El país de los locos

Als wäre Titan ein Kosmonaut vor einer wichtigen Weltraummission, besuchen ihn am Abend vor dem Start seine zwei Leibärzte. Man überzeugt sich ein letztes Mal, dass er in guter Verfassung ist, dass die Papiere vollständig sind und dass die Transportbox ordnungsgemäß für die Reise präpariert ist. Titan wird in dem Behältnis verstaut und die Ärzte nehmen ihn für eine letzte Untersuchung mit in die Klinik. Nach zwei Stunden ist er wieder da. Als er uns sieht, ist er aus dem Häuschen, als wäre er gerade wieder auf der Erde gelandet, glücklich zurückgekehrt aus den Weiten des Alls.

Ich beginne mir Sorgen zu machen, wie er wohl reagieren wird, wenn er allein den Ozean überquert. Damit er sich nicht einsam fühlt, empfehlen die Ärzte, ich solle auf einer Decke schlafen, die er dann mit auf die Reise nimmt. Der vertraute Geruch werde ihn beruhigen. Ich wickle mir also ein Badetuch um den Bauch und verbringe die Nacht damit. Am Tage des Abflugs bereite ich Titan daraus ein gemütliches Nest und der Hund legt sich sogleich hinein.

Auf dem Flughafen checkt Titan zusammen mit den menschlichen Passagieren ein, doch die Abfertigung nimmt mehr Zeit in Anspruch als bei allen anderen, viel mehr. Dies wäre nicht Ecuador, wenn ein missgünstiges Schicksal nicht noch in den verbleibenden Tagen versuchte, uns mit aller Macht auch den letzten Rest guter Laune auszutreiben: Anlässlich seiner letzten Visite hatte uns der Tierarzt noch einmal versichert, dass die Airline für die Überführung eines Hundes nach Deutschland nie mehr als zweihundert Dollar verlange. Der Arzt sprach mit einem Ernst, als leiste er eine Art Offenbarungseid. Er sagte, er mache diesen Job schon viele Jahre, aber noch nie, wirklich noch nie, sei es vorgekommen, dass jemand mehr als die genannte Summe für ein Ticket bezahlt habe. Wir nehmen seine Versicherung fast als Schwur, aber bekanntlich ist man auf See und vor Gericht in Gottes Hand. Man könnte noch hinzufügen: beim Check-in auf einem Flughafen.

Wir melden Titan beim Check-in an und übergeben artig die Papiere, die das Pendant eines Transitvisums darstellen. Ohne sie wäre es dem Hund gar nicht gestattet, die Reise anzutreten. Alles läuft wie am Schnürchen und eigentlich bleibt als letzter Akt nur noch, das Ticket zu bezahlen. Ich halte die Summe – sorgfältig abgezählt und penibel sortiert – schon einmal bereit. Präsident Andrew Jackson strahlt siegesgewiss von den druckfrischen Scheinen. Im Vorgefühl stiller Befriedigung sehne ich den Augenblick herbei, da die Airline-Mitarbeiterin vom Counter aufsieht, mir ihr schönstes Lächeln schenkt und die Worte „zweihundert Dollar“ spricht.

Dann ist der Augenblick gekommen und die Angestellte sieht mir tatsächlich in die Augen. Sie lächelt mich an, wie das Aufsichtspersonal auf derartigen Massentransporten das Frachtvieh nun einmal anlächelt. Die Luft zwischen uns ist elektrisiert und ein euphorisches Gefühl der Vorfreude jagt Schauder des Glücks durch meinen Körper. Ihre Lippen formen die Worte wie in Zeitlupe. Sie sagt: „Vierhundert Dollar“.

Ich höre gar nicht, was sie sagt, oder vielmehr höre ich, was ich hören will: Im Vorgefühl des Triumphes habe ich meinen Geist mit solch fanatischer Ausschließlichkeit auf die Zahl „Zweihundert“ konditioniert, dass ich jetzt genau das höre, was ich zu hören erwarte. Ich gebe ihr die Scheine mit derselben naiven Arglosigkeit, mit welcher der arme Paris einst Aphrodite den Apfel gab. Sie zählt das Geld einmal und dann noch einmal und dann auch noch ein drittes Mal. Dies seien zweihundert Dollar, stellt sie fest. Richtig! Ihr Lächeln hat gedreht von freundlich zu irritiert.

Ich begreife noch immer nicht, was sie eigentlich von mir will. Erst als sie mir detailliert auseinandersetzt (wie man einer Person mit geistig eingeschränkter Kapazität einen einfachen Sachverhalt eben auseinandersetzt), dass das Ticket für den Hund vierhundert Dollar koste, wird mir klar: Ich habe zu wenig Geld. Es sei richtig, so lasse ich mich belehren, dass ein Flugticket tatsächlich zweihundert Dollar koste. Nur erfolge in Amsterdam eine Zwischenlandung – leider. Ich verstehe rein gar nichts, doch die Airline-Angestellte erklärt dem Hilfsschüler mit aller gebotenen didaktischen Kunstfertigkeit, dass das erhöhte Beförderungsentgeld seine Richtigkeit habe: An und für sich sei der Zwischenaufenthalt im Ticket-Preis enthalten und zwar bis zu einer Dauer von zwei Stunden. Ich prüfe den Flugschein. Titan wird in Amsterdam zwei Stunden und exakt fünf Minuten verweilen.

Da stellt sich die Frage, worin der Unterschied zwischen zwei Stunden und zwei Stunden und fünf Minuten besteht – abgesehen natürlich von den dreihundert Sekunden. Die Airline-Mitarbeiterin fährt mit ihren Erklärungen fort, als sei sie ein Sprechautomat. In ihrem schicken roten Kostümchen vermittelt sie den Eindruck, dies wäre ein Verkaufsgespräch in der Filiale eines Anbieters für Luxusjachten und in diesem Augenblick sei sie gefordert, ihre ganze fachliche Kompetenz auszuspielen, um der zwar solventen, aber etwas beschränkten Kundschaft zu erklären, warum Sanitärarmaturen aus Massivgold nur gegen Aufpreis zu haben seien (und vor allem, warum sie im Falle einer Havarie bis auf den Grund des Meeres sinken): In Amsterdam müsse ein Hunde-Hotel gebucht werden. Das Hotel werde pauschal mit zweihundert Dollar berechnet.

Zweihundert Dollar für fünf Minuten? Ich erwarte das Burj Khalifa für Hunde: goldene Fressnäpfe in denen livrierte Hoteldiener der verwöhnten Kundschaft Tartar aus der Lende des Kobe-Rindes darreichen, Hundedecken aus Vicuña-Wolle und Beißspielzeug aus Narwalelfenbein. Doch die Zeit in Amsterdam würde nicht einmal ausreichen, um einen gepflegten Joint zu rauchen, geschweige denn, um ein- und wieder auszuchecken. Ich bezweifle, dass man den Hund erst umständlich ins Hotel chauffiert. Wahrscheinlich lässt man ihn gleich in seiner Transportkiste und macht sich mit den zweihundert Dollar einen schönen Nachmittag im Coffee-Shop.

Wozu braucht man Logik, wenn es doch Bestimmungen gibt: Die Airline bleibt stur und besteht auf dem erhöhten Beförderungsentgeld. Meine Frau, deren Nervenkostüm nach einem Jahr Ecuador so löchrig ist wie ein Schwamm, möchte dem Sprechpüppchen in der adretten erdbeerfarbenen Uniform die Unverschämtheit nicht unkommentiert durchgehen lassen. Ich habe plötzlich Captain Picard vor Augen, als er in einem Moment beispielloser Erregung schwört, seinem Erzfeind, den Borg, mit brutaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die Reaktion meiner Frau ist von der des Captains nicht weit entfernt – sie verlangt die Vorgesetzte zu sprechen. Die Supervisorin steht nur fünf Meter entfernt und während sich die Lautstärke des Wortgeplänkels nach Art eines Crescendos steigert, lässt sie über ihre Untergebene mitteilen, sie sei im Augenblick beschäftigt und habe keine Zeit: Sie ordnet Stapel von Formularen, die aussehen, als wären sie von jemandem mit schwerem Ordnungszwang bereits sortiert worden.

So viel Impertinenz verlangt nach Vergeltung. Meine Frau, durchaus erregt über diese Unverfrorenheit, will wissen, wie die Mitarbeiterin heißt, doch sie trägt kein Namensschild an ihrer schmucken Uniform und ihren Namen würde sie wahrscheinlich nicht einmal unter der Folter preisgeben. Ich kann sehen, wie sie auf ihren Lippen herumkaut. Sie ist nun sehr still geworden, das stereotype Lächeln ist ihr wie aus dem Gesicht gewischt.

Für Situationen wie diese gibt es immer einen, der eigens dazu angestellt ist, sich der Probleme anzunehmen, mit denen sich sonst niemand abgeben mag. Er ist sozusagen der Prügelknabe des Unternehmens, der Kloppi, der Dummie, der die Schläge einstecken muss, die eigentlich den Ohrfeigengesichtern in der Chef-Etage gebühren. Er ist die letzte Person, die man sieht, bevor man von der Haus-Security vor die Tür gesetzt wird.

Der Mann, der uns sogar seinen vollständigen Namen nennt, hört sich unser Problem ruhig an. Sehr gekonnt heuchelt er Verständnis – wahrscheinlich wurde er eigens darin geschult, aufgebrachte Kunden mit einem hypnotischen Sermon aus Entschuldigungen und Plattitüden einzuschläfern. Mit der Geschmeidigkeit eines gewieften Diplomaten bringt er immer neue und vor allem vollkommen nichtssagende Höflichkeitsfloskeln vor. Sie dienen nur dazu, unseren Zorn wie ein Blitzableiter von dem Unternehmen abzulenken, das solch einen cleveren Krisenunterhändler beschäftigt.

Ein Gespräch mit ihm nützt ungefähr so viel wie ein Tauchschein auf der Titanic: Er bedauere sehr, nichts weiter für uns tun zu können, aber die Gesellschaft könne uns die zweihundert Dollar für das Hunde-Hotel leider nicht erlassen. Er beruft sich auf die Transportbestimmungen und diese ließen nun einmal keine Ausnahmen zu. Wir könnten auch mit dem Computer des Self-Check-in sprechen, vielleicht würde uns die seelenlose Maschine sogar zuhören. Wir finden, da man sich auf die AGBs beruft, sei es nicht zu viel verlangt, wenn man sie uns auch einmal zeigte. Leider erweist es sich als gar nicht so leicht, eine Kopie der Beförderungsbestimmungen zu beschaffen. Wir müssen dem Wort des Unternehmens vertrauen, doch wann hätte man je davon gehört, dass weltweit operierende Konzerne Kunden belügen.

Für den übrigen Teil verfährt man nach der Devise „Friss oder stirb“: Wir können das Ticket kaufen oder es sein lassen. Von Kundenfreundlichkeit oder gar Kulanz scheint man noch nie gehört zu haben. Dem Unternehmen muss es wirklich schlecht gehen, wenn es schon darauf angewiesen ist, lächerliche Summen mit erpresserischer Härte einzutreiben. Insgeheim wünsche ich, der ganze Laden möge nur ja schnell pleite gehen.

Während sich die Auseinandersetzung Runde um Runde hinzieht wie ein Schwergewichtsboxkampf zwischen zunehmend angeschlagenen Rivalen, suchen der Hund und ich uns ein ruhiges Plätzchen und warten ab. Titan sitzt friedlich in seiner Box und nur manchmal gibt er einen Laut von sich, der an ein leises Wimmern erinnert. Vielleicht ahnt er, was ihm bevorsteht. Die Crew einer niederländischen Fluglinie kommt zufällig des Wegs. Obwohl ich beileibe kein Zwerg bin, überragt mich jedes einzelne der Crewmitglieder in den schneidigen blauen Uniformen um mindestens einen halben Kopf. Unter den kleinwüchsigen Ecuadorianern nehmen sich die großen blonden Menschen aus wie eine Schar Elben, die sich in ein Dorf der Hobbits verirrt hat.

Die Crew sieht den Hund in seiner Box und als würde Titan fühlen, dass dies die letzte Chance ist, seinem Schicksal doch noch zu entgehen, fängt er plötzlich an, herzzerreißend zu heulen. Die Stewardessen gehen zu ihm und trösten das Tier, das vor Aufregung zittert. Sie streicheln den Hund und sprechen mit ihm, wie man nur mit Hunden und Kindern zu sprechen pflegt. Ich glaube, am liebsten hätten sie ihn mit ins Cockpit genommen. Der Hund gibt sich so lieb und anhänglich, dass man ihn auf der Stelle behalten will. Doch der Flug ist schon gebucht und auch die Crew muss weiter.

Nach einer Weile ist am Check-in der tote Punkt erreicht: Meine Frau hat sich an der Sturheit der Fluggesellschaft abgearbeitet wie ein Fighter an einem schweren Sandsack. Nun ist sie stehend k.o. Die Lust auf eine weitere Runde ist ihr vergangen. Doch sie schwört, diese Demütigung werde ein Nachspiel haben. Die Mitarbeiter am Counter zeigen sich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hören sie solche Schwüre alle Tage und gewiss bekommen sie auch noch alle möglichen Flüche zu hören, bevor die Querulanten von der Security abgeführt werden.

Dann checkt der Hund ein. Ein Airport-Angestellter kommt mit einem Gepäckwagen, lädt die Transportbox auf und in wenigen Augenblicken ist Titan fort, verstaut im Bauch eines Flugzeugs. Kaum zwei Stunden später ist er schon über dem Atlantik. Ich weiß wirklich nicht, ob die Sache mit dem Hunde-Hotel nur ein Witz war, aber als Titan in Berlin eintrifft, wirkt seine Box unberührt. Es scheint, sie wäre während der ganzen Reise nicht einmal geöffnet worden. Der Hund hat ganze vierzehn Stunden darin zugebracht und während dieser Zeit hat er nicht einmal Wasser bekommen. Das hochqualifizierte Fachpersonal der Airline hat den Trinknapf außen am Käfig angebracht. Nicht einmal der cleverste Schlossknacker und Ausbrecherkönig hätte ihn dort erreichen können. Aber vielleicht war der Hund ja gar nicht durstig, weil er sich in der Bar seines Hotels mit Cocktails abgefüllt hat.

Titan ist solch ein tapferer Hund. Während der ganzen Zeit hat er nicht einmal in seine Box gemacht. Ein Mensch hätte es wohl kaum so lange ausgehalten. Als man ihn in Berlin endlich befreit, läuft er ein wenig herum, beschnüffelt alles neugierig und tut dann, was Hunde zu tun pflegen: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nimmt er die Stadt in Besitz, indem er seine Marke setzt. Wir verlassen das Land zwei Tage später, doch so besitzergreifend wie der Hund sind wir natürlich nicht. Im übrigen gehört uns Berlin ja bereits …

Nachspiel

Viel später versuche ich, bei der Fluggesellschaft die Kosten für das Hunde-Hotel zu reklamieren. Natürlich ist man nicht so dumm, eine Hotline zu unterhalten, bei der Krethi und Plethi anrufen und unverschämte Forderungen stellen könnte. Aber immerhin findet sich auf der Web-Präsenz des Unternehmens eine versteckte Unterseite für Beschwerden. Mit wachsender Verzweiflung klicke ich mich durch die verschiedenen Untermenüs, mit denen man Unruhestifter wie mich in Schach zu halten versucht. Am Ende der Odyssee lande ich in einer Beschwerde-Kategorie. Es ist für das Unternehmen sicher sehr praktisch, wenn man die Quertreiber gleich vorsortieren kann. Ein Fenster öffnet sich und ich darf eine Nachricht hinterlassen.

Schon drei Wochen später erhalte ich Antwort. Es ist ein vorgefertigter Serienbrief, in dem man mich höflich bittet, die Website des Unternehmens aufzusuchen und die Art der Beschwerde zu konkretisieren. Offenbar spielt es keine Rolle, dass ich genau das bereits getan habe. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die leitenden Angestellten der großen Firmen gar keine echten Menschen, sondern bloß Bots, die sich hinter menschengestaltigen Avataren verstecken.

Ganz allmählich beginne ich zu begreifen, dass der Wahnsinn nicht nur in Ecuador zuhause ist (wahrscheinlich hat sich das Virus aber von hier, dem Infektionsherd, erst weltweit ausgebreitet – mit tatkräftiger Hilfe der Fluggesellschaften). Ich bin mir plötzlich auch nicht mehr so sicher, wo die Heimat der Verrückten eigentlich zu finden ist. Aber irgendwo müssen all die Irren ja herkommen, die einem pausenlos das Leben vermiesen wollen. Ich habe das Gefühl, es gibt gar keinen Ort namens País de los locos. Und wenn ich mich irren sollte und doch so etwas wie das Land der Verrückten existiert, ist es vielleicht nur in uns selbst zu finden, und es ist immer dort, wo auch wir sind, ganz egal, wohin der Wunsch, ihm zu entfliehen, uns auch führen mag.

Von Hunden und Menschen

Wir sind froh, dass Titan keinen Lebenslauf vorlegen muss, denn seine Vergangenheit liegt im Argen. So viel weiß man immerhin: Geboren wurde er in Cumbayá, einem Vorort östlich von Quito, in einem Stadtteil namens Santa Inés. Zu jener Zeit wohnten wir dort in der Calle Maria Auxiliadora. Wenn man dieser Straße etwa hundert Meter den Berg hinauf folgt, gelangt man zur Calle San Francisco de Asis. Dreißig Meter rechts hinter der Stelle, an der die Maria Auxiliadora in die Asis mündet, liegt der Cyber, d.i. der Internet-Shop, und nur zwanzig Meter weiter gelangt man, wiederum rechter Hand, zu einem Haus und einem Tor, welches auf einen großen Hof führt. In dem Haus wohnen die Betreiberin des Internet-Shops und ihre Familie und auf dem Hof dahinter wurde Titan geboren. Der Tag seiner Geburt ist nicht bekannt, aber irgendwann Mitte Juli 2015 kam er in einem Wurf als einer von sechs Welpen auf die Welt (wir haben uns entschieden, den 15. Juli als seinen Geburtstag zu feiern und dann bekommt er Pancakes, die er so sehr liebt).

Von seiner Mutter weiß man nur, dass sie ein Schaf ist. Ich habe sie ein paarmal gesehen: ein kompaktes Tier auf kurzen Beinen in einem dichten flauschigen Pelz aus weißen Wolllocken, ein Schaf also. Der Vater ist unbekannt, was aber in der Welt der Hunde eher die Norm als die Ausnahme zu sein scheint, da Titan äußerlich aber so gar nichts von seiner Mutter hat, darf man annehmen, dass der Vater das Terrierblut beisteuerte. Mancher Hundeliebhaber glaubt in ihm einen Jack Russell zu erkennen und tatsächlich sieht er Tieren dieser Rasse zum Verwechseln ähnlich. Sein Temperament verrät, dass er Terrierblut in sich hat, ein Blaublüter ist er damit aber noch lange nicht. Titan ist etwas kleiner als ein Jack Russell und sein Fell ist viel flauschiger, fast wie ein Flokati – ein Erbe seiner Schafmutter.

In Ecuador ist der Übergang zwischen Haushund und Straßenhund fließend. Sofern es sich nicht um teure Rassehunde handelt, mit denen man als Mann von Stand beeindrucken kann, oder um bissige Wachhunde, die den Besitz des Mannes von Stand schützen, leben Hunde zwar in der Nähe des Menschen, aber sie leben nicht wirklich mit ihm: Die meisten streifen auf dem Hof herum oder ziehen ums Haus. In der Regel steht es ihnen frei zu gehen, wohin sie wollen, und wenn sie dennoch bei den Menschen bleiben, tun sie das vielleicht nicht immer aus Anhänglichkeit, sondern aus Bequemlichkeit. Darin unterscheiden sie nicht nicht allzu sehr von uns. Wenn sie sich davontrollen möchten, lässt man sie in der Gewissheit ziehen, dass sie zurückkommen werden – oder auch nicht. Wenn es um Hunde geht, ist den Leuten Gefühlsduselei durchaus fremd. Zwei von Titans Geschwistern sind auf diese Weise verschwunden. Wahrscheinlich sind sie tot und die, die noch am Leben sind, strolchen herum und ernähren sich von Abfällen, die ihnen die Menschen spenden.

Auf der Straße fraternisieren die Streuner mit echten Straßenhunden. Anders als die menschliche, kennt die Hundegesellschaft keinen Klassendünkel. Als halbwilde Meute macht man das Revier unsicher, immer auf der Jagd nach Fressbarem und Abenteuern. Flöhe und Würmer sind die Visitenkarten, die man auszutauschen pflegt. Der Mensch begnügt sich damit, das Treiben zu ignorieren und so lange ihn die Hunde nicht bedrängen, lässt er sie gewähren.

Die Vierbeiner ihrerseits, so scheint es, nehmen unsere Gegenwart in ähnlicher Weise zur Kenntnis wie wir die Nähe eines ungeliebten Mitmenschen: Sie tun so, als wären wir wandelnde Schatten, denen man keine besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Manchmal beäugt man uns neugierig, zuweilen auch argwöhnisch (wer könnte es verdenken), doch oft hat man den Eindruck, die Hunde sähen nur gelangweilt dabei zu, wie wir uns Tag für Tag mit jener tristen Routine abmühen, die wir geneigt sind für unser Leben zu halten.

Die meisten Hunde, auch jene, die bei Menschen leben, scheinen sich von Abfällen zu ernähren, dabei findet man in der Stadt auf Schritt und Tritt Spezialgeschäfte für Hundebedarf, einschließlich einer den gesunden Menschenverstand sprengenden Auswahl an Futter. Es gibt Hunde-Spas, Hunde-Schulen und sogar Hunde-Hotels. Das Gassigehen übernimmt die Hausangestellte, denn schließlich muss auch sie einmal vor die Tür. Überall sieht man Tierkliniken, die den Einrichtungen für Menschen an Größe und Ausstattung kaum nachstehen. Einen derartigen Luxus würde man in einem Land wie Ecuador nicht unbedingt erwarten, aber Cumbayá, der Sehnsuchtsort für den besseren Teil der Einwohnerschaft Quitos, stellt in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme dar.

Wer den „Planeten der Affen“ gesehen hat, mag sich vorstellen, wie der „Planet der Hunde“ ausähe: Würden intelligente Abgesandte fremder Welten zufällig in Cumbayá landen, müssten sie zu dem Schluss kommen, die dominierende Spezies dieses Planeten sei der Hund und die merkwürdigen zweibeinigen Kreaturen wären bloß dessen domestizierte Lakaien. Immerhin hat man sie so gezüchtet, dass sie die Hände frei haben – auf diese Weise können sie ihren vierbeinigen Herren viel besser dienen; man hat sie auch leidlich intelligent gemacht, so dass sie den Willen ihrer Gebieter schon am Schwanzwedeln erkennen.

Was in der Küche übrigbleibt, bekommt der beste Freund des Menschen – so ist es seit Alters her Sitte und niemand nimmt daran Anstoß, nicht einmal die Hunde. Dass man dem besten Freund die Abfälle auftischt, sagt alles über die Art der Freundschaft. Titan hat es da besser getroffen: Er wird von uns regelmäßig und reichlich gefüttert, doch obwohl er nur die beste Hundenahrung bekommt (Liebe geht bekanntlich durch den Magen), ist auch er verrückt nach Müll. Sobald er merkt, dass jemand in der Küche zugange ist, sucht er den Boden nach Essensresten ab wie ein Staubsauger. Man könnte direkt glauben, wir lassen ihn hungern, mit solcher Begeisterung stürzt er sich auf die Reste. Einmal fiel der Mülleimer um und als wäre er plötzlich wieder zu der wilden Kreatur geworden, von der er abstammt, sprang er kopfüber und knurrend wie ein Wolf in den Müllkübel, um sich an den Pancakes vom Frühstück zu laben (wie man weiß, ist der Pancake die bevorzugte Jagdbeute des Wolfes).

Weltraumhunde

Der Bericht über unser ecuadorianisches Abenteuer wäre nicht vollständig, wenn ich nicht auch ein paar Worte über Titan, den vierbeinigen Immigranten im Flokati, verlieren wollte. Dem Wunsch einer aufmerksamen Leserin nachzukommen, sehe ich deshalb kaum als Pflicht an, um so mehr aber als Vergnügen. Wie immer verlangt der Text Sitzfleisch, denn schon ein paar karge Zeilen in einem Notizbuch öffnen Schleusen, durch die eine Flut aus Erinnerungen über den Verfasser hereinbricht. Zumindest hoffe ich, dass der vergnügliche Teil bei der langen Lektüre nicht zu kurz kommt.

Der Hund fliegt zuerst. Wie die berühmten Weltraumhunde, die selbstlosen Kundschafter, die das Feld für den Entdeckerruhm des Menschen bereiten, darf Titan vor uns die Reise antreten. Gern hätten wir unseren vierbeinigen Hausgenossen mit nach Florida genommen, der letzten Station unserer amerikanischen Odyssee, doch der bürokratische Aufwand würde sich dadurch nur in einem Ausmaß vergrößert haben, das man getrost als Wahnsinn bezeichnen kann.

Obwohl es sich nur um einen kleinen Hund handelt, nicht um einen kosmischen Botschafter, sind die Kosten nicht von dieser Welt: Ausgezahlt in Spanischen Silberdollars, hätte die Summe ausgereicht, den Titel eines Granden zu erwerben sowie das dazugehörige Schloss und die Ländereien oder Kolumbus nach China zu schicken (und derart komfortabel ausgestattet, wäre er dort wahrscheinlich sogar angekommen). Der Hund reist mit unseren Gästen nach Berlin. Schweren Herzens überlassen wir ihn der Obhut des Flugpersonals.

Alles muss seine Ordnung haben. Der Entschluss, einen Hund nach Deutschland einzuführen, will reiflich überlegt sein, denn es ist keineswegs damit getan, ihn bei der Fluggesellschaft anzumelden. Der deutsche Amtsschimmel lauert bereits mit hinterhältigen Fußangeln und bevor man dem Airline-Mitarbeiter die Transportkiste mit dem geliebten Tier aushändigen darf, gilt es, so manche Hürde im bürokratischen Parkour zu nehmen. Ganz auf sich allein gestellt, sähe man sich außerstande, dieses Bravourstück zu Wege zu bringen. Doch es gibt Hilfe: Tierärzte haben sich auf solche verzweifelten Fälle spezialisiert. Für die Dienstleistung wird natürlich Geld verlangt, aber man gibt dieses Geld gern aus, denn man ist froh, der Gefahr entronnen zu sein, zwischen den Fußnoten der Amtsformulare allmählich den Verstand zu verlieren.

Damit die deutsche Hundepopulation nicht durch eingeschleppte Seuchen dahingerafft wird, muss vor der Einreise der Nachweis erbracht werden, dass der vierbeinige Immigrant gesund ist. Von unserem Tierarzt haben wir den Namen einer Veterinärin in Erfahrung gebracht, die sich auf die Ausfuhr von Hunden spezialisiert hat. Leider befindet sich ihre Praxis auf dem Dorf. Der Ort, dessen Name mir wieder entfiel, sobald ich ihn gehört hatte, versteckt sich in einem grauen Google-Maps-Niemandsland und auch unser Navi ist im Labyrinth der drei Dorfstraßen überfordert. Wir finden die Praxis dennoch und als wir die ländliche Gegend sehen, wird uns klar, warum man als Tierarzt ausgerechnet hier residieren möchte: Hier lebt die Kundschaft. Als kosmetischer Chirurg mit Ambitionen würde man sicher auch lieber eine Klinik am Kudamm unterhalten statt in der brandenburgischen Pampa.

Dem Hund wird Blut abgezapft, doch an den zappelnden Beinchen, die zudem noch von einem dichten Pelz bedeckt sind, lassen sich Adern gar nicht so leicht aufspüren. Es bedarf mehrerer Versuche, bis endlich ein paar Tropfen das Reagenzglas füllen. Titan weint wie ein kleines Kind und es bricht einem das Herz, ihn leiden zu sehen. Doch es ist schnell vorbei – anders als die Leiden, die nun folgen sollen.

Die Blutprobe muss in einem Labor analysiert werden. Aber in einer so wichtigen Angelegenheit wie dem Wohlergehen einer ganzen Nation möchte man natürlich absolute Gewissheit. Die Untersuchung darf daher nur in solchen Einrichtungen vorgenommen werden, die offizielle deutsche Stellen ihres uneingeschränkten Vertrauens für würdig erachten. Sämtliche Labore in Lateinamerika fallen da natürlich aus – angesichts der bedenklichen Mengen Coca, Salsa und Lustig-Tralala eigentlich kein Wunder. Die Blutprobe muss weit reisen, sehr weit, bis ins ferne Kansas in den USA.

Allein die Blutuntersuchung kostet achthundert Dollar. Einen Transportbehälter braucht der Hund natürlich auch, denn einen Platz in der Economy-Class wird man ihm wohl kaum anbieten. Titan ist zwar klein, doch die Box, die uns die Angestellte des Petshops empfiehlt, hat die Ausmaße eines Kühlschranks und der Hund nötigt uns, sie zu kaufen. Während uns die Frau mit den technischen Raffinessen des Transportbehälters langweilt, nutzt der Hund die Gelegenheit, überall im Laden seine Marken zu hinterlassen. Der Gedanke, dass er in seiner Einzelkabine mit Sicherheit bequemer reist als die menschlichen Ölsardinen, die man portionsweise in die Holzklasse pfercht, tröstet uns ein wenig über den Preis hinweg. Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, dem Hund die zweihundert Dollar in Rechnung zu stellen: Er macht sich nicht viel aus Geld und aus Reisen schon gar nicht.

Apropos Rechnung: Unsere Bilanz hat mittlerweile Schlagseite wie ein sinkendes Schiff. Ausgaben für diverse Zertifikate kommen hinzu und natürlich auch noch ein Flugticket. Wenn man bedenkt, dass die Reise über Kontinente und Ozeane führt, ist es mit zweihundert Dollar fast schon wieder preiswert. Alles in allem belaufen sich die Aufwendungen für den Hund auf gut tausendzweihundert Dollar (und dabei sind die Leckerlis noch gar nicht mit eingerechnet). Liebe ist zwar selbstlos, aber selten kostenlos und sinnlos ist es, darüber zu jammern: Wir hätten es ja doch nicht übers Herz gebracht, den Hund zurückzulassen. Titan gehört zur Familie und Familienangehörige lässt man nun einmal nicht im Stich. Gesetzt den Fall, das Schicksal verlangte, dass einer zurückbliebe – in Augenblicken des Zorns würde ich vielleicht darüber nachdenken, ob es ausgerechnet der Hund sein muss …

Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Hundenarren

Am nächsten Tag bezwingen wir die 444 Stufen, die uns hoch hinauf nach Las Peñas führen. Obwohl das Viertel so etwas wie das Schaukästchen der Stadt ist und normalerweise Touristen in Scharen hierher pilgern, sind wir an diesem Tag allein. Außer einigen Anwohnern, die heimlich aus der Tür lugen, und den unentbehrlichen Polizisten, die für Sicherheit sorgen, begegnen wir niemandem. Erst oben auf dem Gipfel, unter dem Leuchtturm, sehen wir wieder Touristen; Ausländer finden sich freilich nicht unter ihnen. Wir machen Fotos und steigen durch die verschlungenen Gassen des Viertels zum Ufer des Río Guayas hinab.

Die Uferpromenade macht einen belebteren Eindruck, doch viel ist auch hier nicht los. Die Leute fotografieren sich vor dem Guayaquil-Schriftzug und Kinder versuchen, auf die monumentalen Buchstaben zu klettern. Seit unserem letzten Besuch hat man die Lettern mit den Farben der Stadt geschmückt: Himmelblau und Weiß. Das Banner mit den Sternen war sogar einmal die Nationalfahne des Landes bevor die bolivarianische Trikolore in Rot, Blau, Gelb – die Farben Gran Colombias – es wieder ablöste. Überall in den Straßen sieht man die Fahne Guayaquils wehen und fast könnte man den Eindruck gewinnen, die stolzen Guayaquileños zögen ihr Sternenbanner der Trikolore vor.

Der Hund ist von dem stundenlangen Spaziergang erschöpft und möchte sich nur immerfort hinsetzen. Aber noch können wir ihm keine Rast gönnen, erst müssen wir wieder zurück zum Hotel. Später im Auto hat er es dann ruhig und bequem. Auf der Promenade sind keine Hunde erlaubt und so fordern uns die schmucken Politessen ein ums andere Mal auf, das Tier zu tragen. Mittlerweile sind jedoch auch wir mit jener Renitenz gegen jede Art Gesetz infiziert, wie sie für die Bewohner dieses Landes typisch ist, und deshalb tragen wir den Hund auch gerade so lange, wie die wachsamen Augen des Gesetzes auf uns ruhen. Schließlich wiegt das Tier acht Kilo und mit der Zeit werden einem die Arme lahm.

Als wir schließlich das Hotel erreichen, fällt den Jungs wie aus heiterem Himmel ein, dass sie unbedingt noch einen Milchshake bräuchten, andernfalls könnten sie nicht abreisen. Die Drohung ist ernst. Wir könnten sie freilich einfach hier lassen, aber wer soll sich dann um den Hund kümmern? Es trifft sich gut, dass wir in der Nähe einen Wendy´s gesehen haben. Nur kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo das gewesen sein soll, doch unser Freund Google-Maps hilft uns wieder einmal aus der Patsche. Ich warte mit dem Hund vor dem Laden (Hunde dürfen nicht hinein), während die anderen die Shakes ordern. Der Laden ist so voll, als würde man gerade Baconator mit extra crispy Bacon verschenken. Es dauert geraume Zeit, bis die Jäger wieder mit ihrer Beute auftauchen. Ich harre derweil geduldig vor dem Eingang aus.

Man glaubt gar nicht, wie viele Leute man trifft, wenn man mit einem Hund vor dem Fast-Food-Restaurant steht – kaum einer, der ihn nicht zu streicheln versuchte oder nach seinem Namen fragte. Und der Hund ist glücklich, dass er so viel Aufmerksamkeit bekommt: Zwei ältere Damen, beide klein, übergewichtig, stark geschminkt, auf den Köpfen monströs auftoupierte Frisuren, heben den Hund auf, herzen ihn, drücken in an ihren Busen und knuffen ihn so liebestoll, dass mir wirklich Bange wird und ich schon fürchte, sie könnten ihn zerquetschen. Es scheint, sie wollten ihn nie wieder hergeben – oder aufessen – und tatsächlich können sie sich nur mit Mühe losreißen. Bereits im Gehen begriffen, drehen sie sich immer wieder um, werfen dem Hund Kusshände zu und winken ihm hinterher wie verliebte junge Dinger.

Ein Typ, der aussieht wie der Geldeintreiber des lokalen Mobs, streichelt das Tier. Er hält sich gar nicht erst damit auf, meine Erlaubnis einzuholen. Nach einer Weile fragt er mich wie beiläufig, ob der Hund einen Namen hätte. Er lüftet lässig die Sonnenbrille und ein eisiger Blick trifft mich. Ich sage ihm, wie der Hund heißt – das ist ja kein Geheimnis –, aber im selben Augenblick fühle ich, dass dies ein Fehler war, denn ich glaube nicht, dass der Hund sich Schutzgeldzahlungen leisten kann, zumal er von uns nur Leckerlis bekommt.

Nächtliche Rochaden

Guayaquil empfängt uns mit tropischem Flair und überschießender Lebensfreude. Das ist nicht die Karibik, aber ein wenig fühlt man sich doch an die Havanna-Club-Werbung erinnert (ich hätte auch Bacardi schreiben können, aber ich mag Embargo-Lobbyisten nun einmal nicht). Vergessen ist der Trübsinn der Berge mit seinen dunklen Tälern und seinen schweigenden Menschen. Wir wissen, unser Weg wird schon bald wieder in die Anden führen, doch für den Augenblick genießen wir die tropische Stimmung in dieser sehr lebendigen Stadt. Guayaquil scheint voll von Sonne und guter Laune. Wem da nicht vor Freude das Herz aufgeht, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Wir kommen im Intercontinental am Parque Centenal unter, direkt im Zentrum der Stadt. Der Parque Centenal ist der berühmte Park, in dem die Leguane frei über die Rasenflächen spazieren, auf die Palmen klettern und stoisch auf Denkmälern hocken, während sie den Rentnern beim Füttern der Tauben zuschauen. Ich hatte immer geglaubt, die grünen Kriechtiere lebten schon immer in der Grünanlage und wären sozusagen die natürlichen Bewohner, doch am Abend werden sie von Angestellten der Stadt eingesammelt wie der Müll. Im ersten Licht des Tages setzt man sie wieder aus, damit sie sich unter dem Reiterstandbild des Libertador in der Sonne wärmen können.

Da Tiere im Hotel nicht erlaubt sind, muss der Hund im Auto übernachten. Die Wagen der Hotelgäste stehen auf einem Hof, der von himmelhohen Mauern und Häuserwänden eingefasst wird. Die Stellfläche ist winzig, aber in einer schieren logistischen Meisterleistung gelingt es den Angestellten, die Autos so zu platzieren, dass nicht nur alle Wagen tatsächlich einen Parkplatz finden, sondern dass Gäste, die abreisen möchten, ihre Autos auch pünktlich auf die Minute in der Auffahrt in Empfang nehmen können.

Damit dieses Kunststück gelingt, vollführt der Parkservice die ganze Nacht Rochaden: Die Wagen müssen ständig umgeparkt werden – von ganz hinten schafft man die Autos nach vorn und von vorn nach hinten. Wir öffnen die Wagenfenster einen Spalt breit und die Angestellten des Parkplatzes kümmern sich sogar noch um den Hund, damit er sich im Auto nicht so allein fühlt. Sie haben ihn sofort ins Herz geschlossen und wahrscheinlich ist so eine Nachtschicht auf dem Hotelparkplatz auch nicht so aufregend, dass man sich nicht noch an einer Ablenkung erfreuen könnte. Ohnehin muss der Wagen mehrmals umgesetzt werden – für den Hund ist das alles sehr aufregend.

Wir beabsichtigen, nur eine Nacht in Guayaquil zu bleiben. Zwar verdiente diese großartige Stadt einen längeren Besuch, doch steht uns wieder einmal nur wenig Zeit zur Verfügung und wie immer gibt es mehr zu sehen, als wir in ein paar Tagen bewältigen könnten. Aber unsere Eile hat einen Grund: Wir sind nicht allein unterwegs. Wenn man Gäste hat, stellt man die eigenen Wünsche bekanntlich gern zurück und außerdem hat man auch eine Verantwortung dem Gast gegenüber, denn schließlich soll er sich wohlfühlen und der Besuch soll ihm als einzigartig schönes Erlebnis im Gedächtnis haften bleiben. So ist es unvermeidlich, dass Stadtausflüge ganz automatisch immer wieder zu denselben Attraktionen führen – dem Berlin-Besucher würde man ja auch viel lieber das Brandenburger Tor zeigen, statt den S-Bahnhof Marzahn.

Am Ende bleibt es also bei einer kurzen Besichtigungstour durch Las Peñas, dem nostalgischen Vorzeigeviertel der Stadt, bei einem Spaziergang entlang der imposanten Promenade am Río Guayas und bei einem ungeplanten Besuch im Wendy´s. Bis auf die kulinarische Entgleisung, ist uns die Stadttour keineswegs neu. Erst vor wenigen Monaten besuchten wir Las Peñas und die Promenade. Aber ich empfinde deshalb überhaupt kein Bedauern und ich freue mich fast wie ein Kind darauf, diese Ort noch einmal zu sehen.

Abschied vom Pazifik

Am Tag vor unserer Abreise aus Bahía fahren wir nach Manta an den Strand. Santa Marianita liegt nur wenige Kilometer westlich der großen Stadt und doch hat man den Eindruck, man sei einen halben Kontinent und einen Ozean von der nächsten größeren Ansiedlung entfernt. Der Strand ist mit dem Auto gut erreichbar, denn die nagelneue Küstenstraße – ein Teilstück von Ecuadors Küstenautobahn, der Ruta del Spondylus – verbindet Manta auf dem kürzesten Weg mit all den anderen wundervollen Orten, die sich jenseits der Stadt wie Perlen an einer Kette aufreihen.

Kurz vor Manta kommen wir durch einen Wald von Ceibos, jenen gewaltigen Bäumen, deren bauchig ausladende Stämme an Wasserschläuche erinnern. Der Baum speichert darin das kostbare Nass, das er braucht, um die langen Trockenzeiten zu überstehen. Die Gegend erinnert in der Tat an eine Wüste und außer den Ceibos und etwas Gestrüpp, das sich verzweifelt an die staubtrockene Krume krallt, sieht man so gut wie kein Leben. (Es kann allerdings vorkommen, dass man in dieser gottverlassenen Gegend echten Aliens begegnet, Reisenden von fremden Welten, die auf diesem lebensfeindlichen Planeten gestrandet sind mit nichts weiter bewaffnet als einer teuren Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv.)

Bei Manta empfängt uns der pazifische Ozean wie eine Offenbarung. Sonnenglanz liegt blendend hell auf dem Wasser. Die See wiegt sich im Glitzern von Abermillionen von Diamanten. Im Hafen von Manta schaukelt ein Wald von Masten sanft in den Wellen. Ich habe Lust, an Bord zu gehen. Die Magie dieses ruhigen sonnigen Ozeans lockt mich an die entferntesten Gestade. Der Parkplatz vor dem Murcielago-Beach, dem Vorzeigestrand der Stadt, ist nicht übermäßig gefüllt – seit dem Beben hat Manta, wie viele Städte an der Küste, empfindliche Einbußen im Tourismusgeschäft hinnehmen müssen.

Es hat den Anschein, in Santa Marianita würde der Strand nur auf uns warten. Man sieht eine Handvoll Badender, aber sie verlieren sich in der schier grenzenlosen Ausdehnung der Küste. Die bunten Segel der Kite-Drachen hängen am ätherisch blauen Himmel. Sie wiegen sich im Wind wie Blumen an dünnen Blütenstängeln. Immer hat man den Eindruck, man sei allein. Das Geräusch des Windes und der Klang der Wellen verschlucken die Stimmen der anderen Besucher. Doch es besteht auch keine Notwendigkeit, enger zusammenzurücken, denn der Strand scheint an diesem Tag ohnehin viel zu groß zu sein für so wenig Gäste.

Später, ermattet von Sonne und Meer wie die Quallen in den Gezeitentümpeln, versuchen wir irgendwo etwas zu essen. Die Bars in unserem Rücken sind geschlossen wie auch fast alle Restaurants. Wir müssen weit laufen, um überhaupt ein Lokal zu finden, das geöffnet hat, und dann ist das Essen ziemlich gewöhnlich, aber dafür kommen uns die Preise reichlich übertrieben vor. Vielleicht empfindet es das halbe Dutzend Gäste, das trübsinnig an den Tischen hockt, ganz genauso: Missmutig stochern die Leute in den lieblos zubereiteten Fisch- und Krabbengerichten herum. Nicht wenige erwecken ganz den Anschein, als bedauerten sie, etwas bestellt zu haben. Wir kaufen nur Wasser und eisgekühlte Fanta und begnügen uns darüber hinaus mit Keksen und Schokolade aus unserem Notvorrat.

Der Hund hetzt derweil am Strand umher, als hätte man ihn mit starken Aufputschmitteln vollgepumpt. Mit hängender Zunge jagt er am Wasser entlang. Zu versuchen, ihn wieder einzufangen, wäre aber zwecklos, denn obwohl er so klein ist, kann er rennen wie ein geölter Blitz. Irgendwann hat er genug und dann kommt er von allein zurück, glücklich hechelnd, wie mir scheinen will. Ins Wasser wagt er sich zwar nicht, aber dafür gräbt er mit großer Hingabe Löcher in den Sand. Vielleicht hat ja jemand seine Lieblingssnacks am Strand verbuddelt. So ein verrücktes Hundi!

Wir bleiben, bis die Sonne nur noch zwei Hände breit über dem Meereshorizont hängt. Wir hätten die Abendstimmung gern noch ein wenig länger genossen, aber wir müssen zurück nach Bahía. Nächtliche Fahrten auf den größtenteils unbeleuchteten Straßen sind nicht immer ein Vergnügen und ganz ungefährlich sind sie auch nicht. Wir möchten nicht in Verlegenheit geraten, Manta, die große, quirlige Hafenstadt, nach Einbruch der Dunkelheit durchqueren zu müssen, zumal sich das Korps der freiwilligen „Helfer“, das die Stadt nächstens nach hilfsbedürftigen Fremden durchstreift, seit der Erdbebenkatastrophe beträchtlich vergrößert hat.

Das herabsinkende Tagesgestirn breitet seinen Strahlenfächer über das Meer und wo das Licht den Ozean berührt, verwandelt dieser sich in geschmolzenes Silber. Unter einer dünnen erkalteten Kruste scheinen die Wolken von innen heraus zu glühen. Schiffe ziehen über den Horizont, schwimmen durch die trüben Lichtbalken, als versuchten sie, den Tag mit ihren Netzen einzufangen. Wir spüren eine große Wehmut, denn es ist der letzte Abend, den wir in Bahía verbringen sollten, und es ist unser letzter Besuch am Strand. Schon bald werden wir vom Pazifik Abschied nehmen. Es wird ein Abschied für immer sein.

Spaziergang mit Hund

Am nächsten Tag gehe ich schon am frühen Morgen mit dem Hund Gassi. Die Geschäfte sind noch geschlossen und die Straßen sind wie ausgestorben. Obwohl wir uns im Stadtzentrum befinden, begegnen mir keine Fußgänger. Ich fühle mich ein wenig verloren, denn ich bin ganz allein. Ich könnte nackt durch die Straßen laufen und niemand würde es bemerken. Der Autoverkehr fließt nur dünn auf den viel zu breiten Straßen dahin. Nach der langen anstrengenden Nacht braucht die Stadt Zeit, um wieder in ihren gewohnten Rhythmus zurückzufinden. Wo sind nur all die Nachtschwärmer geblieben? Wahrscheinlich liegen sie ohnmächtig in ihren Betten. Die Stadt fühlt noch immer die Nachwirkungen der nächtlichen Exzesse und erst allmählich erwacht sie aus ihrem Delirium.

Ich versuche einen Flecken Rasen zu finden, auf dem der Hund sein Geschäft verrichten kann, und ich laufe deshalb die Straßen rund um das Hotel ab. Doch meine Suche ist aussichtslos, denn alle Bürgersteige sind durchgehend gepflastert. Es gibt keine Blumenrabatten oder Straßenbäume, keine Rasenstreifen und keine Beete. Der Hund kann sein Geschäft nämlich nur auf Rasen verrichten und wenn Tiere genauso wie Menschen Marotten haben, dann hat dieser Hund ganz bestimmt einen Tick.

Wir laufen an die zwei Kilometer und der Hund markiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit sein Revier, ganz so, als gehörte die Stadt ihm. Denn solange er auf einsamer Flur ist, gebärdet er sich, als sei er der Chef. Kommen aber Rivalen in Sicht, will er nur schnell auf den Arm genommen werden, ganz besonders dann, wenn die Artgenossen ihm körperlich überlegen sind. Am Ende finden wir doch noch eine winzige Erdscholle, kaum größer als ein Fußabtreter, und da endlich lässt der Hund sich herbei zu tun, weswegen wir den morgendlichen Spaziergang unternommen haben.

Manta: Breakfast of Champions

Die Nacht zum 30. Dezember verbringen wir wieder im Haus von Maria Vicenta. Im Haus gibt es keinen Hund und die Kinder sind ganz vernarrt in Titan, unseren vierbeinigen Hausgenossen: Sie tragen ihn durch die Gegend, als hätte er nicht sogar vier gesunde Beine, auf denen er aus eigener Kraft laufen könnte, knuddeln ihn wie ein Plüschtier und herzen seine Schlappohren, dass man fürchtet, sie könnten abreißen. Aber der Hund lässt alle Liebesfoltern stoisch über sich ergehen und fast scheint es, als genieße er auch noch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt. Ich liege derweil im Bett, betäubt von Sonne und Wellen, und schaue mir „Ronin“ mit Robert De Niro an.

Am nächsten Tag, dem vorletzten des Jahres, wollen wir wieder zurück nach Bahía, um den Jahreswechsel mit der Familie zu feiern. Doch wir möchten Manta nicht verlassen, ohne vorher einen weiteren seiner spektakulären Strände besucht zu haben. Es ist früh am Morgen und wir haben Hunger, sogar gewaltigen Hunger, und deshalb beschließen wir einstimmig, uns unverzüglich mit einem opulenten Frühstück zu stärken. Unsere Gastgeberin empfiehlt das „Dulce y Cremoso“. Wir fahren eine kurze Strecke durch die Stadt, Maria Vicenta zeigt uns den Weg, und natürlich haben wir sie an diesem Morgen eingeladen, mit uns zusammen zu frühstücken.

Das „Dulce y Cremoso“ (also „Süß & Cremig“) ist eigentlich nur eine Filiale in einer größeren Kette, wie man sie vielerorts in Ecuador finden kann. Ihren Dependancen begegnet man vor allem in den Foodcourts der Shopping-Malls, doch dort unterscheiden sie sich nicht sehr von den Niederlassungen der typischen Coffeeshops, angefangen bei „Starbucks“ über „Juan Valdez“ (der Schnauzbart mit dem Esel) bis hin zu „Sweet and Coffee“ (Mein Sohn machte mich eines Tages alles andere als arglos darauf aufmerksam, dass das Logo dem nicht ganz unvoreingenommenen Betrachter wie etwas erscheinen muss, das man gemeinhin als Endprodukt eines erfolgreichen Verdauungsvorgangs ansieht. Es könnten natürlich auch andere Interpretationen denkbar sein, aber diese ist viel zu lustig, um sie je wieder zu vergessen).

Serviert wird bei „Dulce y Cremoso“ natürlich Kaffee, aber anders als bei den Konkurrenten, den Coffeeshops, steht das Getränk nicht im Mittelpunkt. Der Kaffee ist vielmehr bloß Begleiter zu allem, was gut zu Kaffee passt. Das Angebotsspektrum reicht von Crêpes, Waffeln, Kuchen über Sandwiches und Salate bis hin zu regelrechten Mittagsgerichten, wie man sie auch in einem Restaurant finden würde.

In den Foodcourts der Malls kann man sich aufgrund der räumlichen Nähe zu McDonalds, KFC und Co nie ganz des Eindrucks erwehren, auch das „Dulce y Cremoso“ offeriere seinen Gästen bloß Fastfood, doch hier in Manta lassen wir uns gern eines Besseren belehren: Das Lokal macht uns ganz den Eindruck eines Bistros der gehobenen Preisklasse. Ein aufmerksamer Kellner bietet uns gleich einen Platz auf der weiträumigen Terrasse an, aber obwohl die Sonne gerade erst über die Dächer der Häuser emporgestiegen ist, sprengen die Temperaturen bereits die Grenze des Erträglichen. Selbst unter den Sonnenschirmen würde man förmlich zerfließen. Wir suchen uns daher Plätze im Gästeraum, der so gemütlich wirkt wie das Frühstückszimmer eines mondänen Kurhotels. Die Klimaanlage läuft auf vollen Touren und die Gäste genießen sichtlich die wohltuende Kühle.

In Berlin tendierte ich dazu, Klimaanlagen für das beste Mittel zu halten, um den Planeten innerhalb kürzester Zeit zu ruinieren, aber seit ich in den Tropen lebe, weiß ich, dass so eine Klimaanlage eine Erlösung sein kann, vor allem, wenn man zu schlafen versucht, aber sich stattdessen bis zum Morgengrauen nur in Alpträumen und dem eigenen Schweiß wälzt (diese Erfahrung hat natürlich meine Meinung im Hinblick auf die teuflischen Klimaanlagen nicht grundsätzlich geändert). Vielleicht sagt man den Leuten an der Küste nicht zu Unrecht eine gewisse Affinität zu abendlicher Umtriebigkeit und nächtlichen Partys nach – niemandem würde einfallen, sich bei dieser Hitze ins Bett zu legen, und irgendwie muss man die Nächte ja herumkriegen. Umweltschutz hin oder her, für die Leute hierzulande, vor allem für jene kleine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten kann, bedeuten große Autos und tiefgekühlte Wohnungen einfach Lebensqualität. Ich würde natürlich nicht so weit gehen, die Höhe der Lebensqualität in ein reziprokes Verhältnis zur Temperatur zu setzen.

Während wir auf das Frühstück warten, vertreiben sich meine Frau und Maria Vicenta die Zeit mit einem Gespräch unter Freundinnen. Es hat den Anschein, als würden sie gar nicht bemerken, dass mein Sohn und ich mit am Tisch sitzen, aber ich bin nicht unglücklich über diese Vernachlässigung. Frauen haben ja immer etwas zu bereden und das ist auch gut so, denn andernfalls könnten sie ihre Aufmerksamkeit anderen, weit weniger erquicklichen Dingen zuwenden, ernsten Aussprachen etwa oder irgendeiner nervigen Aufgabe, bei der dringend Hilfe erbeten wird, obwohl man doch auch gut allein zurande käme. Aber man hilft ja doch immer wieder gern. Dazu ist man schließlich da.

Am Nebentisch hat sich eine geschwätzige Runde von sehr jungen und nicht mehr ganz so jungen Mädchen breitgemacht. Es mögen Studentinnen sein, die etwas zu feiern haben und sei es nur das Leben. Die Älteste am Tisch ist vielleicht die Mutter einer der Mädchen. Sie schwatzen ununterbrochen, lachen und sind so guter Laune, dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu freuen. Irgendwann bestellt eine von ihnen einen Breadpudding. Das Dessert hat die Ausmaße einer umgestürzten Waschschüssel und eine Sahnehaube thront auf der Spitze wie die Aschewolke über einem explodierenden Stratovulkan. Die Mädels löffeln zögerlich ihren Teil von den Hängen dieses Berges, doch das meiste bleibt unberührt. Am Ende erbarmt sich ausgerechnet die mit Abstand Dünnste in der Runde und isst den Rest des Puddings, der immer mehr an die ausgehöhlten Bergruine in Potosí erinnert. Ich weiß nicht, wo sie all die Kalorien lässt – man könnte ihre Rippen zählen –, aber wahrscheinlich gehört sie zu der Art Frauen, die ihren Salat verzehrenden Freundinnen mit Unschuldsmiene sagen kann: Ich kann essen, was ich will, aber ich nehme einfach nicht zu!

Am Tisch auf der anderen Seite haben eine üppige Wasserstoffblondine und ihr schnauzbärtiger Begleiter Platz genommen. Sie schäkern miteinander wie frisch Verliebte, dabei sind sie doch dem Teenager-Alter seit mindestens zwei Jahrzehnten entwachsen, doch der Blondine scheint dies noch nicht aufgefallen zu sein. Nicht weit von ihnen entfernt sitzt eine vierköpfige Familie in Urlaubsstimmung. Die Gesichter der Eltern und auch der Kinder strahlen in allen Schattierungen von Rot, von einem blassen Pink bis hin zu der wirklich besorgniserregenden Farbe gegrillter Langostinos. Offenbar ist man gerade dabei, sich an die heiße Sonne zu gewöhnen, die mit nie nachlassender Kraft auf die Stadt am Pazifik niederbrennt.

Der Kellner kann sich an diesem vorletzten Tag des Jahres jedenfalls nicht darüber beschweren, dass es ihm an Arbeit mangelte. Die Bestellungen gehen im Minutentakt ein und der Ärmste muss sich so sehr beeilen, dass ihm trotz Klimaanlage schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Dann kommt unser Frühstück und das Warten hat sich am Ende doch noch gelohnt. Unsere erste Mahlzeit des Tages macht der alten Ernährungsweisheit, wonach man Morgens wie ein König, Mittags wie ein Edelmann und Abends wie ein Bettler essen soll, alle Ehre. In der Tat würde man nach solch einem Frühstück selbst einen Tag als Vorarbeiter im Bergwerk mit Leichtigkeit überstehen.

Als Aficionado alles Süßen und Fettigen bestelle ich mir gleich zwei Stück Cheese-cake mit Manjar. Manjar ist die feste Variante von Dulce de leche, eines karamellartigen süßen Sirups, der aus eingedickter Milch und viel Zucker hergestellt wird. Dulce de leche bedeutet dem Lateinamerikaner ungefähr dasselbe wie dem Berliner das Pflaumenmus im Pfannkuchen (ich meine damit natürlich die Art Schmalzgebäck, die überall Berliner heißt, nur eben nicht in Berlin). Viele Desserts sind ohne Manjar bzw. Dulce de leche einfach nicht vorstellbar und der Sirup schmeckt zu fast allem, was süß ist.

Die geschmeidige Creme aus Doppelrahmfrischkäse und reichlich Sahne liegt mächtig wie eine Endmoräne über einer dünnen Schicht aus karamellfarbenem Manjar. Der Kuchen gleitet über meine Zunge als wäre jeder Bissen ein Stück Glückseligkeit. Allein ein Stück ist schon so gehaltvoll wie eine tödliche Dosis Pommes mit extra Majo, aber da am Vortag das Abendbrot ausfiel, finde ich nichts dabei, mir gleich die doppelte Menge einzuverleiben. Mit dem Energieäquivalent könnte man mit Leichtigkeit sportliche Höchstleistungen in solchen Disziplinen wie Langstreckenrudern oder Triathlon vollbringen – wenn man nur nicht so träge würde. Aber die unfassbare Menge an Fettkalorien und eine lebensbedrohliche Dosis Zucker wirken lähmend wie das Blasrohrgift der Amazonasindianer. Ich kann mich kaum noch bewegen und würde mich am liebsten gleich hinlegen. Um die allzu oft beschworenen negativen Folgen der unmäßigen Aufnahme von Fett zu mildern, habe ich mir zuvor noch eine große Schale Früchte (Papaya, Mango, Apfel, Banane) mit Joghurt gegönnt. Ein Café con leche, die ecuadorianische Variante des Milchkaffees, lässt die Ballaststoffe besser rutschen.

Auch die anderen am Tisch sind keine Kostverächter und bestellen, was immer ihnen ihr knurrender Magen befiehlt: Meine Frau möchte sich als Patriotin erweisen und ordert mutig das Desayuno manabita, das Frühstück nach der Art, wie sie in Manabí (einer der Küstenprovinzen Ecuadors) üblich ist. Die Montuvios, die Landbewohner der Küstenzone, mussten früher hart für ihren Lebensunterhalt schuften, und damit man so einen Tag auf den Feldern von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang übersteht, bedurfte es einer ordentlichen Grundlage: Das typische Frühstück besteht aus einem Bolón de platano, also einem Kloß aus grünen Kochbananen, sowie einer Fleischbeilage, die an ein deftiges Chili erinnert. Zur Auswahl stehen Rindfleisch oder Leber. Letzteres ist, vor allem am Morgen, wohl nur etwas für ganz Hartgesottene, echte Montuvios eben. Die Zeit in Berlin hat meine Frau aber zu sehr an Latte macchiato und Carrot-cake gewöhnt, und so verschmäht sie die Leber und hält sich stattdessen lieber an das Rindfleisch. Sie nimmt auch keinen Platano, sondern den süßen Maduro (das ist die reife Kochbanane). Der Bolón de maduro ist groß wie eine Kanonenkugel und beinahe auch so schwer, und die stärkehaltige Kochbanane hält die hart arbeitende Landfrau dann auch lange Zeit satt.

Ihre Freundin Maria Vicenta, die wie meine Frau von der Küste stammt, bestellt dasselbe, allerdings nimmt sie den Bolón de platano, der die Süße der reifen Kochbanane vermissen lässt. Ich muss zugeben, der Bolón de maduro con carne sieht wirklich lecker aus und schmeckt auch so, nämlich lecker. Fast bedauere ich, den Cheese-cake genommen zu haben. Und Sohnemann? Da so einen hungrigen Heranwachsenden ein bisschen Obst mit Joghurt nicht zu sättigen vermag, bestellt sich unser Sohn eine große Portion Waffeln: Ein Sahnehäubchen krönt die Kalorienbombe, die wie eine arktische Treibeisscholle auf einem Meer von Sirup schwimmt.

Als ich so aus dem Fenster schaue, fällt mir auf, dass wir uns offenbar genau an der Grenze zweier Stadtteile befinden, die zugleich zwei ganz verschiedene Welten zu repräsentieren scheinen. Das Gebäude, welches das Restaurant beherbergt, in dem wir gerade gemütlich sitzen und uns das Frühstück schmecken lassen, ist das letzte Haus im Block und steht genau an einer Straßenkreuzung. Die Gebäude diesseits der Kreuzung sind überwiegend neu oder befinden sich in einem ansehnlichen Zustand. Aber auf der anderen Seite der Straße, nur wenige Schritte entfernt, erscheinen die Häuser mit viel weniger Aufwand errichtet und sie sind auch viel billiger gebaut, wie man unschwer an den verwendeten Baumaterialien erkennen kann, denn statt Ziegel oder Beton hat man nicht selten Bambus und Palmstroh verwendet, die traditionellen Baustoffe der Küstenprovinzen. Die Gegend jenseits der Straße, die eine Art Wasserscheide des Besitzstandes zu markieren scheint, wirkt auch deutlich verwahrloster, als fehlte es am Geld, um die dringend notwendigen Instandsetzungen vornehmen zu lassen. Ich frage mich, wie dieser extreme Gegensatz auf so engem Raum zustande kommt, aber Maria Vicenta, die das „Dulce y Cremoso“ nicht zum ersten Mal besucht, ist dieser Unterschied noch gar nicht aufgefallen. Die Einheimischen sind an krasse Gegensätze dieser Art natürlich von Kindheit an gewöhnt. Die Augen des Fremden sehen aber anders.

Wir haben gespeist wie die Könige, aber am Ende hat uns der Spaß nicht mehr als dreißig Dollar gekostet, was wirklich eine angenehme Überraschung bedeutet angesichts des in Cumbayá üblichen Preisniveaus, das selbst noch dasjenige in Berlin in den Schatten stellt, obwohl doch die Spreemetropole als Weltstadt gelten möchte und Cumbayá nur ein Flecken auf der Landkarte ist. Apropos Cumbayá: Maria Vicenta stammt zwar von der Küste, aber sie kennt die Stadt, denn sie hat dort einige Zeit gelebt. Mit einem nur allzu deutlichen Ausdruck des Widerwillens gibt sie uns zu verstehen, dass Cumbayá einer der langweiligsten Orte sei, die sie kenne. Ich will ihr nicht widersprechen. Sie sagt, man möchte sich am liebsten die Kugel geben und sie unterstreicht den Ernst ihrer Aussage, indem sie sich den Zeigefinger an die Schläfe setzt. Ja, dieses Gefühl hat man manchmal.

Cumbayá ist ruhig, ja regelrecht öde, eigentlich todsterbenslangweilig, aber die von Kriminalität arg gebeutelten Einheimischen – und insbesondere die Angehörigen der Oberschicht – sehnen sich nach Ruhe, Frieden und Sicherheit. Cumbayá wird diesen Ansprüchen in vielerlei Hinsicht gerecht. Man will die Annehmlichkeiten des hart erkämpften Wohlstandes genießen, ohne ständig die irritierende Gegenwart von Leuten ertragen zu müssen, mit denen es das Schicksal weit weniger gut gemeint hat. Oft befinden sich daher die Wohnanlagen der Gutbetuchten alle in derselben Gegend, und die Konzentration von Edel-Urbanisationen an den vitalen Punkten der Stadt ist einem wuchernden Metastasen-Cluster an einer Gehirnarterie nicht unähnlich. Wenn einen der Zufall einmal in diese Gegenden verschlägt – einen Grund, dorthin zu fahren, hat man in der Regel nicht, es sei denn, man wohnt dort –, begreift man sofort, was Paranoia wirklich bedeutet. Kaum je hat man den Eindruck, man fahre an einer Wohnanlage vorbei, denn Mauern, Stacheldraht und Wächter versprühen mehr den Charme einer Hochsicherheitsanlage für geisteskranke Schwerstkriminelle.

United States of Bahía

Am Morgen des nächsten Tages, in aller Herrgottsfrühe, führte ich den Hund im Park aus, damit er dort sein Geschäft verrichten könnte. Der Park befindet sich praktisch direkt vor dem Haus der Tante. Man muss nur ein paar Schritte gehen und schon kann man über gepflegte Rasenflächen flanieren und an Blumenhecken vorbei spazieren, auf Bänken sitzen, oder in dem schönen Pavillon verweilen, um den Sonnenaufgang zu genießen. Freizeitsportler in neonfarbener Sportkleidung marschierten hurtig auf den Wegen entlang. Als ich die Rasenfläche betrat, wurde mir klar, dass ich die Tüte umsonst mitgebracht hatte, denn es gab kaum eine Stelle, die nicht bereits von Hundehaufen in allen erdenklichen Stadien der Frische übersät war. Es war fast unmöglich, ein paar Schritte zu geben, ohne auf eine der tückischen Minen zu treten. Ich nahm das Häufchen, das der Hund dann auch verlässlich produzierte, aber dennoch mit.

Den Pavillon hatte an diesem Morgen eine Gruppe Umweltaktivisten okkupiert: Man hatte einen Tisch aufgebaut, auf dem Informationsmaterial ausgebreitet lag; als Eyecatcher hatte man ein großes Plakat vor den Pavillon gespannt – es ging um den Erhalt irgendeines „Biocorredor“, ein berechtigtes Anliegen, zumal die Urwälder und die Mangrove innerhalb von nur dreißig Jahren bis auf wenige klägliche Reste verschwunden sind. Auf einem zweiten Tisch lagen Cookies und allerlei Gebäck bereit, um Neugierige anzulocken, aber keinen von den Freizeitsportlern schien das Anliegen der Aktivisten auch nur einen müden Blick wert. Unbeeindruckt zogen sie ihre Runden durch den Park. Vielleicht verschmähten sie die Cookies nur deshalb, weil Sportler sich nun einmal gesund ernähren.

Die Aktivisten selbst waren ausnahmslos Amerikaner. Man erkennt es immer sofort an der Kleidung, die entweder so aussieht, als richte man sich auf das ganz große Survival-Abenteuer ein oder auf enthemmten Freizeitspaß im luxuriösen Ferienressort, was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Im Vorbeigehen hörte ich Englisch mit unverkennbarem amerikanischen Akzent, aber es mussten schon deshalb Amerikaner sein, weil Einheimische niemals auf die recht kuriose Idee kämen, morgens um sieben Uhr für ein Umweltprojekt zu werben. Müssen diese Leute denn immer den Rest der Menschheit missionieren, zu welchem Ende auch immer?

Vor dem Supermarkt, der eigentlich eher ein zu groß geratener Tante-Emma-Laden ist, traf ich noch mehr Amerikaner (mein Sohn wollte zum Frühstück unbedingt Schoko-Pops). Viele von ihnen haben sich mittlerweile in Ecuador niedergelassen, um irgendeinem Business nachzugehen, vielmehr aber noch, um die Tage ihres Renterdaseins friedlich und in relativem Wohlstand zu verleben – Wünsche, die in den Staaten nur für die Wohlhabenderen unter ihnen wahr werden. Aber hier in Ecuador kann jeder auf seine alten Tage ein König sein: Die Leute sind nett und anders als in Deutschland sind Alte hochgeachtet und ihr altersweiser Rat wird geschätzt. Niemand würde einen als senil bezeichnen, nur weil man allein nicht mehr nach Hause zurückfindet oder weil man die Bekannten mit den immer gleichen Geschichten nervt. Und im Übrigen zahlt man ab 60 überall nur die Hälfte. Und nicht zu vergessen: Hier in Ecuador herrscht immerwährender Sommer (oder Frühling, wenn man in Quito wohnt).

Im Grunde hat man in Bahía nie viel zu tun. Sicher, auch hier müssen die Leute arbeiten, dennoch erweckt die Stadt immer den Eindruck, dass nichts, aber auch gar nichts passiert. Die einzige, die immerfort behauptet, sie sei gestresst, weil sie ja so viel zu tun hat, ist meine Schwiegermutter. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sie Rentnerin ist und bekanntlich haben Rentner niemals Zeit. Alle übrigen aber lassen den Tag vorbeiziehen und warten einfach ab, was sich so ergibt.

Am Nachmittag will ich einmal wieder in meinem Lieblingsstudio trainieren. Es ist brütend heiß und damit genau die richtige Zeit für eine fordernde Trainingseinheit – nichts geht über ein gutes Workout in einem guten Studio und der Fitnessenthusiast lässt sich durch solche Kleinigkeiten wie dreißig Grad im Schatten nicht von seinen sportlichen Zielen ablenken. Das Gym ist nur ein paar Meter vom Hause der Tante entfernt: Man überquert die Hauptstraße, die Avenida Simón Bolívar, und schon befindet man sich vor dem Eingang. Man kann das Studio kaum verfehlen, denn wann immer es geöffnet hat, schallt Musik in infernalischer Lautstärke aus der Tür.

Ich habe schon die Sportschuhe unter dem Arm und bin im Begriff aufzubrechen, als es plötzlich an der Tür klingelt. Ein alter Amerikaner steht davor. Die heiße Äquatorsonne hat sein Gesicht in eine Tomate verwandelt; tiefe Runzeln durchziehen seine Haut wie Erdspalten nach dem Einschlag eines Meteoriten. Er hat das Schild am Haus der Tante gesehen: „Zimmer zu vermieten“. Er möchte die Tante sprechen. Leider spricht die Tante kein Englisch und der alte Amerikaner versteht überhaupt kein Spanisch. Während wir auf meine Frau warten, die beide Sprachen beherrscht und deshalb dolmetschen soll, machen wir ein wenig Smalltalk: Er stammt aus Texas und sein Südstaatenakzent ist so breit, dass ich Mühe habe, ihn überhaupt zu verstehen. Er ist erstaunt, von mir zu hören, dass wir einige Jahre im Norden von Texas gelebt haben. Er kenne die Gegend am Redriver, unsere alte Heimat, sehr gut, denn er sei nicht weit westlich davon aufgewachsen. Jetzt suche er eine Wohnung für den Sohn. Vorher hätten beide, Vater und Sohn, in Quito gelebt, doch nun seien sie hier, in Bahía, und hier wollten sie auch bleiben.

Das Gespräch zieht sich in die Länge. Eigentlich habe ich keine Lust, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich will ins Studio und es kribbelt mir förmlich in den Beinen, aber ihn einfach so stehen zu lassen, wäre unhöflich. Schließlich kommt meine Frau und ich habe endlich einen Vorwand, das Weite zu suchen. Ich verabschiede mich und eile schnurstracks zum Studio. Mein Sohn meint später etwas despektierlich, der Typ sehe aber abgewrackt aus, und ich muss ihm leider zustimmen. Aber man weiß nie, was die Menschen für ein Schicksal hinter sich haben und darüber zu urteilen, steht ohnehin niemandem zu.