Santo Domingo

Auf dem Weg nach Quito wollten wir einen Abstecher zu meinem Schwiegervater machen. Er wohnt in Santo Domingo, einer Stadt auf halbem Weg zwischen Bahía und Quito, und er hatte uns eingeladen, ein paar Tage in seinem Haus zu verbringen. Am Ende blieben wir aber nur einen Tag und eine Nacht.

Der Busbahnhof von Bahía liegt etwas außerhalb der Stadt. Wir waren spät dran, denn es stellte sich als gar nicht so leicht heraus, morgens um 7:00 Uhr ein Taxi in Bahía zu bekommen. Wir erreichten unseren Bus gerade noch rechtzeitig zum angezeigten Abfahrtstermin, nur um feststellen zu müssen, dass sich die Abfahrt verzögerte. So standen wir also mit unseren Koffern vor dem Bus und warteten, dass es endlich los ging. Zufällig fiel mein Blick auf einen der Reifen und mit einer gewissen Gleichgültigkeit stellte ich fest, dass von Profil keine Spur mehr zu sehen war. Sollte ich jetzt beunruhigt sein? Ich nahm es stoisch wie die Einheimischen.

Mit beträchtlicher Verzögerung fuhren wir von Bahía ab. Die Strecke führte in einem riesigen Bogen um die ganze Bucht herum und die Straßen in dieser Gegend waren in einem Zustand, wie ich ihn noch von damals, vor über zwanzig Jahren in Erinnerung habe: Weite Abschnitte waren ungepflastert und wenn doch, gab es mehr Löcher als Asphalt. Wir fuhren kaum schneller als dreißig und einige Stellen konnte der Fahrer nur im Schritttempo passieren, sonst hätte ihm der löchrige Untergrund womöglich die Achsen ruiniert. Unsere Route führte vorbei an Palmstrohhütten zwischen Bananen- und Mangobäumen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur eines der kleinen, auf Stelzen errichteten Häuser elektrischen Strom hat oder über sauberes fließendes Wasser verfügt. Die Gegend wirkte, als wäre die Zeit vor über hundert Jahren einfach stehengeblieben.

Es dauerte nicht lange und wir kamen in Gegenden mit weit besser ausgebauter Infrastruktur. Die Straßen waren nun neu und in wirklich erstklassigem Zustand. Der Fahrer unseres Busses packte die Gelegenheit beim Schopfe und fuhr die Zeit, die er auf den schwer passierbaren Wegen verloren hatte, nun wieder herein. Wann immer möglich, kitzelte er das Letzte aus der Maschine heraus. Die Autopista schlängelte sich durch hügeliges Gelände und es schien für den Fahrer eine Frage der Ehre zu sein, die Kurven mit maximal möglicher Geschwidigkeit zu nehmen. Wie die Testdummies wurden wir in den Sitzen hin- und hergeschleudert. Ein paar Mal musste ich mich an der Lehne festhalten, damit ich nicht in den Gang fiel. Nach zwei Stunden rasanter Kurvenfahrt war mir schon ganz schwindelig und es war ein Wunder, dass sich niemand übergeben musste.

Während sich der Bus in die Kurven legte, lief das Ruhigstellungsprogramm für die Fahrgäste. Man zeigte „San Andreas“, einen Katastrophen-Blockbuster mit Dwayn „The Rock“ Johnson, der seine unglaublich muskulösen Arme gegen ein Erdbeben zum Einsatz bringt – oder wie auch immer. Der Film wurde nur kurz unterbrochen, als wir an einem Comedor stoppten, um zu Mittag zu essen. Es war dieselbe Kantine, bei der wir schon auf der Fahrt nach Bahía eine Rast eingelegt hatten. Nur die wenigsten der Fahrgäste bestellen etwas zu Essen. Die meisten saßen mit fahlen Gesichtern an den Tischen und nippten von ihren Getränken. Die Hochgeschwindigkeitsfahrt durch den Slalom-Parkour hatte ihnen den Appetit geraubt. Mein Sohn und ich gönnten uns ein Eiscreme-Sandwich und dann auch noch ein zweites, meine Frau aß ihren Lowfat-, Lowcarb-, Lowalles-Hähnchenschenkel mit viel, viel Salat. Nach kurzer Rast ging die Fahrt weiter.

Eine Stunde später trafen wir in Santo Domingo ein. Nur zwei Parteien verließen den Bus: wir (meine Frau, mein Sohn und ich) und ein junges Pärchen. Der Busfahrer setzte uns irgendwo mitten in der Stadt vor einer Tankstelle ab, stellte uns die Koffer vor die Füße, schwang sich in seinen Bus und sauste davon. Wir blieben etwas verwirrt zurück. Sollten wir nicht am Busbahnhof aussteigen? Es kann gefährlich werden, irgendwo längere Zeit mit Koffern herumzustehen. Meine Frau rief sogleich ihren Vater an und schilderte ihm die Misere. Schon wenige Minuten später holte er uns mit dem Auto ab und wir fuhren zu seinem Haus.

Mein Schwiegervater ist ein netter alter Mann. Viel haben wir nicht miteinander zu bereden, denn er spricht keine andere Sprache als Spanisch und meine Spanischkenntnisse sind so erbarmungswürdig gering, dass kein gescheites Gespräch zustande kommt. Meine Frau plaudert jedoch ununterbrochen und man hat den Eindruck, die zwei verstehen sich. Der Schwiegervater lädt uns zum Mittagessen ein und auch am Abend sind wir seine Gäste. Als weitgereister Mann hat er offenbar ein Faible für italienisches Essen. Zweimal müssen wir in Restaurants essen, die zwar teuer sind, deren authentische italienische Küche aber in Zweifel zu ziehen ist. Da man meinen Schwiegervater im Restaurant gut zu kennen schien, ging ich davon aus, dass er dort Stammgast ist. Ich lobte das gute Essen und beschränkte mich ansonsten aufs Biertrinken. Ich hielt mich an die einheimische Marke; das „Club“ ist sehr gut. Wein vertrage ich nicht so gut, obwohl es sich um eine Flasche guten chilenischen Weines handelte, den man uns an diesem Abend kredenzte.

Mein Schwiegervater wohnt irgendwo mitten in Santo Domingo. Ich hätte nicht sagen können, ob im Zentrum oder außerhalb, denn die Stadt sieht für meine Augen überall gleich aus. Es gibt keine Blickpunkte und keine Sehenswürdigkeiten. Noch vor fünfzig Jahren war Santo Domingo ein unbedeutender Flecken, kaum der Erwähnung wert, doch seither ist der Ort rasant gewachsen. Beim Bauen hat man mehr Wert auf Funktionalität denn auf Ästhetik gelegt – alles ist auf den rein praktischen Aspekt hin ausgelegt. In der Stadt gibt es keinen Ort, der das Auge erfreut oder der geeignet wäre, die Seele zu erquicken, um es einmal poetisch auszudrücken. Die Einwohner behaupten zwar steif und fest, ihre Stadt sei schön, doch der Durchreisende weiß es besser.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen. Seit die Kinder ausgezogen sind, wohnt mein Schwiegervater allein in seinem riesigen Haus. Eine Haushälterin sorgt mit nie nachlassender Energie dafür, dass die Zimmer so aufgeräumt und sauber sind wie die Intensivstation eines Krankenhauses. Unser Gastgeber hat zum Frühstück Bollos servieren lassen. Das ist ein mit Maní, also Erdnusspaste, versetzter Maismehlteig, der zusammen mit fettem Schweinefleisch in einem Bananenblatt gedämpft wird. Ich konnte nur so weit essen, bis mir das Fett glänzend und wabbelig wie Götterspeise entgegenkam. Die schlimmsten Erinnerungen meiner Kindheit kamen plötzlich wieder hoch. Der Appetit war mir augenblicklich vergangen. Ich entschuldigte mich damit, dass ich auf Reisen nie sonderlich Hunger hätte.

Von Santo Domingo aus fuhren wir mit einer Art Sammeltaxi zurück nach Cumbayá. Das ist zwar teurer als eine Reise im Bus, bietet aber den unbestreitbaren Vorteil, dass man von Haustür zu Haustür gefahren wird. Zusammen mit dem Fahrer waren wir fünf, eine Frau aus Quito reiste mit uns zusammen. Als ich mich von meinem Schwiegervater verabschiedete, fragte er mich, wann wir wiederkommen würden. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht genau, wahrscheinlich in den Ferien. In diesem Augenblick war er nur ein einsamer alter Mann, der sich nach Gesellschaft sehnte.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.