Abschied von Bahía

Die schöne Zeit in Bahía de Caráquez ging zu Ende; wir mussten zurück nach Cumbayá. Bevor wir abreisten, waren wir noch einmal im Pazifik baden. Es war Ebbe und um überhaupt ein paar Wellen abzubekommen, musste man hundert Meter ins Meer hineinlaufen, und selbst dort reichte das Wasser kaum bis zum Bauch. Es gab auch Badende, die sich noch viel weiter hinaus wagten, aber das schien mir dann doch zu gefährlich, zumal die Gezeiten schnell wechseln und Strömungen den Schwimmer aufs offene Meer hinausziehen können.

Schon am Morgen war der Himmel aufgerissen und die Sonne brannte den ganzen Tag lang gnadenlos auf den Strand. Das hielt die Badewilligen jedoch nicht davon ab, ihr Vergnügen zu suchen. Es waren so viele Leute am Meer wie kaum je außerhalb der Feriensaison und viel mehr als an den kühleren Tagen (an diesen Tagen ist es bewölkt und die Temperaturen liegen irgendwo knapp unter dreißig Grad). Man spürte die Hitze aber nicht, denn vom Meer blies ein beständiger warmer Wind und wenn man gerade aus dem Wasser kam, fühlte es sich angenehm kühl an. Doch man sollte die tropische Sonne nicht unterschätzen. In Berlin kann man gut und gerne den ganzen Tag am Orankesee sitzen und Abends noch ein paar Bier zischen, aber hier, am Äquator, sollte man die Mittagssonne lieber meiden. Nach drei Stunden war mir, als knisterte es in meinem Kopf und ich fühlte mich so matt, als hätte ich einen Sonnenstich – höchste Zeit, den Strand zu räumen.

Wir nahmen den langen Weg um die Landspitze herum. Der hundert Meter breite Sandstrand war wie ausgestorben – nicht eine Menschenseele hatte sich hierher verirrt. Dafür hockte das Badevolk auf der Buchtseite unter Schirmen und Zeltdächern, schleckte Eis und schlürfte kalte Drinks. Als ich zuhause ankam, war ich von der vielen Sonne regelrecht ausgelaugt und ich musste mich erst einmal hinlegen. Den Nachmittag zu verschlafen, ist in den Tropen nichts Schlimmes und niemand wird deswegen für faul gehalten, denn meist ist es so heiß, dass einem das Hirn zu kochen beginnt und selbst dem Arbeitswütigsten vergeht in der Hitze die Lust auf körperliche Anstrengung. Man schwitzt in einem fort, fühlt sich schlapp und ist vollkommen lustlos. Die Straßen sind um die Mittagszeit wie ausgestorben, die Geschäfte schließen, und die Leute essen Mittag oder machen Siesta. Im Schatten ruhen ist das einzig Sinnvolle.

Am nächsten Tag sagten wir Bahía Lebewohl. Wir verabschiedeten uns von der Familie und dankten der Tante, in deren Haus wir in den letzten Tagen logiert hatten. Die Tante hatte sich solche Mühe gegeben und war so nett, dass es mir leid tat, gehen zu müssen. Wir kommen bestimmt in den nächsten Ferien wieder.

Martialische Aufmärsche

Der 10. August ist in Ecuador ein Feiertag. In Bahía lassen es die Menschen eher ruhig angehen. Die Geschäfte haben jedoch geöffnet, denn es sich viele Touristen in der Stadt und die Geschäftsleute versprechen sich guten Umsatz. Man kann einkaufen oder Essen gehen wie an jedem anderen Tag des Jahres. Wir besuchten gerade eine Großtante meiner Frau (die Familien sind hier unglaublich weit verzweigt und alle Mitglieder wohnen im selben Ort), als die Truppen des örtlichen Armeekommandos direkt unter dem Balkon des Hauses der Tante vorbeiparadierten. Es mögen insgesamt um die fünfhundert Soldaten gewesen sein und alle waren in voller Kampfmontur angetreten. Sie waren ausgerüstet mit schwerem Marschgepäck und sie waren natürlich bewaffnet – was ist denn ein Soldat ohne seine Waffe! Ich kann mir kaum vorstellen, dass man sie für eine Parade bis an die Zähne aufmunitioniert hatte – Schüsse, auch Salutschüsse, wurden jedenfalls nicht abgefeuert.

Die Hauptstraße des Ortes war zuvor für den Verkehr weiträumig gesperrt worden. Am Rande der Straße hatte man ein Zelt für die Honoratioren aufgebaut und davor befand sich eine kleine Rednertribüne. Natürlich war der Bürgermeister der Stadt anwesend nebst weiteren wichtigen Persönlichkeiten in Zivil. Darüber hinaus hatten sich noch höhere Chargen des Militärs eingefunden, darunter der Kommandeur jener Abteilung, die in den Straßen der Stadt angeteten war. Er hielt eine patriotische Rede, die – nach seiner Gestik zu urteilen – vor markigen Floskeln nur so strotzte. Unter dem Zeltdach saß auch ein Offizier in strahlendweißer Marineuniform. Bevor aber die an solchen Tagen üblichen Reden gehalten wurden, ließ man die Soldaten, die schon so unter der Hitze zu leiden hatten, noch Übungen abhalten, die wohl den stählernen Willen der Truppe manifestieren sollten: Da wurde das Bajonett aufgepflanzt, Kampfstellung eingenommen und gebrüllt, dass man meinte, die Truppe probe schon mal den Sturmangriff auf die Stadt. Die Tante meinte, soetwas hätte man noch nie in den Straßen Bahías gesehen.

Der martialische Aufmarsch könnte damit zusammenhängen, dass für den 13. August ein landesweiter Streik geplant ist. Eine Abordnung der indigenen Bevölkerung hat einen Marsch auf Quito unternommen, um der Regierung ihr Anliegen vorzutragen. Worum es genau geht, weiß ich nicht zu sagen, denn hier in Bahía lebt man wie auf einer der Inseln der Seligen; wichtige Nachrichten finden ihren Weg hierher erst mit Verspätung. Die Regierung fürchtet, die Situation könnte außer Kontrolle geraten und sie scheint es für geboten zu halten, der Bevölkerung klarzumachen, dass man dies nicht zulassen werde. In Ecuador können vermeintlich harmlose Anlässe zum Sturz ganzer Regierungen führen. In der Vergangenheit mussten schon Regierungen unter dem Druck der Straße zurücktreten oder wurden schlicht aus dem Amt gejagt – man stelle sich vor, soetwas wäre in Deutschland möglich. Gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten hat es in der Vergangenheit schon einen Putschversuch gegeben, der jedoch ziemlich lächerlich war und der letztendlich scheiterte, weil die Armee loyal blieb.

Der Aufmarsch der Armee dauerte vielleicht eine Stunde. Es herrschte eine unangenehme, drückende Hitze und mancher Soldat nutzte die Gelegenheit und schob seinen schwachen Kreislauf vor, um dem Spektakelt fernbleiben zu dürfen. Während die Kameraden in Habachtstellung und mit ernsten Gesichtern den Reden lauschten, sah man jene Schwänzer mit ihrer Marschausrüstung und ihrer Waffe in den kleinen Lokalen oder am Bürgersteig sitzen und Eis essen oder etwas trinken oder einen Snack vertilgen. Sie plauderten mit den Passanten und blickten auf die Vorgänge, die sich direkt vor ihren Augen abspielten, als gehörten sie gar nicht dazu. Dann, ganz plötzlich, war der Spuk vorbei; die Truppe rückte wieder ab, das Zelt wurde abgebaut, die Straßensperren entfernt und es war, als wäre nichts passiert.

Am Abend gehen meine Frau, mein Sohn und ich zusammen aus. Mit meiner Frau durch die Stadt zu flanieren, ist ein sehr zeitaufwändiges Vergnügen, denn alle paar Schritte begegnet ihr jemand, den sie kennt – und da die Stadt klein ist, kennt sie fast alle ihre Bewohner. Die Höflichkeit gebietet, dass man ein wenig Konversation betreibt, nach dem Befinden fragt, sich nach den Kindern erkundigt usw. Das ist alles sehr schön, doch am Ende kommt man nie dort an, wo man eigentlich hin will. Alles dauert ewig, denn es ist fast unmöglich, ohne solche erzwungenen Zwischenstopps zum Ziel zu gelangen. Die Leute haben Zeit, niemand hat es hier je eilig. Daran muss man sich erst gewöhnen.

Wir haben kaum das Haus verlassen, da laufen wir an einem Restaurant vorbei und genau in diesem Moment tritt der Besitzer vor die Tür. Sein Name ist Miguelangel und natürlich kennt er meine Frau. Er ist etwa 1,90 Meter groß und etwa so angezogen, wie man sich einen New-Age-Sektenchef vorstellt. Als ich ihn so sah, musste ich sofort an Stromberg, den Bösewicht aus einem der Bond-Filme, denken. Seine Art ist nicht unangenehm, aber er ist Maitre eines Restaurants und man merkt, dass er den Umgang mit Gästen über Jahre eingeübt hat: Er ist überaus freundlich, leutselig und durch kleine Gesten erwirbt er sich schnell das Vertrauen seines Gegenübers. So klopft er jedem dauernd auf die Schulter, Frauen fasst er gern an der Hand, und auch sonst legt er eine auffallend patriarchalische und zugleich leutselige Attitüde an den Tag. Ich fühle mich irgendwie an den Großen Zampano erinnert. Für seine 73 Jahre hat er sich bemerkenswert gut gehalten. Er erfreut sich noch immer einer unglaublichen Haarpracht, in der gerade erst einige silberne Strähnchen schimmern. Sein Bruder ist übrigens Arzt und er hat schon mehrmals für das Bürgermeisteramt kandidiert. Der Bruder, obwohl älter, sieht sogar noch jünger aus. Beide stammen aus einer der besseren Familien der Stadt und beide sind stadtbekannt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir wieder wegkommen. Wir müssen versprechen, ihn irgendwann wieder zu besuchen.

Der Onkel meiner Frau betreibt einen kleinen Baustoffhandel in Leonidas Plaza. Das ist eine Art Vorstadt von Bahía de Caráquez, ein paar Kilometer landeinwärts. Innerhalb einer Woche wurde er zweimal überfallen. Die Diebe kamen mit gezogener Waffe und zwangen ihn, ihnen die Tageseinnahmen auszuhändigen. Die Polizei tut nichts. Viele im Ort mutmaßen, dass die Diebe mit den Gesetzeshütern unter einer Decke stecken. Natürlich ist das nur so ein Gerücht, das durch keinerlei Beweise erhärtet werden kann. Der Grund für die Überfälle sind meist Drogen und die damit in Zusammenhang stehende Beschaffungskriminalität. Das Problem ist nicht neu – als meine Frau noch zur Schule ging, hatte die Stadt bereits ein Drogenproblem und es waren und sind nicht nur die Angehörigen der ärmeren Schichten, die Drogen nehmen. Auch Kinder der reicheren Familien greifen zu verbotenen Substanzen und nicht wenige haben sich damit die Zukunft verbaut und letztlich ihr Leben zerstört.

Die Täter, so hört man, kommen aus Bahía. So viel scheint sicher; man weiß, wer sie sind, und dennoch unternimmt die Polizei nichts dagegen. Das ist für die Leute schwer zu verstehen. Vielleicht glaubt man deshalb, die Polizei würde auch noch an den Raubüberfällen verdienen. Vor einigen Tagen lief eine Cousine meiner Frau an der Standpormenade entlang. Sie hatte ihr Handy dabei und hielt es auch noch gut sichtbar in der Hand. Ein Motorrad brauste heran, der Fahrer entriss ihr blitzschnell das Handy und raste davon. Ich habe von dem Wunsch Abstand genommen, mit der Kamera durch die Stadt zu laufen und Bilder zu machen. Niemand trägt hier in der Öffentlichkeit Kameras oder Handys. Ich glaube, ich richte mich nach den Einheimischen. Der Onkel ist mit den Nerven übrigens ziemlich fertig und er erwägt ernsthaft, sein Geschäft an den Nagel zu hängen. Man kann es ihm nicht verdenken.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.

Touristen

Es gibt fünf Merkmale, die den Touristen unzweifelhaft vom Ecuadorianer unterscheiden: Rucksack, Kleidung, blonde Haare, Frisur bzw. Bart, Tattoos.

Der Rucksack ist noch kein zwingendes Unterscheidungsmerkmal, denn auch Ecuadorianer tragen ihn. Man kann sagen, jeder Tourist trägt einen Rucksack, aber nicht jeder, der einen Rucksack trägt, ist ein Tourist.

Eindeutiger wird es schon bei der Kleidung. Quito liegt auf dreitausend Metern Höhe und die Nächte sind naturgemäß mitunter eisig, aber am Tage, besonders um die Mittagszeit, kann es brütend heiß werden. Da verwundert es auf den ersten Blick ein wenig, dass man niemanden je in kurzen Hosen herumlaufen sieht. Die knielange Cargohose, die das Straßenbild in vielen warmen Städten rund um den Erdball prägt, scheint in Quito regelrecht verpönt zu sein. Die Erklärung ist im Grunde ganz einfach: Ecuador ist ein katholisches Land und die Kleidung, die ein Mensch trägt, sagt viel über seinen gesellschaftlichen Status und das soziale Prestige aus, das er genießt. Niemand möchte in den Verdacht geraten, einer niedrigen sozialen Schicht anzugehören. Es ist mit der Würde einer Person schlichtweg unvereinbar, Kleidung zu tragen, die ihren sozialen Rang scheinbar negiert, wie das zum Beispiel bei kurzen Hosen der Fall ist (kurze Hosen und öffentliches Ansehen passen schlecht zusammen, es sei denn, man ist Brite). Wenn also ein erwachsener Mann in Quito Hosen trägt, deren Beine nicht bis zum Knöchel reichen, kann man mit fast absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Überhaupt muss man feststellen, dass die Geschlechtertrennung viel eindeutiger ausfällt als etwa in Deutschland, und auch die Frauen in Ecuador unterliegen gesellschaftlichen Zwängen, die in Deutschland, und insbesondere in Berlin, nicht so stark zu spüren sind wie hier. In Berlin kann es sich eine Frau leisten, in flachen Schuhen, mit unauffälliger Kleidung, nachlässig frisiert und ungeschminkt auf die Straße zu gehen und niemand nimmt daran Anstoß. In Ecuador wäre das absolut inakzeptabel. Eine Frau muss wie eine Frau aussehen und das bedeutet, dass sie sich täglich schminkt, sich frisiert und dass sie Kleidung trägt, welche die weiblichen Attribute betont. Frauen, die im Büro arbeiten, tragen selbstverständlich hohe Schuhe und Business-Kostüm – etwas, das man in Berlin nur höchst selten zu Gesicht bekommt. Man fragt sich unwillkürlich, wie sie es den ganzen Tag lang auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen aushalten. Die deutsche Frau erkennt man im Straßenbild für gewöhlich am Schlabberlook, an den flachen Schuhen und daran, dass sie sich niemals schminkt, als wollte sie die Kosmetikindustrie durch Totalboykott in die Knie zwingen. Hier in Quito kommt solch eine Attitüde gar nicht gut an und die Ecuadorianer schütteln nur verständnislos den Kopf.

Die Haare sind ebenfalls ein ziemlich eindeutiges Unterscheidungsmerkmal. In Quito begegnet man kaum blonden Menschen, es sei denn, es handelt sich um Touristen. Dort, wo sie vermehrt auftreten, so zum Beispiel im Mercado artesanal, dem Kunstgewerbemarkt, muss man davon ausgehen, dass es sich um Ausländer handelt. Die Sprache, die man demzufolge dort nach Spanisch am häufigsten hört, ist Englisch. Den blonden Ecuadorianer muss man jedoch lange suchen. Neulich im Restaurant saß eine junge blonde Frau am Nebentisch. Ihre blonde Mähne – ich glaube, sie hatte etwas nachgeholfen – zog die Aufmerksamkeit meines Schwagers (und nicht nur seine!) auf sich. Er verwickelte sie in ein gar nicht so unverfängliches Gespräch und brachte sie schließlich dazu, sich mit ihm fotografieren zu lassen, was sie aber offenbar gern tat. Man sieht, blond zu sein und Ecuadorianer schließt sich zwar nicht aus, ist aber offenbar etwas so Seltenes, dass es der besonderen Würdigung wert ist. Oft sind die Blonden die direkten Nachkommen europäischer oder nordamerikanischer Einwanderer und allein schon anhand ihrer Familiennamen kann man manchmal erraten, woher die Familie ursprünglich stammt. Das ist in der Regel nicht Quito, Guayaquil oder Cuenca.

Die Frisur bzw. der Bart ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Die Frisuren der ecuadorianischen Männer sind relativ uniform: man trägt das Haar kurz, gescheitelt oder nicht, nach hinten gegelt oder natürlich fallend. Da gibt es kaum Variationen. Männer mit langem Haar sieht man so gut wie gar nicht und wenn doch, scheinen sie eher aus der Sparte Künstlertum zu stammen. Am ehesten noch begegnet man dem schulterlangen Haar auf den Köpfen von Jüngeren, allerdings auch hier ziemlich selten. Wer seine indigenen Wurzeln betonen möchte, trägt das Haar lang und flicht es zu einem dicken Zopf. Noch eindeutiger aber als das Haupthaar dient der Bart als Mittel der Unterscheidung: Der ecuadorianische Mann ist in der Regel glatt rasiert. Die im Westen in den letzten Jahren neu aufflammende Bartmode hat sich noch nicht durchgesetzt. Vor allem jüngere Männer tragen Bärte, zwar in unterschiedlichen Formen, aber meist doch relativ kurz gestutzt. Die Älteren sind bis auf Ausnahmen stets gut rasiert. Ein voller Rauschebart deutet also mit ziemlicher Sicherheit darauf hin, dass sein Träger ein Tourist ist.

Schließlich wären da noch die Tatoos. Zwar sieht man in Ecuador hin und wieder einmal ein Tatoo-Studio, etwas, dass es vor zehn Jahren noch nicht gab, dennoch hat sich die westliche Unsitte, die Haut mit geschmacklosen Bildern zu überziehen, noch nicht durchgesetzt. Ich habe bisher noch keinen Ecuadorianer mit einem Tattoo gesehen. Das mag aber daran liegen, dass die meisten sich von Kopf bis Fuß mit Kleidung bedecken. Der Anteil der Tätowierten ist aber ganz gewiss deutlich geringer als in einer beliebigen europäischen oder nordarmerikanischen Stadt. Wenn also jemand Tatoos offen an Stellen trägt, die von jedermann eingesehen werden können, darf man mit ziemlicher Sicherheit davan ausgehen, dass es sich nicht um einen Ecuadorianer handelt.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass es sich auf keinen Fall um einen Ecuadorianer handeln kann, wenn folgende Einzelmerkmale feststellbar sind: die Person trägt einen Rücksack und sie hat Cargoshorts an (wenn die Person ein Mann ist) bzw. sie trägt flache Schuhe, bequeme Kleidung und ist ungeschminkt (wenn die Person eine Frau ist); die Person ist blond; die Person hat einen Bart, insbesondere einen Vollbart (Mann) bzw. ist nachlässig oder unkonventionell frisiert (Frau); die Person hat Tattoos an Stellen, die jeder sehen kann. Rein theoretisch könnte es zwar sein, dass eine gründliche landesweite Suche ein Individuum zutage fördert, das all diese Merkmale aufweist und das zugleich auch die ecuadorianische Staatsangehörigkeit besitzt, allerdings halte ich dies für sehr, sehr unwahrscheinlich.

Apropos Touristen: Bloß als eine Anmerkung möchte ich festgehalten wissen, dass Touristenführer (und damit meine ich das Buch) dem Auswanderer überhaupt nichts nützen. Vor drei Jahren haben ich mir einen Travel-Guide Ecuador gekauft. Nachdem ich ihn zunächst begeistert und guter Hoffnung zur Hand nahm, legte ich ihn ganz schnell wieder weg. Der Tourist sucht immer nach dem Besonderen, dem Anderen, dem Exotischen, während der Auswanderer das sucht, was er von zu Hause kennt: Komfort, Bequemlichkeit, Ruhe. Der Tourist will etwas erleben, von dem er dann berichten kann, wenn er wieder in sein normales Leben zurückgekehrt ist. Der Auswanderer will das normale Leben. Ein Tourist-Guide bietet das Außergewöhnliche, Dinge, nach denen kein Einheimischer je suchen würde, und der Auswanderer, der sich auf Dauer einzurichten versucht, schon gar nicht. Travel-Guides sind für den Auswanderer etwa so nützlich wie ein Kreuzfahrtkatalog für den Bootsflüchtling.

Long Beach

Unsere Übernachtung in Long Island hatten wir strategisch geplant: Meine Frau hätte sich gern einen Vineyard angesehen, von denen es einige am östlichen Ende der Insel gibt. Sie hätte sich ebenfalls darauf gefreut, das Haus von Walt Whitman zu besuchen. Leider hat es sich nicht ergeben, denn um die Vineyards zu erreichen, hätten wir bestimmt zwei Stunden fahren müssen. Das Haus des Dichters, das als Museum erhalten geblieben ist, liegt nicht an der Atlantikseite, sondern an der Seite, die auf das amerikanische Festland blickt. Wir aber hatten in einem Motel im Süden eingecheckt. Die Zeit war recht knapp und wir wollten sie nicht verschwenden, indem wir den halben Tag mit dem Auto umherfuhren. Mein Sohn erklärte schon vorher wenig diplomatisch, dass er zu den von uns avisierten Zielen auf keinen Fall fahren wolle; das sei alles langweilig.

Nur eine kurze Autofahrt von unserem Motel entfernt, lag jedoch Long Beach, einer der schönsten und berühmtesten Strände der Welt. Zwar hatte der Wetterbericht Wolken und leichten Regen vorhergesagt, aber am Vormittag klarte es auf und eine gnadenlose Hitze brannte von einem wolkenlosen Himmel herab. Wir mussten einfach nach Long Beach!

Wir packten unsere sieben Sachen und checkten aus. Auf der Fahrt zum Strand fiel zwei der drei Reisenden ein, dass sie Hunger hätten und sofort essen müssten, so groß war die Hungerqual. Aus dem Augenwinkel gewahrte ich im Vorbeifahren irgendwo die Aufschrift „Falafel“ und wir beschlossen, dass wir etwas essen müssten, um uns für den Strandaufenthalt zu wappnen. Nachdem wir uns ein paarmal verfahren hatten, gelangten wir dann doch zu dem kleinen Bistro, das wir zufällig entdeckt hatten.

Für den Berliner ist Falafal ja kulinarisch nichts Neues und es ist etwa so exotisch wie die Currywurst oder der Döner, also normales Berliner Streetfood. Meine Frau liebt Falafel und Hummus und sie isst es, wann immer sie Gelegenheit dazu hat (bei mir macht die Verdauung Schwierigkeiten und mein Sohn hasst alles, was auch nur entfernt an Gemüse erinnert). In Berlin ist man daran gewöhnt, Falafel als eine typisch arabische Speise anzusehen, denn die allermeisten Falafel-Shops werden von Arabern betrieben. Als wir vor der Tür des Bistros standen, das mit seiner Falafel warb, fiel uns der Name „Geffen“ ins Auge und da erst merkten wir, dass wir unbewusst einem Irrtum aufgesessen waren. Der Laden war über und über mit israelischen Landesfahnen tapeziert. Auf einem Tisch an der Tür lagen Zeitungen in hebräischer Sprache sowie die jüdische Lokalzeitung aus. Die männlichen Kunden, egal welchen Alters, trugen allesamt Kippa, die Frauen waren züchtig gekleidet.

An der Theke bestellten wir Hummus und Falafel, eine Pita mit Falafel, Tee und als Nachtisch für unseren Sohn einen koscheren Schokoriegel. Die junge Frau hinter dem Tresen nahm unsere Bestellung mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Einige der Gäste, die an den Tischen im hinteren Teil ihr Mittagessen einnahmen, drehten sich neugierig nach uns um – wir passten so wenig ins hiesige Biotop wie ein Fisch in der Wüste. Auf einer Seite des Ladens standen Regale mit einer großen Auswahl an Lebensmitteln darin, unter anderem Kaffee, Tee und Schokolade. Vieles war aus Israel importiert und alles war natürlich koscher. Es gab auch eine Kühlteke, in der ich koscheres Ham sah.

Neben der jungen Frau, die hinter dem Tresen arbeitete, war noch ein älterer Herr zugegen, vielleicht der Besitzer des Ladens. Er lief umher und bediente die Gäste, nahm Bestellungen entgegen und machte Smalltalk. Ich konnte sehen, dass er uns die ganze Zeit über neugierig beäugte. Vielleicht wollte er herausfinden, wer wir waren, denn offenbar verirrten sich in diese Gegend Long Islands nicht viele Touristen und schon gar nicht solche wie wir: Wir sprachen deutsch miteinander und meine Frau wird in Berlin oft für eine Araberin oder Türkin gehalten. Ich weiß nicht, zu welchen Schluss er kam; vielleicht blieben wir ein Rätsel für ihn. Er unterließ es, uns zu fragen, obwohl er durchaus interessiert schien, mehr zu erfahren.

Erst nachdem wir das kleine Lokal verlassen hatten, fiel uns auf, dass es uns in eine Gegend mit überwiegend jüdischer Bevölkerung verschlagen hatte: Die Namen der Lebensmittelgeschäfte fingen alle an mit „kosher“. Es gab viel „Kosher Meat“, einmal sahen wir sogar „Kosher Chinese Food“. Das Essen, Hummus und Falafel, war übrigens ausgezeichnet und selbst mein Sohn, der ein echter Gemüse-Verächter ist, verdrückte seine Pita mit Falafel, scharfer Soße und viel Gemüse mit regelrechtem Heißhunger.

Endlich gelangten wir ans Ziel – Long Beach. Wir konnten schon das Meer riechen und die Brandung hören, aber es ist gar nicht so einfach, an den Strand zu gelangen. Weite Teile der Küste sind in Privatbesitz und es ist einfach unmöglich zum Wasser vorzudringen, ohne von bestellten Aufpassern davon abgehalten zu werden. Ich fragte einen Passanten, wo es denn Strände mit öffentlichem Zugang gäbe und er sagte mir, ich müsste noch viel, viel weiter fahren. Das taten wir dann auch, ungeduldig, endlich das Meer zu sehen. Als wir glaubten, weit genug gefahren zu sein, parkten wir das Auto auf einem kostenlosen Parkplatz und machten uns auf zum Strand.

Endlich, da lag das ersehnte Ziel zum Greifen nahe – Long Beach: von der hölzernen Strandpromenade aus erstreckte sich ein etwa fünfzig Meter breites Band feinkörnigen, weißen Sandes bis zum Meer. Auf der Promenade begegneten wir tätowierten Bodybuildern, deren Körper unglaublich massig und zugleich so hart waren, dass es schon an Wahnsinn grenzt. Sie waren sonnengebräunt, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe: wie schwarz angelaufenes Kupfer. Eine kleine zähe Frau um die sechzig, die zerknitterte Haut braun wie Milchschokolade, kam uns auf einer silbernen Beinprothese entgegengejoggt. Unter ihren grauen, wie Stacheln auffrisierten Haaren warf sie mir einen herausfordernden Blick zu – ich hatte ihre Beinprothese wie hynotisiert angestarrt.

Von der Promenade zum Strand waren es noch einmal drei, vier Meter. Man musste nur die Stufen einer Treppe hinabsteigen und schon lief man durch weichen, warmen Sand. Das war leichter gesagt als getan, denn vor dem Zugang zur Treppe stand eine Art Maut-Häuschen und darin thronte eine dicke Frau wie ein Zerberus und kassierte Eintritt. Eintritt für den Strand? Zwölf Dollar waren pro Person zu entrichten. Ich fragte, ob es denn irgendwo einen freien Strand gäbe und sie antwortete mir gleichgültig, ich müsste nur sechs Meilen die Küste hochfahren. Nachdem wir eine Ewigkeit gebraucht hatten, um überhaupt hierher zu gelangen, wollte ich jetzt nicht schon wieder ins Auto steigen. Wir zahlten also die zwölf Dollar. Mein Sohn ging einfach so durch, weil ich log, er sei erst zwölf Jahre alt. Als wir außer Hörweite waren, meinte er: „Die hat ja einen Bart.“

Am Strand selbst erlebten wir die nächste Überraschung: Die Lifeguard machte uns darauf aufmerksam, dass das Baden nur zwischen den grünen Fahnen gestattet sei. Der Strand zog sich unendlich weit hin, aber Badestellen gab es nur ca. alle zweihundert Meter, und der Abstand zwischen den Fähnchen betrug nicht mehr als zwanzig, dreißig Meter. Alles andere, sagte uns die Strandaufsicht, sei Surfer-Beach. Wir sahen keinen einzigen echten Surfer, nur ein paar Möchtegerns, die nicht mal dann auf dem Brett zu stehen vermocht hätten, wenn es auf dem Sand gelegen hätte. Einmal verließen wir beim Baden versehentlich den eingegrenzten Bereich um einige Meter, doch sogleich war der Aufpasser zur Stelle und forderte uns freundlich, aber bestimmt auf, in den zum Baden bestimmten Bereich zurückzukehren. Er war so dünn und nervte uns so sehr, dass wir beschlossen, ihn gleich an Ort und Stelle zu ertränken und seinen Körper dem Meer zu überlassen. Wenn uns die Polizei befragte, würden wir einfach sagen, er wollte schwimmen gehen.

Das Meer und der Strand waren überwältigend, einfach herrlich! Die 24 Dollar Standtaxe taten uns kein bisschen leid. Wir warfen uns in die Brandungswellen bis uns ganz schwindelig war und es in unseren Ohren nur noch rauschte. Man glaubt gar nicht, welche Kraft das Meer hat. Weit draußen sahen wir blasse Silhouetten an der Horizontlinie entlangschwimmen – Schiffe mit Fracht aus aller Welt, die den Hafen von New York anlaufen.

Ich hätte den ganzen Tag am Strand verbringen können, aber irgendwann haben einen Meer und Sonne so ermattet, dass man nur noch nach Hause will. Wir verließen Long Beach erschöpft und glücklich und ein wenig gebräunter als zuvor (so braun wie die Bodybuilder würde ich im Leben nicht mehr werden). Auf dem Heimweg versprachen wir uns, sollte uns das Schicksal noch einmal hierher führen, würden wir zum öffentlichen Strand gehen, dorthin, wo man keinen Eintritt zahlen muss. Aber das Geld konnten wir getrost verschmerzen, denn dieser Tag war jeden einzelnen Cent wert.

Alles anders!

Der Alltag hat einen daran gewöhnt, die meisten Dinge als völlig normal zu erachten. Erst wenn man den gewohnten Standpunkt verlässt, wenn man gezwungen ist, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, merkt man, dass es das „Normale“ eigentlich gar nicht gibt und vielleicht auch gar nicht geben kann. Wenn das, was man eben noch als normal empfand, plötzlich die Ausnahme ist, und die gewohnte Welt auf dem Kopf zu stehen scheint, begreift man, dass man einer Illusion erlegen war.

Der Kulturschock zeigt sich immer in den kleinen Dingen. Wie man es auch dreht und wendet – wir kommen nie über das hinweg, was wir einmal gelernt haben. Was uns einmal antrainiert worden ist, bleibt ein Leben lang der Maßstab, an dem wir alles messen müssen. Die Moral steckt uns in den Knochen und wir können sie nicht auf dieselbe Weise austreiben, wie sie uns eingetrichtert wurde. Ich habe bereits drei Jahre in Texas gelebt und glaubte daher, dass es nichts gäbe, was mich noch wirklich beeindrucken könnte. Aber manchmal irrt man eben.

In Belleville, New Jersey, (in der Nähe Newarks), wohnen wir bei Freunden meiner Frau. In der Nähe befindet sich ein Supermarkt, und da wir als Gäste nicht nur den Kühlschrank leeren wollen, ist schnell der Entschluss gefasst, wir müssten einkaufen gehen. Man kann den Supermarkt in ca. fünf Minuten zu Fuß erreichen und wir beschließen hinzulaufen – ein Kuriosum in einem Land, in dem selbst kürzeste Entfernungen mit dem Auto zurückgelegt werden. Drinnen erwartet uns eine unglaubliche Fülle an Lebensmitteln. Belleville liegt zwar weniger als eine Autostunde von New York entfernt, ist aber dennoch nur eine Kleinstadt, und eine ziemlich provinzielle dazu. Der Supermarkt aber ist, was die Reichhaltigkeit des Angebots betrifft, besser ausgestattet als die Masse der Berliner Verbrauchermärkte, ganz gleich, welcher Kette sie angehören. Es gibt einfach alles: Kochbananen, sogar in unterschiedlichen Reifegrade, getrocknete Chilis in verschiedenen Sorten, Mangos, Süßkartoffeln, Melonen. Insbesondere das Angebot an Obst und Gemüse ist überwältigend. Und auch alles übrige ist in solch einer überbordenden Fülle vorhanden, dass beim Einkaufen die Qual der Wahl der Normalzustand ist.

Die meisten Waren sind jedoch nicht gerade billig. Die Preise sind mit denen in Deutschland durchaus vergleichbar. Ich habe den Eindruck, es ist alles sogar noch teurer als in Berlin. Seit 2008, als wir Amerika verließen, hat die Preisschraube noch einmal deutlich angezogen. Ist das nun nur ein Eindruck oder tatsächlich eine Konsequenz der Geldpoliktik der FED, dem quantitative easing, was nichts anderes als eine gesteuerte Inflation bedeutet? Man fragt sich, wie die einfachen Leute überleben. Allerorten hört man von Zweit- oder Drittjobs, mit denen sich die Menschen notdürftig über Wasser halten.

Gestern sprach mich ein Mann auf der Straße an. Er versicherte mir, er wolle nichts Böses. Zum Beweis zeigte er mir seinen Führerschein – was auch immer das beweisen mochte. Stattdessen bot er mir zwei Bruce-Lee-DVDs zum Kauf an. Ich log, ich sei kein großer Fan von Bruce Lee, denn ich wollte die DVDs auf keine Fall kaufen. Ich fragte ihn stattdessen, ob ich ihm sonst irgendwie helfen könnte. Ein bisschen Geld für den Bus wäre nicht schlecht, meinte er. Er habe nur das, was er bei sich hätte und sonst nichts (außer seinen Sachen schien er nichts zu besitzen). Ich gab ihm alles, was ich an Kleingeld in den Taschen hatte und er zog dankbar in die Nacht. Ich kam mir ganz schlecht dabei vor, ihn einfach so gehen zu lassen.

Unsere Reisekasse war zu diesem Zeitpunkt noch gut gefüllt und wir hielten uns mit Einkäufen im Supermarkt nicht zurück. Am Ende wollte ich noch etwas Bier kaufen, denn Wasser allein löscht bekanntlich nicht den Durst. Ich war ein wenig schockiert zu erfahren, dass die Supermärkte keine alkoholischen Getränke verkaufen. Vielleicht ist diese Regelung ein archaisches Überbleibsel aus der Zeit der Prohibition, vielleicht will man Jugendliche davor schützen, sich auch noch der letzten funktionsfähigen Gehirnzellen zu entledigen, vielleicht wollen radikale Abstinenzler einfach nur den ganzen Bundesstaat terrorisieren – ich weiß es nicht. Joao, unser Gastgeber, ist erstaunt, dass ich etwas anderes erwartet habe und meint bloß, wenn wir Bier kaufen wollten, müssten wir mit dem Auto zehn Minuten weit fahren, zu einem speziellen Laden. Das wäre angeblich kein Liquor-Store. New Jersey versucht sich doch nicht etwa am schwedischen Modell? Ich nehm’s so hin; durch die Gegend zu fahren, habe ich keine Lust, zumal mir Joao am Tag zuvor erzählte, dass die Gegend fünf Straßen weiter ein ganz übles Pflaster sei.

Ich grübelte noch lange, welchen Sinn es haben könnte, Bier aus dem Supermarkt zu verbannen, zumal in einigen Bundesstaaten jeder, der Alkohol kauft, einen Adult-Check über sich ergehen lassen muss, ganz gleich wie alt er wirklich ist (und wie alt er aussieht). Eine vernünftige Antwort fällt mir nicht ein. Ich brauche ein Bier, um meine Hirnzellen anzukurbeln. Joao hat eine Coronita im Kühlschrank, die er mir, als der warmherzige Mensch, der er ist, sofort mit einem strahlenden Lächeln serviert. Eine Coronita ist eine kleine Corona extra, nur ein Shot in einer winzigen Flasche, zu leeren in einem einzigen Zug. Ich genieße das kalte Bier nach einem langen heißen Tag.

Einige Tage später haben wir dann tatsächlich Gelegenheit, ein Weingeschäft aufzusuchen. Wir waren die einzigen Kunden in dem auf winterliche Temperaturen gekühlten Geschäft, das eher an eine große Lagerhalle denn an eine gediegene Weinhandlung erinnerte. Die Auswahl war wirklich sehr gut, viele Qualitätsweine fanden sich darunter, aber meine Frau hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Freunden ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Es sollte ein deutscher Eiswein sein und nichts anderes. Da die Weine nicht mehr in den Koffer passten, waren wir also gezwungen, ein paar Flaschen hier in Amerika zu kaufen. Eiswein hatten sie leider nicht und ich bezweifele, dass der Angestellte, der ein wenig wie der Comic-Guy aus den Simpsons aussah, sich überhaupt vorstellen konnte, was wir meinten. Er zeigte uns einen kanadischen „Ice wine“, was immer das sein sollte. Als ich den Karton mit der Flasche aus dem Regal nahm, um ihn mir genauer anzusehen, wäre mir fast ein Malheur passiert. Mehrere Flaschen fielen um; zum Glück ging nichts zu Bruch.

Am Ende entschieden wir uns für zwei Flaschen Riesling von der Mosel, ein Wein süß, der andere trocken ausgebaut. Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen. Jedenfalls kann man mit einem deutschen Qualitäts-Riesling nicht wirklich etwas falsch machen. Als wir schon gehen wollten, entdeckte ich noch eine kleine, aber wohlbestellte Abteilung mit Craft-Bieren. Eine Flasche (0,3 Liter) kostete um die 2,50 Dollar. Wir hatten wenig Zeit, so dass ich mir nicht in Ruhe die Etiketten anschauen konnte, und die Namen der meisten Biere sagten mir gar nichts. Auch gab es viele exotische Sorten, z.B. Schokoladen- oder Apfelbiere, mir war aber eher nach Gerste und Hopfen in seiner natürlichen Form als Pils. Ein Ale hätte es auch getan, aber dann verließ ich den Laden doch, ohne etwas zu kaufen.

Diese fast schon panische Angst vor dem Alkohol in allen seinen Spielarten ist schon merkwürdig. Man scheut ihn offenbar wie der Teufel das Weihwasser. High Fructose Corn Syrup scheint aber etwas Gutes zu sein, denn sonst würden nicht alle Lebensmittel den süßen Syrup aus biochemisch umgewandelter Maisstärke enthalten. Es ist fast unmöglich, eine Marmelade mit „richtigem“ Zucker zu finden (zumindest eine Industriemarmelade), oder – wenn es denn schon sein muss – eine Limonade, die übrigens in einer an Wahnsinn grenzenden Vielfalt zu finden ist. Wenn das Zeug wenigstens betrunken oder high machen würde, könnte man zumindest die körperlichen Schäden gegen die zu erwartende Rauschwirkung abwägen. Aber so holt mal sich einfach nur Diabetes. Schön saufen kann man sich die Welt damit jedenfalls nicht.

Richtig voll werden die Supermärkte eigentlich erst am Abend, aber dann, nach Sonnenuntergang, stürmen die Menschen wie auf ein geheimes Zeichen hin die Geschäfte. Schon damals, 2006 in Texas, fiel mir auf, dass sich Familien mit kleinen Kindern bevorzugt in den späten Abendstunden in den Supermärkten aufhalten. Hier in New Jersey ist es nicht anders. Zum Teil mag das daran liegen, dass es im Sommer am Tag oft unerträglich heiß ist. Es ist nicht zum Aushalten – man fühlt sich wie in einem Backofen. Im Grunde kann man den Sommer nur auf zweierlei Weise überstehen: in gut klimatisierten Räumlichkeiten oder in einer kühlen Seebrise am Antlantikstrand. Büros, Shoppingmalls und Wohnungen werden auf frostige 20 oder gar 18 Grad heruntergekühlt – eine Stunde im Supermarkt und man ist regelrecht unterkühlt und schlottert nur so vor Kälte. Wegen der ständigen Temperaturwechsel und wegen des andauernden Zugs aus der Klimaanlage ist mir schon die Nase zugeschwollen, aber anders lassen sich die Temperaturen einfach nicht aushalten.

Im Supermarkt begegnet einem der übliche Wahnsinn. Amerika ist ja vor allem eine Sitzkultur. Ich glaube, kein Volk hat die Sitzkultur so weit vorangetrieben wie die Amerikaner. Ein Wohnzimmersofa ist nicht nur irgendein Möbelstück, sondern der Mittelpunkt des Hauses, gewissermaßen die Schaltzentrale, von der alle Aktivität ausgeht, ja von der das Leben selbst seinen Anfang nimmt. Man kann nicht genau sagen, ob das Sofa die Verlängerung des Autos ist oder umgekehrt, jedenfalls muss ein echt amerikanisches Sofa mit Cupholdern und Mittelkonsole ausgerüstet sein; vor allem aber muss es groß sein – verglichen mit seinen europäischen Pendants einfach gigantisch groß.

Das neue Sofa unserer Gastfamilie liegt wie eine Endmoräne im Wohnzimmer. In die Cup-Halter passen XXL-Becher und das Aufbewahrungsfach in der Mittelkonsole ist so groß wie eine kleine Kühlbox; sämtliche Fernbedienungen verlieren sich darin geradezu. Die Auswirkungen der sitzenden Lebensweise kann man jeden Abend im Supermarkt betrachten. Dick zu sein, ist keine Ausnahme, etwas mollig ist fast jeder. Man sieht nur wenige dünne Menschen im Straßenbild. Erschreckend ist aber die Anzahl der wirklich massiv Übergewichtigen.

Schon auf dem Flug von Dublin nach New York fiel auf, dass sich einige unglaublich adipöse Personen unter die übrigen Passagiere gemischt hatten. Man darf zurecht annehmen, dass es sich um Amerikaner handelte. Ich war froh, dass ich nicht neben einen von ihnen sitzen musste – nicht, weil ich sie nicht leiden könnte oder weil ich etwas gegen Dicke hätte, sondern weil die Sitze schon für normalgewichtige Personen zu eng und zu unbequem waren. Jeder Zentimeter Ellenbogenfreiheit muss mühsam mit dem Sitznachbarn ausgehandelt werden. Ich hätte nicht gern neben jemanden sitzen wollen, der nicht in der Lage ist, Kompromisse zu machen.