Wolkenmeer und Sterne

Wir haben Riobamba noch nicht erreicht, da nähert sich der Tag mit rasender Geschwindigkeit seinem Ende. In den Tropen sind die Abende nie lang. Pünktlich um sechs Uhr oder nur wenig später verschluckt der Horizont die Sonne mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe. Fast schlagartig wird es dunkel – keine lange Dämmerung, keine Stunde des Zwielichts. Der Sonnenuntergang vollzieht sich wie im Zeitraffer und dann bricht mit einem Mal die Nacht herein. Aber schon zwölf Stunden später, und zwar pünktlich um sechs Uhr Morgens, erscheint die Sonne ebenso plötzlich wie sie verschwunden ist – als hätte jemand den großen Schalter betätigt, um mal eben das Licht zu löschen.

In den Tälern hängen die Wolken wie über einer verzauberten Märchenlandschaft. Zwischen den Bergketten wogt ein apfelblütenweißer Ozean, die Bewegung erstarrt in wilder Pose. Die Wolken liegen über dem Tal wie eine Decke aus Zuckerwatte. Die Sonne hängt als gleißende Fackel am Himmel, nur eine Handbreit davon entfernt, den Weltenbrand zu entfachen. Das Vlies aus Wolken ist undurchdringlich wie dicker Filz und der Betrachter vermag der verborgenen Welt darunter nicht das kleinste ihrer Geheimnisse zu entreißen.

Wir stehen vor diesem Naturwunder mit angehaltenem Atem, staunend, genießen das Schauspiel und machen Fotos. Obwohl die Panamericana eine vielbefahrene Route ist, sind wir allein. Hierzulande würde sich niemand die Mühe machen, irgendwo zu halten, etwa um Zeuge eines traumhaften Sonnenuntergangs zu werden. Die Leute begeben sich auf Reisen mit dem ausschließlichen Wunsch, ihr Ziel möglichst schnell zu erreichen. Niemand reist um des Reisens willen und außerdem gibt es noch so viele Sonnenuntergänge.

Kurz vor Riobamba lässt uns Google-Maps, unser treuer Führer in allen Lebenslagen, im Stich. Die Internetverbindung ist so schwach, dass sich kaum einmal eine Seite vollständig aufbaut, und alle paar Minuten landen wir in einem Funkloch. Wie üblich hat man wieder einmal die Ausschilderung „vergessen“ und so ist es ein Wunder, dass wir trotzdem den Weg zum Hotel finden.

Die Dunkelheit ist mittlerweile so vollständig, wie man sie in Berlin nie erleben würde: Wenn man in die Schwärze starrt, könnte man glauben, man sei plötzlich erblindet. Nur der Sternenhimmel spendet sein fahles, kaltes Licht. Das Firmament ist so dicht mit Sternen gesprenkelt, dass man meint, das ganze gewaltige Universum scheine auf einen herab. Wir würden gern halten, um uns bis in die Seele von diesem Anblick erschüttern zu lassen, aber wir finden nirgendwo einen Parkplatz. Und auf der Straße würde uns jeder Laster plattmachen wie leichtsinnige Rehkitze.

In Riobamba, einer Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und ohne Anziehungskraft, finden wir das Hotel, in dem wir die Nacht verbringen, und ein Restaurant, in dem wir zu Abend essen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, an dem wir zum Chimborazo aufbrechen werden. Doch dieser Tag hat uns bis ins Innerste erschöpft. Während der Wagen auf dem hoteleigenen Parkplatz sicher vor Dieben hinter massiven Gittern verschlossen wird, liegen wir schwer vor Müdigkeit in unseren Betten, niedergestreckt von Strapazen geradezu Humboldtschen Ausmaßes. Wir träumen von Wolkentälern und einem funkelnden Kaleidoskop aus Sternen, in deren kaltem Strahlen sich ein ganzes Universum offenbart. Am nächsten Tag wird uns Humboldt in eisige Höhen führen.

An der Laguna de Limpiopungo

Am Fuße des Vulkans liegt ein stiller See, die Laguna de Limpopungo. Das heißt, still ist es, wenn sich nicht gerade Massen von lärmenden Touristen am Ufer der Lagune aufhalten. Das flache Gewässer mit dem kristallklaren, aber eiskalten Wasser liegt wie ein glänzendes Juwel in der kargen Hochgebirgslandschaft. Schilf säumt die Ufer, die Bärte an den Halmen flattern im Wind wie Wimpel. Rallen paddeln geschäftig über die ruhige Oberfläche des Gewässers. Ein hölzerner Steg führt zum Ufer und es gibt kleine Pavillons, von denen aus man die schweigende Landschaft genießen kann. Wer will, mag dem Wanderweg halb um den See herum folgen, doch nur wenige suchten an diesem Tag das Vergnügen und begaben sich auf den schlammigen Pfad.

Zwischen See und Berg liegt ein großer Parkplatz, auf dem sich die Fahrzeuge der Parkbesucher sammelten. Mehr als zwei Dutzend mochten sich eingefunden haben. Die Leute liefen ein paar oder ein paar Hundert Meter am Seeufer entlang, bewunderten den Berg und schossen Fotos mit dem Handy. Viele versuchten, Selfies mit dem Cotopaxi im Hintergrund einzufangen, aber da der Vulkan an diesem Tag ständig in dichte Wolkenschleier gehüllt war, wird man auf den Aufnahmen wohl nicht viel erkennen. Querfeldein durch den Páramo zu laufen, ist natürlich strikt verboten, aber in einigen ging dann doch der Abenteurer durch und man stapfte fröhlich durch die empfindliche alpine Flora. Viele hatten sich in wattierte Anoraks oder in Ponchos gehüllt, denn ein eisiger Wind strich über die weite karge Grasebene am Fuße des Vulkans und selbst als Mitteleuropäer, als der man eigentlich an Kälte gewöhnt sein sollte, begann man zu frösteln.

Wir warteten geduldig am Rande des Parkplatzes, dass sich die Wolken einmal teilten und man einen Blick auf den Gipfel erhaschen könnte. Als wir uns auf Deutsch unterhielten, schaltete sich ein anderer Besucher in unser Gespräch ein und riet uns – ebenfalls auf Deutsch – zu ein wenig Geduld. Meine Frau fragte ihn natürlich sofort, wie es käme, dass er die Sprache so gut beherrsche und der Mann erklärte in einem sehr distinguierten Deutsch, er habe in Deutschland studiert. Leider konnten wir das Gespräch nicht fortsetzen, denn eben traf seine Familie ein und die Enkel fielen ihm wie kleine Wilde um den Hals und er war fürs Erste beschäftigt. Außerdem hob sich just in diesem Augenblick der Wolkenschleier und gab in nur wenigen Sekunden den Blick auf die Eisfelder unterhalb des Gipfels frei.

Der Anblick ist unbeschreiblich, und einmal mehr wird dem Beobachter bewusst, dass es eine besondere Gunst sein muss, die ihm Einblick in diese ganz und gar fremde Welt gewährt. Sofort richtete ich das Teleobjektiv auf das grandiose Spektakel, aber nach wenigen Augenblicken war es schon wieder vorbei. Wolkenschleier, dick wie Milchsuppe, zogen vor den Berg und nahmen jede Sicht. Es dauerte fast zwanzig Minuten, ehe sich die Wolken wieder öffneten und wenigstens für Sekunden einen Blick auf die Gletscher freigaben. Der eisige Wind strich derweil über die weite kahle Ebene und nachdem ich so lange auf meine Chance gewartet hatte, war ich ganz durchgefroren. Ich beneidete jene Parkbesucher, die sich in dicke Wattejacken gehüllt hatten, aber noch vor kurzem wäre es mir lächerlich erschienen, sich auszustaffieren wie zu einem Trip in die Antarktis, wenn man doch bloß einen Berg am Äquator besuchen wollte.

Unterhalb der Eisabhänge des Gletschers steht die alpine Schutzhütte „José Rivas“. Sie ist der gemeinsame Anlaufpunkt sämtlicher Gipfelexpeditionen und der letzte Außenposten der Zivilisation vor dem ewigen Eis. Von der Laguna aus kann man die Hütte sehr gut sehen, denn ihre karmesinroten Dachschindeln heben sich gut von den dunkleren Schotterflächen ab. Direkt an der Eiskante wirkt das Gestein rötlich, doch nur wenige Hundert Meter tiefer sitzen weite Schotterfächer auf den Hängen. Das lose Geröll ist schwarz wie Hochofenschlacke und man hat den Eindruck, die Knechte des Hephaistos hätten es aus vollen Eimern den Hang hinuntergekippt.

Eine Gletscherzunge streckt sich nach der Schutzhütte als wollte sie an den roten Dachschindeln lecken. Vor der hellgrauen Firnfläche wirkt die Berghütte winzig wie eine Streichholzschachtel neben einem Eisbärfell. Ich habe gehört, manchmal herrsche unter den Gipfelaspiranten so großer Andrang, dass nicht genug Betten für alle vorhanden sind und schon so mancher weitgereiste Alpinist musste die Nacht vor dem Aufstieg auf dem Boden verbringen.

Gerne hätten wir einen kurzen Blick auf den schneebedeckten Gipfel erhascht, aber am Ende nützte auch alle Geduld nichts – der Vulkanriese wollte sein schneebedecktes Haupt an diesem Tag nicht zeigen. Es war fast, als wäre unter den schützenden Schleiern der Wolken ein Geheimnis verborgen, das nur selten enthüllt werden darf, soll es nicht seine magische Kraft einbüßen.

Gipfel, Gletscher und Gefahren

Wenn man „Vulkan“ hört, gaukelt einem die Einbildungskraft vor, man hätte es mit einem feuerspeienden Bergriesen irgendwo im unzugänglichen Urwald oder auf einer Insel in den entferntesten Regionen des Ozeans zu tun. Doch dieser Berg liegt in Sichtweite der vielbefahrenen Panamericana und Straßen führen direkt bis an seinen Fuß. Und wenn man will, und wenn nicht gerade Ausbruch-Warnstufe „Gelb“ ausgerufen ist, kann man der Straße auch noch ein ganzes Stück weit bergauf folgen, bis auf 4.600 Meter. Nur zweihundert Meter höher, knapp unterhalb der schroffen Eiszungen des Gipfelgletschers, liegt die alpine Schutzhütte „José Rivas“ wie ein roter Ziegelstein auf der schwarzen Felsflanke des Vulkans.

Doch an diesem Tag war die Straße, die zum Gletscher hinaufführt, leider gesperrt. Ein junger Parkranger bewachte den Abzweig, denn die Unvernunft ist in diesem Land so allgemein, dass man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen muss, einige der Parkbesucher würden die Schranke, die den Weg sperrte, geradezu als Aufforderung verstehen. Der Vulkan könne jederzeit ausbrechen, meinte der Parkranger, und wenn man sich zufällig dort oben aufhalte, sei man verloren. Wir überredeten ihn, ein Bild von uns zu machen, mit dem Vulkan im Hintergrund. Er schien nicht unglücklich über die Abwechslung, denn den ganzen Tag allein in der Landschaft herumzustehen und Posten zu schieben, um uneinsichtigen Möchtegern-Abenteurern die nur allzu offensichtlichen Gründe auseinanderzusetzen, warum sie nicht zur Schutzhütte hinauffahren dürften, gehört vielleicht nicht zu den Dingen, von denen man als Berufsanfänger immer geträumt hat.

Der Cotopaxi gilt unter Geologen als typischer Stratovulkan, also als Schichtvulkan, bei dem jeder neue Ausbruch eine weitere Decke Asche, Geröll und Lava über die Ablagerungen älterer Ausbrüche legt. Der Berg wird so mit jeder Eruption immer größer und seine regelmäßige Kegelform ist der Tatsache zu verdanken, dass Auswurfmaterial gleichmäßig auf die Hänge verteilt wird. Nach allgemeiner Vorstellung ist der Cotopaxi so etwas wie der Prototyp eines Vulkans und wenn man Kinder einen Feuerberg malen ließe, sähe das Ergebnis wahrscheinlich aus wie der Cotopaxi.

Der Vulkan erhebt sich fast unvermittelt aus der flachen Ebene, wodurch er noch viel beeindruckender wirkt als er ohnehin schon ist. Er hat keine Rivalen, mit denen er sich den Himmel teilen müsste, und so weit das Auge reicht, ist er der solitäre Herrscher dieser kalten stillen Welt. Seine Flanken steigen steil, aber fast gerade an und seine massive Silhouette verjüngt sich kegelförmig zur Spitze hin. Firnfelder und Gletscher krönen den Gipfel – ein wahrhaft majestätischer Anblick.

Und da standen wir also vor dem gewaltigen Vulkankegel und sahen – so gut wie nichts. Der Parkranger, der an der Kreuzung Wache hielt, erklärte uns, dass der Bergriese sich fast immer in Wolken hülle, die meiste Zeit des Jahres. Nur sehr selten klare es einmal auf und nur dann könne man den schneebedeckten Gipfel in seiner ganzen Pracht bewundern. Die Postkarten mit einem Cotopaxi vor strahlend blauem Himmel, die der Tourist gerne kauft, um sie in alle Welt zu versenden als Beweis, dass er tatsächlich den „gefahrvollen“ Aufstieg zum Vulkan gewagt hat, sind in diesen seltenen Augenblicken entstanden. Wahrscheinlich musste der Fotograf viele Tage warten, ehe ihm die Aufnahme glückte.

Am Krater

Am vorletzten Wochenende juckte es uns wieder einmal in den Beinen und wir wollten die freien Tage nicht verstreichen lassen, ohne etwas von welterschütternder Bedeutung vollbracht zu haben. Obwohl ich sonst wenig Veranlassung habe, mich von unseren mehr oder weniger einstimmig gefassten Kollektivbeschlüssen auszunehmen, verspürte ich eigentlich nicht viel Lust auf einen Trip in die Umgebung der Stadt. Doch meine Frau schien wieder einmal von Unrast getrieben und ihr die Idee auszureden, schien so sinnlos wie jemanden mit Restless-leg-Syndrom den Rat zu erteilen, er müsse, um schlafen zu können, doch einfach nur die Füße stillhalten.

Man hätte ja auch einmal zuhause bleiben und einen Brettspielabend mit Monopoly oder den Siedlern von Katan veranstalten können; man hätte es sich auf der Couch bequem machen und sich bei Pizza, Eis und Popcorn dem cineastischen Overkill mit allen drei Folgen von „Der Pate“ hingeben können (raubkopierte DVDs kann man hier allerorten für zwei oder drei Dollar kaufen). Als Großstadtmensch aus Überzeugung und Bestimmung bin ich eher fürs Bequeme und ich kann nur im Ausnahmefall einen triftigen Grund darin entdecken, ferne Orte zu besuchen, wenn man es sich in den eigenen vier Wänden gemütlich machen kann.

Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als den Sonntag einmal in Ruhe und Frieden zuhause zu verbringen – schließlich hat man in der Woche genug Stress –, aber meine Frau meint, da wir schon einmal hier im Lande seien, wäre es eine Dummheit, wenn wir nicht auch einige seiner Sehenswürdigkeiten besuchten. Sie wird nicht müde, diese Weisheit nach Art eines Ceterum censeo wieder und wieder von sich zu geben, noch bevor ich überhaupt den leisesten Einspruch erheben kann, ja, bevor ich überhaupt widersprechen möchte, denn es kommt ja durchaus vor, dass wir einmal einer Meinung sind. Außerdem, so meint sie, käme die Gelegenheit vielleicht nie wieder. Das ist wohl wahr und damit hat sie ausnahmsweise einmal Recht.

Als wir vor einigen Wochen die Mitte der Welt (Mitad del Mundo) besuchten, hörten wir zufällig von einer Tour zu einem spektakulären Vulkankrater. Ich hatte von diesem Besuch nicht eigens berichtet, weil der Trip zur Mitad del Mundo ohnehin zum Standard-Repertoire jeder Ecuadorreise gehört wie die Pusteln zu den Windpocken. Nichtsdestotrotz habe ich es mir nicht versagen können, ein paar Bilder auf diese Seite zu stellen – nur für den Fall, dass man mir vorwirft, ich hätte diese touristische Sensation absichtlich ausgelassen. Auf einem der Bilder sieht man mich sogar in der typischen Pose des Touristen, der stolz wie ein Weltbezwinger mit jedem Fuß auf einer Hemisphäre steht (weitere Bilder von der Mitte der Welt befinden sich in der Galerie).

Auf dem Areal der Mitad del Mundo haben sich einige kleinere Reiseagenturen angesiedelt; sie bieten vor allem Kurztrips zu den Sehenswürdigkeiten in der Umgebung der Stadt an. Die Bilder am Büro eines dieser Reiseveranstalter waren von solcher Imaginationskraft, dass wir spontan beschlossen, an einem anderen Tag wiederzukommen, um eine Tour zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros empfahl uns, die Eintrittskarte für die Mitad del Mundo sowie die Banderole, die man ums Handgelenk geklebt bekommt, aufzuheben, denn andernfalls müssten wir das nächste Mal noch einmal Eintritt bezahlen. Ich sollte die Banderole nach Möglichkeit so entfernen, dass sie nicht reißt, was eine nicht geringe Herausforderung darstellte, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, den Türsteher seines Lieblingsklubs mit einem wiederverwendeten Armband auszutricksen. Den Rest des Abends war ich dann auch damit beschäftigt, die Banderole mit äußerster Akribie von meinem Handgelenk zu pulen.

Die Tour zum Krater Pululahua, so der Name der Örtlichkeit, nimmt ihren Ausgang auf dem Areal der Mitad del Mundo und wenn man daran teilnehmen möchte, muss man erst einmal dorthin gelangen. Meine Frau erklärte dem Mitarbeiter am Einlass wortreich, wo das Problem lag, und sie zeigte ihm auch die Eintrittskarte, die wir anlässlich des Besuches vor einer Woche gekauft hatten, und die Banderole, die sauber abzulösen mir unter größten Schwierigkeiten gelungen war. Der Mitarbeiter hatte ein Einsehen und verwies uns zu einem Serviceeingang an der Seite.

Dort empfing uns der unvermeidliche Posten des Wachschutzes mit dem grimmigen Gesichtsausdruck des Uniformierten, der ein Grüppchen fröhlicher Zivilisten nahen sieht (Wachposten gucken immer grimmig, wenn sie Zivilisten nahen sehen; das lernen sie wahrscheinlich auf der Akademie für Wachposten). Wieder legte sich meine Frau mit nicht weniger grimmiger Plauderlaune ins Zeug. Sie bestürmte den Mann mit einem unwiderstehlichen Wortschwall, als gelte es ein furchtbares Schicksal abzuwenden wie seinerzeit Scheherazade. Sie vergaß auch nicht, das Ticket und die Banderole triumphierend vor der Nase des Mannes zu schwenken. Der Uniformierte folgte der Bewegung wie der T-Rex der Fackel in „Jurassic Park“, und hätte sie die Banderole weggeworfen, wäre der Mann ihr wahrscheinlich hinterhergerannt.

Schließlich, nach einer herzerweichenden Rede, die selbst noch einen kaltherzigen Bösewicht wie Lord Voldemort zu Tränen gerührt hätte, ließ uns der Mann mit gönnerhafter Miene ein. So wie meine Frau ihn bearbeitet hatte, konnte er sich wie der Held fühlen, der zwei hilflosen Fremden das Leben rettete. Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland möglich gewesen wäre: Regeln sind Regeln und Ordnung muss nun einmal sein!

An der Reiseagentur wartete bereits der Kleinbus, der uns hinauf zum Krater transportieren sollte – ein klappriger alter Ford, dessen beste Zeit schon seit mindestens zwanzig Jahren vorüber war. Aber immerhin war der Fahrersitz mit Cupholdern ausgestattet und das Armaturenbrett war edel in Holz gefasst. Ich schrieb uns in die Teilnehmerliste ein und da wir an diesem Tag die letzten waren, die sich für die Tour anmeldeten, und man angeben musste, aus welchem Land man kommt, konnte ich ersehen, woher die anderen Tour-Teilnehmer stammten: Abgesehen von mir kam die einzige Teilnehmerin, deren Muttersprache nicht das Spanische ist, aus Schweden. Alle übrigen entstammten dem hispanischen Kulturkreis. Die meisten waren natürlich Ecuadorianer, aber auch ein junges Paar aus Chile fuhr mit.

Dann traf auch endlich unser Tour-Guide ein und schon ging es hinauf zum Krater. Dort trafen wir ein, kaum dass wir abgefahren waren – nach nur zehn Minuten war die Fahrt zu Ende. Jetzt wurde uns auch klar, dass wir keine Tour hätten buchen müssen, um zum Krater zu gelangen; man kann bequem mit dem eigenen Auto fahren. Viele hatten genau das getan und der Parkplatz vor dem Eingang war restlos mit den Autos der anderen Besucher zugestellt. Auch der unvermeidliche Porsche fand sich darunter. „Mutig“, bemerkte mein Sohn, und in der Tat stellt es angesichts der ausufernden Kriminalität im Lande ein nicht geringes Wagnis dar, einen Luxuswagen wie diesen auf einem unbewachten Parkplatz abzustellen. Aber ich bin sicher, der Porsche-Fahrer hat sich etwas dabei gedacht. Während unser Guide den Bus irgendwo zu parken versuchte, machten wir uns auf den Weg zum Krater.

Wenn man oben auf dem Kamm des Katerwalls steht, kann man angesichts der unirdischen Szenerie leicht dem Eindruck erliegen, man erlebe die Vision einer fremden Welt: Der Krater ist gewaltig und tief wie die Schädelkalotte eines gestürzten Titanen. Als wäre er die umgestülpte Schüssel des Himmels, ist er von einem Meer aus Wolken und Dunst erfüllt. Man kann die Luft darunter förmlich anfassen, da sie das Kraterloch wie ein Block aus Kristall zu füllen scheint. Der Fels ist überall von einem samtigen Pelz aus Vegetation überzogen und der Kraterboden ist bis in den letzten Winkel mit dem grünen Schachbrettmuster der Felder und Gärten bedeckt. Man sieht Häuser und Gehöfte, die gleich Miniaturen unter dem hastig dahineilenden Wolkendunst liegen. Wie eine Schneelawine, die träge über einen Felsgrat fließt, stürzen die Wolken über den Kraterrand. Sie gleiten durch das Rund der Caldera als wären sie Schaum in einer Tasse Macchiato. Die Kraterwände halten sie im Innern gefangen und so zerreibt sie der Fels allmählich zu Fetzen.

Mit seinem Hut und seinem lässigen Gehabe ist unser Guide die ecuadorianische Variante eines Indiana Jones. Als wir den Kraterrand erreicht haben, schwingt er sich verwegen auf die Balustrade, welche die Grenze zwischen Leben und Tod markiert: Rechter Hand senkt sich der Abhang dreihundert Meter in die Tiefe, aber die schwindelerregende Höhe scheint den Mann nicht im Mindesten zu bekümmern. Mit geradezu stoischer Ruhe setzt er zu seinem Vortrag an: Die Caldera hat einen Durchmesser von vier Kilometern und der Wall des Kraters steigt vom flachen Kraterboden aus über dreihundert Meter in die Höhe. Auf der Kraterseite sind die Wände fast senkrecht und es mag Stellen auf dem Wall geben, von denen aus man einen Stein fallen lassen kann und er würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er auf dem Kraterboden aufschlägt.

Der Krater entstand vor Äonen infolge einer kataklysmischen Eruption: In den Magmaherden hatte sich Druck aufgebaut. Dieser Druck steigerte sich mit der Zeit so sehr, dass die Gesteinsdecke den plutonischen Kräften nicht länger standhalten konnte. In einer gewaltigen Explosion entluden sich die unterirdischen Kräfte und wie den Korken einer Sektflasche, die man zu sehr schüttelt, katapultierte der Vulkan das Gestein in die Stratosphäre. Zurück blieb jener riesige Krater gleich einer geologischen Pockennarbe.

Infolge eines einmaligen Zusammenspiels verschiedener klimatischer Phänomene beginnen die Wolken jeden Nachtmittag pünktlich um drei Uhr ihre Reise in den Krater. Wir waren gegen halb drei auf dem Kraterrand und konnten gerade den Anfang dieses faszinierenden Schauspiels verfolgen: Wie ein Wasserfall stürzen die Wolken über den Rand und schon nach kurzer Zeit ist das Kraterrund mit Wolken gefüllt als wäre es eine Schüssel mit dicker Graupensuppe. Später in der Nacht löst sich die Wolkendecke wieder auf und dann ist der Himmel sternenklar. Im Krater selbst gibt es kein Wasser und man wundert sich, wie die Menschen, die auf seinem Boden siedeln, überleben können. Die Wände und der Kratergrund sind aber mit einem dichten Pelz aus Vegetation überzogen. Die einzige Quelle der lebenspendenden Feuchtigkeit sind die Wolken.

Mindestens seit der Zeit der Inkas ist der Pululahua-Krater von Menschen besiedelt. In letzter Zeit hat es aber eine starke Abwanderung gegeben, denn niemand bei Verstand möchte sich für immer in dieses vorzeitliche Refugium einsperren lassen: Es gibt weder Radio noch Fernsehen noch Internet – die steil aufragenden Felswände verhindern jede Kommunikation mit der Außenwelt. Handys sind also vollkommen sinnlos, und Straßen, auf denen man mit dem Auto zum Kratergrund gelangen könnte, gibt es schon gar nicht. Vor einigen Jahren hat man zum ersten Mal eine Telefonverbindung eingerichtet. Die Leitungen schwingen wie die Kabel einer Seilbahn im Hochgebirge Hunderte Meter frei durch die Luft. Der einzige Weg in den Krater hinein und wieder hinaus führt über steinige Saumpfade, die sich in Serpentinen an den Kraterwänden entlang in die Tiefe winden.

Im Krater leben fast nur noch Alte. Die letzte Schule wurde schon vor Jahren geschlossen und auch der letzte Arzt hat dem Pululahua vor geraumer Zeit den Rücken gekehrt – die Patienten sind ihm ausgegangen. Die Leute besinnen sich lieber auf Kräuter und die heilenden Kräfte der Natur als den Rat eines Arztes zu suchen. Die typischen Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten, über die man den Berliner Rentner bei jedem sich bietenden Anlass klagen hört, scheinen hier vollkommen unbekannt zu sein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters erfreuen sich die Bewohner des Kraters einer so guten Gesundheit, dass sie nie einen Arzt nötig haben. Der arme Mann musste wahrscheinlich frustriert aufgeben, weil er sich fast zu Tode langweilte – niemand wollte ihn konsultieren.

Die Kraterbewohner finden ihr Auskommen in der Landwirtschaft. Vielfach wird Subsistenzwirtschaft betrieben, denn was der eigenen Hände Arbeit nicht hergibt, ist nur sehr schwer zu beschaffen. Einmal pro Woche befördern die Bauern ihre Waren auf Eseln zu einem Markt an der Mitad del Mundo. Darüber hinaus haben sie wohl nicht viel Kontakt mit der Außenwelt und das Leben im Krater ist sicher so geruhsam wie in einem einsamen Weltraumhabitat auf der Rückseite des Mondes. Damit ist auch das Geheimnis um die eiserne Gesundheit der Leute gelüftet: Der geheime Quell ihres Wohlbefindens scheint in der Abwesenheit von jeglichem Stress zu liegen. Aber wie sollte man sich auch gehetzt fühlen, wenn das einzige alltägliche Ereignis von Bedeutung im Leben der wöchentliche Gang zum Markt ist.

Hin und wieder verirren sich von Wanderlust getriebene Touristen in die Caldera. Der Abstieg mag dem alpinistisch Ungeübten noch unter Mühen möglich sein, aber der Aufstieg hat es in sich, zumal man auf dreitausend Metern Höhe nach ein paar schnellen Bewegungen oft das Gefühl hat, man würde einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen. Als wäre man einem Vakuum ausgesetzt, ist plötzlich die Luft weg, und dann muss man erst einmal stehen bleiben und warten, bis sich das wie wild rasende Herz wieder beruhigt hat.

Im Krater gibt es ein Hotel, das den an den Komfort der Zivilisation gewöhnten Reisenden mit einem bequemen Bett für die Nacht und einer anständigen Mahlzeit versorgt. Durch ein Teleskop kann der Bewohner der Nordhalbkugel die fremden Konstellationen des südlichen Sternenhimmels bewundern, denn pünktlich zur Nacht löst sich die Wolkendecke, die ab drei Uhr Nachmittags über dem Krater zu liegen pflegt, wieder auf. Man muss aber aber kein Teleskop haben, um die Wunder des Weltalls bestaunen zu können. Einige campen im Krater. Wenn man dann nachts unter dem bestirnten Firmament liegt, das von den Kraterwänden eingerahmt wird wie von den beschützenden Händen eines Schöpfergottes, mag man sich wie der erste Mensch fühlen, der seinen Blick voller Ehrfurcht zu der erhabenen Größe des Himmels aufrichtete.

Die Mitte der Welt

Von Quito aus fuhren wir auf der Panamericana Norte zunächst Richtung San Antonio de Quito, einem Vorort der Hauptstadt am äußersten nördlichen Ende. Es ist verblüffend, wie schnell sich die Landschaft verändert: Die Gegend um Cumbayá ist grün und ganze Landstriche wirken geradezu lieblich, fast schon mediterran, doch hier, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, sieht man allein kahle Berge, an deren Flanken sich schwärzliche Reste von Vegetation klammern gleich den verkohlten Hautresten an einem gerösteten Meerschweinchen. Das Land sieht aus, als wäre erst kürzlich eine verheerende Feuersbrunst darüber hinweggerollt und von dem üppigen Garten Eden, den der Besucher unter dem Tropenhimmel zu finden erwartet, blieben nur Ruß und Staub. Das einzige Lebendige in dieser toten Landschaft ist der sich ständig verändernde Himmel mit seinen Dramen aus Wolken und Licht. Doch ich habe Fotos von 1992, als ich Ecuador zum ersten Mal besuchte, und schon damals erschien die Gegend genauso karg und wüst wie heute.

In Quito ist billiges Bauland knapp und hier wie auch in anderen Vororten der Stadt ziehen sich die Wohnviertel mehrere hundert Meter an den Flanken der Berge hinauf; manchmal sieht es so aus, als wären die Häuser bloß Schwemmgut, von einer Tsunami-Welle auf die Hänge geworfen. Man hat es ausnahmslos mit einfachen Betonkästen zu tun, zwei Fenster und eine Tür sind wie Augen und Mund die Öffnungen nach draußen. Die Behausungen haben alle dieselben Proportionen und ihre Besitzer fanden es angezeigt, dem tristen Beton durch einen Anstrich in bunten Pastelltönen einen fröhlicheren Anschein zu geben.

Die Bebauung ist nicht sehr dicht und die Front der Häuser zeigt immer zur Talseite, so dass durch schieren Zufall ein geordnetes Muster entsteht. So hat man manchmal den Eindruck, jemand hätte versucht, ein abstraktes Kunstwerk zu schaffen, indem er bunte Schuhkartons in der Einöde verstreute. Manche der Häuser stehen in schwindelerregender Höhe und der Ausblick von dort muss atemberaubend sein. Allerdings habe ich keine Straßen gesehen, die dorthin führen, so dass ihre Bewohner sich wahrscheinlich jeden Tag die steilen Hänge hinaufschleppen müssen. In der dünnen Höhenluft Quitos komme ich manchmal schon außer Atem, wenn ich nur ein paar Treppen steige. Die Leute, die auf den Hängen wohnen, müssen unglaublich fit sein.

Die Straße nach Mindo führt direkt am Monument „Mitad del Mundo“ vorbei, der „Mitte der Welt“. Gleich gegenüber befindet sich das futuristische Hauptquartier der Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), der Union der südamerikanischen Nationen. Man hätte kaum eine passendere Stelle zum Versammlungsort der Länder eines ganzen Kontinents bestimmen können als diesen Punkt direkt auf dem Äquator. Tatsächlich bedeutet Quito, der Name der Hauptstadt, in der Sprache des Volkes der Quitu-Cara, das die Gegend bis zur Ankunft der Spanier bewohnte, „Mitte der Welt“.