Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.