mit Cupholdern ausgestattet und das Armaturenbrett war edel in Holz gefasst. Ich schrieb uns in die Teilnehmerliste ein und da wir an diesem Tag die letzten waren, die sich für die Tour anmeldeten, und man angeben musste, aus welchem Land man kommt, konnte ich ersehen, woher die anderen Tour-Teilnehmer stammten: Abgesehen von mir kam die einzige Teilnehmerin, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, aus Schweden. Alle übrigen entstammten dem hispanischen Kulturkreis. Die meisten waren natürlich Ecuadorianer, aber auch ein junges Paar aus Chile fuhr mit.

Dann traf auch endlich unser Tour-Guide ein und schon ging es hinauf zum Krater. Dort trafen wir ein, kaum dass wir abgefahren waren – nach nur zehn Minuten war die Fahrt zu Ende. Jetzt wurde uns auch klar, dass wir keine Tour hätten buchen müssen, um zum Krater zu gelangen; man kann bequem mit dem eigenen Auto fahren. Viele hatten genau das getan und der Parkplatz vor dem Eingang war restlos mit den Autos der anderen Besucher zugestellt. Auch der unvermeidliche Porsche fand sich darunter. „Mutig“, bemerkte mein Sohn, und in der Tat stellt es angesichts der ausufernden Kriminalität im Lande ein nicht geringes Wagnis dar, einen Luxuswagen wie diesen auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber ich bin sicher, der Porsche-Fahrer hat sich etwas dabei gedacht. Während unser Guide den Bus irgendwo zu parken versuchte, machten wir uns auf den Weg zum Krater.

Wenn man oben auf dem Kamm des Katerwalls steht, kann man angesichts der unirdischen Szenerie leicht dem Eindruck erliegen, man erlebe die Vision einer fremden Welt: Der Krater ist gewaltig und tief wie die Schädelkalotte eines gestürzten Titanen. Als wäre er die umgestülpte Schüssel des Himmels, ist er von einem Meer aus Wolken und Dunst erfüllt. Man kann die Luft darunter förmlich anfassen, da sie das Kraterloch wie ein Block aus Kristall zu füllen scheint. Der Fels ist überall von einem samtigen Pelz aus Vegetation überzogen und der Kraterboden ist bis in den letzten Winkel mit dem grünen Schachbrettmuster der Felder und Gärten bedeckt. Man sieht Häuser und Gehöfte, die gleich Miniaturen unter dem hastig dahineilenden Wolkendunst liegen. Wie eine Schneelawine, die träge über einen Felsgrat fließt, stürzen die Wolken über den Kraterrand. Sie gleiten durch das Rund der Caldera als wären sie Schaum in einer Tasse Macchiato. Die Kraterwände halten sie im Innern gefangen und so zerreibt sie der Fels allmählich zu Fetzen.

Mit seinem Hut und seinem lässigen Gehabe ist unser Guide die ecuadorianische Variante eines Indiana Jones. Als wir den Kraterrand erreicht haben, schwingt er sich verwegen auf die Balustrade, welche die Grenze zwischen Leben und Tod markiert: Rechter Hand senkt sich der Abhang dreihundert Meter in die Tiefe, aber die schwindelerregende Höhe scheint den Mann nicht im Mindesten zu bekümmern. Mit geradezu stoischer Ruhe setzt er zu seinem Vortrag an: Die Caldera hat einen Durchmesser von vier Kilometern und der Wall des Kraters steigt vom flachen Kraterboden aus über dreihundert Meter in die Höhe. Auf der Kraterseite sind die Wände fast senkrecht und es mag Stellen auf dem Wall geben, von denen aus man einen Stein fallen lassen kann und er würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er auf dem Kraterboden aufschlägt.

Der Krater entstand vor Äonen infolge einer kataklysmischen Eruption: In den Magmaherden hatte sich Druck aufgebaut. Dieser Druck steigerte sich mit der Zeit so sehr, dass die Gesteinsdecke den plutonischen Kräften nicht länger standhalten konnte. In einer gewaltigen Explosion entluden sich die unterirdischen Kräfte und wie den Korken einer Sektflasche, die man zu sehr schüttelt, katapultierte der Vulkan das Gestein in die Stratosphäre. Zurück blieb jener riesige Krater gleich einer geologischen Pockennarbe.

Infolge eines einmaligen Zusammenspiels verschiedener klimatischer Phänomene beginnen die Wolken jeden Nachtmittag pünktlich um drei Uhr ihre Reise in den Krater. Wir waren gegen halb drei auf dem Kraterrand und konnten gerade den Anfang dieses faszinierenden Schauspiels verfolgen: Wie ein Wasserfall stürzen die Wolken über den Rand und schon nach kurzer Zeit ist das Kraterrund mit Wolken gefüllt als wäre es eine Schüssel mit dicker Graupensuppe. Später in der Nacht löst sich die Wolkendecke wieder auf und dann ist der Himmel sternenklar. Im Krater selbst gibt es kein Wasser und man wundert sich, wie die Menschen, die auf seinem Boden siedeln, überleben können. Die Wände und der Kratergrund sind aber mit einem dichten Pelz aus Vegetation überzogen. Die einzige Quelle der lebenspendenden Feuchtigkeit sind die Wolken.

Mindestens seit der Zeit der Inkas ist der Pululahua-Krater von Menschen besiedelt. In letzter Zeit hat es aber eine starke Abwanderung gegeben, denn niemand bei Verstand möchte sich für immer in dieses vorzeitliche Refugium einsperren lassen: Es gibt weder Radio noch Fernsehen noch Internet – die steil aufragenden Felswände verhindern jede Kommunikation mit der Außenwelt. Handys sind also vollkommen sinnlos, und Straßen, auf denen man mit dem Auto zum Kratergrund gelangen könnte, gibt es schon gar nicht. Vor einigen Jahren hat man zum ersten Mal eine Telefonverbindung eingerichtet. Die Leitungen schwingen wie die Kabel einer Seilbahn im Hochgebirge Hunderte Meter frei durch die Luft. Der einzige Weg in den Krater hinein und wieder hinaus führt über steinige Saumpfade, die sich in Serpentinen an den Kraterwänden entlang in die Tiefe winden.

Im Krater leben fast nur noch Alte. Die letzte Schule wurde schon vor Jahren geschlossen und auch der letzte Arzt hat dem Pululahua vor geraumer Zeit den Rücken gekehrt – die Patienten sind ihm ausgegangen. Die Leute besinnen sich lieber auf Kräuter und die heilenden Kräfte der Natur als den Rat eines Arztes zu suchen. Die typischen Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten, über die man den Berliner Rentner bei jedem sich bietenden Anlass klagen hört, scheinen hier vollkommen unbekannt zu sein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreuen sich die Bewohner des Kraters einer so guten Gesundheit, dass sie nie einen Arzt nötig haben. Der arme Mann musste wahrscheinlich frustriert aufgeben, weil er sich fast zu Tode langweilte – niemand wollte ihn konsultieren.

Die Kraterbewohner finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Vielfach wird Subsistenzwirtschaft betrieben, denn was der eigenen Hände Arbeit nicht hergibt, ist nur sehr schwer zu beschaffen. Einmal pro Woche befördern die Bauern ihre Waren auf Eseln zu einem Markt an der Mitad del Mundo. Darüber hinaus haben sie wohl nicht viel Kontakt mit der Außenwelt und das Leben im Krater ist sicher so geruhsam wie in einem einsamen Weltraumhabitat auf der Rückseite des Mondes. Damit ist auch das Geheimnis um die eiserne Gesundheit der Leute gelüftet: Der geheime Quell ihres Wohlbefindens scheint in der Abwesenheit von jeglichem Stress zu liegen. Aber wie sollte man sich auch gehetzt fühlen, wenn das einzige alltägliche Ereignis von Bedeutung im Leben der wöchentliche Gang zum Markt ist.

Hin und wieder verirren sich von Wanderlust getriebene Touristen in die Caldera. Der Abstieg mag dem alpinistisch Ungeübten noch unter Mühen möglich sein, aber der Aufstieg hat es in sich, zumal man auf dreitausend Metern Höhe nach ein paar schnellen Bewegungen oft das Gefühl hat, man würde einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen. Als wäre man einem Vakuum ausgesetzt, ist plötzlich die Luft weg, und dann muss man erst einmal stehen bleiben und warten, bis sich das wie wild rasende Herz wieder beruhigt hat.

Im Krater gibt es ein Hotel, das den an den Komfort der Zivilisation gewöhnten Reisenden mit einem bequemen Bett für die Nacht und einer anständigen Mahlzeit versorgt. Durch ein Teleskop kann der Bewohner der Nordhalbkugel die fremden Konstellationen des südlichen Sternenhimmels bewundern, denn pünktlich zur Nacht löst sich die Wolkendecke, die ab drei Uhr Nachmittags über dem Krater zu liegen pflegt, wieder auf. Man muss aber aber kein Teleskop haben, um die Wunder des Weltalls bestaunen zu können. Einige campen im Krater. Wenn man dann nachts unter dem bestirnten Firmament liegt, das von den Kraterwänden eingerahmt wird wie von den beschützenden Händen eines Schöpfergottes, mag man sich wie der erste Mensch fühlen, der seinen Blick voller Ehrfurcht zu der erhabenen Größe des Himmels aufrichtete.