Keine guten Nachrichten aus Santa Inés: Seit über einer Woche wohnen wir in unserer neuen Wohnung in Nayón; das ist eine Siedlung auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. Die Wohnung ist sehr schön, doch an die Wohnumgebung muss man sich erst gewöhnen. Ich hatte davon berichtet. Meine Frau steht immer noch in Kontakt mit den Mietern unserer alten Wohnanlage im Sektor Santa Inés in Cumbayá. Von den Leuten dort hat sie erfahren, dass die Besitzer der Wohnanlage erst kürzlich Überwachungskameras an strategisch wichtigen Punkten installieren ließen. Eine der Kameras ist auf die Straße vor dem Haus gerichtet. Als man kürzlich die Aufnahmen sichtete, sah man darauf ein Fahrzeug, das keinem der Anwohner in der Nähe gehörte. Es parkte unauffällig in der Straße und der Fahrer beobachtete offenbar das Haus.
Die Calle Maria Auxiliadora, das ist die Straße, in der sich die Wohnanlage befindet, liegt abseits der Hauptrouten und deshalb gibt es nie viel Verkehr. Eigentlich kann man die Autos, die am Tag vorbeifahren, an einer Hand abzählen. Auch parken hier selten Fahrzeuge, denn viele der Häuser verfügen über eigene Parketagen und überhaupt stellt es ein Wagnis dar, ein Fahrzeug an einem unbewachten Platz abzustellen. So sieht man also fast nie parkende Wagen, es sei denn, sie gehören Anwohnern. Ein fremdes Fahrzeug, das mehrmals mehrere Stunden in der Nähe des Eingangs zur Wohnanlage parkt, ist in jedem Fall verdächtig und die Bewohner tun gut daran, höchste Vorsicht walten zu lassen, denn wer so viel Energie aufwendet, anderer Leute Gewohnheiten auszukundschaften, tut dies nicht, weil er sich zuhause langweilt. Man weiß, es gibt Leute, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt bestreiten und die ihrem „Gewerbe“ durchaus berufsmäßig nachgehen. Wer wäre nicht glücklich, wenn er sein Geld so leicht verdienen könnte? Und wo es schon einmal etwas zu holen gab, ohne dass man sich sonderlich anstrengen musste, warum sollte sich dann ein weiterer Besuch nicht auch lohnen? Wir sind froh, dass wir die Wohnanlage in Santa Inés verlassen haben.
Ein bisschen Hoffnung
Meine Frau hatte einen Termin bei der Polizei – es ging wieder einmal um den Einbruch in unsere Wohnung. Die Diebe hatten drei Laptops, eine Kamera und das Handy unseres Sohnes gestohlen, alles zusammen im Wert von ca. viertausend Dollar. Man muss davon ausgehen, dass solche Einbrüche in unbewachten Wohnanlagen häufig vorkommen. Für die Polizei ist unser Fall nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist auch nicht, dass bisher keine handfeste Spur entdeckt wurde, der man hätte nachgehen können. Man muss als fast gewiss annehmen, dass dieser Fall, wie so viele, viele andere, niemals aufgeklärt wird.
Der Polizist, der unseren Fall bearbeitet, nahm sich viel Zeit und hörte meiner Frau durchaus mit Interesse zu, aber er konnte verständlicher Weise keine Versprechungen machen und schon gar keine Prognose abgeben. Er erzählte meiner Frau, dass es in Quito zwei Orte gäbe, an denen man gestohlene Technikartikel kaufen könne. Die Ware dort sei deutlich billiger als alles, was man in den regulären Elektronikmärkten anbiete. Im Grunde handelt es sich um Hehlerware und wenn auch die Frage, wie so etwas möglich ist, naiv erscheinen mag, macht man sich sehr wohl Gedanken und meistens sind das keine guten Gedanken. Der Polizist meinte, wenn es überhaupt eine Chance gibt, die gestohlenen Computer wiederzufinden, dann dort. Nur leider könnten die Agenten der Polizei in diesem und auch in jedem anderen Fall nicht viel tun, weil ihre Gesichter längst stadtbekannt seien. Wahrscheinlich hängen Steckbriefe mit ihren Konterfeis in den Geschäften der Hehler aus. Offensichtlich verfügen die Behörden nicht einmal über genug unverbrauchte Gesichter, um unerkannt operieren zu können und so scheint auch kein Zweifel daran zu bestehen, wie dieser Fall wohl ausgehen wird.
Da die Polizei also nicht viel bis gar nichts unternehmen könne, schlug der Beamte meiner Frau vor, doch selbst zu den bezeichneten Orten zu fahren und auf eigene Faust nach den gestohlenen Geräten zu suchen: Man gehe einfach zu den Händlern und frage, ob sie beispielsweise einen Dell Bradley I5 verkaufen würden (das war zufällig mein Laptop). Sei dies der Fall und würde der Händler die Ware zudem auch noch vorrätig haben, solle man umgehend die Polizei einschalten, die ab hier alles weitere veranlassen werde. Ob dies nicht gefährlich sei, wollte meine Frau wissen. Ganz und gar nicht, meinte der Beamte, denn auf diesen Märkten kaufe einfach jeder, auch wohlhabende Leute, die sich einen teuren Computer oder ein Handy mit Leichtigkeit ganz legal im Elektronikfachhandel leisten könnten. Und nach einer bestimmten Marke zu fragen, sei ganz und gar üblich. So weit so gut.
Von Waren und Käufern
Abgesehen von den moralischen Implikationen muss man sich immer bewusst machen, dass hinter jedem Gerät, das an den bezeichneten Orten verkauft wird, eine Straftat steht, die im Prinzip auch in Ecuador verfolgt wird. Den Leuten, die hier einkaufen, scheint das egal zu sein, solange sie die Ware, etwa ein teures Handy, nur billiger als im Elektronikfachhandel kaufen können. Viele Menschen sind gegenüber der Kriminalität hierzulande derart abgestumpft, dass sie nichts dabei finden, wissentlich Hehlerware zu kaufen: Man sieht ja die Opfer nicht und man kann sich einbilden, dass niemandem ein Schaden entstanden sei, denn die Opfer sind ja die vermeintlich Reichen, denen es nichts ausmacht, bestohlen zu werden, weil sie sowieso genug haben. Niemandem ist ein Leid zugefügt worden, mag man sich sagen, niemandem wurde weh getan, jedenfalls sieht man die Opfer nicht. Den Käufer schert das Schicksal der Opfer ohnehin nicht, schließlich hat er das Handy ja nicht gestohlen, und er mag sich einreden, dass niemandem ein echter Schaden entstanden ist. Und wenn ihn doch einmal das Gewissen piesackt und er sich nicht recht wohlfühlt bei dem Gedanken, dass sein Handy noch vor kurzer Zeit einem anderen gehörte und er es nicht freiwillig hergab, kann er sich sagen, dass er selbst auch nicht viel Geld habe und heilfroh sein könne, solch ein kolossales Schnäppchen gemacht zu haben.
Man fragt sich dennoch, wie es möglich ist, dass Hehlerware, von der offenbar jedermann weiß, dass es Hehlerware ist, so offen feilgeboten werden kann, ohne dass die Behörden, die ja ebenfalls im Bilde sind, einschreiten. Das lässt nicht viele Schlüsse zu. Einer wäre, dass die Polizei chronisch unterbesetzt und überarbeitet ist, und dass sie nach dem Prinzip des Marshals aus „Last Man Standing“ verfährt: Ein gewisses Maß an Verbrechen sei völlig normal; es komme nur darauf an, die Auswüchse zu bekämpfen. Ich glaube nicht, dass man Kriminalität flächendeckend ausmerzen kann. Dagegen stehen viele Faktoren, nicht zuletzt die menschliche Natur. Und was man nicht bekämpfen kann, muss man notgedrungen tolerieren. In Ecuador reicht der Arm des Staates ohnehin nicht sehr weit. Die Bürokratie hierzulande ist immer noch meilenweit entfernt von der Regulierungswut europäischer Beamtenapparate, deren inquisitorischer Blick bis in die Gehirne der Menschen vorzudringen versucht. Es könnte natürlich auch sein, dass die Polizei einfach unfähig ist, dem Treiben Einhalt zu gebieten, doch dies kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Und dann drängt sich noch ein dritter Schluss auf, den auszuformulieren mir sehr widerstrebt, weil er alle Vorurteile und Klischees bedienen würde, die man einem Land wie Ecuador gegenüber nur haben kann. Was auch immer die Wahrheit sein mag – sie ändert nichts an der Tatsache, dass wir bestohlen worden sind und es hinnehmen müssen. So einfach ist das.
Meine Frau, durch den Besuch geradezu von Hoffnung beseelt und abenteuerlustig wie eh und je, hat sofort den Entschluss gefasst, nach Quito zu fahren, um sich auf einem der Hehlermärkte umzusehen. Ich stand dem Unternehmen von Anfang an skeptisch gegenüber. Ich glaube, die Polizei ist sich ihrer begrenzten Macht nur allzu bewusst, aber eine Straftat ist eine Straftat und man wäre nicht die Polizei, wenn man die Sache einfach auf sich beruhen lassen würde. Aber was kann man schon tun? Ich denke, der Polizist wollte uns nur ein wenig Hoffnung machen, denn die Aussichten, irgendetwas aufzuklären, stehen denkbar schlecht, wahrscheinlich tendieren sie gegen Null. Ich weiß nicht, wie viele dieser Termine der Beamte am Tag über sich ergehen lassen muss – in den allermeisten Fällen wird er den Besuchern nichts Erfreuliches berichten können. (In der Zwischenzeit bemerkte eine Bekannte meiner Frau gegenüber, das Phlegma des Polizeiapparates habe durchaus Methode und eigentlich warte der Beamte nur darauf, dass man ihm das entsprechende Handgeld anbiete, damit er endlich tätig werden könne. Vielleicht entspricht dies der Wahrheit, vielleicht handelt es sich nur um ein weiteres böses Gerücht. Wir sind nicht sonderlich darauf erpicht, es herauszufinden.)
Der Ort für die großen und die kleinen Geschäfte
Nach Quito also, in die Höhle des Löwen: Einer der genannten Märkte, auf denen die gestohlene Ware angeboten wird, befindet sich im Stadtzentrum an der Kreuzung Montúfar y Olmedo. Ich hatte mir vorgestellt, angesichts der heiklen Natur der angebotenen Ware müsste es sich um ein unscheinbares Gebäude handeln, das man nur bei Dämmerlicht über irgendeinen Hinterhof und nur nach gründlichem Gesichts-Check betreten dürfe. Ganz das Gegenteil war der Fall: In bester Lage im wunderschön sanierten Altstadtviertel steht das Marktgebäude an einer viel befahrenen Straßenkreuzung. Man sieht es schon von Weitem. Der Bau erhebt sich auf sieben Etagen, was viel ist in der Altstadt mit ihren Drei- oder Viergeschossern, noch dazu in einer von Erdbeben bedrohten Stadt wie Quito.
Wie bei allen spanischen Kolonialstädten ist auch der Grundriss von Quito nach Art eines Schachbretts ausgelegt, mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen. Diese haben die letzten fast fünfhundert Jahre unbeschadet überstanden und sie haben stets allen Ansprüchen genügt, doch mit dem Fahrzeugverkehr des 21. Jahrhunderts tun sie sich schwer: Es gibt nur Einbahnstraßen, weil die Straßen zu schmal für zwei Fahrspuren sind, und zu fast jeder Tageszeit verstopft die allgegenwärtige Blechlawine die Innenstadt. Es kommt vor, dass der Verkehr zähflüssig vor sich hin fließt und dann kommt man wenigstens im Schritttempo voran, oft aber steht man einfach nur im Stau und schaut zu, wie einen die Fußgänger überholen.
Es dauert fast eine Stunde bis wir einen Parkplatz gefunden haben. Einmal verpassen wir die Einfahrt und ein anderes Mal ist kein freier Platz verfügbar; also noch einmal um den Block und wieder viermal links abbiegen. Man muss die anderen Verkehrsteilnehmer regelrecht nötigen, denn dem Abbieger mag niemand gern freiwillig Platz einräumen. Auf Rücksicht hofft man vergeblich. Allein die Angst um das eigene Fahrzeug bringt die Fahrer dazu, auf die Bremse zu treten. Man muss schon beherzt fahren und darf keine Angst vor kleineren Lackschäden haben, wenn man sich im Verkehr der Hauptstadt durchsetzen will. Viele Einheimische geben einfach Gas, ohne Rücksicht auf Verluste – wer da auf seiner Vorfahrt besteht und nicht rechtzeitig bremst, ist selber Schuld. Schließlich gelangen wir auf den Parkplatz, einen verwinkelten Hof zwischen schönen historischen Gebäuden. Der Einweiser teilt uns einen Platz seitlich der Einfahrt zu – der gesamte Hof ist restlos zugeparkt. Wir geben die Schlüssel ab, denn sobald ein Platz frei wird, will er den Wagen dorthin umparken. Die Stunde kostet einen Dollar. Wir beschließen, die wirklich sehenswerte Innenstadt nur noch zu Fuß zu erkunden. Mit dem Auto zu fahren, bedeutet Stress pur und dass man schneller zum Ziel gelangt, ist bloß ein frommer Wunsch.
Wir gehen die Olmedo entlang; es geht immer bergab und das Laufen fällt uns trotz der Höhe leicht. Rechter Hand passieren wir die Plaza Benalcazar mit dem überlebensgroßen Standbild des Conquistadors. Auf der linken Seite befindet sich das Haus des Eroberers und Stadtgründers von Quito; es ist eines der ersten Häuser, die nach der Gründung der Stadt errichtet wurden. Nur ca. zweihundert Meter weiter erreichen wir das Warenhaus, in dem wir unsere Laptops zu finden hoffen – oder auch nicht. Ein Stoßgebet hilft vielleicht. Man betritt das Gebäude durch den Haupteingang, der zur Straße hinausführt, nicht über einen versteckten Nebeneingang, wie ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. An der Ecke, auf dem Bürgersteig, stehen blonde Touristen in Cargo-Shorts und Wanderstiefeln und studieren einen Stadtplan, aber nur wenige Meter neben ihnen befindet sich der Eingang zum „Hehler“-Warenhaus. Ich gehe davon aus, dass diese touristische Attraktion nicht in ihrem Stadtführer verzeichnet ist, und wäre sie es, würde sie wahrscheinlich mit dem roten Ausrufezeichen für „Dangerous Location“ markiert sein.
Wenn man das Eingangsportal passiert, wechselt man sogleich in eine andere Welt, die so gar nichts mit den prächtigen Fassaden des kolonialen Quito zu tun zu haben scheint. Die Welt der Touristen liegt außerhalb der Türen; hierher verirrt sich nie jemand und wenn doch, würde er von nicht wenigen der Eingesessen eher als Einnahmequelle für das ganz spezielle Gewerbe, dem an diesem Ort nachgegangen wird, wahrgenommen werden, und nicht etwa als potentieller Käufer, wie er selbst vielleicht glauben mag. Das Gebäude, in dem der Markt aller Tage abgehalten wird, ist riesig, wenn man auch den gegenteiligen Eindruck gewinnen kann, da der Platz sehr eng mit Geschäften verbaut ist. Es gibt keine Treppen, über die man von einer auf die nächste Etage gelangen könnte, sondern alle Stockwerke sind durch flache Rampen miteinander verbunden, und da es immer nur rundherum nach oben geht, entsteht der Eindruck, man befände sich in einem Schneckenhaus.
Auf jedem Stockwerk befinden sich jeweils zwei parallele Gänge, die auf beiden Seiten von Geschäften gesäumt werden. Geschäft oder Laden ist eigentlich ein irreführender Ausdruck, denn in Wahrheit handelt es sich um winzige Verschläge von ca. zwei Metern im Quadrat, deren eine Seite sich hinaus zur Ladenpassage öffnet. Schätzungsweise neunzig Prozent dieser „Tiendas“ bieten Elektronikartikel feil. Manche Geschäfte sind bis unter die Decke vollgestopft mit Laptops, Handys und allem möglichen anderen elektronischen Krempel, andere bieten eine Auswahl oder haben sich anscheinend auf bestimmte Marken spezialisiert. Auffällig oft sieht man HP, Toshiba und Apple. In einem Gang finden sich etwa fünfzehn solcher kleinen Geschäfte auf einer Seite, also dreißig pro Gang und demnach ca. sechzig auf jeder Etage. Dazu kommen noch die Geschäfte im Bereich der Rampen. Die Läden sind fortlaufend nummeriert; über dem Eingang zu jedem der Verschläge prangt eine große Zahl. Wir haben es an diesem Tag nur bis zur dritten Etage geschafft. Die Ladennummern dort lauteten auf zweihundert und fortlaufend. Man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Läden es in dem ganzen Kaufhaus gibt und welche unvorstellbaren Mengen an Handys, Laptops und allerlei sonstigem elektronischen Equipment jeden Tag auf Käufer warten. [Anmerkung des Autors: Angesichts der kamerascheuen Kundschaft und einer äußerst misstrauischen Händlergilde verbot sich das Fotografieren. Zudem hätten wir die Kamera in dem babylonischen Gewirr überhaupt erst ausfindig machen müssen.]
Es ist Sonnabend und das Einkaufszentrum ist gut besucht. Man sieht auf den ersten Blick, dass es sich keineswegs um die vermeintlich „normalen“ Leute handelt, die durch die Gänge des Elektronikmarktes flanieren. Nicht selten trifft man regelrechte „Gestalten“, denen man anzumerken meint, dass irgendetwas ganz und gar nicht koscher ist. Man sieht vor allem einfache Leute, die sich die teuren Laptops oder Handys im Elektronikfachmarkt nicht leisten können: Familien mit Kindern spazieren durch die Gänge und schauen sich interessiert die Auslagen an. Ein junges Pärchen – er Irokesenfrisur, sie knallbunte Leggings und pinkfarbene Highheels – lassen sich von einem der Händler ein Laptop vorführen. Ein schnauzbärtiger Opa spielt im Gang mit seinem Enkel Fußball. Man sieht auffällig viele junge Männer, die sich ohne erkennbares Ziel in den Gängen herumtreiben. Manche von ihnen könnten gut und gerne „Warenlieferanten“ sein. Daneben gibt es die üblichen Typen, die sich scheinbar absichtslos und desinteressiert auf dem Markt herumdrücken, entweder weil ihnen langweilig ist oder sie anderswo nicht geduldet wären.
Der Markt hat sogar einen eigenen Wachschutz. Auf jeder Etage patrouillieren ein oder zwei mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstete Sicherheitsmänner (Polizei sieht man dagegen nirgendwo). Nicht auszudenken, wenn einem der Händler etwas gestohlen würde! Ich glaube allerdings, die Sicherheitsleute sind nötig, um Gewaltausbrüche zu verhindern, nicht um die Ware zu beschützen. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, alles sei friedlich: Leute schlendern an ihrem freien Tag entspannt durch eine Ladenpassage, nicht anders als dies etwa in einer der großen Shopping-Malls der Stadt der Fall sein könnte. Doch der Eindruck täuscht, denn sobald man den Markt betritt, fühlt man augenblicklich eine gewisse Anspannung. Das mag vielleicht daher rühren, dass wir nicht sind, was wir vorgeben zu sein – Käufer. Und dennoch, die Atmosphäre ist aufgeladen wie vor einem Gewitter und die einschlägige Klientel sieht nicht gerade so aus, als würde sie Streit scheuen oder einem guten Fight aus dem Weg gehen. Solange wir uns im Markt aufhielten, blieb alles ruhig, auch dank der Sicherheitsleute, aber ich würde nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es immer so friedlich zugeht.
Man muss sich immer vor Augen halten, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Artikel, mit denen hier gehandelt wird, gestohlen sind und man sie also getrost als Diebesgut deklarieren darf (man sollte sich jedoch hüten, dies öffentlich zu tun). Kaum etwas hat seinen Weg legal hierher gefunden. Wer an diesem Ort kauft, ist entweder zu dumm, um darüber Bescheid zu wissen, oder es ist ihm schlicht egal, dass es sich um Hehlerware handelt. Mir wäre nicht ganz wohl dabei, etwas zu kaufen, von dem ich wüsste, dass es jemanden gestohlen wurde. Aber davon spricht niemand und es wäre ein unverzeihlicher, ja geradezu gefährlicher Fauxpas, einen Händler mit der Tatsache zu konfrontieren, dass seine Ware aus unsicherer Quelle stamme. Ich glaube, man würde sofort mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als einem lieb wäre.
Die Händler kann man in drei Kategorien einteilen: junge Männer, alte Männer und alte Frauen. Die jungen Händler mögen um die zwanzig oder sogar noch jünger sein. Sie sitzen teils lässig, teils gelangweilt in ihren Kabuffs und manchmal wirken sie so knabenhaft, dass man den Eindruck hat, sie seien Schüler auf einem Schulbasar. Die alten Männer sind von ganz anderem Kaliber. Viele sehen aus wie abgehalfterte Impresarios, mit pomadiger Frisur und dicken Siegelringen an den aufgedunsenen Fingern. Sie sitzen schmerbäuchig vor ihren Läden und taxieren die Besucher des Marktes mit durchdringendem Blick. Nichts scheint ihnen zu entgehen, und ich glaube, sie haben uns mit kundigem Blick durchschaut, noch ehe wir es überhaupt merkten. Die dritte Kategorie sind schließlich alte Frauen. Sie sind meist klein, gedrungen, deutlich zu stark geschminkt und zeigen sich allen modischen Anfechtungen zum Trotz gern in quietschbunten Leggings. Man sieht sofort, dass man ihnen nichts vormachen kann, denn sie haben seit wer weiß wie vielen Jahren darin Übung, Leute auszuforschen. Wer schon einmal auf einem Markt verkauft hat, weiß, dass so ein Händlerleben meist sehr langweilig ist: Man sitzt und wartet. Das einzig Interessante dabei sind die Menschen, die man von seinem Stand aus beobachten kann.
Bei mir ist es allerdings nicht wirklich schwer, etwas herauszufinden, denn ich bin im ganzen Haus der einzige, der wie ein Gringo aussieht (ich bevorzuge die Bezeichnung Europeo oder Alemán; das ist neutral und keineswegs so abwertend wie „Gringo“). Verständlicherweise ziehe ich da die Aufmerksamkeit auf mich und so schauen mich alle an, als käme ich geradewegs von einem anderen, noch dazu sehr merkwürdigen Planeten. Ich versuche, betont gelassen zu wirken und gebe mich cool, doch das ist nicht so einfach, wenn einen alle entweder versteckt oder ganz offen anstarren.
Als wir die Gänge auf der ersten Etage entlang schlendern, wird mir schlagartig bewusst, wie sinnlos der Ratschlag war, hier auf eigene Faust nach unseren gestohlenen Laptops zu suchen. Unser Vorhaben gleicht der Suche nach der berüchtigten Nadel im Heuhaufen. Selbst wenn wir uns Tage an diesem Ort aufhielten und jeden einzelnen Händler fragten, würden wir wohl kaum fündig werden. Mir ist danach aufzugeben, bevor die Suche überhaupt richtig begonnen hat. Meine Frau sieht das naturgemäß anders und möchte es auf einen Versuch ankommen lassen. Sie fragt den erstbesten Händler nach einem Laptop für unseren Sohn. Sie tischt ihm die Legende auf, dass sie nicht viel Geld habe und hierher gekommen sei, weil sie gehört hätte, dass man hier Geräte günstig kaufen könne – natürlich, wofür sollte man sonst hierher kommen. Der Händler, ein kräftiger Typ mit Ted-Herold-Frisur und dicken Silberketten um den Hals und an den Handgelenken, zeigt sich sofort interessiert; er ist überaus nett, geradezu charmant und zeigt sich ungeheuer gesprächig und unversehens befinden wir uns auch schon im Verkaufsgespräch. Meine Frau lässt unseren Sohn beschreiben, was für ein Gerät er angeblich suche. Meinem Sohn ist die Situation sichtlich unangenehm, aber vorerst spielt er noch mit.
Ted Herold hat leider nichts Passendes im Angebot. Dafür führt er uns zu einigen Läden befreundeter Händler. Man zeigt uns Laptops von HP und Apple. Die Geräte sind zwar gebraucht, aber keineswegs alt und alle sind in sehr gutem Zustand; die meisten könnte man für neu halten, und wahrscheinlich sind sie das auch, denn ihre Vorbesitzer haben sich gewiss nur kurze Zeit an ihnen erfreuen können. Das Betriebssystem und sämtliche wichtigen Programme sind gebrauchsfertig installiert. Die Preise sind ungeheuerlich: Ein Laptop, der im Elektronikfachhandel tausend Dollar oder mehr kosten würde, bekommt man hier für schlappe vierhundert. Und eine „Händlergarantie“ von drei Monaten gibt’s noch obendrauf – wenn das kein Service ist!
Die Geräte, die man uns zeigt, sind natürlich nicht „unsere“ – wie hätten wir dies auch erwarten können – und so macht sich schnell Verdruss breit. Wir wollen eigentlich nur noch weg, aber Ted Herold scheint im Urin zu haben, dass er mit uns ein Bombengeschäft machen könne, und deshalb wird er nicht müde, uns immer weiter in den Markt hineinzukomplimentieren. Wortreich präsentiert er uns noch mehr Laptops und noch mehr Handys, die uns gefallen könnten. Uns ist die Situation schon ganz unangenehm – als wäre man in einem fremden Heim eingeladen und der aufdringlich-liebenswürdige Gastgeber nötigte einem noch ein Stück Torte auf, nachdem man schon drei hatte essen müssen.
Unter einem Vorwand schaffen wir es schließlich, uns loszureißen. Meine Frau gibt Ted Herold noch ihre Telefonnummer – falls sich etwas ergibt. Es hält uns nichts mehr an diesem Ort und wir sind froh, als wir endlich wieder auf der Straße sind, zwischen ganz normalen Einheimischen und den üblichen Touristen. Meine Frau hat kein Verständnis dafür, dass wir den Markt so schnell verlassen wollten, und erklärt, sie möchte beizeiten wiederkommen und weitersuchen. Leidlich amüsiert entgegne ich, vielleicht habe sie ja demnächst mehr Erfolg, wo sie doch jetzt einen neuen besten Freund hätte, der ihr helfen könnte. Ich verspüre nicht die geringste Lust, diesen Ort je wiederzusehen. Mich würde an der ganzen Sache eigentlich nur interessieren, wer der Friseur ist, der solche tollen Retrofrisuren auf die Köpfe zaubert!
Wie man ein Handy kauft
Es war immer meine Überzeugung, dass Gesetze dazu da sind, den Menschen das Leben erträglicher zu machen, den Schwachen zu beschützen und den Mächtigen zu zügeln. Hierzulande empfinden viele Menschen Gesetze als reine Schikane und man hat den Eindruck, nicht wenige verfahren nach dem Grundsatz: Solange man nicht ertappt wird, ist es auch nicht verboten. Ich finde diese Einstellung einfach nur zum Kotzen, aber es ist einzusehen, dass vieles nicht so reibungslos funktioniert wie in Deutschland und dass die Menschen daher auf andere Mittel und Wege sinnen müssen, um sich das Leben erträglich zu machen. Und für nicht wenige ist dies einfach eine Frage des Überlebens.
Mein Sohn braucht unbedingt ein Handy. Wir würden es nicht gern sehen, dass er am Tag nicht erreichbar ist oder uns in einem Notfall nicht anrufen kann. Ein Handy ist also kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als unsere Wohnung aufgebrochen wurde, hatten die Diebe neben den Computern auch das Handy mitgenommen. Da unser Sohn nicht ohne Handy in die Schule kann, rechneten wir schon fest damit, ihm ein neues kaufen zu müssen, bis eines Tages die Tante meiner Frau erklärte, sie wolle ihm eines schenken. Da unsere finanziellen Mittel arg strapaziert sind, waren wir über dieses großzügige Angebot natürlich heilfroh und wir sind der Tante sehr dankbar.
Wie alle Elektronikartikel sind auch Handys in Ecuador wahnwitzig teuer. Im Elektronikfachhandel zahlt man mindestens das Doppelte dessen, was man für ein identisches Gerät in den USA ausgeben würde. Aber wie immer öffnen sich dem Eingeweihten hierzulande Möglichkeiten und Wege, die dem Unwissenden verschlossen bleiben. Man ahnt es schon: natürlich kann man Handys auch preiswerter kaufen. Das ist zwar ein klitzekleines Bisschen illegal, aber wer fragt schon danach, wenn man dadurch ein glücklicherer Mensch sein kann! Man muss nur die richtigen Leute kennen. Der Bruder meiner Frau hat solch einen Kontakt. Viele Leute in Ecuador haben solche Kontakte; eigentlich kennt jeder irgendeine Person, die einem irgendetwas besorgen kann. Man kennt den Freund eines Freundes und der wiederum hat einen Schwager, der die Möglichkeit hat, etwas zu beschaffen, was man auf anderem Wege nie bekommen würde. Alles klar?
Die Bestellung ist ganz einfach: Man ruft eine Nummer an und sagt, was man haben möchte, beispielsweise einen Computer einer bestimmten Marke, der zudem noch gewisse technische Spezifikationen aufweist. Nach einigen Tagen wird man dann seinerseits angerufen und man erhält Bescheid, dass die Ware eingetroffen sei. Man trifft sich mit dem Händler an einem zuvor vereinbarten Ort, vorzugsweise in einer Mall oder einem anderen Ort mit Publikumsverkehr. Dort findet dann die Übergabe statt. Das hört sich sehr konspirativ an und das ist es auch, denn die Händler arbeiten unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Und so findet man solche Kontakte auch nicht in den Gelben Seiten oder im Lokalanzeiger. Man muss Leute kennen. Alles beruht auf Mund-zu-Mund-Propaganda (Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich unwillkürlich an den Straßenverkäufer aus der Sesamstraße denken, den flüsternden Typen im Trenchcoat, der Ernie ein M verkaufen möchte).
Als mein Sohn sein neues Handy zum ersten Mal einschaltete, war Italienisch als Menüsprache eingestellt. Es ist nicht schwer zu erraten, wie die Ware ins Land gelangt: Wahrscheinlich fliegt einer der Händler nach Italien, kauft dort alles gemäß Bestellliste legal im Elektronikmarkt ein und kehrt mit dem nächsten Flug zurück (vielleicht wohnt auch ein Verbindungsmann in Italien, der die Handys im Internet bestellt – vieles ist denkbar). Ob er mit oder ohne Wissen der Zollbeamten ins Land einreist, mag dahingestellt sein. Vielleicht ist ihm das Flughafenpersonal gegen eine kleine Aufwandsentschädigung sogar behilflich – man weiß es nicht und Gerüchte gibt es viele. Aber eigentlich will man es auch gar nicht so genau wissen.
Landläufig würde man die auf diese Weise ins Land geholten Güter als Schmuggelware bezeichnen, aber niemand macht sich deswegen ernsthafte Sorgen und niemand hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Elektronische Geräte sind so verdammt teuer, dass jeder die kleine Gesetzesübertretung fast schon als eine Notwendigkeit empfindet. Das Handy meines Sohnes hätte legal im Laden um die 450 Dollar gekostet. So viel wollte die Tante natürlich nicht ausgeben und warum freiwillig mehr bezahlen, wenn man es auch günstiger haben kann? Die Bestellung unter der Hand schlug mit gerade einmal 250 Dollar zu Buche. Das sind Preisunterschiede, die einem die Schuhe ausziehen, zumal man bedenken muss, dass die Händlerprovision ja schon im Endpreis enthalten ist. Manchmal muss man sich damit begnügen zu begreifen, wie die Welt funktioniert. Das ist schon viel und das sollte auch reichen, wenn es unmöglich ist, sie zu ändern.
Vom Abenteuer, ein Sportgerät zu kaufen
Ein paar gewöhnliche Hanteln zu kaufen, kann in Ecuador ein Abenteuer sein, das nächtliche Fahrten auf gefährlichen Straßen und konspirative Treffen auf abgelegenen Parkplätzen einschließt. Ich habe mich nun dagegen entschieden, in einem Studio zu trainieren (zu teuer, zu schlecht, zu weit). Statt mein Geld also gierigen Studiobesitzern in den Rachen zu werfen, habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein gutes Hantel-Set zu kaufen. In Deutschland wäre dies gar kein Problem: Man ordert bei Amazon oder Ebay oder irgendeinem renommierten Anbieter für Sportartikel und drei Tage später wird die Ware schon frei Haus geliefert. Hierzulande ist das nicht ganz so einfach, ganz und gar nicht.
Amazon und Ebay kann man in Ecuador nicht nutzen – wer so vertrauensselig ist und fremden Menschen freiwillig Geld überweist, muss sich nicht wundern, dass seine Ware nie ankommt. Hierzulande gibt es Mercadolibre und OLX. Das sind im Grunde gewöhnliche Anzeigenmärkte, auf denen jeder alles verkaufen kann. Es gibt auch die Möglichkeit, über Ali-Express zu bestellen – dort gibt es bekanntlich nichts, was es nicht gibt –, da die Artikel aber aus China geliefert werden, sind die Transportkosten ungeheuer hoch und am Ende lohnt es sich dann doch nicht, zumal der ecuadorianische Zoll seinen Teil vom Kuchen abhaben möchte. Und um das Maß des Ungemachs schließlich voll zu machen, hat auch der Postweg so seine Tücken. Es kommt kommt vor, dass Sendungen einfach im Nirgendwo verschwinden und Nachforschungen verlaufen, wer hätte es gedacht, im Sande. Shit happens, möchte man da grimmig sagen.
Nach längerer Suche – in Wahrheit war ich der Verzweiflung nahe – fand ich endlich ein lohnendes Angebot auf OLX: Langhanteln (sogar Olympia-Hanteln), Kurzhanteln und Platten aller Größen aus ecuadorianischer Produktion und zu einem wirklich guten Preis. Ein Bild von der Ware gab allen Grund zur Hoffnung. Die Schwierigkeit bestand nämlich darin, eine gute Trainingshantel zu finden. Freizeithanteln bis zwanzig Kilo für den sportelnden Angestellten findet man zuhauf. Aber richtig gute Profihanteln für diejenigen, die ernsthaft trainieren möchten, sind rar. Zwei Wochen später versuchte ich, eine Bestellung aufzugeben, doch die Anzeige war verschwunden. Trotz längerer Suche konnte ich auch nichts Vergleichbares entdecken. Manchmal hat sich die Welt eben gegen einen verschworen.
Zum Glück hatte ich mir die Telefonnummer des Anbieters notiert. Ich ließ meine Frau anrufen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Anzeige noch aktuell wäre und wenn ja, wo ich die Ware kaufen könnte. Eine junge Frau meldete sich. Da in der Anzeige auch eine Adresse genannt wurde (die jedoch zu unbestimmt war, als dass man sie leicht hätte finden können), fragte meine Frau sie, ob sie den Weg zu besagter Adresse beschreiben könnte. Die junge Frau antwortete, dass die Adresse nicht mehr existiere. Ob denn überhaupt noch Hanteln verkauft würden, wollte meine Frau daraufhin wissen. Ja, das Geschäft bestehe weiter und der Inserent werde in einer Stunde zurückrufen. Dann könne ja alles weitere besprochen werden. Das klang sehr mysteriös, aber bekanntlich geben erst Geheimnisse dem Leben die nötige Würze. Ich war gespannt, welche Überraschungen der Tag noch für uns bereithalten würde.
Ein sonderbares Erlebnis
Wir befanden uns gerade in Sangolquí. Das ist eine Stadt, die in Richtung der Schule unseres Sohnes liegt. Wenn man an der British School vorbei fährt und der Landstraße weiter folgt, gelangt man über El Tingo nach ungefähr zwanzig Minuten schließlich nach Sangolquí. Um die Stadt selbst zu sehen, hätte sich die lange Fahrt sicher nicht gelohnt, und auch der schönen Landschaft wegen hat es uns nicht hierher verschlagen. Es war vielmehr unsere Absicht, eine Shopping-Mall namens San Luis zu besuchen. Wir sind nämlich auf der Suche nach Möbeln (wieder einmal!), insbesondere nach Regalen für unsere Bücher, denn unsere neue Wohnung in Nayón ist noch weitgehend leer und wirkt daher ein wenig unwohnlich, ein Zustand, den wir schleunigst zu ändern beabsichtigten.
Auf dem Weg zur Shopping-Mall kommt man an mehreren kleinen Schreinereien vorbei. Wer Industriemöbel im Ikea-Design und aus dem obligatorischen Pressholz nicht mag, ist gut beraten, sich hier einen Schrank, ein Bett oder wonach auch immer es ihn gelüstet aus Pinienholz zimmern zu lassen. Das ist kaum teurer als das Gegenstück aus industrieller Fertigung, aber dafür hat man dann ein echtes Stück Handwerk in seiner Wohnung stehen, aus echtem Holz, und dazu sieht es auch noch schön aus. Die Bestellung ist denkbar einfach: Man gibt dem Schreiner eine Zeichnung des gewünschten Möbelstücks oder ein Foto und wählt die Farbe (es gibt verschiedene Beizen). Eine kleine Anzahlung besiegelt das Geschäft. Jetzt muss man nur noch auf den Anruf warten, dass alles fertig ist. Wir bestellten ein Regal, in das der Fernseher und die Bücher passen.
Die Shopping-Mall in Sangolquí ist unvorstellbar groß und auch unvorstellbar voll – ich hatte den Eindruck, teure Markenartikel würden an diesem Tag kostenlos verteilt, solche Menschenmassen drängten sich um die Auslagen. Doch der Eindruck täuscht natürlich und das Centro comercial San Luis bietet keine Abwechslung gegenüber all den anderen Malls: Überall begegnen einem dieselben internationalen Marken und die Preise sind natürlich auch dieselben wie in allen anderen Einkaufsmeilen. Der Food-Court ist wie der Innenhof eines spanischen Landhauses gestaltet. Die Stahlkonstruktion gibt sich als ziegelgedecktes Holzdach aus, und von den Pfeilern blicken abwechselnd Rinder- und Pferdeköpfe im Bronze-Imitat auf das dichte Treiben der hungrigen Konsumenten.
Der Besuch in der Mall, die keine Attraktionen zu bieten hat, mit denen nicht auch jedes x-beliebige Einkaufszentrum aufwarten könnte, wäre nicht weiter erwähnenswert, würde der hauseigene Wachschutz nicht SA-Uniformen tragen. Natürlich waren das keine echten SA-Uniformen, aber auf den ersten Blick hätte man sie dafür halten können: nazi-braunes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Hose, glänzende Stiefel und dazu ein schwarzes Käppi, das verdächtig und zugleich vertraut „deutsch“ wirkte. Die orange-weißen Armbinden vervollständigten das Bild (rot-weiß wäre des Guten oder vielmehr des Schlechten – des schlechten Geschmacks wohlgemerkt – wirklich zu viel gewesen). Nazisymbole waren selbstverständlich nicht zu sehen und vielleicht war das optische Erscheinungsbild nur Zufall und gar nicht gewollt. Wer weiß. Im tropischen Ecuador gibt es sicher nicht viele Menschen, die wissen, wer die SA ist. Glückliches Ecuador.
Als mir der erste Wachmann über den Weg lief, war ich so perplex, dass ich mir keinen Reim darauf machen konnte. Es war wohl mein Unterbewusstsein, das mir die naheliegende Erklärung eingab: hier wird gerade ein Film gedreht. Aber das war natürlich absurd, und was für ein Film sollte dies sein, in dem man SA-Leute unter Palmen sieht? Doch welches kranke Hirn käme auf die Idee, Wachleuten (oder sollte man besser sagen Wachmannschaften) braune Hemden anzuziehen? Vielleicht ist das alles nur ein Scherz und jemand hatte einen Mordsspaß dabei, diese Groteske in Szene zu setzen. Ich witzelte: die hätten wohl alle beim Ausstatter des Führers eingekauft. Ich weiß nicht, ob den Leuten bewusst ist, welche unheilvollen und zugleich komischen Reminiszenzen solch ein Aufzug heraufbeschwört, gerade an einem Ort wie diesem, inmitten der üppigen tropischen Landschaft. Wahrscheinlich nicht; das Bizarre an der Szenerie draußen auf dem Parkplatz vor der Einkaufsmeile schien niemandem wirklich aufzufallen.
Apropos Nazis: Aus der Feder eines ecuadorianischen Historikers stammt eine interessante Arbeit, welche sich mit den Beziehungen zwischen Ecuador und Nazi-Deutschland beschäftigt. Ihr Titel lautet „El Ecuador y la Alemania Nazi“. Der Autor zeigt darin, dass Teile der Elite Ecuadors tief empfundene Sympathien gegenüber dem nationalsozialistischen Regime hegten. Sicherlich gibt es auch heute noch stille Bewunderer des braunen Ungeistes, aber würde diese Bewunderung so weit gehen, den Kaufhaus-Wachschutz als SA zu verkleiden? Ich frage mich, ob es überhaupt ecuadorianische Nazis gibt. Ich denke nicht. Das wäre ja fast schon so bizarr wie Space-Nazis oder Nazi-Zombies (Schönen Gruß an Kathi aus der TiB!).
Nachts auf dem Parkplatz
Nach einer Stunde rief uns der Hantelmann an. Wir saßen gerade im Food-Court und mein Sohn verputzte einen Tropi-Burger. Die Burger dieser Fast-Food-Kette, die es in Deutschland leider nicht gibt, sind übrigens unglaublich gut und viel leckerer als die Produkte der Konkurrenten McDonalds und Burger King. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, um etwaigen Klagen vorzubeugen. Doch zurück zu den Hanteln: Der Hantelmann bot uns an, sich mit ihm in zwanzig Minuten hinter der Mautstelle an der Autopista zu treffen. Wir kennen uns in Quito zwar nicht aus, aber das Navi führte uns sicher zum vereinbarten Treffpunkt. Wir stellten den Wagen auf dem Parkplatz eines Tankstellenshops gleich hinter der Mautstelle ab. Bis zum Treffpunkt waren es noch einmal hundert Meter entlang der Autopista.
Das ist nicht gerade die beste Gegend für eine zwanglose Verabredung. Die meisten Häuser sehen aus, als ob sie eine Renovierung dringend nötig hätten. Die Grundstücke sind mit Maschendrahtzaun und Stacheldraht gesichert. Auf einem verwahrlosten Platz spielen Typen Volleyball, die nicht so aussehen, als wollte man ihnen gern bei Mondschein begegnen. Sie beäugen uns interessiert und misstrauisch, kümmern sich aber sonst nicht weiter um uns. In den Tropen wird es immer so schnell dunkel, als würde jemand das Licht ausknipsen. Als wir den Treffpunkt abseits der Autopista erreichen, herrscht fast stockfinstere Nacht. Nur die spärliche Straßenbeleuchtung erhellt die Szenerie. Es ist kalt geworden, denn wir sind in Quito, auf fast dreitausend Metern Höhe und manchmal sinken die Temperaturen Nachts unter zehn Grad. Leider haben wir vergessen, unsere dicken Jacken mitzubringen (das passiert uns nicht zum ersten Mal). So stehen wir also zitternd in der Dunkelheit, irgendwo an der Autopista – eine Szene wie aus einem Film, kurz bevor das Verbrechen geschieht.
Der Hantelmann ist Anfang zwanzig und macht einen sehr sympathischen Eindruck. Ich lasse mir die Muster zeigen. Er öffnet den Kofferraum seines Wagens und darin befindet sich die Ware: Es sind gusseiserne graue Platten in den üblichen Größen – 1,25 kg, 2,5 kg, 5 kg usw. Das ist nicht umwerfend, aber schlecht ist es auch nicht, ganz und gar nicht. In Berlin habe ich Studios mit weit fragwürdigerem Equipment gesehen, mit zerschlissenen Platten, ausgeschlagenen Lagern und verbogenen Hantelstangen. Die Platten sehen fast wie Profimaterial aus und können sich durchaus mit den einfacheren Produkten der renommierten Hersteller messen. Und Gusseisen hat den Vorteil, dass nichts kaputt gehen kann. So etwas hält ewig – nicht dass ich vorhätte, bis zu meinem Lebensende mit diesen Geräten zu trainieren.
Hantelstangen und Kurzhanteln sind ebenfalls im Angebot – Hantelmann zeigt uns Bilder auf seinem Handy. Er sagt, die Hanteln seien aus gehärtetem Chromstahl hergestellt und würden weit mehr verkraften als bloß die hundert Kilo, die ich zu bestellen gedachte. Auf den Bildern sehen die Geräte wirklich erstklassig aus. Selbst in der Nahaufnahme sind sie von den Produkten einschlägiger Hersteller nicht zu unterscheiden. Selbstverständlich hat das Trainingsequipment nie einen TÜV-Test bestehen müssen, und selbstverständlich ist alles, was wir sehen, an sämtlichen internationalen Lizenzen vorbei produziert worden. Aber ich bin überzeugt und bestelle. Vorsorglich nehme ich die 1,80-Meter-Version der Langhantel; ich fürchte, bei 2,20 m könnte das Biegemoment doch zu groß werden. Vielleicht habe ich aber einfach nur zu wenig Vertrauen in die Güte der Schwarzarbeit. Immerhin laufen die Geschäfte schon seit Jahren außerordentlich gut und es scheint sich noch nie jemand über schlechte Qualität beschwert zu haben. Davon abgesehen, hat die kürzere Hantel ganz praktische Vorteile. So lässt sie sich viel besser transportieren und auch gut verstauen, und in unserer nicht gerade übermäßig geräumigen Wohnung würde ich ohnehin fürchten, mit der großen Hantel die Einrichtung zu zerlegen.
Der Hantelmann erzählt uns, dass er in einer Gießerei arbeite. Wie es scheint, legen die Gießereikumpel nach Feierabend noch Extraschichten ein, um die große Nachfrage befriedigen zu können. Das Geschäft scheint gut zu laufen, denn er sei, so meint er, ständig unterwegs, um bestellte Ware auszuliefern. Im Vergleich zu den Sportgeräten der professionellen Hersteller sind diese relativ günstig zu beziehen. Ich hätte gern das Produkt eines Markenherstellers gekauft, aber trotz langwieriger, hartnäckiger und zum Schluss fast verzweifelter Suche im Internet, gelang es mir nicht, im Land selbst ein geeignetes Hantel-Set aufzutreiben. Ich hätte in Europa oder in den USA bestellen können, doch die Kosten für Verschiffung und Zoll sind so astronomisch, dass ich mir für das Geld auch gleich ein komplettes Home-Studio aus einheimischer Produktion einrichten könnte. Wir verabreden uns für das nächste Wochenende, um den Deal abzuschließen, wieder an derselben Stelle, auf dem Parkplatz an der Autopista. Hantelmann liefert die Ware, wir bringen das Geld. Ich bin gespannt, ob die Langhantel überhaupt in unser Auto passt. Aber was tut man nicht alles, um seinem liebgewonnenen Hobby frönen zu können.
Auf der Rückfahrt, es war mittlerweile stockfinster, nahmen wir die falsche Auffahrt und wenn wir das Navi nicht gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich gefahren bis uns der Sprit ausgegangen wäre. Aber das Navi führte uns zielsicher zur nächsten Ausfahrt. Dann fuhren wir, immer den Anweisungen folgend, im Zickzackkurs durch ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen, in denen es, mangels Straßenlaternen, dunkel wie in einem Kohlenkasten war. Nur aus den Häusern beleuchtete fahler Schein die Straße. Die Wohngegend beiderseits der von Schlaglöchern übersäten Strecke machte nicht gerade den Eindruck, als ob es angeraten wäre, nachts allein umher zu spazieren. Merkwürdige Gestalten trieben sich in der Dunkelheit herum. Wir waren froh, dass wir nicht zu Fuß gehen mussten. Die Türen des Wagens hatten wir vorsorglich verriegelt, darüber hinaus vertrauten wir auf das Navi. Ich musste vorsichtig fahren, weil wir immer wieder auf Passanten trafen. Ich weiß nicht, was die Leute in dieser nicht gerade ungefährlichen Gegend auf die Straße treibt, noch dazu bei fast völliger Dunkelheit. Nachdem wir im Gewirr der Gassen gefühlte fünfzig Mal abgebogen waren und schon zweifelten, ob unsere Irrfahrt ein glückliches Ende nehmen würde, gelangten wir endlich zur Autobahnauffahrt – und diesmal war es die richtige. Zwanzig Minuten später waren wir sicher in unserer Wohnung.