Exodus zum Dritten

Unsere nächste Wohnung befand sich in einer kleinen Apartment-Anlage in Tumbaco, einer Gemeinde östlich von Cumbayá. Es war uns ein wichtiges Anliegen, eine Wohnung zu finden, die nicht mit dem pflegeintensiven Parkett ausgestattet war. Diese hatte bloß Teppich, aber wie die Vermieterin unserer alten Wohnung ein zwanghaftes Verhältnis zu ihrem Holzfußboden offenbart hatte, so enthüllte diese nun eine geradezu erotische Leidenschaft für ihren Teppich und einen ausgewachsenen Putzfimmel dazu.

Man kann die Apartments wochen- oder monatsweise mieten oder auch für länger und als Langzeitmieter würde man erwarten, dass man von jedweden Belästigungen durch den Vermieter verschont bliebe. Wir fühlten uns aber zeitweise, als hätten wir uns als gerade geduldete Gäste auf der Couch seines Wohnzimmers einquartiert.

Diese Frau hatte tatsächlich die Unverfrorenheit, während unserer Abwesenheit die Wohnung aufzusuchen und die Fenster zu öffnen, um, wie sie anschließend erklärte, für gute Belüftung zu sorgen. Feuchtigkeit setze sich an den Wänden ab und dies könne zu Schimmel führen. Sie heischte fast um Verständnis, als sie mir sagte, dass ich doch sicher nicht die Wände streichen wolle. Soweit käme es noch! Auch schien sie zu glauben, sie könnte bestimmen, wann und wie wir die Wohnung zu reinigen hätten: Tagelang stand demonstrativ der Staubsauger vor unserer Tür, bis ich mich dann doch einmal erbarmte und ihn so geräuschvoll wie möglich benutzte, als ich die Frau in ihrer Wohnung nebenan wusste.

Wir hatten bis Ende des Monats bezahlt, aber als die Vermieterin erfuhr, dass wir ausziehen wollten, drängte sie uns, die Wohnung bereits zwei Tage vor Ende der Mietfrist zu verlassen. Wir wollten ihrem Wunsch so schnell wie möglich entsprechen und daher packten wir in aller Eile unsere Sachen zusammen und verstauten alles bei Freunden. Am Abend luden wir die letzten Habseligkeiten ins Auto. Wir waren entschlossen, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nur der Schlüssel musste noch abgegeben werden.

Auf der Treppe lief mir die Vermieterin zufällig über den Weg. Ich händigte ihr ohne weitere Formalitäten die Schlüssel aus, drehte mich um und war im Begriff zu gehen. Sie hielt mich aber zurück und bestand darauf, dass wir erst den Teppich besichtigten, um gemeinsam festzustellen, wie teuer eine Reinigung wäre. Als ich dies ablehnte und ich ihr sagte, dass ich jetzt gehen müsste, ließ sie die Maske fallen und erklärte, die Teppichreinigung koste fünfzig Dollar und dieselbe Summe würde noch einmal für die Möbel fällig. Ich sagte, im Mietvertrag stünde nichts von einer Teppich- oder Möbelreinigung und außerdem sei der Teppich immer noch in dem Zustand, in dem wir ihn vorgefunden hatten. Sie behauptete freilich, die Hundehaare müssten mühsam entfernt werden und das koste eben Geld – als ob gründliches Saugen nicht ausreichen würde.

Sie erging sich noch eine ganze Weile darüber, wie teuer die Reinigung der Wohnung wäre und sie ging nicht davon ab, dass wir dafür aufzukommen hätten. Ich hörte ihr zunächst ruhig zu, aber schließlich riss mir dann doch der Geduldsfaden. Ich entschuldigte mich, ich müsste jetzt wirklich los. Um die Sache abzuschließen, sagte ich ihr, ich hätte ihrem Mann die Nummer unserer Anwältin gegeben. Wenn es noch offene Fragen gäbe, sei von nun an unser Rechtsbeistand dafür zuständig.

Der Redefluss der Vermieterin stoppte abrupt. Sie sah mich völlig entgeistert an. Es schien, meine Worte brauchten einige Zeit, um bis in ihr Bewusstsein vorzudringen. „Ihr habt eine Anwältin?“ fragte sie ungläubig. In Ecuador müsse man so etwas haben, entgegnete ich forsch. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ging einfach. Sie stand einen Augenblick sprachlos, aber dann rief sie mir wütend hinterher, dass es bestimmt meine Frau gewesen sei, die mich zu dieser Sache „angestiftet“ habe. Nun ja, schon möglich. Ich grinste still in mich hinein.

Exodus zum Zweiten

Unsere nächste Wohnung befand sich in Miravalle, das auf halbem Weg zwischen Quito und Cumbayá liegt. Für die kleine Dreizimmer-Wohnung zahlten wir achthundert Dollar, aber dafür kamen wir in den Genuss einer Sicherheit, die in Santa Inés nicht zu finden ist (die Wohnung in Santa Inés hatte übrigens genauso viel gekostet, war aber viel größer und schöner).

Unsere Vermieterin zeigte sich am Anfang von ihrer besten Seite. Sie war überaus freundlich und zuvorkommend. Sie half mir sogar dabei, einen Prüftermin für unser Auto zu bekommen. Allerdings offenbarte sie schon anlässlich unseres ersten Treffens eine geradezu pathologische Leidenschaft für das Parkett: Sie gab mir Pflegetipps und wies mehrfach darauf hin, dass der Holzfußboden beständiger Achtsamkeit und aufopfernder Pflege bedürfe. Ich versprach, ich würde den Fußboden künftig als den Mittelpunkt meines Lebens betrachten.

Unser Verhältnis kühlte dann sehr schnell ab: Hatte sich die Vermieterin am Anfang noch jede Woche mindestens einmal nach dem Befinden und vor allem nach dem Zustand der Wohnung erkundigt – und insbesondere nach dem Parkett (wobei sie nicht müde wurde zu mahnen, wir sollten dem Holzfußboden jedwede Pflege angedeihen lassen), ließ sie schon bald monatelang nichts mehr von sich hören. Nur wenn die Miete einmal einen Tag später als sonst einging, meldete sie sich, denn die Wohnung war über einen Kredit finanziert und die regelmäßigen Mieteinnahmen waren fest im Budget verplant.

Als wir ihr mitteilten, dass wir ausziehen und den Vertrag damit zu kündigen beabsichtigten, flatterte uns schon wenige Tage später eine Forderung über zweitausend Dollar ins Haus. Das Geld, das sie von uns zu erpressen versuchte, sollte offenbar für entgangene Mieteinnahmen entschädigen. In der Zwischenzeit hatten wir uns aber der Dienste einer Anwältin versichert und über diese ließen wir der Frau ausrichten, dass ihre Forderung „absolut illegal“ sei.

Die gesamte Summe mussten wir am Ende zwar nicht zahlen, aber da wir den Vertrag vor den vereinbarten zwölf Monaten kündigten, hatten die Vermieter ein Anrecht auf eine Monatsmiete. In diesem Fall handelte es sich immerhin um achthundert Dollar. Im übrigen sah ich mich auch noch veranlasst, die Wände zu streichen und dem Parkett jene aufopfernde Pflege angedeihen zu lassen, die mich in den Augen unserer Vermieterin zu ihrem Lieblingsmieter gemacht hätte. Doch alle Liebesbekundungen kamen natürlich zu spät.

Die Wohnungsübergabe vollzog unsere Anwältin. Wir wollten die Vermieterin nicht treffen, weil wir ahnten, dass sie versuchen würde, uns in endlose Diskussionen zu verwickeln. Die Anwältin besah sich die Wohnung und fand keine Mängel: Das Apartment war so sauber, als hätte jemand mit Putzzwang die Reinigung vorgenommen, die Wände waren frisch geweißt, das Parkett ebenfalls gründlich gereinigt, gewachst und auf Hochglanz poliert.

In Ermangelung einer Poliermaschine hatte ich einen ganzen Tag auf den Knien verbracht und den Fußboden von Hand poliert. Ich bin überzeugt, so schön strahlte das Parkett nicht einmal als es neu war. Wir machten noch Fotos – zum Beweis, dass wir die Wohnung in ordnungsgemäßem Zustand hinterließen – und suchten dann schleunigst das Weite, denn unseren Vermietern wollten wir auf keinen Fall begegnen.

Am Ausgang der Wohnanlage lief uns freilich der Sohn der Vermieterin über den Weg. Er schien geradezu perplex, uns die Anlage verlassen zu sehen, bevor die Übergabe stattgefunden hatte. Ich gab ihm zu verstehen, dass sich unser Rechtsbeistand um die Details kümmern werde. Später tauchte dann auch noch seine Mutter auf, die eigentliche Vermieterin, und wie befürchtet, versuchte sie unsere Anwältin in eine Diskussion über angeblich noch ausstehende Forderungen zu verwickeln.

Die Coolness unserer Anwältin lässt sich nur schwer überbieten. Kalt wie die Schneekönigin in Andersens Märchen teilte sie der Vermieterin mit, dass die Forderungen, mit denen sie uns beizukommen versuchte, „absolut illegal“ seien, zumal die Wohnung sich, wie man leicht nachprüfen könne, in exzellentem Zustand befände. Eigentlich sah das Apartment jetzt viel besser aus als zum Zeitpunkt unseres Einzugs.

Darauf behauptete die Vermieterin dreist, dass der Fußboden Dellen habe, die man ausbessern lassen müsse, dabei waren wir doch ein Dreivierteljahr auf Strümpfen durch die Wohnung gehuscht. Die Dellen hatten sich schon vorher im Boden befunden, aber wer denkt beim Einzug daran, eine geologische Karte des Fußbodens zu erstellen.

Die Vermieterin drohte mit einer Klage, doch unsere Anwältin ließ sich natürlich nicht einschüchtern und forderte sie sogar noch auf, das Verfahren nur ja schnell in die Wege zu leiten, wohl wissend, dass man die Mittel dafür nicht würde aufbringen können, zumal der Ausgang höchst ungewiss wäre. Am Ende hatte man nichts in der Hand, denn alle Rechnungen waren beglichen und wir schuldeten unseren Vermietern nicht das Geringste. Wir beglückwünschten uns dazu, eine Anwältin mit der Sache beauftragt zu haben. Manchmal trifft man im Leben eben nicht nur falsche Entscheidungen.

Exodus zum Ersten

Ganz gleich, wohin man reist – wenn man längere Zeit zu bleiben beabsichtigt, ist es aus vielerlei Gründen unumgänglich, dass man sich eine feste Bleibe sucht. In der Regel wird man ein Zimmer oder – ist man zu mehreren unterwegs – eine Wohnung mieten. Dann ist es unausweichlich, dass man mit einer ganz besonderen Spezies Bekanntschaft macht: dem Vermieter. Diese Begegnung muss nicht in jedem Fall unangenehm sein, doch nur zu oft ist die Interessenlage der Parteien zu verschieden, als dass ein einvernehmliches Miteinander möglich wäre. Wir haben ein Jahr in Ecuador gelebt. In dieser Zeit sind wir dreimal umgezogen und jedes Mal war es weder ein einvernehmlicher noch ein freundlicher Abschied.

Die erste Zeit wohnten wir in Santa Inés. Das ist ein Stadtteil Cumbayás, eines Vorortes von Quito. Cumbayá hat in den letzten Jahren eine Immobilienhausse ohnegleichen erlebt. Das billige Bauland vor den Toren der Hauptstadt hat die Begehrlichkeit der Oberschicht Quitos geweckt, und wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken, die ein grünendes Weizenfeld erspähen, stürzte man sich auf den unbedeutenden Flecken, der Cumbayá damals war (und auch heute noch ist – entgegen den Beteuerungen seiner neureichen Bewohner).

Als wäre eine Art Goldrausch ausgebrochen, begann man vor zwanzig Jahren damit, sich wie im Fieber die aussichtsreichsten Claims zu sichern. Die Bodenpreise sind seither freilich geradezu explodiert und derzeit werden dem solventen Interessenten eine Million Dollar für ein bescheidenes Stück Land abverlangt. Ein Kollege meiner Frau, der die Absicht hegte, sich auf Dauer in Cumbayá niederzulassen, klagte uns einmal sein Leid (die enorme Summe reicht dabei gerade für ein unerschlossenes Stück Land).

Die Teuerung macht sich auch auf dem Mietmarkt bemerkbar. Die Mieten in Cumbayá gleichen denen in Berlin oder übertreffen diese sogar noch. Jedenfalls gelang es uns nicht, in dieser Vorstadtsiedlung ein Apartment zu finden, für das wir ungefähr so viel wie für unsere Wohnung in Friedrichshain zu bezahlen hätten. Was wir für uns als angemessen erachtet hätten, also guter Plattenbaustandard, lag deutlich darüber, und in Wohnungen, die etwa dem Berliner Preisniveau entsprachen, hätten wir nicht leben wollen – zu unsicher, zu abgewohnt, zu klein.

Santa Inés, ein Stadtteil Cumbayás, gilt immer noch als weitgehend ursprünglich. Die angestammte Bevölkerung verteidigt ihren Besitz zäh gegen die Begehrlichkeiten der Invasoren aus Quito. Doch nagelneue Apartment-Häuser, die wie Inseln zwischen den einfachen Eingeschossern aufragen, zeigen an, dass die Gentrifizierung bereits in vollem Gange ist. Von diesen Brückenköpfen nimmt die Invasion der Gutbetuchten ihren Ausgang, und gleich Krebsgeschwüren fressen sich die schicken neuen Wohnanlagen immer weiter ins Stadtbild.

Schon haben die Bessergestellten sich eine neue Kirche bauen lassen. Wie man hört, sei das Gotteshaus fast ausschließlich durch die Spenden „der Reichen“ finanziert worden. Man gibt sich gern fromm, eine Eigenschaft, welche nur noch durch die Bigotterie übertroffen wird, die unter diesen Leuten zu grassieren scheint wie der Aussatz in einer Leprakolonie. Außerdem ist so ein sonntäglicher Gottesdienst die perfekte Gelegenheit zu zeigen, welchen Platz unter den Menschen einem der Herrgott im Himmel zugewiesen hat. Denn zwar heißt es, sein sei das Reich und die Macht und die Herrlichkeit, und zwar sein allein, aber natürlich weiß man, dass der Allmächtige seinen Lieblingen nicht gar zu selten schon zu Lebzeiten gestattet, sich im Glanze seiner Herrlichkeit zu sonnen.

In Santa Inés haben wir nur einige Wochen gewohnt. Unser Apartment war zwar sehr schön, doch hatte der Besitzer kaum für die Sicherheit Sorge getragen. Nach einem Wohnungseinbruch beschlossen wir, uns ein neues Quartier zu suchen. Jeder verständige Hausbesitzer hätte in dieser Situation davon Abstand genommen, die Kaution einzubehalten oder die Miete für einen weiteren Monat zu fordern, zumal der Einbruch erhebliche Sicherheitsmängel offenbart hatte, für die niemand anderer als der Vermieter die Verantwortung trug. Eine weitere Mietzahlung war dennoch eine Zeitlang im Gespräch, denn mit unserem Auszug würden wir den Vertrag, der pro forma eine Mietdauer von einem Jahr vorsah, vorzeitig beenden.

Ich glaube, der Eigentümer des Hauses nahm nur deshalb von seiner unverschämten Forderung Abstand, weil ihm zu dämmern begann, dass er allein die Verantwortung für die offengelegten Mängel trug, welche den Einbruch letztlich erst begünstigt hatten. Jeder Versuch, das Geld einzuklagen, hätte ihn in Erklärungsnot gebracht. Gleichsam als Beweis kann der Umstand gesehen werden, dass er schon wenige Tage nach dem Ereignis hektisch Ausbesserungsarbeiten an sämtlichen Türen und Toren anordnen ließ, wobei er sich nicht zu schade war, selbst Hand anzulegen: Ich sah ihn wie einen Berserker an den Flügeln des Garagentores zerren. Hier hatten sich die Diebe Zutritt verschafft. Das billige Tor hatte einfach nachgegeben. Als wäre er ein Eisenbieger, versuchte der Hausbesitzer, den Stahlstreben ihre ursprüngliche Form zurückzugeben. Der Mann musste wirklich verzweifelt sein.

Meine ecuadorianische Identität

Der Erwerb einer Aufenthaltserlaubnis kann sich in Ecuador zu einer langwierigen, äußerst anstrengenden und vor allem nervenaufreibenden Unternehmung auswachsen. Dank tiefgreifender, radikaler Reformen unterscheiden sich die Behörden hierzulande im Grunde kaum von den Ämtern in Deutschland – sie sind modern, effizient und exekutieren Dienstanweisungen mit derselben haarspalterischen Insistenz wie ihre deutschen Amtsvettern. Vom angeblichen südländischen Schlendrian keine Spur – die Beamten arbeiten effektiv wie Automaten und sie wirken auch oft genauso unsympathisch wie ihre deutschen Kollegen. Doch kein Ecuadorianer würde sich die speckigen Amtsstuben früherer Zeit und das Chaos, das in ihnen herrschte, zurückwünschen. Dennoch kann einen der bürokratische Irrsinn manchmal in die Verzweiflung treiben. Man könnte den Ämtern und allem, was man dort so erlebt, einen eigenen Blog widmen.

Wahrscheinlich lässt sich die Entwicklung hin zu mehr Bürokratie auch gar nicht vermeiden, denn wie man weiß, verselbständigt sich so ein Verwaltungsapparat, sobald er nur eine kritische Größe erreicht hat. Doch die Verwaltungsreform hat auch positive Dinge mit sich gebracht: Ein gravierender Unterschied zu deutschen Behörden besteht darin, dass die Mitarbeiter fast alle jung sind. In der Tat kann ich mich nicht erinnern, dem Angestellten einer Behörde gegenübergestanden zu haben, der älter als ich gewirkt hätte, und dabei bin ich doch noch nicht einmal dreißig! Scherz beiseite: Ehrenvoll im Dienst ergraute Beamte sieht man eigentlich gar nicht – entweder hat man sie im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen aufs Altenteil geschickt oder sie fristen ihr Gnadenbrot in den Hinterzimmern, zwischen verstaubten Aktenbergen und Dokumentenablagen, die schon Spinnweben angesetzt haben, jedenfalls dort, wo sie kein Besucher der Behörde jemals zu Gesicht bekommt. Ich glaube nicht, dass man sie in den hauseigenen Aktenschreddern entsorgt hat – so viele Schredder könnte eine vielbeschäftigte Behörde ja auch gar nicht entbehren.

Ursprünglich war vorgesehen, dass der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, die notwendigen Schritte einleitet, um meinen Aufenthaltsstatus zu klären. Aus Gründen, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen, unterließ man es aber, sich mit den Behörden in Verbindung zu setzen. Drei Monate waren verstrichen und nichts war geschehen. Ab diesem Zeitpunkt hielt ich mich illegal im Lande auf.

Aus der Not entschieden wir uns, eine Anwältin damit zu beauftragen, die Sache in die Hand zu nehmen. Wer nun glaubt, damit wäre alles so gut wie ausgestanden, irrt gewaltig. Eigentlich bestellt man ja einen Rechtsbeistand, um sich nicht selber mit solch unangenehmen Dingen wie Behördengängen herumschlagen zu müssen, dennoch kann ich die Stunden gar nicht zählen, die ich, zu Tode gelangweilt, in den Wartesälen der Behörden verbracht habe. Inzwischen haben die Dienste der Anwältin – die unentbehrlichen Dienste, wie man ehrlicherweise hinzufügen muss – die Kleinigkeit von annähernd zweitausend Dollar verschlungen, doch am Ende hat es sich doch gelohnt und ich bezweifle, dass wir ohne ihre Hilfe so weit gekommen wären. Die Auslagen bekommen wir übrigens ersetzt, denn die Deutsche Schule ist verpflichtet, den Ehegatten ihrer Angestellten eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen.

Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erwerben, braucht man vor allem eines: Geduld. Am besten lässt man gleich den Gedanken fahren, dass man die Angelegenheit in ein paar Tagen abhaken könnte. Ich versichere, man kann es nicht. Ob man einen Rechtsbeistand zu Rate zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann dazu eigentlich nur raten, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schnell überfordert ist, zumal wenn man die Sprache nicht ausreichend gut beherrscht. Man kann sich nur zu leicht in den Labyrinthen der Bürokratie verirren und irgendwann verliert man in dem unentwirrbaren Wust aus Papieren und gescheiterten Hoffnungen den Verstand. Da ist es wichtig, dass man einen verlässlichen Lotsen hat, der einen sicher durch die tückischen Gewässer des Verwaltungsaktes geleitet.

An einem normalen Tag pendelt man mehrmals zwischen Einwanderungs- und Meldebehörde hin und her, und wenn einen nicht eine Stelle zur anderen schickt, weil irgendein wichtiges Formular, ein unverzichtbares Dokument oder eine unentbehrliche notarielle Beglaubigung fehlt, dann schickt einen eben die Stelle, zu der man doch eben hin beordert wurde, aus exakt denselben Gründen wieder zurück. Mit einer Böswilligkeit, wie sie nur Behörden eigen ist, wird man so etliche Male von Pontius zu Pilatus befohlen und am Ende ist man nicht einmal schlauer, geschweige denn, dass man das Gefühl hätte, die Sache wäre auch nur ein klitzekleines Stück vorangekommen.

Ich fühlte mich oft an die berühmte Szene in einem Asterixfilm erinnert, in der die Helden im Getriebe eines aufgeblähten bürokratischen Apparates unterzugehen drohen. Sie entgehen dem Verhängnis, indem sie auf die geniale Idee verfallen, das System zu veranlassen, sich gegen sich selbst zu wenden: Sie werfen Sand ins Getriebe der gut geölten Behördenmaschinerie, denn sie erfinden einfach ein Formular, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Der sonst so fabelhaft effiziente Apparat strauchelt und der kleine böswillige Sabotageakt stiftet ein derartiges Chaos, dass bald alles in Wahnsinn versinkt. Am Ende implodiert der ganze Laden wie ein Schwarzes Loch. Vielleicht hätte ich einfach nur nach dem ungemein wichtigen und unverzichtbaren rosa Formularbogen fragen sollen …

Ich war inzwischen gut ein Dutzend Mal auf der Behörde und dann verbrachte ich dort auch immer gleich den ganzen Tag – morgens hin, am Nachtmittag wieder zurück. Die Anwältin, die meine Antragstellung betreute, pflegte mich immer am Morgen in ihr Büro einzubestellen und sie verstand es jedes Mal, meinen Unmut über die zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu zerstreuen, indem sie treuherzig erklärte, heute gehe alles ganz, ganz schnell – eigentlich könnte ich mein Visum und sogar die Cedula, die ID-Card, gleich mitnehmen. Versprochen!

Natürlich erwiesen sich die vollmundigen Versprechungen nur als ein Mittel, mich aufzumuntern, denn die Anwältin spürte sehr wohl meinen Widerwillen, in der Sache auch nur noch einen Schritt weiterzugehen. Meine Hoffnung, diese Geduldsprobe heute endlich hinter mich bringen zu können, wurde dann auch jedes Mal aufs Neue gedämpft, kaum dass wir die Behörde betreten und der Beamte uns mitgeteilt hatte, es fehlte noch dieses Papier und jenes Formular und diese beglaubigte Kopie und jener amtliche Stempel. Man kommt sich manchmal vor wie in einem Irrenhaus, nur hat man den Eindruck, man stehe selber im Begriff, allmählich den Verstand zu verlieren.

Lohnt es sich, einen Rechtsbeistand zu engagieren? Auf jeden Fall! Ich möchte eigentlich jeden, der nach Ecuador kommt, um sich hier für längere Zeit niederzulassen, ermutigen, sich der Hilfe eines verlässlichen Rechtsberaters zu versichern. Ein Anwalt kann hierzulande für vieles nützlich sein. Die einzigen Anwälte, denen ich in Berlin begegnet bin, waren mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften. Die meisten von ihnen fand ich übrigens sehr sympathisch (Ich muss allerdings einräumen, ich habe nie die traumatische Erfahrung machen müssen, eine anwaltliche Honorarrechnung auf den Tisch zu bekommen). Hier in Ecuador braucht man den Rechtsbeistand, damit er einem aus so mancher verzwickten Lage befreit. Denn man kann in Schwierigkeiten geraten, auch ohne je gegen das Gesetz verstoßen zu haben, und dann ist man darauf angewiesen, dass jemand die Eisen wieder aus dem Feuer holt.

Ein Beispiel für jene Wechselfälle des Lebens, in denen ein Anwalt nützliche Dienste leistet, mag genügen: Eines Tages forderte unsere Vermieterin ultimativ die Summe von zweitausend Dollar. Wir wunderten uns darüber und waren auch ein wenig besorgt, denn diese Forderung kam wie aus heiterem Himmel. Wir wollten die Wohnung in nächster Zeit kündigen und offenbar glaubte die Vermieterin, sie hätte in diesem Fall das Anrecht auf eine Art Entschädigungszahlung für entgangene Mieteinnahmen. Unsere Anwältin (das ist eine andere als die, in deren Hände die behördlichen Vorgänge um meine Aufenthaltserlaubnis gelegt sind) lächelte kühl und meinte, es gäbe keine rechtliche Grundlage, die eine solche Unverschämtheit stütze. Das sei reine Willkür – ich denke aber, es war wohl eher die reine Gier, die aus der Forderung der Vermieterin sprach.

Wir waren froh, dass die Anwältin das Telefongespräch führte, in der sie der Vermieterin lapidar mitteilte, dass ihre Forderung nichtig sei. Die Frau versuchte dann Geld herauszuschinden, indem sie insistierte, erst einmal müsse geprüft werden, ob das Parkett sich auch wirklich noch in dem Zustand befinde, in dem es angeblich gewesen sei, als es uns übergeben wurde. Ganz offensichtlich hat sie eine Art obsessive Leidenschaft zu dem Holzfußboden entwickelt, und ich glaube, an dem Tag, an dem Termiten die Holzplanken auffressen, hat das Leben für sie seinen Sinn verloren. Die Anwältin schmetterte das Ansinnen routiniert ab. Auch eine Mediation verweigerte sie.

Irgendwann, nach mehreren Monaten geduldigen Wartens, hatte das Schicksal doch noch ein Einsehen und es kam der Tag, an dem mir das Visum tatsächlich in den Pass eingetragen wurde. Und es kam sogar noch besser, denn vier Wochen später erhielt ich auch noch die Cedula de identidad. Ein Mitarbeiter der Anwältin brachte mit mir wieder fast den ganzen Tag auf dem Registro civil zu, der Meldebehörde. Die Anwältin scheint Mitarbeiter zu bevorzugen, die die meiste Zeit ihres Lebens in Spanien verbracht haben. Auch dieser junge Mann hatte dort sein ganzes Berufsleben absolviert. Erst seit zwei Jahren lebte er wieder in Ecuador, um, wie es scheint, nun Botengänge für seine Arbeitgeberin zu erledigen.

Wir warteten geraume Zeit, aber schließlich teilte uns ein Mitarbeiter der Meldestelle mit, dass alle Papiere nun vollständig seien und ich die Cedula in drei Stunden am Schalter abholen könnte. Mehr noch als mich diese lapidare Mitteilung freute, nahm die Frisur des Beamten meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Der Haaransatz über der Stirn war eckig wie ein Fußballplatz ausrasiert. Der schwarze Haarsaum legte sich um das Gesicht wie ein viel zu groß geratener Bilderrahmen. Man konnte deutlich die dunkle Wurzel an den Stellen erkennen, an denen der Rasierer zwei Finger breit Haar entfernt hatte. Der Mann wirkte bestimmt viel intelligenter, da die Stirn nun viel höher und breiter war, und obwohl er gerade Ende Zwanzig zu sein schien, erinnerte er mich sehr stark an Winfried Noë von Astro-TV.

Leider war es mir nicht möglich, den Ausweis noch an diesem Tag entgegenzunehmen, denn ich musste meinen Sohn von der Schule abholen. Aber das sei, so informierte man uns, überhaupt kein Problem, denn das Dokument läge am Schalter bereit und man könne es sich jederzeit aushändigen lassen. Das tat ich dann zwei Wochen später – man hat ja oft keine Zeit, aber so gut wie nie verspüre ich Lust, mich durch den dichten Verkehr auf Quitos Straßen zu quälen.

Und da ist sie nun – meine Cedula. Die Cedula de identidad ist eine ID-Card und als solche ist sie mit dem deutschen Personalausweis durchaus vergleichbar. Man kann sie aber bekommen, auch ohne die ecuadorianische Staatsangehörigkeit zu besitzen (was auf mich zutrifft). Das Foto beachte man am besten gar nicht, denn darauf sehe ich aus wie El Colorado, der berüchtigte Pistolero, kurz nach seiner Festnahme. Worauf es ankommt, ist ja auch nicht das Bild, sondern die Tatsache, dass ich den Ausweis überhaupt habe.

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig skeptisch. Das Dokument ist zehn Jahre gültig und kann beliebig verlängert werden. Es besteht also kein Anlass zu der Sorge, man müsste die ganze Behördenquälerei noch einmal über sich ergehen lassen. Die Cedula nützt einem nur in Ecuador. In anderen Ländern, selbst in den Staaten des amerikanischen Kontinents, schindet man damit etwa so viel Eindruck wie mit der Visitenkarte Winfried Noës.

In Ecuador kann man mit der Cedula aber durchaus eine Menge anfangen: Zunächst einmal muss man nun nicht mehr ständig den Reisepass mit sich herumtragen. Die Cedula reicht vollkommen aus für den Fall, dass man sich ausweisen muss. Im Vergleich mit dem gewöhnlichen Touristen zahlt man oft nur den halben Eintrittspreis. Es mag sich zwar nur um wenige Dollar handeln, doch richtig sparen kann man, wenn man nach Galapagos reisen möchte. Der Unterschied kann einige Hundert Dollar betragen. Wirklich zu genießen vermag man die Vergünstigungen, die einem mit der Cedula gewährt werden, aber erst im Rentenalter, in der Tercera edad, denn dann zahlt man in allen staatlichen oder öffentlichen Einrichtungen stets nur den halben Preis.

Ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ob ich meine bescheidene Rente nicht irgendwo an einem pazifischen Palmenstrand verzehren möchte. Die Cedula ist zeitlich unbegrenzt gültig und wer kann schon voraussehen, welche Zeiten uns noch erwarten. Mit der Cedula in der Tasche müsste ich in Ecuador jedenfalls keinen Asylantrag stellen. Und es ist beruhigend zu wissen, dass es einen Platz auf der Welt gibt, an dem man im Notfall Zuflucht finden könnte. Es gibt wahrlich unwohnlichere Orte als dieses tropische Paradies.

Von Santa Inés nach Nayón

Ich habe nun schon seit einer ganzen Weile keine neuen Beiträge mehr in meinen Blog einstellen können. Das liegt einmal daran, dass wir uns eine neue Wohnung suchen mussten, denn in unsere alte war eingebrochen worden. Die Suche und der Umzug nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Was man aber zum Schreiben vor allem braucht, ist Zeit – und natürlich Muße, sonst ist man nicht mit dem Herzen dabei. Ein anderer Grund für meine Schreib-Abstinenz liegt einfach darin, dass wir im Augenblick kein Internet haben und dass sich auch kein Cyber-Shop in der Nähe befindet. Mit dem Umzug haben wir unseren alten Anschluss verloren und nun müssen wir wieder warten, bis wir einen neuen bekommen. Das kann dauern – ich habe ja schon öfter darüber geklagt. Ohne Internet lebt man wie auf einem ganz anderen Planeten oder besser: man lebt ein ganz anderes Leben, das sich so anfühlt, als wäre es nicht mehr das eigene. Unser Mann beim Netzanbieter hat versichert, er werde sich darum kümmern. Da bin ich aber beruhigt!

Ich habe mich bemüht, das Wichtigste der letzten Tage festzuhalten, aber es kann natürlich nicht ausbleiben, dass man das eine oder andere vergisst oder mit dem zeitlichen Abstand als nicht mehr so wichtig erachtet. Was man eben nicht sofort niederschreibt, hat man auch gleich wieder vergessen. Was aber zu erfahren lohnt, will ich nun der Reihe nach berichten.

Auf Wohnungssuche

Seit man unsere Wohnung aufgebrochen und alles mitgenommen hat, was sich schnell zu Geld machen lässt, fühlten wir uns in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Der Besitzer der Wohnanlage ließ es sich zwar angelegen sein, das automatische Tor zur Parketage mit Stahlplatten zu verstärken (man hatte die Torflügel einfach aufgebogen und sich so Zutritt zum Haus verschafft) und ein zusätzliches Schloss in die Haustür einzubauen, unsere zerstörte Wohnungstür zu ersetzen oder einen neuen stabilen Türrahmen statt des alten aus Pressholz einzubauen, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn. Ich weiß nicht, ob er nach der ersten provisorischen Reparatur überhaupt vorhat, die Türen vollständig erneuern zu lassen. Wahrscheinlich spekuliert er darauf, dass die neuen Mieter den Schaden gar nicht bemerken und vielleicht lässt er es darauf ankommen und erst, wenn man dann doch auf die Einbruchsspuren und die dilettantischen Ausbesserungsarbeiten aufmerksam wird, schwenkt er schnell um und behauptet heuchlerisch, es sei ihm ein Herzensanliegen, dass seine Mieter in Sicherheit leben und daher werde er unverzüglich neue Türen einbauen lassen. Ich glaube, es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben, denn in ihrem derzeitigen Zustand wird er unsere Wohnung kaum wieder vermieten können. Ich vermag mir jedenfalls nicht vorstellen, dass jemand in eine Wohnung ziehen möchte, an deren Tür die Spuren des letzten Einbruchs noch allzu deutlich sichtbar sind. So gern wir in Santa Inés gewohnt haben – die Gegend ist uns nicht mehr sicher genug und deshalb machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Wohnung.

Man darf sich nichts vormachen: Absolute Sicherheit kann man weder in Ecuador noch in Deutschland erwarten. Die sozialen Unterschiede, die in Deutschland bis in die jüngste Zeit unter dem Mäntelchen von Sozialer Marktwirtschaft und Solidargemeinschaft verborgen geblieben sind, treten in Ecuador vor aller Augen und häufig auf so krasse Weise zutage, dass man es kaum glauben möchte. Und extreme soziale Unterschiede und ausweglose Armut waren noch immer ein Patentrezept für Kriminalität. Natürlich geht es darum zu beschützen, was man besitzt, denn zwar mögen wir wohlhabender als die meisten Einheimischen sein, aber reich sind wir deshalb noch lange nicht. Nur weniges hat einen wirklichen materiellen Wert; dazu gehören vor allem die Laptops und die Handys, die für meine Frau allein schon aus beruflichen Gründen unentbehrlich sind, und natürlich das Auto, das uns erst vor ein paar Tagen ausgeliefert wurde (endlich!). Wir können es uns nicht leisten (und zwar im Wortsinne), diese Dinge zu verlieren, denn über so viel Geld, um uns im Turnus von Wochen oder Monaten komplett neu auszustatten, verfügen wir keineswegs. Um es kurz zu machen: Wir brauchten eine neue Wohnung – eine sichere Wohnung.

Meine Frau hat sich mit den hiesigen Maklern in Verbindung gesetzt; wir haben Termine vereinbart und uns zu den interessanten Objekten fahren lassen. Alle Wohnungen, die wir uns anschauten, befanden sich in Guarded Communities, das sind beschützte Wohnanlagen, die 24 Stunden am Tag von einem oder mehreren Wächtern bewacht werden und in die man nur nach vorheriger Einlasskontrolle gelangt. Zwar befinden sich sowohl der Arbeitsplatz meiner Frau als auch die Schule meines Sohnes in bzw. in der Nähe Cumbayás, dennoch zogen wir auch in Erwägung, in Quito zu wohnen. Angeblich, so hört man von Leuten, die in Quito leben, könne man Cumbayá, das ein wenig außerhalb der Hauptstadt liegt, in zwanzig Minuten erreichen. Das mag der Fall sein, solange es keinen Stau gibt und solange man nicht von irgendeinem Wahnsinnigen aus der Spur gedrängt wird und deshalb die Abfahrt verpasst.

Die Maklerin zeigte uns an diesem Tag einige sehr schöne Wohnungen. Da freies Bauland in Quito knapp ist und lukrative Grundstücke selten frei werden, sind Investoren gezwungen, zu den Rändern des Tales hin auszuweichen und immer weiter auf die das Tal begrenzenden Hänge hinaufzuziehen. So befinden sich die neuen und schönen Appartements selten mitten in der Stadt, wo der Verkehr am dichtesten ist und der Smog das Atem schwer macht, sondern in der Höhe, an den malerischen Hängen der Berge. Dort sieht man die schönen mehrgeschossigen Apartment-Häuser sich erheben, mit ihren Balkons und ihren ausladenden Dachterrassen. Wir verabredeten uns mitten in der Stadt; die Maklerin holte uns mit dem eigenen Wagen ab und führte uns nacheinander durch mehrere attraktive Objekte. Das war eine wahre Tour de force, denn erst fuhren wir ein Stück mit dem Auto durch die Straßenschluchten Quitos, dann, nachdem endlich ein Parkplatz gefunden war, stiegen wir aus und als nächstes ging es vorbei am Wächter, vor dem die Maklerin sich umständlich auszuweisen hatte. Schließlich besichtigten wir die Wohnung. So ging es noch viele Male weiter.

Die Miete für die Appartements, die wir uns an diesem Tag ansahen, lag zwischen 750 und 1.100 Dollar pro Monat. Das hört sich nach viel an und das ist es in der Tat. Sicher kann man etwas günstiger wohnen, wenn man bereit ist, auf den Komfort und die Sicherheit zu verzichten, die man etwa aus Berlin gewohnt ist. Die günstige Plattenbauwohnung direkt im Zentrum sucht man hier allerdings vergeblich. Jedoch muss man zugeben, dass alle Wohnungen, die wir uns ansahen, ausnehmend schön waren. Etwas in vergleichbarer Lage und mit ähnlicher Ausstattung findet man in Berlin wohl nur im Luxussegment. Alle Appartements waren geräumig – geradezu riesig, verglichen mit unserer Wohnung in Berlin – und hatten einen sehr schönen Schnitt. Zusätzlich waren sie meist mit großen Wohnküchen ausgestattet. Die Sicherheit entsprach höchsten Standards: verstärkte Türen im Stahlrahmen und hochwertige Sicherheitsschlösser; die Anlage umgeben von meterhohen Mauern, die von Stacheldraht gekrönt werden. Wenn man solchen Sicherheitsaufwand nicht gewohnt ist, fühlt man sich manchmal ein bisschen wie im Gefängnis. Aber Sicherheit ist hierzulande eines der wertvollsten Güter überhaupt und also nimmt man die Mauern, den Stacheldraht und die Wächter in Kauf. Man sollte sich schon im Klaren darüber sein, welche Prioritäten man setzt.

Wenn man zu den Wohnungen selbst gelangen möchte, muss man eine Sicherheitsschleuse passieren. Hinter einem marmornen Tresen sitzt ein uniformierter, bewaffneter und mit kugelsicherer Weste ausgerüsteter Wächter. Ihm muss man sein Anliegen vortragen und sich ausweisen. Man wird nur dann eingelassen, wenn man die Erlaubnis bzw. Einladung des Eigentümers der Wohnanlage oder eines Mieters vorweisen kann. Unsere Maklerin für diesen Tag hatte eine entsprechende Akkreditierung und so winkte uns der Wächter zur Eingangstür, die er von seinem Platz aus öffnete. Merkwürdigerweise arbeiten in solchen Appartement-Häusern fast ausnahmslos ältere Herren als Wächter. In ihren Kampfanzügen, den schusssicheren Westen und mit den Waffen wirken sie auf den Besucher doch recht martialisch – ein Eindruck, der nur durch die von Falten zerfurchten freundlichen Gesichter gemildert wird. Die Mieter müssen sich natürlich nicht jedes Mal ausweisen, wenn sie ins Haus möchten. Jeder von ihnen bekommt eine ID-Card, die er nur über den Scanner ziehen muss. Dazu erfolgt noch der Gesichtsabgleich durch den Wächter.

Manche der Wohnungen waren wirklich ein Traum – die Mieten sind allerdings auch traumhaft. Nachdem man die Eingangstür mit dem Wächter glücklich passiert hat, gelangt man zunächst in eine Lobby, die jener eines beliebigen Fünfsternehotels in Berlin in keiner Weise nachsteht: Man geht vorbei an abstrakten Skulpturen und Wasserspielen; das Auge erfreut sich an geschmackvollen Pflanzenarrangements. Wände und Böden sind mit Granit oder edlem Marmor verkleidet; alles ist wie zum Empfang einer honorigen Persönlichkeit auf Hochglanz poliert. Eigentlich erwartet man, dass jeden Augenblick der livrierte Page auftaucht, einem die Tasche abnimmt und den Weg zur eigenen Suite weist. Doch wir waren allein und andere Menschen bekommt man in den Wohnanlagen des gehobenen Standards selten zu sehen. Ich war tief beeindruckt. Solchen Luxus hätte ich nicht in einem ganz „normalen“ Wohnhaus erwartet, wobei man „normal“ auf die renommiersüchtige ecuadorianische Mittelklasse beschränken muss. Und wenn das die „normalen“ Wohnungen sind, wie sehen dann die Luxusappartements aus?

Die Wohnungen, die wir zu sehen bekamen, hatten alles, was man sich nur wünschen kann – große, luxuriös ausgestattete Wohnküche, zwei oder drei Schlafzimmer, des weiteren zwei oder drei Bäder, weiträumiges Wohnzimmer, für das die Bezeichnung Salon nicht unangebracht wäre, edles Parkett in allen Räumen. Als wir uns gerade eine besonders schöne Wohnung ansahen, bemerkte die Maklerin, hier hätte vorher ein Amerikaner aus der Ölbranche gewohnt. Die Wohnung hätte uns gefallen, aber der Preis bereitete uns Bauchschmerzen und als wir scherzhaft fragten, ob der Vermieter uns entgegenkommen könnte, antwortete uns die Maklerin ebenso scherzhaft: sicher nicht.

Die Wohnungen waren alle schön, ausnahmslos, und eigentlich hätte uns jede gefallen. In den Wohnanlagen gibt es immer ein Public Area, ein Gemeinschaftsareal, das von allen Wohnparteien genutzt werden darf. Dort findet sich häufig eine Wiese, manchmal ein Kinderspielplatz sowie ein Bereich mit fest installiertem Grill und dem entsprechenden Zubehör. Wer will, kann hier nach Herzenslust grillen und das mitten in der Stadt, in einem dicht bebauten Viertel. Einige der Häuser verfügen sogar über einen eigenen Swimmingpool, in anderen gibt es Fitness-Studios oder zumindest Fitness-Räume, denn die Bezeichnung Studio für zwei oder drei Kardiogeräte und eine Hantel scheint mir etwas weit hergeholt. Aber immerhin, wer Körperertüchtigung treiben will, kann dies in den Grenzen der Wohnanlage tun. Für alles ist gesorgt und um die Sicherheit muss man sich auch keine allzu großen Sorgen machen, denn schließlich wird die ganze Anlage zu jeder Tages- und Nachtzeit bewacht. Wenn überhaupt, so haben diese Wohnungen nur einen Makel: Wohnt man auf einer der unteren Etagen, blickt man wegen der dichten Bebauung häufig auf nichts als Beton. Und selbst, wenn man eine Wohnung weiter oben bezieht, kann man sich zwar auf einer Seite eines wundervollen Ausblicks über die Stadt erfreuen, auf der anderen Seite schaut man auf den Berg, in dessen Flanke die Wohnanlage gesetzt wurde. Die Wohnungen waren alle sehr schön und hätte man eine Wahl zu treffen, müsste man die geringfügigen Nachteile gegen eine Vielzahl von Vorteilen abwägen. Was also sollte uns daran hindern, hier zu wohnen (außer dem Preis natürlich)?

Pico y Placa

Der Arbeitsplatz meiner Frau und die Schule unseres Sohnes befinden sich in Cumbayá. Das ist nicht sehr weit von Quito entfernt. Wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit fährt, kann man die Strecke mit dem Auto in weniger als einer halben Stunde bewältigen. Allerdings wäre man dann auch vom Auto abhängig, denn zwar gibt es Busse, die regelmäßig zwischen Quito und Cumbayá verkehren, doch muss man bedeutend mehr Zeit einplanen, zumal man, abhängig von der Gegend, in der man wohnt, auch noch umsteigen müsste. Mit dem Auto geht es eben am schnellsten. Aber abgesehen davon, ob man nun selber Auto fährt oder den Bus nimmt, gibt es eine Sache, die ein echtes Problem darstellt: pico y placa.

Pico wird die Rush-hour genannt und Placa ist das Nummernschild. Um nun den Verkehr auf den Haupteinfallrouten zwischen Quito und seinen Randbezirken etwas erträglicher zu gestalten, hat sich die Regierung ein System zur Steuerung des Verkehrsaufkommens einfallen lassen – pico y placa eben. Danach dürfen an bestimmten Tagen nur Fahrzeuge mit bestimmten Nummernschildern fahren. Ich habe mich darüber noch nicht weiter informiert, weil wir sowie nicht regelmäßig nach Quito fahren müssen. Das System ist aber ganz einfach: Beispielsweise dürfen Montags Fahrzeuge, deren Kennzeichen auf 1 und 2 enden, in der Zeit von 7:00 bis 10:30 Uhr nicht in die Stadt hineinfahren und auch nicht heraus. Dienstags sind dann die Fahrzeuge mit den Endnummern 3 und 4 dran usw. Wer sich nicht an die Regel hält und sich durch dringende Geschäfte veranlasst sieht, dennoch in die Stadt zu fahren, riskiert eine saftige Geldstrafe. Die Rede ist von zweihundert Dollar. Würden wir nun tatsächlich in Quito wohnen, müssten wir zumindest einmal pro Woche auf den Wagen verzichten und den Bus nehmen. Leute, die wohlhabend genug sind, lösen das Problem auf ihre Weise: Seit Einführung der Regelung sind die Verkaufszahlen für Autos gestiegen, denn wer es sich leisten kann, umgeht die strikte Regelung, indem er sich einfach einen Zweitwagen zulegt, dessen Kennzeichen auf einer anderen Ziffer endet. Ein Klassenkamerad meines Sohnes erzählte, dass seine Familie früher sieben Autos besessen hätte – für jeden Tag der Woche eines. Für uns scheidet diese Option aus naheliegenden Gründen aus: ich mag die Zahl Sieben nicht. Wir haben uns stattdessen entschieden, in Cumbayá zu bleiben.

Noch mehr Wohnungen in Cumbayá und Tumbaco

Alle nachfolgenden Besichtigungstermine fanden dann ausschließlich in Cumbayá und dessen Umgebung statt. Die erste Maklerin, mit der wir uns verabredeten, wollte uns eine Wohnung in einer bewachten Wohnanlage zeigen, doch mangels Akkreditierung wurde uns der Zutritt verwehrt. Der Wächter zeigte sich unnachgiebig. Die Maklerin telefonierte eine gefühlte Ewigkeit, um uns doch noch die Wohnung zeigen zu können, doch es nützte alles nichts. Wir waren umsonst gekommen. Die Frau sah ihre Provision davonschwimmen und versuchte uns noch einen zweiten Termin aufzudrängen, denn sie wollte sichergehen, dass wir ihr nicht entwischten, und so versprach sie, dass wir zu dem zweiten Termin ganz sicher Zugang zu der avisierten Wohnung erhalten würden. Doch an diesem Tag hatten wir noch weitere Besichtigungstermine mit anderen Maklern und deshalb machte meine Frau nur vage Versprechungen.

Die zweite Wohnung, die wir uns ansahen, gefiel uns von allen am besten. Der Makler, ein junger Mann, war leider verhindert und deshalb schickte er seine Mutter, um uns die Wohnung zu zeigen, was ich sehr süß fand. Die Wohnanlage liegt ein wenig außerhalb von Cumbayá, eigentlich auf halbem Wege zwischen Cumbayá und Quito. An der Autopista, die nach Quito führt, nimmt man eine Abzweigung und nach hundert Metern gelangt man an die mit einer Schranke gesicherte Pforte der Wohnanlage. Es gibt drei Zugänge: einen für Anwohner, einen zweiten für Besucher sowie einen dritten für Fußgänger. Zwischen den Schranken für die Ein- und Ausfahrt thront ein Wächterhaus, in dem sich die uniformierten Bewacher der Anlage immer zu mehreren aufhalten. Wer die Anlage als Besucher betreten möchte, muss sich, wie an fast allen solchen Checkpoints üblich, einer eingehenden Kontrolle unterziehen: man wird gefragt, wer die Person ist, die einen eingeladen hat; falls man eine Bestätigung erhält, muss man den Ausweis abgeben und dann erst darf man hinein.

Die Wohnung ist sehr schön und wir waren sofort begeistert. Merkwürdig ist, dass es zwar nur zwei Schlafzimmer, dafür aber drei Bäder gibt. Der Boden ist, wie hierzulande bei Wohnungen gehobenen Standards anscheinend üblich, mit Parkett ausgelegt, was den Räumen eine warme, ja geradezu anheimelnde Atmosphäre verleiht, aber auch jede Mengen zusätzliche Arbeit bedeutet. Die Vermieterin meinte, man müsste die Böden einmal im Monat mit einem Sud aus schwarzem Tee wischen und anschließend ein spezielles Wachs mit der Poliermaschine auftragen. Solange sie mir die Maschine zur Verfügung stellt, habe ich damit kein Problem, denn durch das Wachs ist das Parkett gut versiegelt und es bleibt dann auch ziemlich lange sauber. Der Schmutz perlt einfach ab und man muss nicht jedem Dreckfleck sofort mit dem Mob zu Leibe rücken. Die Vermieterin darf nur nicht erfahren, dass der Hund noch nicht stubenrein ist und frisch gewachstes Parkett ist so ziemlich das letzte, worum er sich schert. Am Morgen sind seine Häufchen nicht selten nach Art von Tretminen in der Wohnung verteilt und die Reinigung ist wirklich kein Vergnügen. Wenn dieser Hund etwas ganz hervorragend kann, dann ist es fressen, schlafen und kacken. Aber er ist lieb. Er würde keinem Einbrecher etwas zuleide tun. So ein lieber Hund!

Eigentlich hätten wir es nicht besser treffen können, zumal die neue Wohnung genauso viel kostet wie unsere alte, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sie rund um die Uhr von Wächtern beschützt wird, was bei unserer alten Unterkunft nicht der Fall war. Wir wollten uns aber nicht vorschnell entscheiden und uns deshalb erst noch die anderen Angebote ansehen. Vielleicht würden wir ja eine Überraschung erleben. Zum nächsten Termin kamen die Maklerinnen gleich im Doppelpack. Die Vermittlung von Wohnimmobilien scheint hierzulande eine echte Frauendomäne zu sein und so empfand ich es fast schon als Ausnahme, dass dann später zum Vertragsabschluss ein Makler auftauchte. Die beiden Vermittlerinnen fuhren uns zu einigen lohnenden Objekten, aber richtig zufrieden waren wir mit keiner der Wohnungen – zu teuer, überbewertet, abgewohnt, unattraktiv, keine Aussicht.

Die Maklerinnen fuhren uns bis nach Tumbaco – das ist die Nachbargemeinde Cumbayás weiter östlich –, aber auch hier fand sich keine Wohnung, die uns augenblicklich überzeugt hätte. Während wir kreuz und quer durch Tumbaco fuhren, erzählte die eine der Maklerinnen wahre Horrorgeschichten über diese Stadt (ich weiß nicht, ob sie schon von verkaufsfördernden Argumenten gehört hat): Danach sollen Kriminelle und Polizei den Ort in trauter Eintracht als eine Art Mafia beherrschen. So sei es völlig sinnlos, etwa nach einem Wohnungseinbruch oder einem Autodiebstahl Hilfe von der Polizei zu erwarten, denn die Gesetzeshüter steckten meist selber bis zum Hals im Sumpf des Verbrechens. Man merkt niemandem an, auf welcher Seite er steht, und so kommt man allmählich dahin, jedermann zu misstrauen, weil jeder einen bestehlen oder ausrauben könnte. Wenn meine Frau mir früher erzählte, dass man stets auf der Hut sein müsse und niemandem trauen könne, hatte ich dies für maßlose Übertreibung gehalten. Mittlerweile bin ich aber geneigt, ihr zu glauben. Es ist nur schade, dass man so Schritt für Schritt das Vertrauen in die Menschheit verliert, und ich fürchte, man wird es nie ganz zurückgewinnen, ganz gleich, wie freundlich oder hilfsbereit sich die Menschen einem gegenüber gezeigt haben mögen.

Man spricht Deutsch

Wir entschieden uns am Ende für die zweite Wohnung, die wir etwas außerhalb von Cumbayá, auf halbem Weg nach Quito gefunden hatten. Zum Vertragsabschluss kam auch der Makler – zum Besichtigungstermin hatte er seine Mutter geschickt, weil er verhindert war. Es war ein junger Mann von Anfang zwanzig, der so gut Deutsch sprach, dass ich ganz überrascht war. Ich fragte ihn, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrschte, und er erzählte mir, dass er die Deutsche Schule besucht und immer wieder in Deutschland geweilt hätte, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Sein Deutsch sei jetzt allerdings ein bisschen eingerostet, weil er lange nicht mehr in Deutschland gewesen sei. Berlin gefalle ihm außerordentlich gut und er meinte, er würde dort gern längere Zeit leben. Er hatte dort schon einmal drei Monate verbracht und einen Sprachkurs absolviert. Man merkte, dass ihm manchmal das eine oder andere deutsche Wort nicht mehr ganz geläufig war, aber dies wurde mehr als wettgemacht durch seine exzellente Aussprache. Spanischsprecher haben in der Regel das Problem, dass sie Sprachen wie Englisch oder auch Deutsch nur schwer korrekt artikulieren können, denn viele Laute in diesen Sprachen haben im Spanischen keine Entsprechung. Bei dem jungen Mann hatte man aber nicht den Eindruck, dass seine Muttersprache ein Handikap darstellte, denn sein Deutsch war fast so klar wie das eines deutschen Muttersprachlers.

Alte Probleme in Santa Inés

Die Wohnung, die wir gefunden haben, ist wirklich sehr schön, wenn auch ein wenig kleiner als unser erstes Heim. Ich wäre sehr gern in Santa Inés geblieben, denn ich mag die Gegend, aber leider hatte der Besitzer es nicht für nötig erachtet, die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen und also war es das Beste für uns alle, wenn wir die Anlage verließen. Am Tage unseres Auszugs nahm die Frau des Besitzers die Wohnung ab und wir übergaben ihr die Schlüssel. Sie erzählte meiner Frau, dass sie und ihr Mann einen Kredit aufgenommen hätten, um die Wohnungen finanzieren zu können. Fünfzehn Prozent Zinsen zahlt man hierzulande, ein Satz, den man getrost als Wucher bezeichnen darf. Ich glaube, da bekommt man es als Vermieter mit der Angst zu tun, wenn sich Mieter plötzlich verabschieden. Aber ein Schaden hätte für alle Seiten vermieden werden können, wenn der Besitzer von Anfang an mehr Geld in die Sicherheit investiert hätte. Am Ende rächt es sich eben immer, wenn man bloß auf Billig setzt und dabei das Beste hofft.

Neben einigen Mietparteien gibt es in der alten Wohnanlage auch noch Eigentümer. Etwas weiter von der Straße entfernt stehen zwei Häuser, welche verkauft wurden und die sich nun im Besitz der Bewohner befinden. Nach zwei Einbrüchen machen sich die frischgebackenen Eigentümer berechtigte Sorgen, dass auch ihre Häuser ausgeraubt werden könnten, zumal ein Einbruchversuch wegen der versteckten Lage viel unauffälliger vonstatten gehen könnte als in unserem Haus – man könnte sich mitten am Tag mit der Flex an den Türschlössern zu schaffen machen und niemand würde etwas davon bemerken, denn irgendwo wird immer gebaut und Baulärm ist fast ständig zu hören. Die hohen Mauern, die eigentlich ein unbefugtes Eindringen verhindern sollen, wären ein idealer Sichtschutz. Tage vor unserem Auszug hatten sich Handwerker an den Türen zu schaffen gemacht. Da wurde gehämmert, geschweißt, gebohrt und geflext, was das Zeug hält. Es hatte den Anschein, die Hauseigentümer ließen in aller Eile und natürlich auf eigene Kosten ihre Türen und Zäune nachrüsten, um gegen einen etwaigen Einbruchversuch gewappnet zu sein. Vielleicht war die hektische Betriebsamkeit geeignet, das Gewissen der Hausbesitzer zu beruhigen, aber ob ihr teures Hab und Gut nun wirklich sicherer ist, mag dahingestellt sein.

Abenteuer Straße

Unsere neue Wohnung ist etwas weiter vom Arbeitsplatz meiner Frau entfernt als die alte, aber in weniger als zwanzig Minuten schafft man es mit dem Auto selbst in dichtem Verkehr von Tür zu Tür. Das Fahren selbst stellt dabei eine nicht geringe Herausforderung dar, denn die hiesige Fahrweise ist keinesfalls mit den Gepflogenheiten auf deutschen Straßen vergleichbar. Man muss hier stets mit dem Unerwarteten rechnen. Viele Leute halten sich nur dann an die Verkehrsregeln, wenn es ihnen gerade in den Kram passt, und gegenseitige Rücksichtnahme ist ein nie gehörtes Fremdwort: Erst kürzlich fuhr ich auf einer Straße mit nur einer Fahrspur in jede Richtung. An einer Kreuzung hielt ich, weil der kreuzende Verkehr Vorfahrt hatte. Ich wollte geradeaus weiterfahren. Der Fahrer des Wagens hinter mir war der Meinung, er könnte, während ich noch wartete, schon einmal nach rechts abbiegen. Er fuhr aber nicht, wie man es erwarten würde, hinter mir vorbei, sondern zog links von mir auf die Gegenfahrbahn, überholte mich – ich stand noch immer an der Kreuzung – und lenkte dann direkt vor mir haarscharf nach rechts. Es war ein Wunder, dass ihn niemand rammte und auch ich hätte niemals damit gerechnet, dass jemand die Verwegenheit besitzen würde, von links zu überholen, um dann nach rechts abzubiegen. Er aber hatte noch die Chuzpe, empört zu hupen (warum eigentlich?) und mir einen verständnislosen Blick zuzuwerfen. Ich fürchte, die hiesige Fahrweise färbt in gefährlicher Weise auf mich ab. Ich bin zwar noch keine drei Monate hier, aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich abbiege ohne zu blinken oder einfach die Spur wechsle, wenn mir danach ist. Ich hoffe nur, ich kann mir diese unschönen Marotten in Berlin wieder abgewöhnen.

Bei einer anderen Gelegenheit war die rechte Fahrspur nicht nutzbar, weil man gerade neuen Asphalt auf die Straßendecke gezogen hatte. Der Fahrstreifen war deutlich sichtbar mit einer dichten Kette aus rot-weißen Kegeln gesperrt. Da für den Verkehr nur die linke Spur zur Verfügung stand, stauten sich dort die Fahrzeuge vor der Kreuzung. Bei einigen der Fahrer schienen beim Anblick der freien Spur sämtliche Sicherungen durchzubrennen: Als wären sie Formel-Eins-Piloten und als hätten sie von der Boxengasse das Go bekommen, zogen sie um die Kegel und bretterten mit aufheulenden Motoren über den frischen Asphalt. Ihre schweren Pickups gruben tiefe Spuren in die noch weiche Straßendecke. An manchen Tagen empfindet man mehr als an anderen, dass man nur ein Fremder in einer fremden Welt ist.

Eine andere Sache, die einen außerordentlich nerven kann, ist das ständige sinnlose Gehupe. Es gibt Situationen, da ist es notwendig zu hupen: Wenn man etwa auf einer Straße fährt, auf der die Vorfahrt nicht zweifelsfrei geregelt ist (eine klare Rechts-vor-links-Regel oder etwas ähnliches gibt es nicht), kann es sinnvoll sein, dem von der Nebenstraße einbiegenden Fahrzeug durch kurzes Hupen zu signalisieren, dass man weiterfahren werde und es gefälligst stehen bleiben solle. Oft fahren die Leute auch unaufmerksam und ein freundliches Hupsignal kann verhindern, dass jemand anderer einen beim Ausparken rammt. Oft aber setzt man die Hupe ohne Sinn und Verstand ein.

Zum Beispiel gibt es am Morgen auf der Strecke von Cumbayá nach Nayón, wo wir wohnen, oft Stau. Alles will zur Arbeit nach Quito, aber es gibt nur die eine Route und alles muss durch dieses Nadelöhr. Während man also im Stau steht, hört man immer wieder das nervige Gehupe hinter sich. Anscheinend glauben manche Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Fahrer des vorausfahrenden Fahrzeugs nur ausdauernd genug daran erinnerten weiterzufahren, würde sich der Stau schon auflösen. In solchen hartnäckigen Fällen von Realitätsverlust helfen eigentlich nur noch strengste erzieherische Maßnahmen und es gelüstet einen förmlich danach, die gute alte körperliche Züchtigung mal wieder in Anwendung zu bringen. Man möchte sie aus dem Auto zerren, ihr Gesicht mit der Faust bearbeiten, und zwar genauso ausdauernd wie sie sich haben einfallen lassen zu hupen, sie wieder hinter das Lenkrad setzen und ihnen einen schönen Tag wünschen. Ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte, gibt Mr. Eddy in „Lost Highway“ von David Lynch – einfach großartig und mit Sicherheit unübertroffen in seiner erzieherischen Wirkung, wenn ich auch anmerken möchte, dass ich Gewalt zutiefst verabscheue. Aber eine kleine Tagträumerei mag doch erlaubt sein!

Abschied von Santa Inés

Ich nehme Abschied von Santa Inés mit einem Gefühl der Wehmut, denn, wenn es auch gefährlich sein mag, hier zu wohnen, weil man ausgeraubt werden könnte, ist man doch mehrheitlich von ganz normalen Leuten umgeben, also von den Ecuadorianern, die nicht in den Hochglanz-Reiseprospekten auftauchen. Dies kann man von unserer neuen Wohngegend nicht behaupten. In Santa Inés grüßten mich die Taxifahrer – die übrigens auch alle in der Gegend wohnen – und immerhin galt ich ihnen als so vertrauenswürdig, dass mir einer von ihnen eine Fahrt auf Kredit gewährte. Ein Stück entfernt von unserem Haus gab es das ecuadorianische Pendant zum Tante-Emma-Laden. Das kleine Geschäft wurde von einem steinalten Ehepaar betrieben, und wenn man etwas kaufen wollte, dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis die Besitzer mit dem gewünschten Artikel zurückkamen, denn wegen ihres Alters bewegten sie sich quasi in Zeitlupe. Dabei hätten die Wege kaum kürzer sein können: Im vorderen Teil des Zimmers, den man durch ein Fenster mit einer Theke einsehen konnte, befand sich ihr kleiner Laden, und direkt dahinter, im selben Zimmer, nur durch ein Warenregel vor neugierigen Blicken geschützt, lag ihr Wohnzimmer mit der bequemen Fernsehcouch, von der aus sie die Telenovelas verfolgen konnten.

Die Besitzerin des Cyber-Shops um die Ecke wohnt mit ihrer Familie zu Fünfzehn (sic!) in einem Haus – Kinder, Eltern, Großeltern. Das Haus ist nicht schön und wer im reichen Westeuropa aufgewachsen ist und immer dort gelebt hat, umgeben vom Komfort und den Annehmlichkeiten der moderne Welt, würde hier sicher nicht gern wohnen wollen. Nur wenige haben Arbeit und sie sind es, die die ganze Familie ernähren. Man schlägt sich durch und hält sich zum Beispiel mit dem Verkauf von Essen gerade so über Wasser. Das sind anständige, nette und hilfsbereite Menschen, die verdient hätten, dass sie ein weniger von Sorgen beschwertes Leben führen könnten. Aber sie müssen sich den ganzen Tag abrackern und am Ende stehen sie dennoch mit leeren Händen da. Ein Taxifahrer kann nach einem Dreizehn-Stunden-Tag mit fünfzig Dollar Verdienst rechnen. Dafür lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen, aber eine Alternative gibt es nicht. Und während die Alteingesessenen täglich ums Überleben kämpfen, kaufen die Wohlhabenden ihnen das Land ab, um darauf Appartement-Häuser zu errichten, die sie dann teuer an andere Wohlhabende vermieten oder verkaufen. In Berlin würde man so etwas Gentrifizierung nennen, hier aber empfinden viele dies sogar als Fortschritt und sehen darin den natürlichen Lauf der Dinge. Man vergisst dabei nur allzu gern, dass es lediglich eine Minderheit ist, welche es sich leisten kann, in den schicken neuen Appartements zu wohnen.

Unser neues Heim

Wir wohnen jetzt im Ghetto der Reichen. Ich hätte mir nie träumen lassen, noch hätte ich es je gewünscht, hier zu leben. Die Straßen ziehen sich schnurgerade eine Anhöhe hinauf und beiderseits der sauber gefegten Bürgersteige bilden Einfamilienhäuser und edel aussehende Mehrgeschosser Spalier. Die Siedlung wird von der obligatorischen Mauer umgeben und man muss entweder Resident, von einem Residenten eingeladen oder Angestellter sein, um das Eingangstor passieren zu dürfen. Alles wirkt ein wenig steril, denn dies ist keine Stadt, die über die Zeit gewachsen ist. Ich glaube, das hier ist überhaupt keine Stadt, sondern nur eine große Ansammlung Häuser, die von einer unüberwindlichen Mauer beschützt werden (man fühlt sich manchmal ein wenig an die letzte Szene aus „I am Legend“ erinnert, als die Überlebenden in ein von stählernen Mauern beschütztes Refugium eingelassen werden). Alles wurde irgendwann einmal, sicher vor nicht allzu langer Zeit, von einem Architekten geplant und dann gebaut und da steht es nun. Es gibt hier keine Kinder und keine alten Leute, dafür aber schöne Blumenrabatten und sorgfältig in Form gebrachte Straßenbäume. Alles wirkt so gediegen, so perfekt – viel zu perfekt, um Teil eines Landes zu sein, in dem eigentlich nichts perfekt ist.

Ganz gleich, zu welcher Tageszeit man auf die Straße geht – nur selten trifft man Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, und wenn doch, kann man sicher sein, dass es sich um Angestellte handelt, um Gärtner, Haushälterinnen, Putzfrauen. Die Bürgersteige beleben sich immer am Morgen gegen Acht, wenn die Menschen den Berg hinauf ziehen, zu ihren Arbeitsstellen in den Häusern der Reichen, und gegen Vier, wenn der Strom der Passanten die umgekehrte Richtung nimmt und alles hinunter zum Tor wandert, um von dort den Bus nach Hause zu nehmen. Einmal sah ich einen fetten Mann auf einem Mountainbike unsere Straße hinauffahren. Die Leute hierzulande fahren Auto, als wären sie Teilnehmer der Trophy Paris-Dhakar, aber es gibt tatsächlich Menschen, die sich davon nicht abschrecken lassen und aufs Rad steigen – nicht aus einer Notwendigkeit heraus, etwa um zur Arbeitsstelle zu gelangen, sondern um sich fit zu halten oder einfach aus Spaß.

Man muss sich ehrlicherweise eingestehen, dass sich der Spaß angesichts der dichten Abgaswolken wohl eher in Grenzen hält. Ich fürchte, eine Stunde auf dem Rad und die verabreichte Schadstoffmenge entspricht ungefähr jener, die man mit einer Schachtel filterloser Marlboro inhalieren würde (nichts gegen Marlboro – mmh, lecker!). Wenn die Busse richtig Gas geben, quillt nicht selten eine schwarze Rußwolke aus dem Auspuff und man kann froh sein, wenn der Wind günstig steht und den Dreck in eine andere Richtung weht. Bei uns in der Siedlung fahren keine Busse und auch der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Straße führt steil bergan und der Mann auf dem Mountainbike schnaufte so bedenklich, dass ich fürchtete, er würde gleich einen Zusammenbruch erleiden. Seine neonbunte Bikerkleidung und sein Tropfenhelm waren ihm anscheinend keine große Hilfe. Ich glaube nicht, dass er ein Angestellter war, der zu seiner Arbeitsstelle radelte.

Apropos Bus: Neulich beobachtete ich, wie ein Mann, der aussah, als wäre er ein Gringo (helle Haut, Sonnenbrille, Wanderstiefel, Rucksack), einen Bus per Handzeichen zum Halten zu bringen versuchte. Das war vielleicht lustig! Kaum hatte der Busfahrer den Mann am Straßenrand erspäht, gab er Gas, als wäre dies die erste Regel in den Vorschriften für Berufsbusfahrer. Er fuhr einfach weiter – Bleifuß auf dem Gaspedal –, ohne sich auch nur einmal nach dem Fußgänger umzudrehen. Schwarze Abgasnebel hüllten den Mann ein, der mit seiner Sonnenbrille aussah wie ein postapokalyptischer Wanderer in einer Fallout-Wolke. Er schrie dem Fahrer seine Empörung entgegen und blickte dem davonrasenden Bus mit hilfloser Geste hinterher. Wahrscheinlich war er noch nicht lange im Land, denn wäre er es, hätte er gewusst, dass die Busse, die auf den längeren Routen zwischen den Städten verkehren, niemals außerhalb der Haltestellen stoppen, um Fahrgäste aufzunehmen. Er schien auch nicht zu wissen, dass, wenn er der Straße nur zweihundert Meter folgte, er zu einer Haltestelle käme, an welcher der nächste Bus schon in ein paar Minuten Halt machen würde. Ich kann mir nicht erklären, was Leute antreibt, ein Abenteuer zu suchen, bei dem sie nicht wissen, was sie erwartet, und die dann auch noch enttäuscht oder gar wütend sind, wenn die Welt nicht so funktioniert, wie sie es sich im stillen Kämmerlein vorgestellt haben.

Aber zurück zu unserer Wohnsiedlung in Nayón: Wer hier lebt, ist in der Regel im besten erwerbsfähigen Alter. Im Fahrstuhl begegnen einem Menschen, die aussehen, als wären sie erfolgreiche Anwälte oder Versicherungsvertreter; man sieht Gringos oder reiche Señoras im reiferen Alter, die mit ihren Bekannten darüber parlieren, dass sie die nächsten Monate in Barcelona zu verbringen gedenken. Und Barcelona ist kein Dorf in der Nähe, das man mal eben mit dem Auto erreichen könnte. Ich glaube, viele, die hier wohnen, unterhalten nur einen Zweitwohnsitz, denn am Wochenende wirkt die Siedlung wie ausgestorben. Von Montag bis Freitag sieht man zumindest Autos auf den Straßen – Einwohnern, die zu Fuß gehen, begegnet man dagegen so gut wie nie –, aber am Wochenende wirkt alles wie tot. Wahrscheinlich fahren alle zu ihren Familien, zu alten Leuten und Kindern, die in echten Städten wohnen.

Dem Makler gegenüber (er hatte uns die Wohnung vermittelt) bemerkte ich, die Siedlung wirke für meinen Geschmack doch sehr künstlich. Es gäbe keine Geschäfte, keine Cafés, keine Bars, keine Restaurants. Man sehe nicht einmal normale Leute auf den Straßen. Dies sei eine reine Schlafstadt, eine Retortensiedlung vom Reißbrett. Der Makler wollte meinem Argument nicht folgten. Ich glaube sogar, er verstand nicht einmal, worauf ich hinaus wollte. Wenn es um die eigene Wohnstatt geht, zählen für Ecuadorianer offenbar nur zwei Dinge: dass sie möglichst repräsentativ (d.h. teuer) ist und dass sie sicher ist. Von beidem hat diese Siedlung eindeutig zu viel.

Mitten durch die Siedlung führt eine öffentliche Straße und auf der anderen Seite der Straße befindet sich ein Park. Der Park gehört ebenfalls zur Siedlung und ist privat. Eine Fußgängerbrücke führt über die Straße, so dass die Einwohner der Siedlung nicht einen Fuß außerhalb ihrer geschützten Anlage setzen müssen, möchten sie in den Park. Die Straße wird von beiden Seiten durch hohe Zäune begrenzt, und das Gelände diesseits und jenseits der Straße, das ja privat ist, dürfen nur Befugte betreten, d.h. die Einwohner der Siedlung. Als mein Sohn und ich über die Brücke gehen, sehen wir Kinder auf der Straße, die neugierig in den Park schauen. Vielleicht würden sie gern dort spielen, aber die Spielplätze auf der anderen Seite des Zaunes sind für sie so unerreichbar wie die Rückseite des Mondes.

Im Park selbst findet man Basketball-, Fußball- und Tennisplätze, auf denen gutbetuchte Rentner sich gemächlich die Bälle hin und her schlagen. Alles wirkt gepflegt und sauber, wenn auch die monatelange brütende Hitze den Rasen hat verdorren lassen. Es gibt Toiletten und Duschen, damit man sich nach dem Sport schnell am Ort frisch machen kann. Sogar an die Bedürfnisse unserer vierbeinigen Freunde hat man gedacht: Im Park verteilt findet man Spender, denen Frauchen und Herrschen Tüten entnehmen können, mit denen sich die lästigen Häufchen hygienisch entsorgen lassen. Allerorten sieht man Menschen auf teuren Mountain-Bikes über die Rasenflächen jagen. Ein Vater radelt über die Wiese; seine zwei Söhne im Alter von etwa sechs sind ausgerüstet wie Profi-Motocross-Fahrer und folgen ihm auf Elektro-Motorrädern. Begrenzt wird der Park von einer Privatstraße, an der schmucke Einfamilienhäuser stehen. An ihrer rückwärtigen Seite befinden sich kleine Gärten und direkt dahinter erhebt sich die Mauer, welche die Safe-Zone des Reichtums von der Hot-Zone der Armut trennt.

Als wir endlich unser Auto ausgeliefert bekamen (Halleluja!), machte uns der Angestellte des Autohauses freundlich darauf aufmerksam, dass wir den Wagen möglichst nicht auf unbewachten Parkplätzen abstellen sollten. Sehr gern nehme man die Dachantenne mit, falls der Besitzer vergessen habe, sie abzuschrauben, und den silbernen Typen-Schriftzug breche man einfach heraus. Warum? Einfach so, als Souvenir. Weil jemand anderer ein Auto besitzt, während man selber keines hat. So einfach ist das. In unserer beschützten Siedlung muss man solchen Vandalismus natürlich nicht fürchten. Dafür sorgen Wächter am Eingang und Patrouillen auf den Straßen. Man kann selbst in stockfinsterer Nacht ohne Angst auf den Straßen spazieren gehen. Allerdings vermag ich mir gut vorzustellen, dass man zu nächtlicher Stunde, allein und auch noch zu Fuß, selber für einen Einbrecher gehalten werden könnte. Vielleicht bleibe ich lieber in der Wohnung, damit ich nicht noch versehentlich von einer Patrouille des Wachschutzes niedergeknüppelt werde.

Auf der Insel

Ich lebe zur Zeit auf einer Insel mit mir als dem einzigen Bewohner. Seit wir das Auto haben, komme ich so gut wie gar nicht mehr in Kontakt mit „normalen“ Ecuadorianern, einmal abgesehen von meiner Frau, die jedoch nicht zählt, da ich sie ja schon kenne. Ich schließe die Türen des Wagens und bin in meiner eigenen kleinen Welt eingeschlossen. Ich muss nie auf die Straße, es sei denn, ich fahre mit dem Auto einkaufen oder ich hole meinen Sohn von der Schule ab. Im Grunde zwingt mich nichts und niemand, mit irgendeinem anderen Menschen zu sprechen. Die Leute, die ich zufällig in der Wohnanlage treffe – etwa wenn ich auf den Fahrstuhl warte oder wenn ich den Müll runter bringe –, sind nicht gerade redselig. Die einzige, die das Gespräch sucht, ist unsere Vermieterin. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einfach drauf los redet und sich nicht darum schert, ob man nun verstanden hat, was sie sagt, oder nicht. Die Leute, die hier im Haus wohnen, kommen mir ein wenig distanziert vor, gar nicht so wie die Menschen in Santa Inés. „Guten Tag“ ist meist schon alles, was man zu hören bekommt, und häufig, wenn man grüßt, wird man einfach nur wortlos angestarrt. Ich vermisse Bahía. Die Menschen dort sind einfach freundlicher. Aber um dies festzustellen, braucht es nicht mich. Das sagen selbst die Ecuadorianer.

Es ist eine Tatsache, dass ich in Berlin fast mehr Spanisch gehört habe als hier. Das klingt absurd und ist wirklich paradox, aber in der Gegend, in der ich wohnte, waren die Straßenbahnen morgens voll mit geschwätzigen spanischen Touristen und auch in der U-Bahn traf ich am Abend auf dem Weg nach Hause oft auf ganze Horden feierwütiger Leute von der iberischen Halbinsel. Hier treffe ich niemanden, denn wenn man mit dem Auto fährt, ist man für sich. Und in unserem Haus, in der Wohnanlage, sieht man nur selten andere Menschen, denn wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto (nur Angestellte gehen zu Fuß).

Mir ist das Eigenartige meiner Situation durchaus klar: Um einmal einen Muttersprachler Spanisch sprechen zu hören, muss ich auf Youtube gehen, obwohl ich doch in einem Land lebe, in dem Spanisch Amtssprache ist und es im Prinzip niemanden gibt, der diese Sprache nicht spricht. Eigentlich begegnet man hier kaum jemals einem Menschen, der eine andere Sprache als Spanisch spricht. Das ist fast schon bizarr (ich glaube, ich habe eine gewisse Affinität zu diesem Wort). Vielleicht melde ich mich in einer Sprachschule an und belege einen Sprachkurs. Das wäre zumindest eine lohnenswerte Alternative. Ich fürchte nur, dort treffe ich all die Gringos, denen ich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Doch das ist dann wohl Bestimmung.

Zeit

In Ecuador gehen nicht nur die Uhren anders – hier ist einfach alles anders. Viele Dinge sind gut so wie sie sind; an manche Dinge muss man sich erst gewöhnen; an andere wird man sich nie gewöhnen (Siehe auch hier!).

Sehr gut gefällt mir der entspannte Lebensstil, den die Menschen hier pflegen. Ein Freund meines Schwagers (Jorge, genannt Jorgito) gab mir einmal einen Rat: In Ecuador funktioniere zwar nicht alles so reibungslos wie in Deutschland und auch könne man nicht erwarten, dass alles von Anfang bis Ende geregelt sei, aber dennoch kann man ein unbeschwertes Leben führen, wenn man die Dinge nur einfach auf sich zukommen lässt und abwartet. Man wird immer wieder Problemen begegnen, die einem zunächst unüberwindlich erscheinen. Aber man muss Ruhe bewahren, das ist das Allerwichtigste, und Geduld haben – am Ende regelt sich alles von selbst. Ganz falsch sei es zu versuchen, etwas zu erzwingen. Wenn man es schafft, Ruhe zu bewahren, kann man in Ecuador sehr gut und vor allem sehr entspannt leben, ohne Terminstress und ohne Alltagshektik.

Wie oft habe ich, wenn ich meinen Sohn morgens in Berlin zur Schule fuhr, Menschen hinter der Bahn her rennen sehen: Aktentasche unterm Arm und spurten, was das Zeug hält. Hier habe ich noch nie jemanden rennen sehen – weder nach dem Bus, noch zum Spaß. Selbst in Quito, der Hauptstadt, haben es die Leute nicht eilig. Eigentlich haben sie es niemals eilig, nirgendwo. Man nimmt sich für alles Zeit und vor allem braucht alles seine Zeit. Wenn man zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse ansteht, wundert man sich, wie lange es dauert, bis man endlich dran ist. Dabei sind 15 Kassen geöffnet und an allen stehen lange Schlangen. Die Ecuadorianer haben die sprichwörtliche Arschruhe, niemand würde sich darüber beschweren, dass es so lange dauert, und niemand regt sich darüber auf. Man hat Zeit.

Ich finde es ja schön, ohne Termine zu leben und ich genieße es, immer so viel Zeit zur Verfügung zu haben, wie ich eben brauche. Manch einer, der es von Deutschland her gewohnt ist, seinen Tag auf die Sekunde durchzutakten, hat da am Anfang Probleme. Man wird hierzulande kaum erleben, dass man Termine pünktlich wahrnimmt. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren doch einiges getan und die Leute sind nun in der Regel pünktlich, zumal wenn es sich um Geschäftstermine handelt. Im privaten Bereich nimmt man es mit der Zeit auch weiterhin nicht allzu genau. Auf Handwerker oder Möbellieferungen wartet man entweder bis zum Sanktnimmerleinstag oder aber ausgerechnet dann steht jemand vor der Tür, wenn man überhaupt nicht mehr damit rechnet. Und wenn die Leute tatsächlich einmal pünktlich kommen, ist man fast schon überrascht. Zeit ist in den Tropen ein viel dehnbarer Begriff als in Deutschland und man sollte sich beizeiten abgewöhnen, die Dinge zu streng zu sehen.

Was besonders ins Auge sticht, wenn man durch die Städte fährt, ist der Eindruck des Halbfertigen, des Provisorischen: Viele Gebäude sehen so aus, als seien sie nie fertig gebaut worden, als hätten die Bauleute einfach ihre Maschinen stehen lassen und wären von einem Tag auf den anderen abgezogen. So bleiben Häuser unverputzt, die oberen Etagen stehen auf Jahre hinaus als Bauruinen leer, aus den Dächern ragen die Stahlarmierungen, als hätte man vergessen, ein weiteres Stockwerk aufzuführen. Man weiß nicht, ob den Besitzern das Geld ausgegangen ist oder ob sie einfach keine Lust mehr haben weiterzubauen oder ob sie mit dem desolaten Zustand sogar zufrieden sind – wer weiß. Oft sieht es so aus, als störten sich die Bewohner gar nicht daran, dass ihr Heim wie eine Baustelle aussieht.

Dieselbe Einstellung kann man zuweilen auch in manchen Wohnungen beobachten. Alle meine Bekannten in Berlin haben stets Mühe und Sorgfalt darauf verwandt, die eigenen vier Wände möglichst wohnlich und gemütlich zu gestalten. Hierzulande kommt es gar nicht so selten vor, dass ein Schlafzimmer nur mit Bett, Schrank, Stuhl und Leuchtstoffröhre an der Decke eingerichtet ist. Ich empfinde eine solch spartanische Einrichtung als nicht sehr gemütlich, aber das ist ja auch nur meine Meinung und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Man muss vielleicht berücksichtigen, dass sich der Großteil des Lebens in der Öffentlichkeit abspielt und auch die Familie nimmt einen viel bedeutenderen Platz als in Deutschland ein. Demgegenüber treten solche trivialen Dinge wie eine schöne Wohnungseinrichtung in den Hintergrund. Außerdem gibt es hier keinen Winter, den man in einer mollig warmen und gemütlichen Wohnung zu überstehen hätte. Und manchmal ist eine schöne Wohnung auch eine Frage des Geldes: So mancher Gutbetuchte hierzulande gestaltet sein wie eine Festung gesichertes Anwesen mit exquisitem Interieur zu einem geschmackvollen und schönen Heim für seine Familie. Davon können Familien mit schmalerem Geldbeutel oft nur träumen.

Wohnen in Cumbayá

Wir verbringen unsere erste Nacht in unserem Heim in Cumbayá. Noch ist die Wohnung fast kahl – außer ein paar Matratzen gibt es keine Möbel – doch schon am nächsten Tag sollen Sofa, Waschmaschine und Barhocker für unsere Küche geliefert werden. Herd und Kühlschrank sind schon da und müssen nur noch angeschlossen werden. Noch gibt es keinen Fernsehen, kein Telefon und kein Internet, so dass man das Gefühl hat, man sei von der übrigen Welt abgeschnitten. Ich könnte in ein Internetcafé gehen, aber das Haus, in dem wir wohnen, liegt in einiger Entfernung zum Zentrum von Cumbayá. Ich müsste erst ein Taxi nehmen oder den Bus, der zwar regelmäßig, aber nur in großen Abständen fährt. Aber eigentlich habe ich keine Lust und bleibe deshalb zuhause.

Für den Abend ist eine Mieterversammlung anberaumt. Das einzige Thema ist die Sicherheit. Abgesehen von der Sprache, merkt man, dass man sich nicht in Deutschland befindet, unter anderem sofort daran, mit welchem emotionalen Engagement hier Themen diskutiert werden. Zwischen den etwa zehn Personen, die sich in dem kleinen Gemeinschaftsraum der Wohnanlage versammelt haben, entspinnt sich sogleich eine lebhafte Diskussion. Da fliegen die Fetzen und manche der Anwesenden sind hochgradig erregt. Das Thema ist brisant, denn die Kriminalitätsrate ist in Ecuador ungleich höher als in Deutschland. Jeder, der etwas besitzt, ist in Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden, und ein Haus wie dieses zu bewohnen, ist für nicht wenige Leute hierzulande der Beweis, dass man reich ist. Erst neulich, so erfährt man, seien Unbekannte in das Parkgeschoss eingedrungen und hätten versucht, ein Auto zu knacken. Die Bewohner der Anlage diskutieren geschlagene drei Stunden, ehe ihnen schließlich die Puste ausgeht.

Sicherheit ist ein großes Thema. Alle Wohnanlagen in der Umgegend – auch unsere – sind mit Mauern, Elektrozäunen, Warnmeldern, Scheinwerfern und allen nur denkbaren Einbruchsicherungen versehen. Und es gibt tatsächlich etwas zu holen: manche der Anwesen sind überaus luxuriös ausgestattet, mit englischem Rasen, Pools, Pavillons und Gärten. Die Häuser sind ein Traum, mal ganz schlicht im Bauhausstil, mal ausladend postmodern oder klassisch im spanischen Kolonialstil mit wunderschönen Ziegeldächern und Brunnen vor dem Eingangsportal. Von außen wird der Blick durch hohe Mauern abgeschirmt.

Von der Straße aus betrachtet, machen selbst die luxuriösesten Anwesen kaum Eindruck auf den Betrachter. Understatement ist Teil der Strategie. Lediglich die Länge der vier Meter hohen Mauern gibt einen Hinweis auf die Größe des Grundstücks, aber nur, wenn sich zufällig einmal die Pforten öffnen, wenn etwa das Dienstpersonal zum Einkaufen geschickt wird oder die Gärtner ihre Arbeit verrichtet haben, kann man einen Blick ins Innere erhaschen. Zusätzlich zu allem technischen Sicherungsaufwand ist am Tor oft noch ein Wächterhäuschen aufgestellt, von dem aus der Mitarbeiter einer Wachschutzfirma den Eingang kontrolliert. Manch einer zieht gleich in eine Guarded Community, eine Wohnanlage mit Wachschutz. Ein Freund unserer Familie besitzt ein Haus in einer solchen Anlage. Das Prozedere ist etwas umständlich, aber Sicherheit geht bekanntlich vor: Man kommt nur hinein, wenn man dort wohnt oder von einem der Residenten eingeladen wurde. Der Posten fragt nach dem Namen und ruft den Bewohner an und erst, wenn dieser seine Zustimmung gibt, darf man hinein. Es muss ein wirklich demütigendes Erlebnis sein, durch die Sprechanlage hindurch abgewiesen zu werden.

Nach der abendlichen Versammlung kam noch ein Mann vorbei, um sich die Mängel in unserer Wohnung anzusehen (einige Griffe sind locker). Ich dachte erst, unser Besucher sei der Hausmeister, aber dann erfuhr ich, dass es sich um den Besitzer der Wohnanlage handelte. Dem Anschein nach war er noch keine vierzig. Auf dem Grundstück stehen mehrere Häuser mit insgesamt vielleicht zehn oder zwölf Wohneinheiten. Manche der Apartments kann man mieten, andere wurden verkauft. Man hört, dass eine Wohneinheit 150.000 Dollar kostet – dafür bekommt man hier schon ein schmuckes Haus, das auch nicht zu klein ist. Trotz des für ecuadorianische Verhältnisse nicht gerade einladenden Preises sind alle Einheiten verkauft und auf den Grundstücken nebenan wird eifrig an weiteren Apartment-Häusern gebaut.

Unser Heim, unsere Möbel

Heute haben wir endlich den Vertrag für die Wohnung unterschrieben, die für die nächste Zeit der Mittelpunkt unseres Lebens sein wird. Das Haus hat drei Etagen. Es gab keinen Vormieter, alles ist nagelneu – an vielen Stellen sieht man noch die Bleistiftmarkierungen der Zimmerleute und Fliesenleger. Bis auf die Schränke und eine Spüle ist unser neues Heim so leer wie eine Ausnüchterungszelle der Nachtwache. Dadurch wirken die Räume noch größer als sie ohnehin schon sind. Es gibt einen Balkon, ein Gemeinschaftsgrundstück und eine Dachterrasse, die so riesig wie ein Tenniscourt ist. Ich habe gleich nachgefragt, ob man dort grillen dürfe – aber selbstverständlich, war die Antwort. Vorn blickt man auf einen Stadtteil von Cumbayá und die Berge. Ganz in der Nähe wird gerade ein neues Gebäude hochgezogen; die Maurer verputzen schon die Wände, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Baustelle vor unserer Haustür verschwunden ist. Hinter dem Haus gibt ein ein kleines Stückchen Land, auf dem eine Kuh friedlich grast.

Wir sind hier angekommen wie Flüchtlinge, wir besitzen nichts. Doch sind wir natürlich nicht wirklich mittellos, aber wir sind auch nicht so gut betucht, dass wir alle unsere Ausgaben aus der Portokasse bestreiten könnten. Und Ausgaben werden auf uns zukommen, so viel ist sicher. Alles ist unglaublich teuer, viel teurer als in Deutschland. Insbesondere die Anschaffung von Elektrogeräten bedeutet einen Schlag ins Kontor. Wer hier seit längerer Zeit lebt, konnte die Anschaffungen wenigstens nach und nach tätigen. Wir müssen alles auf einmal kaufen – Matratzen, Herd, Kühlschrank, Töpfe, Pfannen, Besteck, Tisch, Stühle und all die anderen Dinge, die man als zivilisierter Mensch braucht. Wir haben schon mal Matratzen gekauft, die dann im Laufe der Woche geliefert werden. Der Kauf selbst war eine Qual, denn meine Frau konnte sich nicht entscheiden, ob sie lieber die etwas härtere oder die etwas weichere Variante haben möchte. Dann versuchte uns der Verkäufer auch noch das teurere Modell anzudrehen. Schließlich aber war der Kauf perfekt und alle waren zwar erschöpft, doch glücklich. Wir besorgten noch Kissen und Decken, denn zwar liegt Cumbayá – so heißt der Ort, an dem wir wohnen werden – um einiges tiefer als Quito, dennoch sind die Nächte ziemlich kalt und eine kuschelige Decke braucht man auf jeden Fall.

Wir kamen nicht umhin, auf unserer Einkaufsodyssee das Quicentro, eine der größten Malls der Stadt, zu besuchen. Für mich sehen alle Malls gleich aus – man hätte sich auch in irgendeinem Shoppingzentrum in Dallas, New York, London oder Berlin befinden können. Meinem Gefühl nach ist das Quicentro deutlich größer als etwa das Alexa oder die Mall of Berlin, was aber einfach nur am Grad meiner geistigen und körperlichen Erschöpfung gelegen haben mag. Alle großen internationalen Marken sind vertreten – nichts Besonderes also. Der Aufenthalt in dieser Mall wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte ich nicht nach endlosen, schmerzhaft empfundenen Stunden der Suche nach dem Goldenen Vlies auf die Toilette gemusst – unglaublich, was man dort zu sehen bekommt: Die Türen der Toilettenkabinen bestehen aus Glas und sind halbdurchsichtig. Zwar kann man von draußen nicht hineinsehen (wer möchte schon wissen, was dort vor sich geht!), von innen kann man aber sehr wohl alles sehen, was sich vor der Tür abspielt. Es ist schon merkwürdig, auf dem Klo zu sitzen und das Gefühl zu haben, die Kloschüssel stünde mitten im Raum und alle laufen an einem vorbei, ohne Notiz zu nehmen.

Das ist aber noch nicht alles, was die Sanitäreinrichtungen der Mall an Attraktionen zu bieten haben! Auf der anderen Seite befinden sie die Batterien mit den Pissoirs, ungefähr zwölf in einer Reihe, und über jedem einzelnen hängt tatsächlich ein Bildschirm. Man sieht weiße Federwolken über einen azurblauen Himmel treiben. Das hat etwas sehr Beruhigendes; man fühlt sich augenblicklich entspannt und man wird von dem unwiderstehlichen Verlangen gepackt, es einfach ungehemmt fließen zu lassen. Jedem, der das sieht, wird augenblicklich klar: So viel Fortschritt braucht die Menschheit!

Zuvor statteten wir einem Möbelhaus, das uns empfohlen worden war, einen Überraschungsbesuch ab. Wir hatten keinen bestimmten Vorsatz, etwas zu kaufen, aber schon als wir durch die Tür kamen, stach uns ein Sofa förmlich ins Auge und der Entschluss war bereits gefasst, ohne dass wir darüber noch einmal nachdenken mussten. Unsere neue Wohnung ist noch vollkommen leer, aber sitzen möchte man ja schon dann und wann. Das Geschäft mit dem Namen Colineal ist in der besten Einkaufsstraße Quitos angesiedelte und bietet auf drei Etagen edle Möbel und Accessoirs für den Mann oder die Frau mit Stil. Das Colineal ist ein Möbelgeschäft ganz anderer Art als jenes, das wir einige Tage zuvor besucht hatten (Möbel bis zur Wellblechdecke, Träger hasten ameisenhaft durch die Klüfte zwischen den Möbelbergen). Was man sieht, ist teuer, aber dafür von höchster Qualität. Selbst die Dekorationen sind echt: Auf dem Tisch und im Regal der Ausstellung standen drei Flaschen Heineken. Als ich eine nahm, merkte ich, dass es echte Flaschen waren. Das Bier hätte man trinken können, wäre es nur nicht so warm gewesen.

Offenbar legt das Unternehmen großen Wert auf sein Image und so findet man unter den Angestellten, die mit dem Verkauf befasst sind, keine Männer, nur Frauen. Die meisten sehen sehr gut aus (muss wohl irgendeines der vielen Einstellungskriterien sein) und ihre Anziehungskraft wird noch gesteigert durch das sehr geschmackvolle und vor allem figurbetonende rote Kleid, das sie tragen – eine Art Firmenuniform. Ihr Arbeitsvertrag scheint ihnen ebenfalls das Tragen hoher Schuhe vorzuschreiben, denn ich sah keine, die nicht auf wenigstens fingerlangen Absätzen durch den Laden paradierte. Die Angestellten wirkten alles anderes als Verkäuferinnen, man hätte vielmehr meinen können, sie seien Hostessen einer edlen Hotelkette. Als ich dies sah, musste ich unwillkürlich an Ikea mit seinen Cargohosen und gelben T-Shirts denken. Ich hätte stundenlang in den Polstern sitzen und ihnen bei der Arbeit zusehen können.

Auf Wohnungssuche in Cumbayá

Schon am Tag nach unserer Ankunft begeben wir uns auf Wohnungssuche. Meine Frau hat Termine mit den örtlichen Maklern vereinbart, denn wir wollen uns gern einmal anschauen, wo man vielleicht wohnen könnte. Vor allem aber brennen wir natürlich darauf zu erfahren, wie viel der Spaß denn kostet. Die Maklerin hat ihre zwei Kinder (etwa fünf und neun Jahre) mitgebracht. Sie ist überaus freundlich und charmant und spricht meine Frau, wie es hierzulande üblich scheint, gleich mit dem Vornamen an. Mein Spanisch ist zu schlecht, um mitreden zu können. Ich höre nur zu, schaue mich um und denke mir meinen Teil. Man kann ja auch eine Meinung haben, ohne sie andauernd kundzutun.

Die erste Wohnung, die sie uns die Maklerin präsentiert, ist ein Traum: drei große helle Zimmer, zwei Bäder, Dachterrasse, Parkplatz im Erdgeschoss im eigenen Haus. Alles sieht nagelneu aus, wahrscheinlich sind wir die ersten, die sich das Objekt überhaupt anschauen dürfen. Mit uns zusammen besichtigen einige junge Leute aus Quitos Oberschicht das Objekt. Sie sehen sich gelangweilt um, beeindruckt scheinen sie nicht – wir aber sind es dafür umso mehr.

Die Wohnumgebung wirkt wie eine mediterrane Feriensiedlung gehobenen Standards – rundherum schöne neue Häuser in strahlendem Weiß; aus den Vorgärten wachsen Palmen, die Straßen sind ordentlich, die schicken neuen Autos adrett am Bordstein geparkt. Der Ausblick vom Wohnzimmer aus ist herrlich. Das Haus ist in einen Hang gebaut und so hat man freie Sicht. Der Bick geht über die anderen Häuser hinweg in ein grünes Tal, in dem sich die Siedlung allmählich verliert, Hohe Berge, an deren Flanken das Grün in die Höhe wächst, schließen die Talsenke ein. An den Hängen treiben Wolken gemächlich vorrüber.

Solch ein Traum hat natürlich auch seinen Preis – achthundert Dollar will die Maklerin dafür pro Monat. Wir wollen es uns überlegen. Sie merkt, dass wir zögern und bietet uns darum noch eine zweite Wohnung eine Etage tiefer an. Die Wohnung ist ebenso schön und neu wie die erste, nur deutlich kleiner. Dafür würde sie auch etwas weniger kosten. Die Wohnung gefällt uns sehr, doch sie hat einen gravierenden, ganz entscheidenden Makel: jeder Ausblick ist durch Betonwände verstellt. Nirgendwo hat man freie Sicht – sei es, dass ein Haus direkt davor steht, sei es, dass man in den nur schmalen Innenhof schaut. Schon nach kurzer Zeit kommt man sich vor wie in einem Gefängnis. Wir glauben, die Wohnung werde nur deshalb so preiswert angeboten, weil sie keiner haben will. Wir geben der Maklerin unsere Nummer. Wir wollen unbedingt in Kontakt bleiben, aber wir müssen uns die Sache erst einmal überlegen, denn schließlich geht der übliche Mietvertrag über einen Zeitraum von einem Jahr und die Kaution in Höhe von zwei Monatsmieten wird einbehalten, wenn man den Vertrag früher löst. Die Maklerin hat Verständnis für unsere Bedenken.

Am selben Tag haben wir noch einen zweiten Termin. Die Wohnung ist relativ klein und durchaus erschwinglich, aber der Grundriss behagt uns gar nicht. Eigentlich handelt es sich nur um einen langen, schmalen Gang, von dem ausschließlich auf einer Seite sämtliche Zimmer, die Küche und das Bad abgehen. Man kommt sich vor wie in einem Zellentrakt. Wir verwerfen das Angebot augenblicklich.

Die Wohnungen, die wir uns anschauen, befinden sich alle in Cumbayá. Cumbayá ist eigentlich nur eine östliche Vorstadt von Quito und bis vor ein paar Jahren wäre wahrscheinlich auch niemand auf die Idee gekommen, sich dort anzusiedeln. Doch Quito liegt in einem Tal und wird von allen Seiten von Bergen umschlossen. So gibt es wenig Platz zum Wachsen. In den letzten Jahren hat sich die Mittel- und Oberschicht nach neuen Möglichkeiten umgesehen, Grundbesitz zu erwerben. In Cumbayá ist sie fündig geworden, denn die kleine Siedlung hat alles, was es braucht: Sie liegt nur wenige Kilometer außerhalb Quitos und man kann hier relativ ruhig und geschützt wohnen und doch jeden Tag zur Arbeit nach Quito pendeln. Mittlerweile gibt es moderne Straßen, die es erlauben, in kürzester Zeit nach Quito und wieder zurück zu fahren.

Die Grundstückspreise waren anfangs noch niedrig, aber dann gab es einen regelrechten Run, so dass die Bodenpreise bald förmlich durch die Decke schossen. Reiche Ausländer heizten den Boom noch zusätzlich an. Heute hat Cumbayá eine Infrastruktur, die der Quitos in nichts nachsteht. Es gibt einfach alles. Wer aber dort leben und all diese Annehmlichkeiten genießen möchte, muss auch dass nötige Kleingeld mitbringen, denn die Preise haben teilweise astronomische Dimensionen erreicht, und nicht nur mir kommt es so vor, als kostete hier vieles sogar mehr als etwa in Europa oder in den USA.

Wir wissen noch nicht, ob wir eine der Wohnungen nehmen werden. Klug wäre es, noch weitere Angebote einzuholen. Wir möchten schon in Cumbayá leben, weil unser Sohn die Deutsche Schule besuchen wird, die sich ebenfalls dort befindet. Bei einer Anreise aus Quito muss man am Morgen unter Umständen lange Anfahrtzeiten in Kauf nehmen.