Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

Im Reich des Sandelbaumes

Im Innern der Halbinsel, an deren Spitze Bahía de Caráquez liegt, befindet sich eines der letzten Trockenwaldreservate an der gesamten ecuadorianischen Küste. Der Trockenwald (Cerro seco) ist das natürliche Biotop dieser Gegend, doch in den vergangenen Jahrzehnten mussten die einst riesigen Wälder der Landwirtschaft und den rasant wachsenden Siedlungen weichen. Dass ein letzter Rest der ursprünglichen Vegetation ausgerechnet an den Stadtgrenzen Bahías erhalten blieb – man kann das Reservat vom Stadtzentrum aus zu Fuß in ein paar Minuten erreichen –, mag man dadurch erklären, dass das Land in Privatbesitz ist.

Wir haben uns an diesem Tag mit Michaela zu einer Tour verabredet. Michaela ist Schweizerin und lebt schon seit vielen Jahren in Bahía. Man kennt sie und man respektiert sie – ein Umstand, der wahrscheinlich nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass wir Bellavista, ein Viertel, das unter den Bahieños als verrufen gilt und das man deshalb nur ungern betritt, unbehelligt durchqueren können. Man hatte uns ganz energisch davon abgeraten, allein nach Bellavista zu gehen, doch mit Michaela fühlen wir uns sicher. Sie scheint die meisten der Anwohner zu kennen – man grüßt sich und wechselt ein paar Worte. Die Kamera lasse ich jedoch vorsorglich im Rucksack verschwinden.

Eigentlich hatten wir uns auf Marcelo gefreut, der die Touren üblicherweise leitet. Aber an diesem Tag ist er verhindert: Sein alter Vater ist während eines Nachbebens an einem Herzinfarkt gestorben und ich kann Marcelo gut nachfühlen, dass er nicht unbedingt in der Stimmung ist, sich von wissbegierigen und vor allem gut gelaunten Touristen Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Wir hatten uns nicht nur deshalb auf Marcelo gefreut, weil man sagt, er sei ein exzellenter Naturkenner und ein großartiger Guide, sondern auch, weil das Gerücht geht, nach der Wanderung pflege er mit seinen Klienten immer Joints zu rauchen. In dieser Hinsicht sollten unsere Hoffnungen zwar enttäuscht werden, dennoch war die Tour ein ganz außergewöhnliches Erlebnis, etwas, das dem normalen Reisenden für gewöhnlich verwehrt bleibt, und an dem teilzuhaben wir vor allem unserer kompetenten Schweizer Tour-Leiterin zu verdanken haben.

Michaela holt uns vom Haus der Tante in Bahía ab und da der Trockenwald an den Berghängen des Küstengebirges direkt hinter der Stadt wächst, gehen wir zu Fuß. Vor dem Cerro seco liegt Bellavista, das Viertel unterhalb des Berges. Die Leute aus Bahía meiden diese Gegend, denn Bellavista ist berüchtigt. Uns begegnen Notunterkünfte und Armut. Noch immer, auch Monate nach dem Erdbeben, sieht man Menschen in Zelten oder unter freiem Himmel kampieren. Michaela, die den Weg durch das Viertel mehrmals am Tag zurücklegt, kennt die Leute und so haben wir nichts zu befürchten.

Vor dem Eingang zum Naturreservat heißt Michaela uns warten. Sie geht voraus und vergisst dabei auch nicht, das Tor wieder sorgfältig hinter sich zu schließen. Zuerst müsse sie die Hunde bändigen, so sagt sie, denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Fremde, auch Touristen, gebissen wurden. Die Hunde, die auf dem Gelände des Reservates leben, sind nämlich keine zahmen Tiere, die duldsam gegenüber dem Menschen wären. Hunde, die in einer liebenden Familie aufwachsen, würden sich über jeden Besuch freuen und selbst Fremde schwanzwedelnd begrüßen – so wie unser Hund, der vor Freude immer regelrecht aus dem Häuschen ist. Da er nie schlechte Erfahrungen mit der Spezies Mensch gemacht hat, hält er alle Menschen für seine Freunde (nicht jedem freilich gefällt es, wenn er von einem fremden Hund plötzlich aus lauter Zuneigung angesprungen wird).

Hier aber hat man es mit Straßenhunden zu tun und einige haben die schlimmsten Erfahrungen mit Menschen machen müssen. Die Anführerin des kleinen Rudels beäugt uns argwöhnisch und wittert aufmerksam – kein freudiges Schwanzwedeln, nur misstrauisches Schnüffeln. Michaela hält es für geraten, die Hündin festzuhalten, weil es ganz danach aussieht, dass sie die feindlichen Eindringlinge, die sie in uns sieht, bei der erstbesten Gelegenheit angehen würde. Michaela erzählt, sie hätte das Tier vor seinem ehemaligen Besitzer gerettet, nachdem dieser es mit seiner Machete beinahe totgeschlagen hatte. Seit sie die Hündin gesund gepflegt hat, lebt sie im Reservat, doch die einzigen Menschen, die sich ihr nähern dürfen, sind Marcelo und Michaela.

Michaela bindet die Hündin fest und bittet uns herein. Das Wohnhaus, von dem die Tour durch den Wald ihren Ausgang nimmt, befindet sich auf einem Hügel hoch über der Stadt. Das Anwesen wirkt fast wie eine Lodge in einem unberührten Naturparadies, dabei kann man doch von der Terrasse aus über die Dächer Bahías blicken, das sich direkt am Fuße des Hügels ausbreitet. Noch gibt es kaum Wände, aber wer braucht schon Wände, wenn es selbst Nachts oft so warm ist, dass man es ohne Klimaanlage kaum aushält. Michaela und Marcelo haben ambitionierte Pläne: Sie wollen irgendwann ein Café hoch oben auf dem Berg eröffnen und dann sollen die Leute zu ihnen hinaufkommen, guten Kaffee trinken, internationale Zeitungen und Zeitschriften lesen oder in der Bibliothek herumstöbern, während sie den Ausblick in die Natur genießen.

Bei dem Trockenwald-Reservat handelt es sich keineswegs, wie ich zunächst angenommen hatte, um eine staatliche Einrichtung, sondern um Privatland, dessen Besitzer sich über Generationen verpflichtet fühlten, das Land in seinem ursprünglichen natürlichen Zustand zu belassen. Außerhalb der Grenzen dieses Natur-Refugiums hat man die Bäume gefällt und bis auf ein paar spärliche Reste ist der Wald an der Küste heute verschwunden. Auf den Hügeln, auf denen einst mehrere Dutzend Meter hohe Baumriesen wuchsen, breitet sich staubtrockenes Buschland aus.

Der Großvater von Marcelo, dem das Land einst gehört hatte, und durch den es über seinen Vater auf Marcelo selbst gekommen ist, hatte es stets abgelehnt, Bäume zu fällen, auch zu einer Zeit, da es als modisch galt, Wälder zu roden. Man glaubte einst – und mancher tut das auch heute noch –, der Wald sei zu nichts anderem nütze, als daraus Bretter und Bohlen zu machen, und es sei durchaus eine gute Sache, lieber heute als morgen die Axt anzusetzen, um das Land von der „Wildnis“ zu befreien.

Der Trockenwald kann bei weitem nicht mit dem Artenreichtum des tropischen Regenwaldes konkurrieren, aber dafür sind die Spezies, die man hier findet, an die speziellen Bedingungen dieser Ökoregion angepasst: den Wassermangel, der die Küstenregion umso stärker beherrscht, je weiter man nach Süden vorstößt. Das Naturreservat ist das Reich des Sandelbaumes, einer einheimischen Art, die berühmt ist für ihr duftendes Holz, das Sandelholz oder Palo santo, wie man es hierzulande nennt. Viele Arten, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten fast überall im Hügelland hinter der Küste fand, gedeihen heute ausschließlich in geschützten Reservaten wie diesem.

Der Bergrücken oberhalb der Stadt ist mit einem lichten Wald bewachsen, aus dem sich, je höher man in die Berge steigt, die gewaltigen Ceibos in den Himmel erheben. Ceibos gedeihen dort am besten, wo es trocken ist, und so verwundert es nicht, dass man auf dem Weg nach Manta (das südlich von Bahía liegt) durch eine sonnenverbrannte Landschaft fährt, in der man ausschließlich Ceibos stehen sieht. Der Anblick erinnert auf bizarre Weise an einen Stelenwald in einer ansonsten vollkommen kahlen Hügellandschaft.

Hier, im Trockenwald von Bahía, wachsen die Ceibos inmitten eines dichten Gestrüpps, doch mit ihren gigantischen Stämmen vom Umfang eines Wasserturmes und vor allem mit ihrer beeindruckenden Größe nehmen sie sich aus wie Riesen unter Zwergen. Selbst die kleinsten Exemplare überragen noch die höchsten Wipfel der anderen Baumarten. Die Stämme wirken angeschwollen wie Brauereifässer und es scheint, sie würden jeden Augenblick bersten von dem kostbaren Nass, das die Bäume in ihren Bäuchen sammeln. Die Borke ist grün wie die Haut eines Baumleguans und auf den Graten der Brettwurzeln sitzen Dornen ähnlich den Knochenhöckern auf den Nasen der Galapagos-Echsen.

Aber es gibt nicht nur Ceibos zu bestaunen. Immer wieder begegnen wir Sandelbäumen. Wenn man die Rinde ritzt, verströmt das Holz einen betörenden Duft – kein Wunder, dass schon die Menschen der indigenen Kulturen den Baum wegen seines Wohlgeruches zu schätzen wussten. Auch die Äste des Guayacán, eines Baumes, der ein stahlhartes Edelholz liefert, strecken sich durch das dichte Buschwerk dem Himmel entgegen. Baumfeigen nehmen ganze Baumstämme in den Würgegriff, Bromelien nisten üppig wie Topfpflanzen in Astgabeln, Lianen hängen herab und laden ein, wie Tarzan daran zu schwingen.

Obwohl es kaum Wasser gibt – die Erde ist staubtrocken –, weist der Trockenwald eine erstaunlich reiche Fauna auf: Auf Schritt und Tritt begegnen einem Insekten in den unterschiedlichsten Formen und Farben und nicht immer handelt es sich um die blutrünstigen Plagegeister, die jedem Warmblüter auch noch den letzten Blutstropfen aussaugen würden. Mehrmals begegnen uns Termitennester und als Michaela ein kleines Loch in einen ihrer Baue schlägt, beginnen die Tierchen gleich emsig zu wuseln, um den Schaden zu reparieren. Wir sehen Eidechsen durch das dichte Laub huschen. Manchmal flattern bunte Vögel durch den Wald, aber wenn man verhält und der Schritt einmal nicht durch die Blätter raschelt, ist es so still, dass man den eigenen Herzschlag hören kann.

Im Wald leben Wildtauben, Ameisenbären und seit neuestem sogar ein Puma. Die Wildtauben waren einst ausgerottet, aber in jüngster Zeit nisten sie wieder und zusammen mit seiner bevorzugten Beute hat sich auch ein Puma angesiedelt. Mit eigenen Augen hat freilich noch niemand die große Katze zu Gesicht bekommen – dazu sind die Tiere viel zu scheu und auch viel zu schlau –, aber es finden sich immer wieder Spuren; nachts hört man den großen Jäger fauchen und auf einigen der Bilder, welche die automatischen Kameras schossen, kann man den Berglöwen sogar sehen – er wirkt wie eine etwas zu groß geratene Katze. Dazu mag beitragen, dass die Unterart an der Küste kleiner ist als jene in den Bergen.

Früher, so erzählt Michaela, schlugen die Hunde nachts immer an, wenn sie den Puma in der Nähe wussten. Sie stürmten dann hinaus in den Wald, nur um schon nach kurzer Zeit mit Blessuren oder sogar mit schweren Verletzungen zurückzukehren. Doch sie haben ihre Lektion gelernt und wenn sie jetzt den Puma wittern, bleiben sie in der Sicherheit des Hauses. Der Puma aber streift lautlos und unsichtbar für die Menschen um das Haus.

Wir wandern zwei Stunden durch den Wald und obwohl es eigentlich nichts wirklich Spektakuläres zu sehen gibt – der Puma hat kein Interesse, sich uns zu zeigen –, wird es dennoch nie langweilig, auch dank der detailreichen und sehr interessanten Erklärungen Michaelas. Es ist stickig heiß; die Sonne verbirgt sich hinter einer mattgrauen Wolkenschicht und eine diffuse Helligkeit gleißt schmerzhaft aus allen Richtungen. Wir sind froh, als wir endlich wieder zum Haus auf dem Hügelkamm zurückfinden.

Michaela bietet uns eisgekühlten Maracuja-Saft an, und ich bin überzeugt, dass so ein kaltes Getränk nach der anstrengenden Wanderung durch das Hügelland besser erfrischt als der Joint, den Marcelo angeblich herumzureichen pflegt. Anschließend gibt es noch einen Kaffee aus der Kaffeemaschine – der wahre Luxus in dieser Gegend und die einzige Möglichkeit, meinen Blutdruck wieder auf messbare Werte zu treiben.

Während wir gemütlich auf der Terrasse sitzen, Kaffee trinken und den Blick über den Wald und die Stadt schweifen lassen, erzählt Michaela, wie schwer es sei, die Stadt von der Bedeutung des Biosphärenreservats zu überzeugen. Zwar ist Bahía rundherum von Natur umgeben – man muss nur ein paar Minuten gehen und schon ist man mitten in der Wildnis –, doch die Verantwortlichen haben kein Interesse an einer touristischen Vermarktung dieses Reichtums.

Ökotourismus spielt in den Zukunftsplanungen der Stadt keine Rolle und auch die meisten Einwohner sehen in dem geschützten Wald bloß eine unerschlossene Ressource. Sie wären schon längst dazu geschritten, diese Schatztruhe zu heben, wenn es sich nicht um Privatbesitz handeln würde und wenn Marcelo und Michaela nicht unermüdlich dafür sorgen würden, dass sich der illegale Holzeinschlag in Grenzen hält. Erst allmählich, ganz allmählich nur, beginnt man zu begreifen, welch einen Schatz man da vor der eigenen Haustür hat.

Illegaler Holzeinschlag und illegale Sammeltätigkeit sind weit verbreitet. Nicht selten versucht man, das wertvolle Sandelholz heimlich aus dem Wald zu schaffen. Manchmal hört man Axtschläge im Reservat oder den Klang der Motorsäge. Allerorten am Wegesrand sieht man Beweise für illegale Grabungstätigkeit: Manche der Bodenlöcher sind so tief, dass man sie für Fallgruben halten könnte. Die Leute durchstöbern das Gelände nach Relikten der alten Kultur der Caras, die sie dann für gutes Geld auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

Oft kommt es vor, dass Leute mit Macheten auf dem Berg erscheinen und behaupten, Marcelo habe ihnen erlaubt, Holz zu schlagen – so sagen sie. Da Marcelo oft nicht da ist, muss Michaela die Besucher auf später vertrösten. Sie fordert sie dann auf zu warten, damit Marcelo ihnen persönlich sagen könne, ob sie den Wald betreten dürften. Manch einem gefällt das natürlich nicht und dann regt er sich furchtbar auf, als wäre er in seiner Ehre gekränkt, weil man wagt, an seinem Wort zu zweifeln. Que gente!

Man darf mit den Leuten nicht zu hart umspringen, denn sie fühlen sich schnell beleidigt und darüber hinaus haben sie Macheten, ein Umstand, der eine subtilere Vorgehensweise durchaus rechtfertigt. Viele können oder wollen nicht verstehen, warum man die Bäume nicht einfach fällt, statt sie ungenutzt auf dem Berg herumstehen zu lassen. So könnte man zumindest das Holz verkaufen – zu etwas anderem sei der Wald ohnehin nicht zu gebrauchen. Ich weiß nicht, ob sich diese Einstellung je ändern wird; falls aber doch, wird dies gewiss noch sehr lange dauern.

Wir kehren zurück in die Stadt. Wir nehmen den Weg über die Uferpromenade an der Pazifikseite. Dieser Teil der Promenade befindet sich ein gutes Stück hinter der Stadt und in der Regel begegnet man hier keiner Menschenseele, und wenn doch, handelte es sich üblicherweise um Personen, auf die man die Bezeichnung „Gestalt“ ausnahmsweise einmal mit gutem Gewissen anwenden könnte. Ich lasse die Kamera in der Tasche verschwinden – ohnehin habe ich schon genug Aufnahmen vom Pazifik in allen nur möglichen Stimmungen.

Die Promenade ist in einem bemitleidenswerten Zustand: Die eine Hälfte ist ins Meer abgerutscht und die andere klammert sich verzweifelt an die Erdscholle zehn Meter über den Wellen. Als handele es sich bloß um den Wall einer Sandburg und nicht um Armierungen, die aussehen, als würden sie selbst tagelangem Mörserbeschuss standhalten, haben die Stöße des letzten Bebens den Beton regelrecht zerrüttet. Über Hunderte Meter zieht sich ein Netz von Rissen durch die Straßendecke. Brocken, groß wie Eisschollen, sind ins Meer gestürzt und liegen nun gleich Wellenbrechern in der Brandung. Die Betontrümmer ragen aus der See wie die zersprengten Reste des Atlantikwalls. Unter dem Kliff sehe ich die Balustrade liegen, von der aus man allabendlich den goldenen Sonnenuntergang bestaunen konnte. Ein wütender Pazifik begräbt die Trümmer unter Wellen und Gischt.

Später kauft meine Frau auf dem Markt eine kleine Tüte mit Sandelholzspalten. Man legt sie in die Glut und das ganze Haus ist erfüllt von Wohlgeruch. Wir werden das Holz als Souvenir mit nach Berlin nehmen, wo uns der Duft an die Wildnis aus Ceibos und Sandelbäumen erinnern wird, die sich in den Bergen am Pazifik ausbreitet als letztes Refugium einer Vergangenheit, welche die Erinnerung an das Paradies in sich trägt.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.