Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

Nach der Katastrophe

Niemanden, der fähig ist, auch nur ein wenig Mitleid zu empfinden, lassen die Geschehnisse der letzten Tage kalt. Die Folgen des Erdbebens sind so schrecklich, dass es nur gerechtfertigt wäre, diesen Blog dem Bericht darüber zu widmen. Das ist keineswegs ironisch oder gar zynisch gemeint, denn das Ausmaß der Zerstörung und das dadurch hervorgerufene Leid verdienten, dass die Welt davon erfährt.

Doch bei allem Mitgefühl denen gegenüber, die Angehörige und Freunde verloren haben, die eine unerbittliche Natur über Nacht mit nichts weiter als der Kleidung am Leib in die Obdachlosigkeit getrieben hat und denen das Beben alle Brücken in ein normales Leben zerstört hat, auf dass sie den Straßen der Hoffnungslosigkeit in eine ungewisse Zukunft folgen müssen – Odyssea americana ist dem Leben verpflichtet, und zwar dem Leben in allen seinen Facetten. Und das Leben, von dem zu berichten sein wird, geht weiter, trotz der schrecklichen Ereignisse in Ecuador und anderswo auf der Welt. Denn dass die Katastrophe nicht die ganze Welt in den Untergang gerissen hat, entbindet nicht von der menschlichen Pflicht, um die Toten zu trauern und denen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Ich will von Ereignissen berichten, die vor dem Erdbeben stattgefunden haben. Sofern von der Costa und von Bahía die Rede ist, wird man in meinen Schilderungen deshalb eine glücklichere Welt vorfinden, eine Welt, die sich allem Anschein nach in der sicheren Überzeugung wiegte, die heitere Abfolge unbeschwerter Tage würde nie ein Ende nehmen. Doch es musste alles einmal enden, nur wann die schreckliche Stunde eintreten würde, konnte niemand voraussehen. Mein Bericht aus einer Zeit, die gerade einmal einige Wochen zurückliegt, ist zugleich auch die Beschreibung einer Vergangenheit, die es nicht mehr gibt. Denn das alte Bahía ist zerstört und es wird nie wieder auferstehen.

An Quito und seinen Einwohnern ist die Katastrophe indes spurlos vorübergegangen. Nichts hat sich verändert und ich sitze hier an meinem Computer und fabuliere von der Welt da draußen, als hätte es nie ein Erdbeben gegeben. Wenn mich dann die Meldungen von der Küste erreichen, habe ich fast den Eindruck, ich befände mich auf einer Insel der Ruhe und des Friedens inmitten eines tosenden Ozeans der Zerstörung.

Die Orte meiner Erinnerung

Alles ist noch viel schlimmer als zunächst angenommen. Man hätte sich damit abfinden können, dass Häuser eingestürzt und Straßen zerstört sind, aber wir hören hier in Quito von immer neuen Opferzahlen und von schrecklichen Tragödien, die einem das Herz zerreißen und die einen am Ende einfach nur sprachlos zurücklassen. Aber was könnten Worte auch ausrichten angesichts all des Schrecklichen? Es ist nur schwer erträglich, das Leiden und Sterben der Menschen mit ansehen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Doch Quito ist weit entfernt vom Ort der Katastrophe und das Leben hier geht seinen gewohnten Gang, nicht anders als in einer Stadt jenseits des Ozeans, zehntausend Kilometer entfernt.

Da man die Toten noch nicht aus den Trümmern hat bergen können, denn noch immer fehlt es vielerorts an schwerem Räumgerät, liegt mittlerweile der Geruch von Tod und Verwesung über den zerstörten Städten. Wer mit dem Leben davongekommen ist, muss jetzt ums Überleben kämpfen. Vielerorts gibt es auch Tage nach der Katastrophe kein Wasser, keine Nahrung und keine Hilfe für die Eingeschlossenen. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt. Doch sie kämpfen nicht nur gegen die Unbilden der Natur, zu allem Unglück sehen sie sich fortwährend den Angriffen von Kriminellen ausgesetzt. Man hört immer wieder von Überfällen und es muss als wahrscheinlich gelten, dass gerade jetzt, da das Erdbeben nicht nur Häuser ins Wanken gebracht hat, sondern auch die öffentliche Ordnung, viele Verbrechen verübt werden, von denen man vielleicht nie erfahren wird.

Ich habe gehört, dass das „Bambú“ zerstört wurde. Gewissheit habe ich jedoch nicht, denn es fehlen noch immer verlässliche Nachrichten. Einige Anhaltspunkte geben Bilder, die jüngst über Facebook veröffentlicht wurden. Auf ihnen sieht man dort, wo das „Bambú“ einst stand, nur noch ein Trümmerfeld. Das „Bambú“ ist einer der magischen Orte auf der Landkarte meiner Erinnerung. Wir haben viele schöne Stunden dort verbracht und als ich hörte, dass es nun fort sein soll, fühlte es sich so an, als hätte man mir meine Erinnerungen gestohlen.

Es tut weh, Orte, die einem etwas bedeuten, einfach verschwinden zu sehen. Man empfindet es als unfair und ungerecht und wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, geben Betroffenheit und Trauer manchmal sogar dem Zorn nach. Aber wann hätte Zorn Dinge je wieder in Ordnung gebracht? Und wann hätte die Welt sich um Gerechtigkeit geschert? Welche Gerechtigkeit wird denen zuteil, die alles verloren haben? Und ist es etwa gerecht, dass so viele Menschen sterben mussten?

Man kann sich keine Vorstellungen von den Zerstörungen machen, die Canoa und auch die anderen Städte an der Küste heimgesucht haben. Canoa war immer ein fröhlicher Ort mit einem gewissen Laissez faire. In Canoa konnte man entspannt seinen Beschäftigungen nachgehen und niemand neidete einem sein Glück. Es fällt schwer zu glauben, dass das Glück diesen Ort für immer verlassen haben soll. Viele Urlauber sind unter den Opfern. Sie wollten nur ein paar schöne Ferientage in der Stadt und an den Stränden verbringen. Als das Beben kam, wurden nicht wenige unter den Trümmern ihrer Hotels, der Pensionen oder Restaurants, in denen sich sich gerade aufhielten, begraben.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das alles betroffen macht. Ich liebe die Costa und Manabí. Ich glaube, es täte mir unendlich weh, sehen zu müssen, dass vieles davon einfach ausgelöscht wurde als hätte es nie existiert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Man kann so wenig tun. Die betroffenen Regionen werden wahrscheinlich noch während der nächsten Wochen und Monate mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben und es ist nicht abzusehen, wann die Menschen an der Küste wieder zu einem „geregelten“ Alltag zurückfinden werden. Alle Schäden zu beseitigen, wird aber gewiss noch Jahre dauern. Die Verheerungen sind zu schwer, als dass man eine schnelle Verbesserung der Situation erwarten könnte.

Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, dass die Menschen nicht den Mut verlieren, und ich vertraue fest darauf, dass im Angesicht der Not die Menschlichkeit und das Mitleid der Vielen die Oberhand über die Gemeinheit und Habgier der Wenigen behalten werden.

Neues zum Erdbeben

Im Lichte neuer Informationen scheint die erste Prognose, wonach Bahía das Erdbeben relativ unbeschadet überstanden hätte, wohl hinfällig. Man geht inzwischen davon aus, dass achtzig Prozent der Stadt verwüstet sind. Viele Häuser stehen noch, aber man muss annehmen, dass die Statik gelitten hat und dass man sie früher oder später wird abreißen müssen. Die meisten Städte der Küstenregion sind betroffen. Auch Manta, die große Hafenstadt am Pazifik, soll erhebliche Schäden davongetragen haben. Präsident Rafael Correa hat seinen Auslandsaufenthalt vorzeitig beendet und ist umgehend in die Regionen des Landes gereist, die am stärksten von den Auswirkungen des Bebens betroffen sind. Es heißt, als er die Verheerungen in Manta sah, sei er den Tränen nahe gewesen.

Manche Städte, wie Pedernales, sind vollkommen zerstört worden. Es gibt viele Todesopfer zu beklagen. In Canoa ist das Hotel „Canoa Beach“ eingestürzt. Dabei wurden Hotelgäste, unter ihnen Schweden, Dänen, Italiener, Amerikaner und auch Deutsche, verschüttet. Viele von ihnen sind offenbar noch am Leben, aber sie können sich nicht aus eigener Kraft befreien. Sie könnten gerettet werden und man hofft und bangt, dass in der nächsten Zeit Hilfe eintreffen wird. Da auch Deutsche zu den Opfern gehören, wurde die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland informiert und gebeten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Menschen zu helfen. Der ecuadorianische Staat ist angesichts des Ausmaßes der Katastrophe schlicht überfordert. Die Behörden tun, was in ihren Kräften steht, doch oft reichen die Kräfte einfach nicht aus.

Hilfe gelangt nur schwer in die betroffenen Regionen. Viele Gegenden sind von der Grundversorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten abgeschnitten und es drohen Epidemien. Die Regierung hat Hilfskonvois organisiert, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Leider haben in der Stunde der größten Not immer auch die skrupellosesten Elemente einer Gesellschaft Konjunktur. Dann ist die Zeit der Verbrecher, der Spekulanten und der unmoralischen Geschäftemacher gekommen. Dass Häuser und Geschäfte geplündert werden, erachtet man dabei noch als das geringste Übel. Man hört jedoch davon, dass einige Konvois von Banden überfallen worden seien: Wegelagerer zwangen die Helfer und Fahrer mit vorgehaltener Waffe, ihnen die Hilfsgüter auszuhändigen. Wer sich da weigert, den Anordnungen Folge zu leisten, hat entweder zu viele Actionfilme gesehen oder ist einfach nur dumm. Man weiß nicht, ob man aus schierer Not stiehlt, weil man die Hilfsgüter dringend zur Eigenversorgung benötigt, oder ob man die Gelegenheit für das große Geschäft wittert. Vieles ist denkbar und nur wenig davon kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Es tut mir in der Seele weh, Bahía so am Boden zu sehen. Ich kenne die Stadt nun schon seit vielen Jahren und es war immer schön zu erleben, wie der Fortschritt Einzug hielt und wie die Stadt sich mit den Jahren veränderte, ohne dass sie ihren unverwechselbaren Charakter einbüßte. Bahía hatte sich durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch stets seinen Charme bewahrt. Es wird lange dauern, bis die Stadt wieder zu ihrer alten Heiterkeit zurückfindet. Ich hoffe sehr, dass ihre Einwohner sich nicht entmutigen lassen, denn so klein die Stadt auch sein mag, Bahía hat Bedeutung: Ein Ecuador ohne Bahía de Caráquez wäre ein sehr viel ärmeres Land.

Die meisten Informationen, auf die ich mich stütze, habe ich über Facebook bezogen. Ich mag Facebook nicht und es ist daher auch nicht mein Account, über den Nachrichten zu mir gelangen, sondern der meiner Frau. Es scheint, sie steht mit halb Ecuador in Verbindung und die Nachrichten gehen bei ihr in solch dichter Folge ein, dass ich fast glaube, ihr Notebook sei einer der großen Knotenpunkte des Cyberkosmos. Für die Richtigkeit der Angaben kann ich freilich nicht garantieren, denn niemand von uns ist bisher in der Küstenregion gewesen und hat die Verheerungen mit eigenen Augen gesehen. Was ich weiß, habe ich letztlich von anderen erfahren. Denn das ist wohl der Segen und auch der Fluch unserer Welt – nämlich dass wir alles wissen können, doch dass wir es von anderen erfahren müssen.

[Anmerkung: Die Bilder wurden von meiner Frau knapp zwei Wochen nach dem Beben aufgenommen.]

Erdbeben in Ecuador

Vorgestern Abend hat es in Ecuador ein starkes Erdbeben gegeben. Das Epizentrum des Bebens lag bei Muisne an der Küste in der Provinz Esmeraldas und es hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala (Esmeraldas ist die Küstenprovinz, die im Norden an Manabí grenzt). Die größten Zerstörungen sah man aber nicht in Esmeraldas selbst, sondern in Manabí. Wie man hört, sei die Stadt Pedernales dem Erdboden gleich gemacht worden. Pedernales liegt nur etwa anderthalb Autostunden nördlich von Bahía de Caráquez. Auch Portoviejo, die Provinzhauptstadt, sei stark in Mitleidenschaft gezogen: Etwa siebzig Prozent der Stadt sollen zerstört sein.

Man spricht inzwischen von Hunderten von Toten infolge des Bebens. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, doch schnelle Hilfe können die betroffenen Regionen nicht erwarten, denn die Straßen sind unpassierbar und schweres Räumgerät, mit dem man Eingeschlossene zu retten hofft, kann nur schleppend in die von der Katastrophe heimgesuchten Regionen verlegt werden: Viele der in den letzten Jahren gebauten Straßen wurden durch Verwerfungen, Risse und Bodenabsenkungen entweder vollständig zerstört oder über weite Streckenabschnitte für den Kraftfahrzeugverkehr unbrauchbar.

Die medizinische Versorgung ist unzureichend und Hilfe gelangt nur langsam an die Küste. Das ganze Ausmaß der Zerstörung und die genaue Zahl der Opfer sind noch nicht bekannt, aber es ist davon auszugehen, dass die Schäden beträchtlich sind. Man muss befürchten, dass die Zahl der Toten und der Verletzten sich noch weiter erhöhen wird, denn je mehr Zeit verstreicht und je weiter die Rettungsarbeiten vorankommen, umso vollständiger wird das Bild der Zerstörung.

Auch in Bahía hat das Erdbeben viele Schäden angerichtet: Einige Häuser sind zusammengestürzt und haben die Bewohner unter sich begraben. Die Katastrophe hat deutliche Spuren hinterlassen. Auf den Fotos, die über Facebook gepostet wurden, sieht man Trümmer in den Straßen liegen. Ich kenne Bahía recht gut und die Gebäude, die durch das Erdbeben zerstört wurden, sind mir bekannt. Auf vielen Aufnahmen sieht man Risse in der Fassade der Häuser und oft kerben sich regelrechte Spalten durch das Gemäuer; der Putz ist von den Wänden gefallen und nicht selten hat es Fenster und Türen aus dem Rahmen gedrückt. Manche der Gebäude haben Schlagseite bekommen und es scheint sicher, man wird sie abreißen müssen.

Noch ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer es in Bahía gegeben hat, aber zwei Dutzend Tote sind den ersten Schätzungen nach wahrscheinlich. Verglichen mit Städten wie Pedernales oder Portoviejo, die praktisch ausgelöscht wurden, ist Bahía jedoch glimpflich davongekommen. Die Stadt steht noch und ihre Einwohner sind am Leben. Doch es gibt Opfer zu beklagen, und jedes Leben, das in dieser schrecklichen Katastrophe verloren wurde, ist ein Leben zu viel, um das getrauert werden muss.

Das städtische Krankenhaus ist nicht auf die Aufnahme einer solch großen Anzahl von Verletzten vorbereitet. Wie man hört und wie man auf den neuesten Bildern sehen kann, hat man die Betroffenen provisorisch auf einem Platz vor der Klinik untergebracht. Dort warten sie erst einmal auf Behandlung, aber wegen des großen Andrangs kann es Stunden dauern, bis sie einen Arzt zu Gesicht bekommen. Auch die Toten hat man, mangels geeigneter Möglichkeiten, erst einmal abgelegt, wo sich gerade Platz fand.

Es gibt derzeit keinen Strom in der Stadt und die Versorgung soll erst in den nächsten paar Tagen wieder gewährleistet sein. Die Kommunikation bleibt schwierig, denn Mobiltelefone finden kein Netz – wahrscheinlich hat das Beben die Mobilfunkmasten in Mitleidenschaft gezogen – und Festnetzanschlüsse haben keine Verbindung. Man muss davon ausgehen, dass die Leitungen durch die Erdstöße gekappt wurden. Lediglich die Internetverbindungen scheinen die Katastrophe überstanden zu haben und so ist es möglich, dass Bilder und erste Nachrichten aus der Unglücksregion in die Welt hinausgelangen.

In der Familie meiner Frau, die größtenteils in Bahía lebt, gibt es glücklicherweise keine Opfer zu beklagen. Auch wurde niemand verletzt. Alle haben das Beben unbeschadet überstanden. Doch das Ereignis ging nicht vorüber ohne Augenblicke der Panik: Im Haus der Mutter meiner Frau hatte sich die Eingangstür durch die heftigen Erdstöße verklemmt und erst durch fremde Hilfe und unter rücksichtsloser Anwendung brachialer Gewalt gelang es schließlich, die Tür wieder zu öffnen. Auch die Tante meiner Frau wurde zunächst daran gehindert, aus dem Haus zu laufen, nachdem die ersten heftigen Erschütterungen vorüber waren. Das Tor lässt sich nämlich nur mit einem automatischen Türöffner, der sich in der Wohnung befindet, öffnen. Da es aber keinen Strom mehr gab, blieb das Tor geschlossen. Die Tante musste erst jemanden auf der Straße den Hausschlüssel aus der zweiten Etage zuwerfen und dieser Person gelang es dann, das Tor von außen aufzuschließen.

Die Großtanten meiner Frau – alle steuern stramm auf die Neunzig zu – pflegen sich jeden Abend vor dem Haus zu versammeln. Sie sitzen dann bequem in der Runde und lassen den Abend mit Geschichten vom Tage und fröhlichen Schwätzchen ausklingen. Oft schwatzen sie bis in die Nacht hinein und man kann es ihnen nicht verdenken, denn irgendetwas Interessantes, über das es sich zu reden lohnt, gibt es in Bahía immer. An diesem Abend war es nicht anders als an allen Abenden zuvor. Und als sie so gemütlich wie nichtsahnend vor der Haustür saßen, erzitterte plötzlich die Erde. Die Häuser schwankten wie Grashalme im Wind und eines der Gebäude, schräg gegenüber der Straßenkreuzung, an der sie sich immer zu versammeln pflegen, stürzte mit einem Mal wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Tanten blieben unverletzt, doch es war ein Glück, dass die Damen, die sich alle in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, die Aufregung so gut verkrafteten.

Bahía hat sich in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einem Urlaubsrefugium für gutbetuchte Serranos (das sind die Bewohner der Andenregion) entwickelt. An den Stränden der Stadt erkennt man sie immer am blassen Teint und daran, dass sie Socken in ihren Sandalen tragen. Die Stadt hat sich auf die zahlungsfreudigen Feriengäste eingerichtet: Über die letzten Jahre wurde das Angebot an guten Hotels und Ferienwohnungen deutlich ausgebaut und die anspruchsvolle Kundschaft weiß dieses Angebot zu honorieren, indem sie zum Beginn der Ferien immer in Scharen zur Küste pilgert. Findige Geschäftsleute wittern in dem Ferienboom das große Geschäft und nicht wenige würden ihre Seele verkaufen, um irgendwo an der Küste ihren eigenen Apartment-Komplex mit Blick auf den Sonnenuntergang in den Himmel wachsen zu sehen.

Einer jener Geschäftsleute suchte seine Chance in Bahía. An einem schönen Fleckchen, von dem aus man einen atemberaubenden Blick über den Pazifik hat, ließ er zwei Türme errichten, die einmal ein Hotel beherbergen sollten. Um das Projekt zu finanzieren, hatte der Mann sich bis über beide Ohren bei den Banken verschuldet und die Kreditgeber saßen ihm fortan wie eine Meute hungriger Wölfe im Nacken. Der Druck, unter allen Umständen erfolgreich sein zu müssen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen, setzte dem ehrgeizigen Bauherrn so sehr zu, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Doch er überlebte ihn und er überstand auch alle weiteren persönlichen und geschäftlichen Krisen. Am Ende schien es sogar, er würde als Triumphator aus der Schlacht hervorgehen, denn es gelang ihm nicht nur, den Bau zu vollenden, er verwirklichte auch seinen Traum: Seit zwei Jahren war das Hotel in Betrieb.

Dann kam das Erdbeben. Eines der Gebäude stürzte wie der Turm zu Babel zusammen und begrub seinen Eigentümer unter Tausenden Tonnen Stahl und Beton. Auch seine Schwester starb in der Katastrophe. Die Leiche des Hotelbesitzers hat man bisher noch nicht finden können, denn dazu bräuchte man schweres Räumgerät, das die Küste aber noch nicht erreicht hat, und man weiß auch nicht, wann es eintreffen wird. Man geht jedoch davon aus, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Meine Frau, meinen Sohn und mich erreichte das Erdbeben in unserer Wohnung in Cumbayá, in der Nähe von Quito. Für gewöhnlich stehe ich, wenn ich am Computer arbeite, und so merkte ich auch kaum, dass unser Haus ein wenig schwankte. Meine Sinne sind gegenüber einem Naturereignis wie einem Erdbeben, das in meinem Erfahrungsspektrum bisher nicht vorkam, noch kaum sensibilisiert und so ging alles an mir vorüber, ohne dass ich etwas bemerkte. Ich hätte auch später nichts bemerkt, wenn meine Frau nicht schreiend durch die Wohnung gerannt wäre: „Ein Erdbeben!“ Erst jetzt horchte ich auf. Unser Haus erzitterte ein paarmal sanft, dann war es auch schon vorbei. Der Hund machte vor Angst auf den Boden.

Wir gingen vorsichtshalber auf die Straße. In der Hektik hätten wir uns beinahe ausgesperrt – angesichts unserer mit Stahl armierten Hochsicherheitstür mit ihren drei Sicherheitsriegeln hätte eine solche unbedachte Flucht ein ernstes Problem bedeutet. Im letzten Moment griff ich mir aber den Wohnungsschlüssel und wir rannten durch das Treppenhaus nach unten. Zum Glück hatte ich wenigstens Hosen an, was nicht unbedingt selbstverständlich ist an einem Samstagabend, den man gemütlich in der Privatheit der eigenen vier Wände zu verbringen beabsichtigt. Meine Frau wickelte sich eine Decke um die Hüfte und sie sah nun aus wie eine Tahitianerin auf den Bildern Paul Gauguins. Man hätte sich ja auch eine Hose anziehen können, so viel Zeit wäre sicher geblieben. Aber so waren wir einige Sekunden schneller im Freien und das war alles, was im Augenblick zählte.

Vor der Tür erwartete uns ein kleines Häuflein junger Leute. Die meisten sahen genervt in die Gegend oder texteten gelangweilt in ihre Handys. Die anderen Bewohner der Anlage hatten es vorgezogen, in ihren Häusern zu bleiben und die Katastrophe dort einfach auszusitzen. Wir und die jungen Leute waren weit und breit die einzigen, die Sicherheit unter freiem Himmel suchten. Aber das will natürlich nichts heißen, denn vielleicht sind die anderen Häuser erdbebensicher gebaut und ihre Bewohner dürften sich deshalb mit Recht in Sicherheit wiegen. Wir warteten einige Minuten – es war bereits empfindlich kalt – und gingen dann zurück in die Wohnung. In unserer Urbanisation blieb es an diesem Abend ruhig. Den Rest erfuhren wir aus den Nachrichten.

Statt eines Fazits

Es ist traurig, Bahía in einem solch bemitleidenswerten Zustand zu sehen. Ich mag die Stadt. Sie ist mir über die Jahre ans Herz gewachsen wie auch ihre Bewohner. Bahía ist einer von nur wenigen Orten in Ecuador, an dem ich mir wirklich vorstellen könnte zu leben. Ecuador ist kein reiches Land und es steht zu befürchten, dass die Schäden, die das Erdbeben angerichtet hat, erst in vielen Jahren beseitigt sein werden. Die Regierung hat in der letzten Dekade große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur des Landes zu verbessern. Viele der neuen Straßen und Brücken, die man in den Küstenprovinzen unter großem Aufwand gebaut hat, sind nun zerstört.

Die Schäden werden nicht so schnell repariert werden können, wie dies in einem reichen Land wie etwa Deutschland mit seinem wirtschaftlichen Potential und seinen logistischen Fähigkeiten möglich wäre. Doch bei alledem darf man nicht vergessen, dass sich Straßen, Brücken und Häuser ersetzen lassen. Es mag zwar lange dauern, aber man kann neue Straßen bauen und neue Brücken und neue Häuser. Menschenleben aber sind unersetzlich und jedes einzelne Leben ist ein Verlust, der eine Lücke reist, die niemals geschlossen werden kann.

Bahía hat überlebt. Die Stadt steht seit vierhundert Jahren auf der Landzunge an der Mündung des Río Chone und in dieser Zeit hat sie so mancher Flut trotzen müssen, so manchem Sturm und so mancher Feuersbrunst. Und sie hat auch schon so manchem Erdbeben widerstanden. Bahía ist immer noch da, trotz aller Katastrophen, welche die Stadt über die Jahrhunderte heimgesucht haben, und der Überlebenswille ihrer Bewohner wird nicht zulassen, dass sie untergeht.

Ich bin zuversichtlich, dass Bahía auch diese Katastrophe überstehen wird, wie es schon alle vorangegangen Katastrophen überstanden hat. Und wenn die Toten begraben sind und wenn der Schutt in den Straßen beseitigt ist, werden die Leute auch wieder den Sonnenuntergang und das Leben feiern, wie sie es an jedem einzelnen Tag getan haben, seit die Stadt an den Gestaden des Ozeans steht. Die Toten werden nie vergessen sein, aber das Leben in Bahía wird weitergehen.