Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Zwischen den Strömen

Unser ecuadorianisches Abenteuer ist beendet, doch die letzten Berichte harren noch immer ihrer Niederschrift. Die Wochen vor unserer Abreise waren so turbulent, dass fürs Schreiben einfach keine Zeit blieb. Ich habe mir fleißig Notizen gemacht, so dass ich mich auch jetzt – mir scheint, eine Ewigkeit ist seitdem vergangen – noch an jede Einzelheit genau erinnere. Zwar kann ich mir keinen einzigen Namen merken (dies schließt die engsten Angehörigen durchaus mit ein), was ich aber gesehen oder erlebt habe, klammert sich mit solcher Zähigkeit an mein Gedächtnis, dass ich nichts davon je wieder vergessen werde, ehe es niedergeschrieben ist. Dieser Pflicht, die zugleich ein Vergnügen ist, möchte ich nun nachkommen.

Wir erreichen den Río Napo bei Puerto Napo, einer Stadt, die nicht weiter der Erwähnung wert wäre, wenn nicht zufällig an dieser Stelle die Straße den Fluss überwinden würde. Es gibt nichts, was uns veranlassen könnte, zu verweilen und so folgen wir, kaum dass wir den Strom überquert haben, dem Lauf der zimtbraunen Wassermassen nach Osten. Die Fahrt führt entlang einer idyllischen Landstraße, die sich durch üppig wucherndes Grün schneidet, das den Fluss nicht mehr verlässt, bis er, Tausende Kilometer entfernt, in den Amazonas mündet.

Zu unserem Glück ist das Terrain flach, denn solange unser Wagen nicht gegen Steigungen ankämpfen muss und nur immer hübsch rollen darf, kommen wir gut voran. Dem Anschein nach ist die Straße erst kürzlich asphaltiert worden. Wir sind seit einem Jahr im Land unterwegs und über die allgegenwärtige Bauwut mag man sich schon gar nicht mehr wundern: In ihrem Bemühen, die Infrastruktur modernen Standards anzugleichen, hat die Regierung selbst in den entlegensten Regionen ganze Arbeit geleistet. Die Straßen sind so gut wie nur irgendwo in Europa und man muss schon weite Strecken fahren und dann auch nur die wenig bekannten Nebenrouten nutzen, um Straßenverhältnisse vorzufinden, wie sie in Ecuador noch vor zwanzig Jahren fast überall gang und gäbe waren.

Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch ein Meer von Grün erreichen wir Misahuallí. Das Dorf wird in jedem Reiseführer als naheliegendes Ziel für denjenigen Reisenden gepriesen, der sich einen Eindruck vom Amazonas-Tiefland zu verschaffen hofft, ohne sich deswegen gleich einer mehrtägigen Urwald-Expedition anschließen zu müssen. Der Ort liegt recht abgelegen am Zusammenfluss von Río Misahuallí und Río Napo. Doch die Zivilisation ist längst bis in die entferntesten Gegenden vorgedrungen, und auf den schönen neuen Straßen finden Ideen ihren Weg mittlerweile fast so schnell in die Köpfe der Menschen wie durch das Glasfaserkabel, das Außenposten wie dieses Dorf am Rande der Welt mit den Knotenpunkten des Lebens verbindet.

Ein wenig idyllisch ist es in Misahuallí dennoch, wenn man auch von dem eigentlichen Dorf absehen sollte, das in seiner Beliebigkeit den meisten Dörfern in Ecuador in nichts nachsteht. Doch Auswechselbarkeit bis hin zur Ununterscheidbarkeit scheint ein Kennzeichen unserer modernen globalen Kultur zu sein. Demgegenüber stehen die Annehmlichkeiten: In diesem Flecken mitten im Urwald kann man Eiscreme-Sandwiches essen und eisgekühlte Coke trinken. Ich kenne keinen Ecuadorianer, der da geröstete Maden bevorzugen würde. Immer wieder wird kolportiert, das fettreiche Ethno-Food sei der bevorzugte Gaumenkitzel in den Wäldern am Amazonas. Ich habe nie jemanden die possierlichen Tierchen essen sehen und man müsste schon tief in den Wald hinein, um ein Menü à la Amazonica aufgetischt zu bekommen.

Der Zauber Amazoniens offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Zu weit schon ist der Mensch in den Wald vorgedrungen, als dass sich das Geheimnis offen zeigte. Dieses Land will entdeckt, will erkundet werden. Seine Schätze ringt man ihm nur mühsam ab – ganz gleich, ob es sich um wertvolle Rohstoffe handelt oder um ein unbezahlbares Fotomotiv. Doch dort, wo die trüben Wasser des Río Misahuallí sich in den Río Napo ergießen, kann der Besucher gerade noch erahnen, wie das Leben im Oriente gewesen sein mag, lange bevor jemand auf die Idee kam, Reiseführer für verwöhnte Großstadtbewohner aus der Ersten Welt zu schreiben.

Der Parkplatz, auf dem wir den Wagen abstellen, ist fast leer – Touristen gibt es offenbar kaum. Der Parkplatzwächter nimmt die drei Dollar Parkgebühr entgegen und als er unsere besorgten Gesichter sieht, beteuert er, dass dem Wagen nichts geschehen werde. Wir sind optimistisch, denn es ist ja niemand da, der das Auto aufbrechen könnte.

Wir gehen über die Hängebrücke, die sich über die braunen Fluten des Río Napo spannt. Der Fluss ist an die hundert Meter breit und dennoch gilt er hier in Misahuallí, das am Oberlauf liegt, noch als schmal, verglichen mit dem gewaltigen Strom, als der er sich träge in den Amazonas wälzt. Die milchkaffeebraunen Wasser treiben schneller unter uns hindurch als ein Mensch gehen könnte. Man sieht die Strömung aus der Tiefe aufwallen wie Suppe in einem Kochtopf und an den Uferfelsen bilden sich rauschende Schleppen.

Bunte Kanus, deren Form an halbierte Chili-Schoten erinnert, ziehen mit Motorkraft unter uns entlang. Der Fluss ist nicht sehr befahren. Wäre nicht das Dorf, wirkte er geradezu verlassen. Bereits hinter der nächsten Biegung verliert man das braune, glänzende Band aus den Augen und der Río Napo verbirgt sich unauffindbar im schattigen Grün des Waldes. Wir kehren zurück ins Dorf, das sich gleich einem Keil zwischen die Flüsse drängt.

An der Landzunge zwischen den Strömen ruhen die Kanus auf dem flachen Sandstrand, gleichsam erschöpft von langer Fahrt. An diesem Tag gibt es kaum Besucher. Die Guides vertreiben sich derweil die Zeit bei ihren Booten. Freilich wartet man nicht mehr darauf, dass einem Fische ins Netz gehen wie in alter Zeit. Man hat es auf lohnendere Beute abgesehen: Touristen. Meist fährt man sie hinter die nächste Flussbiegung, wo die Wunder des Urwalds nur darauf warten, besichtigt zu werden – so jedenfalls lautet das Versprechen.

Kaum ein Dutzend Besucher verliert sich am Strand. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich bei allen um Ecuadorianer. Die meisten scheinen sogar aus der Gegend zu stammen. Einer der Bootsführer versucht uns auf sein Kanu zu locken (unter all den Einheimischen fallen wir natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund), aber eine Stunde auf dem Fluss ist nicht mehr als eine Stippvisite, die kaum der Mühe lohnt, und für eine längere Bootspartie reicht die Zeit wieder einmal nicht aus.

Man sollte keine zu hohen Erwartungen hegen – die Geheimnisse, die der Wald vor den Menschen verborgen hält, werden nicht enthüllt, nur weil der Reisende sich in ein Kanu bequemt, in dem er dann ein paar Hundert Meter den Fluss hinunterfährt. Die Ufer des Río Napo sind in undurchdringliche Vegetation gehüllt und die Wunder, die zweifelsohne darin zu finden sind, offenbaren sich nicht schon deshalb, weil man das ortsübliche Transportmittel benutzt. Der dichte Wald bietet den Bewohnern des Amazonas-Tieflandes zuverlässigen Schutz vor neugierigen Blicken – wer würde sich nicht verstecken, wenn ein Boot mit lärmenden Touristen nahte, von denen sich mindestens die Hälfte mit dem berüchtigten Selfie-Stick bewaffnet hat.

Der Sandstrand in Misahuallí schmiegt sich weich wie der Körper einer Frau zwischen die Schenkel der Flüsse. An der Mündungsgabelung schweift der Blick weit über die trügerisch stillen Wasser ehe er sich im Dunkel des Waldes verliert. In den Bäumen am Ufer leben langschwänzige Affen, welche die Sicherheit des Geästs nur verlassen, um den Touristen unter lautem Geschrei die Snacks zu stibitzen. Der Mundraub bleibt folgenlos für die Menschen, ich glaube allerdings nicht, dass unseren tierischen Verwandten das Menschenfutter wirklich gut bekommt, da es schon bei uns Gicht, Arthritis und Fettleibigkeit auslöst. Weiter den Río Misahuallí aufwärts sieht man badende Kinder, Pärchen mit Picknickkörben und Familien, die sich für einige unbeschwerte Stunden am Ufer eingerichtet haben. Dennoch wirkt der Strand verlassen, als seien die Menschen nur zu Besuch und als würden sie in Wahrheit gar nicht hierher gehören.

Wenn man dem kleinen Bruder des Río Napo stromaufwärts folgt, ist man schon nach kurzer Zeit ganz allein. Die dichte Vegetation saugt die letzten menschlichen Stimmen auf wie ein Schwamm. Doch Wald und Fluss sind nicht still. Man hört das Rauschen des Urwald-Stromes, dessen braunes Band sich behände über flache Kaskaden ergießt. Begierig, sich mit seinem großen Bruder zu vereinen, eilen die Wasser dem mächtigen Río Napo entgegen.

Eine Nymphe liegt still im warmen Sand, versunken in einen Traum. Eine Regenflut hat sie auf den Strand getragen und die Hitze ließ den Leib zerfließen wie den Gallertkörper einer Meduse. Nur der Abdruck im Sand erinnert den Besucher daran, dass der Fluss die Heimat von Wesen ist, deren Rechte weit älter sind als die des Menschen.

Paradies in Schokolade

Auf der Suche nach dem Schokoladenland: Wir rechneten damit, dass sich irgendwo hinter Nanegalito die Ausfahrt befinden müsste, die uns direkt nach Mashpi Shungo führen würde, ins süße Land der Schokolade. Aus der Karte, die auf dem Handzettel abgedruckt war, mit dem die Farm für sich warb, ging nicht klar hervor, ob man die Hauptroute vor oder hinter San Miguel de los bancos verlassen sollte. Wir entschieden uns für die Ausfahrt davor und wie üblich war es der falsche Weg: Der Asphalt verschwand schon nach wenigen hundert Metern und von jetzt an bewegten wir uns auf einer Schotterpiste, deren Zustand sich mit jedem weiteren Kilometer zu verschlechtern schien. Doch die Landschaft war ein üppiges tropisches Paradies, wie es den Visionen Henri Rousseaus entsprungen sein könnte.

Über die in sattes Grün getauchte Flur schweifte der Blick in einen scheinbar unberührten Garten Eden. Kolibris, schillernd wie Edelsteine, schwirrten auf der Jagd nach Blüten durch das Blattwerk. Oft kreuzten sie wie bunte Geschosse den Weg und ich fürchtete, sie könnten als Federknäuel auf der Windschutzscheibe enden. Doch sie waren viel zu flink; der trägen Maschine wichen sie mit artistischer Behändigkeit aus.

Die Straße wurde immer schlechter und der zerklüftete Untergrund schaukelte den Wagen derart auf, dass man fürchten musste, hinter der nächsten Biegung in den Büschen zu landen. Zeitweise kamen wir nur mit Schrittgeschwindigkeit voran. So unberührt uns das Land auch erschien, die Gegend war vollständig erschlossen und alle paar hundert Meter kamen wir an einem Tor vorbei, das zu einer Finca führte, deren Herrenhaus sich irgendwo im Hügelland unter undurchdringlichem Grün verbarg.

Eigenartigerweise trugen die Farmen in dieser Gegend ausschließlich englische Namen. Wir fragten später in Mashpi Shungo, was es damit auf sich habe – wir vermuteten, dass Amerikaner das Land gekauft hätten –, und man bestätigte uns, dass der Boden in dieser Gegend tatsächlich im Besitz von Ausländern sei. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, was man in der lähmenden Beschaulichkeit zwischen Orchideen und Kolibris mit seinem Leben anfangen könnte, aber paradiesisch schön muss es sein.

Irgendwann verloren sich die Reste der Straße im dichten Urwald. Unser Weg war nur noch ein Pfad. Eine dicke Laubschicht bedeckte den Boden. Man konnte den Verlauf der Straße nur deshalb noch vage ausmachen, weil dort keine Bäume wuchsen und der Wald gleichsam Spalier bildete. Durch das Halbdunkel unter dem Kronendach führte ein Fluss und irgendwann standen wir ratlos an seinem Ufer. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo wir uns befanden.

Unten am Wasser waren Männer damit beschäftigt, tote Baumstämme zu zersägen. Wir fragten sie, ob man auf dieser Straße nach Mashpi Shungo komme, aber sie meinten, die Straße sei hier zu Ende – man konnte es unschwer erkennen. Wenn wir weiter nach Norden wollten, müssten wir die Ausfahrt hinter San Miguel de los bancos nehmen. Wir drehten und fuhren zurück. Der Wagen war mittlerweile von oben bis unten mit Schlamm besudelt. Wer uns sah, musste glauben, wir wären gerade von einer amphibischen Expedition durch das Amazonas-Delta zurückgekehrt.

Mit dem nördlichen Abzweig hatten wir mehr Glück. Die Straße war so schön asphaltiert wie in einem Werbeprospekt der BVG und tatsächlich verkehrte sogar ein Bus auf der Strecke. Wir fuhren vorbei an purpurnen Bananenstauden und Bambusdickichten, deren Halme wie gotische Säulenbündel in den Himmel strebten. Die Kronen fächerten zu wahren Gewölben aus. Die Straße wand sich in unzähligen Kurven durch die hügelige tropische Landschaft. Es waren kaum Menschen unterwegs und außerhalb der kleinen Dörfer sah man niemanden. Einmal kamen wir an einen Fluss. Die Wasser rauschten über Stromschnellen ehe der Wald sie wieder verschluckte.

Nach Mashpi Shungo führte ein weiterer Abzweig. Die Straße war nun nur noch ein enger Schotterweg, den man am besten mit einem geländegängigen Fahrzeug befuhr – schade, dass unser Wagen keinen Allradantrieb hatte. Trotz des erbarmungswürdigen Zustandes der Wege und obwohl die Gegend so abgelegen war, sah man plötzlich erstaunlich viele Fahrzeuge. Die meisten, die uns begegneten, schienen hier Besucher zu sein wie wir.

Manche fuhren Autos, wie sie für die Stadt geeignet waren. Diese Urwaldpiste zu befahren, stellte aber ein nicht geringes Wagnis dar. Bei der kleinsten Bodenwelle setzten die Wagen auf und oft blieben sie sogar hängen. Die Fahrer setzten zurück und versuchten es so oft, bis sie schließlich einmal Glück hatten. Das schabende Geräusch ließ nichts Gutes erahnen und die nächste Durchsicht wird vielleicht keine erfreulichen Nachrichten bringen. Ich würde auf jeden Fall nachschauen, ob sich über Nacht ein Ölfleck unter dem Wagen gebildet hat.

Die Straße führte direkt am Ufer des Río Mashpi entlang. Von einer Anhöhe aus, die wie die Tempelpyramide einer untergegangen Kultur über das Kronendach des Waldes emporwuchs, konnte man auf den Fluss blicken. Der Strom kerbte sich wie eine regennasse Allee durch das dichte Grün. In der Ferne, dort, wo das Band des Flusses fast schon wieder vom Wald verschluckt wurde, sah man Badende. Das Bild erinnerte mich an eine Szene aus „Die Mission“ und ich verspürte augenblicklich Lust, im nächsten DVD-Shop eine Raubkopie zu erstehen.

Hin und wieder sah man Leute am Ufer picknicken und Badenden begegnete man mehr als einmal. Eine Hängebrücke überspannte das träge Gewässer, doch der Eigentümer der Finca auf der anderen Seite verbat sich unbefugtes Betreten: Ein Schild machte unmissverständlich klar, dass Besuch nicht erwünscht sei. Auf dem jenseitigen Ufer gibt es keine Straßen und die Bewohner der Häuser, deren Dächer allenthalben aus der dichten Vegetation hervorschauen, müssen erst den Fluss überqueren, wenn es sie danach gelüstet, wieder einmal die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu genießen. Blattschneiderameisen nutzten das Werk des Menschen und transportierten ihre wertvolle Fracht zu den Kolonien am anderen Ufer.

Man findet den Eingang zur Finca nicht leicht, denn anders als die durch ein Heer von Sicherheitspersonal, durch Schranken, Mauern und Stacheldraht gesicherten Wohnanlagen der Städte gibt es hier oft nur ein unscheinbares Tor, das man manchmal sogar erst im Dickicht suchen muss. Nirgendwo finden sich Namensschilder und man sieht auch keine Wächter, die einem verraten könnten, ob man an der richtigen Adresse ist. Es hat den Anschein, man verzichtet auf Sicherheitsmaßnahmen, was in diesem von Kriminalität schwer gebeutelten Land recht seltsam anmutet. Das Tor zur Finca war nicht abgeschlossen und jeder hätte das Grundstück unbeobachtet betreten können.

Ich glaube aber, die Gegend ist zu abgelegen, als dass man unerwünschten Besuch fürchten müsste. Hier, in der spärlich bevölkerten Landschaft des Noroccidente kennt ohnehin jeder jeden und Fremde würden da natürlich schnell auffallen. Außerdem führen die Leute immer eine Machete mit sich – ein unentbehrliches Arbeitsmittel auf dem Feld wie im Wald. Man sollte die Bewohner dieses Landstrichs nicht reizen, denn wenn es sein muss, erweisen sie sich als sehr geschickt darin, dieses einfache Arbeitsgerät als Waffe einzusetzen. In alter Zeit wurden mit der Machete blutige Kämpfe ausgetragen.

Als wir die Finca endlich erreichten, schickte man sich gerade an, Schokolade zu verkosten. Die Führung hatten wir versäumt, aber von der Schokolade wollten wir unbedingt eine Kostprobe. Es war aber nicht weiter schlimm, dass wir nicht an dem Rundgang teilgenommen hatten, denn nach der Verkostung erhielten wir die Erlaubnis, uns auf eigene Faust auf dem Gelände umzusehen.

Die Verkostung fand im kleinen Kreis statt – kaum mehr als ein halbes Dutzend Interessierter hatte sich eingefunden. Präsentiert wurden Handwerksschokoladen, die ohne den in der Industrie üblichen Emulgator Lezithin auskommen und auch ohne Milchpulver. Stattdessen verwendet man ausschließlich hochwertigen Kakao, Kakaobutter und Rohrzucker. Obwohl es sich um dunkle Sorten handelte, schmeckte die Schokolade erstaunlich mild, fast wie Vollmilchschokolade. Durch den hohen Kakaoanteil hatte die Schokoladenasse allerdings nicht die typische cremige Textur der Vollmilchsorten.

Manche der Schokoladen hatten Fruchtfüllungen. Die Früchte, aus denen man sie herstellt, waren mir so wenig bekannt wie das Obst von einem fremden Planeten. Nach Auskunft der Kakao-Farmerin, welche die Verkostung leitete, wächst alles, was man verarbeitet, in der Gegend. Eine Sorte war mit einer Creme aus dem Fruchtfleisch der Kakaoschote gefüllt (das ist die dicke, fleischige Haut, welche die Kakaobohnen umhüllt). Ich hatte die Pulpa schon einmal probieren dürfen, aber erst in der Schokolade erfuhr das säuerlich-fruchtige Fleisch seine wahre Bestimmung.

Ein junges amerikanisches Pärchen fand sich unter den Gästen der Finca und die beiden bestaunten die Schokoladentafeln, als gäbe es so etwas nicht in amerikanischen Supermärkten. Zugegeben, Sortenschokoladen aus Edelkakao muss man lange suchen und solche exquisiten Genüsse, wie die Farm sie offerierte, findet man sicher nicht bei Walmart. Doch es gibt in den Staaten Bio-Supermärkte, die alles in den Schatten stellen, was sich der visionäre Bio-Weltverbesserer aus Deutschland in seinen kühnsten Träumen ausmalen könnte. Es würde mich keineswegs verblüffen, wenn man dort Manufaktur-Schokoladen aus Mashpi Shungo fände. Das Pärchen staunte aber die Schokolade an, als hätte es den Stein der Weisen gefunden. Man war so angetan, dass man gleich ein Dutzend Tafeln kaufte. Wir nahmen auch ein paar mit, aber einige sollten nicht den Abend erleben.

Die Finca ist ein riesiges Gelände, welches mit einem Wald aus Kakaobäumen bepflanzt ist. Allenthalben sieht man Kakaoschoten in allen Reifegraden im Geäst hängen – grün, gelb, rot. Das Hauptgebäude ist eine luftige Lodge, die sich in die Höhe reckt, als wollte sie dem allerorten wuchernden Grün entrinnen. Überall leuchten Blütenstauden in einem geradezu wollüstigen Rot aus dem Blätterwerk.

Wenn man durch den Kakaowald streift, hat man das Gefühl, man sei in einer Art Paradiesgarten. Wohin man blickt, ist spießende Vegetation. Blätter und Blüten treiben so mannigfaltig und farbenfroh aus, dass man nie satt wird, das betörende Gemisch aus Formen und Farben in sich einzusaugen. Ich stelle mir vor, so müsse Macondo ausgesehen haben, bevor es sich unauffindbar im Urwald verlor. Im dichten Wald begreift man, dass die Menschen von der Natur nur auf Zeit geduldet sind und lassen sie in ihren Anstrengungen nach, holt sich die lebenstolle Wildnis zurück, was ihr gestohlen wurde. Aber so lange es Liebhaber der Schokolade gibt, wird die Farm wohl Bestand haben. Jedenfalls wäre zu wünschen, dass noch recht viele Menschen dieses Paradies in Schokolade besuchen.

Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.