An den Eisen

Ich wollte wieder einmal „ordentlich“ trainieren. Wer schon je versucht hat, in den eigenen vier Wänden seinen Leib zu stählen, weiß, dass das Training im trauten Heim lange nicht dieselbe Güte hat wie ein Workout in einem richtigen Studio. Man ist immer zu nah an seinen Gewohnheiten und zwischen Sessel und Couch will nicht die Rechte Stimmung fürs Gewichtestemmen aufkommen: Immer überlegt man, ob man noch einen Satz Curls macht, oder ob man an den Kühlschrank geht und sich etwas Leckeres zu essen holt; ob man sich noch einmal durch Ausfallschritte quält oder sich nicht doch lieber auf das schöne weiche Sofa wirft. In einem Studio ist man solcher nur allzu menschlichen Versuchungen enthoben und hat man den beschwerlichen Weg zur Stätte des Ruhmes erst einmal zurückgelegt, gibt es nichts, was dann noch zwischen der eigenen Entschlossenheit und den Eisen steht.

In Cumbayá gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Orten, die sich euphemistisch als „Studio“ bezeichnen. Viele davon verfügen allerdings nur über einen einzigen Kursraum, in dem irgendein Zirkeltraining veranstaltet wird. Andere wirken so heruntergekommen wie die speckigen und in Schweißduft getauchten Hinterhofverliese, denen man im Berlin der Neunziger hier und da noch begegnen konnte. Unwillkürlich muss ich immer an die Szene in „Rocky“ denken, in der Balboa wie wahnsinnig auf Rinderhälften einprügelt. Man möchte in solchen Studios eigentlich nichts anfassen, am allerwenigsten die Hanteln, die nicht nur so aussehen, als wären sie durch viele Hände gegangen und noch nie gereinigt worden. Da könnte man auch gleich mit Rinderhälften trainieren. Das wäre auch hygienischer.

Alle Studios in Cumbayá sind wahnwitzig teuer. Für die Beiträge, die hier für einen Monat erhoben werden, könnte man sich in Berlin fast schon in einen Nobelclub einmieten. Dabei lässt die Ausstattung oft zu wünschen übrig und in manchem schicken Studio gibt es nicht einmal Hantelständer, etwa um Kniebeugen auszuführen, oder Klimmzugstangen. Dafür aber werden jede Menge sinnloser Kurse angeboten und man fragt sich, wer so etwas haben möchte. Kniebeugen scheinen hingegen unbekannt zu sein und so begegnet man immer wieder Trainierenden mit dicken Armen und bemitleidenswert dünnen Oberschenkeln. Wie richtig trainiert wird, wissen offenbar die wenigsten, wahrscheinlich nicht einmal die Trainer.

Merkwürdig genug, erlebt Cumbayá, ja, das ganze Land, derzeit einen Crossfit-Boom ohnegleichen. Überall schießen Crossfit-Studios aus dem Boden und die meisten sind nicht einmal schlecht. Die Einrichtung ist zweckmäßig und funktional und das Equipment ist oft nagelneu. Freilich bietet ein Crossfit-Studio lange nicht die Möglichkeiten, die man in einem konventionellen Studio erwarten kann. Crossfit erfreut sich dennoch ungeheurer Beliebtheit, obwohl auch hier die Preise alles andere als angemessen sind.

Bei uns in der Nähe befindet sich „Nouba Crossfit“, einer der zahlreichen Triebe am Stamme der Crossfit-Bewegung. Die Räumlichkeiten des Studios erwecken eher den Eindruck einer Schulsporthalle denn den eines Gyms. Eigentlich handelt es sich nur um einen großen Raum mit hoher Decke und einem Gummifußboden, der an die Ausnüchterungszelle der Bahnhofspolizei gemahnt. Alles ist äußerst karg eingerichtet und auf Funktionalität abgestimmt. Die Wände hat man weiß gestrichen und sonst gibt es eigentlich nicht viel, woran sich das Auge festhalten könnte. Das Equipment ist überschaubar: Langhanteln, Kugelhanteln, Medizinbälle, Klimmzugstangen und zwei Ruderergometer. Trainiert wird vor allem mit Langhanteln. Die Kettlebells habe ich noch nie zum Einsatz kommen sehen, ebenso wenig die Medizinbälle.

Wenn ich in einem Crossfit-Studio trainiere, beschränkt sich mein Workout mangels anderer Möglichkeiten auf Kniebeugen, Kreuzheben, Klimmzüge, Rudern und Schulterdrücken. Das ist eine ganze Menge und mehr als ausreichend, um ein anspruchsvolles und gutes Workout zu gewährleisten. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Trainingsgewichte zu maximieren, mir kommt es vielmehr darauf an, in jeder Wiederholung eine saubere Übungsausführung zu gewährleisten, denn schließlich werden die Gelenke mit den Jahren nicht besser. Wichtig ist, dass man ein gutes Muskelgefühl hat und ein guter Pump nach dem Training ist allemal mehr wert als die Befriedigung darüber, es wieder einmal allen im Studio gezeigt zu haben.

In den Pausen beobachte ich immer die Crossfitter (mangels anderer Ablenkungen). Eine Crossfit-Einheit dauert dreißig Minuten und wird unter Anleitung eines Trainers in der Gruppe absolviert. Alle halbe Stunde kommt eine neue Gruppe ins Studio. Die Stärke variiert, doch in der Regel kann man mit bis zu zwanzig Teilnehmern rechnen. Das ist nicht wenig und das Studio kann sicher gut davon leben, denn jeden Tag werden gut ein Dutzend Kurse angeboten. Jeder der Teilnehmer zahlt siebzig Dollar pro Monat – für zwei Trainingseinheiten pro Woche à dreißig Minuten (das entspricht etwa der durchschnittlichen Trainingsrate) erachte ich eine solche Summe als maßlose Übertreibung.

Ich habe eigentlich nichts gegen Crossfit an sich und hin und wieder übernehme ich Elemente daraus auch in mein Training, aber wenn man dem Treiben so zuschaut, muss man ernstlich um die Gesundheit so manches Kursteilnehmers fürchten. Ich weiß nicht, warum es Trainer gibt – ein Trainer ist immer im Kurs anwesend –, wenn die Leute am Ende viel zu große Lasten mit elend schlechter Technik zu heben versuchen. Aber anscheinend geht es beim Crossfit nicht darum, ein Gewicht mit korrekter Technik zu bewältigen, sondern nur darum, ein möglichst schweres Gewicht mit welcher Technik auch immer zur Hochstrecke zu bringen – wenn es sein muss, auch ganz ohne Technik. Man wundert sich manchmal nur, warum nicht alle paar Minuten irgendeine Bandscheibe herausploppt.

Die meisten der Kursteilnehmer sind jung und junge Gelenke verzeihen bekanntlich noch so manche Torheit. Das ist vielleicht auch der Grund, warum man in den Kursen niemanden sieht, der die Vierzig überschritten zu haben scheint. Wenn ich bei „Nouba Crossfit“ trainiere, bin ich oft der mit Abstand Älteste, aber ich bin ja auch kein Crossfitter und deshalb halte ich mich lieber fern von Übungen, mit denen man sich die Gelenke in Windeseile ruiniert. Nur beim Snowboarden geht es wahrscheinlich noch schneller.

Um ihre Gelenke scheinen sich die Teilnehmer der Kurse aber weit weniger Sorgen zu machen als ich: Wenn sie Kniebeugen machen, sieht man sie auch noch die letzten Zentimeter bis auf die Fersen herabsinken, als würden sie sich in Postion bringen, ihre Notdurft zu verrichten. Und wenn das Gewicht zu schwer ist, was nicht selten der Fall zu sein scheint, versuchen sie sich mit Schwung nach oben zu federn.

Wirklich bedrohlich wird es beim Kreuzheben: Der Rundrücken und Knie, die unter der Last wie beim Foxtrott nach innen einknicken, sind fast die Norm. Dabei bewegen die Leute Gewichte, die wirklich beachtlich sind. Ich frage mich ein ums andere Mal, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun. Aber sie scheinen davon überzeugt zu sein. Der Teamgeist befeuert ihr ruchloses Tun: Wenn es einem gelingt, sein Gewicht mit haarsträubender Technik zu heben, applaudieren die anderen, als hätte er wirklich eine Leistung vollbracht, die verdiente, gewürdigt zu werden.

An Tagen, an denen Kniebeugen ausgeführt werden, bricht die Hälfte unter der Last zusammen. Viele kommen aus der Hocke nicht mehr hoch und müssen die Hantel nach hinten abwerfen. Manch einen habe ich schon mit der Last im Kreuz auf die Knie fallen sehen und wann immer ich diese mittlere Katastrophe erlebe, will mir scheinen, jetzt seien die Bänder wirklich hinüber. Kaum auf dem Boden, kippen die Leute mit der Hantelstange nach hinten um wie die Limbo-Tänzer. Schon der gesunde Menschenverstand müsste diesen treuen Crossfit-Adepten sagen, dass ein Knie, sofern es sich nicht um eine haltbare Titan-Prothese handelt, solch eine Misshandlung keineswegs ein ganzes Leben lang aushält. Von all dem Gewichtewerfen scheppert und knallt es in der Halle, als würden die Arbeiter einer Eisengießerei plötzlich Amok laufen und Eisenbahnräder herumschleudern.

Ich vermute, viele der jetzt noch agilen Crossfitter werden mit vierzig Gelenke wie Pinocchio die Marionette haben und spätestens mit fünfzig wird der Orthopäde ihr bester Freund sein (und vielleicht auch ihr einziger, weil sie ohne ihre Krücken nirgendwo mehr hinkommen). Doch wenn ich meine Kniebeugen mache und dabei die Wiederholungen langsam ausführe, mit dem Gesäß nicht bis zum Boden heruntertauche und davon Abstand nehme, die Knie vollständig durchzustrecken, ernte ich Blicke, als wäre ich der Idiot und sie die Olympioniken. Aber die Zeit arbeitet für mich – und gegen sie.

Ich weiß nicht, ob diese Leute schon einmal von Trainingsmethodik gehört haben. Außer, dass man offenbar bei jeder Gelegenheit versucht, maximale Gewichte zu verwenden, habe ich noch keine Methode erkennen können. Einen sah ich einmal Wallballs mit einem schweren Medizinball ausführen (das war das einzige Mal, dass ich jemanden mit einem Medizinball trainieren sah). Er stieß den Ball zwanzig Minuten lang fast ununterbrochen die Wand hinauf. Nach zehn Minuten atmete er wie ein Asthmatiker, dem man die Katze zum Streicheln in den Arm gelegt hat, und gegen Ende bekam er regelrechte Erstickungsanfälle. Er stöhnte wie ein Schmerzpatient, dem das Morphium ausgegangen ist.

Sicher kann ein Workout, das die gesamte Körpermuskulatur beansprucht, ungeheuer anstrengend sein, aber nachdem er seine „Übung“ beendet hatte, lag er eine Stunde lang komatös auf der Matte. Weder bewegte er sich, noch schien er ansprechbar – für mich ein klarer Fall für den Rettungssanitäter. Doch man ließ ihn einfach am Rande der Matte liegen wie ein benutztes Handtuch und beachtete ihn nicht weiter. Später hatte er sich wieder erholt, zumindest war er ansprechbar und er kam auch wieder aus eigener Kraft auf die Beine, doch er wankte aus dem Studio, als hätte er nicht Bälle sondern Tequilas gestemmt.

Ganz so schlimm würde ich es natürlich nicht treiben, aber nachdem ich während eines Zeitraumes von einigen Monaten keine Kniebeugen hatte ausführen können, fand ich, es wäre eine ganz fabelhafte Idee, es mit zehn Sätzen à zehn Wiederholungen nach Art einer German-High-Volume-Einheit zu versuchen (wahrscheinlich habe ich mich doch vom Enthusiasmus der Crossfitter anstecken lassen). Das Gewicht war recht niedrig (achtzig Kilo) und wider Erwarten kam ich erstaunlich leicht durch die Sätze. Fast war ich versucht, die Last zu steigern.

Zum Glück habe ich es nicht getan, denn die nächsten drei Tage litt ich an Ganzkörperschmerzen wie ein Alkoholiker auf kaltem Entzug. Jeder einzelne Muskel tat weh, nicht nur die Oberschenkel, und ich wusste kaum, wie ich nachts liegen sollte. Ich bewegte mich durch die Wohnung wie ein steinalter Greis – vielleicht ein Vorgeschmack auf später. Doch das war nur die gerechte Strafe für Unbesonnenheit. Manche Dinge sollte man eben überlegt angehen und gerade im Training ist weniger manchmal eben doch mehr (aber nicht nur im Training).

Leibesertüchtigung

Gestern habe ich in Cumbayá zum ersten Mal ein Fitness-Studio besucht. Ich kann einfach nicht ohne Sport leben. Für jemandem, der noch nie bewusst Sport getrieben hat und der körperlicher Betätigung eher reserviert gegenübersteht, mag es schwer einzusehen sein, was so toll daran ist, in ein Sportstudio zu gehen: Menschen schwitzen und schnaufen, man muss sich bewegen und es ist anstrengend. Zwar halte ich es nicht mit dem großen Arnold Schwarzenegger, der seinerzeit auf dem Gipfel seines sportlichen Ruhmes meinte, Gewichte stemmen verschaffe ihm ein Gefühl, das er wörtlich als Orgasmus beschrieb, aber ganz Unrecht hat er natürlich nicht, denn nach einem guten Workout fühlt man sich einfach nur phantastisch. Nach einem guten Training ist die Welt in Ordnung, alle Sorgen haben sich – zumindest für eine Weile – in Luft aufgelöst und man fühlt sich einfach nur gut. Studien haben übrigens ergeben, dass Gewichte stemmen eine ähnlich positive Wirkung auf die Stimmung hat wie die gängigen Psychopharmaka.

Meine Frau und mein Sohn hatten einige Tage zuvor schon einmal ein Probetraining absolviert und lobten das Studio in den höchsten Tönen. Als alter Fitness-Profi war ich natürlich skeptisch, denn was der Laie als gut befindet, muss das Auge des Experten noch lange nicht erfreuen. Dennoch bin ich voller Vorfreude und Tatendrang mit ihnen zum Studio gefahren, ungeduldig der Dinge harrend, die auf mich warteten.

Das Studio mit dem vielversprechenden Namen „Physique“ befindet sich in der obersten Etage der größten Shopping-Mall Cumbayás, des Centro Comercial San Francisco. Wir hatten für den Abend einen Probetermin vereinbart. Wir kamen etwas später, aber niemand nahm uns die Verspätung übel, denn erstens sind wir in Ecuador und zweitens versprachen sich die Angestellten des Studios offenbar eine Provision für den Fall, dass wir einen Vertrag unterschrieben. Da wird man nicht so kleinlich sein und genau auf die Uhr sehen.

Die Mall ist so riesig, dass man schon zehn Minuten benötigt, um vom einen Ende zum anderen zu laufen. Das Einkaufszentrum ist praktisch neu, aber Käufer sah man an diesem Abend kaum. Die Flure lagen fast völlig verwaist, manche Geschäfte sind leer und andere stehen vor der Geschäftsaufgabe, was unschwer an den stark reduzierten Preisen abzulesen ist. Es heißt, das Centro Comercial sei ein gigantischer Flop und auf absehbare Zeit würde es sich nicht rentieren. Man munkelt, dass man es vielleicht sogar wieder schließen werde. Die Investitionen wird man wohl abschreiben müssen. Ich kann nicht allzu viel Mitleid mit den Bauherren empfinden.

Bevor wir zum Studio fuhren, haben wir noch schnell einen Cyber-Shop besucht (landläufig Cyber genannt – „Sieber“ ausgesprochen). Da wir selber noch keinen Internetanschluss in den eigenen vier Wänden haben und meine Frau ihr Datenvolumen auf dem Handy ausgeschöpft hat, ist das die einzige Möglichkeit, sicher ins Internet zu kommen. Am Ende dauerte es länger als geplant, was eigentlich nicht die Ausnahme, sondern die Norm ist, und dann musste ich auch noch meine Sportsachen holen. Zwar liegt der Cyber-Shop nur ca. zweihundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber man muss eine Steigung emporklimmen, um dorthin zu gelangen – auf zweitausend Metern Meereshöhe eine sportliche Herausforderung. Kaum zurück, fiel mir ein, dass ich meine Maus im Shop vergessen hatte. Meine Frau und mein Sohn saßen bereits im Bus, der startbereit wartete. Ich hatte wenig Hoffnung, die Maus an meinem Computerplatz wiederzufinden. Seit ich denken kann, erzählte mir meine Frau wahre Horrorgeschichten über die Kriminalität im Lande und da ich mich nicht auskenne, war ich gewogen, ihr zu glauben. Mittlerweile denke ich, sie übertreibt. Selbstverständlich gibt es Kriminalität, selbstverständlich werden Dinge gestohlen, aber ich bin überzeugt, die meisten Ecuadorianer sind so ehrlich wie meine Nachbarn in Berlin [Anmerkung des Autors: Nach einem Jahr Ecuador war ich gezwungen, meine Meinung gründlich zu revidieren. Siehe auch hier und hier.]

Als ich in die Tür des Cyber-Shops haste – ich muss immer den Kopf einziehen, weil der Türsturz so niedrig ist –, überreicht mir die Besitzerin die Maus, noch bevor ich etwas sagen kann. Der Laden ist voll und irgendjemand hat sie ihr gegeben. Sie lächelt und ich bedanke mich artig. Dann renne ich zum Bus und springe in den Einstieg, während der Fahrer schon Gas gibt – gerade noch geschafft.

Das Fitness-Studio macht einen ordentlichen Eindruck. Alles ist sauber und gepflegt, die Trainingsgeräte sind neu und die Trainer grüßen freundlich. Es gibt einen Cardiobereich, ein Areal für Freihanteln und eine Etage höher befindet sich eine Laufbahn. Es gibt einen Kurs- und einen Spinningraum. Die Geräte sind von Techno-Gym, einem renommierten italienischen Hersteller. Müsste man das „Physique“ mit einem bekannteren Studio vergleichen, würde man am ehesten das Fitness First heranziehen: Optik und Ausstattung sind ähnlich und auch die Trainer zeigen dasselbe debile Dauerlächeln. So weit, so gut.

Das Studio firmiert als Wellness-Club. Demzufolge steht nicht das Training, sondern das Wohlfühlen im Vordergrund. Es liegt mir fern, die Kompetenz der Trainer in Frage zu stellen – sicher verstehen sie ihr Handwerk –, wenn ich aber ein Studio besuche, ist mir nicht wichtig, ob die Trainer mich grüßen oder ob es einen Handtuchservice gibt. Mich interessiert vielmehr, wie gut das Trainingsangebot ist: Gibt es die Möglichkeit, Kniebeugen, Kreuzheben, Bankdrücken und Klimmzüge auszuführen – das ist, was mich interessiert. Das „Physique“ verfügt weder über einen Platz für Kniebeuge bzw. fürs Kreuzheben, noch über eine Klimmzugstange. Sicher, es gibt einen Spinningraum, es gibt Kurse, es gibt eine Sauna und eine Laufbahn. Aber brauche ich das alles? Ich will Hanteln, kein Wellness. Die meisten der Trainierenden sehen eher wie sportelnde Büromenschen aus, Leute, die einmal pro Woche ihr Alibitraining absolvieren. Man sieht ihnen nicht an, das sie Sport treiben. Und von den durchtrainierteren Besuchern haben zwar einige einen relativ gut entwickelten Oberkörper vorzuweisen, die Beine sind jedoch dünn. Wie sollten sie auch anders aussehen, da es keine Möglichkeit gibt, die Oberschenkel so zu trainieren, wie es sich gehört.

Meine Frau war ganz enttäuscht, als ich ihr eröffnete, dass das Studio nicht für mich geeignet sei. Außerdem fand ich den Preis viel zu hoch: 46 Dollar wären pro Monat zu entrichten. Das würde sich für mich nicht lohnen, denn schließlich möchte ich das Wellnessprogramm gar nicht in Anspruch nehmen. Warum sollte ich also dafür zahlen?

Es gibt in Cumbayá noch weitere Studios. In den nächsten Tagen werde ich versuchen, einige von ihnen zu besuchen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, und ich hoffe, dass ich dort das finde, was ich suche: Eisen.

Badefreuden

Im Meer zu baden, scheint hierzulande ein Vergnügen für junge Leute zu sein, denn selten sieht man jemanden über vierzig ins Wasser steigen. Wenn ich mit meinem Sohn im Meer bade, bin ich fast immer der einzige Ältere, was wirklich merkwürdig ist, da das Baden ja keine körperlich anstrengende Tätigkeit wie das Schwimmen ist. Die älteren Strandgäste begnügen sich damit, träge im Klappstuhl zu sitzen und auf die Wellen zu starren, oder sie gehen allenfalls bis zu den Knien ins Wasser. Gemächliche Strandspaziergänge oder stundenlanges In-der-Gegend-Herumstehen scheinen die altersgemäßen Beschäftigungen zu sein. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Ich liebe das Meer und mir macht das Baden großen Spaß. Und ich werde bestimmt nicht damit aufhören, auch wenn man mich zu alt dafür findet.

Eine gewisse Zurückhaltung der Älteren ist auch bei sportlichen Aktivitäten zu beobachten: Wenn ich das Fitness-Studio besuche, bin ich in der Regel der bei weitem Älteste unter den Gästen. Das Durchschnittsalter scheint um die zwanzig zu liegen. Ältere Einheimische sieht man eigentlich nie Sport treiben. Die Frauen machen da allerdings eine Ausnahme: Öfter sieht man Frauen im fortgeschrittenen Alter am Strand walken oder eifrig Gymnastik im Park treiben. Neulich fragte mich ein Cousin meines Sohnes, wie alt ich sei. Ich nannte ihm mein Alter. Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit anerkennendem Gesichtsausdruck, ich sehe aber jünger aus, gerade so, als hätte er erwartet, einen Greis vorzufinden. Da haben sich die Workouts also doch gelohnt! Wo ist das nächste Fitness-Studio?

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.