Höhlensucher

Die Cuevas de Jumandy befinden sich nur wenige Kilometer nördlich von Archidona. Wer nun glaubt, eine lückenlose Kette von Hinweisschildern und Wegmarkierungen müsste den Reisenden zu dieser berühmten Sehenswürdigkeit führen, beweist nur einmal mehr, dass ihm die Landessitten kaum geläufig sind. Wäre der Ort nicht als touristisches Ziel in meiner Karte markiert und würde der Reiseführer die Höhlen nicht in einem Nebensatz erwähnen, wüsste ich von ihrer Existenz ungefähr so viel wie von den unentdeckten Monden des Planeten Uranus.

Von Archidona aus fahren wir in der festen (und recht naiven) Überzeugung nach Norden, dass uns ein Wegweiser rechtzeitig auf unser Reiseziel aufmerksam machen würde. Wir halten Ausschau wie die Luchse, wie Luchse auf Amphetamin sogar, und acht Augen sehen bekanntlich sowieso mehr als zwei (zählt man den Hund noch dazu, sind es sogar zehn; der Hund aber bleibt still, so dass ich annehmen muss, er findet Höhlen doof). Doch entweder betört uns der Liebreiz der üppig grünen tropischen Landschaft so sehr, dass wir für nichts anderes mehr Augen haben, oder wir sind schlicht mit Blindheit geschlagen. Nirgends taucht ein Hinweisschild auf. Wir finden nur, die Strecke sei allzu lang, zumal es sich auf der Karte doch nur um wenige Kilometer zu handeln scheint. Wie Entfernungen doch täuschen können …

Uns beginnt zu dämmern, dass wir die Einfahrt wohl verpasst haben. Wir drehen. Ich entsinne mich dunkel, irgendwo eine Lücke im gleichförmigen Grün bemerkt zu haben, aber an ein Schild mit der Aufschrift „Cuevas de Jumandy“ kann ich mich nicht erinnern. Es ist reiner Zufall, dass wir die richtige Stelle fast auf Anhieb finden – die Chancen dafür können kaum günstiger als Eins zu Tausend stehen. Wir freuen uns des seltenen Glücks, doch angesichts seiner Flüchtigkeit trösten wir uns mit dem Gedanken, dass die launische Fortuna uns zumindest bis zur nächsten Katastrophe gewogen bleiben würde.

Wie Scouts in Feindesland tasten wir uns auf den Parkplatz vor, der uns verdächtig verwaist vorkommt. Wir rechnen mit einem Hinterhalt. Vielleicht erwartet uns aber nur die Nachricht, dass die Höhlen an diesem Tag geschlossen seien, wie der Wald in Tena. Da wir nicht wissen, ob es Umkleidemöglichkeiten gibt, zwingen wir uns schon einmal im Auto in die Badehosen. Wie die Strandtouristen betreten wir die Anlage, die sich – vollkommen überraschend, aber passend zu unserer Kleidung – als der Alptraum von einem Erlebnisbad entpuppt.

Paradiesische Wildnis

Die letzte Nacht im Tiefland östlich der Anden verbringen wir nicht in Tena, sondern in Archidona. Da wir schon einmal in Tena sind, wäre es naheliegend, irgendwo in der Stadt ein Zimmer für die Nacht zu buchen. Wie Freier auf der verzweifelten Suche nach dem schnellen Abenteuer cruisen wir durch die abendliche tropische Stadt. In der Hoffnung auf ein Wunder fahren wir die Hauptstraße gleich mehrmals im Schritttempo ab, doch keines der Hostals erscheint uns annehmbar. Vielleicht sind wir verwöhnte Kinder der Wohlstandsgesellschaft, vielleicht aber möchten wir einfach nur in der Gewissheit einschlafen, dass zumindest die Laken, auf die wir uns betten, fleckenfrei sauber sind.

Eines der Hotels, das zumindest von außen einen recht passablen Eindruck macht, erweist sich als schmierige Absteige mit Zimmern, die so wirken, als würden darin jede Nacht Orgien gefeiert und als hätte man vergessen, die Bettwäsche zu wechseln und die verräterischen Flecken vom Teppich zu entfernen. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, wie wenn das Hotel bereits in Gärung übergegangen wäre. Vielleicht stammt der Odor vom Schimmel an den Wänden oder vom Teppich, der in der tropisch feuchten Luft langsam aber unwiderruflich in den Kreislauf der Natur einzugehen scheint.

Der Besitzer, ein alter Mann, dessen verschwitzter Kugelbauch wie die Glatze seines siamesischen Zwillings aus dem geöffneten Hemd schaut, ist in einer Art Delirium. Ich weiß nicht, ob es der Bluthochdruck ist, der Alkohol, die Hitze oder die Krampfadern, die seine Waden umschlingen wie Würgefeigen. Er scheint uns gerade noch als Halluzination am Rande seines Wachtraumes wahrzunehmen. Vielleicht hat er sich aber bloß eine Auszeit genommen von einer zunehmend surrealen Wirklichkeit, in der insektoide Aliens, die vorübergehend die Gestalt von harmlosen Gringos angenommen haben, ausgerechnet in sein Hotel einchecken möchten. Der Hoteljunge, vielleicht ein Enkel oder Urenkel, zeigt uns die Zimmer. Das Hotel ist leer, aber die Gäste bleiben nicht ohne Grund aus. Wir fahren weiter nach Archidona.

Ich wünschte, ich könnte über Archidona etwas Tröstlicheres berichten als über die übrigen Städte des Oriente. Der Name weckt die schönsten Hoffnungen; er lässt an stolze spanische Kolonialstädte denken, an Kirchen und Klöster und an paradiesische Patios unter geschnitzten Säulen. Obgleich Archidona schon 1560 gegründet wurde und der Ort damit zu den allerersten spanischen Siedlungen im Amazonas-Tiefland zählt, hat der heutige Besucher den Eindruck, es sei noch gar nicht lange her, dass die Stadt über die Einfriedung eines Goldgräbercamps mitten im unberührten Urwald hinausgewachsen ist. Prächtige Kirchen, beeindruckende Stadtpaläste oder alte Klöster findet man hier nicht. Eigentlich gibt es nichts, das einen daran erinnern könnte, dass die Stadt nicht erst zwanzig Jahre, sondern immerhin fast ein halbes Millennium alt ist. Mit Traurigkeit im Herzen fahren wir am nächsten Morgen zurück nach Tena.

In Tena gibt es eigentlich nur eine einzige Sehenswürdigkeit, die einen Besuch lohnt: den Parque Amazónico. Auch wenn der Wald um Puyo, Tena und Archidona den Anschein erweckt, er würde schon seit Tausenden von Jahren unbehelligt von der verderblichen Einflussnahme des Menschen die feuchte Erde des Amazonas-Tieflandes bedecken, handelt es sich in Wahrheit um Sekundärwald. Das ist das Biotop, das sich entwickelt, nachdem der ursprüngliche Wald – der Primärwald – der Axt zum Opfer gefallen ist.

Zwar gibt es im ecuadorianischen Oriente auch heute noch riesige Gebiete mit ursprünglicher Bewaldung, doch muss man dazu dem Lauf den Río Napo weit nach Osten, bis fast an die peruanische Grenze folgen. Die Natur, der man dort in geschützten Nationalparks begegnet, ist noch weitgehend frei vom zerstörerischen Einfluss des Menschen. Moderne Infrastruktur, wie Straßen und Brücken, gibt es nicht, und wer bis zu den letzten Refugien der ursprünglichen Natur dieses Planeten vordringen möchte, benötigt neben einem kundigen Führer und einem Kanu auch ein nicht eben geringes Maß an Abenteuerlust.

Der Parque Amazónico befindet sich mitten in der Stadt, direkt am Zusammenfluss von Río Tena und Río Pano. Auf dem Land, das als dreieckige Erdscholle zwischen den Flüssen liegt, ragen die letzten Urwald-Riesen in den Himmel. Es sind Mahnmale einer untergegangen Welt und es sind die letzten ihrer Art. Manchmal scheint mir, es ist nur eine Frage der Zeit, dass die verbliebenen Urwälder vom Angesicht der Erde verschwinden werden.

Der Park ist für uns die einzige und letzte Chance, uns wenigstens einen vagen Eindruck davon zu verschaffen, was man gemeinhin für die grüne Lunge unseres Planeten hält. Leider ist der Urwald an diesem und an vielen weiteren Tagen geschlossen, denn der Park unterliegt umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Überall, wo der Mensch sich einmischt, ist die Ordnung der Natur gestört und ein Gleichgewicht kann nur mit Mühe und nur durch ständige Hege aufrechterhalten werden: Flüsse müssen ausgebaggert werden, Ufer befestigt, Wälder aufgeforstet, Arten müssen geschützt oder ausgemerzt werden. Unter den wachenden Händen des Menschen scheint die Natur den Willen verloren zu haben, selbst für sich zu sorgen.

Von der Stadt aus führt eine Fußgängerbrücke über den Río Pano. Der Brückensteg hängt an Stahlseilen, die an einem kolossalen Aussichtsturm ankern. Die Taue durchschneiden den einheitlich grauen Himmel wie die Saiten einer Eierharfe. Der Turm, das mit Abstand höchste und hässlichste Bauwerk der Stadt, ist eine sperrige Stahlkonstruktion, die so fremd in der tropischen Landschaft steht wie ein stillgelegter Förderturm in einem der alten Kohlereviere.

Der Wachmann am Fuße des Turms hat die Aufgabe, allzu neugierige Touristen daran zu hindern, den Park zu betreten. Er ist recht gesprächig und er erzählt uns, fast drei Millionen Dollar seien für die Sanierungsarbeiten bewilligt worden. Das ist viel Geld in einem Land wie Ecuador. Doch die Investition ist natürlich nicht ganz selbstlos, denn die aufwendige Verschönerung verspricht mehr Touristen in die Stadt zu locken. Ihr Geld könnte dazu beitragen, der lokalen Wirtschaft aufzuhelfen, die dem Augenschein nach darniederliegt wie ein totes Faultier.

Wir besteigen den Turm und machen Fotos von der Stadt und der Flusslandschaft. Der Blick reicht bis zu den Bergen, die sich als dunkelblauer Schattenriss gegen das Wolkengrau des Himmels abheben. Eine Wolkenbank umhüllt den Fuß der Berge wie ein Haufen frische Schurwolle. Wir laufen am Ufer des Río Tena entlang. Auf der anderen Seite des Stromes versperren uns Stämme und dichtes Unterholz die Sicht. Der Wald erhebt sich in den Himmel wie ein grünes Bollwerk. Alles ist gesättigt von Grün, jede andere Farbe scheint ausgelöscht.

Wir ahnen, ein echtes Urwald-Abenteuer würde uns mehr abverlangen als wir an Komfort zu opfern bereit wären. Wie alle Kinder der Zivilisation verspüren wir eine romantische Sehnsucht nach der Wildnis. Als aufgeklärte Menschen wissen wir natürlich, dass wir Teil der Natur sind, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht mehr in der Natur leben. Aus der Darwinschen Hölle haben wir uns in jene Bequemlichkeit gerettet, die wir Zivilisation nennen. Der Wald erscheint uns als eine ferne Heimat und ein Teil von uns wünscht sich in das verlorene Paradies zurück. Doch die Zeit hat unser Erinnerungsvermögen getrübt. Was wir für ein Paradies halten, ist in Wirklichkeit eine Hölle, in der ein ständiger Überlebenskampf tobt: Auf uns allein gestellt, würden wir wohl kaum auch nur drei Tage durchhalten.

Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Endstation

Noch am selben Tag, an dem wir die Ufer des Río Napo erreichen, fahren wir weiter nach Tena. Tena liegt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt und hat man die Wassermassen, die den Wald wie ein Band aus flüssiger Milchschokolade durchschneiden, erst einmal überwunden, gelangt man auf der hervorragend ausgebauten Autopista schon nach wenigen Minuten ans Ziel. Die Stadt, die ähnlich Puyo kaum über die Dimensionen einer Kleinstadt hinauswächst, breitet sich recht malerisch an beiden Ufern des Río Tena aus, eines von unzähligen Strömen, die das Tiefland als dichtes Adergeflecht durchziehen. Östlich der Anden kennen die Flüsse nur noch eine Richtung – gen Osten – und nachdem sie Tausende von Kilometern durch dichten Urwald gereist sind, vereinigen sie sich mit dem Vater aller Ströme, dem Amazonas.

Über Tena ließe sich dasselbe sagen wie über Puyo, denn genau wie dieser Stadt sagt man auch jener nach, sie sei ein Tor zum Oriente (das ist das grüne Tiefland östlich der Anden). Leider pflegt der Besucher sich nie lange an Toren aufzuhalten, wenn die eigentliche Attraktion dahinter zu finden ist. Niemand reist in den Oriente, um dessen schöne Städte zu besuchen, denn schöne Städte gibt es hier nicht. Weit lohnender erscheint es da, sich alsbald auf die Suche nach dem wirklichen Wunder zu begeben: die unberührte, weithin ursprüngliche Natur.

Als Sprungbrett für Expeditionen aller Art eignet sich Tena indes ganz hervorragend und so verwundert es nicht, dass man in der Stadt selbst nur vereinzelt Touristen begegnet (man erkennt sie an den Trekking-Rucksäcken und am verwahrlosten Erscheinungsbild). Dafür wimmeln die Wälder der Umgegend wahrscheinlich nur so von Hobby-Entdeckern, Möchtegern-Abenteuern und Sofa-Desperados.

Wir haben von einem angeblichen Geheimtipp gehört: Irgendwo westlich der Stadt liegt ein Dorf namens Serena, in dessen Nähe es eine wunderschöne Badestelle mit einem Wasserfall geben soll. In meiner Phantasie schießt ein glasklarer Bach rauschend über eine Felskante. Als durchsichtige Wasserwand fällt er in einen türkisblauen Pool, dessen Ufer von einem Baldachin aus glänzendem Blattwerk beschattet wird. Feuerfarbene Orchideen leuchten aus dem Dunkel. Ein Regenbogen bricht sich im Sprühnebel … Nachdem wir uns in Tena umgesehen und nichts gefunden haben, das unsere Aufmerksamkeit augenblicklich in Beschlag genommen hätte, beschließen wir, das Wagnis einzugehen: Aufs Geratewohl fahren wir Richtung Westen, nach Serena.

Die Schwierigkeiten stellen sich ein, kaum dass wir die Stadt verlassen. Google-Maps, unser allwissender Begleiter, ist leider so nützlich wie der Navigations-Computer des Space-Shuttle bei der Suche nach einem Parkplatz – weder will die störrische Maschine einen Ort namens Serena kennen noch überhaupt Straßen, die dorthin führen. Die Karte zeigt lediglich ein einheitliches graues Nichts. Man könnte glauben, wir fahren durch ein Testgelände für thermonukleare Sprengsätze.

Zu unserem Glück gibt es noch Menschen. Wir fragen Einheimische, doch ihre Antworten sind keineswegs erhellender als die Nonsens-Vorschläge unseres Fährtensuchers aus dem Internet. Unisono gibt man uns zu verstehen, man hätte noch nie von einem Dorf mit dem Namen Serena gehört. Die Leute scheinen sich sehr zu wundern, was ein Haufen Gringos in irgendeinem Nest mitten im Wald zu suchen hat und vor allem fragt man sich, was diese komischen Fremden in der Pampa eigentlich zu finden hoffen.

Allmählich beginnen wir zu glauben, dass das Internet vielleicht doch Recht haben könnte und dass wir nichts weiter als einer Chimäre hinterherjagen. Uns schwant, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen wird. Doch das Schicksal hat anders entschieden: Wir treffen eine Frau, bei der der Name „Serena“ etwas zum Klingen bringt. Dunkel erinnert sie sich, schon einmal von diesem Ort gehört zu haben. Das erscheint uns sehr vielversprechend. Sie weist uns sogar noch vage die Richtung und wir fahren los, als jagten wir dem Gold von El Dorado hinterher.

Zunächst führt die Straße durch einen Flecken namens Pano, dann durch Talag und direkt dahinter macht der Asphalt einem wüsten Schotterweg Platz. Als wollte Google doch noch Recht behalten, verschlechtert sich der Zustand der Straße mit jedem Meter: Bald versinken die Räder in tiefen Spurrillen oder sie tauchen so hart in Schlaglöcher, dass man um seine Bandscheiben fürchten muss. Das Auto, das kaum mehr Bodenfreiheit hat als ein ordnungsgemäß bemannter Viererbob, setzt alle paar Meter mit einem hässlichen Schleifgeräusch auf. Auf dem Beifahrersitz wird derweil gejammert, was wir dem armen Wagen alles zumuteten. Niemand aber klagt darüber, welche Verwüstungen diese Maschine an meinem Nervenkostüm angerichtet hat – nach dieser Tour bin ich reif für den Therapeuten („Bitte nicht schreien! Das ist doch nur ein Autoschlüssel.“).

Die Straße ist mittlerweile nur noch eine bucklige Lehmpiste, eingeschlossen in unüberwindliche Mauern aus Grün. Wir sind ganz allein, verlassen von Google und der Welt. Anderen Fahrzeugen begegnen wir nicht, obwohl doch allein schon die Existenz der Straße – einer Art Straße – beweist, dass Menschen hier leben müssen. Uns beschleicht der nicht sehr einladende Gedanke, dass wir bis in alle Ewigkeit durch dieses grüne Labyrinth irren werden, wenn wir nicht bald einem rettenden Engel begegnen.

Wir beschließen, der Straße noch zehn Minuten zu folgen und dann umzukehren. Als wir gerade enttäuscht aufgeben wollen, taucht wie aus dem Nichts ein einsamer Spaziergänger auf. Ein älterer Herr schreitet würdevoll am Wegesrand entlang: eisgraues Haar und verwegener Schnurrbart, das Hemd offen wie ein Millionär im Jacht-Urlaub, den Bauch würdevoll vorgestreckt, die dicke Goldkette vergraben im üppigen Brusthaar. Wir erklären ihm, wonach wir suchen: paradiesische Wasserfälle und kristallklare Pools unter tropischem Mondlicht. Er hört uns zu ohne die geringste Regung und meint nur „rechts“. Wir sollen nach rechts fahren. Mehr sagt er eigentlich nicht. Ich kann sein Rasierwasser riechen – man lebt zwar in der Wildnis, aber unzivilisiert ist man deshalb noch lange nicht. Vielleicht denkt er, es sei nicht gut, mit Leuten zu reden, die ohne Google gar nicht lebensfähig sind. Immerhin hat er uns einen Wink gegeben und immerhin gelangen wir auch irgendwohin.

An der Weggabelung fahren wir nach rechts ab – und landen schon nach kurzer Zeit in einem Ressort. Das hat man davon, wenn man die Leute von hier fragt, denn wer im Wald lebt, sucht natürlich die Zivilisation. Nur diese merkwürdigen Gringos kommen auf die verrückte Idee, die dunkelsten Geheimnisse der Wildnis ergründen zu wollen. Wir fahren zurück zur Gabelung und nehmen den linken Abzweig. Die Straße windet sich Kilometer um Kilometer durch den dichten Urwald und endet schließlich an einem Fluss.

Da nur eine Fußgängerbrücke zum anderen Ufer führt, ist die Fahrt hier beendet. Pikanterweise befindet sich am Ende der Strecke eine Bushaltestelle. Die Straße krümmt sich in einer Schlaufe, so dass der Bus wenden kann. Um uns ist nichts als Wald und da drängt sich natürlich die Frage auf, wer hier wohnt, so dass er den Bus nehmen müsste. Wir sehen weder einen Bus noch Menschen, die ihn nutzen könnten. Es wäre sicher interessant, einmal den Berufsverkehr zu erleben.

Laut meinem Reiseführer, der kaum halb so dick wäre, wenn er nicht vor lauter Geheimtipps nur so strotzen würde, solle man den Fluss überqueren und rechter Hand dem Ufer folgen. Nach einem kurzen Spaziergang sei man am Ziel: Wasserfälle und ein paradiesischer Badepool erwarteten den Besucher. Außerdem befände sich ein hübsches ethnokulturelles Museum ganz in der Nähe; ein Besuch lohne sich. Wir gehen über die Brücke und folgen dem Fluss nach rechts, immer stromaufwärts. Ein schmaler Fußgängerweg führt in Reichweite des Ufers immer tiefer in den Wald hinein.

Nach Guayaquil

Von Bahía geht es mit dem Auto nach Guayaquil. Wir machen einen kurzen Abstecher nach Montecristi, um Hamacas, also Hängematten, und andere Flechtarbeiten zu kaufen, denn dafür ist die Stadt bekannt. Da Montecristi ohnehin auf dem Weg liegt, wollen wir die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Während meine Frau und unser Gast ihr Glück an der Hauptstraße mit ihren Dutzenden von Geschäften versuchen, harren mein Sohn und ich tapfer am Auto aus.

Es macht mir nichts aus, einfach nur herumzusitzen und zu warten, denn zum einen erweckt die Gegend ganz den Eindruck, als wäre es keine gute Idee, den Wagen längere Zeit unbewacht stehen zu lassen, und zum anderen mache ich mir überhaupt nichts aus Einkaufen. Ich kann die Leidenschaft mancher Leute nicht verstehen, die es magisch zu Einkaufszentren und Geschäften zieht und die erst dann davon genug haben, wenn ihr Budget restlos ausgeschöpft ist.

Ich gehöre eher zu den Typen, die entweder irgendwo gelangweilt herumsitzen oder aber einfach bloß genervt sind – doch immer mit unverkennbarer Leidensmiene –, während ihre Partner exzessiv der Einkaufsleidenschaft frönen, einer, wie mir scheint, typisch weiblichen Leidenschaft. Schlimmer kann es nur werden, wenn man dann auch noch genötigt wird, ein Geschmacksurteil abzugeben, denn einfach zu schweigen, ist natürlich kein Verhalten, für das man Verständnis erwarten darf. Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis; bei jedem Schritt ist daher allergrößte Vorsicht geboten, denn ein falsches Wort genügt und der Tag ist ruiniert.

Schon nach einer Stunde taucht das gutgelaunte Einkaufsduo wieder auf, bepackt mit Hängematten, Körben und allerlei sonstigen Flechtarbeiten. Dafür würde man in Berlin ein Vermögen ausgeben müssen, hier aber bekommt man alles zum Spottpreis; ich habe nicht gefragt, aber wahrscheinlich hat alles zusammen weniger als hundert Dollar gekostet. Es ist mittlerweile schon Mittag und die Zeit drängt und daher reicht es diesmal auch, dass ich die Einkäufe nur kurz lobe. Ich erinnere stattdessen daran, dass es Zeit sei aufbrechen, wenn wir Guayaquil noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen – ich fahre Nachts nur ungern auf unbekannten Straßen.

Nachdem die Einkäufe sicher im Wagen verstaut sind, steht der Reise nichts mehr im Wege. Unser Auto ist bis unter das Dach beladen und erst nachdem Rucksäcke, Taschen und Koffer ganz neu nach Art eines kubischen Puzzles arrangiert worden sind, findet sich auch Platz für die neuesten Anschaffungen. Dann aber sitzen wir alle glücklich im Auto und die Reise kann beginnen.

Unsere Route führt über mehrspurige Highways, die so neu aussehen, als hätte man sie eigens für uns gebaut. Rechts und links der Straße erstrecken sich grüne Weiden so weit das Auge reicht. Das Land ist platt wie ein Pfannkuchen und nur selten wird die eintönige Szenerie von einer Baumgruppe oder einem kleinen Wäldchen aufgelockert. Hin und wieder verlieren sich Häuser oder kleine Weiher in der pastoralen Weite.

Das Land wirkt so fruchtbar und unberührt wie die Landschaften der heilen Öko-Werbe-Welt. In der Tat begegnen wir immer wieder Rinderherden, die im Schatten von Bäumen und Buschwerk Schutz vor der tropischen Hitze suchen, die das Land und seine Bewohner lähmt. Ob die Tiere glücklich sind, kann man nicht sagen, aber was sollte so eine Kuh denn schon anderes wünschen als eine Herde, in der sie sich geborgen fühlt, üppige grüne Weiden und Frieden. Von allem hat sie hier mehr als genug.