Canoa

Heute sind wir nach Canoa gefahren. Canoa ist berühmt für seine schönen Strände und für seinen entspannten Lebensstil – alles Merkmale, die den Reisenden mit einem Faible für das Exotische magisch anziehen. Der Ort selbst wirkt wie eine Hippiekommune aus den Siebzigern: Es gibt Surf- und Yogaschulen, die Straßen sind nicht gepflastert, viele Häuser sind aus Holz gezimmert und die windschiefen Behausungen verströmen einen unverkennbaren Heimwerkercharme.

Von Bahía aus gelangt man mit dem Auto in etwa dreißig Minuten nach Canoa. Die Straße führt direkt an der Küste entlang nach Norden; auf der Brücke überquert man die Bucht und gelangt zur anderen Seite, auf der schon San Vicente liegt. Dort hat sich in den letzten Jahren viel getan: Die Straßen sind gepflastert und es sieht so sauber und aufgeräumt aus wie nie zuvor. Eben ist man dabei, den großen Platz im Zentrum des Ortes mit verschiedenfarbigen Pflastersteinen auszulegen.

Da es schon spät ist und wir nicht von der Dunkelheit überrascht werden wollen, nehmen wir nicht den Bus sondern ein Taxi. Die Fahrt kostet acht Dollar, aber dafür halten wir auch nirgendwo an, was bei Busfahrten durchaus üblich ist. Der Fahrer gibt Gas, als gelte es, den Streckenrekord zu brechen. Wir fürchten schon, dass wir gar nicht ankommen, sondern irgendwo jenseits der Leitplanken enden, welche die nagelneue Autopista säumen. Doch dann gelangen wir doch noch wohlbehalten nach Canoa. Der Fahrer hat Schwierigkeiten, sich zu orientieren, weil es keine Straßennamen oder Hausnummern gibt, aber schließlich bringt er uns sicher ans Ziel: vor uns taucht das „Bambú“ auf.

Das Bambú ist ein Hotel mit einem angegliederten Restaurant. Wie der Name schon vermuten lässt, sind die meisten Häuser der Anlage und auch viele der Möbel aus Bambus gefertigt. Ein Holländer, der vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Ecuador kam, hat die Anlage praktisch aus dem Nichts aus dem Boden gestampft. In der Lobby des Hotels gibt es Fotos aus der Anfangszeit – damals gab es praktisch nur den Strand und Busch. Der Ort Canoa, wo sich heute einheimische Lebenskünstler und Weltenbummler treffen, war bloß ein kleines Fischerdorf. Es gab keine Surf- und Yogaschulen und nicht mal ein Restaurant. Über die Jahre hat der Besitzer die Anlage immer mehr erweitert, so dass jetzt neben dem eigentlichen Hotel mehrere niedliche Bungalows für den zahlungswilligen Gast bereitstehen. Dazwischen breitet sich ein größeres Areal aus, in dem der Hotelchef seine ganz persönliche Version vom Paradies realisiert hat: Unter Palmen schwingen Hängematten, die zum Ausruhen einladen. Die Vegetation ist tropisch üppig und das Ambiente erinnert an ein exklusives Resort. Das Hotel hat eine Veranda, von der aus man in einen schönen Garten blickt. Alles ist frei zugänglich, jeder kann kommen und die angenehme Atmosphäre genießen. Nirgendwo gibt es Absperrungen, was in einem Land wie Ecuador sehr verwundert. Oft sieht man den Besitzer irgendwo zwischen den Gästen liegen und ausruhen, als wäre er selbst nur ein Gast.

Meine Frau, die Neugierde in Person, sprach ihn an und verwickelte ihn schließlich in ein Gespräch. Sie wollte unbedingt mehr erfahren. Aber was soll man denn von einem Menschen, der alles hat, wissen wollen – ja, das ist sein persönliches Paradies; nein, er möchte nie wieder nach Holland zurück. Ich gönne ihm sein Glück und bin zugleich ein wenig neidisch.

Das Hotel beherbergt ein Restaurant gleichen Namens. Noch vor drei Jahren standen Tische und Stühle auf Sand, so dass man stets den Eindruck hatte, man befände sich in einer Strandbar. Man konnte die Füße im Sand vergraben und bei gutem Essen und ein paar Drinks wunderbar chillen. Inzwischen hat der Besitzer den Boden mit Steinplatten auslegen lassen. Alles wirkt nun etwas gediegener, seriöser, aber auch etwas konventioneller; der ursprüngliche Charme ist dadurch ein wenig gewichen, was dem Vergnügen aber keinen Abbruch tut, zumal der Gästeraum nach wie vor von einer Konstruktion aus Bambus und Palmstroh überspannt wird, wodurch er sehr anheimelnd wirkt und geradezu zum längeren Verweilen einlädt.

Das Bambú serviert seinen Gästen eine Reihe ausgezeichneter Gerichte. Sehr zu empfehlen sind die Shakes; die Shrimps in Erdnuss-Soße fand ich immer richtig lecker. Eigentlich bestelle ich sie jedes Mal, aber diesmal machten mir die Eingeweide einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich ist alles ziemlich gut. Was auch immer wir in der Vergangenheit bestellen, war immer von sehr guter Qualität und schmeckte hervorragend. Ein Ausflug nach Canoa lohnt sich auf jeden Fall – wegen der herrlichen Strände und wegen des guten Essens, das man im Bambú genießen kann.

Das Bambú ist übrigens bei Ausländern und Ecuadorianern gleichermaßen beliebt. Wer es sich leisten kann, kommt eigens von Bahía hierher, um im Hotelrestaurant zu essen und den schönen Strand zu genießen. Im Restaurant und an der Bar trafen wir dann auch die halbe Schickeria von Bahía, einschließlich Leo Viteris, eines Kanditaten für den örtlichen Wahlkreis. Meine Frau kennt ihn von früher und ich habe 1992 notgedrungen mit ihm Bekanntschaft machen dürfen, als er mich in seiner Klinik behandelte. Er schüttelte uns die Hand, als werbe er um unsere Stimmen. Wahrscheinlich befand er sich auf Wahlkampftour, jedenfalls begegnete uns sein Konterfei auf dem Weg nach Canoa an jeder Straßenecke. Während meine Frau allem und jedem ihre Aufwartung machte und sich mit größtem Eifer stundenlangem Geplauder hingab, gingen mein Sohn und ich an den Strand.

Das Meer war herrlich! Der Himmel war an diesem Tag zwar von einer dicken grauen Wolkenschicht überzogen und hin und wieder tröpfelte es ein wenig, aber es war warm wie in einer Waschküche und ein beständiger Wind sorgte dafür, dass unaufhörlich hohe Wellen gegen die Küste rollten. Es ist schön, sich in die Wellen zu werfen und seine Kräfte mit dem Ozean zu messen. Zwar verliert man immer, aber selten macht ein Kampf so großen Spaß. Als wir genug hatten und ermattet aus dem Wasser stiegen, schwebte ein Motor-Paraglider gemächlich über den Strand. In der straffen Brise, die vom Meer her wehte, konnte man den Motor kaum hören.

Auf der Rückfahrt nach Bahía hatten wir Gelegenheit, in Augenschein zu nehmen, was sich seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren verändert hat. Damals gab es auf der Strecke zwischen Bahía und Canoa noch jede Menge freies Land entlang der Pazifikküste. Mittlerweile ist vieles davon verkauft und die neuen Besitzer haben augenblicklich damit begonnen, Mauern um ihren soeben erworbenen Besitz zu ziehen. Man sieht schicke neue Einfamilienhäuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern. Wir fragen den Taxifahrer, wem das alles gehöre. Ausländer seien die neuen Eigentümer, meint er, Gringos zumeist, also Amerikaner, die sich hier häuslich eingerichtet hätten. Ein Stück weiter, auf einem malerischen Hügel mit Blick über den Pazifik soll eine geschlossene Siedlung für amerikanische Pensionäre entstehen. Weitere solcher Retortenstädte sind bereits geplant.

Zwar gibt es immer noch Land zu kaufen, aber die Filetstücke sind vergeben. Was noch zu haben ist, liegt meist ziemlich niedrig über dem Meer und würde von der ersten Flutwelle überspült werden. Das ist vielleicht der Grund, warum sich die Käufer zurückhalten. Manchmal führt die Autopista weniger als hundert Meter vom Strand entfernt an der Küste entlang. Dazwischen, eingezwängt zwischen Straße und Meer, gibt es noch Parzellen, die zum Verkauf stehen, aber ich frage mich, wer denn schon gern die Fernverkehrsstraße direkt in seinem Rücken haben möchte. An einigen wenigen Stellen fallen schöne Fleckchen Land ins Auge, die noch nicht vergeben zu sein scheinen, denn sie sind unbebaut: kleine Wäldchen wachsen darauf, durch die hindurch man direkt zum Strand laufen könnte. Ich fürchte, schon bald werden auch diese letzten Stücke Land an wohlhabende Ausländer verkauft sein. Die Einheimischen erzählen sich, die Gringos hätten rund um ihr neues Heim alles verfügbare Land aufgekauft und dann Mauern direkt bis zum Strand errichtet. Zwischen ihren Mauern haben sie nun ihren Privatstrand. Einheimische dürfen ihn nicht betreten. Bin ich der einzige, der das Verhalten dieser Leute abstoßend findet?

Mi Ranchito

Das Lieblingsrestaurant meines Sohnes ist das „Mi Ranchito“. Eigentlich handelt es ich dabei um gar kein richtiges Restaurant. Es ist eher ein Imbiss, den der Besitzer an einer Straßenecke eingerichtet hat: eine Hausecke wurde aufgefräst und in die entstandene Lücke hat man eine kleine Theke gebaut. Das „Mi Ranchito“ öffnet seine Pforten erst um 18:00 Uhr, aber von da an ist es immer so gut wie ausgebucht – zumindest in der Hochsaison, wenn die Erholungssüchtigen aus der Sierra nach Bahía strömen. Das Restaurant hat keinen Gastraum, Tische und Stühle werden jeden Abend direkt auf den Bürgersteig gestellt. Das beeinträchtigt das Geschäft nicht im Geringsten, denn in Bahía ist es immer so warm, dass man das ganze Jahr in Shorts und Flipflops herumlaufen kann. Die etwas strenge Kleiderordnung, wie man sie aus Quito kennt – lange Hose, geschlossene Schuhe, Hemd und Jacke – entfällt hier und selbst die Leute aus der Sierra, die als etwas steif gelten, entledigen sich gern ihrer Kleidung, um sie gegen das legere Freizeitoutfit einzutauschen.

Das „Mi Ranchito“ ist unschlagbar billig, aber die Leute würden nicht dort essen, wenn das Essen nicht auch gut wäre. Mein Sohn schwört auf die Tacos; sie sind satt gefüllt mit Fleisch und Guacamole und angesichts der Preise beschleichen einen schon Befürchtungen hinsichtlich der Herkunft des Fleisches. Der Taco kostet drei Dollar. Das ist nicht viel, aber dafür bekommt man eine wirklich gute Portion, so dass man gesättigt vondannen geht. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis hat nur noch die Hamburguesa, der Burger. Es gibt ihn in mehreren Variationen, den einfachen Burger bekommt man schon für schlappe 1,50 Dollar. Der Burger Mi Ranchito mit allem kostet 2,75 Dollar und dafür bekommt der hungrige Gast zwei Scheiben Fleisch, Gurken, Salat, Tomaten, Zwiebeln, Ham, Käse und sogar noch ein Spiegelei obendrauf und das alles in einem wirklich leckeren Brötchen (keinem Industriebrot, wie bei den Burgerketten üblich). Und alles schmeckt wirklich frisch und knackig.

Das Spiegelei im Burger ist übrigens typisch ecuadorianisch, passt aber ganz hervorragend zu den anderen Zutaten. 1992 habe ich in Guayaquil, der quirrligen Hafenstadt am Pazifik, zum ersten Mal einen Burger mit Spiegelei genossen. Meine Frau hatte mir davon erzählt, aber ich konnte nicht glauben, dass man soetwas essen wolle. Ich erinnere mich, der Burger war so groß, dass ich ihn mit beiden Händen festhalten musste und dass ich ihn am Ende nur mit Mühe und Not geschafft habe, was aber an der Hitze gelegen haben mag. Und er war gut, richtig gut. Ich habe mir später in Berlin immer wieder Burger mit Spiegelei gebraten – nach einem harten Workout an den Eisen genau das, was der Körper braucht.

Die Hamburguesa im „Mi Ranchito“ hat etwa die Größe eines Doppelwhoppers, ist aber etwas höher und wird in einer kleinen Tüte serviert, so dass die Soße nicht auf die Finger kleckert. Der Hamburger schmeckt phantastisch, wie ein guter Burger eben schmecken soll: Das Fleisch ist saftig und der Käse zieht lange Fäden, wenn man hineinbeißt. Selten habe ich einen so guten Burger für so wenig Geld gegessen. Ginge es nach meinem Sohn, würden wir jeden Abend ins „Mi Ranchito“ gehen. Ich kann ihn gut verstehen.

Cocobongo

In Bahía gibt es ein Hostel mit Namen Cocobongo. Von außen wirkt es wie eine billige Hippie-Absteige, aber das Innere ist sehr gemütlich gestaltet und mit allem Traveller-Chic eingerichtet, den sich der Weltenbummler wünschen kann: Es gibt eine große Bar, Tische, Stühle, Hängematten und flauschige Sitzecken. Wie die Zimmer eingerichtet sind, kann ich nicht sagen, denn ich habe hier nie übernachtet. Das Cocobongo scheint einen gewissen Ruf unter Gringos und europäischen Reisenden zu besitzen, denn die Gäste des Hauses rekrutieren sich fast ausschließlich aus dieser Klientel. Es kann aber auch sein, dass die Reiseführer sich mangels geeigneter Scouts alle auf dieses eine Hostel als angemessene Unterkunft für den abenteuerlustigen Reisenden festgelegt haben.

Unter den Einheimischen genießt das Cocobongo den Ruf, dass sich hier bevorzugt Gringos tummeln. Vielleicht gibt es auch Ecuadorianer, die dort übernachten, aber ihre Zahl hält sich gewiss in Grenzen. Viele haben den Eindruck, dass die Gringos unter sich bleiben möchten, und den Kontakt zur Bevölkerung auf ein Minimum beschränken. Überhaupt, wenn man das Treiben eine Weile beobachtet, kommt man zu der Überzeugung, hier existiere eine Art Zweiklassengesellschaft: auf der einen Seite die oft wohlhabenden Gringos, die sich die Einheimischen möglichst vom Leib halten wollen (es sei denn, sie weisen die Attribute weiblich, jung, attraktiv auf) – auf der anderen Seite die Einheimischen, die mit einem Kopfschütteln kommentieren, was sich vor ihren Augen abspielt. Als ich eines Abend am Hostal vorbeiging, flätzten sich alte Männer an den Tischen vor der Bar und unterhielten sich auf Englisch.

Auf Mission

Seit Jahren unternehmen evangelikale Freikirchen große Anstrengungen, ihren Kongregationen neue Schäfchen zuzuführen. Dabei bedient man sich bevorzugt der guten alten Zeugen-Jehovas-Methode: Man geht von Haustür zu Haustür und versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Diese Art der Mission scheint sehr gut zu verfangen, denn die evangelikalen Kirchen haben in den letzten Jahren großen Zulauf aus allen Teilen der Bevölkerung erhalten. Man hat sogar einen eigenen Sender, in dem – genau wie in den USA mit ihrer weitläufigen evangelikalen Szene – pausenlos gepredigt und gebetet wird.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lästig diese Leute werden können. Hat man sie einmal in die gute Stube gelassen, wird man sie nicht mehr los. Als wir in Texas lebten, half man uns Möbel transportieren. Die kostenlose Tour entpuppte sich am Ende als gar nicht so kostenlos, denn zu den unmöglichsten Zeiten stand einer jener Glaubens-Emissäre vor meiner Tür. Ich konnte sie schlecht draußen stehen lassen, denn schließlich hatten sie mir sehr geholfen, aber kaum im Haus, startete schon die Gehirnwäsche. Ich wollte höflich sein, aber um sie wieder loszuwerden, musste ich sie am Ende mit der Tatsache konfrontieren, dass ich’s mit der Religion nicht so habe. Und als das auch nicht fruchtete, wirkte nur noch die Holzhammermethode: ich outete mich als Atheist. Von da an hatte ich meine Ruhe.

Ecuador ist ein katholisches Land. In kaum einem Land ist die katholische Kirche fester verwurzelt als hier, zumal die Trennung von Staat und Kirche sehr spät, erst Ende des 19. Jahrhunderts, erfolgte. Die Oma meiner Frau hielt seinerzeit den Papst für einen Heiligen, und nie wäre ihr auch nur ein böses Wort gegen die Kirche über die Lippen gekommen. Was der Heilige Vater sagt, wird von den Menschen hier sehr aufmerksam verfolgt und jetzt kann man ihn sogar verstehen, da er dieselbe Sprache spricht. Obwohl eine tief verwurzelte Frömmigkeit den Alltag der Menschen bestimmt, hält sie ihr Glaube keineswegs davon ab, die kleinen und manchmal auch großen Freuden des Lebens in vollen Zügen zu genießen – schließlich ist die Kirche eine Kirche der Sünder und nicht der Heiligen. Vom Sakrament der Beichte wird reger Gebrauch gemacht und zur Messe am Sonntag sind die Kirchen voll wie eh und je. Glaube und Vergnügen schließen sich nicht aus und das macht den Katholizismus schon wieder sympathisch: Wann hätten sich Katholiken je das Feiern verbieten lassen?

Apropos Spaßbremsen: Weil die Missionsbemühungen der Evanglikalen vielen Leuten in der Stadt gehörig auf den Wecker gehen, hat man einen Aufkleber ersonnen, mit dessen Hilfe man sich die lästigen Hausbesuche vom Hals zu halten hofft. Der Anstecker gleicht den Aufklebern, die man in Deutschland oft an Briefkästen findet: Keine Werbung! Hier sagen sie „Este hogar es católico“ – dieses Haus ist katholisch. Und weiter heißt es, man solle davon Abstand nehmen, weiter zu insistieren. Ich weiß nicht, ob die Aufkleber helfen, aber während unseres Aufenthaltes im Haus der Tante blieben unerwünschte Besuche aus.

Werbung

Überall in Ecuador sieht man Werbung. Die Werbung ist so omnipräsent wie in irgendeiner deutschen Großstadt. Wahrscheinlich gibt es davon sogar noch mehr, denn anders als in deutschen Städten, in denen von der Traufhöhe bis zur Bordsteinhöhe alles normiert und reglementiert ist, hat man hier immer den Eindruck, vieles folge einer spontanen Eingebung. Man sieht Werbung einfach überall. Das ist nicht weiter überraschend, auffällig ist allerdings der Abstand zwischen der perfekten Werbewelt und der Lebensrealität der Ecuadorianer. Kann man sich in Deutschland noch durchaus der Illusion hingeben, dass die durch die Werbung propagierten Ideale zumindest theoretisch erreichbar sind, so zelebrieren die hiesigen Werbespots eine reine Phantasiewelt, die für die allermeisten Ecuadorianer ein Traum bleiben muss: Man sieht blonde Menschen, die teure Autos oder Jet-Ski fahren, die in Häusern leben, wie der gehobene Mittelstand in Europa sie bewohnt.

Die Werbewelt hier kommt einem vor wie eine bunte Bollywood-Tanzoper. Auf dem Bildschirm breitet sich eine flitterbunte Märchenwelt aus, die mit der Wirklichkeit derart kontrastriert, dass ich nicht glauben kann, jemand bei klarem Verstand wolle sich dies freiwillig ansehen. Legt man den materiellen Reichtum als Maßstab zugrunde, ist das Gros der Ecuadorianer viel ärmer als der durchschnittliche Deutsche (einige wenige sind freilich sehr viel reicher als der druchschnittliche Deutsche). Ich frage mich, wie die einfachen Leute die Werbung sehen. Empfinden sie denn die reichen schönen Menschen mit ihren Häusern, Autos und Jachten nicht als den reinen Hohn? Die Mauern, Elektrozäune, Überwachungskameras und Sicherheitsdienste, mit denen die Gutbetuchten hierzulande ihren Besitz schützen, sprechen eine deutliche Sprache: Wohlstand ist nicht für alle.

Angeln im Pazifik

Wir sind am Strand und versuchen zu angeln. Eine Angel haben wir nicht, aber eine Schnur mit einem Haken daran und einer Schraubenmutter als Gewicht tun es auch. Wir versuchen es mit einem Shrimp als Köder. Tags zuvor haben wir den örtlichen Markt besucht und ein Pfund davon gekauft. Bahía ist eine kleine Stadt, aber der Markt bietet alles, was man zum Leben braucht. Die Auswahl an Obst und Gemüse ist riesig; vieles sieht zwar nicht so makellos aus wie die Produkte im deutschen oder ecuadorianischen Supermarkt, aber dafür kann man sicher sein, dass die Ware wirklich von lokalen Erzeugern stammt.

Eine Abteilung ist für Fleisch reserviert: Man sieht riesige Brocken Fleisch von Fleischerhaken hängen. Auf den blanken Fliesen liegen die unterschiedlichen Cuts: Kotelettes, Filets, Rippchen. In einer weiteren Abteilung wird verkauft, was auch immer sich in den Netzen der heimischen Fischer verfangen hat. Wir bestaunen einen riesigen Block Fleisch, der offenbar aus der Flanke eines Thuns geschnitten wurde und ich bekomme augenblicklich Appetit auf Thunfischsteaks vom Grill. Es gibt eine reiche Auswahl an verschiedenen Arten Fisch und auch die unvermeidlichen Shrimps finden sich in großen Mengen. Freilich muss man sich erst an den Anblick gewöhnen: Die Händlertische in den Hallen bestehen aus massivem Beton und sind weiß gefliest – ein Anblick wie man ihn auch aus alten Fleischereigeschäften in Berlin kennt. Die fang- bzw. schlachtfrische Ware wird schnörkellos auf den Fliesen ausgelegt. Blut und Säfte sammeln sich in den Ritzen und tropfen auf den Boden, wo sich klebrige Pfützen bilden; eine Melange aus Blut, Fisch und Innereien liegt schwer in der Luft. Ein bisschen kommt man sich vor wie auf einer Zeitreise, denn genau so hat es vermutlich auch in den Markthallen Berlins gerochen, bevor die Idee populär wurde, dass Lebensmittel wie Reiniger riechen sollten.


Wir wollten auf dem Markt einige Camarones (Shrimps) kaufen, die wir als Köder verwenden könnten. Uns war es aber peinlich, nur vier oder fünf zu kaufen, also nahmen wir gleich ein Pfund, für das uns der Händler zwei Dollar abverlangte – nicht viel, dachten wir. Meine Frau meinte später, das sei aber teuer und der Verkäufer hätte uns eindeutig zu viel berechnet. Ich weiß, dass es eine weit verbreitete Praxis ist, Gringos immer mehr abzuknöpfen. Schließlich, so denkt man, haben diese Leute Geld und die paar Dollar extra tun ihnen gewiss nicht weh. Wenn wir mit dem Taxi fahren wollen, muss meine Frau vorgehen und den Preis aushandeln; wir, mein Sohn und ich, müssen uns derweil verstecken oder so tun, als gehörten wir nicht dazu. Als Gringos werden häufig alle Personen gezählt, die nur so aussehen, wie zum Beispiel ich, denn eigentlich gilt nur der US-Amerikaner als Gringo. Zwei Dollar sind gewiss nicht viel Geld für ein Pfund frischer Krabben und es tut mir nicht leid, sie so leicht ausgegeben zu haben. Jedoch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil wir die Shrimp zum Fischen verwenden wollten, statt sie zu essen. Manch einer in der Stadt hätte sich bestimmt über ein Pfund Shrimps gefreut.

Wir fischen schon eine Stunde und haben nichts gefangen. Wir fangen an zu glauben, dass die Fische in der Bucht sich derart mit den Shrimps aus den Shrimp-Farmen vollgefressen haben, dass sie den Appetit auf unseren Köder verloren haben. Wir beschließen, an einem anderen Tag wiederzukommen und es mit einem anderen Köder zu versuchen. Vielleicht mögen sie Maiskörner oder Makrelenstücke – wir sind nicht sehr optimistisch. Als wir gerade enttäuscht unsere Sachen zusammenpacken, kommt ein alter Mann angeschlurft. Er trägt ein viel zu weites rotes Hemd, die Hosen sind auf Hochwasser gezogen, der Hosenbund sitzt unter den Achseln. Er kann kaum laufen und für ein paar Meter braucht er eine Ewigkeit. Ich denke erst, er sei einer jener unglücklichen armen alten Menschen, die weder Haus, noch eine Familie haben, die sie aufnehmen könnte und die daher gezwungen sind, auf der Straße zu leben. Dann aber bemerke ich, dass er nagelneue Adidas-Sneaker trägt. Plötzlich bleibt der alte Mann mitten auf dem Strand stehen. Es sieht fast so aus, als hätte ihn sein kleiner Spaziergang überanstrengt und er müsse eine Pause machen. Doch dann, wie aus heiterem Himmel, öffnet er den Hosenschlitz und uriniert, den Blick selig in den Himmel gewandt, in den Sand. Er hat es nicht eilig – ohne jede Hast schüttelt er ab, zieht sich die Hose zu und schlürft weiter, als sei nichts geschehen. Sind wir die einzigen, die daran Anstoß nehmen?

Martialische Aufmärsche

Der 10. August ist in Ecuador ein Feiertag. In Bahía lassen es die Menschen eher ruhig angehen. Die Geschäfte haben jedoch geöffnet, denn es sich viele Touristen in der Stadt und die Geschäftsleute versprechen sich guten Umsatz. Man kann einkaufen oder Essen gehen wie an jedem anderen Tag des Jahres. Wir besuchten gerade eine Großtante meiner Frau (die Familien sind hier unglaublich weit verzweigt und alle Mitglieder wohnen im selben Ort), als die Truppen des örtlichen Armeekommandos direkt unter dem Balkon des Hauses der Tante vorbeiparadierten. Es mögen insgesamt um die fünfhundert Soldaten gewesen sein und alle waren in voller Kampfmontur angetreten. Sie waren ausgerüstet mit schwerem Marschgepäck und sie waren natürlich bewaffnet – was ist denn ein Soldat ohne seine Waffe! Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sie für eine Parade bis an die Zähne aufmunitioniert hatte – Schüsse, auch Salutschüsse, wurden jedenfalls nicht abgefeuert.

Die Hauptstraße des Ortes war zuvor für den Verkehr weiträumig gesperrt worden. Am Rande der Straße hatte man ein Zelt für die Honoratioren aufgebaut und davor befand sich eine kleine Rednertribüne. Natürlich war der Bürgermeister der Stadt anwesend nebst weiteren wichtigen Persönlichkeiten in Zivil. Darüber hinaus hatten sich noch höhere Chargen des Militärs eingefunden, darunter der Kommandeur jener Abteilung, die in den Straßen der Stadt angeteten war. Er hielt eine patriotische Rede, die – nach seiner Gestik zu urteilen – vor markigen Floskeln nur so strotzte. Unter dem Zeltdach saß auch ein Offizier in strahlendweißer Marineuniform. Bevor aber die an solchen Tagen üblichen Reden gehalten wurden, ließ man die Soldaten, die schon so unter der Hitze zu leiden hatten, noch Übungen abhalten, die wohl den stählernen Willen der Truppe manifestieren sollten: Da wurde das Bajonett aufgepflanzt, Kampfstellung eingenommen und gebrüllt, dass man meinte, die Truppe probe schon mal den Sturmangriff auf die Stadt. Die Tante meinte, soetwas hätte man noch nie in den Straßen Bahías gesehen.

Der martialische Aufmarsch könnte damit zusammenhängen, dass für den 13. August ein landesweiter Streik geplant ist. Eine Abordnung der indigenen Bevölkerung hat einen Marsch auf Quito unternommen, um der Regierung ihr Anliegen vorzutragen. Worum es genau geht, weiß ich nicht zu sagen, denn hier in Bahía lebt man wie auf einer der Inseln der Seligen; wichtige Nachrichten finden ihren Weg hierher erst mit Verspätung. Die Regierung fürchtet, die Situation könnte außer Kontrolle geraten und sie scheint es für geboten zu halten, der Bevölkerung klarzumachen, dass man dies nicht zulassen werde. In Ecuador können vermeintlich harmlose Anlässe zum Sturz ganzer Regierungen führen. In der Vergangenheit mussten schon Regierungen unter dem Druck der Straße zurücktreten oder wurden schlicht aus dem Amt gejagt – man stelle sich vor, soetwas wäre in Deutschland möglich. Gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten hat es in der Vergangenheit schon einen Putschversuch gegeben, der jedoch ziemlich lächerlich war und der letztendlich scheiterte, weil die Armee loyal blieb.

Der Aufmarsch der Armee dauerte vielleicht eine Stunde. Es herrschte eine unangenehme, drückende Hitze und mancher Soldat nutzte die Gelegenheit und schob seinen schwachen Kreislauf vor, um dem Spektakelt fernbleiben zu dürfen. Während die Kameraden in Habachtstellung und mit ernsten Gesichtern den Reden lauschten, sah man jene Schwänzer mit ihrer Marschausrüstung und ihrer Waffe in den kleinen Lokalen oder am Bürgersteig sitzen und Eis essen oder etwas trinken oder einen Snack vertilgen. Sie plauderten mit den Passanten und blickten auf die Vorgänge, die sich direkt vor ihren Augen abspielten, als gehörten sie gar nicht dazu. Dann, ganz plötzlich, war der Spuk vorbei; die Truppe rückte wieder ab, das Zelt wurde abgebaut, die Straßensperren entfernt und es war, als wäre nichts passiert.

Am Abend gehen meine Frau, mein Sohn und ich zusammen aus. Mit meiner Frau durch die Stadt zu flanieren, ist ein sehr zeitaufwändiges Vergnügen, denn alle paar Schritte begegnet ihr jemand, den sie kennt – und da die Stadt klein ist, kennt sie fast alle ihre Bewohner. Die Höflichkeit gebietet, dass man ein wenig Konversation betreibt, nach dem Befinden fragt, sich nach den Kindern erkundigt usw. Das ist alles sehr schön, doch am Ende kommt man nie dort an, wo man eigentlich hin will. Alles dauert ewig, denn es ist fast unmöglich, ohne solche erzwungenen Zwischenstopps zum Ziel zu gelangen. Die Leute haben Zeit, niemand hat es hier je eilig. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Wir haben kaum das Haus verlassen, da laufen wir an einem Restaurant vorbei und genau in diesem Moment tritt der Besitzer vor die Tür. Sein Name ist Miguelangel und natürlich kennt er meine Frau. Er ist etwa 1,90 Meter groß und etwa so angezogen, wie man sich einen New-Age-Sektenchef vorstellt. Als ich ihn so sah, musste ich sofort an Stromberg, den Bösewicht aus einem der Bond-Filme, denken. Seine Art ist nicht unangenehm, aber er ist Maitre eines Restaurants und man merkt, dass er den Umgang mit Gästen über Jahre eingeübt hat: Er ist überaus freundlich, leutselig und durch kleine Gesten erwirbt er sich schnell das Vertrauen seines Gegenübers. So klopft er jedem dauernd auf die Schulter, Frauen fasst er gern an der Hand, und auch sonst legt er eine auffallend patriarchalische und zugleich leutselige Attitüde an den Tag. Ich fühle mich irgendwie an den Großen Zampano erinnert. Für seine 73 Jahre hat er sich bemerkenswert gut gehalten. Er erfreut sich noch immer einer unglaublichen Haarpracht, in der gerade erst einige silberne Strähnchen schimmern. Sein Bruder ist übrigens Arzt und er hat schon mehrmals für das Bürgermeisteramt kandidiert. Der Bruder, obwohl älter, sieht sogar noch jünger aus. Beide stammen aus einer der besseren Familien der Stadt und beide sind stadtbekannt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir wieder wegkommen. Wir müssen versprechen, ihn irgendwann wieder zu besuchen.

Der Onkel meiner Frau betreibt einen kleinen Baustoffhandel in Leonidas Plaza. Das ist eine Art Vorstadt von Bahía de Caráquez, ein paar Kilometer landeinwärts. Innerhalb einer Woche wurde er zweimal überfallen. Die Diebe kamen mit gezogener Waffe und zwangen ihn, ihnen die Tageseinnahmen auszuhändigen. Die Polizei tut nichts. Viele im Ort mutmaßen, dass die Diebe mit den Gesetzeshütern unter einer Decke stecken. Natürlich ist das nur so ein Gerücht, das durch keinerlei Beweise erhärtet werden kann. Der Grund für die Überfälle sind meist Drogen und die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität. Das Problem ist nicht neu – als meine Frau noch zur Schule ging, hatte die Stadt bereits ein Drogenproblem und es waren und sind nicht nur die Angehörigen der ärmeren Schichten, die Drogen nehmen. Auch Kinder der reicheren Familien greifen zu verbotenen Substanzen und nicht wenige haben sich damit die Zukunft verbaut und letztlich ihr Leben zerstört.

Die Täter, so hört man, kommen aus Bahía. So viel scheint sicher; man weiß, wer sie sind, und dennoch unternimmt die Polizei nichts dagegen. Das ist für die Leute schwer zu verstehen. Vielleicht glaubt man deshalb, die Polizei würde auch noch an den Raubüberfällen verdienen. Vor einigen Tagen lief eine Cousine meiner Frau an der Standpormenade entlang. Sie hatte ihr Handy dabei und hielt es auch noch gut sichtbar in der Hand. Ein Motorrad brauste heran, der Fahrer entriss ihr blitzschnell das Handy und raste davon. Ich habe von dem Wunsch Abstand genommen, mit der Kamera durch die Stadt zu laufen und Bilder zu machen. Niemand trägt hier in der Öffentlichkeit Kameras oder Handys. Ich glaube, ich richte mich nach den Einheimischen. Der Onkel ist mit den Nerven übrigens ziemlich fertig und er erwägt ernsthaft, sein Geschäft an den Nagel zu hängen. Man kann es ihm nicht verdenken.

Mare tranquilitatis

Bahía de Caráquez ist eine Ausnahme unter den ecuadorianischen Städten. Die meisten Städte im Land, selbst die kleinen, sind quirrlig und chaotisch. Bahía hingegen ist eher ruhig – wenn nicht gerade Horden von Touristen und Ausflüglern einfallen. Als ich die Stadt 1992 zum ersten Mal besuchte, gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Es war vollkommen egal, ob man auf der Straße ging oder auf dem Bürgersteig. In der ganzen Stadt fand man nicht eine Verkehrsampel (wozu auch?) und es war eine regelrechte Sensation, als man später eine aufstellte. Heute gibt es im Zentrum und an der Zufahrtsstraße gleich mehrere, und wie in allen Städten tun sie zuverlässig ihre Arbeit und bremsen den Verkehr aus, der übrigens stark zugenommen hat. Vor 23 Jahren war die Brücke, welche die Stadt mit dem Festland verbindet, noch nicht gebaut und man musste weite Wege in Kauf nehmen, um zur anderen Seite zu gelangen. Heute ist das kein Problem mehr: Man läuft einfach hinüber zur anderen Seite oder joggt, was der sportbegeisterte Teil der Einwohnerschaft gelegentlich tut.

Da die Stadt auf einer Halbinsel liegt, hat sie naturgegeben wenig Platz, um sich auszubreiten. Von drei Seiten wird der Ort von Meer eingeschlossen, nur die Seite zur Halbinsel hin ist offen. Und genau hier wurde in den letzten Jahren am meisten gebaut: Firmen haben sich angesiedelt und Privatleute haben Land gekauft, um Häuser darauf zu bauen. Direkt an der Zufahrtsstraße nach Bahía, etwas außerhalb der Stadt, aber gerade noch zu Fuß zu erreichen, hat man ein riesiges Einkaufszentrum, ein Centro comercial bzw. eine Shopping Mall, errichtet. Als wir vorbeifuhren, hatte ich kurz ein Deja vu und ich glaubte, ich befände mich vor den Hellerdorfer Arkaden oder vor irgendeinem beliebigen Wall-Mart in den USA. Lediglich der Schriftzug „Centro Comercial“ belehrte mich eines Besseren. Die Architektur solcher Malls ist so austauschbar, dass man glauben könnte, ein einziger Verantwortlicher hätte sämtliche Shopping Malls auf der ganzen Welt konzipiert.

Wenn man nicht gerade der Besitzer einer der zahllosen kleinen Geschäfte ist, welche in großer Zahl die Straßen säumen, hat man in Bahía nicht viel zu tun: man kann an den Strand gehen oder eines der vielen kleinen Restaurants besuchen. Schließlich bleibt noch die Möglichkeit, auf dem Balkon oder vor dem Haus zu sitzen und die Leute auf der Straße zu beobachten, was die Einheimischen auch gern tun. Für Feierwütige bietet die Stadt nicht viele Gelegenheiten. Während der Saison, die bis Mitte August dauert, gibt es manchmal Straßenpartys, aber sonst sucht man vergeblich nach Zerstreuung. Man lässt die Tage eher gelassen angehen, denn Zeit spielt eigentlich keine Rolle. Jeder Tag ist wie alle Tage – es passiert nichts; die Sensationen des Lebens spielen sich im privaten Bereich ab.

Am Vormittag wollte ich trainieren und da ich erfahren hatte, dass es gleich eine Straße weiter ein Studio gäbe, stand meinem Entschluss nichts mehr im Wege. Nach drei Wochen ohne Training fühlte ich mich schon ganz eingerostet und ich konnte meinen Bewegungsdrang kaum noch bändigen. Ich brauchte unbedingt ein gutes Workout, sonst würde mich das Rumsitzen, Abhängen und Chillen noch umbringen. Das Studio breitet sich auf drei Etagen eines Wohnhauses aus. Auf der mittleren Etage befinden sich die Privaträume des Besitzers und man muss notgedrungen an ihnen vorbeilaufen, wenn man in die oben befindlichen Studioräume gelangen möchte. Das Studio selbst ist sehr spartanisch eingerichtet: ein paar Maschinen, die aussehen, als wären sie in Heimarbeit zusammengeschweißt worden, ein paar Bänke und Gott sei Dank eine gute Auswahl an Lang- und Kurzhanteln. Das Studio erfüllte dann auch seinen Zweck – das Workout war gut, doch nicht ohne Wehmut dachte ich an meine alte Arbeitsstelle, das Studio im Sportzentrum der Turngemeine in Berlin. Ich glaube nicht, dass es hier in Ecuador auch nur ein Studio damit aufnehmen kann. Und ich dachte auch an die Freunde und Kollegen in Berlin, denen ich Lebewohl gesagt hatte, an Christoph, an Marte und an all die anderen – viele herzliche Grüße!

Der Besitzer des Studios, in dem ich trainieren wollte, sieht aus wie ein fetter deutscher Pumper, ist aber offenbar waschechter Ecuadorianer. Ich versuchte, mich mit ihm auf Englisch zu unterhalten, aber hier im Land spricht fast niemand Englisch. Genausogut hätte ich es mit Hindi oder Kisuaheli versuchen können. Ich kenne Leute, die seit fünf oder mehr Jahren in Berlin leben und gerade mal „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. In Berlin besteht keine wirkliche Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, weil man mit Englisch fast überall durchkommt. Hier ist das anders: Niemand spricht Englisch, wirklich niemand. Selbst in Quito, der Hauptstadt, ist es ausgeschlossen, dass man in einer der großen Shopping-Malls auf Englisch bedient wird. Eine einfache Unternehmung wie eine Order im Restaurant kann zur Tortur werden, wenn einem die Worte fehlen. Die Leute, die hier leben, empfinden dies aber nicht als Einschränkung, denn schließlich spricht man fast auf dem ganzen Kontinent Spanisch und immerhin sind Spanisch und Portugiesisch bzw. Brasilianisch miteinander verwandt und sie sind sich so ähnlich, dass man sich gegenseitig versteht, ohne die Sprache des anderen lernen zu müssen. Zählt man übrigens die Sprecher einer Sprache, die dieses Idiom als ihre Muttersprache ansehen, so steht Spanisch nach Chinesisch auf dem zweiten Rang, noch vor dem Englischen. Man darf nicht vergessen: Im Gegensatz zum Deutschen ist das Spanische eine Weltsprache – schon deshalb lohnt es sich, diese Sprache zu lernen.

Es gibt auch hier kleine Kolonien von Ausländern, meist Amerikanern, in denen man sich hartnäckig weigert, die Landessprache zu lernen. Die Ecuadorianer sprechen von ihnen mit einer gewissen Verachtung. Diese Leute leben nur unter sich, sie haben mit den Einheimischen nicht viel zu tun und vermutlich wollen sie auch gar nicht mit ihnen zu tun haben. Die Ecuadorianer sind sehr gastfreundliche Menschen, aber solch eine ablehnende Einstellung gegenüber der Landeskultur sehen sie mit tiefster Missbilligung. Ich finde, sich zu weigern, die Landessprache zu lernen, ist ein Zeichen von Arroganz und zeugt von schlechten Manieren. Gewiss gelingt es nicht jedem, die Sprache leicht zu erlernen – viele müssen sie quälen (ich gehöre auch dazu), aber letztlich zählt doch die Einstellung. Die Einheimischen merken sehr schnell, was man über ihr Land denkt und was man von ihrer Kultur hält. Wenn man hier auf Dauer leben möchte, ist es nicht nur klüger, sondern auch profitabler – und zwar in jeder Hinsicht –, wenn man versucht, sich anzupassen. Spanisch gehört in jedem Fall dazu.

In Bahía sollte man an den Strand gehen, denn er ist eine der wenigen Attraktionen, welche die Stadt zu bieten hat. Und das Beste daran: Alles ist kostenlos. Besucht man den Strand bei Ebbe, wird man von einem hundert Meter breiten Streifen aus feinem Sand empfangen. In der Bucht, die der Stadt ihren Namen gab (Bahía bedeutet Bucht), sollte man lieber nicht baden, es sei denn, man sehnt sich nach juckendem Hautausschlag. Etwa einen Kilometer oberhalb der Badestelle werden nämlich die Abwässer der Stadt ins Meer eingeleitet und was aus dem Rohr kommt, sieht nicht wirklich appetitlich aus. Das Rohr endet über der Wasserlinie und man kann dabei zusehen, wie der Unrat sich in der Bucht verteilt. Der Fluss spült ihn direkt an den Badenden vorbei. Auch die Abwässer der Shrimp-Farmen werden in die Bucht eingeleitet; die leckeren Krebstierchen mag man zwar gern essen, doch in ihren Exkrementen und den Antibiotika, die man ihnen mit dem Futter verabreicht, möchte man nicht unbedingt baden. Überdies besteht die Gefahr, dass man von der Strömung erfasst wird. Schließlich badet man in einer Flussmündung, die dazu noch Gezeitenzone ist. Vom Strand aus kann man die Strömungen und Strudel gut sehen, die sich schon wenige Meter vom Ufer entfernt bilden. Es hat in den letzten Jahren immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Die Badenden, zumeinst sind es Touristen aus der Sierra, d.h. aus den Gebirgsregionen, scheinen davon gehört zu haben, denn sie wagen sich nicht weiter als bis zum Bauchnabel ins Wasser hinein.

Gesünder und vor allem weniger gefährlich ist es, man geht auf die andere Seite der Landzunge, dorthin, wo die Wellen des Pazifiks auf den Stand rollen. Die Schar der Badelustigen ist hier eigenartigerweise überschaubar, obwohl das Wasser sauberer ist und obwohl es riesigen Spaß macht, sich in die Wellen zu stürzen. Das Wasser ist warm wie in einer Badewanne, obgleich dicht an der Küste der kalte Humboldtstrom vorbeifließt. Vor Kleiderdieben muss man sich nicht fürchten, aber man muss aufpassen, dass die Sachen, die man am Strand zurückgelassen hat, nicht von der Flut überspült werden. Wir warfen uns den halben Tag lang in die Wellen und gingen an den malerischen Stränden direkt vor der Stadt spazieren. Die Strandpromenade war gepflastert mit mobilen Verkaufsständen, die den Badetouristen Erfrischungen und Snacks anboten. Es sind die Tage vor dem 10. August, des Tages des Primer Grito de la Indepencia – des „ersten Schreis nach Unabhängigkeit“. Die Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, strömen in die Stadt, um ein paar schöne Tage am Meer zu verleben.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was es mit dem 10. August auf sich hat. Als ich meine Frau, die es ja wissen müsste, fragte, meinte sie in typischer Lehrermanier, ich solle mich im Selbststudium darüber informieren (6 – setzen! Arbeit nachschreiben!). In den nächsten Monaten habe ich Zeit und es ist durchaus lohnend und interessant, sich mit der an Umstürzen und Revolutionen reichen Geschichte dieses Landes zu befassen. Zwar habe ich schon viel gelesen, aber alles kann man natürlich nicht wissen. Schließlich bin ich ja erst kürzlich zugezogen; da verzeiht man schon mal den einen oder anderen Fauxpas.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.