Endstation

Noch am selben Tag, an dem wir die Ufer des Río Napo erreichen, fahren wir weiter nach Tena. Tena liegt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt und hat man die Wassermassen, die den Wald wie ein Band aus flüssiger Milchschokolade durchschneiden, erst einmal überwunden, gelangt man auf der hervorragend ausgebauten Autopista schon nach wenigen Minuten ans Ziel. Die Stadt, die ähnlich Puyo kaum über die Dimensionen einer Kleinstadt hinauswächst, breitet sich recht malerisch an beiden Ufern des Río Tena aus, eines von unzähligen Strömen, die das Tiefland als dichtes Adergeflecht durchziehen. Östlich der Anden kennen die Flüsse nur noch eine Richtung – gen Osten – und nachdem sie Tausende von Kilometern durch dichten Urwald gereist sind, vereinigen sie sich mit dem Vater aller Ströme, dem Amazonas.

Über Tena ließe sich dasselbe sagen wie über Puyo, denn genau wie dieser Stadt sagt man auch jener nach, sie sei ein Tor zum Oriente (das ist das grüne Tiefland östlich der Anden). Leider pflegt der Besucher sich nie lange an Toren aufzuhalten, wenn die eigentliche Attraktion dahinter zu finden ist. Niemand reist in den Oriente, um dessen schöne Städte zu besuchen, denn schöne Städte gibt es hier nicht. Weit lohnender erscheint es da, sich alsbald auf die Suche nach dem wirklichen Wunder zu begeben: die unberührte, weithin ursprüngliche Natur.

Als Sprungbrett für Expeditionen aller Art eignet sich Tena indes ganz hervorragend und so verwundert es nicht, dass man in der Stadt selbst nur vereinzelt Touristen begegnet (man erkennt sie an den Trekking-Rucksäcken und am verwahrlosten Erscheinungsbild). Dafür wimmeln die Wälder der Umgegend wahrscheinlich nur so von Hobby-Entdeckern, Möchtegern-Abenteuern und Sofa-Desperados.

Wir haben von einem angeblichen Geheimtipp gehört: Irgendwo westlich der Stadt liegt ein Dorf namens Serena, in dessen Nähe es eine wunderschöne Badestelle mit einem Wasserfall geben soll. In meiner Phantasie schießt ein glasklarer Bach rauschend über eine Felskante. Als durchsichtige Wasserwand fällt er in einen türkisblauen Pool, dessen Ufer von einem Baldachin aus glänzendem Blattwerk beschattet wird. Feuerfarbene Orchideen leuchten aus dem Dunkel. Ein Regenbogen bricht sich im Sprühnebel … Nachdem wir uns in Tena umgesehen und nichts gefunden haben, das unsere Aufmerksamkeit augenblicklich in Beschlag genommen hätte, beschließen wir, das Wagnis einzugehen: Aufs Geratewohl fahren wir Richtung Westen, nach Serena.

Die Schwierigkeiten stellen sich ein, kaum dass wir die Stadt verlassen. Google-Maps, unser allwissender Begleiter, ist leider so nützlich wie der Navigations-Computer des Space-Shuttle bei der Suche nach einem Parkplatz – weder will die störrische Maschine einen Ort namens Serena kennen noch überhaupt Straßen, die dorthin führen. Die Karte zeigt lediglich ein einheitliches graues Nichts. Man könnte glauben, wir fahren durch ein Testgelände für thermonukleare Sprengsätze.

Zu unserem Glück gibt es noch Menschen. Wir fragen Einheimische, doch ihre Antworten sind keineswegs erhellender als die Nonsens-Vorschläge unseres Fährtensuchers aus dem Internet. Unisono gibt man uns zu verstehen, man hätte noch nie von einem Dorf mit dem Namen Serena gehört. Die Leute scheinen sich sehr zu wundern, was ein Haufen Gringos in irgendeinem Nest mitten im Wald zu suchen hat und vor allem fragt man sich, was diese komischen Fremden in der Pampa eigentlich zu finden hoffen.

Allmählich beginnen wir zu glauben, dass das Internet vielleicht doch Recht haben könnte und dass wir nichts weiter als einer Chimäre hinterherjagen. Uns schwant, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen wird. Doch das Schicksal hat anders entschieden: Wir treffen eine Frau, bei der der Name „Serena“ etwas zum Klingen bringt. Dunkel erinnert sie sich, schon einmal von diesem Ort gehört zu haben. Das erscheint uns sehr vielversprechend. Sie weist uns sogar noch vage die Richtung und wir fahren los, als jagten wir dem Gold von El Dorado hinterher.

Zunächst führt die Straße durch einen Flecken namens Pano, dann durch Talag und direkt dahinter macht der Asphalt einem wüsten Schotterweg Platz. Als wollte Google doch noch Recht behalten, verschlechtert sich der Zustand der Straße mit jedem Meter: Bald versinken die Räder in tiefen Spurrillen oder sie tauchen so hart in Schlaglöcher, dass man um seine Bandscheiben fürchten muss. Das Auto, das kaum mehr Bodenfreiheit hat als ein ordnungsgemäß bemannter Viererbob, setzt alle paar Meter mit einem hässlichen Schleifgeräusch auf. Auf dem Beifahrersitz wird derweil gejammert, was wir dem armen Wagen alles zumuteten. Niemand aber klagt darüber, welche Verwüstungen diese Maschine an meinem Nervenkostüm angerichtet hat – nach dieser Tour bin ich reif für den Therapeuten („Bitte nicht schreien! Das ist doch nur ein Autoschlüssel.“).

Die Straße ist mittlerweile nur noch eine bucklige Lehmpiste, eingeschlossen in unüberwindliche Mauern aus Grün. Wir sind ganz allein, verlassen von Google und der Welt. Anderen Fahrzeugen begegnen wir nicht, obwohl doch allein schon die Existenz der Straße – einer Art Straße – beweist, dass Menschen hier leben müssen. Uns beschleicht der nicht sehr einladende Gedanke, dass wir bis in alle Ewigkeit durch dieses grüne Labyrinth irren werden, wenn wir nicht bald einem rettenden Engel begegnen.

Wir beschließen, der Straße noch zehn Minuten zu folgen und dann umzukehren. Als wir gerade enttäuscht aufgeben wollen, taucht wie aus dem Nichts ein einsamer Spaziergänger auf. Ein älterer Herr schreitet würdevoll am Wegesrand entlang: eisgraues Haar und verwegener Schnurrbart, das Hemd offen wie ein Millionär im Jacht-Urlaub, den Bauch würdevoll vorgestreckt, die dicke Goldkette vergraben im üppigen Brusthaar. Wir erklären ihm, wonach wir suchen: paradiesische Wasserfälle und kristallklare Pools unter tropischem Mondlicht. Er hört uns zu ohne die geringste Regung und meint nur „rechts“. Wir sollen nach rechts fahren. Mehr sagt er eigentlich nicht. Ich kann sein Rasierwasser riechen – man lebt zwar in der Wildnis, aber unzivilisiert ist man deshalb noch lange nicht. Vielleicht denkt er, es sei nicht gut, mit Leuten zu reden, die ohne Google gar nicht lebensfähig sind. Immerhin hat er uns einen Wink gegeben und immerhin gelangen wir auch irgendwohin.

An der Weggabelung fahren wir nach rechts ab – und landen schon nach kurzer Zeit in einem Ressort. Das hat man davon, wenn man die Leute von hier fragt, denn wer im Wald lebt, sucht natürlich die Zivilisation. Nur diese merkwürdigen Gringos kommen auf die verrückte Idee, die dunkelsten Geheimnisse der Wildnis ergründen zu wollen. Wir fahren zurück zur Gabelung und nehmen den linken Abzweig. Die Straße windet sich Kilometer um Kilometer durch den dichten Urwald und endet schließlich an einem Fluss.

Da nur eine Fußgängerbrücke zum anderen Ufer führt, ist die Fahrt hier beendet. Pikanterweise befindet sich am Ende der Strecke eine Bushaltestelle. Die Straße krümmt sich in einer Schlaufe, so dass der Bus wenden kann. Um uns ist nichts als Wald und da drängt sich natürlich die Frage auf, wer hier wohnt, so dass er den Bus nehmen müsste. Wir sehen weder einen Bus noch Menschen, die ihn nutzen könnten. Es wäre sicher interessant, einmal den Berufsverkehr zu erleben.

Laut meinem Reiseführer, der kaum halb so dick wäre, wenn er nicht vor lauter Geheimtipps nur so strotzen würde, solle man den Fluss überqueren und rechter Hand dem Ufer folgen. Nach einem kurzen Spaziergang sei man am Ziel: Wasserfälle und ein paradiesischer Badepool erwarteten den Besucher. Außerdem befände sich ein hübsches ethnokulturelles Museum ganz in der Nähe; ein Besuch lohne sich. Wir gehen über die Brücke und folgen dem Fluss nach rechts, immer stromaufwärts. Ein schmaler Fußgängerweg führt in Reichweite des Ufers immer tiefer in den Wald hinein.

Zwischen den Strömen

Unser ecuadorianisches Abenteuer ist beendet, doch die letzten Berichte harren noch immer ihrer Niederschrift. Die Wochen vor unserer Abreise waren so turbulent, dass fürs Schreiben einfach keine Zeit blieb. Ich habe mir fleißig Notizen gemacht, so dass ich mich auch jetzt – mir scheint, eine Ewigkeit ist seitdem vergangen – noch an jede Einzelheit genau erinnere. Zwar kann ich mir keinen einzigen Namen merken (dies schließt die engsten Angehörigen durchaus mit ein), was ich aber gesehen oder erlebt habe, klammert sich mit solcher Zähigkeit an mein Gedächtnis, dass ich nichts davon je wieder vergessen werde, ehe es niedergeschrieben ist. Dieser Pflicht, die zugleich ein Vergnügen ist, möchte ich nun nachkommen.

Wir erreichen den Río Napo bei Puerto Napo, einer Stadt, die nicht weiter der Erwähnung wert wäre, wenn nicht zufällig an dieser Stelle die Straße den Fluss überwinden würde. Es gibt nichts, was uns veranlassen könnte, zu verweilen und so folgen wir, kaum dass wir den Strom überquert haben, dem Lauf der zimtbraunen Wassermassen nach Osten. Die Fahrt führt entlang einer idyllischen Landstraße, die sich durch üppig wucherndes Grün schneidet, das den Fluss nicht mehr verlässt, bis er, Tausende Kilometer entfernt, in den Amazonas mündet.

Zu unserem Glück ist das Terrain flach, denn solange unser Wagen nicht gegen Steigungen ankämpfen muss und nur immer hübsch rollen darf, kommen wir gut voran. Dem Anschein nach ist die Straße erst kürzlich asphaltiert worden. Wir sind seit einem Jahr im Land unterwegs und über die allgegenwärtige Bauwut mag man sich schon gar nicht mehr wundern: In ihrem Bemühen, die Infrastruktur modernen Standards anzugleichen, hat die Regierung selbst in den entlegensten Regionen ganze Arbeit geleistet. Die Straßen sind so gut wie nur irgendwo in Europa und man muss schon weite Strecken fahren und dann auch nur die wenig bekannten Nebenrouten nutzen, um Straßenverhältnisse vorzufinden, wie sie in Ecuador noch vor zwanzig Jahren fast überall gang und gäbe waren.

Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch ein Meer von Grün erreichen wir Misahuallí. Das Dorf wird in jedem Reiseführer als naheliegendes Ziel für denjenigen Reisenden gepriesen, der sich einen Eindruck vom Amazonas-Tiefland zu verschaffen hofft, ohne sich deswegen gleich einer mehrtägigen Urwald-Expedition anschließen zu müssen. Der Ort liegt recht abgelegen am Zusammenfluss von Río Misahuallí und Río Napo. Doch die Zivilisation ist längst bis in die entferntesten Gegenden vorgedrungen, und auf den schönen neuen Straßen finden Ideen ihren Weg mittlerweile fast so schnell in die Köpfe der Menschen wie durch das Glasfaserkabel, das Außenposten wie dieses Dorf am Rande der Welt mit den Knotenpunkten des Lebens verbindet.

Ein wenig idyllisch ist es in Misahuallí dennoch, wenn man auch von dem eigentlichen Dorf absehen sollte, das in seiner Beliebigkeit den meisten Dörfern in Ecuador in nichts nachsteht. Doch Auswechselbarkeit bis hin zur Ununterscheidbarkeit scheint ein Kennzeichen unserer modernen globalen Kultur zu sein. Demgegenüber stehen die Annehmlichkeiten: In diesem Flecken mitten im Urwald kann man Eiscreme-Sandwiches essen und eisgekühlte Coke trinken. Ich kenne keinen Ecuadorianer, der da geröstete Maden bevorzugen würde. Immer wieder wird kolportiert, das fettreiche Ethno-Food sei der bevorzugte Gaumenkitzel in den Wäldern am Amazonas. Ich habe nie jemanden die possierlichen Tierchen essen sehen und man müsste schon tief in den Wald hinein, um ein Menü à la Amazonica aufgetischt zu bekommen.

Der Zauber Amazoniens offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Zu weit schon ist der Mensch in den Wald vorgedrungen, als dass sich das Geheimnis offen zeigte. Dieses Land will entdeckt, will erkundet werden. Seine Schätze ringt man ihm nur mühsam ab – ganz gleich, ob es sich um wertvolle Rohstoffe handelt oder um ein unbezahlbares Fotomotiv. Doch dort, wo die trüben Wasser des Río Misahuallí sich in den Río Napo ergießen, kann der Besucher gerade noch erahnen, wie das Leben im Oriente gewesen sein mag, lange bevor jemand auf die Idee kam, Reiseführer für verwöhnte Großstadtbewohner aus der Ersten Welt zu schreiben.

Der Parkplatz, auf dem wir den Wagen abstellen, ist fast leer – Touristen gibt es offenbar kaum. Der Parkplatzwächter nimmt die drei Dollar Parkgebühr entgegen und als er unsere besorgten Gesichter sieht, beteuert er, dass dem Wagen nichts geschehen werde. Wir sind optimistisch, denn es ist ja niemand da, der das Auto aufbrechen könnte.

Wir gehen über die Hängebrücke, die sich über die braunen Fluten des Río Napo spannt. Der Fluss ist an die hundert Meter breit und dennoch gilt er hier in Misahuallí, das am Oberlauf liegt, noch als schmal, verglichen mit dem gewaltigen Strom, als der er sich träge in den Amazonas wälzt. Die milchkaffeebraunen Wasser treiben schneller unter uns hindurch als ein Mensch gehen könnte. Man sieht die Strömung aus der Tiefe aufwallen wie Suppe in einem Kochtopf und an den Uferfelsen bilden sich rauschende Schleppen.

Bunte Kanus, deren Form an halbierte Chili-Schoten erinnert, ziehen mit Motorkraft unter uns entlang. Der Fluss ist nicht sehr befahren. Wäre nicht das Dorf, wirkte er geradezu verlassen. Bereits hinter der nächsten Biegung verliert man das braune, glänzende Band aus den Augen und der Río Napo verbirgt sich unauffindbar im schattigen Grün des Waldes. Wir kehren zurück ins Dorf, das sich gleich einem Keil zwischen die Flüsse drängt.

An der Landzunge zwischen den Strömen ruhen die Kanus auf dem flachen Sandstrand, gleichsam erschöpft von langer Fahrt. An diesem Tag gibt es kaum Besucher. Die Guides vertreiben sich derweil die Zeit bei ihren Booten. Freilich wartet man nicht mehr darauf, dass einem Fische ins Netz gehen wie in alter Zeit. Man hat es auf lohnendere Beute abgesehen: Touristen. Meist fährt man sie hinter die nächste Flussbiegung, wo die Wunder des Urwalds nur darauf warten, besichtigt zu werden – so jedenfalls lautet das Versprechen.

Kaum ein Dutzend Besucher verliert sich am Strand. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich bei allen um Ecuadorianer. Die meisten scheinen sogar aus der Gegend zu stammen. Einer der Bootsführer versucht uns auf sein Kanu zu locken (unter all den Einheimischen fallen wir natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund), aber eine Stunde auf dem Fluss ist nicht mehr als eine Stippvisite, die kaum der Mühe lohnt, und für eine längere Bootspartie reicht die Zeit wieder einmal nicht aus.

Man sollte keine zu hohen Erwartungen hegen – die Geheimnisse, die der Wald vor den Menschen verborgen hält, werden nicht enthüllt, nur weil der Reisende sich in ein Kanu bequemt, in dem er dann ein paar Hundert Meter den Fluss hinunterfährt. Die Ufer des Río Napo sind in undurchdringliche Vegetation gehüllt und die Wunder, die zweifelsohne darin zu finden sind, offenbaren sich nicht schon deshalb, weil man das ortsübliche Transportmittel benutzt. Der dichte Wald bietet den Bewohnern des Amazonas-Tieflandes zuverlässigen Schutz vor neugierigen Blicken – wer würde sich nicht verstecken, wenn ein Boot mit lärmenden Touristen nahte, von denen sich mindestens die Hälfte mit dem berüchtigten Selfie-Stick bewaffnet hat.

Der Sandstrand in Misahuallí schmiegt sich weich wie der Körper einer Frau zwischen die Schenkel der Flüsse. An der Mündungsgabelung schweift der Blick weit über die trügerisch stillen Wasser ehe er sich im Dunkel des Waldes verliert. In den Bäumen am Ufer leben langschwänzige Affen, welche die Sicherheit des Geästs nur verlassen, um den Touristen unter lautem Geschrei die Snacks zu stibitzen. Der Mundraub bleibt folgenlos für die Menschen, ich glaube allerdings nicht, dass unseren tierischen Verwandten das Menschenfutter wirklich gut bekommt, da es schon bei uns Gicht, Arthritis und Fettleibigkeit auslöst. Weiter den Río Misahuallí aufwärts sieht man badende Kinder, Pärchen mit Picknickkörben und Familien, die sich für einige unbeschwerte Stunden am Ufer eingerichtet haben. Dennoch wirkt der Strand verlassen, als seien die Menschen nur zu Besuch und als würden sie in Wahrheit gar nicht hierher gehören.

Wenn man dem kleinen Bruder des Río Napo stromaufwärts folgt, ist man schon nach kurzer Zeit ganz allein. Die dichte Vegetation saugt die letzten menschlichen Stimmen auf wie ein Schwamm. Doch Wald und Fluss sind nicht still. Man hört das Rauschen des Urwald-Stromes, dessen braunes Band sich behände über flache Kaskaden ergießt. Begierig, sich mit seinem großen Bruder zu vereinen, eilen die Wasser dem mächtigen Río Napo entgegen.

Eine Nymphe liegt still im warmen Sand, versunken in einen Traum. Eine Regenflut hat sie auf den Strand getragen und die Hitze ließ den Leib zerfließen wie den Gallertkörper einer Meduse. Nur der Abdruck im Sand erinnert den Besucher daran, dass der Fluss die Heimat von Wesen ist, deren Rechte weit älter sind als die des Menschen.

Im Wald

Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.

Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.

Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.

Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.

Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.

Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.

Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.

Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.

Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.

Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.

Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.

Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.

Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.

Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.

Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.

Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

5.100 Meter: Fremder in einer fremden Welt

Wie vielen anderen, die an diesem Tag zur Pyramide aufgestiegen sind, macht meiner Frau die dünne Luft zu schaffen. Bis jetzt hat sie sich nicht beklagt und tapfer durchgehalten. Doch dann beschließt sie, wieder zur Carrel-Hütte abzusteigen, während ich meinen Blick auf die himmelhohe Felswand richte, die sich über uns auftürmt wie ein Monument, das den Menschen immerfort die Unbesiegbarkeit der Natur verkündet.

Ich fühle mich so gut wie seit langem nicht mehr und mein Aufstieg zur Whymper-Hütte gleich einem einzigen unwiderstehlichen Triumphmarsch. In Quito habe ich bei jeder größeren Anstrengung unter Atemnot gelitten, doch hier, in fast doppelt so großer Höhe, berste ich geradezu vor Energie und ich überhole jeden meiner Mitstreiter – von Luftnot und Schwindel keine Spur. Ich beginne allmählich zu glauben, dass ich die unerwartete Leistungssteigerung dem Doping durch Coca-Tee zu verdanken habe.

Die Whymper-Hütte ist der Ausgangspunkt für alle ernsthaften Versuche, den Gipfel zu erklimmen. Die Leute, die man vor dem pittoresken Häuschen mit dem roten Dach herumlungern sieht, tragen ausnahmslos Bergausrüstung, wie sie für einen Grenzgänger zwischen Himmel und Erde angemessen ist. Die meisten machen mir durchaus den Eindruck, sie seien Profi-Bergsteiger oder zumindest Amateure, die wissen, auf welches gefährliche Terrain sie sich begeben.

In meinen Cargo-Shorts falle ich da nur umso mehr auf und der ein oder andere mag, nachdem er den sonderbaren Anblick nur lange genug auf sich hat wirken lassen, zu der Überzeugung gekommen sein, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Doch niemand fordert von mir eine Erklärung und hätte man mich wohlwollend darauf aufmerksam gemacht, dass meine Kleidung kaum angemessen sei, um darin durch die Tierra nevada zu lustwandeln, würde ich mich einfach zum wahren Erben Humboldts erklärt und behauptet haben, nur verweichlichte Salon-Alpinisten schmücken sich mit solch unnützem Tand wie warmer Kleidung, Steigeisen und Eispickeln. Der Purist am Berg hat den Firlefanz nicht nötig.

Die Landschaft auf über fünftausend Metern Höhe wirkt so karg wie die Wüsten des Planeten Mars: Kahle Geröllfelder breiten sich unterhalb des vereisten Gipfelmassivs aus; monumentale Schuttfächer lehnen am Fels gleich riesigen Schanzen. Auf dieser Höhe gibt es kein Leben, längst ist der letzte Flecken Grün aus der Landschaft verschwunden. Es dominieren die Farben Rot und Grau mit einem Himmel darüber in Blau und Weiß. Wenn es tatsächlich noch Leben gibt, dann sind es allenfalls Mikroben, die den harschen Umweltbedingungen im Schutze der Felsen trotzen, verborgen in dem feinkörnigen und vor allem staubtrockenen Geröll.

In der Tat fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, man sei auf einem anderen Planeten: Keine der Landschaften, die ein Mensch in seinem Leben unter normalen Umständen zu Gesicht bekommt, wirkt so fremd wie diese. Die rostrote steinige Einöde gemahnt wirklich an die Wüsten des Mars. Enthusiasten einer Kolonisierung unseres Nachbarn müssten keine Außenstelle auf einer arktischen Insel unterhalten, um schon einmal auf dieser Welt zu erproben, wie es sich dort oben lebt. Ebenso gut könnten sie in die Whymper-Hütte einziehen: Es ist kalt und trocken und die Luft ist genauso dünn wie auf dem Roten Planeten (zumindest fühlt es sich so an). Man müsste dann nur noch Platz für die Alpinisten finden – in der Luftschleuse vielleicht oder in der bioponischen Anlage.

Spätestens an der Whymper-Hütte verliert sich der Strom der Touristen. Es sind nur wenige, die den Aufstieg bis in diese Höhe wagen, und noch viel weniger, die den Weg zur Laguna einschlagen: Von der Hütte aus geht es linker Hand über einen Geröllhügel. Der Aufstieg ist, abgesehen von den Schwierigkeiten, die einem die dünne Luft bereitet, keine nennenswerte Herausforderung. Allerdings sollte man spätestens hier gutes Schuhwerk tragen, zumindest solches mit Profilsohle, denn der Untergrund ist an vielen Stellen so lose, dass man kaum noch sicher Tritt fassen kann.

Dann stehe ich vor der Laguna Condor Cocha – und bin maßlos enttäuscht. Die Phantasie hatte mir einen kalten klaren Gletschersee vorgegaukelt, auf dessen Oberfläche sich das dramatische Schauspiel von Wolken und Himmel spiegelt. Stattdessen finde ich einen kreisrunden Tümpel mit schlammig trübem Wasser. Die Laguna ist so klein, dass man zum gegenüberliegenden Ufer spucken könnte. Der blaue Gletschersee entpuppt sich als Pfütze.

Ich mache Fotos und verliere mich ganz in dem Anblick aus Himmel, Fels und Eis. Die vergletscherte Flanke des Chimborazo steigt nun senkrecht vor mir in die Höhe. Man kann den Gipfel nicht sehen, denn so dicht unter dem Berg verhindert die domartige Krümmung der Kuppe die direkte Sicht. Der Blick schweift über Steilstufen und Abbruchkanten, an denen graue Eiszungen hängen gleich gefrorenen Wasserfällen. Unberührte Schneefelder bedecken das Gipfelplateau wie eine weiße Haube. Der Anblick ist majestätisch und furchteinflößend zugleich. Im Angesicht der überwältigenden Macht des Berges fühlt man sich klein und hilflos. Wie kann jemand behaupten, er habe den Berg bezwungen?

Ein paar Anoraks haben sich an der Laguna unter der Eiswand eingefunden. Das Wichtigste sind die Fotos. Man zückt die Handys und pausenlos wird anvisiert, aber nicht der Berg oder der See sind die bevorzugten Motive. Eigentlich macht man nur von sich selbst Bilder, auf denen der Berg zufällig im Hintergrund auftaucht, als Dekoration für die eigene grinsende Visage. Man fragt mich, ob ich auf den Auslöser drücken könne. Zum Dank komme ich dann auch noch auf ein Foto.

Ich weiß nicht, ob man mich fotografiert, weil ich den Leuten in meinem windigen Aufzug ein seltenes Beispiel Humboldtscher Verrücktheit bin, oder weil ich – zumindest nach Ansicht der Ecuadorianer – wie Jesus aussehe. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn schließlich ist der Heiland mein Landsmann (wenn ich nicht irre, ist Berlin sogar seine Geburtsstadt). Aber man müsste gar nicht der eineiige Zwilling des berühmtesten Zimmermanns aller Zeiten sein, denn jeder, der das Haar schulterlang trägt und Bart hat, sieht sich mit der überraschenden Tatsache konfrontiert, dass er Jesus auf verblüffende Weise gleiche. Die Männer sind hierzulande glattrasiert wie die Popen und auf dem Kopf trägt man langweilige Schreibstuben-Frisuren. Da ist der blasphemische Vergleich wohl unausweichlich. Ich nehme es mit Würde, doch eigentlich sollte ich mich geschmeichelt fühlen.

Zur Linken der Laguna erheben sich weitere Geröllhügel, die, je näher sie zum Berg liegen, allmählich in einen Schuttfächer übergehen. Die Laguna liegt auf 5.100 Metern Höhe – dies behauptet zumindest das Schild, das man an ihrem Ufer aufgestellt hat. Ich will der Parkverwaltung nicht widersprechen, denn die Luft fließt so dünn in meine Lungen, dass ich nach jeder größeren Anstrengung das Gefühl habe, die Lungenflügel würden kollabieren. Theoretisch ist es möglich, noch höher aufzusteigen, doch begegnen einem auf dem Weg nach oben Hindernisse, mit denen man nicht unbedingt rechnet. Es ist nicht der Berg, der dem Gipfelstürmer den Weg zu unsterblichem Ruhm verwehrt. Der Halt wird auf recht prosaische Weise von einem Angestellten der Parkverwaltung erzwungen.

Ich befinde mich nun auf einem Hügel oberhalb der Laguna und wahrscheinlich könnte man auf dem Kamm des Schuttfächers noch gut drei- oder vierhundert Meter aufzusteigen, bevor dünne Luft, eisige Kälte, vor allem aber zunehmend unpassierbares Terrain der Kletterpartie ein jähes Ende bereiten würden. Doch das eigentliche Hindernis ist eine kleine, zähe Frau, die, eingepackt in eine dicke Wattemontur, den Zugang zum Berg bewacht wie ein Zerberus. Wie sie so allein in der roten Geröllwüste steht, hermetisch eingeschlossen in ihre warme, winddichte Kleidung, könnte man sie für eine Mars-Astronautin im prall aufgepumpten Raumanzug halten. Irgendwo hinter den roten Hügeln muss ihr Schiff auf Teleskopbeinen in der Landschaft stehen.

Sie schaut mich an, als wäre ich der erste Marsianer, der ihr über den Weg läuft. Mein sommerlicher Aufzug scheint sie tief zu beeindrucken. Die Bewunderung hält aber nur kurz an und darüber hinaus ist sie auch nicht so ganz überzeugt, jedenfalls nicht genug, um mich einfach passieren zu lassen. In der dünnen Luft spart sie sich die Worte: Mit einer befehlenden Geste macht sie mir unmissverständlich klar, dass meine kleine Expedition hier und jetzt beendet sei.

Ich gebe mich empört und tue so, als hätte mich der Präsident persönlich (und in Privataudienz) damit beauftragt, den Gipfel zu bezwingen – als erster Mensch in kurzen Hosen. Doch sie mag den Präsidenten anscheinend nicht, denn sie weist mir so energisch (und verärgert) den Weg, dass kein Zweifel mehr besteht: Mein Aufstieg ist beendet. Ich befinde mich auf ca. 5.200 Metern. Ich bin auf dem Mars, aber den Himmel werde ich nicht mehr erreichen, obwohl ich ihm so nahe gekommen bin, wie nur irgend möglich. Verdammte Nasa!

Ich verweile einen Augenblick auf den Hügeln oberhalb der Laguna. Der See wirkt von hier oben winzig wie ein Spucknapf. Die Gletscherzungen reichen fast bis zu seinem Ufer, aber auf dem Weg nach unten werden sie immer dünner, wie schüttere graue Haarsträhnen, und schließlich verlieren sie sich als Kreidestriche im Fels. Für einen imposanteren Eindruck müsste man auf die globale Erwärmung setzen, doch es ist hier so kalt, dass man sich nicht vorzustellen vermag, die mächtigen Gletscher könnten irgendwann einmal schmelzen. Und dennoch ist es vermutlich möglich.

Während ich vergnügt über die Geröllhügel spaziere und dabei Fotos mache, wird jede meiner Bewegungen argwöhnisch verfolgt. Die Parkangestellte behält mich mit Argusaugen im Blick, denn wahrscheinlich versuchen immer wieder Verrückte, sich an ihr vorbeizustehlen. Ich habe nicht vor, sie auszutricksen. Von dem Vorhaben, noch höher aufzusteigen, habe ich mich endgültig verabschiedet, doch sie scheint zu glauben, ich wolle sie mit meinem harmlosen Getue bloß täuschen. Wie ein Gardesoldat auf Wacht baut sie sich vor mir auf, in kaum zehn Metern Entfernung, und sie lässt mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich versuche, die Situation mit einem augenzwinkernden Lächeln zu entspannen, doch sie schaut mich an, als lösten meine Lockerungsübungen nur Bauchschmerzen bei ihr aus.

Ich lasse mich nicht drängen. Ruhig schieße ich meine Fotos. Ohnehin dauert alles länger, denn mittlerweile sind meine Hände blau vor Kälte und meine Finger haben ungefähr noch so viel Gefühl wie ein geklopftes Schnitzel. Hinuntersteigen will ich aber nicht, noch nicht, denn ich möchte mir die einmalige Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen. Es dauert eine Ewigkeit, das Kameraobjektiv zu wechseln, und als ich es schließlich doch geschafft habe, möchte ich fast in Jubel ausbrechen.

Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

Forscherruhm

Im Gegensatz zu vielen anderen uralten Namen, mit denen sich die Landschaft in diesem Teil der Welt schmückt, weiß man nicht genau, was Chimborazo eigentlich bedeutet. Etymologische Forschungen konnten ein wenig Licht in die Sache bringen: Demnach heißt Chimborazo entweder „Eisige Frau“ oder „Eisiger Thron Gottes“ oder schlicht „Bergeis“. Den indigenen Bewohnern der Gegend gilt der Vulkanriese seit jeher als heiliger Berg und in ihren Mythen nennen sie ihn ehrfurchtsvoll Taita Chimborazo, Vater Chimborazo.

Im Juni des Jahres 1802 versuchten Humboldt und sein Reisegefährte Bonpland, den Gipfel von Gottes eisigem Thron zu erreichen. Damals glaubte man noch, der Chimborazo sei der höchste Berg des Planeten, und ihn zu bezwingen wäre – abgesehen vom wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn – eine Ruhmestat, deren man für alle Zeit gedenken würde. Doch Humboldt scheiterte, wenn auch auf geradezu triumphale Weise, und der Aufstieg verhalf ihm zu dem Ansehen, eines der großen Abenteuer im Dienste der Wissenschaft unternommen zu haben.

Zu seiner Ehrenrettung wäre anzufügen, dass er wohl kaum höher hätte aufsteigen können mit einer Ausrüstung, wie sie ihm damals zur Verfügung stand. Darüber hinaus wusste man nichts von Höhenakklimatisierung und der Höhenkrankheit sollte man lange nach Humboldt überhaupt erst einen Namen geben. Und so war Humboldts Expedition nicht nur ein Forschungsabenteuer, sondern zugleich auch ein lebensgefährlicher Trip in eisige Höhen.

Humboldt konnte sich bis zu seinem Lebensende damit trösten, dass er den Höhenrekord hielt. Er war damit ein früher Vorreiter der Alpinistik, denn die Begeisterung für das Bergsteigen kam erst ein Menschenleben nach ihm so recht in Mode. Zu seiner Zeit zeigten die Landkarten noch mehr weiße Flecken, als sie selbst der munterste Forschungsreisende in einem ganzen langen Reiseleben hätte besuchen können. Hätte Humboldt geglaubt, dass es anderswo noch einen höheren Berg gäbe, er würde ihn wahrscheinlich bestiegen haben. Zumindest hätte er es versucht. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Von den Achttausendern des Himalaya konnte der preußische Wissenschafts-Abenteurer zwar noch nichts wissen, aber so ganz lag er dennoch nicht falsch, als er davon ausging, dass der südamerikanische Eisriese der höchste Berg der Welt sei: Moderne geodätische Messungen haben ans Licht gebracht, dass der Gipfel des Chimborazo von allen Punkten auf der Erdoberfläche am weitesten vom Mittelpunkt des Planeten entfernt liegt. Damit ist der Berg zugleich der Ort auf der Erde mit der geringsten Schwerkraft und der Unterschied ist nicht nur messbar, sondern sogar beträchtlich: Zusammen mit den Fliehkräften, die durch die Erdrotation verursacht werden, wiege ich rund ein Kilo weniger als in höheren Breiten. In der Tat fühle ich mich fast schwerelos, als ich – wie Humboldt – an den Rockfalten der Eisigen Frau in die Höhe zu klimmen versuche.

Ganz wie der preußische Forschungsreisende muss auch ich unter dem Gipfel aufgeben, allerdings aus ganz anderen Gründen (nicht, dass ich wirklich vorgehabt hätte, als erster Gipfelbezwinger in kurzen Hosen Humboldt den Ruhm streitig zu machen). Die Faszination für den Chimborazo sollte sich Humboldt übrigens Zeit seines Lebens erhalten: Auf dem Gemälde, mit dem er sich zum letzten Mal, kurz vor seinem Tode, porträtieren ließ, sieht man den weißen Eisdom im Hintergrund. Dass Humboldt sich seinen Berg auf dem Bild wünschte, dazu mag auch ein wenig Eitelkeit beigetragen haben, denn schließlich kann sich nicht jeder rühmen, er hätte den höchsten Berg der Welt um ein Haar bezwungen.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Wolkenmeer und Sterne

Wir haben Riobamba noch nicht erreicht, da nähert sich der Tag mit rasender Geschwindigkeit seinem Ende. In den Tropen sind die Abende nie lang. Pünktlich um sechs Uhr oder nur wenig später verschluckt der Horizont die Sonne mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe. Fast schlagartig wird es dunkel – keine lange Dämmerung, keine Stunde des Zwielichts. Der Sonnenuntergang vollzieht sich wie im Zeitraffer und dann bricht mit einem Mal die Nacht herein. Aber schon zwölf Stunden später, und zwar pünktlich um sechs Uhr Morgens, erscheint die Sonne ebenso plötzlich wie sie verschwunden ist – als hätte jemand den großen Schalter betätigt, um mal eben das Licht zu löschen.

In den Tälern hängen die Wolken wie über einer verzauberten Märchenlandschaft. Zwischen den Bergketten wogt ein apfelblütenweißer Ozean, die Bewegung erstarrt in wilder Pose. Die Wolken liegen über dem Tal wie eine Decke aus Zuckerwatte. Die Sonne hängt als gleißende Fackel am Himmel, nur eine Handbreit davon entfernt, den Weltenbrand zu entfachen. Das Vlies aus Wolken ist undurchdringlich wie dicker Filz und der Betrachter vermag der verborgenen Welt darunter nicht das kleinste ihrer Geheimnisse zu entreißen.

Wir stehen vor diesem Naturwunder mit angehaltenem Atem, staunend, genießen das Schauspiel und machen Fotos. Obwohl die Panamericana eine vielbefahrene Route ist, sind wir allein. Hierzulande würde sich niemand die Mühe machen, irgendwo zu halten, etwa um Zeuge eines traumhaften Sonnenuntergangs zu werden. Die Leute begeben sich auf Reisen mit dem ausschließlichen Wunsch, ihr Ziel möglichst schnell zu erreichen. Niemand reist um des Reisens willen und außerdem gibt es noch so viele Sonnenuntergänge.

Kurz vor Riobamba lässt uns Google-Maps, unser treuer Führer in allen Lebenslagen, im Stich. Die Internetverbindung ist so schwach, dass sich kaum einmal eine Seite vollständig aufbaut, und alle paar Minuten landen wir in einem Funkloch. Wie üblich hat man wieder einmal die Ausschilderung „vergessen“ und so ist es ein Wunder, dass wir trotzdem den Weg zum Hotel finden.

Die Dunkelheit ist mittlerweile so vollständig, wie man sie in Berlin nie erleben würde: Wenn man in die Schwärze starrt, könnte man glauben, man sei plötzlich erblindet. Nur der Sternenhimmel spendet sein fahles, kaltes Licht. Das Firmament ist so dicht mit Sternen gesprenkelt, dass man meint, das ganze gewaltige Universum scheine auf einen herab. Wir würden gern halten, um uns bis in die Seele von diesem Anblick erschüttern zu lassen, aber wir finden nirgendwo einen Parkplatz. Und auf der Straße würde uns jeder Laster plattmachen wie leichtsinnige Rehkitze.

In Riobamba, einer Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und ohne Anziehungskraft, finden wir das Hotel, in dem wir die Nacht verbringen, und ein Restaurant, in dem wir zu Abend essen. Wir freuen uns auf den nächsten Tag, an dem wir zum Chimborazo aufbrechen werden. Doch dieser Tag hat uns bis ins Innerste erschöpft. Während der Wagen auf dem hoteleigenen Parkplatz sicher vor Dieben hinter massiven Gittern verschlossen wird, liegen wir schwer vor Müdigkeit in unseren Betten, niedergestreckt von Strapazen geradezu Humboldtschen Ausmaßes. Wir träumen von Wolkentälern und einem funkelnden Kaleidoskop aus Sternen, in deren kaltem Strahlen sich ein ganzes Universum offenbart. Am nächsten Tag wird uns Humboldt in eisige Höhen führen.

Humboldtsche Strapazen

Die Malaise heißt Chevrolet Aveo. Das Auto ist klein wie eine Sardinenbüchse und darüber hinaus auch noch so schwach motorisiert, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich Humboldt und Bonpland mit ihren Maultieren und all dem Forschungsgepäck wohl gefühlt haben müssen, wenn ihr Weg sie an einen Berg führte, den es zu überwinden galt. Aus dem Stand würde unser Fortbewegungsmittel den Aufstieg nicht schaffen – manchmal habe ich in der Tat den Eindruck, schieben würde wirklich helfen – und so ist es notwendig, dass wir das Gefälle ausnutzen: Sobald die Straße sich senkt, rasen wir zu Tal, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Ich habe mich oft genug gegen rücksichtslose Fahrer ausgesprochen, aber bekanntlich macht erst Not die Menschen zu Kriminellen. Und mit diesem Auto gerät man öfter in die Bredouille, als man es für möglich halten könnte.

Der Motor tourt fast ständig mit maximaler Drehzahl und doch kleben wir an der Steigung wie die Fliege am Leim. Die Strecke bietet kaum einmal Gelegenheit, höher als in den dritten Gang zu schalten, und wenn doch, haben wir Glück, denn es geht steil bergab. Das Fahren ist eine Qual. Ich habe schon Blasen vom vielen Schalten und meine Hand ruht nun ständig auf dem Knauf des Schaltknüppels als wäre sie dort festgeklebt – es lohnt einfach nicht loszulassen. Mein linkes Bein ist auch schon ganz steif, weil ich ständig das Kupplungspedal treten muss. Es könnte kaum anstrengender sein, sämtliche Luftmatratzen auf einem Campingplatz aufzupumpen. Sehnsüchtig wünsche ich mir meine Automatik zurück. Nur auf dem Rücken eines Maultiers ist das Reisen in den Bergen beschwerlicher (so ein Muli dürfte jedoch nur um weniges langsamer sein als dieses Auto).

Da von Qualen die Rede ist, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, wie schwer es in Ecuador ist, ein Auto zu mieten. Nachdem wir unseren eigenen Wagen verkauft hatten, waren wir auf den Bus angewiesen. Im Prinzip kann man so selbst den entferntesten Winkel des Landes erreichen – ein dichtes Liniennetz überzieht ganz Ecuador –, nur braucht man Zeit, viel Zeit, unermesslich viel Zeit: Ein ganzes Erdzeitalter könnte vergehen und man wartet immer noch auf den Bus (oder sitzt darin). Wir wollten diese Unannehmlichkeiten Humboldtschen Ausmaßes gern vermeiden. In uns reifte der Entschluss, ein Auto zu mieten.

In Ecuador sind alle renommierten Autovermietungen vertreten und im Grunde unterscheiden sich Fuhrpark und Service nicht wesentlich von dem, was man etwa in Europa erwarten könnte. Eine Überraschung (bis hin zur Herzattacke) erlebt man freilich, wenn man die Preise vergleicht. Man könnte glauben, die ganz normale Filiale eines internationalen Anbieters etwa im Herzen Quitos sei die lunare Dependance des Unternehmens und dazu befände sie sich auch noch auf der Rückseite des Erdtrabanten.

Es fällt schwer, in den Offerten etwas anderes als reine Phantasiepreise zu erkennen: Ein Auto, in dem fünf Personen und ein Hund bequem Platz gefunden hätten und das nicht einmal mit Extras wie Allradantrieb ausgestattet wäre, würde leicht mit tausend Dollar zu Buche schlagen – selbstverständlich pro Woche. Bequemer fährt es sich freilich mit einem SUV, ganz sicher dann, wenn es Steigungen und Schotterwege zu bewältigen gilt. Dem geneigten Kunden würden dafür lediglich tausendfünfhundert Dollar in Rechnung gestellt, Versicherung und Sprit natürlich extra. Mir schwanden die Sinne. Dass man das zweifelhafte Gütesiegel der „Solvenz“ im Zusammenhang mit dem simplen Wunsch, ein Auto zu mieten, verwenden könnte, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen.

Einen Wagen zu mieten, der für uns alle groß genug gewesen wäre, verbat sich also – aus naheliegenden Gründen. Als hätte man eine Art Kartell gebildet, warteten alle Autovermietungen mit denselben absurden Preisen auf. Glücklicherweise gibt es in Ecuador fast immer die Möglichkeit, auf Schleichpfaden zum Ziel zu kommen, wenn einem der offizielle Weg verschlossen ist: Durch einen Bekannten erfuhren wir von einer Person, die ihr Auto privat vermietet. Das ist natürlich verboten, aber ungleich erschwinglicher. Offiziell firmierten wir auch nicht als Kunden, sondern lediglich als Freunde, die sich das Auto eines Freundes leihen. Die Freundschaft ging dann allerdings nicht so weit, dass man uns den Wagen kostenlos überlassen hätte: Wir zahlten 650 Dollar; dafür stand uns das Auto immerhin ganze vierzehn Tage zur Verfügung. Verglichen mit einer regulären Anmietung über eine Autovermietung war das unschlagbar günstig, geradezu sensationell billig.

Wir trafen uns mit einem gewissen Francisco – das ist der Name des Fahrzeughalters – in Ibarra. Ibarra liegt nördlich von Quito, zur kolumbianischen Grenze hin, und so mussten wir uns zunächst auf eine zweistündige Busreise begeben, um überhaupt dorthin zu gelangen. Wir hatten uns auf dem Parkplatz vor dem Busbahnhof verabredet und da unser Deal genau betrachtet eigentlich nicht ganz gesetzeskonform war, wurde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, ich sei in einen Film geraten und zwar just in die Szene, da auf dem Parkplatz der Stoff übergeben wird. Parkplätze scheinen in diesem Land der gewöhnliche Ort für schlüpfrige Deals aller Art zu sein.

Francisco machte auf mich, gelinde gesagt, einen recht seltsamen Eindruck. Man konnte ihn einfach nicht durchschauen; es war unmöglich zu sagen, was für ein Mensch er ist. Auch wirkte er viel zu seriös, als dass man annehmen müsste, er verdiene sich durch diese Art Geschäft ein Zubrot. Aber ein flüchtiger Eindruck kann natürlich auch täuschen. Meine Frau meinte, sein Dialekt sei komisch, gar nicht wie jener der Leute aus Ibarra. Eigentlich ähnelte er keiner der in Ecuador gesprochenen Mundarten. Sie mutmaßte, er könnte Spanier oder Kolumbianer sein – nicht, dass es mich sonderlich bekümmert hätte, zumal wir nur zweimal von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu tun hatten: als wir das Auto entgegennahmen und als wir es wieder ablieferten.

Nach einer Probefahrt und nachdem wir zur Sicherheit Fotos schon vorhandener Beschädigungen gemacht hatten – Francisco ermutigte uns ausdrücklich dazu –, stand unserem Aufbruch eigentlich nichts mehr im Weg. Das heißt, fast nichts, denn nach guter alter Landessitte versuchte unser Geschäftspartner zunächst, einen höheren Preis herauszuschinden. Das Geschäft drohte zu platzen und wir hätten den weiten Weg nach Ibarra umsonst auf uns genommen und ein Auto hätten wir dann auch nicht. Wir beharrten jedoch auf der vereinbarten Summe und Francisco überließ uns dann doch das Auto, höchst widerwillig, wie es schien. Doch ein Deal ist nun einmal ein Deal – in exotischen Ländern wie Ecuador genauso wie im Rest der Welt. Sorry, Francisco.

Schon nach kurzer Zeit wurde uns klar, worauf wir uns eigentlich eingelassen hatten: Der Wagen fuhr zwar ohne Probleme und machte auch sonst keine Schwierigkeiten, sofern das Terrain nur flach war (soviel zu Franciscos Ehrenrettung), aber sobald wir in die Berge kamen, wurde das Fahren zur kraftraubenden Tortur, und zwar für Mensch und Maschine gleichermaßen. Das Auto verfügte über keine Klimaanlage – in einem tropischen Land der schlagende Beweis dafür, dass man auch am falschen Ende sparen kann – und es verfügte genauso wenig über eine Automatik (und ich bin bis heute der Überzeugung, es hatte auch keinen Motor).

Schon auf ebener Strecke fragte man sich manchmal besorgt, ob die Maschine überhaupt noch laufe. Wenn man im vierten Gang das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat, passierte erst einmal gar nichts. Man hörte nichts, man spürte nichts. Ich hätte nicht sagen können, ob der Motor einfach nur still seinen Geist aufgegeben hatte oder ob eine stille Kernschmelze bevorstand. Von Beschleunigung konnte gar keine Rede sein und jeder Überholvorgang entwickelte sich zu einem nicht enden wollenden Schneckenrennen. Selbst das Anfahren einer Seilbahngondel des TelefériQo war im Vergleich dazu wie der Katapultstart eines Düsenjets.

Weitere Irritationen ergaben sich aus dem Umstand, dass jedes Mal, sobald der Wagen nur eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde erreicht hatte, drei Warnpiepser zu vernehmen waren – nicht dass es uns in den Bergen oft gelungen wäre, diese Schallmauer zu knacken. Francisco hatte uns gewarnt: Wir sollten auf keinen Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, denn sonst würde der Versicherung des Halters umgehend Meldung erstattet und dieser dürfte nicht nur mit einem Strafzettel rechnen, sondern hätte auch noch eine Beitragserhöhung zu gewärtigen. Wir versprachen, alles zu unterlassen, was Francisco schaden könnte.

Nur wenige Male überschreiten wir die Geschwindigkeit und prompt erfährt Francisco davon. Nur Stunden später empfangen wir seine aufgeregte Mail, in der er uns droht, den Wagen einzukassieren, wenn wir weiter so „rasten“. Ich selbst bin ein Dreivierteljahr mit dem eigenen Auto durch Ecuador gefahren. In dieser Zeit wurde ich weder angehalten, noch geriet ich je in eine Geschwindigkeitskontrolle, obwohl ich mich doch nicht immer peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt.

In Ecuador sehen die Leute die Zahl auf dem Schild eher als Richtwert an – niemand käme auf die Idee, sich unter allen Umständen dem Verkehrsgebot zu unterwerfen, zumal man nirgends Geschwindigkeitskontrollen fürchten muss (Ausweise werden hingegen gern und oft kontrolliert). Deshalb habe ich mir natürlich noch lange nicht die Freiheit genommen zu rasen. Eigentlich war ich fast immer der Langsamste auf der Straße, auf jeder Straße.

Jetzt fahren wir gerade zwei Tage durchs Land und bei Francisco schrillen sämtliche Alarmglocken: Schon ein halbes Dutzend Meldungen sei bei ihm eingegangen, lässt er mitteilen. Er schickt sie uns zu. Unsere angeblichen Gesetzesverstöße sind darin exakt auf die Sekunde und mit GPS-Koordinaten dokumentiert. Zwar handelt es sich immer nur um wenige Kilometer pro Stunde, doch die ganze Angelegenheit erscheint deshalb nicht weniger mysteriös. Bei uns stellt sich das unangenehme Gefühl ein, das man bekommt, wenn einem jemand fortwährend argwöhnisch über die Schulter sieht. Franciscos Ton schwankt zwischen Weinerlichkeit und der handfesten Drohung, uns das Auto wieder wegzunehmen.

Uns kommt die Sache reichlich merkwürdig vor, aber wir können uns keinen Reim darauf machen. Wir hören von einem eingebauten Radar und auch davon, dass solche Geräte eigentlich illegal seien. Francisco verliert kein Wort darüber, sondern lässt uns vielmehr in dem Glauben, dass wir rein zufällig und innerhalb von nur zwei Tagen gleich mehrfach in eine Kontrolle geraten seien. Wir wissen, dass er uns für dumm verkauft, aber wir haben keine Wahl, denn wir wollen das Auto behalten.

Um jeden Ärger zu vermeiden, beschließen wir, uns von nun an strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Selbstverständlich kommen wir jetzt noch langsamer voran und selbst die uralten Klapper-Laster, bei denen man jede Sekunde damit rechnen muss, dass schon die kleinste Bodenwelle die Achsen in den Auto-Himmel schickt, rollen an uns vorbei, als erlebten sie einen zweiten Getriebe-Frühling.

Ich wollte schon immer wissen, wie es sich auf Seniorenart fährt, und jetzt habe ich auf Hunderten von Kilometern Gelegenheit dazu: Wir halten uns rechts und rollen hübsch geruhsam durch die Landschaft. Wer uns überholt (also jeder andere Verkehrsteilnehmer außer den Fußgängern), schaut nur verwundert vom Lenkrad auf: Was haben diese lahmarschigen Gringos nur auf unseren schönen schnellen Straßen verloren?

So zuckeln wir also gemächlich wie zu einer Rentner-Kaffeefahrt auf der Autopista entlang. Zwar machen wir uns vor den anderen Verkehrsteilnehmern zum Gespött, aber zumindest hat die gemütliche Lustfahrt den Vorteil, dass uns nicht fortwährend taktische Lenkmanöver bei rasender Kurvenfahrt von dem beeindruckenden Andenpanorama ablenken können.