Im Parkhaus

In allen großen Shopping-Malls stehen der motorisierten Kundschaft unterirdische Parkhäuser zur Verfügung. In einem engen Parkhaus kommt das korrekte Ein- und Ausparken jedoch oft einem Kunststück gleich und damit dennoch alles schnell und reibungslos vonstatten geht, gibt es Parkplatzeinweiser. Sie zeigen den Kunden freie Parkplätze und dirigieren die Fahrzeuge umsichtig selbst in noch so schmale Parklücken. So wird verhindert, dass man versehentlich das Auto eines anderen rammt oder Bekanntschaft mit einem Betonpfeiler macht. Für ihre oft unentbehrlichen Dienste bedankt man sich mit fünfzig Centavos oder einem Dollar.

Eine Kollegin erzählte meiner Frau eine bestürzende Geschichte: Eines Tages besuchte sie die Scala – das ist eine der großen Einkaufsmeilen in Cumbayá – und im dortigen Parkhaus wurde sie Zeugin eines Unfalls. Ein anderer Kunde fuhr seinen Wagen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die unterirdische Parkanlage. Erlaubt sind höchstens fünfzehn Kilometer pro Stunde, doch ich selbst habe schon erlebt, wie Fahrer ihre Wagen mit sechzig oder mehr durch die Gänge peitschten. Man hört Motoren aufheulen und Reifen quietschen und wenn man sich nicht rechtzeitig zwischen den parkenden Autos in Sicherheit bringt, ist es um einen geschehen. In vielen Parkhäusern hat man vorsorglich alle zwanzig, dreißig Meter Schwellen auf die Fahrbahn montiert, um die Raser auszubremsen. Dennoch lebt man als Fußgänger gefährlich und ich habe mir deshalb schon vor langer Zeit angewöhnt, immer ganz am Rande der Fahrbahn zu laufen.

Während also einer der Kunden des Einkaufszentrums damit beschäftigt war, die Leistungsgrenzen seiner Maschine zu testen, muss er einen der Einweiser übersehen haben. Zwar tragen die Leute Warnwesten, die sie aussehen lassen wie Feuermelder, und daher ist es eigentlich unmöglich, dass man sie übersieht – vorausgesetzt, man hält sich an die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten –, doch wenn man mit Sechzig durch die unterirdischen Katakomben heizt und nicht unbedingt über das Reaktionsvermögen eines Jedi verfügt, kann es schon einmal vorkommen, dass man plötzlich eine neonfarbene Warnweste auf dem Kühlergrill hat.

Der Wagen erfasste den Einweiser und der Mann flog in hohem Bogen durch die Luft, wobei er sich wie ein Zirkusartist in mehreren Salti überschlug. Wie nicht anders zu erwarten, landete er höchst unsanft auf dem Beton. Die Canaille hinter dem Lenkrad erachtete den Vorfall als nicht einmal gravierend genug, um wenigstens zu halten und sich nach dem Befinden des Mannes zu erkundigen, im Gegenteil, man gab Gas, als wäre nichts geschehen, und im nächsten Augenblick war der Wagen verschwunden. Der Parkplatzeinweiser rappelte sie wieder auf, klopfte sich den Staub von der Uniform und versah seinen Dienst, als würde er jeden Tag solch einen Stunt vollführen. Ohne blaue Flecken wird er sicher nicht davongekommen sein, doch es war geradezu ein Wunder, dass er sich bei dieser Karambolage nicht sämtliche Knochen im Leib gebrochen hat.

Autofahrer, die keinerlei Rücksicht nehmen (es sei denn, aus Furcht um ihren teuren Wagen) und von denen weder Einsicht bei einem Fehlverhalten zu erwarten ist noch Bedauern im Falle, dass ein anderer zu Schaden kommt, begegnet man hierzulande leider weit häufiger als in Deutschland. Für einige der reicheren Kunden der Shopping-Malls sind Menschen wie die Einweiser lediglich Existenzen am äußersten Rand des eigenen Bedeutungshorizonts. Für manch einen sind sie im Grunde kaum existent, es sei denn, sie bieten sich als Hilfswillige an, als Dienstboten, deren Schicksal es ist, Leuten mit höherer Bestimmung, zu denen man sich natürlich selbst zählt, zu dienen. Man billigt ihnen den Status von Domestiken zu, doch als Individuen mit genau denselben Rechten, die man nur zu gern bei jeder Gelegenheit lautstark für sich in Anspruch nimmt, sieht man sie nicht.

Der Einweiser schien seinen Platz zu kennen, denn weder informierte er seine Vorgesetzten über den Vorfall, noch stellte er Strafanzeige. Er schwieg – ganz sicher auch, weil er fürchten musste, seinen Job zu verlieren, denn welcher Arbeitgeber beschäftigt schon gern Querulanten: Von nicht wenigen hierzulande wird es immer noch als ungehörig angesehen, wenn jemand von „ganz unten“ auf seine Rechte pocht.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Parkplatzeinweiser sogar noch glaubte, er sei selber schuld. Und selbst wenn er den Fahrer angezeigt hätte, dessen teurer Anwalt würde ihn wahrscheinlich als verantwortungslosen Menschen und Trinker dargestellt haben und darüber hinaus hätte er auch noch glaubhaft machen können, dass der Mann sich in voller Absicht vor das Auto seines unbescholtenen Klienten gestellt habe, nur um diesem zu schaden. Ich bin dieses dünkelhafte Gehabe so leid. Die Klassengegensätze in Berlin mögen nicht weniger ausgeprägt sein als hierzulande, doch zumindest erhalten Leute vom Schlage jenes Autofahrers manchmal die Antwort, die sie verdienen.

Einhundert Posts

Abenteuerliche Bergfahrten

Zu den Orten, die man in Quito unbedingt besucht haben sollte, zählt die Capilla del Hombre, ein Hauptwerk Oswaldo Guayasamíns. Sie auszulassen, wäre ungefähr so, als hätte der Berlinbesucher das Brandenburger Tor nicht gesehen oder versäumt, den berühmten Kunstschätzen der Museumsinsel seine Aufwartung zu machen. Die Capilla del Hombre ist nicht nur eines der beeindruckendsten Werke individuellen Schöpferwillens, seit ihrer Eröffnung im Jahre 2002 hat sie sich auch zu einem der bedeutendsten Orte der Kunst in der Hauptstadt des Andenlandes entwickelt.

Als echter ecuadorianischer Patriotin war es meiner Frau natürlich ein ganz besonderes Anliegen, diese dem Menschen geweihte Andachtsstätte zu besuchen. Zwar kannte sie die Kapelle schon von früheren Reisen, doch es ist immer wieder ein bewegender Moment, in die ganz eigene, fast schon sakrale Atmosphäre dieser „Kirche des Menschen“ einzutauchen. Wir beschlossen, einen ganzen Samstagvormittag der Kunst zu widmen.

Unser Ziel liegt im Stadtteil Bellavista alta. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um eines der höher gelegenen Stadtviertel Quitos, von denen aus man einen grandiosen Panoramablick über die Berge und die Stadt hat. Eine Straßenkarte kann hilfreich sein, doch man benötigt sie nicht in jedem Fall, denn die Kapelle wie auch die Casa Guayasamín, das Haus des Künstlers, befinden sich an der höchsten Stelle, und wenn man nur immer den Berg hinauffährt, gelangt man schließlich fast zwingend zum Ziel. Wir wollten uns natürlich nicht auf die Reise machen, ohne uns vorher versichert zu haben, dass wir entspannt und gutgelaunt ankommen, und deshalb gaben wir die Koordinaten ins Navi ein.

Das Haus des Künstlers und die Kapelle befinden sich auf dem Grat eines steilen Bergrückens und für den Liebhaber der Kunst gibt es zwei Möglichkeiten, dorthin zu gelangen: Man kann an den relativ sanft auslaufenden Enden des Höhenrückens zum Gipfelgrat hinauffahren oder man kann sein Glück an den Flanken versuchen, an denen der Winkel der Steigung von respekteinflößend bis irrwitzig reicht. Man fragt sich, welches normal motorisierte Kraftfahrzeug imstande ist, solche Steigungen zu bewältigen, aber beiderseits der Straße wohnen Menschen – der Berg ist bis in die Höhe dicht bebaut – und es ist anzunehmen, dass zumindest einige von ihnen hin und wieder mit dem eigenen Auto fahren. Das Navi, das von unüberwindlichen Steigungen noch nie gehört zu haben scheint, führte uns, wie zu erwarten, zuverlässig über die Straßen mit den extremsten Höhenunterschieden.

Wie ein gegen den Wind kreuzendes Segelschiff arbeiteten wir uns im Zickzackkurs gegen die Schwerkraft empor. Die Straßen waren an diesem Samstagvormittag wie ausgestorben; weder sah man Menschen noch sonst irgendein Lebewesen, das einem die Versicherung gab, dass Leben in dieser Höhe möglich sei. Es schien, die Bewohner dieses Stadtteils – und zwar Mensch wie Tier gleichermaßen – nutzten die Wochenenden, um sich von der anstrengenden Steigarbeit an den restlichen Tagen der Woche auszuruhen.

Langsam arbeiteten wir uns voran, doch wir kamen dem Ziel näher: Statt Häusern, die sich wie Legoburgen auftürmten, sahen wir über uns schon bald nur noch das ätherische Blau des Andenhimmels. Wattewölkchen schwammen darin gleich Marshmallows. Nur noch wenige Meter und der Aufstieg wäre geschafft. Doch dann, nach einer letzten Neunzig-Grad-Kurve, standen wir plötzlich vor der furchteinflößendsten Steigung, die ich je vom Fahrersitz eines Auto aus gesehen habe. Ich glaubte, vor einer Wand zu halten, denn die Straße schien wie eine Jakobsleiter geradewegs nach oben in den Himmel zu führen. Als jemand, der den Bilderwelten der Filmindustrie hoffnungslos wie ein Morphiumsüchtiger verfallen ist, dachte ich natürlich sofort an „Inception“ und zwar an den Augenblick, als sich die Realität des Traumes im Wortsinne aufzurollen beginnt wie ein Blatt Pergament.

Ich atmete kurz durch und gab Vollgas. Wir schossen die Steigung mit der Gewalt eines Raketenstarts hinauf. Der Motor röhrte, als würden sich die Zylinderkopfdichtungen jeden Augenblick wie Geschosse durch die Motorhaube bohren. Auf der Hälfte der Distanz wurde die Maschine merklich stiller. Das war fast so beunruhigend wie in einem Flugzeug zu sitzen und festzustellen, dass die Propeller aufhörten, sich zu drehen. Der Wagen hatte sich mittlerweile so bedrohlich aufgebäumt, dass ich mir in meinem Sitz vorkam wie ein Astronaut vor dem Start seiner Rakete. Auf den letzten Metern vor der rettenden Querstraße gluckste der Motor nur noch wie ein Ertrinkender und dann, als hätte unser Raumschiff die Zone der Schwerelosigkeit erreicht, wurde es mit einem Mal ganz still. Meine Frau und ich sahen einander an und es war wie ein letztes stummes Lebewohl, das wir uns über Raum und Zeit hinweg zusandten.

Doch der Wagen rollte noch immer, quälend langsam zwar, aber er rollte. Der Augenblick schien sich zur Unendlichkeit zu dehnen. Ich hörte das Geräusch der Reifen und ich hatte sogar noch Zeit, mich daran zu erinnern, dass ich die Pneus beim nächsten Werkstatt-Check rotieren lassen wollte. Mit dem letzten Quäntchen Bewegungsenergie schafften wir es und der Wagen kam punktgenau auf dem Absatz zum Stehen. Erst jetzt sprang der Motor wieder an. Wie ein klinisch totes Herz, durch die Adrenalinspritze wiederbelebt, heulte die Maschine auf, als hätte sie ein Leben, an das sie sich klammern könnte. Hinter dem Heck des Wagens fiel die Straße in die Todesschlucht. Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Die Gegend, in die uns das Navi geführt hatte, schien kaum besucht und die Straßen wurden dem Anschein nach nur selten befahren. Eine nahe Aussichtsplattform bot einen grandiosen Blick über die Stadt. Leider war es etwas dunstig, so dass alle Fotos aussehen, als läge eine Kondensschicht auf der Kameralinse. Wir machten ein paar Aufnahmen von der Stadt, die an den Hängen beiderseits des Tals wie ein Moosteppich hinaufwächst. Gläserne Wohn- und Bürotürme schießen von den sonnenverwöhnten Berggipfeln Stalagmiten gleich in den Himmel. Zwar waren die Straßen fast menschenleer, dennoch fanden sich schon bald die üblichen neugierigen Beobachter ein, die uns mit großem Interesse dabei zusahen, wie wir mit unserer Lumix hantierten. Unter diesen Umständen schien es uns geraten, die Fahrt fortzusetzen.

Vorbei an Skylla und Charybdis

Es ist vollbracht! Nach monatelangem nervenaufreibenden Ringen mit den Behörden scheint sich endlich ein Ende meiner Odyssee durch die Ämter anzubahnen: Wenn ich den Ankündigungen des Beamten der Migrationsbehörde Glauben schenken will, dann werde ich in ca. einem Monat meine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgehändigt bekommen. Alle Papiere sind nun vollständig (sie beizubringen, kam geradezu einer Herkulesarbeit gleich) und es bleibt zu hoffen, dass der letzte Akt in diesem nervenzerreißend langen und zugleich tragikomischen Stück ohne weitere Verzögerungen über die Bühne geht.

Am Ende hat die ganze Sache viel Zeit gekostet und noch mehr Geld und das ständige Hin und Her auf den Ämtern zerrt einfach nur an den Nerven. Ohne einen Rechtsbeistand erreicht man nichts. Anfangs musste ich mich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass man unbedingt einen Anwalt braucht, um die notwendigen Behördengänge zu erledigen und um die Sache überhaupt erst so recht ins Rollen zu bringen. Ein Anwalt ist in so einem Fall eine gute Sache und manchmal schlichtweg unverzichtbar, allerdings muss man dazu anmerken, dass der Rechtsbeistand für seine unschätzbaren Dienste auch ein üppiges Honorar verlangt.

Wenn man in einem fremden Land lebt, hat man sich nicht nur mit den offensichtlichen Problemen herumschlagen, die sich aus fremden Sitten, einer völlig verschiedenen Mentalität der Leute und einer Sprache ergeben, mit der man sich mehr schlecht als recht herumschlägt, viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, dass man sich um einen legalen Aufenthaltsstatus bemühen muss. Zwar benötigt man kein Visum, wenn man mit einem deutschen Pass nach Ecuador einreist, doch der legale Aufenthalt ist auf drei Monate begrenzt. Doch das Bleiberecht will erst verdient sein und um eine Aufenthaltsgenehmigung über die besagte Zeit hinaus zu erwirken, bedarf es nicht unbeträchtlicher persönlicher Anstrengungen des Antragstellers.

Neben dem sattsam bekannten Behördenungemach muss man sich auch noch auf nicht geringe finanzielle Ausgaben einstellen. Den größten Teil verschlingt dabei das Honorar des Rechtsbeistands; darüber hinaus muss man damit rechnen, dass jeder einzelne Besuch bei der Behörde Geld kostet – sei es, dass es sich um die Ausfertigung eines unverzichtbaren Schreibens handelt, sei es, dass eine Übersetzung wichtiger Dokumente vorgelegt werden muss, sei es, dass eine notarielle Beglaubigung zu erfolgen hat, sei es, dass Passbilder oder Kopien vorgelegt werden müssen. Alles kostet Geld. Es ist daher ratsam, immer einen ausreichenden Vorrat an Bargeld mitzunehmen, wenn man den Tag auf den Ämtern zu verbringen gedenkt. Nach ein paar Stunden auf der Behörde hat man im Durchschnitt an die dreißig, vierzig Dollar ausgegeben. Da es in der Regel nicht mit einem Besuch getan ist – wer schon einmal auf einer ecuadorianischen Behörde war, weiß, dass das unmöglich ist –, kann man sich leicht ausrechnen, welche nicht unbeträchtlichen Summen am Ende zu den Anwaltskosten addiert werden müssen.

Meine Frau ist bei der Deutschen Schule Quito angestellt und eigentlich ist in einem solchen Fall vorgesehen, dass der Arbeitgeber dabei hilft, den Familienangehörigen des Arbeitnehmers einen entsprechenden Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Schließlich ist meine Frau nicht die erste, die sich aus Deutschland um eine Stelle an der Deutschen Schule beworben hat, und ganz sicher ist sie nicht die einzige, die mit Familienangehörigen ins Land einreist. Aus Gründen, die sich einer logischen Erfassung entziehen, hat der Arbeitgeber es leider versäumt, die notwendigen Schritte einzuleiten, so dass mein Aufenthaltsstatus letztlich ungeklärt ist. Aber wie behauptet schon die Redensart: Wenn man will, dass etwas getan wird, muss man es selber tun.

Wir haben uns also eine Anwältin besorgt, die auf Fälle spezialisiert ist, in denen es um den Aufenthaltsstatus geht. Solch ein Rechtsbeistand ist nicht billig – 1.300 Dollar verlangt die Anwältin für ihre Dienste –, aber ohne ist man verloren. In der Theorie könnte man auch alles selbst erledigen, nur würde man dann unendlich viel Zeit opfern müssen. Vielleicht käme man billiger davon, aber die Nerven, die man dabei lassen müsste, würden die eingesparten Kosten am Ende um ein Mehrfaches überwiegen. Ich bin skeptisch, ob es einem ohne ausreichende Sprachkenntnisse und ohne Kenntnis der Arbeitsweise des bürokratischen Apparates gelingen würde, die begehrten Papiere am Ende in die Hände zu bekommen. Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich jedem in einer ähnlichen Situation raten, sich nicht ausschließlich auf die eigenen Kräfte zu verlassen. Ein Profi kann unendlich mehr ausrichten, und das in viel kürzerer Zeit.

Bisher musste ich fünf- oder sechsmal nach Quito fahren, um mich mit der Anwältin oder einem ihrer Mitarbeiter zu treffen. Die Anwältin unterhält ein Büro in einer belebten Geschäftsstraße in Quito und sie beschäftigt insgesamt mindestens fünf Mitarbeiter, von denen zwei Sohn und Tochter sind. Ihr Sohn studiert Recht und es ist anzunehmen, dass er in die Fußstapfen der Mutter treten wird, auch wenn ich mir nicht recht vorzustellen vermag, dass dieser leise, etwas linkische und zudem sehr unsicher wirkende junge Mann einmal Klienten vor Gericht vertreten soll.

Die Tochter studiert irgendetwas mit Medien, aber ich habe vergessen, was genau es war. Sie sprach übrigens, im Gegensatz zu ihrer Mutter (und auch im Gegensatz zu ihrem Bruder), gut Englisch und daher konnte ich mich mit ihr ein wenig unterhalten (meist gehen Unterhaltungen aufgrund der Sprachbarriere nicht über das Stadium der Gestikulation hinaus: mein Spanisch ist viel zu schlecht und es scheint in diesem Land einfacher, jemanden zu finden, der Quechua spricht, als jemanden, der über elementare Englischkenntnisse verfügt). Ich fragte sie scherzhaft, ob ihre Mutter ein guter Chef sei. Sie bejahte dies, jedoch nicht ohne einen Augenblick über die Antwort nachzudenken, und sie fügte dann sehr ernst hinzu, dass die Mutter streng sei, sehr streng. Autoritäre Erziehung hin oder her – die beiden Kinder haben das Privileg, studieren zu dürfen, und zwar dank des Vermögens der Mutter. Eine fundierte Bildung ist in Ecuador kein kleines Geschenk des Schicksals.

Seltsam ist, dass die Anwältin nicht unter ihrem eigenen Namen tätig zu sein scheint, sondern im Auftrag eines Unternehmens namens „Industahl“. Auf dem Türschild an ihrem Büro ist nicht ihr Name, sondern „Industahl“ zu lesen und im Foyer hängt ein riesiges Werbeplakat, auf dem man ein Stahlwerk, Bohrtürme, eine Eisenbahn und ein Flugzeug vor einer unverkennbar europäischen Landschaft sieht. Der Firmenname ist mit dem Schwarz, Rot, Gold der deutschen Nationalflagge unterlegt und es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass Deutschland dank „Industahl“ von einem Wald aus Bohrtürmen überzogen ist. Die Firma hat eine eigene Website, aber ich hatte bisher keine Lust, dort nachzuschauen.

An zwei aufeinanderfolgenden Tagen begleitet mich Diego aufs Amt. Diego ist ebenfalls ein Mitarbeiter der Anwältin. Er übernimmt vor allem Botendienste, holt die Post ab, befördert Dokumente zum Notar oder zum Übersetzungsbüro und wieder zurück und schleppt gelegentlich hilflose Gringos mit aufs Amt. Er spricht leidlich Englisch und so war es möglich, dass wir uns unterhalten konnten. Diego erzählte mir, dass er seit seinem achtzehnten Lebensjahr für fast zwei Jahrzehnte in Spanien gelebt hätte. Er besitze einen spanischen Pass und sei darum, technisch gesehen, Spanier und als solcher könne er nach Herzenslust im Schengenraum umherreisen und auch überall arbeiten. Das sei viel wert, meint er, wohl wissend, dass der ecuadorianische Pass außer in Ecuador nirgends einen echten Vorteil bietet.

In den Zeiten der Krise verließen viele Ecuadorianer das Land, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Spanien bot sich schon deshalb an, weil infolge der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit dieselbe Sprache gesprochen wird, und wer nachweisen kann, dass er einen spanischen Vorfahren hat, bekommt auch einen spanischen Pass, womit er dann gleichzeitig Bürger der Europäischen Union wird. In Spanien ist übrigens eine der größten ecuadorianischen Auslandsgemeinden ansässig. Unter allen Immigranten bilden die Latinos die größte Gruppe und innerhalb dieser wiederum die Ecuadorianer.

Diego erzählte, er sei seit drei Jahren wieder zurück in Quito und gern wäre er in Spanien geblieben, aber er habe eine sehr kostspielige Scheidung hinter sich und außerdem sei seit dem Ausbruch der Bankenkrise nichts mehr so gewesen wie zuvor. Es habe sich einfach nicht mehr gelohnt, dort zu arbeiten, doch als er sein mühsam Erspartes nach Ecuador transferiert hatte, habe er erst einmal gemerkt, wie teuer hier alles geworden sei. Schon der Umtausch von Euro in Dollar habe einen nicht gerade kleinen Teil des Ersparten regelrecht aufgefressen. Immerhin hatte das Angesparte ausgereicht, um in Madrid zwei Wohnungen zu kaufen – eine habe er dann mit der Scheidung freilich gleich wieder an seine Exfrau abtreten müssen.

Er fragte mich allen Ernstes – mich, jemanden, der gerade erst zugezogen ist –, wie teuer eine Wohnung in unserer Wohnanlage sei. Er schien zu glauben, ich sei eine Art Immobilienmakler. Ich hatte mir einmal von unserer redseligen Vermieterin sagen lassen, dass sich der Preis für ein Haus innerhalb der Mauern der Urbanización auf eine halbe Million Dollar beliefe. Diego wollte es kaum glauben, aber solche Preise sind für die Filetstücke auf dem hiesigen Immobilienmarkt durchaus normal. Als mein Sohn seinen Mitschülern erzählte, er wohne in Vista Grande (das ist der Name der Wohnanlage), meinten sie, seine Eltern (also wir) müssten aber reich sein, um sich solch einen noblen Wohnsitz leisten zu können. Sie taten dabei so, als handelte es sich nicht bloß um eine Mietwohnung, sondern um den Präsidentenpalast. Die Ironie ist, dass wir exakt dieselbe Miete zahlen wie in Santa Inés, und dieser Stadtteil Cumbayás gilt nicht gerade als besonders gute Wohngegend.

Wann immer es etwas auf der Behörde zu erledigen galt, bei dem meine Anwesenheit unerlässlich war, pflegte mich die Anwältin per Stellungsbefehl in ihr Büro zu rufen, und meist wurde mein Erscheinen zu so unchristlichen Zeiten wie Montag morgen acht Uhr verlangt. Ich nahm es mit ecuadorianischer Lässigkeit und gönnte mir die üblichen dreißig Minuten Verzug, cum tempore sozusagen. Niemand nimmt hierzulande daran Anstoß und man gilt immer noch als Musterbeispiel an Pünktlichkeit, wenn man sich nur um eine halbe Stunde verspätet. Obwohl ich mit dem Auto nach Quito fuhr, nahmen wir uns für die Behördengänge immer ein Taxi – der Verkehr in Quito ist fast zu jeder Tageszeit so dicht, dass man ständig im Stau steht und selbst eine Fahrt drei Blocks weiter kann zur echten Nervenprobe ausarten. Zudem ist es schwieg, in der dicht bebauten Innenstadt einen Parkplatz zu finden, und hat man ihn gefunden, wird man sofort von den freundlichen Fußtruppen der Parkraumbewirtschaftung zur Kasse gebeten. Nimmt man das Taxi, hat man am Ende kaum mehr ausgegeben – eine Fahrt über die kürzeren Strecken kostet zwei oder drei Dollar –, jedoch schont so eine Taxifahrt die Nerven ungemein, und zwar schon allein deshalb, weil man sich nicht ständig über all die rücksichtslosen Autofahrer ärgern muss, mit denen man es in Quito allerorten zu tun hat.

Nur einmal begleitete mich die Anwältin persönlich – und dann brauchten wir auch fast den ganzen Tag, um das Notwendigste zu erledigen –, meist überließ sie mich der bewährten Aufsicht ihrer Tochter, die mich, getreu dem Befehl ihrer Mutter, sicher an der bürokratischen Skylla vorbei lotste. In der Regel pendelten wir mehrmals am Tag mit dem Taxi zwischen Registro civil, also der Meldestelle, und der Migrationsbehörde. Die vollständige Bezeichnung lautet „Ministerio de Relaciones Exteriores y Movilidad Humana“ und jeder, der sich für längere Zeit, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, im Lande niederzulassen wünscht, muss sich eher früher als später den Mühlen der Bürokratie überantworten.

Verglichen mit ihrem deutschen Gegenstück ist die Einwanderungsbehörde sehr klein – ein Wartesaal und ein halbes Dutzend Schalter, in denen ernst blickende Beamte hinter Glas sitzen, dazu noch ein kleines Büro, in das die Antragsteller einbestellt werden, um ihre Visa abzuholen. Gleich am Eingang gibt es einen Empfang mit einem überaus freundlichen und geradezu grotesk aufmerksamen Mitarbeiter, der die Besucher begrüßt, sich ihr Anliegen anhört und ihnen schließlich, nicht ohne einen hilfreichen Rat erteilt zu haben, Wartenummern aushändigt. Meist ist es voll wie in einem Bienenstock, doch dank des bewährten Nummernsystems wartet man nie lange, und wenn doch, hat man Zeit, das geschäftige Treiben zu beobachten und zu erraten, woher die Leute kommen, denn alle im Wartesaal sind Fremde in diesem Land.

Wie in jeder staatlichen Behörde üblich, patrouillieren grimmig aussehende Wachleute durch den Besucherraum und beäugen misstrauisch die Anwesenden. Sie tragen kugelsichere Westen, Schlagstöcke und für den Fall der Fälle steckt die obligatorische Handfeuerwaffe in einem Halfter an der Hüfte. Als meine Betreuerin Nachrichten auf dem Handy zu versenden versucht, baut sich die Wachschutzmitarbeiterin zur furchteinflößenden Größe von 1,50 Meter vor ihr auf und macht ihr unmissverständlich klar, dass der Gebrauch elektronischer Geräte untersagt sei. Meine Begleiterin steckt das Handy sofort ängstlich in die Tasche und fortan wagt sie nicht einmal mehr heimlich einen Blick darauf zu werfen.

Objektbewachung und -schutz ist in Ecuador übrigens nicht nur Männersache; genauso häufig sieht man Frauen diesen Job verrichten. Die Arbeit ist keinesfalls gefahrlos und die Handfeuerwaffe sowie der Schlagstock sind auch nicht bloß coole Accessoires, um die man immer wieder gern beneidet wird. Die Arbeit mag zwar nicht schön oder interessant sein, doch wird dieses Manko durch den Respekt aufgewogen, den man als Wachmann genießt: Man kann häufig beobachten, dass die Leute den Guardias (d.h. den Wächtern) mit ausgesuchter Höflichkeit, ja, geradezu unterwürfig begegnen. Vielleicht sollte ich meiner Frau, die als Lehrerin arbeitet, den Erwerb eines Schlagholzes ans Herz legen. Ich wette, dann wäre Ruhe in der Klasse.

Auf Behörden werden dann und wann Passbilder verlangt. Ich hatte mir extra welche in einem kleinen Fotoatelier in Cumbayá anfertigen lassen. Freilich, schöne Porträtbilder sehen anders aus, und zu behaupten, ich sei gut getroffen, wäre eine unstatthafte Schmeichelei oder glatte Verarsche. Aber schließlich kommt es nicht darauf an, ob man von den eigenen Verwandten erkannt wird, sondern allein darauf, dass man die Passbilder zur Hand hat, wenn man sie braucht. Als man mich auf der Einwanderungsbehörde nach den Bildern fragt, kann ich sie nirgendwo finden – selbstverständlich nicht –, dabei bin ich mir doch so sicher, das ich sie mitgenommen habe, und selbstredend habe ich sie so gut verwahrt, wie man sie eben nur verwahren kann, jedoch will mir beim besten Willen nicht mehr einfallen, wo das gewesen sein mag. Ich gehe mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Bilder bis zu meinem Lebensende nicht werden finden lassen. Ich durchsuche dennoch sämtliche Taschen, aber es ist natürlich sinnlos. Ich bin ratlos: Wo bekomme ich jetzt schnell – egal, ob schön oder nicht – ein paar brauchbare Passbilder her?

Wir verlassen gerade die Behörde, um uns nach einem Fotoladen umzusehen, als uns noch auf der Treppe ein kleiner quirliger Mann anspricht: Ob wir Passbilder benötigten? Es scheint, er kann unsere Gedanken lesen. Selbstverständlich benötigten wir Passbilder. Er meint, wir sollten ihm folgen. Wir gehen nur ein paar Schritte weiter; der Weg führt in das Souterrain eines abgelebten Wohnhauses. Durch einen nur spärlich beleuchteten Gang gelangen wir in ein kleines Büro, dessen Fenster auf einen staubigen Hinterhof hinausblicken. In einer Art Rezeption, dort, wo normalerweise die Sekretärin sitzt, stapeln sich ausgeschlachtete Bildschirme und Computer. Es könnte gut sein, dass die Laptops, die man uns gestohlen hat, hier oder in einem ähnlichen Hinterzimmer noch immer auf ihre Zweitverwertung warten.

Der Mann bittet uns in sein Büro – einen winzigen Raum mit einem abgeschabten Computerdesk und einem kleinen Schreibtisch, an dem ein älterer Herr sitzt und konzentriert Kreuzworträtsel löst. Er ist so vertieft, dass er uns gar nicht zu bemerken scheint (oder so sehr an das ständige Kommen und Gehen gewöhnt, dass es ihm gar nicht mehr auffällt). Der kleine quirlige Mann schaltet den Computer ein. Es dauert geraume Zeit bis Windows 7 endlich hochfährt, doch dann geht alles sehr schnell: Der Mann stellt mich vor eine weiße Tapete, schießt mit seinem Handy ein einziges Foto, lädt es auf seinen Computer, bearbeitet es mit unglaublicher Fingerfertigkeit auf Fotoshop und druckt es schließlich im Passbildformat auf Normalpapier aus. Schnell noch mit der Schere ausgeschnitten und fertig ist das Passbild! 3,50 Dollar kostet die Fotoarbeit, die sehr an einen Mug-shot erinnert, die aber dennoch kaum besser oder schlechter ist als die Bilder des Fotografen. Allerdings hat der Fotograf zwei Versuche benötigt und mich anschließend auch gefragt, welches Bild ich haben möchte (eigentlich wollte ich keines). Das neue Foto sieht so scheußlich aus wie das alte, aber darauf kommt es bekanntlich nicht an: Der Mitarbeiter der Behörde nahm es entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der TÜV unter anderem Namen

Das Verwirrende in diesem Land ist, dass einem jeder etwas anderes erzählt, wenn man doch nur eine einfache und vor allem verbindliche Antwort haben möchte. Ich kann nicht sagen, ob dahinter eine bestimmte Intention steht, oder ob die Leute nur helfen wollen und es am Ende doch nicht besser wissen. Zugegeben, das Leben läuft auch hier in ähnlichen Geleisen wie in Deutschland, aber ehe man das Wie, Wo und Wann herausgefunden hat, kann viel, viel Zeit vergehen; um in der Metapher zu bleiben: Bevor man weiß, wo sich der Bahnsteig befindet, hat man sich die Füße wund gelaufen. Und das Nervenkostüm ist auch nicht mehr in bester Verfassung, zumal es die Regel zu sein scheint, dass man erst alle Irrwege ausmessen muss, ehe man sein Ziel findet.

Wie in Deutschland müssen auch in Ecuador alle Autos in bestimmten Abständen zum TÜV. Die zuständige Stelle heißt natürlich nicht so und mir ist momentan entfallen, wie sie sich eigentlich nennt, aber im Prinzip handelt es sich um genau dasselbe Verfahren. Über die technische Güte der Untersuchung kann ich natürlich nichts sagen. Der eigentliche Unterschied zwischen Ecuador und Deutschland zeigt sich aber im Preis: Zwar ist in Ecuador, von wenigen, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, alles teurer als in Deutschland, aber erfreulicherweise gehört ausgerechnet die Fahrzeugüberprüfung zu diesen wenigen Ausnahmen. Schlappe 23 Dollar zahlt man für die begehrte Plakette.

Unser Autohändler machte uns darauf aufmerksam, dass die technische Überprüfung sehr wichtig sei und dass man sich viel Ärger einhandeln kann, wenn man die Sache auf die leichte Schulter nimmt und den Termin verstreichen lässt. Aus irgendeinem logisch nicht nachvollziehbaren Grund finden Polizeikontrollen auf den Straßen stets nach Einbruch der Dunkelheit statt. Wenn man also Nachts mit dem Auto unterwegs ist, kann es durchaus vorkommen, dass man zur Überprüfung der Personalien und der Fahrzeugpapiere herausgewunken wird. Wenn dann etwas nicht stimmt, kann das sehr unangenehme Folgen haben. Um jegliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wollten wir den Technik-Check so bald wie möglich vornehmen lassen. Doch unser Autohändler hatte noch eine schlechte Nachricht für uns: Leider gäbe es nur wenige Stellen, die autorisiert seien, und so wäre es kein kleines Kunststück, einen Termin zu ergattern. Man müsse schon nachts um 2:00 Uhr an der Terminausgabe sein, um mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Termin am selben Tag zu bekommen.

Das sind in der Tat überraschende Neuigkeiten. Wir waren ein wenig ratlos, was wir tun sollten. Die Zeit schien uns etwas ungewohnt und wir fragten uns, ob die staatlichen Stellen noch nie etwas von Bürgerfreundlichkeit gehört hätten. Und selbst wenn wir zu nachtschlafender Zeit vor der Werkstatt aufgetaucht wären, hätte dies bedeutet, dass wir mit einem Termin allenfalls ab 8:00 Uhr rechnen könnten. Und wer schlägt sich schon gern die ganze Nacht um die Ohren, nur für einen Werkstatt-Check? Was also sollten wir tun? Der Autohändler bemerkte unsere Ratlosigkeit und schlug uns darum etwas anderes vor: Er habe einen Bekannten, der uns einen Termin auf viel einfachere Weise beschaffen könnte, ohne dass wir die ganze Nacht dafür opfern müssten. Für die kleine Serviceleistung werde nur ein geringes Entgelt fällig, das jedoch angesichts der vermiedenen Unannehmlichkeiten jeden Cent wert sei. Die reguläre technische Überprüfung kostet 23 Dollar, ein Termin mit Ausschlafen schlüge mit ca. sechzig Dollar zu Buche. Wir entschieden uns dann fürs Ausschlafen. Nun beging meine Frau leider einen Kardinalfehler, denn sie verplapperte sich beim Chef unseres Autohändlers, indem sie arglos erwähnte, dass sein Mitarbeiter uns freundlicherweise seine Hilfe bei der Beschaffung eines Termins zur technischen Überprüfung angeboten hätte. Der Chef schien diesen Extra-Service keineswegs gutzuheißen, denn als wir unseren Autohändler das nächste Mal ansprachen und fragten, wann wir denn auf einen Termin hoffen könnten, wiegelte er nur freundlich ab und die ganze Sache verlief im Sande.

Wir machten uns schon darauf gefasst, mitten in der Nacht aufzustehen und den halben Tag wartend im Auto zuzubringen, als meine Frau zufällig unsere Vermieterin auf das Problem ansprach. Die Vermieterin ruft meine Frau öfters an, teils um sich nach dem Befinden zu erkundigen (schön, dass ein Vermieter sich so für seine Mieter interessiert!), teils um herauszufinden, ob die Wohnung noch in Ordnung ist. Solange sie von unangemeldeten Inspektionen Abstand nimmt, soll es mir recht sein. Die Vermieterin meinte, einen Termin für den Technik-Check zu erhalten, sei überhaupt kein Problem. Sie kenne eine Stelle, bei der man auch nicht lange warten müsse. Ob ich morgen um 9:00 Uhr Zeit hätte? Ich könnte sie an der Schule meines Sohnes treffen. Sie würde vorausfahren und mir den Weg zeigen. Selbstverständlich war ich einverstanden, denn ich wollte den lästigen Termin so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Am nächsten Tag erwartete ich sie Punkt 9:00 Uhr an der Schule meines Sohnes. Gemessen am landesüblichen Zeitempfinden war sie sehr pünktlich – gegen halb zehn traf sie schließlich gutgelaunt ein und sie entschuldigte sich sogar für die Verspätung. Ich hatte damit gerechnet, dass sie sich verspäten würde, und ich gönnte ihr das halbe Stündchen, denn wer hierzulande exakt auf die Minute eintrifft, wird leicht als eine Art komischer Kauz angesehen (oder für einen Deutschen gehalten). Wir fuhren nach Valle de los Chillos; das ist ein Vorort von Quito im Südosten. Wo genau sich die Werkstatt zur technischen Überprüfung befand, kann ich gar nicht sagen, weil ich mich die ganze Zeit darauf konzentrierte, am Heck meiner Vermieterin zu bleiben, und das Navi hatte ich auch nicht eingeschaltet.

Von der Autopista gelangten wir schließlich in eine Nebenstraße. Auf der linken Seite befand sich ein Autoshop, rechter Hand lag die Werkstatt. Punkt 10:00 Uhr trafen wir ein. Ich rechnete schon damit, dass wir einige Stunden Wartezeit in Kauf nehmen müssten, denn schließlich hatte es ursprünglich geheißen, man müsse schon Nachts vor Ort sein, um überhaupt einen Termin zu bekommen. Im Autoshop gegenüber holten wir uns einen Termin – ich war verblüfft, dass es auf einmal so schnell gehen sollte. Die Mitarbeiterin des Autoshops druckte mir ein DIN-A-4-Blatt mit dem Kennzeichen und den technischen Spezifikationen meines Autos aus. Ganz unten stand groß die Uhrzeit für meinen Werkstatt-Termin: 10:45 Uhr. Für den kleinen Service entrichtete ich noch einmal zwei Dollar.

Der Werkstatt-Termin selbst verlief so, wie man es auch in Deutschland erwarten könnte: Ich fuhr auf den Parkplatz, übergab dem Angestellten den Autoschlüssel und begab mich in den Wartesaal. Nach nicht mal einer Stunde war die Überprüfung abgeschlossen und der Techniker fuhr mir den Wagen auf den Stellplatz am Ausgang. Die Formalitäten waren in ein paar Minuten erledigt. Ein anderer Mitarbeiter klebte mir den Sticker auf die Windschutzscheibe – so einfach kann TÜV sein! Vom Ausgang aus konnte ich einen Blick in die Werkstatt werfen. Es gab zehn oder zwölf Hebebühnen und zwei Dutzend Mitarbeiter wirbelten im Akkord um die Autos herum. Alles wirkte sehr ordentlich und war penibel sauber; nirgendwo sah man Öllachen oder Fettflecken, das Werkzeug war akkurat verstaut. Selbst die Blaumänner der Techniker waren mit Bügelfalten versehen und wirkten wie frisch gewaschen und gestärkt. Im Autoshop hatte ich bemerkt, dass man Termine auch im Internet buchen kann. Dann kommt man einfach vorbei und muss auch gar nicht warten. Wirklich phantastisch, dieses Internet! Warum weiß eigentlich niemand davon?

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.

Eine wahre amerikanische Odyssee

Als wir durch Newark fahren, will ich vor der Kreuzung die Spur wechseln. Die Linie der Fahrbahnbegrenzung ist noch nicht durchgezogen, der Verkehr ist auch nicht allzu dicht – was soll also schon schiefgehen? Ich leite den Spurwechsel mustergültig wie im Fahrschullehrbuch ein: Blinker setzen, Spiegel, Spiegel, Schulterblick – alles frei und los geht’s. Als ich nach rechts ziehe, schert plötzlich von hinten ein Wagen aus der anderen Spur mit sehr hoher Geschwindigkeit genau in die Spur ein, in dich ich auch gerade hineinlenke. Der andere sieht mich nicht und rammt mich in die Seite, dass es nur so kracht. Wir räumen die Kreuzung und klären die Sache abseits der Straße.

Der Schaden ist gering, nur ein paar Beulen sind zu sehen; beide Fahrzeuge sind absolut fahrtüchtig und verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Der andere Fahrer regt sich furchtbar auf („My brand new car!“), flucht und ist ganz außer sich, doch er beruhigt sich so schnell, dass es einem schon komisch vorkommt. Und plötzlich wirkt er so entspannt, als hätte er sich eine Extrapackung Chillpills eingeworfen: „Shit happens.“, meint er achselzuckend. Während wir unsere Daten über Fahrzeugpapiere und Versicherungen austauschen, fordert sein Beifahrer, der nun ebenfalls ausgestiegen ist, man solle die Polizei holen. Er macht, um es einmal vorsichtig auszudrücken, einen sehr desolaten Eindruck – unter anderen Umständen als diesen hätte ich vermutet, er habe Drogen genommen. Er trägt ein weißes Unterhemd über der Hühnerbrust und um seinen Hals baumeln mehrere dicke Goldketten. Auf dem Kopf hat er ein Cap wie es Gängsterrapper tragen. Und tatsächlich wirkt er auf mich wie die billige Kopie eines solchen. Der Fahrer, der bis zu diesem Moment tiefenentspannt wirkte, zuckt kurz zusammen und verbietet seinem Kompagnon den Mund: keine Polizei! Er zwingt ihn etwas unsanft auf den Beifahrersitz und dann hat er es auf einmal sehr eilig. Er steigt ins Auto und erklärt etwas gehetzt, er habe es sich anders überlegt und wolle nun doch zur Polizei; eine Polizeistation sei gleich da vorn. Ich könne ja folgen, meint er noch und gibt auch schon Vollgas. Sekunden später taucht er in den Verkehr und dann ist er plötzlich verschwunden.

Ich bleibe etwas perplex zurück. Später, bevor ich den Schaden der Autovermietung melde, sehe ich mir noch mal seine Papiere an (mein Sohn hat mit dem Handy Fotos gemacht). Sein Auto ist nicht so neu, wie er behauptete, sondern in Wahrheit sechs Jahre alt und auch das Kennzeichen des Wagens auf dem Nummernschild stimmt nicht mit dem in den Papieren genannten Kennzeichen überein. Ich kann mir zwar keinen Reim darauf machen, aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz koscher ist.

Niemand ist verletzt und der Wagen fährt auch noch – das sind gute Nachrichten. Ich hoffe, dass die Pechsträhne beendet ist, aber es muss erst noch schlimmer kommen, bevor es besser wird: In Connecticut, wo wir der billigen Hotels und der schönen Strände wegen einige Tage zu verbringen beabsichtigen, besuchen wir einen Wendy’s Diner (die Schokoshakes sind große Klasse!). Als wir wieder abfahren, bekomme ich im Display die Meldung, dass der Luftdruck im hinteren rechten Reifen zu niedrig sei. Erst glaube ich, dass es sich um eine falsche Meldung handeln muss, aber das rote Licht ist so nervig, dass ich schließlich parke und nachsehe. Und tatsächlich, eine dicke Schraube hat sich durch den Mantel des Reifens gebohrt. Ich kann es sogar zischen hören. Da es schon zu spät ist und die Reifenshops bereits um 18:00 Uhr Feierabend machen, beschließe ich, bis zum nächsten Tag zu warten. Ich suche ein Geschäft für Autoteile auf und lasse mir vom Verkäufer, der so jung ist, dass er locker mein Sohn sein könnte, zu einem Dichtungsschaum raten. Ich fülle den Schaum ein und pumpe den Reifen an der Tankstelle noch einmal gut auf. Und tatsächlich, der Druck hält über Nacht. Am nächsten Morgen ist der Reifen immer noch prall gefüllt. Ich fahre los – nichts passiert -, doch kaum bin ich auf den Highway eingebogen, ist die Luft innerhalb weniger Sekunden aus dem Reifen entwichen und ich habe einen Platten. Ich nehme die erstbeste Ausfahrt und rette mich auf den Parkplatz einer Tankstelle.

Ich habe noch nie eigenhändig einen Reifen gewechselt, aber bekanntlich ist ja irgendwann immer das erste Mal. Das Aufziehen des Ersatzrades geht mir wider Erwarten so leicht von der Hand, als hätte ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes getan. Ein Reifen reicht aber fürs Erste und ich bin froh, als ich den Platten im Kofferraum verstaut habe. Anschließend frage ich den Angestellten des Tankstellenschops, ob ich mir die Hände waschen könnte und wir kommen ins Gespräch: Er sagt, er stamme aus Texas und sei eigentlich nur wegen seiner Frau nach Connecticut gezogen. Aber es gefalle ihm hier nicht. Das Leben sei viel zu hektisch und die Leute seien einfach zu kalt, nicht so wie in Texas. Er freut sich zu hören, dass wir drei Jahre in Texas gelebt haben. Ich sage ihm, dass es uns dort sehr gefallen hätte. Das scheint ihn irgendwie aufzumuntern. Er meint, er und seine Frau wollten fortziehen nach Westvirginia. Dort sei es viel ruhiger. Er spendiert uns noch einen Kaffee und dann fahren wir auf unserem nagelneuen Ersatzrad zum Reifenshop.


Man sollte annehmen, im Autoland USA wäre das Wechseln eines Reifens eine ganz simple Angelegenheit und ein Viertelstündchen müsste mehr als ausreichend sein, um den neuen Reifen aufzuziehen und nebenbei auch noch die anderen Reifen einmal herum zu rotieren – so jedenfalls war es mir aus Texas in Erinnerung geblieben. Nachdem wir dann aber drei Stunden im Tireshop gewartet hatten, beschied man uns, dass kein passender Reifen gefunden werden könnte. Wir sollten uns noch bis zum Abend gedulden – bis dahin würde man uns den passenden Reifen ganz sicher besorgt haben. Am Abend klingelte mich die Werkstatt an, um mir lapidar mitzuteilen, dass es in ganz Connecticut keine passenden Reifen für unseren Wagen gäbe – „Sorry about that.“ Ich setzte mich mit der Autovermietung in Verbindung: Ja, es sei schwierig, passende Reifen für dieses Modell (Chevrolet Malibu) aufzutreiben – als ob wir das nicht schon wüssten. Man bot uns stattdessen einen neuen Wagen an. Allerdings könnten wir das neue Auto nicht in Connecticut entgegennehmen. Vielmehr müssten wir uns bis nach Long Island bemühen.

Nach viertündiger Fahrt kamen wir endlich am McArthur-Airport in Long Island an, wo unser Ersatzauto auf uns wartete. Erschöpft, aber glücklich nahmen wir den neuen Wagen in Empfang. Unsere Frage, ob wir einen Discount erwarten könnten, weil wir doch so viel Zeit und Mühe aufwenden mussten nur wegen eines undichten Reifens, wurde mit der üblichen eingeübten Floskel abgewimmelt: Darum kümmere sich stets die Stelle, bei der das Auto ursprünglich angemietet wurde. Als ich dort anrief, erachtete man es nicht einmal für angemessen, dass ich mein Anliegen einem Mitarbeiter vortrug; man verband mich gleich mit der Mail-Box. Ich unterließ es, eine Nachricht zu hinterlassen.

Irgendwo im Nirgendwo finden wir einen Starbucks. Ich muss erst einmal meine Nerven beruhigen und so beschließen wir, eine kleine Rast einzulegen. Wir bestellen überteuerten Kaffee und einen viel zu teuren Chai latte, dazu nehmen wir noch etwas Kuchen, der auch zu teuer ist und nicht mal schmeckt. Wenigstens gibt es freies W-Lan. Ich buche unser Hotel für die Nacht und dann versuche ich, ein wenig zu entspannen und meinen Chai latte zu genießen, was mir aber nicht gelingen will, da er regelrecht mit Zimt kontaminiert ist (und an der Theke steht noch ein Streuer, aus dem man sich extra Zimt hineinschütten kann). Alles schmeckt nur noch nach Zimt, vom Tee keine Spur. Am Nebentisch sitzen ein paar Jungs, die mit viel zu großen Autos gekommen sind. Sie sind gebräunt wie Fitnessmodels, die Haare haben sie sorgsam frisiert, die Arme sind noch immer ordentlich aufgepumpt vom Workout im Gym. So posieren sie vor den Mädchen, die sie mitgebracht haben, um ihnen einen Kaffee auszugeben, und weil sie vielleicht auch auf mehr hoffen. Die Mädchen haben sich in ultrakurze Pants gezwängt; sie sitzen auf dem Schoß der Jungs und lachen über deren Witze und Neckereien – manche Dinge werden sich wohl niemals ändern, egal wie alt die Welt noch werden mag.

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