Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Im Wald

Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.

Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.

Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.

Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.

Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.

Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.

Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.

Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.

Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.

Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.

Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.

Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.

Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.

Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.

Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.