Auf unbekannten Straßen

Am Donnerstag müssen wir dann aber wirklich wieder zurück nach Quito, denn die Schule hat bereits begonnen und uns fällt keine sinnvolle Ausrede ein, die unserem Sohn erlaubt hätte, noch länger dem Unterricht fernzubleiben. Ursprünglich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber am Ende sind alle Pläne für die Katz, denn die Wirklichkeit bringt sich immer gerade dann unangenehm in Erinnerung, wenn man am wenigsten damit rechnet. Es waren noch letzte Besorgungen zu machen und das Packen dauerte wieder einmal den ganzen Vormittag. Mein Einwand, dass ich auf keinen Fall Nachts fahren wolle, weil die Strecke viel zu gefährlich sei, wurde geflissentlich überhört und so musste es erst Mittag werden bis wir endlich Richtung Quito aufbrechen konnten. Die Schwiegermutter begleitete uns. Sie wollte sehen, wie ihre Tochter lebt, und außerdem beabsichtigte sie, bei dieser Gelegenheit gleich ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen. Ich ahnte, diese Fahrt würde meine Kräfte bis zum Äußersten beanspruchen.

In der Nähe Santo Domingos lebt ein alter Studienkollege meiner Frau und obwohl abzusehen ist, dass wir Quito erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, muss erst noch ein Zwischenstopp bei besagtem Ex-Kommilitonen eingelegt werden. Ich fahre ungern bei Dunkelheit durch die Anden. Die Straßen sind schon am Tage gefährlich genug, Nachts aber verlangt die Strecke einem alles ab und nach ein paar Stunden Fahrt durch die Berge, inklusive Passhöhen von über dreitausend Metern, ist man am Ende seiner Kräfte – physisch wie mental. Meine Frau telefoniert noch einmal und René, so der Name des ehemaligen Mitstudenten, sagt, das Essen würde bei unserem Eintreffen schon bereitstehen. Wer kann da schon Nein sagen!

René wohnt irgendwo auf dem Campo, d. h. auf dem Land, und seine Adresse ist so schwer zu finden, dass selbst das Navi mit seinem Latein am Ende ist. Wir verabreden uns deshalb zehn Kilometer hinter einem markanten Verkehrskreisel. Er sei nicht zu verfehlen, meint René, aber wir haben so unsere Erfahrungen mit Verkehrskreiseln und schon aus Angst, die Stelle wieder zu verpassen, wittern wir wie die Eichhörnchen ständig in alle Richtungen. Entgegen allen Erwartungen finden wir den Kreisel auf Anhieb und alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist Kilometer zählen. Ich schaue genau auf den Kilometeranzeiger und tatsächlich, gerade als die Ziffern zur Zehn Komma Null umschalten, sehe ich René winkend und lächelnd am Straßenrand stehen. Wir begrüßen uns kurz und weiter geht es über eine mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste. René fährt einen Pickup mit Allradantrieb und wahrscheinlich ist ein geländegängiges Fahrzeug auch nötig. Ich wage mir kaum auszumalen, wie die Wege bei Regen aussehen. Die Straße führt durch eine Art pastorale Idylle. Kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit bändigt die wild wuchernde Natur. Plötzlich halten wir vor einem stählernen Flügeltor von geradezu zyklopischen Ausmaßen. Wir stehen davor wie die Besucher des „Jurassic Park“, aber natürlich sind wir nur zum Essen gekommen und nicht als die Mahlzeit. Es steht aber nichts zu befürchten, denn René ist einer der freundlichsten Zeitgenossen, die ich kenne. Er öffnet das Tor und wir rollen auf den Hof.

René wohnt so, wie man sich gemeinhin vorstellt, dass ein Großagrarier leben müsste: Der flache Gebäudekomplex von gewaltigen Ausmaßen thront auf der Anhöhe wie das Hauptquartier eines Generalobersten. Rundherum breitet sich eine verwilderte Hügellandschaft aus. Eine Meute furchteinflößender Wachhunde patrouilliert argwöhnisch um das Haus und verbellt jeden Einbrecher. Wir dürfen passieren, aber nur weil René die Hunde zurückhält. Er führt uns ins Wohnzimmer des Hauses, einen Raum von den Ausmaßen eines Audienzsaals. In dessen Mitte befindet sich gleich einer Insel der Ruhe eine bequeme Sitzgruppe. Wir lassen uns erschöpft in die weichen Polster fallen. Vitrinen und Bilder schmücken die Wände. Um wirklich zu glauben, man befände sich im Herrenhaus einer großen Hacienda, fehlt eigentlich nur der Kamin mit dem ausgestopften Stierkopf an der Wand darüber. Doch in einem Land, in dem immer sommerliche Temperaturen herrschen, sind Kamine wohl fehl am Platze. Und René ist kein Rinder-, sondern ein Hühnerbaron. Und wie sähe denn ein Huhn über dem Kamin aus!

Unser Gastgeber hat in Deutschland Landwirtschaft studiert und reüssiert seit Jahren als Hühnerzüchter. Ich habe noch nie zuvor einen Leibhaftigen Hühnerbaron getroffen und René muss herzlich lachen, als er den Ausdruck hört. Ich frage ihn, ob wir uns die Ställe anschauen dürfen und während seine Frau das Essen zubereitet, machen wir einen kurzen Spaziergang. Wir schlagen den Weg über einen holprigen Sandpfad ein. Es geht bergab und dann bergauf und nachdem wir uns unter einem Dornendickicht hindurch gebückt haben, öffnet sich plötzlich der Blick: Wir schauen über ein weites, von sattgrünem Gestrüpp überwuchertes Hügelland. Aus der dichten Vegetation erheben sich vier kastenförmige Gebäude, jedes von den Ausmaßen einer Kaserne. Wir befinden uns oberhalb der Anlage und schauen aus der Vogelperspektive herunter. An einigen Stellen hat man die Dachluken geöffnet und darunter herrscht heilloses Gewimmel: Jeder der kleinen weißen Punkte ist ein Huhn. Es müssen Tausende sein. Über den Hügeln hört man ihr Gegacker, das einem tausendstimmigen geschwätzigen Chor gleicht.

Die Hügelketten steigen wie eine Theaterkulisse sanft zum Horizont hin an. Gleich dem Rand eines Suppentellers rahmen sie eine Senke ein, in deren Mitte Renés Hühnerfarm liegt. Die Kämme der weiter weg liegenden Höhenzüge nehmen uns die Fernsicht. Die Hügel breiten sich vor uns aus wie Sandrippen an einem Strand und die vier Gebäude, jedes so lang wie ein Fußballfeld, wirken darin wie Fremdkörper. Ich frage René, ob das alles ihm gehöre und mache dazu eine ausschweifende Geste bis hin zu den entferntesten Hügeln. Und dieser bescheidene Mann nickt etwas schüchtern. Das Areal ist riesig, geradezu gigantisch und es fällt mir schwer zu glauben, dass René, wie er sagt, nur eine kleine Nummer im Hühnerbusiness ist. Er erzählt mir, er habe zur Zeit sechzigtausend Hühner, um aber als Großproduzent zu gelten, müsse man mindestens dreihunderttausend Tiere besitzen. Das sind eine Menge Vögel!

Ich erzähle ihm, dass der Vater eines der Klassenkameraden meines Sohnes der größte Hühnerproduzent Ecuadors sei. Der Mann gehöre zu den Top-Lieferanten für KFC (das ist der Colonel) in ganz Lateinamerika und überdies sei er auch noch Eigentümer des „El Español“, einer Kette von Deli-Restaurants. René nickt abermals – ja, er kenne ihn. Wahrscheinlich geht es in in seiner Branche zu wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Sicherlich trifft man sich alljährlich auf den einschlägigen Fachmessen und bebauchpinselt sich auf den Verbandsfeiern.

Als wir zurückkehren, wartet schon das Essen auf uns. Es gibt Reis mit – wer hätte es ahnen können! – Hühnchen. Wir setzen uns an den Tisch, der die Ausmaße einer Rittertafel hat. René und ich nehmen jeweils am Kopfende Platz und wir müssen laut sprechen, damit unsere Stimmen die Worte über die große Entfernung tragen. Von meinem Platz aus kann ich die Küche sehen – sie ist so groß wie unsere ganze Wohnung in Berlin und mit so viel Kücheninventar ausgestattet, dass leicht zwei Dutzend hungriger Landarbeiter verköstigt werden könnten. Hier ist einfach alles riesig, doch selbst noch das größte Anwesen verliert sich in der weithin leeren Landschaft. Renés Frau kümmert sich offenbar um das Haus, was angesichts von dessen Größe keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, es ist weniger fordernd, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, als diesen Pharaonenpalast von einem Haus zu verwalten. Sie ist von der herzlich-zupackenden Art der Landfrauen, obwohl ich mich nicht dafür verbürgen könnte, dass sie wirklich vom Lande stammt. Aber vielleicht wird man so, wenn man nur lange genug auf dem Campo gelebt hat. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen und wir langen ordentlich zu. Das Essen ist lecker – kein Wunder, dass René Bauch angesetzt hat, seit ich ihn das letzte Mal sah.

Nach dem Essen plaudern wir noch ein wenig, aber wir können nicht lange bleiben. Schon bald wird es dunkel und ich bin ein wenig besorgt, weil uns der schwierigste Teil der Strecke noch bevorsteht. In einigen Wochen wollen wir uns wieder treffen, diesmal bei uns in Cumbayá, und neben René sind all die anderen „Ossis“ eingeladen. Die Ecuadorianer, die in der DDR studiert haben, nennen sich selbst immer scherzhaft „Ossis“. Meine Frau möchte eine Nostalgie-Party veranstalten und sie hat deshalb Bockwürste, Gewürzgurken im Glas und noch vieles mehr mitgebracht, das an die alte Zeit erinnert. Ein halbes Dutzend Leute werden der Einladung wohl folgen und wir sind jetzt schon gespannt, was sie zu erzählen haben.

Wir verabschieden uns bald und René öffnet uns das Tor. Die Wachhunde umkreisen argwöhnisch unser Auto. Ein letzter Abschiedsgruß und dann geht es wieder auf die Autopista. Zwar hoffen wir, dass wir die Berge vor Einbruch der Dunkelheit überwunden haben werden, aber die Zeit ist zu knapp. Ich verkneife mir einen rechthaberischen Einwand und stelle mich mental schon einmal auf eine lange und anstrengende Nachtfahrt ein. Ich entschließe mich, die nördliche Route nach Quito auszuprobieren. Diese führt nicht über Santo Domingo sondern über San Miguel de los bancos. Wir hoffen so, dem Regen, dem Nebel und den tückischen Serpentinen mit ihren starken Steigungen und Gefällen zu entgehen.

Unsere Reise steht unter einem guten Stern: Wir haben noch mehr als zwei Stunden Tageslicht, die Straße ist in exzellentem Zustand und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Einmal fahren wir eine Stunde oder länger am Stück, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet wäre. Die Straße führt durch sanft geschwungene grüne Hügel unter einem blaue Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. Wir fahren durch winzige Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben, und die wir schon wieder vergessen, als wir die letzten Häuser passieren. Die Straße zieht sich in immer neuen Schwüngen durch das Grün der Hügel. Alles ist ruhig, friedvoll und einfach nur schön. Die Landschaft ist der Traum von einer Idylle, wie er nur dem Kopf eines Großstadtmenschen entspringen kann. Mir kommt der Gedanke, hier vielleicht einmal Urlaub zu machen, doch ich verwerfe sofort diese Weltfluchtidee des Großstädters in mir. Wie sollte man sich hier versorgen – ich hatte seit Stunden nicht ein Geschäft gesehen – und vor allem, was sollte man hier eigentlich tun? Außer der schönen Landschaft gibt es absolut nichts; wir sahen nicht einmal Menschen. Die meisten Einheimischen sind froh, wenn sie der Tristesse und der Armut ihrer Dörfer entrinnen können. Nur der Reisende von weither ist der Wirklichkeit fern genug, um mit dem Blick des Romantikers in der Einöde ein Paradies zu erkennen.

Wir waren nun schon über zwei Stunden unterwegs und so schlagartig, als hätte sich ein Vorhang gesenkt, kam die tropische Nacht über uns. Wir hatten noch kaum die Hälfte geschafft und mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, schien sich die Strecke zum zwei zu verlängern. Auf der Karte sehen beide Routen – die südliche über Santo Domingo und die nördliche über San Miguel de los bancos – etwas gleich weit aus, tatsächlich aber benötigt man auf der nördlichen Strecke fast zwei Stunden mehr bis Cumbayá. Bei Tage mag dies noch angehen, denn die Straßen sind in gutem Zustand und die nördliche Strecke ist viel weniger gefährlich als die südliche. Während der ganzen Fahrt war es trocken und auch der Nebel blieb uns erspart, was dem Umstand zu danken ist, dass die Strecke nicht so hoch in die Tierra fría hinaufführt wie die Route über Santo Domingo. Für diesen Komfort muss man jedoch mehr Zeit einplanen. Bei Tag macht es sogar richtig Spaß, diese Route zu befahren, bei Nacht kann es jedoch passieren, dass man unversehens in einen Alptraum gerät.

Es war stockdunkel. Ohne das Licht der Scheinwerfer hätte ich die Hand vor Augen nicht sehen können. Hin und wieder kamen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die meisten der Fahrer schienen nicht zu wissen, dass man das Licht auch abblenden kann, und nach jeder dieser Begegnungen sah ich für Sekunden nur noch grüne Punkte. Ich fuhr langsam, so langsam, dass man mich einige Male überholte, aber die Straße war wegen der Dunkelheit und auch wegen der schlechten Kennzeichnung stellenweise kaum noch zu erkennen. Als wäre ich hypnotisiert, hielt ich die Augen die ganze Zeit starr auf den Seitenstreifen gerichtet, der einzigen Orientierungshilfe in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Plötzlich, als hätte die Nacht sie verschluckt, waren die Fahrbahnmarkierungen verschwunden. Im Licht der Scheinwerfer versuchte ich die Straße auszumachen, doch im nächsten Augenblick bäumte sich der Wagen auf wie ein bockendes Pferd und sprang ein paarmal wie wild auf und ab. Wir wurden hart in die Sitze gestaucht und dann hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl von Schwerelosigkeit, wie wenn man mit dem Auto über einen Hügel rast und wenn man die Kuppe erreicht, zieht es einem die Eingeweide nach oben und es ist, als tanzten Schmetterlinge im Bauch. Doch das verheißungsvolle Gefühl entpuppte sich als Täuschung, denn die Fahrt endete mit einem großen Plumps.

Der Motor lief noch, die Scheinwerfer brannten auch noch und die Airbags hatten nicht ausgelöst. Um uns herum breitete sich tiefschwarze Nacht aus, die durch die Scheinwerfer eher noch verstärkt wurde, als dass das Licht sie durchdringen konnte. Alles ging so schnell, doch meine Schwiegermutter hatte noch Zeit, die Mutter Gottes und sämtliche Heiligen um Hilfe anzurufen. Und es hat etwas genutzt! Ich hörte ihre Worte in meinem Kopf nachhallen und ich musste fast lachen, als ich daran dachte, dass wir vielleicht nur deshalb noch am Leben waren, weil der Himmel mich, den Atheisten, verschmäht hatte. Ich spürte überhaupt keine Angst, obwohl ich doch Angst haben sollte. Stattdessen überkam mich eine geradezu meditative innere Ruhe wie sonst nur nach der Neujahrsansprache unserer Bundeskanzlerin.

Da niemand verletzt war – alle saßen noch angeschnallt und mit perplexem Gesichtsausdruck auf ihren Sitzen –, konnte ich mich um den Wagen kümmern. Meine Frau meinte, da lägen Teile. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Sobald ich die Tür geöffnet hatte, versanken meine Füße im Matsch. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Wagen in einer Schlammpfütze gelandet war. Rundherum verstreut lagen Teile von Kotflügeln, Scheinwerfer, eine zerbrochene Stoßstange, Radkappen. Ich stakte auf Zehenspitzen um den Wagen herum, doch ich konnte keinen Schaden feststellen. Bis auf die Tatsache, dass das Auto verdreckt war wie nach einer Tauchfahrt durch einen Schlammgeysir, schien alles in Ordnung. Die Teile, die ich im Matsch liegen sah, stammten nicht von uns. Sehr wahrscheinlich waren wir nicht die einzigen, und ganz sicher nicht die ersten, die in diese gemeingefährliche Falle tappten.

Was war geschehen? Die Straße hatte sich gegabelt und ich hatte mich für den falschen Abzweig entschieden. In der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, ob auf dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, gerade gebaut wurde oder man den Abzweig einfach stillgelegt hatte. Jedenfalls waren zehn Meter hinter der Gabelung einige Sandhügel aufgeschüttet worden. Über den letzten davon hatte es uns wie auf einer Sprungschanze hinausgetragen und der Wagen war in die dahinter liegende Schlammpfütze geplumpst. Ob die Straße noch weiter ging, konnte man wegen der Dunkelheit nicht erkennen. Sie verlor sich irgendwo an der Flanke eines Hügels im Gebüsch.

Jedenfalls mussten wir wieder zurück. Ich legte also den Rückwärtsgang ein – der Wagen reagierte wie gewohnt –, umfuhr die Sandhügel und setzte zurück auf die Hauptroute. Erst jetzt wunderte ich mich, warum man vor dem toten Abzweig keinen Warnhinweis angebracht hatte. Sonst pflegt die Verkehrspolizei aus unerfindlichen Gründen an den unmöglichsten Stellen Kegel aufzustellen. Warum sie das tut, bleibt ein ungelöstes Rätsel, denn die willkürlichen Absperrungen behindern eher den Verkehr, als dass sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. In diesem Fall hätte sich eine Markierung als nützlich erweisen können, zumal wir nicht die ersten gewesen zu sein scheinen, die sich für die falsche Ausfahrt entschieden hatten. Aber man darf den Leuten hier nicht mit Logik kommen. Ich habe schon oft daran gedacht, dass man vielleicht einer anderen Art Logik folgt, die zu erkennen, ich bloß noch keinen Sinn entwickelt habe. Das kommt aber alles noch – da bin ich mir ganz sicher!

Der restliche Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Auf dem allerletzten Abschnitt kurz vor Quito gerieten wir hinter einen Laster, der eine schwere Ladung Holzbohlen transportierte. Die meiste Zeit zuckelte er mit allenfalls vierzig Kilometern pro Stunde durch die Nacht. Ein dickes Seil, mit dem wohl ursprünglich die Ladung gesichert war, schleifte hinter ihm her und pendelte wie ein Treibanker von einer Straßenseite zur anderen. Ich hätte ihn gern überholt, aber nach acht Stunden Fahrt und nachdem wir nur knapp der Katastrophe entronnen waren, hatte ich keine Nerven mehr, an ihm vorbeizuziehen. Die Straße war ziemlich schmal und durch die vielen Serpentinen konnte man den Gegenverkehr erst im allerletzten Moment erkennen. Mehrmals überholte man mich, doch ich war keineswegs darauf erpicht, es selbst zu versuchen, denn einige Male hatte ich den Eindruck, der Zusammenstoß wäre unausweichlich. Doch dann, im letzten Moment, zog der Überholende mit verzweifelter Verwegenheit vor den Laster und der Aufprall wurde nur um Zentimeter vermieden. Auch wenn es ein wenig länger dauerte, schafften wir es schließlich sicher nach Hause, und an diesem Abend war ich darüber so froh wie noch nie.

Lenins Gourmet-Reise

Obwohl wir uns geschworen hatten, so bald nicht wieder den Strand zu besuchen, zieht es uns schon am nächsten Tag wieder dorthin. Nach den Ferientagen ist Bahía eine andere Stadt: die Strände sind verwaist, die Hotels leer und die Straßen haben ohne die Ferientouristen zur üblichen verschlafenen Gemächlichkeit zurückgefunden. Am Vormittag drängt die Flut bis an die Mauern der Strandpromenade und die Felsblöcke, welche man zu ihrem Schutze aufgetürmt hat, bieten die einzige Möglichkeit, dem Meer nahe zu sein, ohne ständig im Wasser stehen zu müssen. Eine unbeschreibliche Faszination geht von diesem Ozean aus (allein schon dieses Wort – Ozean), und man fühlt eine Sehnsucht, die an den tiefsten Empfindungen rührt. Ich liebe das Meer und wenn ich könnte, würde ich seine Ufer nie wieder verlassen. Aber irgendwann ist auch der längste Urlaub vorbei und es heißt Abschied nehmen.

Der Strand, bei Ebbe fast hundert Meter breit, ist zu einem schmalen Saum geschrumpft, über das die Flut Wellen und Schaum treibt. Die meisten Feriengäste sind schon abgereist und wir sind an diesem Tag die einzigen, die sich am Strand blicken lassen. Nicht einmal Spaziergänger gibt es auf der Strandpromenade, obwohl das Wetter wirklich schön ist. Es ist Anfang November und es ist so heiß, dass man es nicht lange aushält, ohne Abkühlung in den Fluten des Pazifik zu suchen. Wir waten mehr als hundert Meter ins Meer hinaus, aber das Wasser reicht uns gerade bis zur Hüfte. Wir lassen uns von den Wellen mitnehmen und surfen wie die Galapagos-Pinguine auf der Brandung. Als wir genug haben, setzen wir uns auf die Felsblöcke. Die tropische Sonne hat uns im Nu getrocknet. Mittlerweile bin ich braun wie der Skipper einer Karibikjacht, und das Anfang November! Im kalten winterlichen Berlin wird kein Tag vergehen, an dem ich mich nicht nach der warmen Äquatorsonne sehne.

Einmal noch mussten wir eine weitere Etappe in Lenins kulinarischer Tour de force überstehen. Er lud uns ein in ein Restaurant mit dem schönen Namen „El Tomate“. Leider hatten wir nicht die geringste Ahnung, wo sich dieses Restaurant befindet, doch Lenin beschrieb uns genau den Weg. Nach einer Stunde Fahrt mit dem Auto waren wir kurz vor Portoviejo. Es war vorgesehen, dass wir uns an einem Rondell neben einer Tankstelle treffen, um dann den letzten Abschnitt der Fahrt gemeinsam zurückzulegen. Eigentlich kann man die Stelle nicht verfehlen, aber wir brachten es dennoch fertig. Mehrmals mussten wir den U-Turn nehmen und wir fuhren die Straße immer wieder hoch und runter – von dem Restaurant keine Spur. Schließlich fanden wir das „Tomate“ dann doch: Ein verblichenes, kaum noch lesbares Schild wies uns den Weg zu der versteckt liegenden Örtlichkeit. Wir waren die ersten. Lenin, der Schwiegervater und dessen Freund sowie ihr Anhang trudelten geraume Zeit später ein, wie üblich gut gelaunt und voller Vorfreude auf das Essen.

Das „Tomate“ ist ein riesiges Familienrestaurant unter einem noch gewaltigeren Palmstrohdach. Wände gibt es nicht, aber wer braucht schon geschlossene Räume in einer Weltgegend, in der die Temperaturen so gut wie nie unter 25 Grad Celsius sinken? Das Auto stellt man einfach irgendwo ab; Platz gibt es genug. Da es keine Wände gibt, braucht man auch keine Eingangstür. Vom Wagen gelangt man mit nur wenigen Schritten direkt in den Gästeraum, der auf Massenandrang ausgerichtet ist: Die Tische sind so groß wie die Tafelrunde an König Artus Hof und ebenfalls rund. Mindestens zwölf Gäste können daran Platz nehmen, ohne sich gegenseitig an den Ellenbogen zu stoßen. Das Restaurant ist ein typisches Mittagslokal. Wir sind an diesem Tag spät dran und nur wenige Gäste verweilen noch an den Tischen. Als wir bestellen wollen, erleben wir eine Enttäuschung, denn die Hälfte der Gerichte ist schon ausgegangen (Wer zu spät kommt … den Rest kennt man ja). Wir begnügen uns mit dem, was noch da ist. Ich nehme das gegrillte Schweinefleisch mit Reis.

Die Küche Manabís ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche in Ecuador, und selbst ein so einfaches Gericht wie Schweinefleisch mit Reis kann ein kulinarisches Erweckungserlebnis bedeuten. Nach einem Berg von Vorspeisen – frittierten Maduros (das sind reife Kochbananen) mit Salprieta (eine grobkörnig würzige Erdnusspaste) und Chifles (dünne knusprige Chips aus Kochbananen) mit scharfer Soße – kommt endlich das Essen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, ausgerechnet Schweinefleisch zu bestellen – normalerweise esse ich gar kein Schwein. Der Teller sieht recht unspektakulär aus und ich bin skeptisch. Das Fleisch, drei große Grillscheiben an schneeweißem Reis, ist viel dunkler als ich es in Erinnerung habe. In Deutschland habe ich Schweinefleisch seit mindestens zwanzig Jahren gemieden, nicht aus religiösen oder ethischen Gründen, sondern weil ich mich vor dessen wässriger Konsistenz ekele. Außerdem empfand ich es immer als ziemlich fade.

Hier nun, im „Tomate“, probiere ich seit langer Zeit wieder Schwein. Ich nehme nur ein kleines Stück in den Mund und kaue vorsichtig – und ich kann kaum glauben, wie unglaublich lecker es ist. Das soll Schweinefleisch sein? Mein Mund erlebt eine wahre Geschmacksexplosion. Dieses Fleisch ist so ganz anders als das Schweinefleisch, das ich aus Deutschland kenne, viel fester und zugleich sehr saftig. Mir scheint, der Koch hat nur ein wenig Salz verwendet, und in der Tat wäre alles andere viel zu viel des Guten. Aber es wird noch viel besser als ich eine gute Portion scharfen Ají auf jeden Bissen tropfe. Ich muss mich zwingen, langsam zu essen und gewissenhaft zu kauen, denn es schmeckt so gut, dass die Versuchung groß ist, einfach nur zu schlingen.

Auch die anderen sind mit ihrem Essen sehr zufrieden. Allen mundet es ausgezeichnet. Lenin, der alte Sybarit, lobt das Essen in den höchsten Tönen und schwelgt in Erinnerungen an vergangene „Gourmetreisen“. Er ist ein wenig enttäuscht, weil die Fischsuppe, derentwegen er extra hergekommen ist, schon ausgegangen ist. Er meint, wann immer er Zeit habe, toure er durch die Küstenprovinz, um das lokaltypische Essen zu genießen, denn nirgendwo sei die Küche so gut wie hier. Ein Blick auf seine Leibesfülle verrät, dass aus ihm der Experte spricht. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Restaurant und das Personal macht schon Anstalten, das Lokal zu schließen. Doch Lenin will uns nicht gehen lassen, ehe wir nicht eine Torta de choclo (eine Art saftiger Maiskuchen) probiert hätten, die man ganz in der Nähe beziehen könne. Er verspricht, er sei in fünf Minuten zurück, und schon eilt er zu seinem Wagen.

Am Ende dauert es dann doch eine halbe Stunde (die Kellner schauen schon böse) und er bringt gleich mehrere Tüten mit den in der Aluform gebackenen goldgelben Maiskuchen mit. Wir sind so satt, dass wir uns die Torta de choclo für später aufsparen wollen und auch die anderen verschmähen die Leckerei – zumindest für den Augenblick. Ich probiere die Torta am nächsten Tag, obwohl sie ganz frisch sicher noch viel besser ist. Ich muss unbedingt das Rezept haben, und wenn ich dafür töten müsste! Ich kann nicht begreifen, wie ein simpler Maiskuchen so gut schmecken kann. Der Stoff hat eindeutig Suchtpotential. Das Rezept muss her oder man kann mich nicht für meine Taten verantwortlich machen!

Nach dem Essen verabschieden wir uns herzlich und ein jeder geht seiner Wege. Wir fahren zurück nach Bahía. Unterwegs machen wir an einem der zahllosen Stände beiderseits der Autopista halt und kaufen Mangos. Mangos haben gerade Saison und werden an der Küste allerorten angeboten. Meine Frau kauft gleich eine ganze Tüte voll. Sie nimmt verschiedene Sorten – ich wusste gar nicht, dass es mehrere Sorten gibt. Manche sehen so aus wie die Mangos, die man aus Deutschland kennt, andere sind nur so groß wie Pflaumen und eher rund. Der Schleier meiner Unwissenheit wird noch ein wenig weiter gelüftet, als wir gleich an Ort und Stelle probieren: Ich kann kaum glauben, dass das dieselben Früchte sein sollen, die ich aus Berlin nur als fades strunkiges Obst kenne. Wenn man in das dunkelgelbe Fleisch beißt, rinnt einem der Saft nur so über die Wangen. Diese Mangos sind sehr süß und unglaublich aromatisch; verglichen mit den Früchten in Berlin sind sie geradezu Supermangos. Schon wenn man sie aufschneidet, entströmt ihnen ein so intensiver Duft, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Die kleinen schmecken dabei noch einen Tick süßer als die großen. Schon am nächsten Tag ist von den leckeren Früchten nichts mehr übrig. Die Saison für Mangos dauert nicht lange und wir beschließen, dass wir die Schwelgerei noch recht oft wiederholen wollen.

Immer wieder Canoa

Am 3. November ist die ganze Stadt auf den Beinen, um sich die Parade anlässlich der Erhebung Bahías zum Kanton im Jahre 1875 anzuschauen. Der Aufzug hat Tradition und die Einwohner der Stadt säumen nicht nur die Uferpromenade, auf der die Parade stattfindet, sondern nehmen selber in großer Zahl am Umzug teil: Jede Schule marschiert mit einer eigenen Abordnung. Schüler und Lehrer haben sich herausgeputzt, um auf diesem wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu glänzen. Die Parade dauert den ganzen Vormittag, denn jede noch so kleine Behörde oder Institution entsendet ihre Teilnehmer. Man sieht die Bomberos, die örtliche Feuerwehr, stolz in ihren Uniformen durch die jubelnde Menge marschieren. Eine Abordnung der Streitkräfte paradiert zackig über das Pflaster, dass die Sohlen nur so knallen – einfache Soldaten in Kampfmontur; Scharfschützen im Fransentarn, das Gewehr wie ihr Baby im Arm wiegend; bullige Typen der Marine-Infanterie, bei denen man sich vorstellen kann, dass sie keiner Kneipenschlägerei aus dem Weg gehen; Offiziere, die zum Gruß stolz den Paradesäbel präsentieren.

Die Straßen sind dicht gesäumt mit Schaulustigen. Salsa-Rhythmen dringen aus den Laufsprecherboxen und die Leute haben sichtlich Spaß am Marschieren und Präsentieren und am Zuschauen. Oft werden die Abordnungen von jungen Frauen in knappen Kleidern und hohen Schuhen angeführt. Sie sind Fahnenträgerinnen oder sollen wohl einfach nur die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele haben sich bunte Schärpen umgelegt, die sie als Gewinnerinnen irgendeiner Misswahl oder als exzellente Studentinnen ausweisen. Die Marschkolonnen werden mit Jubel- und Hochrufen empfangen und die Paradeteilnehmer genießen ihre momentane Aufmerksamkeit. Als die Parade beendet ist, verläuft sich die Menge keineswegs. Die meisten bleiben an der Promenade, wo bis in die Nachtstunden hinein Volksfeststimmung herrscht.

Später holten wir den Wagen mit dem Vorsatz ab, nach Canoa an den Strand zu fahren. Es war einer jener Tage, die so heiß sind, dass man glaubt, lebendig gebraten zu werden. Wir hatten Ferien und wer käme da schon auf die Idee, in seiner tristen Wohnung hocken zu bleiben, zumal bei solch einem Wetter! Wir konnten es kaum erwarten, nach Canoa zu gelangen – was für ein herrlicher Strand! Doch bevor wir uns in die Brandungswellen stürzen konnten, bekundeten zwei Drittel der Teilnehmer unserer Badepartie, dass sie Hunger verspürten, großen Hunger sogar. Selbstverständlich mussten erst die drängenden leiblichen Bedürfnisse befriedigt werden, bevor die Badelust gestillt werden konnte. Das „Bambú“ lag nur wenige Schritte von unserem Parkplatz entfernt – wir hatten mit Mühe und Not noch einen freien Platz ergattern können. Ein sonnenverbrannter älterer Herr, offenbar der Angestellte des kleinen Restaurants, vor dem unser Wagen stand, gab zu erkennen, dass er auf das Auto aufpassen würde. Es war klar, dass wir uns später für diesen Service erkenntlich zeigen würden, denn wo sich viel Volk tummelt, hat die Zunft der Diebe ein gutes Auskommen.

Der hungrige Teil unserer Reisegruppe stärkte sich erst einmal ausgiebig im „Bambú“, denn schließlich verleiht so ein voller Magen, vor allem wenn er mit fettreicher Nahrung gefüllt ist, genug Auftrieb, um in den Meeresbrechern nicht unterzugehen. Ich habe gelesen, Haie hätten keine Schwimmblase und der Auftrieb werde allein durch die Fettleber erzeugt. Vielleicht ist es beim Menschen ja ähnlich. Es war heiß wie in einem Backofen, nur die stramme Meeresbrise brachte ein wenig Erfrischung. An Essen war wegen der Hitze nicht zu denken und so begnügte ich mich mit einem Kaffee, während mein Sohn Spaghetti Carbonara und meine Frau eine dicke Suppe mit Käse orderten. Mein Sohn hat offenbar den Magen der Ecuadorianer geerbt, denn ganz gleich wie heiß es auch sein mag, so ein ordentliches Mittagessen besteht immer aus der Heiligen Dreifaltigkeit von Suppe, Hauptgericht und Dessert. Dabei sind die Suppen oft so gehaltvoll, dass man leicht auf das Hauptgericht verzichten könnte. Meine Frau nahm noch einen Cocos-Flan zum Dessert und ich bestellte noch einen Kaffee – die Hitze machte träge und müde und ich hoffte, dass das Koffein meinen Kreislauf ankurbeln würde.

Bekannten, gleich ob prominent oder nicht, begegneten wir diesmal nicht. Anlässlich unseres letzten Besuchs in Canoa waren wir der halben Hautevolee Bahías förmlich in die Arme gelaufen. Meiner Frau war es recht und sie nutzte die Gelegenheit zum fröhlichen Plaudern. Diesmal gab es nichts zum Tratschen und wahrscheinlich hatte sie wieder einmal ihre Vorahnungen, denn sie hatte sich vorsorglich ein Buch mitgenommen, damit ihr die Zeit nicht zu lang würde.

Was für ein herrlicher Strand! Es herrschte Ebbe und auf dem sechzig, siebzig Meter breiten Streifen aus feinem Sand versammelte sich die übliche Standgesellschaft. Sehen und gesehen werden, lautet das Motto. Man kann deutlich erkennen, wie hoch das Wasser bei Flut steht, denn an dieser Stelle steigt der Sand zu einem zwei, drei Meter hohem Wall an. Bei Ebbe liegt davor ein Glacis von fünfzig und weiter hinauf an der Küste von hundert Metern Breite. Die letzte Flut hat dort den Sand geglättet und verfestigt, so dass er sich ideal eignet, um darauf Fußball zu spielen. Und so sieht man verschiedentlich junge Männer gekonnt Bälle kicken. Mancher Strand-Adonis ist darunter: gravitätisch lässt er den Ball von der hantelgestählten Brust abtropfen und lässig passt er ihn zu seinen Mitspielern weiter.

Eine junge Frau geniert sich kein bisschen, nur wenige Meter von mir entfernt Liegestütze zu machen (und sie kann Liegestütze!). Später stemmt sie sich ächzend in den Seitstütz. Zwischen den Trainingssätzen hakt sie immer wieder den BH ihres Bikinis auf, um ein Maximum an Sonne einzufangen. Und in der Tat brennt die Sonne an diesem Tag, als wollte sie den Ozean verdampfen. Der Himmel ist stahlgrau und nur in der Nahe des Zenits sieht man eine Andeutung von Blau, dennoch gleißt das Tagesgestirn wie eine Magnesiumfackel. Das Licht ist so unerbittlich hart, dass einem die Augäpfel schmerzen, wenn man den Blick über Meer und Sand schweifen lässt. Vom Ozean her weht eine steife Brise und die Brecher werfen sich unermüdlich auf den Strand. Die Luft ist warm wie der Strahl eines Heißluftgebläses, aber das Meer verheißt Abkühlung.

Wir werfen uns lustvoll den Wellen entgegen. Das Meer ist einfach wunderbar und genau richtig temperiert, um den lieben langen Tag darin auszuharren. Wir möchten das Wasser am liebsten gar nicht mehr verlassen. Aber natürlich hat uns das fortwährende Auf und Ab nach kurzer Zeit so erschöpft, dass wir nur allzu gern wieder an den heißen Strand zurückkriechen. Mir ist schon ganz schwindelig von den vielen Hechtsprüngen und dem Tauchen und in meinem Kopf rauscht es wie in einer Meeresmuschel. Als uns der heiße Sand die Sohlen verbrennt, sind wir doch froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wir wagen uns noch mehrmals ins Meer, aber jedes Mal kehren wir ein wenig ermatteter zurück. Nach ein paar Stunden bin ich wie genudelt; Meer und Sonne haben mich ausgelaugt. Mein Körper sehnt sich nach Kühle und Schatten und meine Kehle lechzt nach einem kalten Pils.

Es sind Ferien und der Strand ist gut gefüllt mit Urlaubern aus der Sierra – man erkennt sie sofort am blassen Teint. Auf dem Kamm des Flutwalls haben geschäftstüchtige Hoteliers Strandzelte und Liegestühle aufgebaut. Da wir nicht den ganzen Tag in der brennenden Sonne sitzen wollen, mieten wir uns eines der Zelte; fünf Dollar kostet der Tag. Von der Anhöhe aus hat man einen guten Überblick über den Strand und das Meer. Zwei Surfer stehen scheinbar gelangweilt herum, die Bretter lässig unter die muskulösen Arme geklemmt. Man findet sie wahrscheinlich an jedem tropischen Strand der Welt und ihr Habit ist auch immer das gleiche: Die äußerst knapp geschnittenen Shirts lassen genug gebräunte Haut sehen, um sich ohne große Anstrengung auch den Rest vorstellen zu können; dazu die quietschbunte Badehose und die obligatorische Sonnenbrille für die Coolness. Etwas Lokalkolorit verleiht der Afro. Wenn das wirklich Surfer sind – die Bretter lassen es vermuten –, dann sind das sie merkwürdigsten Surfer, die ich je gesehen habe, denn statt aufs Meer zu schauen, um nach der perfekten Welle zu suchen, haben sie nur Augen für die üppigen Strandschönheiten. Sie stehen geschlagene zwei Stunden im heißen Sand, aber weder gelingt es ihnen, eine Welle zu erhaschen, noch schaffen sie es, eine der Schönen zu mehr als einem kurzen Flirt zu verführen. Zumindest haben sie als Trost noch etwas mehr Bräune abbekommen. Vielleicht klappt´s ja beim nächsten Mal – mit dem Surfen und den Schönen.

Wir laufen am Strand ein Stück nach Norden. Schon nach ein paar Minuten haben wir den Trubel hinter uns gelassen und wir sind fast die einzigen auf dem hundert Meter breitem Sandstreifen. Nach zwanzig Minuten gelangen wir an eine kleine Bucht. In dem Geröll hinter dem Strand haben sich Berge von Treibgut verfangen wie Krill in den Barten eines Wals. Nach Norden hin steigt das Niveau immer weiter an, so dass sich die Küste stellenweise zu regelrechten Cliffs auftürmt. Die Bucht selbst wird an ihrem nördlichen Ende von schroffen Felsformationen begrenzt, die ein gutes Stück in die Meeresbrandung hineinragen. Bei Ebbe ist das Wasser so flach, dass man einfach hindurchwaten kann, um die Felsen zu umrunden.

Eine einsame Felsnadel, stark wie ein mittelalterlicher Wehrturm, steht vor der Küste und trotzt den Elementen. Bei Niedrigwasser könnte man hinlaufen, doch reicht einem der Meeresspiegel bis zur Brust, und dann muss man auch noch die fast senkrechte Felswand erklimmen, um zur Spitze zu gelangen. Einige Wagemutige haben dies tatsächlich getan und winken von der Höhe herab übermütig den Strandspaziergängern zu. Die Flut läuft ein und am Fuß des Felsens bricht sich schäumend die Brandung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie wieder zurückkommen wollen. Wir laufen zurück. Als wir die Felsen umrunden, steht ein alter fetter Mann breitbeinig wie ein Feldmarschall auf der Anhöhe und glotzt die Mädchen in ihren Bikinis an, dass ihm fast der Sabber aus dem Mund läuft.

Irgendwann ist auch der schönste Strand einfach nur zu heiß und zu sandig. Wir packen unsere Sachen und fahren zurück nach Bahía. Es ist später Nachmittag, aber es sieht nicht danach aus, als würde sich der Strand bald leeren oder als würde der Ort je zur Ruhe kommen. Wie man hört, sei es wegen der vielen Partys ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur eine Nacht durchzuschlafen. Ganz gleich, wann man nach Canoa fährt, die Stadt erweckt immer den Anschein, als hätten hier gerade die Ferien begonnen. Sicher macht dies einen Teil ihres Reizes aus und die Leute kommen hierher, um in die entspannte Atmosphäre einzutauchen und die gestresste Seele baumeln zu lassen. Wir drücken dem Mann vom Restaurant, der so gut auf unser Auto aufgepasst hat – immerhin wurde nichts gestohlen –, noch ein paar Dollar in die Hand. Er freut sich. Erschöpft, aber glücklich geht es zurück nach Bahía.

Familientreffen

Der Tag sollte noch eine Überraschung bereithalten: Irgendwann rief der Vater meiner Frau an, um mitzuteilen, dass er wieder wohlauf sei. Natürlich freuten wir uns, dass es ihm besser ging, denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und mit Erkrankungen dieser Art sollte man nicht scherzen, zumal es in den tropischen Breiten Krankheitserreger gibt, mit denen Bekanntschaft zu machen, nicht sehr vergnüglich ist. Als meine Frau ihrem Vater sagte, dass wir uns gerade in Bahía befänden, verkündete er ohne eine Sekunde zu zögern, dass er noch heute zu uns kommen wolle. Wir könnten am Abend mit seinem Eintreffen rechnen.

Das war nun wirklich eine Überraschung und ein seltenes Beispiel blitzartiger Genesung. Meine Frau grübelte so angestrengt, dass ich ihre Gedanken förmlich hören konnte. Sie fragte sich, was der Entschluss ihres Vaters wohl zu bedeuten hätte. Anders als Männer, behaupten Frauen ja immer (und besonders gern hinterher), Vorahnungen zu haben, und ich glaube, wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie alles rückgängig gemacht. Aber jetzt war es heraus und wir konnten dem Schwiegervater, da er so guter Stimmung war, wohl kaum raten, er solle lieber in Santo Domingo bleiben. Das ungute Gefühl aber wollte nicht verfliegen.

Wir verabredeten uns für den Abend im „Muelle Uno“. Das ist ein Restaurant an der Buchtseite der Stadt, direkt am Wasser gelegen, und der Name ist auch passend, denn er bedeutet nichts anderes als Pier. Viele Restaurants der Stadt liegen direkt an der Bucht – die See ist viel ruhiger als an der Pazifikseite und die besorgten Restaurantbesitzer fürchten zu Recht die Naturgewalten. Sturmfluten haben immer wieder die Uferpromenade unter Wasser gesetzt und Palmen fortgerissen. Auf der Pazifikseite gibt es an der Promenade, die direkt am Strand vorbeiführt, eigentlich nur ein Restaurant. Von weitem würde man den schlichten weißen Bau für eine Strandbar halten, doch gibt es dort den besten Langustensalat an der ganzen Küste. Das Restaurant hat jeden Tag nur wenige Stunden um die Mittagszeit geöffnet – nur so lange, wie es frische Languste gibt. In der Feinschmeckerabteilung des KaDeWe müsste man für solch ein Gericht ein kleines Vermögen hinblättern. Auch hier ist das Vergnügen infolge Überfischung und gestiegener Nachfrage nicht ganz billig, aber zumindest ist es auch für den normalen Geldbeutel erschwinglich.

Als wir am Restaurant eintrafen, erwartete uns der Vater meiner Frau bereits. Er wirkte gesund und geradezu revitalisiert nach seiner kurzen schweren Erkrankung und wir wunderten uns über seine Agilität. Zu unser aller, vor allem aber zur Überraschung meiner Frau, erschien der Vater nicht allein (das war die Vorahnung!). Im Schlepptau hatte er gleich noch seinen ältesten Sohn, dessen Frau sowie deren halbwüchsige Töchter, und einen alten Freund, dessen Frau und dessen halbwüchsige Töchter. Uns begleitete nur der Cousin meines Sohnes, der Neffe meiner Frau. Insgesamt zählten wir nun zwölf Personen. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich zu freuen, dass wir uns endlich einmal trafen, nachdem der Schwiegervater allen von uns erzählt hatte. Wir machten uns miteinander bekannt und heiterer Stimmung begaben wir uns ins Restaurant.

Das „Muelle Uno“ bietet vor allem lokale Gerichte in großer Auswahl. Die Küche Manabís, das ist die Küstenprovinz, in deren Zentrum Bahía de Caráquez liegt, ist abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche Ecuadors und die meisten Einheimischen halten sie für die beste des ganzen Landes. Das mag damit zusammenhängen, dass über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse über das Meer in die Region gelangt sind. Die Bewohner der Provinz haben diese Neuheiten stets begierig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Selbstverständlich lud der Schwiegervater alle ein. Da zeigte sich wieder ganz der großzügige Spender, der er ist, und etwas anderes hätte er auch gar nicht akzeptiert.

Die meisten am Tisch langten ordentlich zu, bestellten Grillplatten, Fischsuppen, Berge von Reis und Gemüse, dazu noch Vorspeisen und Getränke. Man hatte den Eindruck, sie hätten in Vorbereitung auf diesen Abend seit Tagen gefastet, so gewaltig waren die Portionen, die sie orderten. Ich verspürte allenfalls leichten Appetit und wollte mich deshalb mit etwas ganz Einfachem begnügen. Also bestellte ich ein preiswertes Gericht, von dem ich glaubte, man würde es in einer bescheideneren Portion servieren.

Dann kam das Essen. Man brachte mir einen Teller, der fast begraben wurde unter drei gewaltigen Scheiben gegrilltem Rindfleisch. Es war gerade noch genug Platz für den Salat. Ich wunderte mich, denn ich hatte Menestra con arroz y carne, also Linsen mit Reis und Fleisch, bestellt. Von Reis und Linsen fand sich aber keine Spur. Doch dann kam noch ein zweiter Teller, auf dem sich ein Berg Reis türmte, hoch wie der Mount Everest, der zudem noch von einem Meer aus Linsen umspült wurde. Ich fragte mich, wer es fertigbringt, solche wahnwitzigen Portionen zu verspeisen. Ein Blick auf die Teller der anderen Gäste belehrte mich, dass es in der Tat keine kleinen Portionen gab – das waren Mahlzeiten für hungrige Sumo-Ringer, nicht für Normalmenschen. Die meisten schafften nur die Hälfte, den Rest ließen sie sich einpacken. Mein Gericht hatte gerade 4,50 Dollar gekostet, aber dafür war ich jetzt auch für die ganze Woche satt. Und es war wirklich gut. Ich genoss das Fleisch mit ein wenig Ají, einer scharfen Soße aus Zwiebeln und Chili. Das Essen war so lecker, dass akutes Suchtpotential bestand, und ich musste mich regelrecht zwingen aufzuhören, ansonsten hätte ich wohl weiter gegessen bis ich geplatzt wäre.

Mein Schwiegervater ist nicht nur spendabel, sondern er ist auch ein Mann, der sich um den Zustand der Welt sorgt, und der ihre derzeitige Verfassung als nicht sehr befriedigend empfindet. Er selbst bezeichnet sich als Marxist und er ergriff freudig meine Hand – geradezu wie die eines Verbündeten –, als ich im Tischgespräch offenbarte, dass ich Atheist sei. Man wundert sich nur, dass es hierzulande so wenige wie ihn gibt. Man muss kein besonders geschultes Auge haben, um die enormen Klassenunterschiede zu sehen und die Ungerechtigkeit, auf der sie gründen. Jedermann mit einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden erkennt, dass Veränderungen notwendig, ja, unausweichlich sind, wenn diese Gesellschaft in Frieden leben will. Man würde erwarten, dass viel mehr Menschen diese Überzeugung teilen, zumal einem die Tatsachen förmlich ins Auge springen, aber die Reichen hierzulande kümmern sich nur um ihren Besitz und sie würden ihn jederzeit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die berechtigten Ansprüche der Besitzlosen verteidigen.

Apropos Weltrevolution: Als waschechter Salonrevolutionär und als glühender Bewunderer der russischen Revolution hat mein Schwiegervater seinen Erstgeborenen selbstverständlich Lenin genannt. Für europäische Ohren klingt das natürlich äußerst merkwürdig, aber hierzulande sind solche aus der jüngsten Weltgeschichte entlehnten Vornamen nicht ungewöhnlich. Auf vorangegangen Reisen bin ich schon einem Stalin und sogar einem Hitler begegnet – das sind Namen, die im deutschen Standesamt alle Alarmglocken schrillen lassen würden, doch hier stört sich niemand an ihnen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Menschen hierzulande weiß, wer Lenin war und wahrscheinlich wüsste kaum einer etwas Gescheites über die Oktoberrevolution zu sagen. Eigenartig ist nur, dass es so wenige Bolivars oder Sucres gibt, also Menschen, die man nach den Heroen des Kontinents benannt hat. Mir ist jedenfalls noch keiner begegnet.

Es ist eine Ironie, dass Lenin, ich meine Lenin 2 (nicht den Berufsrevolutionär und Theoretiker der Weltrevolution), so gar nichts von einem Umstürzler an sich hat. Er gebärdet sich zwar wie ein linker Intellektueller und macht ganz den Eindruck eines streitbaren Salondiskutanten, aber in Wahrheit ist er ein Sybarit, wie man ihn lange suchen müsste. Als Genussmensch aus Leidenschaft verbringt er seine ganze Freizeit mit der unermüdlichen Suche nach guten Restaurants, die er dann besucht, um zum einen natürlich das gute Essen zu genießen und zum anderen um Freunde und Verwandte mit seinem nie versiegenden Redefluss zu beglücken. Menschen, die es verstehen zu genießen – die sowohl an gutem Essen als auch an der Gesellschaft anderer Menschen Gefallen finden –, sind mir allemal lieber als jene grimmigen Revolutionäre, die nur zu gern bereit wären, für den Himmel auf Erden die Menschheit durch die Hölle zu schicken.

Lenin hatte an diesem Abend übrigens eine interessante Geschichte zu erzählen: In erster Ehe war er mit einer Wittmer verheiratet, einer Nachfahrin deutscher Einwanderer. Die Wittmers hatten sich, neben anderen Deutschen, auf Floreana, einer der kleineren Inseln im Galapagos-Archipel, mit dem Ziel niedergelassen, dort nicht weniger als ein ganz neues Leben zu beginnen. Und in der Tat war es ein neues Leben, das sie auf dem öden Eiland fanden; es war nur nicht das Leben ihrer Träume. Fast alle Auswanderer waren Suchende, die auf der Insel eine Art Elysium zu finden hofften. Die meisten sind am Ende gescheitert, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Der Traum von Autarkie und einem selbstbestimmten Leben ließ sich nicht verwirklichen. Nur die Wittmers fanden ein Auskommen: sie bauten ein Hotel. Es war eine ihrer Enkelinnen, die Lenin heiratete.

Lenin erzählte an diesem Abend noch viel über die Galapagos-Inseln und es war interessant, die Geschichte einmal aus der Perspektive ihrer Bewohner zu hören. Über Floreana und ihre deutschen Bewohner gibt es übrigens einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „The Galapagos Affair. Satan Came to Eden“ (erschienen 2013). Eigentlich wurde ich nur wegen des Films hellhörig, als Lenin von seiner ersten Ehe zu erzählen begann und dabei erwähnte, dass seine Frau von Floreana stamme. Familiengeschichten dieser Art interessieren mich sonst eigentlich nicht.

Wir ließen den Abend in einer Strandbar nahe dem Hotel meines Schwiegervaters bei Bier und Cocktails ausklingen. Rechtzeitig kam uns in den Sinn, dass wir das Auto für die Nacht an einem sicheren Ort unterstellen mussten. Lenin erbot sich sogleich, es doch einfach bei ihm zu lassen. Er hat ein Ferienhaus in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht) und da wir uns ohnehin gerade hier befanden, könnten wir das Auto auch gleich dalassen. Er bot sich sogar an, uns von San Vicente nach Bahía zu fahren. Gern willigten wir ein. Lenins Haus hat einen riesigen ummauerten Hof, auf dem man mit Leichtigkeit dreißig Fahrzeuge abstellen könnte. Er meinte, das Grundstück gehöre nicht ihm, sondern einer Frau, die zur Zeit in Florida lebe. Wenn es nach ihm ginge, würde er Ferienwohnungen darauf errichten lassen und diese für gutes Geld vermieten, doch die Eigentümerin hat kein Interesse und so ist die einmalige Chance vertan. Auf dem Grundstück wuchert derweil das Unkraut.

El día de los muertos

Zum Tag der Toten am 2. November ist es üblich, dass man den verstorbenen Anverwandten einen Besuch abstattet. Viele Menschen zieht es bereits am Abend zuvor auf die Friedhöfe und nicht selten werden aus diesen Besuchen wahre Massenaufläufe. Die Gräber sind erhellt von Kerzenschein und um die Grabsteine sitzen die Menschen und machen ihren verstorbenen Anverwandten Aufwartung. Außerhalb der Friedhöfe haben findige Händler fliegende Garküchen eingerichtet, mancherorts werden regelrechte Buffets aufgebaut, und der hungrige Friedhofspilger kann sich mit deftigen Gerichten für die Nacht stärken. Es ist nicht ungewöhnlich, bis in die Morgenstunden an den Gräbern auszuharren. Es wird gesungen, gelacht und geschwätzt und die geliebten Verblichenen erfahren bei dieser Gelegenheit gleich alles, was sich während ihrer Abwesenheit so zugetragen hat.

Aus dem Blickwinkel eines Mitteleuropäers mutet dieses Spektakel sehr merkwürdig an – im atheistischen Berlin würden sich nachts nur Grufties auf die Friedhöfe verirren. Aber man sollte nicht vorschnell urteilen. Der Tod nimmt hierzulande einen viel größeren Platz im Leben ein als in Deutschland, in Berlin mit seiner enthemmten Lebensfreude und seiner rigorosen Diesseitigkeit allemal. Es ist zwar der Tag der Toten, aber in Wahrheit ist es ein Tag für die Lebenden, der Anlass gibt, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass der Tod zum Leben gehört wie die Geburt. Diese Erkenntnis ist den Menschen hierzulande nicht neu und sie ist ihnen keineswegs fremd, denn die damit verknüpften Traditionen reichen weit über katholisches Brauchtum hinaus; sie führen weit in die präkolumbianische Zeit zurück und sie haben tiefe Wurzeln in der Kultur des Kontinents geschlagen.

Dem Brauch, an den Gräbern auszuharren und der Verstorbenen zu gedenken, wohnt auch gar nichts Düsteres oder Schweres inne. Die Menschen sind fröhlich und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier findet ein großes Familienpicknick statt, mit Opa und Oma, Kindern und Enkeln, und wie selbstverständlich sind auch die Verstorbenen eingeladen. Das hat nichts von stillem Gedenken und Trauerandacht an sich, wie man es von den Friedhöfen in Deutschland her kennt. Die tropische Nacht wird vom Schein Abertausender Kerzen erhellt und die warme Luft ist erfüllt von Musik, fröhlichem Geplauder und Kinderlachen.

Ganz Bahía war am nächsten Tag schon in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, um seine Verstorbenen zu ehren. Es war der 2. November, der Tag der Toten. In anderen Orten, an denen wir auf der Fahrt vorbeigekommen waren, hatten die Menschen sich bereits am Abend versammelt, um dann Nachts gemeinsam an den Gräbern auszuharren. An den Eingängen zu den Friedhöfen erwarteten Garküchen die nächtlichen Besucher und vielerorts glich das nächtliche Gedenken einem bunten Volksfest. Die Gräber waren erleuchtet vom Kerzenschein und die Grabsteine waren üppig geschmückt. Man spendierte den Verstorbenen ihr Lieblingsessen und verbrachte die Nacht mit ihnen.

Ich weiß nicht, ob die Bahieños den Tag auf diese Weise begehen, doch als wir Morgens auf dem Friedhof eintrafen, herrschte bereits ein wahrer Massenandrang. Nur mit Mühe gelang es mir, einen Parkplatz zu finden. Ich war nicht in der Stimmung, den Friedhof zu besuchen, denn ich hatte dort ja niemanden, den ich besuchen könnte (wer geht schon gern auf eine Party, wenn er dort niemanden kennt). Ich wartete stattdessen im Auto und vertrieb mir die Zeit damit, die Leute zu beobachten. Nach einer Stunde kehrten Mutter, Tochter und Tante zurück, etwas bedrückt, wie es schien, aber auch irgendwie erleichtert – vielleicht haben die lieben Anverwandten ihnen ausnahmsweise einmal nicht die Leviten gelesen.

Bahía – Ort der Sehnsucht

Wenn man es milde ausdrücken wollte, müsste man sagen, dass den Ecuadorianern eine gewisse Spontaneität nicht abzusprechen ist. Böse Zungen behaupten freilich, hier herrsche das totale Chaos und selbst auf heiligste Versprechen und beeidete Zusagen könne man sich nicht verlassen. Werden eben noch große Pläne für die Zukunft geschmiedet, sind sie manchmal schon am nächsten Tag vergessen oder verblassen im Lichte einer noch viel großartigeren Vision. Man weiß manchmal nicht, was man davon halten soll. Am besten ist es, man nimmt nicht alles so ganz wörtlich. Die Leute haben ein Talent zum Fabulieren und nur zu oft lassen sie sich vom eigenen Überschwang (und auch aus Freundlichkeit dem Gast gegenüber) zu Versprechungen hinreißen, an die sie sich im nächsten Augenblick schon nicht mehr erinnern können. Geschwätzigkeit ist hierzulande keine schlechte Eigenschaft und je weiter man zur Küste vorstößt, um so redseliger sind die Menschen ohnehin. Man sollte also hoch geschraubte Erwartungen fahren lassen und sich entspannen. Man muss nur ein wenig Geduld aufbringen und am Ende regelt sich immer alles von selbst.

Mein Schwiegervater lud uns ein, die Zeit um den Día de los muertos, den Tag der Toten, mit ihm zu verbringen. Er wohnt allein in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Wege zwischen Quito und Bahía de Caráquez. Er ist ein lebenslustiger Mensch und er ist in seinem Leben viel gereist, aber seit er alt ist und seit seine Kinder das Haus verlassen haben, lebt er ganz allein. Wer würde sich da nicht nach Gesellschaft und vor allem nach Abwechslung sehnen? Der Plan war folgender: Am Sonntag, dem 1. November, wollten der Schwiegervater und sein bester Freund Don Claudio zu uns nach Cumbayá kommen. Sie sollten bei uns übernachten und dann, am Montag, dem 2. November – das ist der Día de los muertos (der Tag der Toten) –, wollten wir alle zusammen in aller Frühe in unserem Auto nach Riobamba fahren. Don Claudio, der früher Lastwagen fuhr, hatte sich erboten, uns zu chauffieren. Soweit der Plan.

Mein Schwiegervater stammt aus Riobamba, einer Stadt südlich von Quito. Er hatte uns eingeladen, mit ihm zusammen den Friedhof zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit wollte er uns auch gleich die Stadt und die Orte seiner Vergangenheit zeigen. Für Sonntag Abend erwarteten wir ihn und seinen Freund Don Claudio bei uns in Cumbayá, doch am Samstag rief er uns an und teilte lapidar mit, dass er die Reise absagen müsse, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte etwas gegessen, das ihm nicht bekommen sei und er fühle sich nun elend krank. Leider waren die Hotelzimmer in Riobamba schon gebucht und ich weiß nicht, ob es ihm gelang, so kurzfristig ohne größere Stornokosten abzusagen. Auch Baños, das nur eine kurze Wegstrecke von Riobamba entfernt liegt, würden wir nun nicht besuchen können. Es war geplant, dass wir am nächsten Tag alle zusammen einen Abstecher dorthin machen und die berühmten Thermen besuchen würden.

Baños ist zwar nur eine kleine Stadt, aber in jedem Reiseführer wird sie als der Ort angepriesen, den man unbedingt gesehen haben muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich Touristen wie Einheimische gleichermaßen zuhauf in den Straßen tummeln. Wie man hört, sind die Bäder fast immer brechend voll und das Badevergnügen hält sich in Grenzen. Manche Reiseführer empfehlen sogar, dass man, um den Massen zu entgehen, die Pools entweder vor Sonnenaufgang oder kurz nach 18:00 Uhr besucht, wenn sie gerade gereinigt worden sind, denn das seien die einzigen Zeitpunkte, zu denen man hoffen könne, nicht zwischen Hunderten badewilliger Gäste zerquetscht zu werden. Dass wir die Stadt mit ihren Thermen vorerst nicht besuchen würden, ist zwar schade, aber wir werden ganz sicher noch viele Gelegenheiten haben, dorthin zu reisen.

Vor uns lagen die Ferientage (die Schulen haben Herbstferien) und da wir aller Verpflichtungen enthoben waren, konnten wir tun und lassen, was immer wir wollten. Wir hätten zuhause bleiben können, DVDs gucken, Musik hören oder am Computer spielen können. Doch irgendwann hat man auch davon genug und man sehnt sich nach Abwechslung. Die Wohnsiedlung, in der wir leben, bietet kaum mehr Zerstreuung, denn sie ist keine richtige Stadt, sondern nur eine Ansammlung Häuser, in denen man sich allenfalls aufhält, um zu schlafen. Man kann nicht einmal vor die Tür gehen, denn alles ist zwar teuer und edel, aber auch so öde und langweilig, dass man schon nach einem kurzen Spaziergang Depressionen bekommt. Und jenseits der Mauern der Wohnanlage gibt es nur weitere solcher Siedlungen und Autopistas. Wo soll man da schon hingehen?

Wir wollten ein Stück vom wirklichen Leben und wir wollten uns erholen. Also entschlossen wir uns, am Sonntag nach Bahía de Caráquez zu fahren. So ein Entschluss will reiflich überlegt sein, denn die Reise nach Bahía dauert mit dem Bus nicht weniger als acht Stunden und selbst mit dem eigenen Auto ist man noch mindestens sechs Stunden unterwegs. Da ich der einzige bin, der fahren darf (und kann) – der Führerschein meiner Frau wurde gestohlen –, trage ich auch die ganze Verantwortung. Ich fahre nicht gern solch lange Strecken, zumal die Route nach Bahía berüchtigt ist. Manch einer fährt die Strecke nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Am Tage ist die Route schon eine ziemliche Herausforderung, aber nachts würde ich um nichts in der Welt in den Anden unterwegs sein wollen.

Die Straße windet sich in nicht enden wollenden Serpentinen durch die Berge; starke Gefälle und Steigungen wechseln fortwährend; alle paar Minuten fährt man in eine dichte Nebelwand und oft gehen von einer Sekunde auf die nächste heftige Regenschauer nieder. Hinzu kommt, dass man immer mit dem Unerwarteten rechnen muss: nach schweren Regenfällen gibt es manchmal Erdrutsche; Schlamm, Geröll oder Felstrümmer können die Straße in einen gefährlichen Slalomparkour verwandeln. Und als wäre das nicht genug, begegnet man auf den Straßen Mitreisenden, deren Trachten darauf abzielt, einem die Fahrt so unangenehm wie möglich zu machen. Rücksichtsloses Fahren wird hierzulande nicht einmal als Kavaliersdelikt angesehen – es ist der Normalzustand. Von gegenseitiger Rücksichtnahme haben die meisten noch nie gehört und nicht wenige scheinen wirklich zu glauben, die Straße gehöre ihnen. Man könnte ganze Romane darüber schreiben. Auf diesen schwierigen Strecken ist es ratsam, immer mit voller Konzentration zu fahren, denn schon der kleinste Fehler kann tödliche Folgen haben – die Kreuze an der Straße und in den Schluchten stehen als Warnung, niemals unaufmerksam zu sein.

Bevor es am Sonntag dann endlich losging, entspann sich wieder jenes unsägliche Drama, das zu jeder längeren Reise gehört wie die Amöbenruhr zum Dschungeltrip. Statt nur Zahnbürsten und Badehosen mitzunehmen, wie man es für drei oder vier Tage Strandurlaub erwarten würde, wurde für eine Weltreise gepackt. Ich glaube, es gab eigentlich kaum etwas, von dessen Unentbehrlichkeit man, je länger das Packen dauerte, nicht überzeugt war, und am Ende hatten wir so viel Gepäck, dass wir, gesetzt den Fall, wir wären auf einer einsamen Insel gestrandet, monatelang überleben könnten. Eigentlich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber das Packen hatte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass es schließlich ein Uhr wurde. Ich warf meinen Rucksack ins Auto; um die Koffer, Taschen und Beutel der anderen Reisenden zu verstauen, bedurfte es geradezu genialer logistischer Fähigkeiten, denn der Stauraum des Wagens hatte schon bald seine Kapazitätsgrenze erreicht, und noch immer gab es Gepäck, das verstaut werden musste. Und auch unser Kühler musste noch mit, denn wer würde schon ohne kalte Getränke und vor allem ohne Grundnahrungsmittel eine Reise zum Strand antreten! Schließlich hatten wir es geschafft: Das Auto war bis unters Dach beladen, und die Reise konnte beginnen.

Wir nahmen die Route über Santo Domingo. Das ist zwar die anspruchsvollste, aber auch, wie wir noch herausfinden sollten, die schnellste Strecke. Da die Schulferien schon am Donnerstag begonnen hatten, war der große Schwung bereits vorbei. Die meisten waren bereits am Freitag an die Küste gefahren und die Straßen wirkten streckenweise wie verwaist. In den Anden erwarteten uns die üblichen Herausforderungen: Es regnete wie aus Gießkannen und wenn einmal nicht heftige Schauer niedergingen, hüllte uns der dichte Nebel wie ein nasses Bettlaken ein. Da das befürchtete Gedränge auf den Straßen ausblieb, blieben uns unangenehme Überraschungen erspart. Wir folgten immer der Route, die uns das Navi anzeigte, und für den größten Teil der Strecke fuhren wir gut damit.

Dann, es war bereits dunkel, aber uns trennten nur noch dreißig Kilometer von unserem Ziel, war die Asphaltierung plötzlich verschwunden und auf dem letzten Teilstück der Reise erwartete uns eine brachiale Schotterpiste. Das Navi konnte natürlich nicht wissen, dass gerade Straßenbauarbeiten im Gange waren. Die Straße war nicht gesperrt und auch Umleitungsschilder suchte man vergebens. Ich dachte, nach ein, zwei Kilometern würde es wie gewohnt weitergehen, doch das ganze letzte Teilstück nach Bahía führte über Schotter und erst in Bahía selbst hatten wir wieder Asphalt unter den Reifen. Wenn ich schnell fuhr, zeigte das Tachometer vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde an. Oft musste ich aber die Geschwindigkeit noch weiter drosseln, denn in Teilen der Strecke ging es über wahre Katarakte von Bodenwellen und wenn ich zu schnell fuhr, schaukelte sich die Bewegung derart auf, dass ich fast durchs Dach geschleudert wurde. Hier hätte ein Allradantrieb sicher gute Dienste geleistet – und ich hatte mich tatsächlich gefragt, wofür man hierzulande geländegängige Fahrzeuge braucht. Jetzt weiß ich es.

Nachdem wir die letzte Siedlung hinter uns gelassen hatten, herrschte tiefschwarze Nacht. Tatsächlich sahen wir nicht ein einziges Licht, weder nah noch fern, nirgendwo. Es war so dunkel, als wäre gerade ein globaler Stromausfall eingetreten. Eine dichte Wolkendecke verhinderte, dass man den Mond sah, der uns wenigsten den Weg hätte leuchten können, und es waren selbstredend auch keine Sterne zu sehen. Die Horizontlinie war nur vage zu erahnen. Einmal überholten wir ein anderes Fahrzeug, einen uralten Pickup mit Holzverschlag, ansonsten begegneten wir nicht einer Menschenseele. Wir sahen keine Häuser und bis auf die Schotterpiste fanden sich keinerlei Spuren menschlicher Tätigkeit.

Meine Frau zweifelte schon, dass wir unser Ziel jemals erreichen würden, und schlug allen Ernstes vor, wir sollten unverzüglich zurückfahren. Aber das wären noch einmal dreißig Kilometer in die Gegenrichtung gewesen und die Straße wurde dadurch auch nicht besser. Aber irgendwie hatte mich plötzlich die Abenteuerlust gepackt und schließlich musste diese verdammte Straße ja irgendwohin führen, und wenn schon nicht nach Bahía, dann wenigstens zu einem anderen Ort, an dem Menschen lebten. Dann stieg die Straße an und vom Höhenkamm öffnete sich urplötzlich der Blick auf die Bucht und voraus in der Ferne, vor dem schwarzen unendlichen Ozean, funkelten die Lichter der Stadt wie ein warmes Leuchtfeuer. Die Straße wand sich aus dem Küstengebirge hinab zur Landzunge. Nur wenige Minuten später tauchten wir in den Stadtverkehr.

Meine Schwiegermutter hat eine kleine Wohnung, die sie regelmäßig vermietet. Ihre eigene Wohnung befindet sich im selben Haus eine Etage höher. Ihr letzter Gast war gerade ausgezogen und sie bot uns an, die Wohnung während unseres Aufenthaltes in der Stadt als Unterkunft zu nutzen. Wir nahmen dankend an. Am Abend nach unserer Ankunft ging wir noch ins „Mi Ranchito“, um den Tag bei Burgern und Joghurt ausklingen zu lassen. Ein Problem ergab sich aus der Frage, wo wir das Auto über Nacht parken sollten. Bahía ist zwar eine verschlafene kleine Stadt, dennoch hat das Verbrechen seinen Weg hierher gefunden und zudem scheint es nie zu schlafen. Die Tante meinte, wir könnten das neue Auto nachts unmöglich draußen stehen lassen. Sie bot uns ihren Hof an, aber am Ende erwies es sich, dass der Abstellplatz zu eng war. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Leute, die in der Stadt unbebaute Grundstücke besitzen, bieten diese gegen ein kleines Entgelt als Parkplatz an. Die Tante kannte eine verlässliche Person und dort ließen wir den Wagen neben den Autos anderer ängstlicher Fahrzeugbesitzer auf einem ummauerten Hof. Die zwei riesigen Hunde des Besitzers streunten darin herum, und als wir ausstiegen, gebärdeten sie sich so wild, als wollten sie uns auffressen. Der Besitzer des Hofes musste sie mit Gewalt zurückhalten. In der Früh am nächsten Tag holten wir das Auto wieder ab und fuhren mit der Mutter meiner Frau und ihrer Tante zum Friedhof. Fürs Parken gaben wir dem Besitzer des Grundstücks vier Dollar.

Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.

Santo Domingo

Auf dem Weg nach Quito wollten wir einen Abstecher zu meinem Schwiegervater machen. Er wohnt in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Bahía und Quito, und er hatte uns eingeladen, ein paar Tage in seinem Haus zu verbringen. Am Ende blieben wir aber nur einen Tag und eine Nacht.

Der Busbahnhof von Bahía liegt etwas außerhalb der Stadt. Wir waren spät dran, denn es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, morgens um 7:00 Uhr ein Taxi in Bahía zu bekommen. Wir erreichten unseren Bus gerade noch rechtzeitig zum angezeigten Abfahrtstermin, nur um feststellen zu müssen, dass sich die Abfahrt verzögerte. So standen wir also mit unseren Koffern vor dem Bus und warteten, dass es endlich los ging. Zufällig fiel mein Blick auf einen der Reifen und mit einer gewissen Gleichgültigkeit stellte ich fest, dass von Profil keine Spur mehr zu sehen war. Sollte ich jetzt beunruhigt sein? Ich nahm es stoisch wie die Einheimischen.

Mit beträchtlicher Verzögerung fuhren wir von Bahía ab. Die Strecke führte in einem riesigen Bogen um die ganze Bucht herum und die Straßen in dieser Gegend waren in einem Zustand, wie ich ihn noch von damals, vor über zwanzig Jahren in Erinnerung habe: Weite Abschnitte waren ungepflastert und wenn doch, gab es mehr Löcher als Asphalt. Wir fuhren kaum schneller als dreißig und einige Stellen konnte der Fahrer nur im Schritttempo passieren, sonst hätte ihm der löchrige Untergrund womöglich die Achsen ruiniert. Unsere Route führte vorbei an Palmstrohhütten zwischen Bananen- und Mangobäumen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der kleinen, auf Stelzen errichteten Häuser elektrischen Strom hat oder über sauberes fließendes Wasser verfügt. Die Gegend wirkte, als wäre die Zeit vor über hundert Jahren einfach stehengeblieben.

Es dauerte nicht lange und wir kamen in Gegenden mit weit besser ausgebauter Infrastruktur. Die Straßen waren nun neu und in wirklich erstklassigem Zustand. Der Fahrer unseres Busses packte die Gelegenheit beim Schopfe und fuhr die Zeit, die er auf den schwer passierbaren Wegen verloren hatte, nun wieder herein. Wann immer möglich, kitzelte er das Letzte aus der Maschine heraus. Die Autopista schlängelte sich durch hügeliges Gelände und es schien für den Fahrer eine Frage der Ehre zu sein, die Kurven mit maximal möglicher Geschwidigkeit zu nehmen. Wie die Testdummies wurden wir in den Sitzen hin- und hergeschleudert. Ein paar Mal musste ich mich an der Lehne festhalten, damit ich nicht in den Gang fiel. Nach zwei Stunden rasanter Kurvenfahrt war mir schon ganz schwindelig und es war ein Wunder, dass sich niemand übergeben musste.

Während sich der Bus in die Kurven legte, lief das Ruhigstellungsprogramm für die Fahrgäste. Man zeigte „San Andreas“, einen Katastrophen-Blockbuster mit Dwayn „The Rock“ Johnson, der seine unglaublich muskulösen Arme gegen ein Erdbeben zum Einsatz bringt – oder wie auch immer. Der Film wurde nur kurz unterbrochen, als wir an einem Comedor stoppten, um zu Mittag zu essen. Es war dieselbe Kantine, bei der wir schon auf der Fahrt nach Bahía eine Rast eingelegt hatten. Nur die wenigsten der Fahrgäste bestellen etwas zu Essen. Die meisten saßen mit fahlen Gesichtern an den Tischen und nippten von ihren Getränken. Die Hochgeschwindigkeitsfahrt durch den Slalom-Parkour hatte ihnen den Appetit geraubt. Mein Sohn und ich gönnten uns ein Eiscreme-Sandwich und dann auch noch ein zweites, meine Frau aß ihren Lowfat-, Lowcarb-, Lowalles-Hähnchenschenkel mit viel, viel Salat. Nach kurzer Rast ging die Fahrt weiter.

Eine Stunde später trafen wir in Santo Domingo ein. Nur zwei Parteien verließen den Bus: wir (meine Frau, mein Sohn und ich) und ein junges Pärchen. Der Busfahrer setzte uns irgendwo mitten in der Stadt vor einer Tankstelle ab, stellte uns die Koffer vor die Füße, schwang sich in seinen Bus und sauste davon. Wir blieben etwas verwirrt zurück. Sollten wir nicht am Busbahnhof aussteigen? Es kann gefährlich werden, irgendwo längere Zeit mit Koffern herumzustehen. Meine Frau rief sogleich ihren Vater an und schilderte ihm die Misere. Schon wenige Minuten später holte er uns mit dem Auto ab und wir fuhren zu seinem Haus.

Mein Schwiegervater ist ein netter alter Mann. Viel haben wir nicht miteinander zu bereden, denn er spricht keine andere Sprache als Spanisch und meine Spanischkenntnisse sind so erbarmungswürdig gering, dass kein gescheites Gespräch zustande kommt. Meine Frau plaudert jedoch ununterbrochen und man hat den Eindruck, die zwei verstehen sich. Der Schwiegervater lädt uns zum Mittagessen ein und auch am Abend sind wir seine Gäste. Als weitgereister Mann hat er offenbar ein Faible für italienisches Essen. Zweimal müssen wir in Restaurants essen, die zwar teuer sind, deren authentische italienische Küche aber in Zweifel zu ziehen ist. Da man meinen Schwiegervater im Restaurant gut zu kennen schien, ging ich davon aus, dass er dort Stammgast ist. Ich lobte das gute Essen und beschränkte mich ansonsten aufs Biertrinken. Ich hielt mich an die einheimische Marke; das „Club“ ist sehr gut. Wein vertrage ich nicht so gut, obwohl es sich um eine Flasche guten chilenischen Weines handelte, den man uns an diesem Abend kredenzte.

Mein Schwiegervater wohnt irgendwo mitten in Santo Domingo. Ich hätte nicht sagen können, ob im Zentrum oder außerhalb, denn die Stadt sieht für meine Augen überall gleich aus. Es gibt keine Blickpunkte und keine Sehenswürdigkeiten. Noch vor fünfzig Jahren war Santo Domingo ein unbedeutender Flecken, kaum der Erwähnung wert, doch seither ist der Ort rasant gewachsen. Beim Bauen hat man mehr Wert auf Funktionalität denn auf Ästhetik gelegt – alles ist auf den rein praktischen Aspekt hin ausgelegt. In der Stadt gibt es keinen Ort, der das Auge erfreut oder der geeignet wäre, die Seele zu erquicken, um es einmal poetisch auszudrücken. Die Einwohner behaupten zwar steif und fest, ihre Stadt sei schön, doch der Durchreisende weiß es besser.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen. Seit die Kinder ausgezogen sind, wohnt mein Schwiegervater allein in seinem riesigen Haus. Eine Haushälterin sorgt mit nie nachlassender Energie dafür, dass die Zimmer so aufgeräumt und sauber sind wie die Intensivstation eines Krankenhauses. Unser Gastgeber hat zum Frühstück Bollos servieren lassen. Das ist ein mit Maní, also Erdnusspaste, versetzter Maismehlteig, der zusammen mit fettem Schweinefleisch in einem Bananenblatt gedämpft wird. Ich konnte nur so weit essen, bis mir das Fett glänzend und wabbelig wie Götterspeise entgegenkam. Die schlimmsten Erinnerungen meiner Kindheit kamen plötzlich wieder hoch. Der Appetit war mir augenblicklich vergangen. Ich entschuldigte mich damit, dass ich auf Reisen nie sonderlich Hunger hätte.

Von Santo Domingo aus fuhren wir mit einer Art Sammeltaxi zurück nach Cumbayá. Das ist zwar teurer als eine Reise im Bus, bietet aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man von Haustür zu Haustür gefahren wird. Zusammen mit dem Fahrer waren wir fünf, eine Frau aus Quito reiste mit uns zusammen. Als ich mich von meinem Schwiegervater verabschiedete, fragte er mich, wann wir wiederkommen würden. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht genau, wahrscheinlich in den Ferien. In diesem Augenblick war er nur ein einsamer alter Mann, der sich nach Gesellschaft sehnte.

Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Mal was Exotisches: Deutscher Kuchen

Meine Frau pries mich unter ihren Verwandten als den besten Bäcker. Sie hätte dies lieber nicht getan, denn zwar ist noch niemand an meinem Kuchen verreckt und ein gutes Weißbrot bekomme ich auch hin, mich aber als den besten Bäcker zu bezeichnen, ist doch gehörige Übertreibung. Noch ganz beschämt über so viel Ehre, entging mir, dass sie die Verwandtschaft sogleich zu einem Probebacken einlud, und die Leute waren natürlich erpicht darauf zu erfahren, wie man in Deutschland Kuchen bäckt. Alle freuten sich darauf und ich erst! Nicht, dass die hiesigen Hausfrauen mir Jahrzehnte an Erfahrung voraus hatten! Ich machte freundliche Miene und willigte schließlich ein. Jetzt war ich gefordert.

Selbst dann, wenn man schon Dutzende Male erfolgreich auf dasselbe Rezept zurückgegriffen hat, kann beim Backen immer etwas schiefgehen, zumal wenn man den Ofen und das Mehl nicht kennt. Und dies war nicht meine heimische Arena. Ich beschloss, etwas ganz Einfaches zu backen, einen Apfelkuchen mit einem simplen Rührteig. Schon beim Einkauf zeigte sich, dass es keine ganz einfache Aufgabe ist, das richtige Mehl zu finden, denn die meisten Mehle, die man im Supermark angeboten werden, sind zusätzlich mit Gluten gestärkt. Sie eignen sich zwar hervorragend zum Brotbacken, Kuchen werden aber schnell fest und bekommen eine gummiartige Konsistenz und niemand möchte Gummikuchen essen. Schließlich fanden wir dann eine Mehlsorte, die geeignet schien (es war auch zufällig die, welche die Hausfrauen für ihre Kuchen verwenden). Fehlten noch die Äpfel: Äpfel sind in Ecuador gewissermaßen etwas Exotisches. In Deutschland mag man Mango, Tomate de arbol oder Papaya als Exoten ansehen, in Ecuador ist es der Apfel. Bis vor ein paar Jahren gab es ausschließlich Importware aus Chile, die berühmten Manzanas chilenas. Mittlerweile findet man im Supermarkt aber auch Früchte aus einheimischer Produktion. Die Äpfel, die ich schließlich kaufte, waren relativ unansehnlich, aber anders als die Industrieäpfel aus Chile verströmten sie einen unverkennbaren Apfelduft – gesehen, gerochen, gekauft.

Besonders interessiert zeigte sich Ildara, die Frau des Onkels meiner Frau. Es war für sie eine Überraschung, dass ich Butter statt Margarine für den Teig verwendete. Ich finde, Butter schmeckt einfach besser und außerdem traue ich der Erfindung der Chemieindustrie nicht so ganz. Ich erwartete eigentlich nicht viel, denn ich kannte weder den Ofen, noch wusste ich, wie das Mehl reagieren würde. Deshalb war ich sehr gespannt, was am Ende herauskommen würde. Nach 45 Minuten holte ich den Kuchen aus dem Ofen – er sah spektakulär aus. Schnell noch mit passierter Marmelade bestreichen und etwas abkühlen lassen – da es zum Aprikotieren keine Aprikosenmarmelade gab, nahmen wir einfach Ananasmarmelade. Gespannt warteten wir, dass sich der Kuchen ein wenig abgekühlt hatte, um ihn zu probieren. Dann schien er endlich nicht mehr so heiß, dass man sich den Magen verdarb.

Was soll ich sagen – er schmeckte einfach phantastisch! Das hätte ich nicht erwartet. Die Äpfel waren pefekt: butterig weich und saftig, nicht zu süß, mit leichter Säure als Akzent. Der Teig war ein Traum, weich, locker und saftig mit unwiderstehlichem Butter-Vanille-Aroma. Ich war zufrieden und die anderen waren es auch. Der Kuchen erhielt viel Lob und war schneller aufgegessen, als man gucken konnte. Ein bisschen grummelte es in meinem Bauch, aber das war wohl zu erwarten, denn schließlich hätte niemand von uns genug Geduld aufgebracht, den Kuchen erst auskühlen zu lassen.