Hochlandbewohner

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Lamas und Alpakas in freier Wildbahn gesehen. Wir sind viel gereist und oft waren wir in den Anden unterwegs, aber Lamas sind uns dabei nie begegnet, obwohl einem die folkloristisch angehauchten Klischees, die immer wieder in den Reisekatalogen bemüht werden, um Touristen ins Land zu locken, weiszumachen versuchen, über die Hochweiden würden ganze Herden der friedlichen Pflanzenfresser streifen.

Viele der Tiere, die wir hier im Archäologiepark von Cochasquí sahen, trugen Markierungen oder bunte Halsbänder, so dass man annehmen muss, sie seien nicht wirklich „Wildtiere“. Jedenfalls bewegten sie sich auf dem Gelände völlig frei. Nur mit den Pferden – eine invasive Art auf diesem Kontinent wie die Menschen – mussten sie sich ihren Weidegrund teilen. Während man den Lamas aber kaum noch in freier Natur begegnet, sieht man Pferde fast überall. Es scheint, die Eroberung des Kontinents bis an seine entferntesten Grenzen ist tatsächlich vollendet.

Meist standen die Lamas einfach nur auf der Blumenwiese, welche die gesamte Ruinenstätte gleich einem bunten Teppich bedeckt, und taten so, als würden sie die Menschen gar nicht bemerken. Unbeeindruckt gingen die Tiere ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Sie fraßen das saftige Gras und darüber hinaus schien sie nicht sehr viel mehr zu kümmern. Manchmal guckten sie (verwundert, wie es schien) und witterten, wenn sich ihnen wieder einmal eines jener merkwürdigen zweibeinigen Wesen zu nähern versuchte. Erst wenn man ihnen so nahe kam, dass man sie um ein Haar hätte berühren können, trabten sie mit aristokratischer Grazie davon – nur anschauen, streicheln verboten.

Wir ließen uns gern darüber belehren, dass die Tiere mit dem dickeren Fell Alpakas seien. Eigentlich wirkten sie eher wie zu groß geratene Schafe auf viel zu hohen Beinen und sie sahen ein wenig so aus, als hätte man es seit langem versäumt, ihnen das wollige Fell zu scheren. Ihre Vettern, die Lamas, unterscheiden sich von ihnen durch ein feineres, weicheres Fell und während die Alpakas oft weiß sind, ist das Fell der Lamas meist von kaffeebrauner Farbe. Lamas sind so ziemlich die friedlichsten Wesen, die man sich vorstellen kann, und die eigentümliche Unart, die man ihnen immer wieder nachsagt, das Spucken, ist wahrscheinlich nur ein Gerücht. Jedenfalls spuckte kein einziges der Tiere, obwohl die Touristen doch immer wieder versuchten, sie zu streicheln.

Nach Guayaquil

Von Bahía geht es mit dem Auto nach Guayaquil. Wir machen einen kurzen Abstecher nach Montecristi, um Hamacas, also Hängematten, und andere Flechtarbeiten zu kaufen, denn dafür ist die Stadt bekannt. Da Montecristi ohnehin auf dem Weg liegt, wollen wir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Während meine Frau und unser Gast ihr Glück an der Hauptstraße mit ihren Dutzenden von Geschäften versuchen, harren mein Sohn und ich tapfer am Auto aus.

Es macht mir nichts aus, einfach nur herumzusitzen und zu warten, denn zum einen erweckt die Gegend ganz den Eindruck, als wäre es keine gute Idee, den Wagen längere Zeit unbewacht stehen zu lassen, und zum anderen mache ich mir überhaupt nichts aus Einkaufen. Ich kann die Leidenschaft mancher Leute nicht verstehen, die es magisch zu Einkaufszentren und Geschäften zieht und die erst dann davon genug haben, wenn ihr Budget restlos ausgeschöpft ist.

Ich gehöre eher zu den Typen, die entweder irgendwo gelangweilt herumsitzen oder aber einfach bloß genervt sind – doch immer mit unverkennbarer Leidensmiene –, während ihre Partner exzessiv der Einkaufsleidenschaft frönen, einer, wie mir scheint, typisch weiblichen Leidenschaft. Schlimmer kann es nur werden, wenn man dann auch noch genötigt wird, ein Geschmacksurteil abzugeben, denn einfach zu schweigen, ist natürlich kein Verhalten, für das man Verständnis erwarten darf. Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis; bei jedem Schritt ist daher allergrößte Vorsicht geboten, denn ein falsches Wort genügt und der Tag ist ruiniert.

Schon nach einer Stunde taucht das gutgelaunte Einkaufsduo wieder auf, bepackt mit Hängematten, Körben und allerlei sonstigen Flechtarbeiten. Dafür würde man in Berlin ein Vermögen ausgeben müssen, hier aber bekommt man alles zum Spottpreis; ich habe nicht gefragt, aber wahrscheinlich hat alles zusammen weniger als hundert Dollar gekostet. Es ist mittlerweile schon Mittag und die Zeit drängt und daher reicht es diesmal auch, dass ich die Einkäufe nur kurz lobe. Ich erinnere stattdessen daran, dass es Zeit sei aufbrechen, wenn wir Guayaquil noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen – ich fahre Nachts nur ungern auf unbekannten Straßen.

Nachdem die Einkäufe sicher im Wagen verstaut sind, steht der Reise nichts mehr im Wege. Unser Auto ist bis unter das Dach beladen und erst nachdem Rucksäcke, Taschen und Koffer ganz neu nach Art eines kubischen Puzzles arrangiert worden sind, findet sich auch Platz für die neuesten Anschaffungen. Dann aber sitzen wir alle glücklich im Auto und die Reise kann beginnen.

Unsere Route führt über mehrspurige Highways, die so neu aussehen, als hätte man sie eigens für uns gebaut. Rechts und links der Straße erstrecken sich grüne Weiden so weit das Auge reicht. Das Land ist platt wie ein Pfannkuchen und nur selten wird die eintönige Szenerie von einer Baumgruppe oder einem kleinen Wäldchen aufgelockert. Hin und wieder verlieren sich Häuser oder kleine Weiher in der pastoralen Weite.

Das Land wirkt so fruchtbar und unberührt wie die Landschaften der heilen Öko-Werbe-Welt. In der Tat begegnen wir immer wieder Rinderherden, die im Schatten von Bäumen und Buschwerk Schutz vor der tropischen Hitze suchen, die das Land und seine Bewohner lähmt. Ob die Tiere glücklich sind, kann man nicht sagen, aber was sollte so eine Kuh denn schon anderes wünschen als eine Herde, in der sie sich geborgen fühlt, üppige grüne Weiden und Frieden. Von allem hat sie hier mehr als genug.