Auf der Behörde

Jeder, der länger als drei Monate in Ecuador bleiben möchte, muss sich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen, andernfalls ist er illegal im Lande. Da das Registrierungsverfahren relativ umständlich ist und auch lange dauern kann, empfahl uns der Arbeitgeber meiner Frau, die Deutsche Schule Quito, einen Anwalt mit der Sache zu beauftragen. Das taten wir dann auch. Unsere Anwältin residiert in einem bewachten Gebäudekomplex im Zentrum von Quito. Möchte man hinein, muss man bei der Wache seinen Ausweis abgeben, selbst wenn man einen Termin hat und sich ausweisen kann. Nachdem wir zunächst einen Monat nichts von der Anwältin gehört hatten, lud sie uns plötzlich zu einem Termin. Wir reisten von Nayón aus mit dem Auto an. Wir hätten auch den Bus nehmen können, aber die Fahrt hätte viel mehr Zeit beansprucht und wir waren an diesem Tag spät dran. Wenn man mit dem eigenen Wagen fährt, muss man sich leider daran gewöhnen, im Stau zu stehen. In Quito gibt es immer irgendwo Stau und ein missgünstiges Schicksal will es, dass man ausgerechnet immer genau dorthin will, wo alle anderen schon sind.

Nachdem wir bei der Anwältin eingetroffen waren, wurde uns klar, dass wir lieber den Bus genommen hätten, denn die Frau fackelte nicht lange und nahm unseren Wagen gleich als Taxi. Wieder ging es quälend langsam durch den dichten Stadtverkehr. Die Anwältin zeigte uns den Weg zur hiesigen Version der Meldestelle. Einen Parkplatz zu finden, glich wieder einem Kunststück, aber wir hatten Glück, denn auf einem bewachten Parkgrundstück wurde gerade ein Platz frei und wir quetschten uns in die Lücke. Dass der Lack auf dem nur handtuchschmalen Platz keinen Schaden litt, war fast ein Wunder. Um ein Haar wären wir nicht mehr aus der Tür gekommen. Ich gab der freundlichen Parkplatzwächterin das Parkgeld für zwei Stunden und wir mussten noch einmal zehn Minuten durch die Gegend marschieren, um zur Meldebehörde zu gelangen.

Im Grunde unterscheiden sich die Ämter in Ecuador nicht sehr von den Ämtern in Deutschland mit der Ausnahme, dass sie größer und moderner sind. Uns empfing ein riesiger Wartesaal mit schätzungsweise zwanzig Schaltern zur Abfertigung. Von der Angestellten am Empfang ließen wir uns Wartenummern geben und nahmen Platz. Über die Bildschirme flimmerten im Wechsel lustige Sketche oder Vermisstenanzeigen, während auf der unteren Bildlaufzeile aktuelle, die Behörde betreffende Nachrichten zu lesen waren. In einem Feld am rechten Rand erschienen im Wechsel die Nummern der Wartenden und die Schalter, zu denen sie sich begeben sollten. Unsere Anwältin, die sich auf Ämtern auskennt, hatte sich gleich mehrere Nummern geben lassen, um all das, was auch immer nötig sein würde, in nur einem Aufwasch zu erledigen.

Sobald unsere Nummer aufgerufen wurde, gingen wir zum Schalter – wie gesagt, man kommt sich vor wie auf einem deutschen Amt. Ich war froh, dass ich nichts tun musste, außer zu warten; die Anwältin erledigte alles. Nicht unbeträchtliche Irritationen rief der Familienname in unseren Pässen hervor. Die spanische Sprache kennt bekanntlich kein „ß“ und die Beamtin, die unsere Personalien aufnahm, beharrte steif und fest darauf, dass es sich um ein „B“ handeln müsse; etwas anderes war für sie völlig ausgeschlossen. Die Verwirrung war komplett, als ich meinen Personalausweis hervorholte und auf die Transskription in Großbuchstaben hinwies, die auf Doppel-S lautet. Offensichtlich hat man nicht aller Tage mit deutschen Namen zu tun. Das Rätselraten ging noch eine Weile weiter und würde bestimmt noch den ganzen Tag beansprucht haben, wenn die Beamtin nicht ihre Supervisorin herbeiholt hätte, die auf die geniale Idee kam, in den einschlägigen Transkriptionstabellen nachzusehen (zur Meldebehörde muss irgendwann jeder, auch Menschen mit unaussprechlichen deutschen Namen, die es durch Zufall nach Ecuador verschlagen hat). Tatsächlich fand sie heraus, dass „ß“ durch „ss“ zu ersetzen sei, und der Tag war gerettet.

So ein Behördengang könnte geradezu geruhsam sein, wenn man das Gebäude nicht dauernd wegen irgendwelcher zusätzlichen Besorgungen verlassen müsste. Wir aber mussten immer wieder hinaus, um Kopien von Pässen, Ausweisen oder diversen Schreiben anzufertigen, doch praktischerweise befand sich der Copy-Shop nur wenige Schritte entfernt. Fast alles, was wir an diesem Tag erledigten, sei es die Ausgabe eines amtlichen Papiers, seien es Kopien oder sei es einfach nur ein Stempel, kostete Geld. Selbst fürs Parken wurde noch der übliche Obolus gefordert. Nach ca. zwei Stunden war alles für diesen Tag erledigt und wir hatten etwa dreißig Dollar ausgegeben. Die Anwältin bemerkte mein Erstaunen angesichts so vieler zusätzlicher Ausgaben. Sie sagte, ihr Mann sei wie ich Deutscher und auch er wundere sich immer darüber, wie viel Geld jeder Behördenbesuch verschlinge. Sie könne durchaus verstehen, wie unerfreulich dies sei. Und da sie schon einmal bei den unerfreulichen Dingen war, hätte sie gleich erwähnen können, dass das Gros der Kosten durch ihr Anwaltshonorar verursacht wurde, demgegenüber die Summen, welche die Ämter verlangten, bloß Peanuts sind. Für 1.300 Dollar würde ich selber nur zu gern die lästigen Behördengänge übernehmen. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch.

Zur „Migración“ gingen wir ohne die Anwältin. Hinter dem schlichten Namen verbirgt sich die Einwanderungsbehörde, zu der sich jeder irgendwann begeben muss, der länger als drei Monate im Lande zu bleiben beabsichtigt. Die Einwanderungsbehörde residiert in einem unscheinbaren Gebäude in Quito. Nur die übermannsgroße blaue Aufschrift „Migración“ auf dem weiß getünchten Gemäuer verrät, dass man an der richtigen Adresse ist. Im Innern empfängt einen der übliche strikt funktionelle Behördencharme: ein großer Wartesaal und mehrere Schalter, die auf Antragsteller warten. Alles ist neu und wirkt aseptisch sauber. Der Wartesaal ist nicht übermäßig gefüllt und wir haben gerade ein paar Minuten gewartet, da werden wir auch schon zum ersten freien Schalter gewunken. Die Formalitäten, derentwegen wir uns herbemühen mussten, sind ebenfalls in ein paar Minuten erledigt. Jedes der Papiere, das man uns ausgestellt hat, kostet fünf Dollar.

Auf der Behörde trifft man jene Ausländer, die sich wie wir auf das Abenteuer eingelassen haben, für längere Zeit in Ecuador zu bleiben. Gringos oder Personen, die, ihrem Aussehen nach zu urteilen, den Anschein erweckten, welche zu sein, sahen wir an diesem Tag nicht, dafür aber Latinos aus den anderen Ländern des Kontinents. Neben mir am Schalter steht eine Frau aus Venezuela. Ich kann ihren Reisepass sehen, als sie ihn dem Beamten durch das Fenster zuschiebt. Dabei schüttelt sie ihre blondierte Mähne, als wollte sie den Mann hinter dem Glas beeindrucken. Der Beamte nimmt den Pass mit undurchdringlicher Miene entgegen, blättert eine Weile aufmerksam darin herum und gibt ihn der Frau zurück. Die Venezolanerin bedankt sich überschwänglich herzlich und schüttelt wieder ihr Haar, dass ich schon anfange zu glauben, es müsse etwas bedeuten.

Die Beamten hinter den Schaltern tragen Jacken in den Farben der Behörde und Blau und Weiß scheinen ausschließlich für die Einwanderung reserviert zu sein. Über dem Herzen prangt die Aufschrift „Migración“. In ihren sportiven Jacken wirken sie so frisch wie die Angehörigen eines Olympiateams. In Deutschland würde man sie kaum für Beamte halten, aber hierzulande haben die Behörden in den letzten Jahren einen neuen Anstrich herhalten. Wirklich auffällig ist, dass der ecuadorianische Beamte jung ist – unfassbar, wie jung diese Beamten sind! In Ehren verknöcherte Vorpensionäre, die ihre letzten Jährchen in kontemplativer Stille zwischen verstaubten Aktenbergen absitzen, sieht man hier nicht. Das mag daran liegen, dass sämtliche staatliche Behörden in den letzten Jahren tiefgreifend reformiert worden sind. Alles wirkt nun viel moderner und neuer als in Deutschland. Bürgerämter in baufälligen Baracken, wie ich sie aus Berlin gewohnt bin, sucht man hier vergebens. Es hat den Anschein, man hat nicht nur die Gebäude erneuert, sondern gleich das Personal mit ausgetauscht. Und so kommt es, das einem auf den Ämtern statt alter mürrischer Beamter in abgewetzten Jacketts gut aussehende junge Frauen in feschen Sportblazern gegenüber sitzen. Wer geht schon gern zur Behörde? Zugegeben, es gibt interessantere Dinge, die man stattdessen tun könnte, zumindest aber verspürt man nicht mehr jenen nahezu unüberwindlichen Widerwillen, und das ist doch schon ein Fortschritt!

Der Wahnsinn namens Alltag

Die wichtigste und nützlichste Tugend, die man in Ecuador haben kann, ist Geduld. Seit einigen Wochen leben wir nun schon in unserer neuen Wohnung, aber bisher haben wir weder Fernsehen, noch Internet, noch Telefon. Letzte Woche war der Internet-Mann da und machte uns drei Angebote mit jeweils unterschiedlichen Übertragungsgeschwindigkeiten und demzufolge jeweils unterschiedlichen monatlichen Gebühren. Wir nahmen das günstigste Angebot, das immerhin noch 35 Dollar pro Monat kostet, und verließen uns auf die Zusage, dass er sich um alles weitere kümmern würde. Ich habe das unbestimmte Gefühl, wir werden noch viele Wochen ohne Internet in unserer Wohnung sitzen (dazu auch hier und hier).

Zum Glück gibt es gleich um die Ecke einen Cyber, d.i. ein Cyber-Shop, in dem man für wenig Geld surfen und auch mal eine Seite oder zwei ausdrucken kann, wenn man keinen eigenen Drucker besitzt. Abends ab 18:00 Uhr sind fast alle Plätze ausnahmslos mit Teenies belegt, die entweder Call of Duty, Grand Theft Auto online spielen oder ihre Idole, Ikonen der Musikindustrie, anhimmeln. Neulich waren einige etwa 13- oder 14jährige Mädchen da, die immer wieder ihren Lieblingssong, gesungen von einer der hiesigen Pop-Diven, im Karaoke-Stil nachzusingen versuchten. Bestimmt eine Stunde oder länger konnte ich mir immer wieder den selben Song anhören – Mädchen-Pop der schlimmsten Sorte – und dazu noch den Gesang der Hobbypopsternchen, die oft nicht nur einen Ton danebenlagen. Sie genierten sich überhaupt nicht, dass alle im Raum zuhörten, und schienen erst zufrieden, als sie dann wenigstens ein paar Töne getroffen hatten.

Gleich neben dem Cyber-Shop befindet sich eine Art Restaurant, in dem sich die Anwohner Freitags und am Wochenende zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein treffen. Zwar hat es in den letzten paar Jahren in Cumbayá viele tiefgreifende Veränderungen gegeben, weil reiche Quiteños oder solche, die sich bloß für wohlhabend halten, hierher gezogen sind, sich Grund und Boden inklusive neuer Häuser gekauft und damit letztlich die Grundstückspreise ruiniert haben, dennoch findet man immer noch Inseln, in denen die Alteingesessenen in ihren einfachen Häuser dem Luxuswahn trotzen. Das Restaurant ist nichts weiter als ein Holzkohlegrill unter einem mit Wellblech gedeckten Vordach. Dahinter, unter dem Dach, hat die Besitzerin einige Stühle und Tische für die Gäste aufstellen lassen. Die übliche Kundschaft kommt aus der Nachbarschaft. Es gibt solche einfachen Gerichte wie gegrilltes Fleisch mit Maiskolben oder Salchipapas, das sind dicke Pommes frites (Papas fritas) mit einer gegrillten Wurst (Salchicha). Die Leute sitzen in der lauen Abendluft, schlagen sich die Bäuche mit den deftigen Gerichten voll, trinken Bier aus der Flasche und unterhalten sich bis spät in die Nacht hinein. Einmal wollte ich mir auch eine Portion gestatten, aber meine Frau riet mir mit vor Entsetzen geweiteten Augen ab, als könnte ich mir durch die Bestellung eines einfachen Gerichts den Tod auf dem Teller einhandeln. Bei allem, was gegrillt, gebraten oder frittiert ist, muss man sich nicht wirklich sorgen. Acht geben sollte man jedoch bei den vermeintlich gesunden Nahrungsmitteln wie Salaten und frisch gepressten Säften, von denen ich, eingedenk meiner Erfahrungen während vorangegangener Reisen, lieber die Finger lasse. Vielleicht mag meine Frau auch deshalb nicht dort essen, weil kein Salat angeboten wird. Mein Sohn jedenfalls machte schon ganz große Augen als er den Teller mit den Papas fritas und der Salchicha sah.

Die meisten Leute haben nicht viel Geld in der Tasche und zehn oder zwanzig Dollar sind für manch einen ein kleines Vermögen. Auf der letzten Hausversammlung hatten die Mieter und die Besitzer von Wohneigentum lebhaft die Frage der Sicherheit diskutiert. Unbekannte waren in die Parketage eingedrungen und hatten versucht, eines der Autos gewaltsam aufzubringen. Auf der Versammlung hatte man in Abstimmung mit dem Besitzer der Anlage beschlossen, dass ein Concierge eingestellt würde, der sich um alle Belange kümmern könnte. Natürlich muss der Concierge von den Mietern bzw. Wohnungseignern bezahlt werden. Seit etwa einer Woche wirbelt ein junger Mann durch die Anlage, beseitigt den Müll, nimmt kleinere Reparaturen vor und schrubbt die Böden blitzblank. Das ist wirklich kein leichter Job, und den ganzen Tag Fußböden schrubben, kann einen schon ordentlich fordern. Ich habe erfahren, dass er eine Frau hat und dass die beiden ein Baby haben. Man müsste annehmen, dass die Arbeit, die er tagtäglich verrichtet, gut genug bezahlt ist, um die Familie ernähren zu können, zumal das Einkommen seiner Frau für die Zeit nach der Entbindung entfällt. Wie man sich erzählt, gehört er einer Familie an, in der das Dienstbotendasein Tradition hat: Seit Generationen steht man im Dienste „der Reichen“ und verrichtet all die niederen Tätigkeiten, die man sich – reich oder nicht – am liebsten ersparen möchte. Ich war schockiert zu hören, dass er gerade einmal dreihundert Dollar pro Monat verdient. Ich glaube allerdings nicht, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Aber man bräuchte schon mehrere solcher Jobs, um in einer derart teuren Stadt wie Cumbayá einigermaßen über die Runden zu kommen.

Das Leben in Ecuador und im Speziellen in Cumbayá ist unglaublich teuer; manchmal scheint mir, sogar noch teurer als in Deutschland. Ein Kollege meiner Frau gestand, er und seine Frau bräuchten im Monat gut tausend Dollar für Nahrungsmittel – ernähren sich diese Leute nur von Trüffel und Kaviar? Es ist jedoch wahr, dass man für einen ganz normalen Familienwocheneinkauf ein kleines Vermögen lassen kann. Einhundert Dollar sind schneller ausgegeben, als man es für möglich halten möchte, und damit ist ein Einkaufswagen, wie man sie üblicherweise in den Supermärkten vorfindet, noch kaum gefüllt.

Neulich Morgens fuhren wir mit dem Taxi zur Schule. In der Deutschen Schule beginnt die Arbeit um 7:30 Uhr und meine Frau muss ein wenig früher da sein, weil es Lehrern auch außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten nie an Arbeit mangelt. Der Unterricht an der Schule meines Sohnes beginnt erst Punkt 8:00 Uhr. Also fahren wir mit dem Taxi zuerst zum Colegio Alemán, setzten meine Frau ab, und dann geht die Fahrt weiter zur British School. Die erste Etappe kostet 2,50 Dollar. Die Fahrt von der Deutschen Schule weiter zur Schule meines Sohnes, die etwas außerhalb liegt, schlägt noch einmal mit derselben Summe zu Buche. Dort angekommen, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zwanzig-Dollar-Schein, um die Fahrt, fünf Dollar insgesamt, zu bezahlen. Doch der Fahrer hatte nicht genug Wechselgeld in seinem Portemonnaie und konnte mir nicht herausgeben. Die Situation hätte Anlass zu einiger Verwirrung geben können, doch der Taxifahrer meinte nur, ich könne ihm das Geld auch irgendwann später geben. Er wohne ebenfalls im Sektor Santa Inés (das ist unser Stadtteil in Cumbayá) und er werde Nachmittags um fünf Uhr vorbeikommen, um das Geld in Empfang zu nehmen. Als ich gegen halb drei mit dem Bus losfuhr, um meinen Sohn von der Schule abzuholen, sah ich ihn wieder mit seinem Taxi auf der Straße. Er fragte mich im Vorbeifahren, ob ich Geld gewechselt hätte, doch ich musste passen – ich hatte den großen Schein noch immer in der Tasche.

Wenn ich meinen Sohn von der Schule abhole, nehmen wir immer den Bus. Der Bus ist das weitaus geläufigste öffentliche Verkehrsmittel in Ecuador und fast überall das einzige. In Cuenca, einer Stadt im Süden des Landes, entsteht ein Straßenbahnnetz, doch Cuenca bleibt damit wohl auf lange Zeit eine Ausnahme. Das gewöhnliche und meistbenutzte Verkehrsmittel bleibt nach wie vor der Bus. Seit Jahren nun schon liegen Pläne vor, das arg strapazierte Verkehrsnetz von Quito durch eine U-Bahn zu entlasten. Die Planungen sind weit fortgeschritten und eigentlich hätte mit dem Bau schon begonnen werden müssen, wenn sich nicht Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel geregt hätte. Eine U-Bahn-Fahrt soll vierzig Cent kosten. Die Fahrt wäre damit deutlich teurer als eine Fahrt mit dem Bus, die den Fahrgästen gerade einmal 25 Cents abverlangt, und zwar unabhängig davon, wie weit man fährt. Viele Menschen fürchten, dass sie sich dann Fahrten nicht mehr leisten könnten, und sie sind deshalb gegen den Bau der Metro.

Wenn man wissen will, wie dieses Land tickt, muss man mit dem Bus fahren. Das Liniennetz ist erstaunlich verzweigt und im Prinzip kommt man zu jedem Ort der Stadt ohne jemals ein Taxi benutzen oder weit zu Fuß gehen zu müssen. Selbstverständlich darf man auf einigen Strecken nicht denselben Komfort erwarten wie im eigenen Auto. Manchmal sind die Busse regelrecht überfüllt und man muss stehen, was wirklich unangenehm sein kann, wenn der Fahrer meint, die Passagiere bräuchten etwas Frischluft und in voller Fahrt die Türen aufreißt. Auf den längeren Routen, wie zum Beispiel zwischen Quito und Cumbayá, verkehren richtige Reisebusse mit bequemen Polstersitzen, und meistens ergattert man auch einen Sitzplatz, so dass man die Fahrt ganz entspannt genießen kann. Die Fahrer halten auch nur an den Haltestellen, und nicht etwa zwischendurch, wie auf den kürzeren Strecken, wo man nur den Arm heben muss, und schon bremst der Bus und man springt ab oder auf.

Auf den längeren Routen steigen an fast jeder Station fliegende Händler zu und versuchen, ihre Ware an den Mann oder die Frau zu bringen: frisches Gebäck, Eis, Feuerzeuge, Zeitungen, Kugelschreiber, Kaugummis, Schokolade. Es gibt kaum etwas, was man nicht im Bus kaufen kann. Die Fahrer lassen die Händler seelenruhig gewähren; vielleicht bekommen sie ein kleines Handgeld. Einmal versuchte ein Hare-Krishna-Jünger sein Glück. Zuerst hielt er eine Bekehrungsrede, die so professionell wirkte, dass jede x-beliebige Werbeagentur ihn von der Stelle weg eingestellt hätte. Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, verteilte er Büchlein, in denen man Lebenshilfe und Anleitungen zur Meditation finden konnte. Wer mochte, konnte eines der Bücher für nur einen Dollar erstehen, die anderen sammelte er bis zum nächsten Stopp wieder ein. Am Ende war er bestimmt ein Dutzend Bücher losgeworden. Meine Frau war schon versucht, eines zu kaufen, aber mein skeptischer Blick hielt sie dann doch zurück.

Von unserem Viertel (Santa Inés) aus fährt so ein kleiner Tingel-Tangel-Bus bis ins Zentrum von Cumbayá und wieder zurück. Morgens können die Busse richtig voll werden, denn die Bediensteten der reichen Haushalte fahren von den ärmeren Vierteln, wo sie wohnen, in die Stadtteile der Reichen. Köchinnen, Wäscherinnen, Kinder- und Putzfrauen, Haushälterinnen, Gärtner, Chauffeure, Handwerker, Wachschutzleute – sie alle müssen zu Arbeit und sie alle nehmen den Bus, der nur schleppend vorankommt, denn alle fünfzig Meter ruft jemand „Gracias“ – das Zeichen, dass der Fahrer anhalten möge. Einige Menschen steigen dann aus und eilen auf zigfach gesicherte Tore oder Türen zu, durch die sie nach der üblichen Gesichtskontrolle eingelassen werden. So geht das über die ganze Strecke und wenn ich dann schließlich zuhause ankomme, ist der Bus fast leer.

Am Nachmittag, wenn ich meinen Sohn von der Schule abholen möchte, fahre ich erst bis ins Zentrum von Cumbayá. Dort nehme ich dann den Bus Richtung Tumbaco (das ist die nächste Gemeinde weiter östlich). An der Haltestelle muss man nie lange warten, denn während ein Bus abfährt, sieht man schon in der Ferne den nächsten anrollen. Eigentlich sind es nur drei oder vier Kilometer bis nach Tumbaco, doch die nagelneue Autopista nimmt einen ziemlich weiten Umweg um das Tal des Rio San Pedro. Der Fluss hat sich derart tief ins Erdreich gegraben, dass das Flusstal stellenweise zur Schlucht mit fast senkrechten Wänden wird. Nach Tumbaco geht es mit leichtem Gefälle abwärts und die Fahrer lassen keine Gelegenheit aus, um wieder einmal den Streckenrekord zu brechen. Da die Straße einige Kurven hat, ist es ratsam, sich gut festzuhalten, will man nicht ständig willenlos gegen den Sitznachbarn gepresst wird.

Ich fahre nie ganz bis nach Tumbaco, sondern steige immer schon an der Station „El Nacional“ aus. Dabei handelt es sich um eine riesige Trainingsstätte für Nachwuchsfußballer – Fußballfelder so weit das Augen reicht. Vom Bus aus sieht man zu jeder Tageszeit Dutzende von Nachwuchstalenten auf den penibel gepflegten Rasenplätzen kicken. Auf der anderen Seite der Straße liegt ein Park und genau davor befindet sich die Haltestelle, an der mein Anschlussbus schon startbereit wartet. Meist stärken sich die Fahrer jedoch erst mit einem Snack an den Imbissbuden direkt oberhalb der Haltestelle. Auch geben sie den Händlern so Gelegenheit, noch einmal durch die Busse zu gehen und ihre Waren feilzubieten.

Zur British School geht es überwiegend bergauf und die Busse schleppen sich mühsam auf den von Schlaglöchern gesäumten Straßen entlang. Es geht durch einfache Wohnviertel, manchmal sieht man Werkstätten oder kleine Geschäfte. Die Straße, an der die Schule liegt, ist die Calle Cunuyacu. Zu sehen gibt es nicht viel, doch seit einiger Zeit hat man auf einigen der Grundstücke, die direkt an die Straße grenzen, zu bauen begonnen. Riesige Werbetafeln, mit denen Käufer angelockt werden sollen, verraten mehr: Errichtet werden Luxus-Wohnsiedlungen, moderne, weitläufige Anlagen mit 24-Stunden-Bewachung, mit Mauern, Elektrozäunen und Scheinwerfern. Vielleicht, so das Kalkül der Bauherren, wollen dieselben Leute, die ihre Kinder auf eine teure und exklusive Privatschule schicken, gleich in der Nähe ihrer Schützlinge wohnen.

Von allen Eltern der etwa dreihundert Schüler der British School bin ich der einzige, der mit dem Bus anreist, um sein Kind abzuholen. Manchmal sieht man ein, zwei Taxis, der Rest fährt mit dem eigenen Wagen vor. Das sind Fahrzeuge im überwiegend hochpreisigen Segment, wenn nicht sogar aus der Luxussparte. Mehrmals sah ich tatsächlich einen Porsche, die meisten anderen Gefährte sind dagegen eher geländegängig, allradgetrieben und mehr als bloß ausreichend stark motorisiert. Man kommt sich vor, als wäre man auf einer Autoshow, denn viele der Wagen sehen nagelneu aus. Jedes Mal, wenn ich am Eingang der Schule stehe und auf den Bus warte, treffen mich neugierige wie gleichermaßen irritierte Blicke aus dem klimatisierten Innern der vorbeiziehenden Autokarawane: Gehört der dazu? Warum steht er dort? Ein Gringo-Opa guckte mich an, als hätte er noch nie jemanden auf den Bus warten sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass in den USA nur die Menschen mit dem Bus fahren, die so arm sind, dass sie sich kein eigenes Auto leisten können. Und da muss man schon wirklich sehr arm sein, denn kurioserweise gibt es Obdachlose, die in Autos leben. Ich glaube, auch wenn wir unser eigenes Auto bekommen sollten – es kann sich nur noch um Wochen handeln –, werde ich die Gewohnheit beibehalten, und mit dem Bus zur Schule meines Sohnes fahren.

Ich denke, viele der Menschen, die ihre Kinder auf solch teure Schulen schicken, haben den Kontakt zur Wirklichkeit in diesem Land verloren oder überhaupt nie einen Kontakt zum Leben gehabt. Mit dem wirklichen Leben, wie es sich direkt vor ihrer Haustür abspielt, kommen sie kaum je in Berührung. Wie sollte man auch – man wohnt in beschützten Wohnanlagen, fährt im klimatisierten Auto durch die Stadt anstatt auch nur ein paar Meter zu Fuß zu gehen, kauft in teuren Malls ein und lässt sich die Einkäufe auch noch vom Angestellten des Supermarktes ins Auto packen, das im gesicherten Parkhaus wartet. Viele dieser Leute begegnen niemals den „normalen“ Ecuadorianern, es sei denn als Hausangestellten und dann vermeidet man es wohl eher, von ihnen Kenntnis zu nehmen. Man umgibt sich mit seinesgleichen oder mit jenen Einheimischen, die durch ihren Reichtum ein ähnlich hohes soziales Prestige, wie man es selbst zu besitzen glaubt, für sich in Anspruch nehmen können. Manche von ihnen erscheinen vor der Schule tatsächlich mit ihren Hausangestellten, der Nanny etwa oder der Haushälterin. Man erkennt es an der Kleidung: Während der Herr Business-Anzug trägt und die Dame mit Geschmack sich mit teurer Designerkleidung und edlen Accessoires schmückt, ist die Bedienstete schmucklos in Kittelschürze und Arbeitsanzug gehüllt. Man zweifelt manchmal, ob all die Revolutionen, in die sich die Menschheit für eine bessere Welt stürzte, wirklich etwas genützt haben.

Oberhalb der Schule, nicht mehr als zweihundert Meter entfernt, thront ein Franziskaner-Konvent wie eine einsame Bergfestung am Hang. Dieselbe Straße, auf der die Eltern ihre teuren Autos parken, wenn sie die Kinder abholen, führt hinauf zum Sanctuario Eucaristico, wie auf einem Hinweisschild vor der Schule zu lesen ist. Ich frage mich, was die Franziskaner wohl denken mögen angesichts des eitlen Schaulaufens, das tagtäglich vor ihren Augen vorbeizieht. Ich hätte nicht übel Lust, einmal hinaufzugehen und sie zu fragen. Schließlich wies der Heilige Franz von Assisi, der Gründer des Ordens, jeglichen Besitz von sich und er vertrat sogar der Meinung, die Kirche sollte arm sein. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass der derzeitige Papst ihn zum Namenspatron erkoren hat. Ich hoffe, ich nehme irgendwann einmal all meinen Mut zusammen und statte den Brüdern auf dem Berg einen Besuch ab, vorausgesetzt, sie wollen mich überhaupt empfangen.

Die Rückfahrt von der Schule nach Hause ist weit spektakulärer als die Hinfahrt. Nicht nur führt die Strecke über weite Teile bergab, der Bus ist in der Regel auch voll besetzt. Eine Maximalkapazität scheint es nicht zu geben und jeder, der den Bus heranwinkt, wird auch mitgenommen. So kommt es gar nicht so selten vor, dass die Türen nicht mehr geschlossen werden können, weil sich die Fahrgäste so eng drängen, dass der Platz nicht mehr reicht, um für solche Nebensächlichkeiten wie geschlossene Türen zu sorgen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich dies erst ein einziges Mal erlebt habe und dann auch nur am Morgen, wenn die Leute ohnehin spät dran sind und jeden Bus nehmen, den sie kriegen können. Ich hatte gerade meinen Sohn zur Schule gebracht, und da kam auch schon der Bus, mit dem ich nach Hause fahren würde. Als er vor mir hielt und die Tür sich öffnete, sah ich nichts als einen Wust von dicht gedrängten Leibern. Ich hätte auf den nächsten Bus in zehn Minuten warten können. Andererseits hatte ich noch nicht gefrühstückt und mir war deshalb schon ganz flau zumute. Länger wollte ich nicht warten. Also stieg ich ein in der Hoffnung, dass sich der Bus auf der Strecke rasch leeren würde.

Ich hatte gerade meinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als der Fahrer auch schon das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat. Man tut gut daran, sich mit aller Kraft festzuhalten, denn die Fahrer nehmen weder Rücksicht auf den Komfort noch die Sicherheit der Fahrgäste. Während der Bus beschleunigte, hing ich noch halb aus der Tür und es gelang mir auch nicht, mich zwischen die anderen Passagiere in den Bus zu schieben. Mir war nur zu deutlich bewusst, dass ich wohl unweigerlich mit dem nächsten Laternenpfahl Bekanntschaft machen müsste, würde ich den Griff loslassen – nicht, dass ich die Absicht gehabt hätte! Auf der Rückfahrt ist die Strecke ziemlich abschüssig und die Fahrer nutzen jede Gelegenheit, die Maximalgeschwindigkeit aus ihren Fahrzeugen herauszukitzeln. Bei manchen Bodenwellen hat man das Gefühl, der Magen würde sich umstülpen und in den Kurven zerren die Fliehkräfte so unerbittlich, dass man glaubt, man wäre nicht in einem Bus, sondern hätte sich ins Astronautentraining verirrt.

Der Fahrtwind pfiff scharf an meinem Gesäß vorbei und ich schmiegte mich ganz eng an den Bus, denn ich fürchtete, ich könnte an irgendeinem der Zaunpfähle oder Mauervorsprünge hängen bleiben, an denen wir mit wahnwitziger Geschwindigkeit vorbeirasten. Neben mir stand die Kassiererin; sie lehnte lässig in der Tür und hielt sich ebenso lässig fest. In der anderen Hand hatte sie das Wechselgeld. Das Buspersonal auf den längeren Strecken ist immer in Zweierteams unterwegs: einer fährt, der andere kassiert, nur weiß man nicht, welcher der anspruchsvollere Job ist, denn gerade wenn die Busse voll sind, hangeln die Kassierer sich mit nahezu artistischer Gelenkigkeit durch den Fahrgastraum oder springen bei Stopps aus einer Tür, kassieren in einem irren Tempo das Geld von den Fahrgästen, die gerade aussteigen, und springen ebenso verwegen wieder durch die andere Tür in den Bus, während der Fahrer schon mit Vollgas beschleunigt. Als die Kassiererin mich nach Fahrgeld fragte, konnte ich mit Mühe und Not den geforderten Vierteldollar aus der Tasche kramen. Dabei schielte ich immer wieder ängstlich auf die vorbeirasende Umgebung.

An der nächsten Haltestelle stiegen einige der Passagiere aus; etwas Platz wurde frei und ich nutzte die Gelegenheit, weiter ins Innere des Busses vorzudringen. Ein Mann neben mir fragte: „Do you speak English?“ Es kommt so gut wie nie vor, dass man in Ecuador auf Englisch angesprochen wird. Umso verwunderter war ich, dass mich ausgerechnet jemand im Bus fragte, wo doch selbst in den teuren Boutiquen der Shopping-Malls ausschließlich Spanisch gesprochen wird. Ich musste seine Frage bejahen und er schickte voller Neugier sofort die nächste Frage hinterher: woher ich käme. Ich sagte es ihm und er überlegte eine Weile, was dies wohl zu bedeuten hätte. Dann hielt der Bus, die Tür ging auf und weitere Passagiere drängten sich zwischen uns.

Auf der Strecke zwischen Tumbaco und Cumbayá wurde ich abermals „erkannt“: Ich stieg nichtsahnend in den Bus und hangelte mich bis in die Mitte vor, damit ich den Leuten, die aussteigen wollten, nicht im Wege stünde. Irgendwo mitten im Gang standen zwei junge Männer, die aussahen wie Gringos oder Europäer – also wie ich. Völlig ahnungslos blickte ich auf und sie deuteten den Blickkontakt offenbar als Zeichen, denn sie grüßten mich, als würden wir uns gut kennen, als wären wir seit ewigen Zeiten Kameraden und Reisegefährten auf abenteuerlichen Wegen. Man muss entweder ziemlich verzweifelt sein oder von starkem Heimweh geplagt werden, wenn man den Erstbesten grüßt, der aussieht, als würde er von dort stammen, wo man selbst herkommt. Ich erwiderte ihren Gruß eher desinteressiert, weil ich es für ganz schön kühn halte, jemanden als Geistesverwandten anzusehen, nur weil er vielleicht vom selben Kontinent stammt.

Es ist übrigens für einen normal großen Europäer oder Amerikaner gar nicht so einfach, eine längere Busfahrt zu unternehmen, wenn man dabei nur einen Stehplatz hat. Der normal große Ecuadorianer kann in einem landesüblichen Bus bequem stehen. Schwieriger wird dies für Menschen ab einer Körpergröße von etwa 1,85 Metern. Wenn ich in einem der Linienbusse aufrecht stehe, reibt mein Schädeldach am Wagenhimmel. Ich mache mich aber immer ein wenig kleiner, federe in die Knie und ziehe den Kopf ein, denn man muss stets damit rechnen, dass der Bus in eine Delle taucht oder über eine Bodenwelle springt. Die rasant-sportliche Fahrweise der meisten Fahrer tut noch ein Übriges. Der Reisekomfort ist doch ganz erheblich eingeschränkt, wenn einem der Kopf ständig gegen die Decke gerammt wird. Aber manchmal hat man ja Glück und kann sitzen. Da scherzt dann nicht das Schädeldach, sondern die Knie, denn auch der Abstand zwischen den Sitzen ist auf eine kleinere Körpergröße geeicht.

Ich habe die ersten Schritte unternommen, mich meinem kulturellen Umfeld zumindest optisch anzugleichen. Ein wenig Bräune macht aus mir zwar noch keinen Ecuadorianer, zumindest aber glaubt man nun nicht mehr, ich sei gerade dem Flugzeug entstiegen. Nichts sticht hier mehr hervor als ein kreideweißer Teint. Eigentlich ist hier niemand wirklich blass, es sei denn, er käme aus einem kalten, dunklen Land oder wäre rothaarig. Man müsste sich schon sehr anstrengen, um die aristokratische Blässe auf Dauer zu bewahren, denn die Sonne scheint am Tag nahezu ununterbrochen und schließlich kann man sich nicht für immer im dunklen Zimmer vergraben.

Zur Zeit ist es so warm wie an einem heißen Badetag in Berlin. Erst in den Abendstunden kühlen die Temperaturen dann aufgrund der Höhe wieder merklich ab, was aber zugleich den Vorteil hat, dass man gut schläft. Der Himmel strahlt blau in Blau und wenn doch einmal Wolken aufziehen, ist man froh darüber, dass einem die Sonne einmal nicht den ganzen Tag auf den Pelz brennt. Man fragt sich, ob es wohl hin und wieder regnet. Manch Schöne, die ihren makellos weißen Teint nicht durch den geringsten Anflug von Farbe entstellt sehen möchte, wechselt die Straßenseite im Laufschritt, nur um ja schnell wieder in den Schatten zu gelangen. Während sie durch die pralle Sonne eilt, hält sie ihre Hand über den Kopf, damit das Gesicht beschattet ist. Was würde sie wohl denken, wenn sie die sommerlichen Parks und Badestrände Berlins mit ihren Sonnenanbetern sähe? Ich habe gerade gelesen, dass die Temperaturen im spätsommerlichen Berlin noch einmal bis auf 25 Grad steigen. Wenn ich Berlin auch ein wenig vermisse, den Winter vermisse ich ganz bestimmt nicht! Ich bin froh, dass mir das nasskalte Wetter und die arktische Dunkelheit erspart bleiben. Zwar gibt es auch hier eine Art „Winter“, doch regnet es dann mehr. Richtig kalt wird es aber nie und wenn es einen doch danach verlangen sollte, wieder einmal im Schnee herumzutollen, müsste man schon bis auf fast 6.000 Meter aufsteigen. Man sollte nur Acht geben, dass man sich für diese Unternehmung keinen aktiven Vulkan aussucht, der kurz vor dem Ausbruch steht, wie derzeit der Cotopaxi, wenn man den Vulkanologen glauben will. Dann kann es nämlich richtig warm werden, höllisch warm.

Ich bin jetzt fleißig dabei, Spanisch zu lernen. Aber ich muss ehrlich bekennen: es fällt mir unglaublich schwer. Mein Hirn sträubt sich regelrecht dagegen, selbst die einfachsten Wörter zu behalten. Aber Vokabeln zu pauken ist auch wirklich nicht die Art von Ablenkung, die man sich an einem lauen Sommerabend wünscht, zumal hier jeder Abend ein lauer Sommerabend ist. Es geht langsam voran, viel langsamer als ich mir wünschte. Nichtsdestotrotz mache ich Fortschritte. Manchmal jedoch sind nicht Bücher die besten Lehrmeister, manchmal lehrt einen der Alltag mehr als alle Weisheit, die man in Büchern finden kann: Zumindest weiß ich jetzt, was in Ecuador „cool“ heißt: chevere (gesprochen: tschéwere; „Wie cool!“ heißt dann que chevere, gesprochen: ke tschéwere). Und auch solch ein nützliches, kaum zu unterschätzendes weil oft gebrauchtes Wort wie „Schlumpf“ kenne ich jetzt: pitufo. Damit ist es nun möglich, in jedem tiefschürfenden Gespräch den richtigen Akzent zu setzen: Que chevere, pitufo – Wie cool, du Schlumpf.

Santo Domingo

Auf dem Weg nach Quito wollten wir einen Abstecher zu meinem Schwiegervater machen. Er wohnt in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Bahía und Quito, und er hatte uns eingeladen, ein paar Tage in seinem Haus zu verbringen. Am Ende blieben wir aber nur einen Tag und eine Nacht.

Der Busbahnhof von Bahía liegt etwas außerhalb der Stadt. Wir waren spät dran, denn es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, morgens um 7:00 Uhr ein Taxi in Bahía zu bekommen. Wir erreichten unseren Bus gerade noch rechtzeitig zum angezeigten Abfahrtstermin, nur um feststellen zu müssen, dass sich die Abfahrt verzögerte. So standen wir also mit unseren Koffern vor dem Bus und warteten, dass es endlich los ging. Zufällig fiel mein Blick auf einen der Reifen und mit einer gewissen Gleichgültigkeit stellte ich fest, dass von Profil keine Spur mehr zu sehen war. Sollte ich jetzt beunruhigt sein? Ich nahm es stoisch wie die Einheimischen.

Mit beträchtlicher Verzögerung fuhren wir von Bahía ab. Die Strecke führte in einem riesigen Bogen um die ganze Bucht herum und die Straßen in dieser Gegend waren in einem Zustand, wie ich ihn noch von damals, vor über zwanzig Jahren in Erinnerung habe: Weite Abschnitte waren ungepflastert und wenn doch, gab es mehr Löcher als Asphalt. Wir fuhren kaum schneller als dreißig und einige Stellen konnte der Fahrer nur im Schritttempo passieren, sonst hätte ihm der löchrige Untergrund womöglich die Achsen ruiniert. Unsere Route führte vorbei an Palmstrohhütten zwischen Bananen- und Mangobäumen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der kleinen, auf Stelzen errichteten Häuser elektrischen Strom hat oder über sauberes fließendes Wasser verfügt. Die Gegend wirkte, als wäre die Zeit vor über hundert Jahren einfach stehengeblieben.

Es dauerte nicht lange und wir kamen in Gegenden mit weit besser ausgebauter Infrastruktur. Die Straßen waren nun neu und in wirklich erstklassigem Zustand. Der Fahrer unseres Busses packte die Gelegenheit beim Schopfe und fuhr die Zeit, die er auf den schwer passierbaren Wegen verloren hatte, nun wieder herein. Wann immer möglich, kitzelte er das Letzte aus der Maschine heraus. Die Autopista schlängelte sich durch hügeliges Gelände und es schien für den Fahrer eine Frage der Ehre zu sein, die Kurven mit maximal möglicher Geschwidigkeit zu nehmen. Wie die Testdummies wurden wir in den Sitzen hin- und hergeschleudert. Ein paar Mal musste ich mich an der Lehne festhalten, damit ich nicht in den Gang fiel. Nach zwei Stunden rasanter Kurvenfahrt war mir schon ganz schwindelig und es war ein Wunder, dass sich niemand übergeben musste.

Während sich der Bus in die Kurven legte, lief das Ruhigstellungsprogramm für die Fahrgäste. Man zeigte „San Andreas“, einen Katastrophen-Blockbuster mit Dwayn „The Rock“ Johnson, der seine unglaublich muskulösen Arme gegen ein Erdbeben zum Einsatz bringt – oder wie auch immer. Der Film wurde nur kurz unterbrochen, als wir an einem Comedor stoppten, um zu Mittag zu essen. Es war dieselbe Kantine, bei der wir schon auf der Fahrt nach Bahía eine Rast eingelegt hatten. Nur die wenigsten der Fahrgäste bestellen etwas zu Essen. Die meisten saßen mit fahlen Gesichtern an den Tischen und nippten von ihren Getränken. Die Hochgeschwindigkeitsfahrt durch den Slalom-Parkour hatte ihnen den Appetit geraubt. Mein Sohn und ich gönnten uns ein Eiscreme-Sandwich und dann auch noch ein zweites, meine Frau aß ihren Lowfat-, Lowcarb-, Lowalles-Hähnchenschenkel mit viel, viel Salat. Nach kurzer Rast ging die Fahrt weiter.

Eine Stunde später trafen wir in Santo Domingo ein. Nur zwei Parteien verließen den Bus: wir (meine Frau, mein Sohn und ich) und ein junges Pärchen. Der Busfahrer setzte uns irgendwo mitten in der Stadt vor einer Tankstelle ab, stellte uns die Koffer vor die Füße, schwang sich in seinen Bus und sauste davon. Wir blieben etwas verwirrt zurück. Sollten wir nicht am Busbahnhof aussteigen? Es kann gefährlich werden, irgendwo längere Zeit mit Koffern herumzustehen. Meine Frau rief sogleich ihren Vater an und schilderte ihm die Misere. Schon wenige Minuten später holte er uns mit dem Auto ab und wir fuhren zu seinem Haus.

Mein Schwiegervater ist ein netter alter Mann. Viel haben wir nicht miteinander zu bereden, denn er spricht keine andere Sprache als Spanisch und meine Spanischkenntnisse sind so erbarmungswürdig gering, dass kein gescheites Gespräch zustande kommt. Meine Frau plaudert jedoch ununterbrochen und man hat den Eindruck, die zwei verstehen sich. Der Schwiegervater lädt uns zum Mittagessen ein und auch am Abend sind wir seine Gäste. Als weitgereister Mann hat er offenbar ein Faible für italienisches Essen. Zweimal müssen wir in Restaurants essen, die zwar teuer sind, deren authentische italienische Küche aber in Zweifel zu ziehen ist. Da man meinen Schwiegervater im Restaurant gut zu kennen schien, ging ich davon aus, dass er dort Stammgast ist. Ich lobte das gute Essen und beschränkte mich ansonsten aufs Biertrinken. Ich hielt mich an die einheimische Marke; das „Club“ ist sehr gut. Wein vertrage ich nicht so gut, obwohl es sich um eine Flasche guten chilenischen Weines handelte, den man uns an diesem Abend kredenzte.

Mein Schwiegervater wohnt irgendwo mitten in Santo Domingo. Ich hätte nicht sagen können, ob im Zentrum oder außerhalb, denn die Stadt sieht für meine Augen überall gleich aus. Es gibt keine Blickpunkte und keine Sehenswürdigkeiten. Noch vor fünfzig Jahren war Santo Domingo ein unbedeutender Flecken, kaum der Erwähnung wert, doch seither ist der Ort rasant gewachsen. Beim Bauen hat man mehr Wert auf Funktionalität denn auf Ästhetik gelegt – alles ist auf den rein praktischen Aspekt hin ausgelegt. In der Stadt gibt es keinen Ort, der das Auge erfreut oder der geeignet wäre, die Seele zu erquicken, um es einmal poetisch auszudrücken. Die Einwohner behaupten zwar steif und fest, ihre Stadt sei schön, doch der Durchreisende weiß es besser.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen. Seit die Kinder ausgezogen sind, wohnt mein Schwiegervater allein in seinem riesigen Haus. Eine Haushälterin sorgt mit nie nachlassender Energie dafür, dass die Zimmer so aufgeräumt und sauber sind wie die Intensivstation eines Krankenhauses. Unser Gastgeber hat zum Frühstück Bollos servieren lassen. Das ist ein mit Maní, also Erdnusspaste, versetzter Maismehlteig, der zusammen mit fettem Schweinefleisch in einem Bananenblatt gedämpft wird. Ich konnte nur so weit essen, bis mir das Fett glänzend und wabbelig wie Götterspeise entgegenkam. Die schlimmsten Erinnerungen meiner Kindheit kamen plötzlich wieder hoch. Der Appetit war mir augenblicklich vergangen. Ich entschuldigte mich damit, dass ich auf Reisen nie sonderlich Hunger hätte.

Von Santo Domingo aus fuhren wir mit einer Art Sammeltaxi zurück nach Cumbayá. Das ist zwar teurer als eine Reise im Bus, bietet aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man von Haustür zu Haustür gefahren wird. Zusammen mit dem Fahrer waren wir fünf, eine Frau aus Quito reiste mit uns zusammen. Als ich mich von meinem Schwiegervater verabschiedete, fragte er mich, wann wir wiederkommen würden. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht genau, wahrscheinlich in den Ferien. In diesem Augenblick war er nur ein einsamer alter Mann, der sich nach Gesellschaft sehnte.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.

Kaufrausch in Quito

Heute wurden Kühlschrank, Herd und Matratzen in unsere neue Wohnung geliefert. Wir haben eine Wohnung in Cumbayá angemietet, weil das Colegio Alemán (die Deutsche Schule Quito), in der meine Frau als Lehrerin arbeiten und die unser Sohn besuchen wird, ganz in der Nähe liegt. Zwar wäre es reizvoll gewesen, in Quito selbst zu wohnen, allerdings hätten wir dann jeden Morgen einen ziemlich langen und stressigen Anfahrtsweg zu bewältigen gehabt. Die letzten Tage haben wir in der Wohnung einer Bekannten meiner Frau verbracht. Von dort sind es mindestens zwanzig Minuten mit dem Taxi nach Cumbayá. Schon am Vortag musste ein Transporter für den nächsten Morgen bestellt werden, denn ein normales Taxi hätte alle unsere Koffer und Neuanschaffungen nicht in einer Tour bewältigen können. Bis 10:00 Uhr mussten wir in unserer neuen Wohnung sein, weil dann Kühlschrank, Herd und Matratzen geliefert werden sollten. Was sollte da schon schief gehen, dachte ich mir.

Schon gegen 7:00 Uhr klingelte uns der Fahrer, der den Kühlschrank liefern sollte, aus dem Bett. Er wäre in einer halben Stunde bei der Wohnung – ob uns das recht sei. Wir erklärten ihm, dass wir erst ab 10:00 Uhr den Kühlschrank entgegennehmen könnten. Etwas später rief der Fahrer des Transporters an. Er meinte, er könne die Tour heute nicht machen, weil er nicht nach Quito fahren dürfe. Das hat folgende Bewandnis: Um den Verkehr nach Quito zu regulieren, hat man beschlossen, dass an bestimmten Wochentagen Fahrzeuge mit einer bestimmten Endnummer auf dem Nummernschild nicht nach Quito oder heraus fahren dürfen, an anderen Tagen wiederum Fahrzeuge mit anderen Endnummern usw. Heute war eben der Transporter dran – wie hätte der gute Mann auch wissen sollen, dass er ausgerechnet an diesem Tag nicht fahren kann. Meine Frau regte sich furchtbar auf, denn schließlich hatten wir einen Termin zu halten und der Fahrer hatte sein Wort gegeben, pünktlich zu sein. Nach vielem Hin und Her sagte er schließlich zu, einen anderen Transporter zu schicken. Leider kam der nie an, so dass wir am Ende doch gezwungen waren, zwei Taxis zu bezahlen.

Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und ließ die Eindrücke auf mich wirken. Plötzlich sah ich etwas, das mir bekannt vorkam: Das Taxi hatte an einer Ampel direkt vor dem Colegio Italiano gestoppt, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich vor dem in die Jahre gekommenen Gebäude die Statue des „Sterbenden Galaters“ aus Pergamon stehen. Die Autoabgase hatten zwar den Firnis der Betonreplik schon etwas angegriffen, aber es war unzweifelhaft der Galater. Es ist schon merkwüdig, in welchen Verwandlungen einem bekannte Dinge manchmal entgegentreten.

Der Kühlschrank wurde geliefert, aber es zeigte sich, dass die Tür defekt war. Also wurde alles wieder eingepackt und mitgenommen. Der neue Schrank kam dann zwei Stunden später. Vorher war schon der neue Herd angekommen, denn daran fehlte es ebenfalls. Seit die Regierung beschlossen hat, Gasöfen allmählich aus dem Verkehr zu ziehen und ganz auf Induktionsöfen setzt, gibt es keine mit Gas betriebenen Öfen mehr zu kaufen. Einmal die Woche kommt ein Lkw und bringt volle Gasflaschen im Tausch gegen leere. Früher wurde so jeder Winkel Ecuadors mit Gas versorgt, doch jetzt hat man begonnen, das Versorgungsnetz auszudünnen, um die Leute dazu zu bringen, Induktionsöfen zu kaufen. Wir haben den neuen Ofen, der übrigens aus ecuadorianischer Produktion stammt, gleich mit einer ersten Mahlzeit eingeweiht – es gab Spaghetti. So ein Induktionsofen ist eine tolle Sache: alles wird unglaublich schnell warm, viel schneller als bei Gas. Die schöne neue Küchenwelt hat aber ihren Preis und etwas Billiges findet man nicht. Einen Tag vorher hatten wir schon einmal vorsorglich einen Topf und eine Pfanne gekauft. Der Topf, der nicht mal sehr groß ist, hat sechzig Dollar gekostet und die Pfanne vierzig.

Während meine Frau und mein Sohn in der Wohnung darauf warteten, dass Herd und Kühlschrank geliefert wurden, fuhren mein Schwager und ich los, um ein paar Einkäufe zu machen. Wir brauchten solche alltäglichen Dinge wie Bodenreiniger, Putzschwämme, Kleiderbügel, Waschpulver, Wäscheklammern und fast alles, was in jeder normalen Wohnung im Überfluss vorhanden ist. Wir fuhren also von Santa Inés, das ist der Distrikt von Cumbayá, in dem unsere Wohnung liegt, ins Zentrum von Cumbayá. Auf der Hinfahrt nahmen wir kein Taxi und so dauerte es bestimmt eine Stunde, bis wir endlich den Supermarkt erreichten. Wir mussten einmal umsteigen und die Busse, die wir nahmen, rasten schon los, bevor wir überhaupt eingestiegen waren. Man hält sich dann einfach am Türgriff fest und schwingt sich wie Indiana Jones in den Bus.

Wir kauften bei „Tia“ ein. Das ist eine Supermarktkette im preisgünstigeren Segment. Am Ende waren es dann aber doch hundert Dollar und wir hatten gerade so das Nötigste besorgt. Das reichte, um etwa zehn Einkaufstüten zu füllen (und die Tüten sind wirklich klein, kein Vergleich mit denen, die man beim deutschen Discounter bekommt). Zurück fuhren wir mit dem Taxi – ich hätte mir auch nicht vorstellen können, wie wir uns mit vollen Tüten in den fahrenden Bus hätten schwingen sollen. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und kostete am Ende 1,80 Dollar. Ich hatte nur einen Zehn-Dollar-Schein, aber auch den konnte mir der Fahrer nicht wechseln. Mit Mühe und Not kratzten wir etwas Kleingeld zusammen.

Am Abend, als wir mit dem Taxi zurück nach Quito zu unserer provisorischen Unterkunft fuhren, rief die Bank an und bestätigte, dass sie die Finanzierung für unser Auto bewilligen wolle. Das ist eine gute Nachricht, denn ohne ein Auto ist man in Ecuador wirklich aufgeschmissen. Sicher, man kann den Bus nehmen, aber erstens muss man denn viel Zeit mitbringen und zweitens muss man sportlich sein und die Herausforderung lieben. Billig ist es allemal und man kommt auch überall hin. Wer das Abenteuer sucht, wird den Bus lieben.

All About Kühlschrank

Am Nachmittag wollten wir uns nach Kühlschränken umsehen. Das Angebot ist riesig und die hiesigen Elektromärkte sind etwa so gut ausgestattert wie ihre europäischen Pendants. Allerdings unterscheiden sich die Preise ganz erheblich von denen in Europa oder in den USA. Nicht lang vor unserer Abreise aus Berlin hatten wir uns einen neuen Kühlschrank gekauft. Er reicht etwa bis Brusthöhe, hat ein Gefrierfach und kostete irgendetwas knapp über zweihundert Euro. Ich habe mir immer eingebildet, wie besäßen damit einen großen Kühlschrank, aber hierzulande scheint das die kleinste überhaupt verfügbare Größe zu sein. Die Kühlschränke, zumindest die, die in den Elektromärkten ausgestellt sind, wirken gigantisch und das sind sie auch. Manche sind so groß wie Kleiderschränke und sie verfügen über eingebaute Icemaker – falls es dem hart arbeitenden Angestellten zu später Stunde danach verlangt, seinen Feierabendwhiskey auf Eis zu genießen.

Da Ecuador nur wenig eigene Industrie besitzt, werden die allermeisten Konsumartikel eingeführt; kaum etwas wird im eigenen Lande hergestellt. Das treibt natürlich die Preise nach oben zumal auf allen Importgütern ein hoher Einfuhrzoll liegt. Ein Kühlschrank der Größe, wie wir ihn in Berlin hatten, kann hier schon einmal leicht 1.200 Dollar kosten. Nach oben sind die Grenzen offen und die teuersten Geräte brachten es sogar auf über 2.000 Dollar (Was kann man mit einem 2.000-Dollar-Kühlschrank tun, das man nicht auch mit einem halb so teuren Gerät tun könnte?). Ich wollte meinen Augen kaum trauen, aber Elektrogeräte sind einfach nur wahnwitzig teuer.

Schließlich fanden wir dann doch einen Schrank, der alle unsere Ansprüche zu erfüllen schien: er war groß, hatte ein annehmbares Design und mit dem Preis konnte man auch leben. Gerade lief eine Aktion und der Kühlschrank, der normalerweise um die 1.200 Dollar gekostet hätte, war für schlappe 650 Dollar zu haben. Von der Marke hatte ich noch nie gehört, aber ich war erstaunt zu erfahren, dass es sich um ein kolumbianisches Fabrikat handelte. Übrigens gibt es auch einen ecuadorianischen Kühlschrankhersteller und wir hätten vielleicht auch ein solches Gerät gekauft, hätte uns nur eines gefallen. In technischer Hinsicht stehen diese Marken den großen internationalen Herstellern in nichts nach und auch das Design entspricht internationalem Standard. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren viel getan hat. Der Prozess der Globalisierung hat selbst vor den entlegensten Regionen der Welt nicht Halt gemacht. Der lange Arm des Neoliberalismus reicht bis in den hintersten Winkel der Erde.

Wie in den USA gilt auch in Ecuador: Ohne Auto ist man kein Mensch. Man muss allerdings einräumen, dass man ohne Auto in den USA noch sehr viel weniger Mensch ist als in Ecuador. Im Gegensatz zu den meisten Städten in den Vereinigten Staaten verfügt Quito über ein gut ausgebautes und vor allem gut funktionierendes Netz des öffentlichen Nahverkers. Der Verkehr wird mit Bussen abgewickelt und im Prinzip kommt man so zu jedem Ort der Stadt. Die Busse fahren sogar in recht kurzen Abständen, so dass man nicht lange warten muss, und wenn der Verkehr nicht allzu dicht ist, kommt man auch zügig voran. Ein wesentliches Plus ist der geringe Preis: eine Fahrt kostet gerade einmal 25 Cents. Für nur einen Vierteldollar kann man von einem Ende der Stadt zum anderen fahren.

Bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs (was für ein Wort!) fallen die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Ecuadorianern deutlich ins Auge. Ich selbst – wenn ich einmal pars pro toto sprechen darf – würde erst einen Plan machen (ein Deutscher ohne Plan? Undenkbar!) Ich würde mir das Streckennetz vornehmen und so entscheiden, welche Linien mich am schnellsten ans Ziel bringen; man kann natürlich auch eine App nutzen oder ins Internet gehen und sich die Route berechnen lassen – kennt man ja alles von der guten alten BVG. Der Ecuadorianer fährt erst mal drauf los und fragt sich dann durch. Wider Erwarten kommt man so erstaunlich oft zum Ziel, manchmal aber wird die Reise zur Irrfahrt, denn die Ecuadorianer sind zwar freundliche Menschen, die immer gern helfen möchten, aber es kommt nicht selten vor, dass sie den Weg eben auch nicht kennen. Dann wird man nie zu hören bekommen: „Keine Ahnung“. Jeder versucht zu helfen, so gut er es vermag. Und so kann es geschehen, dass man fünfzig Leute fragt und fünfzig verschiedene Antworten erhält.

Ein Auto verspricht weit mehr Komfort: Es ist wirklich kein Spaß, mit vollen Einkaufstaschen in einem vollbesetzten Bus unterwegs zu sein. Andererseits kann das Autofahren in der Innenstadt, und zwar besonders zu den Stoßzeiten, zur Qual werden. Die Straßen sind meist nur zweispurig – der Platz reicht nicht aus, um breitere Straßen zu bauen – und der Verkehr ist im besten Fall zähflüssig. Doch sobald man aus der Stadt herauskommt, lässt das Gedränge nach und die Straßen leeren sich ziemlich rasch; auf den nagelneuen Highways, die zu den Vorstädten führen, ist selbst Wochentags der Verkehr nicht sehr dicht und man kommt immer zügig voran.

Da wir wahrscheinlich außerhalb Quitos wohnen werden, brauchen wir unbedingt ein Auto. Wir suchen einen Gebrauchtwagenhändler auf. Die Autos machen alle einen sehr guten Eindruck. Sie sind maximal drei, vier Jahre alt und in ausgezeichnetem Zustand. Der Händler ist ein typischer Vertreter seiner Zunft und wahrscheinlich ist sein Typus auf der ganzen Welt identisch: freundlich, zuvorkommend, verbindlich, dabei ein bisschen schleimig, so dass man hinter dem gewinnenden Lächeln schon die arglistige Täuschung vermutet. Ich muss gestehen, er wirkte eigentlich sehr sympathisch – wahrscheinlich ist das sein größter Trick. Er zeigte uns ein paar Autos und nannte den Preis. Die Automatikschaltung wäre nur für einen Aufpreis von siebentausend Dollar zu haben gewesen. Wir nahmen es erst mal zur Kenntnis (schluckten dabei allerdings ein wenig) und verabschiedeten uns.

Ein Stück weiter die Straße runter fanden wir einen Kia-Händler. Der Kia Sportage mit Automatik würde dort 29.000 Dollar kosten (die Automatik schlug mit tausend Dollar extra zu Buche). Das war exakt derselbe Preis, den uns der Gebrauchtwagenhändler genannt hatte. Wir fragten uns, warum wir so viel Geld für einen vier Jahre alten Wagen zahlen sollten, wenn wir für dieselbe Summe auch einen Neuwagen bekommen könnten, zumal dieser auch noch größer und darüber hinaus besser ausgestattet ist. Da muss man aber wirklich noch mal ganz scharf nachdenken! Ich glaube, wir sollten auf keinen Fall auf ein Navi verzichten – nichts ist so quälend, wie in einer fremden Stadt mit dem Auto den richtigen Weg zu finden. Und die ecuadorianische Methode – unterwegs fragen – scheidet aus naheliegenden Gründen aus.

Auf der Suche nach Bequemlichkeit

An einem Sonnabend wollten wir uns nach Matratzen, Betten, einem Kühlschrank und einem Fernseher umsehen – kurz, nach allem, was das Leben komfortabel und lebenswert macht. Zunächst suchten wir nach einer Möglichkeit, preiswert drei Matratzen für uns zu kaufen, denn teuer bekommt man sie immer. Die Kunst besteht aber darin, die Sachen billig zu bekommen, oder zumindest billiger als anderswo. Und in der Kunst, etwas billiger zu kriegen als anderswo, darin ist der Ecuadorianer Meister. Ich muss erwähnen, dass meine Frau, obwohl sie schon sehr lange in Deutschland lebt, geborene Ecuadorianerin ist, und demzufolge in diese mir verschlossene Kunst vollständig eingeweiht ist.

Als wir los wollten, trafen wir unseren Nachbarn, der uns zwei Tage zuvor den Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt hatte. Er gab uns ein paar Tipps, wo wir suchen sollten und wie wir schnell dorthin gelangen könnten, denn zwar ist meine Frau Ecuatorianerin, aber sie stammt nicht aus Quito. Ich hatte einen Rucksack mit einer Kamera dabei und der Nachbar riet, die Kamera in jener Gegend, die wir beabsichtigten zu besuchen, sicherheitshalber nicht hervorzuholen; auch sollte ich mir den Rucksack vor den Bauch hängen und vor allem immer gut festhalten. Ich war so verunsichert, dass ich mir schwor, mir seinen Rat zu Herzen zu nehmen.

Wir fuhren mit dem Bus. Ein Fahrt kostet nur 25 Cents, aber dafür kann man ein Abenteuer erleben. Nicht nur fährt man für nur einen Vierteldollar von einem Ende der Stadt bis zum anderen, unterwegs kann man auch erfahren, was sportliches Fahren eigentlich bedeutet. Wenn man einen Stehplatz hat, ist es ratsam, sich stets mit beiden Händen gut festzuhalten, sich breit hinzustellen und leicht in die Knie einzufedern. Die Kurven werden von den Fahrern, die den aggressiven Fahrstil bevorzugen, grundsätzlich mit Vollgas genommen, und wer sich nicht gut festhält, wird gegen die Scheibe geschleudert. Anders als in Berlin, fährt man immer noch mit der traditionellen Knüppelschaltung und die meisten Busfahrer geben nach dem Schalten so hart Gas, dass ihr Gefährt formlich einen Satz nach vorn macht. Wer sich nicht festhält, landet unweigerlich auf dem Hosenboden.

Das Ein- und Aussteigen an sich ist schon ein Abenteuer, denn die Busse stoppen an den Haltestellen immer nur kurz und der Fahrgast, der das Pech hat, als Letzter einzusteigen, ist nicht selten gezwungen, auf den fahrenden Bus aufzuspringen, um überhaupt noch mitzukommen. Damit es keine Verzögerungen an den Haltestellen gibt, öffnen die Fahrer oft schon vorher die Türen, während der Bus noch mit Höchstgeschwindigkeit fährt, was aber auch den Vorzug hat, dass es drinnen immer schön frisch ist.

Während der Fahrt füllte sich der Bus immer mehr. Ich stand eingekeilt zwischen Menschen mit indigenen Gesichtszügen und ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass ich der einzige Weiße in dem ganzen Bus war. Mein Sohn ist ja zumindest halber Ecuadorianer und wenn es darauf ankommt, zählt die eine Hälfte – nicht, dass ich mir darüber je ernsthaft Gedanken gemacht hätte oder dass es für mich überhaupt wichtig wäre. Wenn man aber plötzlich merkt, dass man weit entfernt von allem ist, was man als vertraut empfindet, wird einem klar, dass die Welt größer ist, als man glaubte, und dass das, was man für den Mittelpunkt hielt, in Wahrheit nur eine Provinz unter vielen ist. Ich bin mir sicher, in diese Gegend Quitos verirrt sich nie ein Tourist, denn das ist nicht das Quito, das der gewöhnliche Tourist zu sehen wünscht.

Als wir ausstiegen, herrschte überall geschäftiges Treiben. Es war Markt, Leute verkauften Obst, Gemüse, Gewürze und alles, was man sonst so zum Kochen braucht. Eine von Baldachinen überdachte Ladenzeile mit Dutzenden Marktständen zog sich den Berg hinauf. Straßengarküchen gaben Essen aus. Man sah knusprig frittierte Truthahnflügel und kross gebratenes Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln, große Kessel mit deftigen Eintöpfen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte auch gern fotografiert, aber ich entsann mich der Warnung unseres Nachbarn und ließ es lieber. Man starrte mir auch so schon auf Schritt und Tritt hinterher. Aber es war kein böses Starren, eher ein neugieriges, verwundertes Mustern.

Wir besuchten einen Möbelmarkt. Um eine Halle herum hatte man weitere Marktstände aufgebaut und notdürftig mit Wellblech überdacht. Das war keine Ikea-Verkaufsaustellung, denn die Möbel waren oft meterhoch gestapelt und zwischen ihnen saßen die Besitzer auf Hockern oder auf den Stühlen, die sie selbst verkauften und taxierten die Kunden. Oft wusste man nicht, wo ein Laden aufhörte und wo der nächste anfing, denn noch der letzte Quadratzentimeter war mit Ware vollgestellt. Es war gerade Mittagszeit und die meisten Besitzer saßen eingekeilt zwischen ihren Waren und ließen sich ihre deftige Mahlzeit schmecken (ich sah Schweinefleisch mit Mais und Kartoffeln). Wenn wir vorbeigingen, hoben sie die Köpfe und sahen uns an, als wären wir eben einem Raumschiff entstiegen. Einen wie mich, hat man hier bestimmt noch nie gesehen.

Die Ausländer und Touristen tummeln sich zumeist im historischen Stadtkern und auf der Avenida Amazonas, in Gegenden, die von den Einheimischen halb belustigt, halb spöttisch „Gringolandia“ genannt werden. Meine Frau und mein Schwager gingen voraus, denn als „Gringos“ würden wir nur die Preise kaputtmachen. Mein Sohn ist zwar halber Latino, aber für einen Ecuadorianer ist er viel zu hell. Selbstverständlich konnte man von einem Gringo etwa für denselben Schrank mehr verlangen als von einem Einheimischen. Was macht es da schon für einen Unterschied, dass ich gar kein Gringo bin (Gringos werden für gewöhnlich nur die Nordamerikaner genannt). Aber das ist wohl historische Gerechtigkeit. Ich fand’s nur lustig, denn ich hätte mich kaum verstecken können – selbst, wenn ich es gewollt hätte – und so zu tun, als wäre ich ein Einheimischer, war aus naheliegenden Gründen ebenfalls ausgeschlossen. Genauso gut hätte ich mir gleich ein pinkfarbenes Eisbärkostüm anziehen können. Damit hätte ich auch nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich ohnehin schon genoss.

Zwar kauften wir nichts, aber andere kauften und so wurden ständig Waren aus dem Markt herausgetragen. Das Schleppen übernahm ein Träger. Er war mindestens sechzig Jahre alt und nur halb so groß wie ich. Trotzdem lud er sich unglaubliche Lasten auf die Schultern. Ich sah mit eigenen Augen, wie er eine ganze Schrankwand schulterte, als wäre es nichts. Seine Last war mindestens doppelt so groß wie er selbst. Und dann, nachdem er sie sich aufgeladen hatte, preschte er mit kleinen Trippelschritten los, seine Last geschickt zwischen den Möbelbergen hindurchbalancierend; im Laufschritt fegte er durch die engen Gänge. Wenn ihm ein Kunde im Weg stand, forderte er ihn freundlich auf, beiseite zu treten. Ich halte mich nicht für einen Schlappschwanz, aber hätte ich auch nur für einen Tag tun müssen, womit dieser Mann sich wahrscheinlich schon sein ganzes Leben lang abplagt, wäre ich am Abend zusammengebrochen und mein Rücken wäre ruiniert.

Wir fuhren mit dem Bus zurück. Die Pfennigfuchser unter uns hatten haarscharf kalkuliert: Eine Busfahrt schlug mit 25 Cent pro Person zu Buche; wir waren vier, also zahlten wir einen Dollar. Eine Taxifahrt hätte zwei Dollar gekostet. Sparen kann so einfach sein! Beim Ausstieg wurde so gedrängelt, dass man Angst hatte, einem würden die Kleider vom Leib gerissen. Eine Frau hatte sich ihr Baby mit einem Tuch auf den Rücken gebunden, doch sie ging nicht weniger zielstrebig als die anderen daran, sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Dann, als sie sich in einen Durchgang schob, stieß sich das Kleine den Kopf so heftig am Türrahmen, dass es „Boing“ machte. Doch das Baby schlief einfach friedlich weiter. Vom Bus ging es durch eine Schleuse, an welcher der Vierteldollar für die Fahrt zu entrichten war. Mein Sohn fand das spaßig und vergaß, das Geld in den Schlitz zu werfen. Ein Polizist wies ihn sogleich streng zurecht; reumütig ging er zurück und warf die Münze ein. Erziehung braucht manchmal eben doch Autorität.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Namen Café Ambassador: Lange schwere Holztische und Bänke, die Türrahmen mit Schnitzwerk versehen, die Decke von Holzbalken gestützt – man hatte den Eindruck, man befinde sich in einem bayerischen Traditionswirtshaus. Serviert werden einfache Gerichte. Ich hielt mich an das, was ich kenne und bestellte Churrasco. Das ist eine gegrillte Scheibe Rindfleisch, dazu zwei Spiegeleier, die darüberdrapiert werden. Reis und eingelegte Babykartoffeln dienen als Beilagen. Dazu trinkt man am besten ein Bier und ich bestellte mir gleich eins der Marke „Club“. In Ecuador gibt es zwei bekannte einheimische Biermarken. Die eine ist „Pilsener“, die andere „Club“. Beide schmecken sehr gut und brauchen den Vergleich mit europäischen Bieren nicht zu scheuen. Ich finde allerdings, das Pilsener hat ein wenig zu viel Kohlensäure und daher halte ich mich lieber an das Club.

Das Essen ist von wirklich sehr guter Qualität. Das Lokal selbst ist sehr sauber und sieht ordentlich aus; ich glaube nicht, dass man Angst haben muss, sich den Magen zu verderben. Man muss auch nicht lange auf sein Essen warten: Man bestellt am Tresen und bezahlt. Dann bekommt man eine Nummer ausgehändigt (ein kleiner Holzwürfel mit einer Zahl darauf), die man auf den Tisch stellt. Schon nach kurzer Zeit ist die Bedienung da und bringt das Essen. Es muss alles schnell gehen, denn die Leute, die hier essen, sind zumeist Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften. Sie würden wohl kaum ihre kostbare Mittagspause damit verschwenden wollen, auf ihr Essen zu warten. Das Essen selbst ist sehr gut, und für solch ein exzellentes Essen zahlt man einen geradezu lächerlichen Preis. Das Almuerzo, also das Tagesgericht, kostet immer 3,50 Dollar. Dafür bekommt man Fleisch oder Fisch mit Soße, Kartoffeln oder Kartoffelbrei, Reis und Salat. Vorweg gibts noch eine Suppe und anschließend ein kleines Dessert, in diesem Fall ein Stück Bananenkuchen. Das Churrasco kostete übrigens 5,50 Dollar, aber auch das ist nicht viel für einen vollen Mittagsteller. Man ist pappesatt und gut schmeckt es auch. Touristen sieht man hier übrigens auch nicht.