Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

In Trümmern

Welche Verwüstungen das Erdbeben angerichtet hat, sollten wir am Abend mit eigenen Augen sehen. Bahía liegt unter einem Hügel und als wollten die Bewohner der Stadt sich des Schutzes einer höheren Macht versichern, haben sie vor Jahren auf dem Gipfel einen Turm in der Form eines christlichen Kreuzes errichten lassen. Kostspielige Glaubensakte dieser Art lösen hierzulande keinerlei öffentliche Diskussion aus – die Atheisten sind hoffnungslos in der Unterzahl. Doch dem Monument mag weniger ein Glaubensbekenntnis zugrunde liegen als vielmehr der Wunsch, der Stadt ein Wahrzeichen zu verschaffen, das mehr Touristen auf die Halbinsel lockt.

Nach dem Beben ist „La Cruz“ (die Gegend rund um das Kreuz) weiträumig zerstört. Vor dem Erdbeben war die Bergspitze dicht bebaut, überall wohnten Familien, doch nun liegt alles in Trümmern, als hätte jemand eine Bauklötzerstadt mit ein paar mutwilligen Fußtritten zum Einsturz gebracht. Nicht ein einziges Haus hat die Erdstöße auch nur halbwegs aufrecht überstanden. Alles ist in einen riesigen Schuttberg verwandelt.

Schon auf dem Weg hinauf zur Spitze hatten wir Viertel durchquert, die allein aus Notquartieren zu bestehen schienen. Die Menschen dort leben in Zelten oder hausen in provisorischen Unterkünften, die aussehen wie große Metallschachteln. Das Leben spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Für Privatsphäre gibt es keinen Platz und selbst Intimstes wird oft nur durch einen Vorhang vor den Blicken der Straße verborgen. Als wir vorbeifahren, werden wir ungeniert begafft – außer Gaffen gibt es nichts zu tun und die Straße ist die einzige Sensation. Die Blicke sind mir unangenehm, denn sie scheinen mich zu fragen, wie es mir gut gehen kann, da sie doch leiden müssen.

Auf dem Berg finden sich nur noch Trümmer, von den einstigen Bewohnern keine Spur. Eine Treppe, die seeseitig auf die Anhöhe hinaufführt, ist in der Mitte gespalten, als wäre sie mit einer Axt zerteilt worden. Zudem hat sich der Beton gefährlich geneigt und wahrscheinlich hat nicht viel gefehlt, und alles wäre den Berg hinuntergerutscht. Das Kreuz selbst steht zwar noch als einsames Mahnmal der Zerstörung, aber die eiserne Treppe, über die man zur Aussichtsplattform hinaufsteigen konnte, hängt darin wie ein Pendel, das sich lose geschlagen hat: Ich kann sehen, wie die Konstruktion hin und her schwingt. Hochzusteigen wäre schierer Wahnsinn. Ein Spalt im Beton erweckt den Eindruck, um Haaresbreite wäre das Fundament mitsamt dem Turm und den Nebengebäuden als Trümmerlawine auf die Stadt gestürzt.

Meine Frau bricht in Panik aus, weil ich die Kamera noch immer offen sichtbar mit mir herumtrage. Doch hier oben ist niemand, der sie mir wegnehmen könnte. Wir sind allein. Ich begreife, es gibt keinen Grund, diesen Ort zu besuchen, denn alles, was man findet, sind Tod und Zerstörung. Ein Hund streunt einsam durch die Trümmer. Es herrscht eine Stille wie nach einer heftigen Schlacht; eine große Ruhe geht von dieser apokalyptischen Szenerie aus. Ich fühle mich wie ein Eindringling, denn ich habe den Eindruck, ich störe den Frieden, der sich gleich einem Leichentuch über diesen Schutthaufen gebreitet hat. Wir bewegen uns sehr vorsichtig und verlassen den Berg, so schnell wir können.

Begegnung am Kanal

Der Kauf eines Hauses will reiflich überlegt sein und bevor man solch einen Schritt wagt, sollte man sich gut informieren. Gucken ist unverbindlich und Fragen verpflichtet auch noch nicht zum Kauf. Aber man kann schon einmal eine Menge in Erfahrung bringen und manchmal ist so eine Besichtigungstour auch eine Gelegenheit, alte Bekannte wiederzusehen. Wir hatten gehört, dass der Sohn eines berühmten Einwohners der Stadt eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadtgrenzen errichten lasse. Unsere Neugier war geweckt und wir wollten uns einmal ansehen, wie so etwas aussieht. Wir ließen uns daher für eine Objektbesichtigung vormerken und fuhren hin.

Die neue Siedlung befindet sich einige Autominuten außerhalb von Bahía. In der Stadt selbst ist gutes Bauland in den letzten Jahren rar geworden und leere Baugrundstücke gibt es schon seit langem nicht mehr. Zwar hört man immer wieder, dass Leute verkaufen wollen, doch gerade in der jüngsten Zeit hat die Stadt eine Art Immobilienfieber befallen und jeder, der eine sechsstellige Zahl korrekt auf ein Blatt Papier schreiben kann, fühlt sich bemüßigt, unverschämte Forderungen zu stellen, sobald man fragt, wie viel sein Grundstück wohl koste. Ich weiß nicht, ob jemand diesen Leuten schon einmal Realitätsverlust attestiert hat – mittlerweile scheint der Grad der Wahrnehmungsverzerrung ein klinisches Stadium erreicht zu haben.

Die Preise sind geradezu abenteuerlich. Für dieselbe Summe könnte man sich in Berlin ein kleines, aber feines Apartment leisten. Doch Bahía ist nicht Kalifornien oder die Costa del Sol, ja nicht einmal Guayaquil. Es handelt sich immer noch um denselben winzigen Flecken am Rande des Pazifiks, dessen Einwohner vor gut zwanzig Jahren die erste Verkehrsampel bestaunten wie das achte Weltwunder. Manchmal glaubt man, die Leute seien nicht mehr bei Trost, wenn sie annehmen, jemand würde ihnen ihr winziges Grundstück mit einem alten Haus darauf tatsächlich für den Fabelpreis abkaufen, den sie sich in einer tropischen Mondnacht bei Zuckerrohrschnaps und Bier herbeiphantasiert haben.

Die neue Wohnanlage wird auf Brachland errichtet, außerhalb von Leonidas Plaza, der quirligen Vorstadt von Bahía. Das Grundstück ist überwältigend groß – an der längeren Seite misst es sicher an die zweihundert Meter – und wenn man am Eingangstor steht, fühlt man sich fast so klein wie ein Gesandter aus dem Barbarenlande vor den Pforten der Verbotenen Stadt. Die Straße führt direkt vor dem Tor vorbei, doch die Siedlung ist immer noch weit genug von der Stadt entfernt, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, man befände sich mittendrin.

Auf der gegenüberliegenden Seite grenzt die Anlage an ein Grundstück der Katholischen Universität. Diese Lehreinrichtung ist eine der besten privaten Hochschulen des Landes und wer hier studiert darf sich glücklich schätzen (und seinen reichen Eltern danken), denn allein schon der Besuch der berühmten Alma Mater stellt sicher, dass man sich nach dem Abschluss zur Elite des Landes zählen darf.

Das der Universität gehörende Grundstück ist noch vollkommen unerschlossen – das allgegenwärtige Grün wuchert uferlos bis zum Horizont – und da es sich zudem noch um ein Naturschutzgebiet handelt, besteht wenig Anlass zu der Befürchtung, dass sich daran jemals etwas ändern wird – also schöne Aussichten für Häuslebauer, die beim Morgenkaffee die freie Aussicht in die Natur genießen wollen. Ein gewaltiger Zaun aus armdicken Gitterstäben, wie man sie sonst nur im Zoo an den Gehegen der gefährlichsten Kreaturen findet, markiert die Grenze.

Nachdem der Wachschutzmann unsere Namen erfragt und uns eingelassen hat, können wir einen ersten Eindruck gewinnen. Überall in Bahía hört man über diese neue Wohnanlage reden. Wir spazieren ziellos umher, doch wirklich viel kann man freilich nicht sehen: Kaum mehr als ein Dutzend Häuser ist bis dato fertiggestellt, dazu stehen noch die Mustertypen, die man braucht, um Interessenten den Mund wässrig zu machen. Auch an Bäumen fehlt es noch: überall nur staubtrockene, kahle Erde. Der Ort erinnert sehr an eine Großbaustelle, auf welcher der Baubetrieb momentan zum Erliegen gekommen ist, weil der Investor gerade Konkurs angemeldet hat. Doch hier verhält es sich ausnahmsweise einmal anders.

Wir laufen gerade durch die Anlage und schauen uns die neuen Häuser und die ebenfalls neuen und schön gepflasterten Straßen an, als uns Rodrigo wie zufällig über den Weg läuft. Natürlich ist das kein Zufall, denn er bewohnt derzeit eines der Musterhäuser und selbstverständlich ist ihm unser Besuch vom Wachmann pflichtschuldig gemeldet worden. Rodrigo ist ein alter Freund – ich habe ihn 1992 zum ersten Mal getroffen – und sein Sohn ist der eigentliche Spiritus rector hinter dem Projekt, dessen erste Resultate wir gerade Gelegenheit haben, in Augenschein zu nehmen. Rodrigo ist mit einer alten Schulfreundin meiner Frau verheiratet und seinerzeit galt er, wie man hört, als der Schwarm von ganz Bahía. Er ist seit unserem letzten Treffen vor einigen Jahren deutlich gealtert, aber ja, er sieht immer noch gut aus, und zwar trotz der schweren Krankheit, von der er erst kürzlich genesen ist.

Rodrigo entstammt einer alten, einflussreichen Familie, die in der Gegend seit langem begütert ist. Ecuador, so könnte man glauben, ist voll von alten Familien und wohin man sich auch wendet, auf Schritt und Tritt begegnet einem irgend ein alter Titel, der seinem Träger Bewunderung und Vorrechte einträgt. Aber der Eindruck täuscht natürlich, denn es können immer nur wenige sein, die Vermögen und Privilegien unter sich aufteilen.

Doch man sollte nicht ungerecht sein: Gerade von Rodrigo wissen die Leute nur Gutes zu berichten. Man sagt, er hätte viele gute Dinge für die Stadt getan, und wer ihn kennt, möchte dies nur allzu gern glauben. Er ist dafür bekannt, dass er so manchem half, der in eine verzweifelte Lage geraten war. Und man weiß auch, dass er Freunde niemals im Stich lässt.

Nur zu oft begegnet man unter den Eliten dieses Landes jenem kalten Standesdünkel, der Distanz schafft zwischen den Welten der Besitzenden und der Habenichtse. Doch solches gekünstelte Gehabe liegt Rodrigo völlig fern; er ist immer ganz er selbst und man achtet und respektiert ihn gerade deswegen. Nie würde man erleben, dass er etwa mit seinen Angestellten anders verkehrte als mit Geschäftspartnern – ein Charakterzug mit Seltenheitswert. Menschenfreundlichkeit und Natürlichkeit prägen seinen Charakter und sie sind der Quell seiner Beliebtheit – etwas, das man beileibe nicht allen Angehörigen der Oberschicht nachsagen kann.

Rodrigo lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu führen. Während wir uns die Musterhäuser anschauen, erklärt er, dass, wenn alles vollendet wäre, einmal hundert Wohneinheiten auf dem Gelände stehen würden. Auch werde man bald die Begrünung in Angriff nehmen. Die Hauseigentümer könnten selber entscheiden, welche Bäume sie auf ihrer Parzelle gepflanzt haben möchten. Es sei auch möglich, die Farbe zu wählen, in der das Haus später erglänzen soll.

Es gibt drei Typen von Häusern; sie sind unterschiedlich groß und die Preise sind entsprechend gestaffelt. Die mittlere Variante spricht uns am meisten an. Das Haus verfügt über zwei Etagen und drei Schlafzimmer sowie über ein sehr großes helles Wohnzimmer und eine schöne Wohnküche. Überdies gibt es eine Garage, doch man könnte den Wagen auch einfach auf der Straße abstellen, denn die Anlage wir rund um die Uhr bewacht. Der Komplettpreis für solch ein Haus beträgt 85.000 Dollar und der erste Spatenstich erfolgt, sobald der Klient dreißig Prozent der Gesamtsumme angezahlt hat.

Rodrigo erläutert, dass beim Bau nur qualitativ hochwertige Materialien Verwendung fänden und dass man Techniken einsetze, wie sie etwa in Deutschland Standard seien. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Anlage einmal aussehen würde, wenn alles fertig wäre – wahrscheinlich kaum anders als eine propere deutsche Vorstadtsiedlung, in welcher der Mittelstand seinen Traum vom Glück verwirklicht hat: schnurgerade Reihen von Serien-Einfamilienhäusern mit schönen Einbauküchen und Carports; das Grauen als Mittelstandsidylle.

Hier in Ecuador, zumal in Bahía, fallen solche altbackenen Spießerträume auf fruchtbaren Boden. Die Leute sehnen sich geradezu verzweifelt nach der vermeintlich schönen heilen Welt des fernen Europa. Ein Haus, ordentlich in Reih und Glied neben anderen Häusern, von denen es sich auch beim dritten Mal Hingucken kaum unterscheiden ließe, hübsch herausgeputzte Vorgärten und argwöhnisch blickende Nachbarn sind für die meisten die Essenz des Glücks schlechthin und die unentbehrlichen Requisiten eines erfüllten Lebens. Jeder mag die Vollendung finden, die ihm beliebt.

Doch es gibt nicht viele Alternativen. In Ecuador findet man Landstriche von atemberaubender Schönheit und tatsächlich wäre es möglich, Land zu kaufen und sich ein Haus zu bauen. Man sollte vor solchen Utopien Reißaus nehmen. Trotz aller Veränderung zum Besseren prallen in diesem Land immer noch extreme soziale Gegensätze aufeinander und Gewaltkriminalität ist leider einer der bestimmenden Faktoren des Lebens. Solche Blütenträume von einem autarken Glück in der bezaubernden tropischen Landschaft würden dem Alltag nicht lange standhalten. Es bedarf nicht viel Phantasie, das Bild zu vervollständigen.

Die Wohnanlage verfügt über ein ausgedehntes Gemeinschaftsareal, das für alle Arten sportlicher Aktivitäten gerüstet ist: Es gibt einen Fußballplatz mit Kunstrasen, einen Tenniscourt, wie er selbst einen verwöhnten Profi zufriedenstellen würde, und einen großen Swimmingpool. Mitten durch die Anlage führt ein Graben von den Dimensionen des Panamakanals. Mir war keineswegs klar, dass es auf dem Areal der Siedlung Bewässerungsprojekte mit megalomanischem Anspruch gibt. Ein Brückenbogen mit einem gusseisernen Geländer im Jugendstil spannt sich anmutig über den Canyon.

Wenn alles erst einmal in das tropische Paradies verwandelt ist, das den Bauherren vorschwebt, wird man glauben, man wandle durch einen blühenden Lustgarten – oder so ähnlich. Rodrigo meint, das Gelände sei durch Überschwemmungen bedroht und um die Gefahr abzuwenden, habe man den Entwässerungskanal angelegt, ein Bauwerk von pharaonischen Ausmaßen. Ich frage mich, wie groß die Bedrohung wohl sein mag, wenn es eines mehrere Meter tiefen Kanals bedarf, um sie abzuwenden? Der Graben scheint geeignet, darin Mammuts zu fangen oder um als Deponie für den Müll der Stadt aus den letzten zehn Jahren zu dienen. Der Anblick verursacht ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wir plaudern noch ein wenig, wie man eben so plaudert, wenn man sich über die Jahre aus den Augen verloren hat. Über seine Krankheit spricht Rodrigo nicht, aber er meint, es sei nun alles wieder in Ordnung. Es gehe ihm gut. Zumindest ist er am Leben und das ist viel, wenn man den Gerüchten, die eine Zeitlang in Umlauf waren, Glauben schenken möchte.

Wir kommen schnell auf das Erdbeben zu sprechen, das Bahía wie die gesamte Küste getroffen hat. Auf einigen der Wege zeigen sich Verwerfungen und die Einfassung des Schwimmbeckens ist herausgebrochen, als hätte sie jemand mit dem Vorschlaghammer vorsätzlich herausgesprengt. Rodrigo zeigt auf eines seiner Musterhäuser, durch dessen Fassade sich ebenfalls Risse ziehen. Es sei jedoch nichts eingestürzt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt; die Statik wäre jedenfalls nicht betroffen. Vielleicht spricht das für die gute Bauausführung oder für die „deutschen“ Standards. Ich kann es nicht beurteilen.

Rodrigo verabschiedet sich. Er sieht aus, als hätte er eine Verabredung zum Tennis auf dem nagelneuen Platz in seiner Anlage. Er ist etwas schlanker als ich ihn in Erinnerung habe, aber er sieht sportlich aus. Er scheint ruhiger geworden zu sein und vielleicht auch gelassener. Augenscheinlich geht es ihm gut. Ich freue mich darüber von ganzem Herzen und ich gönne ihm seinen Frieden.

Wir sind natürlich neugierig und natürlich ist die Auskunft des Investors keinen Pfifferling wert, wenn man seinen Sachverstand nicht auch noch durch eine zweite Meinung stärkt. Der Cousin meiner Frau, einer der Eigentümer und Betreiber des „Buenavista Place Hotel“, kennt sich aus mit Immobilien – notgedrungen. Gerade in einer Gegend, die regelmäßig von Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, ist man auf kundigen Rat angewiesen.

Der Vetter stellt rundheraus in Frage, dass man durchgängig hochwertige Baumaterialien verwendet hätte, wie man behauptet, doch dass ein tiefer Flutgraben durch die Anlage verlaufe, sei einfach nur besorgniserregend. Wenn er zu entscheiden hätte, welcher der sicherste Platz für ein Haus sei, würde er eine Stelle wählen, die möglichst hoch liegt und vor allem möglichst weit entfernt vom Graben.

Zumindest wissen wir nun, dass der Graben kein stiller Wasserarm ist, der in einen Seerosenteich mündet, auf dem sich Liebespaare in Schwanenhalsbarken ein romantisches Stelldichein geben. Wir erfahren darüber hinaus, dass es die Wohnanlage schon seit vier Jahren gibt, aber erst der kleinste Teil der Parzellen sei verkauft. Vielleicht hat der Stillstand auf der Baustelle also doch etwas zu bedeuten. Ich kann es nicht wirklich glauben, dennoch will es mir nicht gelingen, die ungute hellseherische Ahnung abzuschütteln, die sich an mich klammert wie ein Alp.

Die Orte meiner Erinnerung

Alles ist noch viel schlimmer als zunächst angenommen. Man hätte sich damit abfinden können, dass Häuser eingestürzt und Straßen zerstört sind, aber wir hören hier in Quito von immer neuen Opferzahlen und von schrecklichen Tragödien, die einem das Herz zerreißen und die einen am Ende einfach nur sprachlos zurücklassen. Aber was könnten Worte auch ausrichten angesichts all des Schrecklichen? Es ist nur schwer erträglich, das Leiden und Sterben der Menschen mit ansehen zu müssen und nichts dagegen tun zu können. Doch Quito ist weit entfernt vom Ort der Katastrophe und das Leben hier geht seinen gewohnten Gang, nicht anders als in einer Stadt jenseits des Ozeans, zehntausend Kilometer entfernt.

Da man die Toten noch nicht aus den Trümmern hat bergen können, denn noch immer fehlt es vielerorts an schwerem Räumgerät, liegt mittlerweile der Geruch von Tod und Verwesung über den zerstörten Städten. Wer mit dem Leben davongekommen ist, muss jetzt ums Überleben kämpfen. Vielerorts gibt es auch Tage nach der Katastrophe kein Wasser, keine Nahrung und keine Hilfe für die Eingeschlossenen. Die Menschen sind auf sich selbst gestellt. Doch sie kämpfen nicht nur gegen die Unbilden der Natur, zu allem Unglück sehen sie sich fortwährend den Angriffen von Kriminellen ausgesetzt. Man hört immer wieder von Überfällen und es muss als wahrscheinlich gelten, dass gerade jetzt, da das Erdbeben nicht nur Häuser ins Wanken gebracht hat, sondern auch die öffentliche Ordnung, viele Verbrechen verübt werden, von denen man vielleicht nie erfahren wird.

Ich habe gehört, dass das „Bambú“ zerstört wurde. Gewissheit habe ich jedoch nicht, denn es fehlen noch immer verlässliche Nachrichten. Einige Anhaltspunkte geben Bilder, die jüngst über Facebook veröffentlicht wurden. Auf ihnen sieht man dort, wo das „Bambú“ einst stand, nur noch ein Trümmerfeld. Das „Bambú“ ist einer der magischen Orte auf der Landkarte meiner Erinnerung. Wir haben viele schöne Stunden dort verbracht und als ich hörte, dass es nun fort sein soll, fühlte es sich so an, als hätte man mir meine Erinnerungen gestohlen.

Es tut weh, Orte, die einem etwas bedeuten, einfach verschwinden zu sehen. Man empfindet es als unfair und ungerecht und wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, geben Betroffenheit und Trauer manchmal sogar dem Zorn nach. Aber wann hätte Zorn Dinge je wieder in Ordnung gebracht? Und wann hätte die Welt sich um Gerechtigkeit geschert? Welche Gerechtigkeit wird denen zuteil, die alles verloren haben? Und ist es etwa gerecht, dass so viele Menschen sterben mussten?

Man kann sich keine Vorstellungen von den Zerstörungen machen, die Canoa und auch die anderen Städte an der Küste heimgesucht haben. Canoa war immer ein fröhlicher Ort mit einem gewissen Laissez faire. In Canoa konnte man entspannt seinen Beschäftigungen nachgehen und niemand neidete einem sein Glück. Es fällt schwer zu glauben, dass das Glück diesen Ort für immer verlassen haben soll. Viele Urlauber sind unter den Opfern. Sie wollten nur ein paar schöne Ferientage in der Stadt und an den Stränden verbringen. Als das Beben kam, wurden nicht wenige unter den Trümmern ihrer Hotels, der Pensionen oder Restaurants, in denen sich sich gerade aufhielten, begraben.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das alles betroffen macht. Ich liebe die Costa und Manabí. Ich glaube, es täte mir unendlich weh, sehen zu müssen, dass vieles davon einfach ausgelöscht wurde als hätte es nie existiert. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Man kann so wenig tun. Die betroffenen Regionen werden wahrscheinlich noch während der nächsten Wochen und Monate mit den unmittelbaren Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben und es ist nicht abzusehen, wann die Menschen an der Küste wieder zu einem „geregelten“ Alltag zurückfinden werden. Alle Schäden zu beseitigen, wird aber gewiss noch Jahre dauern. Die Verheerungen sind zu schwer, als dass man eine schnelle Verbesserung der Situation erwarten könnte.

Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, dass die Menschen nicht den Mut verlieren, und ich vertraue fest darauf, dass im Angesicht der Not die Menschlichkeit und das Mitleid der Vielen die Oberhand über die Gemeinheit und Habgier der Wenigen behalten werden.