Wohnen in Cumbayá

Wir verbringen unsere erste Nacht in unserem Heim in Cumbayá. Noch ist die Wohnung fast kahl – außer ein paar Matratzen gibt es keine Möbel – doch schon am nächsten Tag sollen Sofa, Waschmaschine und Barhocker für unsere Küche geliefert werden. Herd und Kühlschrank sind schon da und müssen nur noch angeschlossen werden. Noch gibt es keinen Fernsehen, kein Telefon und kein Internet, so dass man das Gefühl hat, man sei von der übrigen Welt abgeschnitten. Ich könnte in ein Internetcafé gehen, aber das Haus, in dem wir wohnen, liegt in einiger Entfernung zum Zentrum von Cumbayá. Ich müsste erst ein Taxi nehmen oder den Bus, der zwar regelmäßig, aber nur in großen Abständen fährt. Aber eigentlich habe ich keine Lust und bleibe deshalb zuhause.

Für den Abend ist eine Mieterversammlung anberaumt. Das einzige Thema ist die Sicherheit. Abgesehen von der Sprache, merkt man, dass man sich nicht in Deutschland befindet, unter anderem sofort daran, mit welchem emotionalen Engagement hier Themen diskutiert werden. Zwischen den etwa zehn Personen, die sich in dem kleinen Gemeinschaftsraum der Wohnanlage versammelt haben, entspinnt sich sogleich eine lebhafte Diskussion. Da fliegen die Fetzen und manche der Anwesenden sind hochgradig erregt. Das Thema ist brisant, denn die Kriminalitätsrate ist in Ecuador ungleich höher als in Deutschland. Jeder, der etwas besitzt, ist in Gefahr, Opfer eines Überfalls zu werden, und ein Haus wie dieses zu bewohnen, ist für nicht wenige Leute hierzulande der Beweis, dass man reich ist. Erst neulich, so erfährt man, seien Unbekannte in das Parkgeschoss eingedrungen und hätten versucht, ein Auto zu knacken. Die Bewohner der Anlage diskutieren geschlagene drei Stunden, ehe ihnen schließlich die Puste ausgeht.

Sicherheit ist ein großes Thema. Alle Wohnanlagen in der Umgegend – auch unsere – sind mit Mauern, Elektrozäunen, Warnmeldern, Scheinwerfern und allen nur denkbaren Einbruchsicherungen versehen. Und es gibt tatsächlich etwas zu holen: manche der Anwesen sind überaus luxuriös ausgestattet, mit englischem Rasen, Pools, Pavillons und Gärten. Die Häuser sind ein Traum, mal ganz schlicht im Bauhausstil, mal ausladend postmodern oder klassisch im spanischen Kolonialstil mit wunderschönen Ziegeldächern und Brunnen vor dem Eingangsportal. Von außen wird der Blick durch hohe Mauern abgeschirmt.

Von der Straße aus betrachtet, machen selbst die luxuriösesten Anwesen kaum Eindruck auf den Betrachter. Understatement ist Teil der Strategie. Lediglich die Länge der vier Meter hohen Mauern gibt einen Hinweis auf die Größe des Grundstücks, aber nur, wenn sich zufällig einmal die Pforten öffnen, wenn etwa das Dienstpersonal zum Einkaufen geschickt wird oder die Gärtner ihre Arbeit verrichtet haben, kann man einen Blick ins Innere erhaschen. Zusätzlich zu allem technischen Sicherungsaufwand ist am Tor oft noch ein Wächterhäuschen aufgestellt, von dem aus der Mitarbeiter einer Wachschutzfirma den Eingang kontrolliert. Manch einer zieht gleich in eine Guarded Community, eine Wohnanlage mit Wachschutz. Ein Freund unserer Familie besitzt ein Haus in einer solchen Anlage. Das Prozedere ist etwas umständlich, aber Sicherheit geht bekanntlich vor: Man kommt nur hinein, wenn man dort wohnt oder von einem der Residenten eingeladen wurde. Der Posten fragt nach dem Namen und ruft den Bewohner an und erst, wenn dieser seine Zustimmung gibt, darf man hinein. Es muss ein wirklich demütigendes Erlebnis sein, durch die Sprechanlage hindurch abgewiesen zu werden.

Nach der abendlichen Versammlung kam noch ein Mann vorbei, um sich die Mängel in unserer Wohnung anzusehen (einige Griffe sind locker). Ich dachte erst, unser Besucher sei der Hausmeister, aber dann erfuhr ich, dass es sich um den Besitzer der Wohnanlage handelte. Dem Anschein nach war er noch keine vierzig. Auf dem Grundstück stehen mehrere Häuser mit insgesamt vielleicht zehn oder zwölf Wohneinheiten. Manche der Apartments kann man mieten, andere wurden verkauft. Man hört, dass eine Wohneinheit 150.000 Dollar kostet – dafür bekommt man hier schon ein schmuckes Haus, das auch nicht zu klein ist. Trotz des für ecuadorianische Verhältnisse nicht gerade einladenden Preises sind alle Einheiten verkauft und auf den Grundstücken nebenan wird eifrig an weiteren Apartment-Häusern gebaut.

Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.

Santo Domingo

Auf dem Weg nach Quito wollten wir einen Abstecher zu meinem Schwiegervater machen. Er wohnt in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Bahía und Quito, und er hatte uns eingeladen, ein paar Tage in seinem Haus zu verbringen. Am Ende blieben wir aber nur einen Tag und eine Nacht.

Der Busbahnhof von Bahía liegt etwas außerhalb der Stadt. Wir waren spät dran, denn es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, morgens um 7:00 Uhr ein Taxi in Bahía zu bekommen. Wir erreichten unseren Bus gerade noch rechtzeitig zum angezeigten Abfahrtstermin, nur um feststellen zu müssen, dass sich die Abfahrt verzögerte. So standen wir also mit unseren Koffern vor dem Bus und warteten, dass es endlich los ging. Zufällig fiel mein Blick auf einen der Reifen und mit einer gewissen Gleichgültigkeit stellte ich fest, dass von Profil keine Spur mehr zu sehen war. Sollte ich jetzt beunruhigt sein? Ich nahm es stoisch wie die Einheimischen.

Mit beträchtlicher Verzögerung fuhren wir von Bahía ab. Die Strecke führte in einem riesigen Bogen um die ganze Bucht herum und die Straßen in dieser Gegend waren in einem Zustand, wie ich ihn noch von damals, vor über zwanzig Jahren in Erinnerung habe: Weite Abschnitte waren ungepflastert und wenn doch, gab es mehr Löcher als Asphalt. Wir fuhren kaum schneller als dreißig und einige Stellen konnte der Fahrer nur im Schritttempo passieren, sonst hätte ihm der löchrige Untergrund womöglich die Achsen ruiniert. Unsere Route führte vorbei an Palmstrohhütten zwischen Bananen- und Mangobäumen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der kleinen, auf Stelzen errichteten Häuser elektrischen Strom hat oder über sauberes fließendes Wasser verfügt. Die Gegend wirkte, als wäre die Zeit vor über hundert Jahren einfach stehengeblieben.

Es dauerte nicht lange und wir kamen in Gegenden mit weit besser ausgebauter Infrastruktur. Die Straßen waren nun neu und in wirklich erstklassigem Zustand. Der Fahrer unseres Busses packte die Gelegenheit beim Schopfe und fuhr die Zeit, die er auf den schwer passierbaren Wegen verloren hatte, nun wieder herein. Wann immer möglich, kitzelte er das Letzte aus der Maschine heraus. Die Autopista schlängelte sich durch hügeliges Gelände und es schien für den Fahrer eine Frage der Ehre zu sein, die Kurven mit maximal möglicher Geschwidigkeit zu nehmen. Wie die Testdummies wurden wir in den Sitzen hin- und hergeschleudert. Ein paar Mal musste ich mich an der Lehne festhalten, damit ich nicht in den Gang fiel. Nach zwei Stunden rasanter Kurvenfahrt war mir schon ganz schwindelig und es war ein Wunder, dass sich niemand übergeben musste.

Während sich der Bus in die Kurven legte, lief das Ruhigstellungsprogramm für die Fahrgäste. Man zeigte „San Andreas“, einen Katastrophen-Blockbuster mit Dwayn „The Rock“ Johnson, der seine unglaublich muskulösen Arme gegen ein Erdbeben zum Einsatz bringt – oder wie auch immer. Der Film wurde nur kurz unterbrochen, als wir an einem Comedor stoppten, um zu Mittag zu essen. Es war dieselbe Kantine, bei der wir schon auf der Fahrt nach Bahía eine Rast eingelegt hatten. Nur die wenigsten der Fahrgäste bestellen etwas zu Essen. Die meisten saßen mit fahlen Gesichtern an den Tischen und nippten von ihren Getränken. Die Hochgeschwindigkeitsfahrt durch den Slalom-Parkour hatte ihnen den Appetit geraubt. Mein Sohn und ich gönnten uns ein Eiscreme-Sandwich und dann auch noch ein zweites, meine Frau aß ihren Lowfat-, Lowcarb-, Lowalles-Hähnchenschenkel mit viel, viel Salat. Nach kurzer Rast ging die Fahrt weiter.

Eine Stunde später trafen wir in Santo Domingo ein. Nur zwei Parteien verließen den Bus: wir (meine Frau, mein Sohn und ich) und ein junges Pärchen. Der Busfahrer setzte uns irgendwo mitten in der Stadt vor einer Tankstelle ab, stellte uns die Koffer vor die Füße, schwang sich in seinen Bus und sauste davon. Wir blieben etwas verwirrt zurück. Sollten wir nicht am Busbahnhof aussteigen? Es kann gefährlich werden, irgendwo längere Zeit mit Koffern herumzustehen. Meine Frau rief sogleich ihren Vater an und schilderte ihm die Misere. Schon wenige Minuten später holte er uns mit dem Auto ab und wir fuhren zu seinem Haus.

Mein Schwiegervater ist ein netter alter Mann. Viel haben wir nicht miteinander zu bereden, denn er spricht keine andere Sprache als Spanisch und meine Spanischkenntnisse sind so erbarmungswürdig gering, dass kein gescheites Gespräch zustande kommt. Meine Frau plaudert jedoch ununterbrochen und man hat den Eindruck, die zwei verstehen sich. Der Schwiegervater lädt uns zum Mittagessen ein und auch am Abend sind wir seine Gäste. Als weitgereister Mann hat er offenbar ein Faible für italienisches Essen. Zweimal müssen wir in Restaurants essen, die zwar teuer sind, deren authentische italienische Küche aber in Zweifel zu ziehen ist. Da man meinen Schwiegervater im Restaurant gut zu kennen schien, ging ich davon aus, dass er dort Stammgast ist. Ich lobte das gute Essen und beschränkte mich ansonsten aufs Biertrinken. Ich hielt mich an die einheimische Marke; das „Club“ ist sehr gut. Wein vertrage ich nicht so gut, obwohl es sich um eine Flasche guten chilenischen Weines handelte, den man uns an diesem Abend kredenzte.

Mein Schwiegervater wohnt irgendwo mitten in Santo Domingo. Ich hätte nicht sagen können, ob im Zentrum oder außerhalb, denn die Stadt sieht für meine Augen überall gleich aus. Es gibt keine Blickpunkte und keine Sehenswürdigkeiten. Noch vor fünfzig Jahren war Santo Domingo ein unbedeutender Flecken, kaum der Erwähnung wert, doch seither ist der Ort rasant gewachsen. Beim Bauen hat man mehr Wert auf Funktionalität denn auf Ästhetik gelegt – alles ist auf den rein praktischen Aspekt hin ausgelegt. In der Stadt gibt es keinen Ort, der das Auge erfreut oder der geeignet wäre, die Seele zu erquicken, um es einmal poetisch auszudrücken. Die Einwohner behaupten zwar steif und fest, ihre Stadt sei schön, doch der Durchreisende weiß es besser.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen. Seit die Kinder ausgezogen sind, wohnt mein Schwiegervater allein in seinem riesigen Haus. Eine Haushälterin sorgt mit nie nachlassender Energie dafür, dass die Zimmer so aufgeräumt und sauber sind wie die Intensivstation eines Krankenhauses. Unser Gastgeber hat zum Frühstück Bollos servieren lassen. Das ist ein mit Maní, also Erdnusspaste, versetzter Maismehlteig, der zusammen mit fettem Schweinefleisch in einem Bananenblatt gedämpft wird. Ich konnte nur so weit essen, bis mir das Fett glänzend und wabbelig wie Götterspeise entgegenkam. Die schlimmsten Erinnerungen meiner Kindheit kamen plötzlich wieder hoch. Der Appetit war mir augenblicklich vergangen. Ich entschuldigte mich damit, dass ich auf Reisen nie sonderlich Hunger hätte.

Von Santo Domingo aus fuhren wir mit einer Art Sammeltaxi zurück nach Cumbayá. Das ist zwar teurer als eine Reise im Bus, bietet aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man von Haustür zu Haustür gefahren wird. Zusammen mit dem Fahrer waren wir fünf, eine Frau aus Quito reiste mit uns zusammen. Als ich mich von meinem Schwiegervater verabschiedete, fragte er mich, wann wir wiederkommen würden. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht genau, wahrscheinlich in den Ferien. In diesem Augenblick war er nur ein einsamer alter Mann, der sich nach Gesellschaft sehnte.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Mal was Exotisches: Deutscher Kuchen

Meine Frau pries mich unter ihren Verwandten als den besten Bäcker. Sie hätte dies lieber nicht getan, denn zwar ist noch niemand an meinem Kuchen verreckt und ein gutes Weißbrot bekomme ich auch hin, mich aber als den besten Bäcker zu bezeichnen, ist doch gehörige Übertreibung. Noch ganz beschämt über so viel Ehre, entging mir, dass sie die Verwandtschaft sogleich zu einem Probebacken einlud, und die Leute waren natürlich erpicht darauf zu erfahren, wie man in Deutschland Kuchen bäckt. Alle freuten sich darauf und ich erst! Nicht, dass die hiesigen Hausfrauen mir Jahrzehnte an Erfahrung voraus hatten! Ich machte freundliche Miene und willigte schließlich ein. Jetzt war ich gefordert.

Selbst dann, wenn man schon Dutzende Male erfolgreich auf dasselbe Rezept zurückgegriffen hat, kann beim Backen immer etwas schiefgehen, zumal wenn man den Ofen und das Mehl nicht kennt. Und dies war nicht meine heimische Arena. Ich beschloss, etwas ganz Einfaches zu backen, einen Apfelkuchen mit einem simplen Rührteig. Schon beim Einkauf zeigte sich, dass es keine ganz einfache Aufgabe ist, das richtige Mehl zu finden, denn die meisten Mehle, die man im Supermark angeboten werden, sind zusätzlich mit Gluten gestärkt. Sie eignen sich zwar hervorragend zum Brotbacken, Kuchen werden aber schnell fest und bekommen eine gummiartige Konsistenz und niemand möchte Gummikuchen essen. Schließlich fanden wir dann eine Mehlsorte, die geeignet schien (es war auch zufällig die, welche die Hausfrauen für ihre Kuchen verwenden). Fehlten noch die Äpfel: Äpfel sind in Ecuador gewissermaßen etwas Exotisches. In Deutschland mag man Mango, Tomate de arbol oder Papaya als Exoten ansehen, in Ecuador ist es der Apfel. Bis vor ein paar Jahren gab es ausschließlich Importware aus Chile, die berühmten Manzanas chilenas. Mittlerweile findet man im Supermarkt aber auch Früchte aus einheimischer Produktion. Die Äpfel, die ich schließlich kaufte, waren relativ unansehnlich, aber anders als die Industrieäpfel aus Chile verströmten sie einen unverkennbaren Apfelduft – gesehen, gerochen, gekauft.

Besonders interessiert zeigte sich Ildara, die Frau des Onkels meiner Frau. Es war für sie eine Überraschung, dass ich Butter statt Margarine für den Teig verwendete. Ich finde, Butter schmeckt einfach besser und außerdem traue ich der Erfindung der Chemieindustrie nicht so ganz. Ich erwartete eigentlich nicht viel, denn ich kannte weder den Ofen, noch wusste ich, wie das Mehl reagieren würde. Deshalb war ich sehr gespannt, was am Ende herauskommen würde. Nach 45 Minuten holte ich den Kuchen aus dem Ofen – er sah spektakulär aus. Schnell noch mit passierter Marmelade bestreichen und etwas abkühlen lassen – da es zum Aprikotieren keine Aprikosenmarmelade gab, nahmen wir einfach Ananasmarmelade. Gespannt warteten wir, dass sich der Kuchen ein wenig abgekühlt hatte, um ihn zu probieren. Dann schien er endlich nicht mehr so heiß, dass man sich den Magen verdarb.

Was soll ich sagen – er schmeckte einfach phantastisch! Das hätte ich nicht erwartet. Die Äpfel waren pefekt: butterig weich und saftig, nicht zu süß, mit leichter Säure als Akzent. Der Teig war ein Traum, weich, locker und saftig mit unwiderstehlichem Butter-Vanille-Aroma. Ich war zufrieden und die anderen waren es auch. Der Kuchen erhielt viel Lob und war schneller aufgegessen, als man gucken konnte. Ein bisschen grummelte es in meinem Bauch, aber das war wohl zu erwarten, denn schließlich hätte niemand von uns genug Geduld aufgebracht, den Kuchen erst auskühlen zu lassen.

Straßenhunde

Die Hunde in Ecuador führen kein solch luxuriöses Leben wie ihre Vettern in Deutschland. In den Supermärkten gibt es kleine Abteilungen für Hundefutter, aber ich glaube nicht, dass es viele Leute hierzulande gibt, die bereit sind, so viel Geld für den besten Freund des Menschen auszugeben wie deutsche Frauchen und Herrchen. Im Supermarkt ist fast alles teuer; viele Produkte, die man aus dem Alltag kennt, kosten hier manchmal ein Vielfaches von dem, was man in Deutschland dafür berappen müsste. Da sind preiswerte Alternativen gefragt. Ich wundere mich, wie die Menschen bei solch horrenden Preisen überleben können. Da lernt man ganz schnell, sich einzuschränken – unsere Reisekasse leerte sich jedenfalls in Null-Komma-Nix.

Die Krone setzte dem aber die Erdnussbutter auf. Ich bin ein großer Fan der Erdnussbutter und wenn ich eine Zeitlang keine bekomme, werde ich wirklich traurig. Hier in Ecuador gibt es einige Gerichte, in denen Erdnüsse oder Maní (das ist der einheimische Name für Peanutbutter) Verwendung finden. Im Supermarkt suchte ich deshalb nach Erdnussbutter. Ich fand sie schließlich, aber der Preis zog mir fast die Schuhe aus – ein kleines Glas kostete an die sechs Dollar, dafür stand aber „Peanutbutter“ auf dem Etikett. Sechs Dollar für ein paar Erdnüsse? Die spinnen, die Ecuadorianer. Ich habe mir die leckere Creme dann später auf dem Markt gekauft. Ein Pfund hat nur einen Dollar und etwas gekostet. Der Händler hat sie mir mit dem Löffel in die Tüte abgefüllt. Aber ich schweife ab.

In Ecuador gibt es Straßenhunde, aber sie werden von den Menschen nicht etwa gejagt oder verscheucht, vielmehr lebt man in einer Art friedlicher Koexistenz. Niemand tut den Hunden hierzulande etwas zuleide, und sie fühlen sich so sicher, dass sie sich mitten auf der Straße zum Schlafen hinlegen. Niemand käme auf die Idee, sie aus dem Weg zu prügeln oder sie vom Platz zu jagen. Hundefänger sucht man vergeblich. Man lässt die Tiere einfach liegen; wenn es nötig ist, macht man einen Bogen. Dafür bellen und beißen die Hunde auch nicht – so lautet der Deal. Nur Hunde, die einen Besitzer haben, kläffen ununterbrochen, wie der Hund unserer Nachbarin in Cumbayá. Sie scheinen zu wissen, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen.

In Quito, mitten auf einem großen Platz vor einer Bank, sah ich einen Hund liegen. Erst dachte ich, er sei tot, denn ich konnte nicht erkennen, dass er atmete, und welcher Hund bei Verstand würde sich schon mitten auf einem belebten Platz zum Schlafen legen. Ich beobachtete ihn eine Weile und als ich absolut sicher war, dass er tot sei, ging ich hin. In diesem Moment hob er den Kopf, blickte dösig in die Runde, legte sich wieder hin und schlief einfach weiter. Niemand störte sich daran, dass der Hund ausgerechnet dort lag, wo Hunderte Menschen seinen Weg kreuzen mussten, und der Hund störte sich nicht an den vielen Menschen.

Direkt neben dem Haus in Bahía, in dem wir zeitweilig logieren, gibt es ein kleines Restaurant. Davor liegen immer zwei riesige zottelige Hunde. Der eine ist braun, der andere grau. Ich nahm zunächst an, die Hunde gehörten der Besitzerin, aber dann bekam ich mit, dass es sich um Straßenhunde handelte. Sie liegen den ganzen Tag auf dem Gehsteig, starren gelangweilt in der Gegend rum und sehen zu, dass sie irgendwo etwas Essbares ergattern können. Hundefutter aus dem Supermarkt haben sie wahrscheinlich noch nie zu fressen bekommen. Sie tun niemandem etwas – man kann wenige Zentimenter an ihnen vorbeigehen und sie nehmen keine Notiz davon. Man muss sie auch nicht wegscheuchen, wenn sie den Weg versperren, denn sie merken von allein, wann sie verschwinden sollen. Sie machen einfach Platz und trollen sich.

Einmal fuhr ein Pickup langsam an dem Restaurant vorüber. Der Fahrer hatte seinen riesigen schwarzen Hund auf die Ladefläche gesetzt. Sobald die beiden Lokalmatadoren den Eindringling bemerkt hatten, rasten sie wie wild auf ihn zu, versuchten, in den Pickup zu springen und den fremden Hund zu beißen. Der Pickup fuhr weiter, doch die beiden Platzhirsche verfolgten den Eindringling noch mehrere Blocks weit. Aus der Ferne konnte man sie noch lange Zeit belfern hören.

Badefreuden

Im Meer zu baden, scheint hierzulande ein Vergnügen für junge Leute zu sein, denn selten sieht man jemanden über vierzig ins Wasser steigen. Wenn ich mit meinem Sohn im Meer bade, bin ich fast immer der einzige Ältere, was wirklich merkwürdig ist, da das Baden ja keine körperlich anstrengende Tätigkeit wie das Schwimmen ist. Die älteren Strandgäste begnügen sich damit, träge im Klappstuhl zu sitzen und auf die Wellen zu starren, oder sie gehen allenfalls bis zu den Knien ins Wasser. Gemächliche Strandspaziergänge oder stundenlanges In-der-Gegend-Herumstehen scheinen die altersgemäßen Beschäftigungen zu sein. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Ich liebe das Meer und mir macht das Baden großen Spaß. Und ich werde bestimmt nicht damit aufhören, auch wenn man mich zu alt dafür findet.

Eine gewisse Zurückhaltung der Älteren ist auch bei sportlichen Aktivitäten zu beobachten: Wenn ich das Fitness-Studio besuche, bin ich in der Regel der bei weitem Älteste unter den Gästen. Das Durchschnittsalter scheint um die zwanzig zu liegen. Ältere Einheimische sieht man eigentlich nie Sport treiben. Die Frauen machen da allerdings eine Ausnahme: Öfter sieht man Frauen im fortgeschrittenen Alter am Strand walken oder eifrig Gymnastik im Park treiben. Neulich fragte mich ein Cousin meines Sohnes, wie alt ich sei. Ich nannte ihm mein Alter. Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit anerkennendem Gesichtsausdruck, ich sehe aber jünger aus, gerade so, als hätte er erwartet, einen Greis vorzufinden. Da haben sich die Workouts also doch gelohnt! Wo ist das nächste Fitness-Studio?

Canoa

Heute sind wir nach Canoa gefahren. Canoa ist berühmt für seine schönen Strände und für seinen entspannten Lebensstil – alles Merkmale, die den Reisenden mit einem Faible für das Exotische magisch anziehen. Der Ort selbst wirkt wie eine Hippiekommune aus den Siebzigern: Es gibt Surf- und Yogaschulen, die Straßen sind nicht gepflastert, viele Häuser sind aus Holz gezimmert und die windschiefen Behausungen verströmen einen unverkennbaren Heimwerkercharme.

Von Bahía aus gelangt man mit dem Auto in etwa dreißig Minuten nach Canoa. Die Straße führt direkt an der Küste entlang nach Norden; auf der Brücke überquert man die Bucht und gelangt zur anderen Seite, auf der schon San Vicente liegt. Dort hat sich in den letzten Jahren viel getan: Die Straßen sind gepflastert und es sieht so sauber und aufgeräumt aus wie nie zuvor. Eben ist man dabei, den großen Platz im Zentrum des Ortes mit verschiedenfarbigen Pflastersteinen auszulegen.

Da es schon spät ist und wir nicht von der Dunkelheit überrascht werden wollen, nehmen wir nicht den Bus sondern ein Taxi. Die Fahrt kostet acht Dollar, aber dafür halten wir auch nirgendwo an, was bei Busfahrten durchaus üblich ist. Der Fahrer gibt Gas, als gelte es, den Streckenrekord zu brechen. Wir fürchten schon, dass wir gar nicht ankommen, sondern irgendwo jenseits der Leitplanken enden, welche die nagelneue Autopista säumen. Doch dann gelangen wir doch noch wohlbehalten nach Canoa. Der Fahrer hat Schwierigkeiten, sich zu orientieren, weil es keine Straßennamen oder Hausnummern gibt, aber schließlich bringt er uns sicher ans Ziel: vor uns taucht das „Bambú“ auf.

Das Bambú ist ein Hotel mit einem angegliederten Restaurant. Wie der Name schon vermuten lässt, sind die meisten Häuser der Anlage und auch viele der Möbel aus Bambus gefertigt. Ein Holländer, der vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Ecuador kam, hat die Anlage praktisch aus dem Nichts aus dem Boden gestampft. In der Lobby des Hotels gibt es Fotos aus der Anfangszeit – damals gab es praktisch nur den Strand und Busch. Der Ort Canoa, wo sich heute einheimische Lebenskünstler und Weltenbummler treffen, war bloß ein kleines Fischerdorf. Es gab keine Surf- und Yogaschulen und nicht mal ein Restaurant. Über die Jahre hat der Besitzer die Anlage immer mehr erweitert, so dass jetzt neben dem eigentlichen Hotel mehrere niedliche Bungalows für den zahlungswilligen Gast bereitstehen. Dazwischen breitet sich ein größeres Areal aus, in dem der Hotelchef seine ganz persönliche Version vom Paradies realisiert hat: Unter Palmen schwingen Hängematten, die zum Ausruhen einladen. Die Vegetation ist tropisch üppig und das Ambiente erinnert an ein exklusives Resort. Das Hotel hat eine Veranda, von der aus man in einen schönen Garten blickt. Alles ist frei zugänglich, jeder kann kommen und die angenehme Atmosphäre genießen. Nirgendwo gibt es Absperrungen, was in einem Land wie Ecuador sehr verwundert. Oft sieht man den Besitzer irgendwo zwischen den Gästen liegen und ausruhen, als wäre er selbst nur ein Gast.

Meine Frau, die Neugierde in Person, sprach ihn an und verwickelte ihn schließlich in ein Gespräch. Sie wollte unbedingt mehr erfahren. Aber was soll man denn von einem Menschen, der alles hat, wissen wollen – ja, das ist sein persönliches Paradies; nein, er möchte nie wieder nach Holland zurück. Ich gönne ihm sein Glück und bin zugleich ein wenig neidisch.

Das Hotel beherbergt ein Restaurant gleichen Namens. Noch vor drei Jahren standen Tische und Stühle auf Sand, so dass man stets den Eindruck hatte, man befände sich in einer Strandbar. Man konnte die Füße im Sand vergraben und bei gutem Essen und ein paar Drinks wunderbar chillen. Inzwischen hat der Besitzer den Boden mit Steinplatten auslegen lassen. Alles wirkt nun etwas gediegener, seriöser, aber auch etwas konventioneller; der ursprüngliche Charme ist dadurch ein wenig gewichen, was dem Vergnügen aber keinen Abbruch tut, zumal der Gästeraum nach wie vor von einer Konstruktion aus Bambus und Palmstroh überspannt wird, wodurch er sehr anheimelnd wirkt und geradezu zum längeren Verweilen einlädt.

Das Bambú serviert seinen Gästen eine Reihe ausgezeichneter Gerichte. Sehr zu empfehlen sind die Shakes; die Shrimps in Erdnuss-Soße fand ich immer richtig lecker. Eigentlich bestelle ich sie jedes Mal, aber diesmal machten mir die Eingeweide einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich ist alles ziemlich gut. Was auch immer wir in der Vergangenheit bestellen, war immer von sehr guter Qualität und schmeckte hervorragend. Ein Ausflug nach Canoa lohnt sich auf jeden Fall – wegen der herrlichen Strände und wegen des guten Essens, das man im Bambú genießen kann.

Das Bambú ist übrigens bei Ausländern und Ecuadorianern gleichermaßen beliebt. Wer es sich leisten kann, kommt eigens von Bahía hierher, um im Hotelrestaurant zu essen und den schönen Strand zu genießen. Im Restaurant und an der Bar trafen wir dann auch die halbe Schickeria von Bahía, einschließlich Leo Viteris, eines Kanditaten für den örtlichen Wahlkreis. Meine Frau kennt ihn von früher und ich habe 1992 notgedrungen mit ihm Bekanntschaft machen dürfen, als er mich in seiner Klinik behandelte. Er schüttelte uns die Hand, als werbe er um unsere Stimmen. Wahrscheinlich befand er sich auf Wahlkampftour, jedenfalls begegnete uns sein Konterfei auf dem Weg nach Canoa an jeder Straßenecke. Während meine Frau allem und jedem ihre Aufwartung machte und sich mit größtem Eifer stundenlangem Geplauder hingab, gingen mein Sohn und ich an den Strand.

Das Meer war herrlich! Der Himmel war an diesem Tag zwar von einer dicken grauen Wolkenschicht überzogen und hin und wieder tröpfelte es ein wenig, aber es war warm wie in einer Waschküche und ein beständiger Wind sorgte dafür, dass unaufhörlich hohe Wellen gegen die Küste rollten. Es ist schön, sich in die Wellen zu werfen und seine Kräfte mit dem Ozean zu messen. Zwar verliert man immer, aber selten macht ein Kampf so großen Spaß. Als wir genug hatten und ermattet aus dem Wasser stiegen, schwebte ein Motor-Paraglider gemächlich über den Strand. In der straffen Brise, die vom Meer her wehte, konnte man den Motor kaum hören.

Auf der Rückfahrt nach Bahía hatten wir Gelegenheit, in Augenschein zu nehmen, was sich seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren verändert hat. Damals gab es auf der Strecke zwischen Bahía und Canoa noch jede Menge freies Land entlang der Pazifikküste. Mittlerweile ist vieles davon verkauft und die neuen Besitzer haben augenblicklich damit begonnen, Mauern um ihren soeben erworbenen Besitz zu ziehen. Man sieht schicke neue Einfamilienhäuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern. Wir fragen den Taxifahrer, wem das alles gehöre. Ausländer seien die neuen Eigentümer, meint er, Gringos zumeist, also Amerikaner, die sich hier häuslich eingerichtet hätten. Ein Stück weiter, auf einem malerischen Hügel mit Blick über den Pazifik soll eine geschlossene Siedlung für amerikanische Pensionäre entstehen. Weitere solcher Retortenstädte sind bereits geplant.

Zwar gibt es immer noch Land zu kaufen, aber die Filetstücke sind vergeben. Was noch zu haben ist, liegt meist ziemlich niedrig über dem Meer und würde von der ersten Flutwelle überspült werden. Das ist vielleicht der Grund, warum sich die Käufer zurückhalten. Manchmal führt die Autopista weniger als hundert Meter vom Strand entfernt an der Küste entlang. Dazwischen, eingezwängt zwischen Straße und Meer, gibt es noch Parzellen, die zum Verkauf stehen, aber ich frage mich, wer denn schon gern die Fernverkehrsstraße direkt in seinem Rücken haben möchte. An einigen wenigen Stellen fallen schöne Fleckchen Land ins Auge, die noch nicht vergeben zu sein scheinen, denn sie sind unbebaut: kleine Wäldchen wachsen darauf, durch die hindurch man direkt zum Strand laufen könnte. Ich fürchte, schon bald werden auch diese letzten Stücke Land an wohlhabende Ausländer verkauft sein. Die Einheimischen erzählen sich, die Gringos hätten rund um ihr neues Heim alles verfügbare Land aufgekauft und dann Mauern direkt bis zum Strand errichtet. Zwischen ihren Mauern haben sie nun ihren Privatstrand. Einheimische dürfen ihn nicht betreten. Bin ich der einzige, der das Verhalten dieser Leute abstoßend findet?

Mi Ranchito

Das Lieblingsrestaurant meines Sohnes ist das „Mi Ranchito“. Eigentlich handelt es ich dabei um gar kein richtiges Restaurant. Es ist eher ein Imbiss, den der Besitzer an einer Straßenecke eingerichtet hat: eine Hausecke wurde aufgefräst und in die entstandene Lücke hat man eine kleine Theke gebaut. Das „Mi Ranchito“ öffnet seine Pforten erst um 18:00 Uhr, aber von da an ist es immer so gut wie ausgebucht – zumindest in der Hochsaison, wenn die Erholungssüchtigen aus der Sierra nach Bahía strömen. Das Restaurant hat keinen Gastraum, Tische und Stühle werden jeden Abend direkt auf den Bürgersteig gestellt. Das beeinträchtigt das Geschäft nicht im Geringsten, denn in Bahía ist es immer so warm, dass man das ganze Jahr in Shorts und Flipflops herumlaufen kann. Die etwas strenge Kleiderordnung, wie man sie aus Quito kennt – lange Hose, geschlossene Schuhe, Hemd und Jacke – entfällt hier und selbst die Leute aus der Sierra, die als etwas steif gelten, entledigen sich gern ihrer Kleidung, um sie gegen das legere Freizeitoutfit einzutauschen.

Das „Mi Ranchito“ ist unschlagbar billig, aber die Leute würden nicht dort essen, wenn das Essen nicht auch gut wäre. Mein Sohn schwört auf die Tacos; sie sind satt gefüllt mit Fleisch und Guacamole und angesichts der Preise beschleichen einen schon Befürchtungen hinsichtlich der Herkunft des Fleisches. Der Taco kostet drei Dollar. Das ist nicht viel, aber dafür bekommt man eine wirklich gute Portion, so dass man gesättigt vondannen geht. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis hat nur noch die Hamburguesa, der Burger. Es gibt ihn in mehreren Variationen, den einfachen Burger bekommt man schon für schlappe 1,50 Dollar. Der Burger Mi Ranchito mit allem kostet 2,75 Dollar und dafür bekommt der hungrige Gast zwei Scheiben Fleisch, Gurken, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Ham, Käse und sogar noch ein Spiegelei obendrauf und das alles in einem wirklich leckeren Brötchen (keinem Industriebrot, wie bei den Burgerketten üblich). Und alles schmeckt wirklich frisch und knackig.

Das Spiegelei im Burger ist übrigens typisch ecuadorianisch, passt aber ganz hervorragend zu den anderen Zutaten. 1992 habe ich in Guayaquil, der quirrligen Hafenstadt am Pazifik, zum ersten Mal einen Burger mit Spiegelei genossen. Meine Frau hatte mir davon erzählt, aber ich konnte nicht glauben, dass man soetwas essen wolle. Ich erinnere mich, der Burger war so groß, dass ich ihn mit beiden Händen festhalten musste und dass ich ihn am Ende nur mit Mühe und Not geschafft habe, was aber an der Hitze gelegen haben mag. Und er war gut, richtig gut. Ich habe mir später in Berlin immer wieder Burger mit Spiegelei gebraten – nach einem harten Workout an den Eisen genau das, was der Körper braucht.

Die Hamburguesa im „Mi Ranchito“ hat etwa die Größe eines Doppelwhoppers, ist aber etwas höher und wird in einer kleinen Tüte serviert, so dass die Soße nicht auf die Finger kleckert. Der Hamburger schmeckt phantastisch, wie ein guter Burger eben schmecken soll: Das Fleisch ist saftig und der Käse zieht lange Fäden, wenn man hineinbeißt. Selten habe ich einen so guten Burger für so wenig Geld gegessen. Ginge es nach meinem Sohn, würden wir jeden Abend ins „Mi Ranchito“ gehen. Ich kann ihn gut verstehen.

Cocobongo

In Bahía gibt es ein Hostel mit Namen Cocobongo. Von außen wirkt es wie eine billige Hippie-Absteige, aber das Innere ist sehr gemütlich gestaltet und mit allem Traveller-Chic eingerichtet, den sich der Weltenbummler wünschen kann: Es gibt eine große Bar, Tische, Stühle, Hängematten und flauschige Sitzecken. Wie die Zimmer eingerichtet sind, kann ich nicht sagen, denn ich habe hier nie übernachtet. Das Cocobongo scheint einen gewissen Ruf unter Gringos und europäischen Reisenden zu besitzen, denn die Gäste des Hauses rekrutieren sich fast ausschließlich aus dieser Klientel. Es kann aber auch sein, dass die Reiseführer sich mangels geeigneter Scouts alle auf dieses eine Hostel als angemessene Unterkunft für den abenteuerlustigen Reisenden festgelegt haben.

Unter den Einheimischen genießt das Cocobongo den Ruf, dass sich hier bevorzugt Gringos tummeln. Vielleicht gibt es auch Ecuadorianer, die dort übernachten, aber ihre Zahl hält sich gewiss in Grenzen. Viele haben den Eindruck, dass die Gringos unter sich bleiben möchten, und den Kontakt zur Bevölkerung auf ein Minimum beschränken. Überhaupt, wenn man das Treiben eine Weile beobachtet, kommt man zu der Überzeugung, hier existiere eine Art Zweiklassengesellschaft: auf der einen Seite die oft wohlhabenden Gringos, die sich die Einheimischen möglichst vom Leib halten wollen (es sei denn, sie weisen die Attribute weiblich, jung, attraktiv auf) – auf der anderen Seite die Einheimischen, die mit einem Kopfschütteln kommentieren, was sich vor ihren Augen abspielt. Als ich eines Abend am Hostal vorbeiging, flätzten sich alte Männer an den Tischen vor der Bar und unterhielten sich auf Englisch.