Noch einmal Canoa

An einem Nachmittag fahren wir nach Canoa. Ein letztes Mal wollen wir eintauchen in die Unbeschwertheit, in die Leichtigkeit der Strandkommune. Wir wollen den fröhlichen Ort besuchen, den ein partywütiges Völkchen dazu auserkoren hat, tagein, tagaus auf das Vergnüglichste seine Vermählung mit dem Meer zu feiern.

Das einstige Fischerdorf hat sich über die Jahre zu einem Hotspot für alle entwickelt, die neben präkolumbianischer Kunst und Architektur, kolonialer Pracht und hinreißenden wilden Landschaften auch das Vergnügen nicht zu kurz kommen lassen wollen. In Canoa gibt es Surf- und Yogaschulen, man kann mit dem Motordrachen über den Strand gleiten oder auf dem Rücken eines Pferdes darübergaloppieren. Dutzende von Restaurants in unterschiedlichen Preisklassen und ebenso viele Pensionen und Hotels offerieren dem Besucher ihre unverzichtbaren Dienste. Zwar ist der Ort weit von den gefürchteten Exzessen so manches berühmt-berüchtigten Ferienortes entfernt, doch kann der vergnügungswillige Reisende auch hier feiern, als gäbe es kein Morgen.

Kristallisationspunkt für die Entwicklung vom verschlafenen Dorf an der Pazifikküste hin zur gefragten Urlauber-Destination ist das „Bambú“. Beim „Bambú“ handelt es sich um eine Hotelanlage mit angeschlossenem Restaurant. Wie der Name schon verrät, sind alle Gebäude, einschließlich des Restaurants, aus Bambus, dem haltbaren Naturbaustoff, gefertigt. Der Besitzer und Initiator ist ein Holländer, der sich Anfang der achtziger Jahre in den Ort verliebte. Als er damals sein Hotel zu bauen begann, gab es nur Strand und Fischerhütten.

Bambusarchitektur war damals etwas ganz Neues und auch heute noch ist sie in Ecuador weit davon entfernt, alltäglich zu sein. Über die Jahre hat das Projekt an Fahrt aufgenommen und immer mehr Menschen entdeckten Canoa als einen Ort, an dem Träume noch wirklich wahr werden können. Südlich des „Bambú“ und direkt in seiner Nachbarschaft entstanden bald weitere Hotels, Pensionen, Restaurants und Bars, zu denen sich binnen Kurzem Strand-Boutiquen, Surf- und Yogaschulen gesellten. Doch das „Bambú“ blieb einzigartig und das Original zieht heute wie damals Scharen von Gästen aus Nah und Fern an.

Wann immer wir in Bahía Urlaub machen, unternehmen wir einen Abstecher nach Canoa. Allein das Essen im „Bambú“ würde die Fahrt schon lohnen, doch das eigentliche und unübertroffene Glanzstück sind die herrlichen Strände – man wird schwerlich einen schöneren Platz auf diesem Planeten finden. Es hätte sich nicht „richtig“ angefühlt, wenn wir Bahía Lebewohl gesagt hätten, ohne wenigstens ein letztes Mal die Strandkommune besucht zu haben.

Die Atmosphäre ist einfach unbeschreiblich und man fühlt sich augenblicklich in eine Welt versetzt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr zu gelten scheinen. Dies mag aber vor allem an den vielen Joints liegen, mit denen sich hier – will man den Gerüchen glauben – jeder nur immerzu einen Trip in stratosphärische Höhen zu verschaffen sucht. Doch nicht immer braucht es Stimulanzien, um in Stimmung zu kommen: Wenn ich Sonne, Meer und Strand habe, möchte ich vor Glück geradezu bersten. An einem Nachmittag packten wir also die Sachen für den Strand und machten uns auf nach Canoa, das pazifische Eldorado für Erholungssuchende und Spaßsüchtige.

Paradies in Schokolade

Auf der Suche nach dem Schokoladenland: Wir rechneten damit, dass sich irgendwo hinter Nanegalito die Ausfahrt befinden müsste, die uns direkt nach Mashpi Shungo führen würde, ins süße Land der Schokolade. Aus der Karte, die auf dem Handzettel abgedruckt war, mit dem die Farm für sich warb, ging nicht klar hervor, ob man die Hauptroute vor oder hinter San Miguel de los bancos verlassen sollte. Wir entschieden uns für die Ausfahrt davor und wie üblich war es der falsche Weg: Der Asphalt verschwand schon nach wenigen hundert Metern und von jetzt an bewegten wir uns auf einer Schotterpiste, deren Zustand sich mit jedem weiteren Kilometer zu verschlechtern schien. Doch die Landschaft war ein üppiges tropisches Paradies, wie es den Visionen Henri Rousseaus entsprungen sein könnte.

Über die in sattes Grün getauchte Flur schweifte der Blick in einen scheinbar unberührten Garten Eden. Kolibris, schillernd wie Edelsteine, schwirrten auf der Jagd nach Blüten durch das Blattwerk. Oft kreuzten sie wie bunte Geschosse den Weg und ich fürchtete, sie könnten als Federknäuel auf der Windschutzscheibe enden. Doch sie waren viel zu flink; der trägen Maschine wichen sie mit artistischer Behändigkeit aus.

Die Straße wurde immer schlechter und der zerklüftete Untergrund schaukelte den Wagen derart auf, dass man fürchten musste, hinter der nächsten Biegung in den Büschen zu landen. Zeitweise kamen wir nur mit Schrittgeschwindigkeit voran. So unberührt uns das Land auch erschien, die Gegend war vollständig erschlossen und alle paar hundert Meter kamen wir an einem Tor vorbei, das zu einer Finca führte, deren Herrenhaus sich irgendwo im Hügelland unter undurchdringlichem Grün verbarg.

Eigenartigerweise trugen die Farmen in dieser Gegend ausschließlich englische Namen. Wir fragten später in Mashpi Shungo, was es damit auf sich habe – wir vermuteten, dass Amerikaner das Land gekauft hätten –, und man bestätigte uns, dass der Boden in dieser Gegend tatsächlich im Besitz von Ausländern sei. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, was man in der lähmenden Beschaulichkeit zwischen Orchideen und Kolibris mit seinem Leben anfangen könnte, aber paradiesisch schön muss es sein.

Irgendwann verloren sich die Reste der Straße im dichten Urwald. Unser Weg war nur noch ein Pfad. Eine dicke Laubschicht bedeckte den Boden. Man konnte den Verlauf der Straße nur deshalb noch vage ausmachen, weil dort keine Bäume wuchsen und der Wald gleichsam Spalier bildete. Durch das Halbdunkel unter dem Kronendach führte ein Fluss und irgendwann standen wir ratlos an seinem Ufer. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo wir uns befanden.

Unten am Wasser waren Männer damit beschäftigt, tote Baumstämme zu zersägen. Wir fragten sie, ob man auf dieser Straße nach Mashpi Shungo komme, aber sie meinten, die Straße sei hier zu Ende – man konnte es unschwer erkennen. Wenn wir weiter nach Norden wollten, müssten wir die Ausfahrt hinter San Miguel de los bancos nehmen. Wir drehten und fuhren zurück. Der Wagen war mittlerweile von oben bis unten mit Schlamm besudelt. Wer uns sah, musste glauben, wir wären gerade von einer amphibischen Expedition durch das Amazonas-Delta zurückgekehrt.

Mit dem nördlichen Abzweig hatten wir mehr Glück. Die Straße war so schön asphaltiert wie in einem Werbeprospekt der BVG und tatsächlich verkehrte sogar ein Bus auf der Strecke. Wir fuhren vorbei an purpurnen Bananenstauden und Bambusdickichten, deren Halme wie gotische Säulenbündel in den Himmel strebten. Die Kronen fächerten zu wahren Gewölben aus. Die Straße wand sich in unzähligen Kurven durch die hügelige tropische Landschaft. Es waren kaum Menschen unterwegs und außerhalb der kleinen Dörfer sah man niemanden. Einmal kamen wir an einen Fluss. Die Wasser rauschten über Stromschnellen ehe der Wald sie wieder verschluckte.

Nach Mashpi Shungo führte ein weiterer Abzweig. Die Straße war nun nur noch ein enger Schotterweg, den man am besten mit einem geländegängigen Fahrzeug befuhr – schade, dass unser Wagen keinen Allradantrieb hatte. Trotz des erbarmungswürdigen Zustandes der Wege und obwohl die Gegend so abgelegen war, sah man plötzlich erstaunlich viele Fahrzeuge. Die meisten, die uns begegneten, schienen hier Besucher zu sein wie wir.

Manche fuhren Autos, wie sie für die Stadt geeignet waren. Diese Urwaldpiste zu befahren, stellte aber ein nicht geringes Wagnis dar. Bei der kleinsten Bodenwelle setzten die Wagen auf und oft blieben sie sogar hängen. Die Fahrer setzten zurück und versuchten es so oft, bis sie schließlich einmal Glück hatten. Das schabende Geräusch ließ nichts Gutes erahnen und die nächste Durchsicht wird vielleicht keine erfreulichen Nachrichten bringen. Ich würde auf jeden Fall nachschauen, ob sich über Nacht ein Ölfleck unter dem Wagen gebildet hat.

Die Straße führte direkt am Ufer des Río Mashpi entlang. Von einer Anhöhe aus, die wie die Tempelpyramide einer untergegangen Kultur über das Kronendach des Waldes emporwuchs, konnte man auf den Fluss blicken. Der Strom kerbte sich wie eine regennasse Allee durch das dichte Grün. In der Ferne, dort, wo das Band des Flusses fast schon wieder vom Wald verschluckt wurde, sah man Badende. Das Bild erinnerte mich an eine Szene aus „Die Mission“ und ich verspürte augenblicklich Lust, im nächsten DVD-Shop eine Raubkopie zu erstehen.

Hin und wieder sah man Leute am Ufer picknicken und Badenden begegnete man mehr als einmal. Eine Hängebrücke überspannte das träge Gewässer, doch der Eigentümer der Finca auf der anderen Seite verbat sich unbefugtes Betreten: Ein Schild machte unmissverständlich klar, dass Besuch nicht erwünscht sei. Auf dem jenseitigen Ufer gibt es keine Straßen und die Bewohner der Häuser, deren Dächer allenthalben aus der dichten Vegetation hervorschauen, müssen erst den Fluss überqueren, wenn es sie danach gelüstet, wieder einmal die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu genießen. Blattschneiderameisen nutzten das Werk des Menschen und transportierten ihre wertvolle Fracht zu den Kolonien am anderen Ufer.

Man findet den Eingang zur Finca nicht leicht, denn anders als die durch ein Heer von Sicherheitspersonal, durch Schranken, Mauern und Stacheldraht gesicherten Wohnanlagen der Städte gibt es hier oft nur ein unscheinbares Tor, das man manchmal sogar erst im Dickicht suchen muss. Nirgendwo finden sich Namensschilder und man sieht auch keine Wächter, die einem verraten könnten, ob man an der richtigen Adresse ist. Es hat den Anschein, man verzichtet auf Sicherheitsmaßnahmen, was in diesem von Kriminalität schwer gebeutelten Land recht seltsam anmutet. Das Tor zur Finca war nicht abgeschlossen und jeder hätte das Grundstück unbeobachtet betreten können.

Ich glaube aber, die Gegend ist zu abgelegen, als dass man unerwünschten Besuch fürchten müsste. Hier, in der spärlich bevölkerten Landschaft des Noroccidente kennt ohnehin jeder jeden und Fremde würden da natürlich schnell auffallen. Außerdem führen die Leute immer eine Machete mit sich – ein unentbehrliches Arbeitsmittel auf dem Feld wie im Wald. Man sollte die Bewohner dieses Landstrichs nicht reizen, denn wenn es sein muss, erweisen sie sich als sehr geschickt darin, dieses einfache Arbeitsgerät als Waffe einzusetzen. In alter Zeit wurden mit der Machete blutige Kämpfe ausgetragen.

Als wir die Finca endlich erreichten, schickte man sich gerade an, Schokolade zu verkosten. Die Führung hatten wir versäumt, aber von der Schokolade wollten wir unbedingt eine Kostprobe. Es war aber nicht weiter schlimm, dass wir nicht an dem Rundgang teilgenommen hatten, denn nach der Verkostung erhielten wir die Erlaubnis, uns auf eigene Faust auf dem Gelände umzusehen.

Die Verkostung fand im kleinen Kreis statt – kaum mehr als ein halbes Dutzend Interessierter hatte sich eingefunden. Präsentiert wurden Handwerksschokoladen, die ohne den in der Industrie üblichen Emulgator Lezithin auskommen und auch ohne Milchpulver. Stattdessen verwendet man ausschließlich hochwertigen Kakao, Kakaobutter und Rohrzucker. Obwohl es sich um dunkle Sorten handelte, schmeckte die Schokolade erstaunlich mild, fast wie Vollmilchschokolade. Durch den hohen Kakaoanteil hatte die Schokoladenasse allerdings nicht die typische cremige Textur der Vollmilchsorten.

Manche der Schokoladen hatten Fruchtfüllungen. Die Früchte, aus denen man sie herstellt, waren mir so wenig bekannt wie das Obst von einem fremden Planeten. Nach Auskunft der Kakao-Farmerin, welche die Verkostung leitete, wächst alles, was man verarbeitet, in der Gegend. Eine Sorte war mit einer Creme aus dem Fruchtfleisch der Kakaoschote gefüllt (das ist die dicke, fleischige Haut, welche die Kakaobohnen umhüllt). Ich hatte die Pulpa schon einmal probieren dürfen, aber erst in der Schokolade erfuhr das säuerlich-fruchtige Fleisch seine wahre Bestimmung.

Ein junges amerikanisches Pärchen fand sich unter den Gästen der Finca und die beiden bestaunten die Schokoladentafeln, als gäbe es so etwas nicht in amerikanischen Supermärkten. Zugegeben, Sortenschokoladen aus Edelkakao muss man lange suchen und solche exquisiten Genüsse, wie die Farm sie offerierte, findet man sicher nicht bei Walmart. Doch es gibt in den Staaten Bio-Supermärkte, die alles in den Schatten stellen, was sich der visionäre Bio-Weltverbesserer aus Deutschland in seinen kühnsten Träumen ausmalen könnte. Es würde mich keineswegs verblüffen, wenn man dort Manufaktur-Schokoladen aus Mashpi Shungo fände. Das Pärchen staunte aber die Schokolade an, als hätte es den Stein der Weisen gefunden. Man war so angetan, dass man gleich ein Dutzend Tafeln kaufte. Wir nahmen auch ein paar mit, aber einige sollten nicht den Abend erleben.

Die Finca ist ein riesiges Gelände, welches mit einem Wald aus Kakaobäumen bepflanzt ist. Allenthalben sieht man Kakaoschoten in allen Reifegraden im Geäst hängen – grün, gelb, rot. Das Hauptgebäude ist eine luftige Lodge, die sich in die Höhe reckt, als wollte sie dem allerorten wuchernden Grün entrinnen. Überall leuchten Blütenstauden in einem geradezu wollüstigen Rot aus dem Blätterwerk.

Wenn man durch den Kakaowald streift, hat man das Gefühl, man sei in einer Art Paradiesgarten. Wohin man blickt, ist spießende Vegetation. Blätter und Blüten treiben so mannigfaltig und farbenfroh aus, dass man nie satt wird, das betörende Gemisch aus Formen und Farben in sich einzusaugen. Ich stelle mir vor, so müsse Macondo ausgesehen haben, bevor es sich unauffindbar im Urwald verlor. Im dichten Wald begreift man, dass die Menschen von der Natur nur auf Zeit geduldet sind und lassen sie in ihren Anstrengungen nach, holt sich die lebenstolle Wildnis zurück, was ihr gestohlen wurde. Aber so lange es Liebhaber der Schokolade gibt, wird die Farm wohl Bestand haben. Jedenfalls wäre zu wünschen, dass noch recht viele Menschen dieses Paradies in Schokolade besuchen.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.