Berlin – Bahía: ein Jahr, ein Tag

Berlin im August 2017. Meine Frau ist für einen längeren Erholungsurlaub nach Ecuador geflohen zurückgekehrt – ein Jahr an der Spree reichte aus, um unser Nervenkostüm bis an den Rand der Belastbarkeit zu strapazieren. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht wünschte, an den Pazifik zurückzukehren. Zumindest für einen von uns hat sich dieser Wunsch erfüllt.

Berlin kann einen wirklich fordern. Der Alltag hat einen fest im Griff, aber Flucht ist ebenso ausgeschlossen wie Erlösung. Man ist bloß noch ein winziges Rädchen in der mehr oder weniger gut geölten Maschinerie des Lebens oder was man dafür halten mag. Der Daseinszweck beschränkt sich darauf zu funktionieren. Aber selbst Maschinen müssen hin und wieder in die Werkstatt. Menschen brauchen so etwas nicht: Wie Rädchen drehen sie sich so lange, bis sie kaputtgehen.

Und die Leute? Mit guten Manieren kommt man in Berlin nicht weiter und ohne es zu merken, hat man schlechte Laune, die hier in der Stadt chronisch ist und so verbreitet zu sein scheint wie die Schwindsucht bei Victor Hugo. Schon bald gebärdet man sich genauso ruppig wie der Rest der Stadt, dabei will man doch einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Meine Frau hat dem Verdruss Lebewohl gesagt und ist in freundlichere Gefilde ausgewichen. In Bahía empfängt sie tropisches Laissez faire und die Geruhsamkeit eines Alltags, der an einen Bingo-Abend in der Seniorenresidenz erinnert. Bahía ist ruhig, sehr ruhig, jedenfalls gerade ruhig genug, um den gereizten Nerven die dringend benötigte Ruhepause zu gönnen.

Aus der Stadt am Pazifik gibt es gute Neuigkeiten zu vermelden: Nach dem Erdbeben ist Bahía auf dem besten Weg, zu altem Glanz zurückzufinden. Das muss man nicht ganz wörtlich nehmen, denn die Stadt war nie der Ort, der seine Besucher zu beeindrucken suchte. Die gravierendsten Schäden sind beseitigt, wenn es auch sicher noch Jahre dauern wird, bis alle Wunden geheilt sind, aber alles deutet darauf hin, dass es allmählich wieder bergauf geht mit der Stadt am Pazifik.

Das Leben ist auf die Straßen zurückgekehrt. Die Strandpromenade füllt sich wie vordem mit sonnenhungrigen Touristen, die Zahl der Übernachtungen steigt und die Bars und Restaurants verzeichnen endlich wieder höhere Umsätze. Das Stadtbild wirkt entschieden verändert, da die meisten der himmelstürmenden Hoteltürme eingestürzt sind oder abgerissen werden mussten – Grund genug, einen Neustart zu wagen. Und die Menschen haben neues Selbstvertrauen geschöpft und vor allem haben sie Zutrauen in die eigene Kraft gewonnen: Schon beginnt man sich zu organisieren, um der schwächelnden Stadtverwaltung mit Elan und Eigeninitiative unter die Arme zu greifen. Bahía, die Stadt am Pazifik, nimmt das Schicksal in die eigenen Hände.

Henry´s Sports Café, das Etablissement meines amerikanischen Namensvetters, profitiert von dem allgemeinen Aufschwung. Das Beben hat alle Gebäude an der Wasserfront einstürzen lassen – bis auf Henrys Café. Und so eröffnet sich dem Besucher der Location seit Neuestem ein phantastischer Blick über den Mündungstrichter des Río Chone und über den Pazifik – sicher ein Grund mehr, Henry einen Besuch abzustatten und im Genuss der göttlichen French Toasts zu schwelgen, die der allzeit entspannt wirkende Chef mit eigener Hand zubereitet.

Wie man hört, haben sich die Geschäfte spürbar belebt, und zu wünschen wäre es Henry, denn schließlich hält man eine Durststrecke, wie sie die Stadt nach der Katastrophe erlebte, nicht ewig durch. Sicher wird man nun wieder das eine oder andere Craftbeer ausschenken (ich liebe false friends: Kraftbier) und vielleicht wird das eine oder andere davon auch einmal über den Durst getrunken werden (oder schlecht gewesen sein, zumindest das letzte). Ich hoffe, die lustigen Hörnerhelme stehen noch immer auf dem Tresen, damit man sich im Falle eines Schamversagens auch einmal so richtig lustig danebenbenehmen kann.

Dany´s Gym, das coolste Fitnessstudio in ganz Bahía (und in Ecuador und überhaupt), hat seine Pforten nach wie vor geöffnet. Der leistungswillige Eisenjünger und die rekordaffine Extrem-Athletin sind jederzeit willkommen, aber genauso alle anderen, auch wenn sie nicht den Wunsch verspüren, in jedem Training über sich hinauszuwachsen, sondern einfach nur gut trainieren möchten. Und gut trainieren, das kann man in Dany´s Gym in der Tat (und manchmal auch über sich hinauswachsen).

Der Besitzer hat übrigens bei mir anfragen lassen, ob ich 110-Pfund-Hanteln hätte (das sind ca. 50 kg). Er wolle sie für sein privates Training kaufen. Meine eigenen lassen sich aber lediglich mit läppischen 35 kg beladen und so kam das Geschäft nicht zustande. Was man mit 50-Kilo-Kurzhanteln anstellen kann? Bankdrücken fiele mir ein, fünfzig Kilo auf jeder Seite, aber sonst? Ich könnte damit freilich noch Curls machen, einarmig, versteht sich, aber nur, wenn ich gut aufgewärmt bin …

Ich beneide meine Frau nicht oft, denn alle offensichtlichen Vorzüge, die sie im Vergleich zu mir hat, und alle lobenswerten Eigenschaften, die sie besitzt und die mir dagegen vollkommen abgehen, werden mehr als aufgewogen durch den Umstand, dass sie Lehrerin ist. Das wiegt schwer. Doch um eines beneide ich sie ganz sicher, nämlich darum, dass sie nun in Bahía ist, wo ich doch im Berliner Sommer (Kann es einen größeren Euphemismus geben?) ausharren und darauf hoffen muss, dass wir wenigstens einen goldenen Herbst bekommen. Ich höre mich schon an wie mein eigener Opa!

Ich gönne ihr die Zeit in ihrem Refugium der Ruhe und des Friedens und ich wünschte, ich könnte bei ihr sein. Oceano pacífico bedeutet wörtlich „Friedlicher Ozean“ und friedlich geht es in Bahía fürwahr zu. Ich wünsche ihr, dass sie genug Kraft schöpft für ein ganzes langes Schuljahr. Ich wünsche ihr außerdem, dass sie die letzte Etappe ihrer Reise, gewissermaßen den Gipfelsturm ihrer Tour um die halbe Welt unbeschadet übersteht: den Shopping-Marathon in Miami. Merkwürdig, aber der verregnete Berliner Sommer will mir mit einem Mal viel angenehmer erscheinen. Ich weiß auch schon, mit welchem Satz sie in die Tür fallen wird: Ich bin vollkommen erschöpft.

[Anmerkung: Alle Bilder in diesem Post wurden im August 2017 aufgenommen. Auf manchen liegt ein weicher Schmelz, als wäre die Aufnahme durch einen Filter gemacht worden. Wahrscheinlich war aber die Linse bloß mit Sonnencreme verschmiert.]

El país de los locos

Als wäre Titan ein Kosmonaut vor einer wichtigen Weltraummission, besuchen ihn am Abend vor dem Start seine zwei Leibärzte. Man überzeugt sich ein letztes Mal, dass er in guter Verfassung ist, dass die Papiere vollständig sind und dass die Transportbox ordnungsgemäß für die Reise präpariert ist. Titan wird in dem Behältnis verstaut und die Ärzte nehmen ihn für eine letzte Untersuchung mit in die Klinik. Nach zwei Stunden ist er wieder da. Als er uns sieht, ist er aus dem Häuschen, als wäre er gerade wieder auf der Erde gelandet, glücklich zurückgekehrt aus den Weiten des Alls.

Ich beginne mir Sorgen zu machen, wie er wohl reagieren wird, wenn er allein den Ozean überquert. Damit er sich nicht einsam fühlt, empfehlen die Ärzte, ich solle auf einer Decke schlafen, die er dann mit auf die Reise nimmt. Der vertraute Geruch werde ihn beruhigen. Ich wickle mir also ein Badetuch um den Bauch und verbringe die Nacht damit. Am Tage des Abflugs bereite ich Titan daraus ein gemütliches Nest und der Hund legt sich sogleich hinein.

Auf dem Flughafen checkt Titan zusammen mit den menschlichen Passagieren ein, doch die Abfertigung nimmt mehr Zeit in Anspruch als bei allen anderen, viel mehr. Dies wäre nicht Ecuador, wenn ein missgünstiges Schicksal nicht noch in den verbleibenden Tagen versuchte, uns mit aller Macht auch den letzten Rest guter Laune auszutreiben: Anlässlich seiner letzten Visite hatte uns der Tierarzt noch einmal versichert, dass die Airline für die Überführung eines Hundes nach Deutschland nie mehr als zweihundert Dollar verlange. Der Arzt sprach mit einem Ernst, als leiste er eine Art Offenbarungseid. Er sagte, er mache diesen Job schon viele Jahre, aber noch nie, wirklich noch nie, sei es vorgekommen, dass jemand mehr als die genannte Summe für ein Ticket bezahlt habe. Wir nehmen seine Versicherung fast als Schwur, aber bekanntlich ist man auf See und vor Gericht in Gottes Hand. Man könnte noch hinzufügen: beim Check-in auf einem Flughafen.

Wir melden Titan beim Check-in an und übergeben artig die Papiere, die das Pendant eines Transitvisums darstellen. Ohne sie wäre es dem Hund gar nicht gestattet, die Reise anzutreten. Alles läuft wie am Schnürchen und eigentlich bleibt als letzter Akt nur noch, das Ticket zu bezahlen. Ich halte die Summe – sorgfältig abgezählt und penibel sortiert – schon einmal bereit. Präsident Andrew Jackson strahlt siegesgewiss von den druckfrischen Scheinen. Im Vorgefühl stiller Befriedigung sehne ich den Augenblick herbei, da die Airline-Mitarbeiterin vom Counter aufsieht, mir ihr schönstes Lächeln schenkt und die Worte „zweihundert Dollar“ spricht.

Dann ist der Augenblick gekommen und die Angestellte sieht mir tatsächlich in die Augen. Sie lächelt mich an, wie das Aufsichtspersonal auf derartigen Massentransporten das Frachtvieh nun einmal anlächelt. Die Luft zwischen uns ist elektrisiert und ein euphorisches Gefühl der Vorfreude jagt Schauder des Glücks durch meinen Körper. Ihre Lippen formen die Worte wie in Zeitlupe. Sie sagt: „Vierhundert Dollar“.

Ich höre gar nicht, was sie sagt, oder vielmehr höre ich, was ich hören will: Im Vorgefühl des Triumphes habe ich meinen Geist mit solch fanatischer Ausschließlichkeit auf die Zahl „Zweihundert“ konditioniert, dass ich jetzt genau das höre, was ich zu hören erwarte. Ich gebe ihr die Scheine mit derselben naiven Arglosigkeit, mit welcher der arme Paris einst Aphrodite den Apfel gab. Sie zählt das Geld einmal und dann noch einmal und dann auch noch ein drittes Mal. Dies seien zweihundert Dollar, stellt sie fest. Richtig! Ihr Lächeln hat gedreht von freundlich zu irritiert.

Ich begreife noch immer nicht, was sie eigentlich von mir will. Erst als sie mir detailliert auseinandersetzt (wie man einer Person mit geistig eingeschränkter Kapazität einen einfachen Sachverhalt eben auseinandersetzt), dass das Ticket für den Hund vierhundert Dollar koste, wird mir klar: Ich habe zu wenig Geld. Es sei richtig, so lasse ich mich belehren, dass ein Flugticket tatsächlich zweihundert Dollar koste. Nur erfolge in Amsterdam eine Zwischenlandung – leider. Ich verstehe rein gar nichts, doch die Airline-Angestellte erklärt dem Hilfsschüler mit aller gebotenen didaktischen Kunstfertigkeit, dass das erhöhte Beförderungsentgeld seine Richtigkeit habe: An und für sich sei der Zwischenaufenthalt im Ticket-Preis enthalten und zwar bis zu einer Dauer von zwei Stunden. Ich prüfe den Flugschein. Titan wird in Amsterdam zwei Stunden und exakt fünf Minuten verweilen.

Da stellt sich die Frage, worin der Unterschied zwischen zwei Stunden und zwei Stunden und fünf Minuten besteht – abgesehen natürlich von den dreihundert Sekunden. Die Airline-Mitarbeiterin fährt mit ihren Erklärungen fort, als sei sie ein Sprechautomat. In ihrem schicken roten Kostümchen vermittelt sie den Eindruck, dies wäre ein Verkaufsgespräch in der Filiale eines Anbieters für Luxusjachten und in diesem Augenblick sei sie gefordert, ihre ganze fachliche Kompetenz auszuspielen, um der zwar solventen, aber etwas beschränkten Kundschaft zu erklären, warum Sanitärarmaturen aus Massivgold nur gegen Aufpreis zu haben seien (und vor allem, warum sie im Falle einer Havarie bis auf den Grund des Meeres sinken): In Amsterdam müsse ein Hunde-Hotel gebucht werden. Das Hotel werde pauschal mit zweihundert Dollar berechnet.

Zweihundert Dollar für fünf Minuten? Ich erwarte das Burj Khalifa für Hunde: goldene Fressnäpfe in denen livrierte Hoteldiener der verwöhnten Kundschaft Tartar aus der Lende des Kobe-Rindes darreichen, Hundedecken aus Vicuña-Wolle und Beißspielzeug aus Narwalelfenbein. Doch die Zeit in Amsterdam würde nicht einmal ausreichen, um einen gepflegten Joint zu rauchen, geschweige denn, um ein- und wieder auszuchecken. Ich bezweifle, dass man den Hund erst umständlich ins Hotel chauffiert. Wahrscheinlich lässt man ihn gleich in seiner Transportkiste und macht sich mit den zweihundert Dollar einen schönen Nachmittag im Coffee-Shop.

Wozu braucht man Logik, wenn es doch Bestimmungen gibt: Die Airline bleibt stur und besteht auf dem erhöhten Beförderungsentgeld. Meine Frau, deren Nervenkostüm nach einem Jahr Ecuador so löchrig ist wie ein Schwamm, möchte dem Sprechpüppchen in der adretten erdbeerfarbenen Uniform die Unverschämtheit nicht unkommentiert durchgehen lassen. Ich habe plötzlich Captain Picard vor Augen, als er in einem Moment beispielloser Erregung schwört, seinem Erzfeind, den Borg, mit brutaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die Reaktion meiner Frau ist von der des Captains nicht weit entfernt – sie verlangt die Vorgesetzte zu sprechen. Die Supervisorin steht nur fünf Meter entfernt und während sich die Lautstärke des Wortgeplänkels nach Art eines Crescendos steigert, lässt sie über ihre Untergebene mitteilen, sie sei im Augenblick beschäftigt und habe keine Zeit: Sie ordnet Stapel von Formularen, die aussehen, als wären sie von jemandem mit schwerem Ordnungszwang bereits sortiert worden.

So viel Impertinenz verlangt nach Vergeltung. Meine Frau, durchaus erregt über diese Unverfrorenheit, will wissen, wie die Mitarbeiterin heißt, doch sie trägt kein Namensschild an ihrer schmucken Uniform und ihren Namen würde sie wahrscheinlich nicht einmal unter der Folter preisgeben. Ich kann sehen, wie sie auf ihren Lippen herumkaut. Sie ist nun sehr still geworden, das stereotype Lächeln ist ihr wie aus dem Gesicht gewischt.

Für Situationen wie diese gibt es immer einen, der eigens dazu angestellt ist, sich der Probleme anzunehmen, mit denen sich sonst niemand abgeben mag. Er ist sozusagen der Prügelknabe des Unternehmens, der Kloppi, der Dummie, der die Schläge einstecken muss, die eigentlich den Ohrfeigengesichtern in der Chef-Etage gebühren. Er ist die letzte Person, die man sieht, bevor man von der Haus-Security vor die Tür gesetzt wird.

Der Mann, der uns sogar seinen vollständigen Namen nennt, hört sich unser Problem ruhig an. Sehr gekonnt heuchelt er Verständnis – wahrscheinlich wurde er eigens darin geschult, aufgebrachte Kunden mit einem hypnotischen Sermon aus Entschuldigungen und Plattitüden einzuschläfern. Mit der Geschmeidigkeit eines gewieften Diplomaten bringt er immer neue und vor allem vollkommen nichtssagende Höflichkeitsfloskeln vor. Sie dienen nur dazu, unseren Zorn wie ein Blitzableiter von dem Unternehmen abzulenken, das solch einen cleveren Krisenunterhändler beschäftigt.

Ein Gespräch mit ihm nützt ungefähr so viel wie ein Tauchschein auf der Titanic: Er bedauere sehr, nichts weiter für uns tun zu können, aber die Gesellschaft könne uns die zweihundert Dollar für das Hunde-Hotel leider nicht erlassen. Er beruft sich auf die Transportbestimmungen und diese ließen nun einmal keine Ausnahmen zu. Wir könnten auch mit dem Computer des Self-Check-in sprechen, vielleicht würde uns die seelenlose Maschine sogar zuhören. Wir finden, da man sich auf die AGBs beruft, sei es nicht zu viel verlangt, wenn man sie uns auch einmal zeigte. Leider erweist es sich als gar nicht so leicht, eine Kopie der Beförderungsbestimmungen zu beschaffen. Wir müssen dem Wort des Unternehmens vertrauen, doch wann hätte man je davon gehört, dass weltweit operierende Konzerne Kunden belügen.

Für den übrigen Teil verfährt man nach der Devise „Friss oder stirb“: Wir können das Ticket kaufen oder es sein lassen. Von Kundenfreundlichkeit oder gar Kulanz scheint man noch nie gehört zu haben. Dem Unternehmen muss es wirklich schlecht gehen, wenn es schon darauf angewiesen ist, lächerliche Summen mit erpresserischer Härte einzutreiben. Insgeheim wünsche ich, der ganze Laden möge nur ja schnell pleite gehen.

Während sich die Auseinandersetzung Runde um Runde hinzieht wie ein Schwergewichtsboxkampf zwischen zunehmend angeschlagenen Rivalen, suchen der Hund und ich uns ein ruhiges Plätzchen und warten ab. Titan sitzt friedlich in seiner Box und nur manchmal gibt er einen Laut von sich, der an ein leises Wimmern erinnert. Vielleicht ahnt er, was ihm bevorsteht. Die Crew einer niederländischen Fluglinie kommt zufällig des Wegs. Obwohl ich beileibe kein Zwerg bin, überragt mich jedes einzelne der Crewmitglieder in den schneidigen blauen Uniformen um mindestens einen halben Kopf. Unter den kleinwüchsigen Ecuadorianern nehmen sich die großen blonden Menschen aus wie eine Schar Elben, die sich in ein Dorf der Hobbits verirrt hat.

Die Crew sieht den Hund in seiner Box und als würde Titan fühlen, dass dies die letzte Chance ist, seinem Schicksal doch noch zu entgehen, fängt er plötzlich an, herzzerreißend zu heulen. Die Stewardessen gehen zu ihm und trösten das Tier, das vor Aufregung zittert. Sie streicheln den Hund und sprechen mit ihm, wie man nur mit Hunden und Kindern zu sprechen pflegt. Ich glaube, am liebsten hätten sie ihn mit ins Cockpit genommen. Der Hund gibt sich so lieb und anhänglich, dass man ihn auf der Stelle behalten will. Doch der Flug ist schon gebucht und auch die Crew muss weiter.

Nach einer Weile ist am Check-in der tote Punkt erreicht: Meine Frau hat sich an der Sturheit der Fluggesellschaft abgearbeitet wie ein Fighter an einem schweren Sandsack. Nun ist sie stehend k.o. Die Lust auf eine weitere Runde ist ihr vergangen. Doch sie schwört, diese Demütigung werde ein Nachspiel haben. Die Mitarbeiter am Counter zeigen sich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hören sie solche Schwüre alle Tage und gewiss bekommen sie auch noch alle möglichen Flüche zu hören, bevor die Querulanten von der Security abgeführt werden.

Dann checkt der Hund ein. Ein Airport-Angestellter kommt mit einem Gepäckwagen, lädt die Transportbox auf und in wenigen Augenblicken ist Titan fort, verstaut im Bauch eines Flugzeugs. Kaum zwei Stunden später ist er schon über dem Atlantik. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache mit dem Hunde-Hotel nur ein Witz war, aber als Titan in Berlin eintrifft, wirkt seine Box unberührt. Es scheint, sie wäre während der ganzen Reise nicht einmal geöffnet worden. Der Hund hat ganze vierzehn Stunden darin zugebracht und während dieser Zeit hat er nicht einmal Wasser bekommen. Das hochqualifizierte Fachpersonal der Airline hat den Trinknapf außen am Käfig angebracht. Nicht einmal der cleverste Schlossknacker und Ausbrecherkönig hätte ihn dort erreichen können. Aber vielleicht war der Hund ja gar nicht durstig, weil er sich in der Bar seines Hotels mit Cocktails abgefüllt hat.

Titan ist solch ein tapferer Hund. Während der ganzen Zeit hat er nicht einmal in seine Box gemacht. Ein Mensch hätte es wohl kaum so lange ausgehalten. Als man ihn in Berlin endlich befreit, läuft er ein wenig herum, beschnüffelt alles neugierig und tut dann, was Hunde zu tun pflegen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nimmt er die Stadt in Besitz, indem er seine Marke setzt. Wir verlassen das Land zwei Tage später, doch so besitzergreifend wie der Hund sind wir natürlich nicht. Im übrigen gehört uns Berlin ja bereits …

Nachspiel

Viel später versuche ich, bei der Fluggesellschaft die Kosten für das Hunde-Hotel zu reklamieren. Natürlich ist man nicht so dumm, eine Hotline zu unterhalten, bei der Krethi und Plethi anrufen und unverschämte Forderungen stellen könnte. Aber immerhin findet sich auf der Web-Präsenz des Unternehmens eine versteckte Unterseite für Beschwerden. Mit wachsender Verzweiflung klicke ich mich durch die verschiedenen Untermenüs, mit denen man Unruhestifter wie mich in Schach zu halten versucht. Am Ende der Odyssee lande ich in einer Beschwerde-Kategorie. Es ist für das Unternehmen sicher sehr praktisch, wenn man die Quertreiber gleich vorsortieren kann. Ein Fenster öffnet sich und ich darf eine Nachricht hinterlassen.

Schon drei Wochen später erhalte ich Antwort. Es ist ein vorgefertigter Serienbrief, in dem man mich höflich bittet, die Website des Unternehmens aufzusuchen und die Art der Beschwerde zu konkretisieren. Offenbar spielt es keine Rolle, dass ich genau das bereits getan habe. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die leitenden Angestellten der großen Firmen gar keine echten Menschen, sondern bloß Bots, die sich hinter menschengestaltigen Avataren verstecken.

Ganz allmählich beginne ich zu begreifen, dass der Wahnsinn nicht nur in Ecuador zuhause ist (wahrscheinlich hat sich das Virus aber von hier, dem Infektionsherd, erst weltweit ausgebreitet – mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaften). Ich bin mir plötzlich auch nicht mehr so sicher, wo die Heimat der Verrückten eigentlich zu finden ist. Aber irgendwo müssen all die Irren ja herkommen, die einem pausenlos das Leben vermiesen wollen. Ich habe das Gefühl, es gibt gar keinen Ort namens País de los locos. Und wenn ich mich irren sollte und doch so etwas wie das Land der Verrückten existiert, ist es vielleicht nur in uns selbst zu finden, und es ist immer dort, wo auch wir sind, ganz egal, wohin der Wunsch, ihm zu entfliehen, uns auch führen mag.

Von Hunden und Menschen

Wir sind froh, dass Titan keinen Lebenslauf vorlegen muss, denn seine Vergangenheit liegt im Argen. So viel weiß man immerhin: Geboren wurde er in Cumbayá, einem Vorort östlich von Quito, in einem Stadtteil namens Santa Inés. Zu jener Zeit wohnten wir dort in der Calle Maria Auxiliadora. Wenn man dieser Straße etwa hundert Meter den Berg hinauf folgt, gelangt man zur Calle San Francisco de Asis. Dreißig Meter rechts hinter der Stelle, an der die Maria Auxiliadora in die Asis mündet, liegt der Cyber, d.i. der Internet-Shop, und nur zwanzig Meter weiter gelangt man, wiederum rechter Hand, zu einem Haus und einem Tor, welches auf einen großen Hof führt. In dem Haus wohnen die Betreiberin des Internet-Shops und ihre Familie und auf dem Hof dahinter wurde Titan geboren. Der Tag seiner Geburt ist nicht bekannt, aber irgendwann Mitte Juli 2015 kam er in einem Wurf als einer von sechs Welpen auf die Welt (wir haben uns entschieden, den 15. Juli als seinen Geburtstag zu feiern und dann bekommt er Pancakes, die er so sehr liebt).

Von seiner Mutter weiß man nur, dass sie ein Schaf ist. Ich habe sie ein paarmal gesehen: ein kompaktes Tier auf kurzen Beinen in einem dichten flauschigen Pelz aus weißen Wolllocken, ein Schaf also. Der Vater ist unbekannt, was aber in der Welt der Hunde eher die Norm als die Ausnahme zu sein scheint, da Titan äußerlich aber so gar nichts von seiner Mutter hat, darf man annehmen, dass der Vater das Terrierblut beisteuerte. Mancher Hundeliebhaber glaubt in ihm einen Jack Russell zu erkennen und tatsächlich sieht er Tieren dieser Rasse zum Verwechseln ähnlich. Sein Temperament verrät, dass er Terrierblut in sich hat, ein Blaublüter ist er damit aber noch lange nicht. Titan ist etwas kleiner als ein Jack Russell und sein Fell ist viel flauschiger, fast wie ein Flokati – ein Erbe seiner Schafmutter.

In Ecuador ist der Übergang zwischen Haushund und Straßenhund fließend. Sofern es sich nicht um teure Rassehunde handelt, mit denen man als Mann von Stand beeindrucken kann, oder um bissige Wachhunde, die den Besitz des Mannes von Stand schützen, leben Hunde zwar in der Nähe des Menschen, aber sie leben nicht wirklich mit ihm: Die meisten streifen auf dem Hof herum oder ziehen ums Haus. In der Regel steht es ihnen frei zu gehen, wohin sie wollen, und wenn sie dennoch bei den Menschen bleiben, tun sie das vielleicht nicht immer aus Anhänglichkeit, sondern aus Bequemlichkeit. Darin unterscheiden sie nicht nicht allzu sehr von uns. Wenn sie sich davontrollen möchten, lässt man sie in der Gewissheit ziehen, dass sie zurückkommen werden – oder auch nicht. Wenn es um Hunde geht, ist den Leuten Gefühlsduselei durchaus fremd. Zwei von Titans Geschwistern sind auf diese Weise verschwunden. Wahrscheinlich sind sie tot und die, die noch am Leben sind, strolchen herum und ernähren sich von Abfällen, die ihnen die Menschen spenden.

Auf der Straße fraternisieren die Streuner mit echten Straßenhunden. Anders als die menschliche, kennt die Hundegesellschaft keinen Klassendünkel. Als halbwilde Meute macht man das Revier unsicher, immer auf der Jagd nach Fressbarem und Abenteuern. Flöhe und Würmer sind die Visitenkarten, die man auszutauschen pflegt. Der Mensch begnügt sich damit, das Treiben zu ignorieren und so lange ihn die Hunde nicht bedrängen, lässt er sie gewähren.

Die Vierbeiner ihrerseits, so scheint es, nehmen unsere Gegenwart in ähnlicher Weise zur Kenntnis wie wir die Nähe eines ungeliebten Mitmenschen: Sie tun so, als wären wir wandelnde Schatten, denen man keine besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Manchmal beäugt man uns neugierig, zuweilen auch argwöhnisch (wer könnte es verdenken), doch oft hat man den Eindruck, die Hunde sähen nur gelangweilt dabei zu, wie wir uns Tag für Tag mit jener tristen Routine abmühen, die wir geneigt sind für unser Leben zu halten.

Die meisten Hunde, auch jene, die bei Menschen leben, scheinen sich von Abfällen zu ernähren, dabei findet man in der Stadt auf Schritt und Tritt Spezialgeschäfte für Hundebedarf, einschließlich einer den gesunden Menschenverstand sprengenden Auswahl an Futter. Es gibt Hunde-Spas, Hunde-Schulen und sogar Hunde-Hotels. Das Gassigehen übernimmt die Hausangestellte, denn schließlich muss auch sie einmal vor die Tür. Überall sieht man Tierkliniken, die den Einrichtungen für Menschen an Größe und Ausstattung kaum nachstehen. Einen derartigen Luxus würde man in einem Land wie Ecuador nicht unbedingt erwarten, aber Cumbayá, der Sehnsuchtsort für den besseren Teil der Einwohnerschaft Quitos, stellt in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme dar.

Wer den „Planeten der Affen“ gesehen hat, mag sich vorstellen, wie der „Planet der Hunde“ ausähe: Würden intelligente Abgesandte fremder Welten zufällig in Cumbayá landen, müssten sie zu dem Schluss kommen, die dominierende Spezies dieses Planeten sei der Hund und die merkwürdigen zweibeinigen Kreaturen wären bloß dessen domestizierte Lakaien. Immerhin hat man sie so gezüchtet, dass sie die Hände frei haben – auf diese Weise können sie ihren vierbeinigen Herren viel besser dienen; man hat sie auch leidlich intelligent gemacht, so dass sie den Willen ihrer Gebieter schon am Schwanzwedeln erkennen.

Was in der Küche übrigbleibt, bekommt der beste Freund des Menschen – so ist es seit Alters her Sitte und niemand nimmt daran Anstoß, nicht einmal die Hunde. Dass man dem besten Freund die Abfälle auftischt, sagt alles über die Art der Freundschaft. Titan hat es da besser getroffen: Er wird von uns regelmäßig und reichlich gefüttert, doch obwohl er nur die beste Hundenahrung bekommt (Liebe geht bekanntlich durch den Magen), ist auch er verrückt nach Müll. Sobald er merkt, dass jemand in der Küche zugange ist, sucht er den Boden nach Essensresten ab wie ein Staubsauger. Man könnte direkt glauben, wir lassen ihn hungern, mit solcher Begeisterung stürzt er sich auf die Reste. Einmal fiel der Mülleimer um und als wäre er plötzlich wieder zu der wilden Kreatur geworden, von der er abstammt, sprang er kopfüber und knurrend wie ein Wolf in den Müllkübel, um sich an den Pancakes vom Frühstück zu laben (wie man weiß, ist der Pancake die bevorzugte Jagdbeute des Wolfes).

Weltraumhunde

Der Bericht über unser ecuadorianisches Abenteuer wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch ein paar Worte über Titan, den vierbeinigen Immigranten im Flokati, verlieren wollte. Dem Wunsch einer aufmerksamen Leserin nachzukommen, sehe ich deshalb kaum als Pflicht an, um so mehr aber als Vergnügen. Wie immer verlangt der Text Sitzfleisch, denn schon ein paar karge Zeilen in einem Notizbuch öffnen Schleusen, durch die eine Flut aus Erinnerungen über den Verfasser hereinbricht. Zumindest hoffe ich, dass der vergnügliche Teil bei der langen Lektüre nicht zu kurz kommt.

Der Hund fliegt zuerst. Wie die berühmten Weltraumhunde, die selbstlosen Kundschafter, die das Feld für den Entdeckerruhm des Menschen bereiten, darf Titan vor uns die Reise antreten. Gern hätten wir unseren vierbeinigen Hausgenossen mit nach Florida genommen, der letzten Station unserer amerikanischen Odyssee, doch der bürokratische Aufwand würde sich dadurch nur in einem Ausmaß vergrößert haben, das man getrost als Wahnsinn bezeichnen kann.

Obwohl es sich nur um einen kleinen Hund handelt, nicht um einen kosmischen Botschafter, sind die Kosten nicht von dieser Welt: Ausgezahlt in Spanischen Silberdollars, hätte die Summe ausgereicht, den Titel eines Granden zu erwerben sowie das dazugehörige Schloss und die Ländereien oder Kolumbus nach China zu schicken (und derart komfortabel ausgestattet, wäre er dort wahrscheinlich sogar angekommen). Der Hund reist mit unseren Gästen nach Berlin. Schweren Herzens überlassen wir ihn der Obhut des Flugpersonals.

Alles muss seine Ordnung haben. Der Entschluss, einen Hund nach Deutschland einzuführen, will reiflich überlegt sein, denn es ist keineswegs damit getan, ihn bei der Fluggesellschaft anzumelden. Der deutsche Amtsschimmel lauert bereits mit hinterhältigen Fußangeln und bevor man dem Airline-Mitarbeiter die Transportkiste mit dem geliebten Tier aushändigen darf, gilt es, so manche Hürde im bürokratischen Parkour zu nehmen. Ganz auf sich allein gestellt, sähe man sich außerstande, dieses Bravourstück zu Wege zu bringen. Doch es gibt Hilfe: Tierärzte haben sich auf solche verzweifelten Fälle spezialisiert. Für die Dienstleistung wird natürlich Geld verlangt, aber man gibt dieses Geld gern aus, denn man ist froh, der Gefahr entronnen zu sein, zwischen den Fußnoten der Amtsformulare allmählich den Verstand zu verlieren.

Damit die deutsche Hundepopulation nicht durch eingeschleppte Seuchen dahingerafft wird, muss vor der Einreise der Nachweis erbracht werden, dass der vierbeinige Immigrant gesund ist. Von unserem Tierarzt haben wir den Namen einer Veterinärin in Erfahrung gebracht, die sich auf die Ausfuhr von Hunden spezialisiert hat. Leider befindet sich ihre Praxis auf dem Dorf. Der Ort, dessen Name mir wieder entfiel, sobald ich ihn gehört hatte, versteckt sich in einem grauen Google-Maps-Niemandsland und auch unser Navi ist im Labyrinth der drei Dorfstraßen überfordert. Wir finden die Praxis dennoch und als wir die ländliche Gegend sehen, wird uns klar, warum man als Tierarzt ausgerechnet hier residieren möchte: Hier lebt die Kundschaft. Als kosmetischer Chirurg mit Ambitionen würde man sicher auch lieber eine Klinik am Kudamm unterhalten statt in der brandenburgischen Pampa.

Dem Hund wird Blut abgezapft, doch an den zappelnden Beinchen, die zudem noch von einem dichten Pelz bedeckt sind, lassen sich Adern gar nicht so leicht aufspüren. Es bedarf mehrerer Versuche, bis endlich ein paar Tropfen das Reagenzglas füllen. Titan weint wie ein kleines Kind und es bricht einem das Herz, ihn leiden zu sehen. Doch es ist schnell vorbei – anders als die Leiden, die nun folgen sollen.

Die Blutprobe muss in einem Labor analysiert werden. Aber in einer so wichtigen Angelegenheit wie dem Wohlergehen einer ganzen Nation möchte man natürlich absolute Gewissheit. Die Untersuchung darf daher nur in solchen Einrichtungen vorgenommen werden, die offizielle deutsche Stellen ihres uneingeschränkten Vertrauens für würdig erachten. Sämtliche Labore in Lateinamerika fallen da natürlich aus – angesichts der bedenklichen Mengen Coca, Salsa und Lustig-Tralala eigentlich kein Wunder. Die Blutprobe muss weit reisen, sehr weit, bis ins ferne Kansas in den USA.

Allein die Blutuntersuchung kostet achthundert Dollar. Einen Transportbehälter braucht der Hund natürlich auch, denn einen Platz in der Economy-Class wird man ihm wohl kaum anbieten. Titan ist zwar klein, doch die Box, die uns die Angestellte des Petshops empfiehlt, hat die Ausmaße eines Kühlschranks und der Hund nötigt uns, sie zu kaufen. Während uns die Frau mit den technischen Raffinessen des Transportbehälters langweilt, nutzt der Hund die Gelegenheit, überall im Laden seine Marken zu hinterlassen. Der Gedanke, dass er in seiner Einzelkabine mit Sicherheit bequemer reist als die menschlichen Ölsardinen, die man portionsweise in die Holzklasse pfercht, tröstet uns ein wenig über den Preis hinweg. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dem Hund die zweihundert Dollar in Rechnung zu stellen: Er macht sich nicht viel aus Geld und aus Reisen schon gar nicht.

Apropos Rechnung: Unsere Bilanz hat mittlerweile Schlagseite wie ein sinkendes Schiff. Ausgaben für diverse Zertifikate kommen hinzu und natürlich auch noch ein Flugticket. Wenn man bedenkt, dass die Reise über Kontinente und Ozeane führt, ist es mit zweihundert Dollar fast schon wieder preiswert. Alles in allem belaufen sich die Aufwendungen für den Hund auf gut tausendzweihundert Dollar (und dabei sind die Leckerlis noch gar nicht mit eingerechnet). Liebe ist zwar selbstlos, aber selten kostenlos und sinnlos ist es, darüber zu jammern: Wir hätten es ja doch nicht übers Herz gebracht, den Hund zurückzulassen. Titan gehört zur Familie und Familienangehörige lässt man nun einmal nicht im Stich. Gesetzt den Fall, das Schicksal verlangte, dass einer zurückbliebe – in Augenblicken des Zorns würde ich vielleicht darüber nachdenken, ob es ausgerechnet der Hund sein muss …

Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Las Cuevas de Jumandy: Wir stehen unter dem Felsdach des Höhleneingangs. Glasklares, kühles Wasser umspült unsere Knöchel. Über unsere Köpfe spannt sich das Stalaktitengewölbe gleich einem Himmel aus herabstürzenden Donnerkeilen. Die Wasser gleiten plätschernd über ein Bett aus blankpoliertem Fels. Der Blick dringt kaum ein Dutzend Meter tief in die Höhle, dann verliert er sich in einer Schwärze, die den Eingang verstopft wie ein monolithischer Block Kohle. Wir warten auf den Guide, unseren Führer durch die Unterwelt, und auf weitere Teilnehmer. Der Höhlenneuling in mir will einen Moment lang tatsächlich glauben, man könnte den Untergrund allein betreten. Doch schon hier am Eingang wird klar, ohne Führer würde man sich in dem weitverzweigten Labyrinth unrettbar verirren.

Ein älteres Paar gesellt sich zu uns und dann kommt auch endlich unser Führer durch das chthonische Reich: Es ist ein junger Mann, der stolz seine indigene Herkunft herausstellt – in einem Land wie Ecuador keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Er trägt überdimensionale Ohrstecker, aber ich glaube kaum, dass es sich um den individuellen Ausdruck eines alternativen Lebensstils nach westlicher Mode handelt, sondern wohl eher um traditionellen Schmuck. Ich wundere mich, dass er keine Gummistiefel trägt, und hätte ich geahnt, dass man eigentlich keine braucht, würde ich auf die plumpen Knobelbecher verzichtet haben. Bevor es losgeht, händigt unser Führer jedem der Teilnehmer eine Stirnlampe aus. Mit dem Licht am Kopf sieht man zwar aus wie ein Tiefsee-Anglerfisch, doch will der Reisende aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht zurückfinden, ist ihm die Lampe so unentbehrlich wie Orpheus die Harfe.

Mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch brechen wir auf. Zuerst bedauern wir ein wenig, uns nur für die einstündige Tour angemeldet zu haben, doch am Ende sind wir froh darüber, denn obwohl ich nicht unter Platzangst leide und auch sonst keine Beklemmung in engen Räumen verspüre, hätte ich die klaustrophobische Enge keine vier Stunden ertragen mögen. Kameras sind übrigens strikt verboten (weshalb es auch keine Fotos gibt). Auf den Aufnahmen würde man ohnehin kaum etwas erkennen, denn in der Höhle herrscht vollkommene Finsternis. Einige der Teilnehmer anderer Gruppen bewahrt aber weder das offizielle Verbot noch der gesunde Menschenverstand vor der Torheit, ihre Handys mitzunehmen. Manch einer möchte nicht einmal auf den unvermeidlichen Selfie-Stick verzichten. Ich schwanke, ob ich diese Leute für ihren kühnen Nonkonformismus bewundern oder sie wegen ihrer Ignoranz verachten soll.

Unser Führer bewegt sich so sicher, als hätte er nie woanders gelebt als in diesem unterirdischen Reich. Mit den schweren Gummistiefeln ist es unmöglich, ihm in gleicher Weise zu folgen: Wie die typischen Westler, also Menschen, die die meiste Zeit ihres Lebens im Sessel verbracht haben und die ohne ihre Autos, Rolltreppen und Fahrstühle hilflos sind, stolpern wir hinterdrein. Wo wir mühsam über das chaotische Terrain klettern, schreitet unser Guide mit der Leichtigkeit eines aristokratischen Spaziergängers aus, die Arme auf dem Rücken verschränkt wie ein lustwandelnder Marquis. Behände wie ein Bergelf hüpft er von Fels zu Fels, schlüpft geschmeidig durch enge Kamine und tänzelt über handschmale Grate. Derweil tasten wir uns ächzend durch den stockdunklen Parkour.

Am Eingang wird darauf hingewiesen, dass Personen unter zehn und über sechzig Jahren der Zutritt verwehrt sei (das Schild mit der hübschen Vignette und der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben“ fehlt aber noch). Es ist vollkommen klar, warum man dieses Verbot erlassen hat – kaum einer, dem es nicht in den Fingern juckte, die Gelegenheit zu ergreifen, um sich der nervigen Hausplagen ein für alle Mal zu entledigen: Man beschert der frechen Brut und dem schlecht gelaunten Altenteil den Ausflug des Lebens und das Labyrinth sorgt zuverlässig dafür, dass die Probleme für immer aus dem Haus sind. Mein Sohn ist zwar älter, aber einen Augenblick lang bin ich versucht, ihn schon mal allein vorausgehen zu lassen … Ich glaube, es gibt da diesen Spruch: Was in den Höhlen passiert, bleibt in den Höhlen.

Meine Höhlenerfahrung beschränkt sich auf die Feengrotten in Thüringen, die ich als Kind besucht habe. Dort könnte man wahrscheinlich sogar mit dem Rollator hineinfahren und auf der anderen Seite des Berges wieder hinaus. Hier aber werden dem Besucher körperliche Höchstleistungen abverlangt und die Gefahren, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, sind keineswegs gering: Das unterirdische Terrain ist wie geschaffen, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Wer da das Gefühl hat, schon das Bücken nach der Fernbedienung sei eine artistische Meisterleistung, sollte lieber an der Oberfläche bleiben.

In Deutschland wäre solch eine Tour vielleicht gar nicht möglich – nicht aus Mangel an entsprechenden Örtlichkeiten, sondern wegen rechtlicher Vorbehalte. Wahrscheinlich müsste man erst eine fünfseitige Verzichtserklärung (in dreifacher Ausführung) unterschreiben und ellenlange Belehrungen über sich ergehen lassen. Kein Veranstalter würde seine Klienten einem derartigen Risiko aussetzen, ohne sich vorher eine wasserdichte Absicherung verschafft zu haben. Hier in Ecuador muss man nichts unterschreiben und auch Belehrungen unterbleiben, aber ich habe dennoch meine Zweifel, ob man deshalb gleich einen Hubschraubernottransport ins nächste Krankenhaus spendiert bekäme … Die Höhlen sind der perfekte Ort für Angstpsychosen vielfältigster Art.

In die Unterwelt

Las Cuevas de Jumandy: Meine Frau meint immer, ich hätte viel zu hohe Ansprüche, dabei bin ich wirklich kein Snob – ich erwarte nur immer das Falsche: Ich meiner Vorstellung sehe ich eine geheimnisvolle Grotte, von Nebelschleiern mystisch umweht. Ein Fluss strömt aus dem Fels, wo dieser sich gleich dem Maul eines Fisches öffnet. Und wie der Wal den zitternden Jona verschluckt, so nimmt die Erde den Initianden auf, der die unaussprechlichen Geheimnisse der Tiefe zu ergründen sucht – das ist, was ich erwarte.

Was ich vorfinde, ist eine schnöde Badeanlage mit Pools, mit Wasserrutschen und mit Kaskaden. Alles ist akkurat gefliest, wie es sich für ein Schwimmbad gehört. Es gibt auch ein Restaurant, auf dessen Terrasse die Gäste lustlos in den Stühlen lümmeln. Kaum ein halbes Dutzend siecht in der feuchten Wärme dahin, notdürftig am Leben erhalten durch kalte Drinks und Eiscreme. Ich musste ins Herz der Wildnis reisen, um in einem Allerwelts-Spaßbad zu landen und in einem ziemlich schlecht besuchten noch dazu.

Doch die geheimnisvolle Höhle, von der ich geträumt habe, gibt es wirklich: Die Schwimmbecken werden von dem klaren, kühlen Wasser gespeist, das ein tropischer Acheron unablässig aus dem Höhlenschlund speit. Ein Teil des Wassers wird abgezweigt und in Kanäle geleitet; es perlt über Kaskaden und füllt schließlich die Badebecken. Doch das Schwimmbad ist an diesem Tag geschlossen. Die in der tropischen Hitze wie enthemmt sprießende Algenpopulation hat das Wasser in einen Sellerie-Smoothie verwandelt. Die grasgrüne Brühe liegt bewegungslos zwischen den Kacheln wie eine Lkw-Ladung Froschleichen. Ich fürchte, jeder, der die Kühnheit besitzt, darin zu baden, kann anschließend so gut Photosynthese betreiben wie der Spinat auf seinem Teller.

Ob man das Bad nun nutzt, um darin zu schwimmen oder um die weltgrößte Waldmeistergötterspeise herzustellen, macht für uns keinen Unterschied – weder verlangt es uns nach Badefreuden, noch nach Nesselsucht. Wir geben unsere Sachen an der Aufbewahrungsstelle ab. Ein etwa zehnjähriger Junge nimmt unsere Taschen entgegen und verstaut sie in Körben, die wiederum in vergitterten Schränken verwahrt werden. Wir haben größtes Vertrauen in die professionellen Fähigkeiten des Zehnjährigen, auf unsere Sachen aufzupassen, und begeben uns zum Höhleneingang.

Nachdem wir unseren Obolus als Eintritt in die Unterwelt entrichtet haben, stehen wir vor einer Art Pförtnerhäuschen. Ein freundlicher Zerberus macht uns darauf aufmerksam, dass wir uns lieber Gummistiefel besorgen sollten und er schickt uns auch gleich zur Ausgabestelle. Eingekleidet nach der Mode, die sich für eine Expedition ins Schattenreich offenbar ziemt, warten wir auf unseren Guide. Ich hoffe inständig, keiner der Schatten wird uns in dieser lächerlichen Aufmachung sehen.

Höhlensucher

Die Cuevas de Jumandy befinden sich nur wenige Kilometer nördlich von Archidona. Wer nun glaubt, eine lückenlose Kette von Hinweisschildern und Wegmarkierungen müsste den Reisenden zu dieser berühmten Sehenswürdigkeit führen, beweist nur einmal mehr, dass ihm die Landessitten kaum geläufig sind. Wäre der Ort nicht als touristisches Ziel in meiner Karte markiert und würde der Reiseführer die Höhlen nicht in einem Nebensatz erwähnen, wüsste ich von ihrer Existenz ungefähr so viel wie von den unentdeckten Monden des Planeten Uranus.

Von Archidona aus fahren wir in der festen (und recht naiven) Überzeugung nach Norden, dass uns ein Wegweiser rechtzeitig auf unser Reiseziel aufmerksam machen würde. Wir halten Ausschau wie die Luchse, wie Luchse auf Amphetamin sogar, und acht Augen sehen bekanntlich sowieso mehr als zwei (zählt man den Hund noch dazu, sind es sogar zehn; der Hund aber bleibt still, so dass ich annehmen muss, er findet Höhlen doof). Doch entweder betört uns der Liebreiz der üppig grünen tropischen Landschaft so sehr, dass wir für nichts anderes mehr Augen haben, oder wir sind schlicht mit Blindheit geschlagen. Nirgends taucht ein Hinweisschild auf. Wir finden nur, die Strecke sei allzu lang, zumal es sich auf der Karte doch nur um wenige Kilometer zu handeln scheint. Wie Entfernungen doch täuschen können …

Uns beginnt zu dämmern, dass wir die Einfahrt wohl verpasst haben. Wir drehen. Ich entsinne mich dunkel, irgendwo eine Lücke im gleichförmigen Grün bemerkt zu haben, aber an ein Schild mit der Aufschrift „Cuevas de Jumandy“ kann ich mich nicht erinnern. Es ist reiner Zufall, dass wir die richtige Stelle fast auf Anhieb finden – die Chancen dafür können kaum günstiger als Eins zu Tausend stehen. Wir freuen uns des seltenen Glücks, doch angesichts seiner Flüchtigkeit trösten wir uns mit dem Gedanken, dass die launische Fortuna uns zumindest bis zur nächsten Katastrophe gewogen bleiben würde.

Wie Scouts in Feindesland tasten wir uns auf den Parkplatz vor, der uns verdächtig verwaist vorkommt. Wir rechnen mit einem Hinterhalt. Vielleicht erwartet uns aber nur die Nachricht, dass die Höhlen an diesem Tag geschlossen seien, wie der Wald in Tena. Da wir nicht wissen, ob es Umkleidemöglichkeiten gibt, zwingen wir uns schon einmal im Auto in die Badehosen. Wie die Strandtouristen betreten wir die Anlage, die sich – vollkommen überraschend, aber passend zu unserer Kleidung – als der Alptraum von einem Erlebnisbad entpuppt.

Paradiesische Wildnis

Die letzte Nacht im Tiefland östlich der Anden verbringen wir nicht in Tena, sondern in Archidona. Da wir schon einmal in Tena sind, wäre es naheliegend, irgendwo in der Stadt ein Zimmer für die Nacht zu buchen. Wie Freier auf der verzweifelten Suche nach dem schnellen Abenteuer cruisen wir durch die abendliche tropische Stadt. In der Hoffnung auf ein Wunder fahren wir die Hauptstraße gleich mehrmals im Schritttempo ab, doch keines der Hostals erscheint uns annehmbar. Vielleicht sind wir verwöhnte Kinder der Wohlstandsgesellschaft, vielleicht aber möchten wir einfach nur in der Gewissheit einschlafen, dass zumindest die Laken, auf die wir uns betten, fleckenfrei sauber sind.

Eines der Hotels, das zumindest von außen einen recht passablen Eindruck macht, erweist sich als schmierige Absteige mit Zimmern, die so wirken, als würden darin jede Nacht Orgien gefeiert und als hätte man vergessen, die Bettwäsche zu wechseln und die verräterischen Flecken vom Teppich zu entfernen. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, wie wenn das Hotel bereits in Gärung übergegangen wäre. Vielleicht stammt der Odor vom Schimmel an den Wänden oder vom Teppich, der in der tropisch feuchten Luft langsam aber unwiderruflich in den Kreislauf der Natur einzugehen scheint.

Der Besitzer, ein alter Mann, dessen verschwitzter Kugelbauch wie die Glatze seines siamesischen Zwillings aus dem geöffneten Hemd schaut, ist in einer Art Delirium. Ich weiß nicht, ob es der Bluthochdruck ist, der Alkohol, die Hitze oder die Krampfadern, die seine Waden umschlingen wie Würgefeigen. Er scheint uns gerade noch als Halluzination am Rande seines Wachtraumes wahrzunehmen. Vielleicht hat er sich aber bloß eine Auszeit genommen von einer zunehmend surrealen Wirklichkeit, in der insektoide Aliens, die vorübergehend die Gestalt von harmlosen Gringos angenommen haben, ausgerechnet in sein Hotel einchecken möchten. Der Hoteljunge, vielleicht ein Enkel oder Urenkel, zeigt uns die Zimmer. Das Hotel ist leer, aber die Gäste bleiben nicht ohne Grund aus. Wir fahren weiter nach Archidona.

Ich wünschte, ich könnte über Archidona etwas Tröstlicheres berichten als über die übrigen Städte des Oriente. Der Name weckt die schönsten Hoffnungen; er lässt an stolze spanische Kolonialstädte denken, an Kirchen und Klöster und an paradiesische Patios unter geschnitzten Säulen. Obgleich Archidona schon 1560 gegründet wurde und der Ort damit zu den allerersten spanischen Siedlungen im Amazonas-Tiefland zählt, hat der heutige Besucher den Eindruck, es sei noch gar nicht lange her, dass die Stadt über die Einfriedung eines Goldgräbercamps mitten im unberührten Urwald hinausgewachsen ist. Prächtige Kirchen, beeindruckende Stadtpaläste oder alte Klöster findet man hier nicht. Eigentlich gibt es nichts, das einen daran erinnern könnte, dass die Stadt nicht erst zwanzig Jahre, sondern immerhin fast ein halbes Millennium alt ist. Mit Traurigkeit im Herzen fahren wir am nächsten Morgen zurück nach Tena.

In Tena gibt es eigentlich nur eine einzige Sehenswürdigkeit, die einen Besuch lohnt: den Parque Amazónico. Auch wenn der Wald um Puyo, Tena und Archidona den Anschein erweckt, er würde schon seit Tausenden von Jahren unbehelligt von der verderblichen Einflussnahme des Menschen die feuchte Erde des Amazonas-Tieflandes bedecken, handelt es sich in Wahrheit um Sekundärwald. Das ist das Biotop, das sich entwickelt, nachdem der ursprüngliche Wald – der Primärwald – der Axt zum Opfer gefallen ist.

Zwar gibt es im ecuadorianischen Oriente auch heute noch riesige Gebiete mit ursprünglicher Bewaldung, doch muss man dazu dem Lauf den Río Napo weit nach Osten, bis fast an die peruanische Grenze folgen. Die Natur, der man dort in geschützten Nationalparks begegnet, ist noch weitgehend frei vom zerstörerischen Einfluss des Menschen. Moderne Infrastruktur, wie Straßen und Brücken, gibt es nicht, und wer bis zu den letzten Refugien der ursprünglichen Natur dieses Planeten vordringen möchte, benötigt neben einem kundigen Führer und einem Kanu auch ein nicht eben geringes Maß an Abenteuerlust.

Der Parque Amazónico befindet sich mitten in der Stadt, direkt am Zusammenfluss von Río Tena und Río Pano. Auf dem Land, das als dreieckige Erdscholle zwischen den Flüssen liegt, ragen die letzten Urwald-Riesen in den Himmel. Es sind Mahnmale einer untergegangen Welt und es sind die letzten ihrer Art. Manchmal scheint mir, es ist nur eine Frage der Zeit, dass die verbliebenen Urwälder vom Angesicht der Erde verschwinden werden.

Der Park ist für uns die einzige und letzte Chance, uns wenigstens einen vagen Eindruck davon zu verschaffen, was man gemeinhin für die grüne Lunge unseres Planeten hält. Leider ist der Urwald an diesem und an vielen weiteren Tagen geschlossen, denn der Park unterliegt umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Überall, wo der Mensch sich einmischt, ist die Ordnung der Natur gestört und ein Gleichgewicht kann nur mit Mühe und nur durch ständige Hege aufrechterhalten werden: Flüsse müssen ausgebaggert werden, Ufer befestigt, Wälder aufgeforstet, Arten müssen geschützt oder ausgemerzt werden. Unter den wachenden Händen des Menschen scheint die Natur den Willen verloren zu haben, selbst für sich zu sorgen.

Von der Stadt aus führt eine Fußgängerbrücke über den Río Pano. Der Brückensteg hängt an Stahlseilen, die an einem kolossalen Aussichtsturm ankern. Die Taue durchschneiden den einheitlich grauen Himmel wie die Saiten einer Eierharfe. Der Turm, das mit Abstand höchste und hässlichste Bauwerk der Stadt, ist eine sperrige Stahlkonstruktion, die so fremd in der tropischen Landschaft steht wie ein stillgelegter Förderturm in einem der alten Kohlereviere.

Der Wachmann am Fuße des Turms hat die Aufgabe, allzu neugierige Touristen daran zu hindern, den Park zu betreten. Er ist recht gesprächig und er erzählt uns, fast drei Millionen Dollar seien für die Sanierungsarbeiten bewilligt worden. Das ist viel Geld in einem Land wie Ecuador. Doch die Investition ist natürlich nicht ganz selbstlos, denn die aufwendige Verschönerung verspricht mehr Touristen in die Stadt zu locken. Ihr Geld könnte dazu beitragen, der lokalen Wirtschaft aufzuhelfen, die dem Augenschein nach darniederliegt wie ein totes Faultier.

Wir besteigen den Turm und machen Fotos von der Stadt und der Flusslandschaft. Der Blick reicht bis zu den Bergen, die sich als dunkelblauer Schattenriss gegen das Wolkengrau des Himmels abheben. Eine Wolkenbank umhüllt den Fuß der Berge wie ein Haufen frische Schurwolle. Wir laufen am Ufer des Río Tena entlang. Auf der anderen Seite des Stromes versperren uns Stämme und dichtes Unterholz die Sicht. Der Wald erhebt sich in den Himmel wie ein grünes Bollwerk. Alles ist gesättigt von Grün, jede andere Farbe scheint ausgelöscht.

Wir ahnen, ein echtes Urwald-Abenteuer würde uns mehr abverlangen als wir an Komfort zu opfern bereit wären. Wie alle Kinder der Zivilisation verspüren wir eine romantische Sehnsucht nach der Wildnis. Als aufgeklärte Menschen wissen wir natürlich, dass wir Teil der Natur sind, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht mehr in der Natur leben. Aus der Darwinschen Hölle haben wir uns in jene Bequemlichkeit gerettet, die wir Zivilisation nennen. Der Wald erscheint uns als eine ferne Heimat und ein Teil von uns wünscht sich in das verlorene Paradies zurück. Doch die Zeit hat unser Erinnerungsvermögen getrübt. Was wir für ein Paradies halten, ist in Wirklichkeit eine Hölle, in der ein ständiger Überlebenskampf tobt: Auf uns allein gestellt, würden wir wohl kaum auch nur drei Tage durchhalten.

Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?