Paradies in Schokolade

Auf der Suche nach dem Schokoladenland: Wir rechneten damit, dass sich irgendwo hinter Nanegalito die Ausfahrt befinden müsste, die uns direkt nach Mashpi Shungo führen würde, ins süße Land der Schokolade. Aus der Karte, die auf dem Handzettel abgedruckt war, mit dem die Farm für sich warb, ging nicht klar hervor, ob man die Hauptroute vor oder hinter San Miguel de los bancos verlassen sollte. Wir entschieden uns für die Ausfahrt davor und wie üblich war es der falsche Weg: Der Asphalt verschwand schon nach wenigen hundert Metern und von jetzt an bewegten wir uns auf einer Schotterpiste, deren Zustand sich mit jedem weiteren Kilometer zu verschlechtern schien. Doch die Landschaft war ein üppiges tropisches Paradies, wie es den Visionen Henri Rousseaus entsprungen sein könnte.

Über die in sattes Grün getauchte Flur schweifte der Blick in einen scheinbar unberührten Garten Eden. Kolibris, schillernd wie Edelsteine, schwirrten auf der Jagd nach Blüten durch das Blattwerk. Oft kreuzten sie wie bunte Geschosse den Weg und ich fürchtete, sie könnten als Federknäuel auf der Windschutzscheibe enden. Doch sie waren viel zu flink; der trägen Maschine wichen sie mit artistischer Behändigkeit aus.

Die Straße wurde immer schlechter und der zerklüftete Untergrund schaukelte den Wagen derart auf, dass man fürchten musste, hinter der nächsten Biegung in den Büschen zu landen. Zeitweise kamen wir nur mit Schrittgeschwindigkeit voran. So unberührt uns das Land auch erschien, die Gegend war vollständig erschlossen und alle paar hundert Meter kamen wir an einem Tor vorbei, das zu einer Finca führte, deren Herrenhaus sich irgendwo im Hügelland unter undurchdringlichem Grün verbarg.

Eigenartigerweise trugen die Farmen in dieser Gegend ausschließlich englische Namen. Wir fragten später in Mashpi Shungo, was es damit auf sich habe – wir vermuteten, dass Amerikaner das Land gekauft hätten –, und man bestätigte uns, dass der Boden in dieser Gegend tatsächlich im Besitz von Ausländern sei. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, was man in der lähmenden Beschaulichkeit zwischen Orchideen und Kolibris mit seinem Leben anfangen könnte, aber paradiesisch schön muss es sein.

Irgendwann verloren sich die Reste der Straße im dichten Urwald. Unser Weg war nur noch ein Pfad. Eine dicke Laubschicht bedeckte den Boden. Man konnte den Verlauf der Straße nur deshalb noch vage ausmachen, weil dort keine Bäume wuchsen und der Wald gleichsam Spalier bildete. Durch das Halbdunkel unter dem Kronendach führte ein Fluss und irgendwann standen wir ratlos an seinem Ufer. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo wir uns befanden.

Unten am Wasser waren Männer damit beschäftigt, tote Baumstämme zu zersägen. Wir fragten sie, ob man auf dieser Straße nach Mashpi Shungo komme, aber sie meinten, die Straße sei hier zu Ende – man konnte es unschwer erkennen. Wenn wir weiter nach Norden wollten, müssten wir die Ausfahrt hinter San Miguel de los bancos nehmen. Wir drehten und fuhren zurück. Der Wagen war mittlerweile von oben bis unten mit Schlamm besudelt. Wer uns sah, musste glauben, wir wären gerade von einer amphibischen Expedition durch das Amazonas-Delta zurückgekehrt.

Mit dem nördlichen Abzweig hatten wir mehr Glück. Die Straße war so schön asphaltiert wie in einem Werbeprospekt der BVG und tatsächlich verkehrte sogar ein Bus auf der Strecke. Wir fuhren vorbei an purpurnen Bananenstauden und Bambusdickichten, deren Halme wie gotische Säulenbündel in den Himmel strebten. Die Kronen fächerten zu wahren Gewölben aus. Die Straße wand sich in unzähligen Kurven durch die hügelige tropische Landschaft. Es waren kaum Menschen unterwegs und außerhalb der kleinen Dörfer sah man niemanden. Einmal kamen wir an einen Fluss. Die Wasser rauschten über Stromschnellen ehe der Wald sie wieder verschluckte.

Nach Mashpi Shungo führte ein weiterer Abzweig. Die Straße war nun nur noch ein enger Schotterweg, den man am besten mit einem geländegängigen Fahrzeug befuhr – schade, dass unser Wagen keinen Allradantrieb hatte. Trotz des erbarmungswürdigen Zustandes der Wege und obwohl die Gegend so abgelegen war, sah man plötzlich erstaunlich viele Fahrzeuge. Die meisten, die uns begegneten, schienen hier Besucher zu sein wie wir.

Manche fuhren Autos, wie sie für die Stadt geeignet waren. Diese Urwaldpiste zu befahren, stellte aber ein nicht geringes Wagnis dar. Bei der kleinsten Bodenwelle setzten die Wagen auf und oft blieben sie sogar hängen. Die Fahrer setzten zurück und versuchten es so oft, bis sie schließlich einmal Glück hatten. Das schabende Geräusch ließ nichts Gutes erahnen und die nächste Durchsicht wird vielleicht keine erfreulichen Nachrichten bringen. Ich würde auf jeden Fall nachschauen, ob sich über Nacht ein Ölfleck unter dem Wagen gebildet hat.

Die Straße führte direkt am Ufer des Río Mashpi entlang. Von einer Anhöhe aus, die wie die Tempelpyramide einer untergegangen Kultur über das Kronendach des Waldes emporwuchs, konnte man auf den Fluss blicken. Der Strom kerbte sich wie eine regennasse Allee durch das dichte Grün. In der Ferne, dort, wo das Band des Flusses fast schon wieder vom Wald verschluckt wurde, sah man Badende. Das Bild erinnerte mich an eine Szene aus „Die Mission“ und ich verspürte augenblicklich Lust, im nächsten DVD-Shop eine Raubkopie zu erstehen.

Hin und wieder sah man Leute am Ufer picknicken und Badenden begegnete man mehr als einmal. Eine Hängebrücke überspannte das träge Gewässer, doch der Eigentümer der Finca auf der anderen Seite verbat sich unbefugtes Betreten: Ein Schild machte unmissverständlich klar, dass Besuch nicht erwünscht sei. Auf dem jenseitigen Ufer gibt es keine Straßen und die Bewohner der Häuser, deren Dächer allenthalben aus der dichten Vegetation hervorschauen, müssen erst den Fluss überqueren, wenn es sie danach gelüstet, wieder einmal die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu genießen. Blattschneiderameisen nutzten das Werk des Menschen und transportierten ihre wertvolle Fracht zu den Kolonien am anderen Ufer.

Man findet den Eingang zur Finca nicht leicht, denn anders als die durch ein Heer von Sicherheitspersonal, durch Schranken, Mauern und Stacheldraht gesicherten Wohnanlagen der Städte gibt es hier oft nur ein unscheinbares Tor, das man manchmal sogar erst im Dickicht suchen muss. Nirgendwo finden sich Namensschilder und man sieht auch keine Wächter, die einem verraten könnten, ob man an der richtigen Adresse ist. Es hat den Anschein, man verzichtet auf Sicherheitsmaßnahmen, was in diesem von Kriminalität schwer gebeutelten Land recht seltsam anmutet. Das Tor zur Finca war nicht abgeschlossen und jeder hätte das Grundstück unbeobachtet betreten können.

Ich glaube aber, die Gegend ist zu abgelegen, als dass man unerwünschten Besuch fürchten müsste. Hier, in der spärlich bevölkerten Landschaft des Noroccidente kennt ohnehin jeder jeden und Fremde würden da natürlich schnell auffallen. Außerdem führen die Leute immer eine Machete mit sich – ein unentbehrliches Arbeitsmittel auf dem Feld wie im Wald. Man sollte die Bewohner dieses Landstrichs nicht reizen, denn wenn es sein muss, erweisen sie sich als sehr geschickt darin, dieses einfache Arbeitsgerät als Waffe einzusetzen. In alter Zeit wurden mit der Machete blutige Kämpfe ausgetragen.

Als wir die Finca endlich erreichten, schickte man sich gerade an, Schokolade zu verkosten. Die Führung hatten wir versäumt, aber von der Schokolade wollten wir unbedingt eine Kostprobe. Es war aber nicht weiter schlimm, dass wir nicht an dem Rundgang teilgenommen hatten, denn nach der Verkostung erhielten wir die Erlaubnis, uns auf eigene Faust auf dem Gelände umzusehen.

Die Verkostung fand im kleinen Kreis statt – kaum mehr als ein halbes Dutzend Interessierter hatte sich eingefunden. Präsentiert wurden Handwerksschokoladen, die ohne den in der Industrie üblichen Emulgator Lezithin auskommen und auch ohne Milchpulver. Stattdessen verwendet man ausschließlich hochwertigen Kakao, Kakaobutter und Rohrzucker. Obwohl es sich um dunkle Sorten handelte, schmeckte die Schokolade erstaunlich mild, fast wie Vollmilchschokolade. Durch den hohen Kakaoanteil hatte die Schokoladenasse allerdings nicht die typische cremige Textur der Vollmilchsorten.

Manche der Schokoladen hatten Fruchtfüllungen. Die Früchte, aus denen man sie herstellt, waren mir so wenig bekannt wie das Obst von einem fremden Planeten. Nach Auskunft der Kakao-Farmerin, welche die Verkostung leitete, wächst alles, was man verarbeitet, in der Gegend. Eine Sorte war mit einer Creme aus dem Fruchtfleisch der Kakaoschote gefüllt (das ist die dicke, fleischige Haut, welche die Kakaobohnen umhüllt). Ich hatte die Pulpa schon einmal probieren dürfen, aber erst in der Schokolade erfuhr das säuerlich-fruchtige Fleisch seine wahre Bestimmung.

Ein junges amerikanisches Pärchen fand sich unter den Gästen der Finca und die beiden bestaunten die Schokoladentafeln, als gäbe es so etwas nicht in amerikanischen Supermärkten. Zugegeben, Sortenschokoladen aus Edelkakao muss man lange suchen und solche exquisiten Genüsse, wie die Farm sie offerierte, findet man sicher nicht bei Walmart. Doch es gibt in den Staaten Bio-Supermärkte, die alles in den Schatten stellen, was sich der visionäre Bio-Weltverbesserer aus Deutschland in seinen kühnsten Träumen ausmalen könnte. Es würde mich keineswegs verblüffen, wenn man dort Manufaktur-Schokoladen aus Mashpi Shungo fände. Das Pärchen staunte aber die Schokolade an, als hätte es den Stein der Weisen gefunden. Man war so angetan, dass man gleich ein Dutzend Tafeln kaufte. Wir nahmen auch ein paar mit, aber einige sollten nicht den Abend erleben.

Die Finca ist ein riesiges Gelände, welches mit einem Wald aus Kakaobäumen bepflanzt ist. Allenthalben sieht man Kakaoschoten in allen Reifegraden im Geäst hängen – grün, gelb, rot. Das Hauptgebäude ist eine luftige Lodge, die sich in die Höhe reckt, als wollte sie dem allerorten wuchernden Grün entrinnen. Überall leuchten Blütenstauden in einem geradezu wollüstigen Rot aus dem Blätterwerk.

Wenn man durch den Kakaowald streift, hat man das Gefühl, man sei in einer Art Paradiesgarten. Wohin man blickt, ist spießende Vegetation. Blätter und Blüten treiben so mannigfaltig und farbenfroh aus, dass man nie satt wird, das betörende Gemisch aus Formen und Farben in sich einzusaugen. Ich stelle mir vor, so müsse Macondo ausgesehen haben, bevor es sich unauffindbar im Urwald verlor. Im dichten Wald begreift man, dass die Menschen von der Natur nur auf Zeit geduldet sind und lassen sie in ihren Anstrengungen nach, holt sich die lebenstolle Wildnis zurück, was ihr gestohlen wurde. Aber so lange es Liebhaber der Schokolade gibt, wird die Farm wohl Bestand haben. Jedenfalls wäre zu wünschen, dass noch recht viele Menschen dieses Paradies in Schokolade besuchen.

Eine Oase der Ruhe

Mashpi Shungo ist eine Kakaoplantage nordwestlich von Quito. Wenn man Quito auf der nördlichen Route verlässt, kann man entweder der Panamericana folgen, die einen über Otavalo, Ibarra und Tulcán bis zur kolumbianischen Grenze führt, oder den Abzweig nach Westen einschlagen. Diese Route führt vorbei an der Mitad del mundo, der Mitte der Welt, und über Calacalí und Nanegalito gelangt man schließlich nach San Miguel de los bancos. Hat man diese Stadt hinter sich gelassen, nimmt man die Ausfahrt nach Norden. Ein weiterer Abzweig führt schließlich nach Mashpi Shungo.

Von der Kakaofarm hatten wir nur zufällig erfahren: Seit langem waren wir auf der Suche nach einem Ort, an dem unsere gestressten Seelen Ruhe finden könnten. Wenn man nicht gerade auf dem Lande lebt, ist der Alltag in Ecuador oft genauso stressig wie in Deutschland und manchmal ist es einfach notwendig, eine Auszeit zu nehmen, will man nicht im tagtäglichen Kampfeinsatz verschleißen. Es versteht sich von selbst, dass ein stilles Refugium nur halb so schön ist, wenn man dort nicht auch einen guten Kaffee genießen und sich an Backwerk laben könnte, welches das Potential hat, einen in die diabetische Abhängigkeit zu treiben. In Cumbayá gibt es „Sweet & Coffee“ und „Juan Valdez“ und der Kaffee dort stellt auch den anspruchsvollen Liebhaber des koffeinhaltigen Elixiers zufrieden, aber wirklich entspannen kann man in der belebten Fußgänger-Passage eines großen Einkaufstempels natürlich nicht.

Mitten in Cumbayá, jenseits der Hauptstraße und gut geschützt durch Mauern, findet sich ein idyllisches Fleckchen von einem Café, wie man es hierzulande nur selten antrifft. Das „Uvi“ ist im Grunde nichts als ein hölzerner Bungalow mit einer überdachten Veranda davor. Doch der Ort ist ruhig und schön und er versprüht einen ganz eigenen Charme, an den man sich nur zu gern verliert.

Das Café offeriert seinen Gästen fast ausschließlich Produkte aus ökologischer Erzeugung. Natürlich gibt es Kaffee, guten Kaffee. Die Angestellte (vielleicht war es auch die Besitzerin) gestand, dass es schon ein ziemliches Weilchen gedauert hätte, bis man einen anständigen Kaffee auf Espressobasis zu extrahieren verstand. Und der Kaffee ist wirklich exzellent – das lange Üben hat sich am Ende bezahlt gemacht. Ich hoffe, dass die Experimentalphase nicht zu viele Menschen in die Kaffeeabstinenz getrieben hat.

Das Ambiente versprüht den Charme des Provisorischen, aber man kann davon ausgehen, dass es den Betreibern wichtig war, sich in irgendeiner Form von den großen Kaffee-Ketten abzugrenzen. Würde die Welt untergehen und hätten zufällig (und gegen alle Wahrscheinlichkeit) ein paar Kaffee-Aficionados und auch der Kaffeestrauch überlebt, sähen die Cafés der Postapokalypse wahrscheinlich aus wie das „Uvi“.

Die Atmosphäre ist alternativ, feministisch, esoterisch, fernöstlich-spirituell und vielleicht noch eine ganze Menge mehr. Obgleich nicht weit von der Hauptstraße Cumbayás entfernt, lädt dieser Ort zu Ruhe und Besinnlichkeit ein. Dazu passt, dass es vor dem Haus eine Rasenfläche gibt, auf der man die Gäste manchmal liegen und wie verzückt in den blauen Himmel starren sieht. Der Kaffee ist zwar gut, aber so gut, dass er einen geradewegs ins psychedelische Nirwana schicken könnte, ist er nun auch nicht.

In den Auslagen findet der Gast Handzettel und Werbeflyer, die von Kosmetik bis hin zu Naturwanderungen und Übernachtungsmöglichkeiten in Ecolodges auf so ziemlich alles aufmerksam machen, was sich mit dem Zusatz „alternativ“ bzw. „ökologisch“ versehen lässt. Einer dieser Handzettel warb für Mashpi Shungo, eine ökologische Kakaofarm nördlich von Quito. Auf der Finca werden regelmäßig Führungen mit anschließender Verkostung veranstaltet, und natürlich kann jeder Besucher nach Herzenslust Schokolade kaufen, vorausgesetzt, die Preise treiben ihn nicht vorher in den Wahnsinn. Zumindest einmal wollten wir eine echte Kakaofarm sehen und deshalb meldeten wir uns für einen Besuch an.

Kakao & Co.

Ecuador ist nicht nur ein Bananenimperium – das Land ist der weltgrößte Exporteur –, sondern gilt auch als der größte Produzent von Edelkakaos. Edelkakaos machen nur etwa fünf Prozent der gesamten Weltproduktion aus, aber davon bestreitet Ecuador allein schon drei Fünftel. Kakao hat seit der Erringung der Unabhängigkeit von Spanien immer wieder die Geschicke des Landes bestimmt, doch die Zeiten, da mächtige Kakaobarone sich in die Politik einmischten und versuchten, dem Land ihren Willen aufzuzwingen, sind lange vorbei. Heute heißt der Kakao Öl und die Förderung ist fest in staatlicher Hand.

Bei der Herstellung von Schokolade verlässt man die eingetretenen Pfade: Statt auf Massenware zu setzen, hat man sich auf Sortenschokoladen, vorzugsweise aus Edelkakao, spezialisiert. Die letzten Jahre haben einen wahren Kakaoboom gesehen. Dutzende Labels, die Handwerksschokoladen aus erlesenen Kakaosorten vertreiben, sind buchstäblich aus dem Boden geschossen. Oft handelt es sich um Manufakturen, in denen ein Großteil der Arbeit noch tatsächlich von Hand erledigt wird.

Ein schönes Beispiel ist „Cacao & Cacao“, ein Unternehmen, das eine Kette kleiner Cafés in Quito betreibt. Man kann dort edle Schokoladen und hochwertige ecuadorianische Kaffees aus eigener Röstung kaufen, aber der eigentliche Star ist die heiße Schokolade, die so gut ist, dass man nach dem Genuss schon fast sein Leben überdenken möchte. Als meine Frau mich vor der Tasse sitzen und versonnen die Rose anstarren sah, die der Barrista in den Schaum gezaubert hatte, mochte sie wohl glauben, ich wäre versucht, eine Wahl zwischen ihr und der Schokolade zu treffen. Ich gestehe, ich hatte noch eine zweite Tasse, doch dann war die Liaison beendet – nur eine schnelle Affäre, mein Schatz, nichts Ernstes.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals begegnete einem ein gänzlich anderes Land und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich wunderte und wie bestürzt ich darüber war, dass man nirgendwo hochwertige Schokolade aus einheimischer Herstellung kaufen konnte. Zwar fand man in den Regalen der Supermärkte auch schon damals die Produkte der großen internationalen Produzenten wie Nestlé oder Hershey, aber die Vielfalt der Sorten aus einheimischer Produktion, wie sie der Schokoladenliebhaber heute genießen kann, suchte man vergeblich.

„Manícho“ gab es natürlich schon viel länger, wahrscheinlich sogar schon zu Zeiten der Clovis-Leute, und die genaue Lage der Mine, in der Schokoladensüchtige die Tafeln mit bloßen Händen aus dem Gestein kratzen, ist nach wie vor ein streng gehütetes Geheimnis. Manícho ist eine Vollmilchschokolade mit gerösteten Erdnüssen (Maní y Chocolate – Manícho), nichts Besonderes also, aber ich liebe den Stoff, der mich schon so manches Mal vor dem Hungerkoma bewahrt hat.

Ich kann bezeugen, dass man mit einem Manícho im Bauch auch die größte Herausforderung besteht, die dem Reisenden in diesem an Herausforderungen nicht armen Land begegnen kann: den Besuch der Shopping-Mall mit der Partnerin. So ein Manícho baut auf und hebt die Stimmung. Und einen Stimmungsaufheller braucht man unbedingt, wenn man fühlt, dass einem zwischen Boss und Banana Republic (was für ein passender Name im Land der Banane) allmählich der Verstand abhanden zu kommen droht.

Neben Andrés Gómez und Jefferson Pérez waren in meinem Bewusstsein stets drei Dinge verankert, für die Ecuador berühmt ist: Bananen, Kaffee, Kakao. Wie Manícho gab es natürlich auch Bananen oder Guineos, wie sie hierzulande genannt werden, schon lange und seit der Erfindung des Kühltransports ist Ecuador zum weltgrößten Exporteur der gelben Früchte aufgestiegen. So mancher ecuadorianische Austauschlehrer im Ausland musste sich schon von seinen Schülern fragen lassen, ob er in der Bananenkiste eingereist sei (Wir haben so gelacht, während meine Frau mit verkniffenem Mund daneben stand und grollte). Aber das ist eine der vielen Wahrheiten dieses Landes: Ecuador, das sind vor allem Bananen (und neuerdings auch Öl).

Kakao und Kaffee haben erst in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Auf meiner ersten Reise 1992 war es unmöglich, irgendwo guten Kaffee zu bekommen, und ich weiß noch genau, wie enttäuscht ich darüber war. Merkwürdig genug, schien dieses Manko keinen Ecuadorianer wirklich zu bekümmern. Heute ist das natürlich anders: Kaffeehaus-Ketten breiten sich im ganzen Land aus und gepflegte Cafés, aus denen einem der köstliche Duft frisch gerösteter Bohnen so unwiderstehlich wie eine Überdosis Pheromone in die Nase steigt, finden sich mittlerweile zumindest in jeder größeren Stadt (siehe auch meinen Blogpost „Leder, Pilger und Kaffee“).

Die Edelkakaos, die auf den fruchtbaren Böden des Landes gedeihen, werden überwiegend zu nicht weniger edlen Handwerksschokoladen oder zu Sortenschokoladen verarbeitet. Wie beim Kaffee bestimmen nämlich Sorte, Bodenqualität und Klima das Aroma. Beim Wein spricht man vom Terroir, bei Kakao haben sich solche subtilen Unterscheidungskriterien aber nicht eingebürgert, auch bedingt durch den Umstand, dass Schokolade aus industrieller Massenfertigung die feinen Nuancen des Aromas entbehrt. Doch es sind nur die Connoisseure, die solche Feinheiten zu schätzen wissen. Dem Schokoladensüchtigen kommt es lediglich darauf an, seine Synapsen mit der täglichen Dosis Glück zu fluten, die der Genuss des theobrominhaltigen Stoffes verheißt.

Ganz überwiegend handelt es sich bei den Chocolates artesanales, den Handwerksschokoladen, um dunkle Sorten, die einen unverfälschten Schokoladengenuss gestatten, ohne den im wahrsten Sinne des Wortes bitteren Nachgeschmack, den man beim Verzehr von Industrieschokoladen aus Massenproduktion oft zu gewärtigen hat – dunkle Sorten aus Edelkakao schmecken erstaunlich mild und vermögen selbst eingefleischte Liebhaber der Vollmilchschokolade zu verführen.

Solche edlen Genüsse haben natürlich ihren Preis, aber bevor man sich darüber echauffiert, darf man nicht vergessen, dass Schokolade ein Genuss- und kein Grundnahrungsmittel ist und deshalb nur zu seltenen Anlässen und in kleinen Mengen genossen wird. Wer es sich leisten kann und leisten möchte, darf die Edeldroge natürlich auch gleich tafelweise essen, was umso leichter fallen wird, da Manufakturschokoladen meist nur als handliche Vierzig-Gramm-Tafeln angeboten werden.

Cocoa y Canela

Wir verbringen zwei Tage in der Stadt. Bei einem Spaziergang stoßen wir nicht ganz zufällig auf das „Cocoa y Canela“, ein kleines Café, dessen Spezialität heiße Schokolade in allen nur denkbaren Variationen ist. Ich hatte am Morgen noch schnell den Reiseführer studiert und war dabei über die Adresse gestolpert. Das Café versprüht einen etwas dekadenten Charme und ich fühle mich auf anheimelnde Art an die Absinth-Höhlen des Fin de siècle erinnert. Das Interieur ist so betont altmodisch, dass man nicht zu entscheiden vermag, ob dieser Ort tatsächlich schon so lange existiert und eine Renovierung mangels Geld oder Interesse unterblieben ist, oder ob seine Betreiber ihn nicht absichtsvoll und gleichermaßen stilsicher in dieses Toulouse-Lautrecsche Schokoladen-Freudenhaus verwandelt haben.

Eine Wand ist über und über mit alten Geldscheinen tapeziert. Darunter findet sich auch eine Einhundert-Sucres-Note. Ecuador hat die Landeswährung im Jahre 2000 zugunsten des Dollars abgeschafft, aber 1992, als ich das Land zum ersten Mal bereiste, musste man noch ein ganzes Bündel der labbrigen Scheine mit sich herumschleppen, wenn man einen kleineren Einkauf auf dem Markt erledigen wollte.

Ich mache ein Foto von dem Geldschein, der an eine vergangene, fast vergessene Epoche erinnert, und ich frage mich, ob die junge Frau, die am Nebentisch sitzt, sich überhaupt an jene Zeit erinnern kann, da man in den Geschäften mit Sucres bezahlte und in der es die öffentliche Moral jungen Frauen untersagte, allein in Cafés zu sitzen und Bier zu trinken. Abgesehen von solchen Nebensächlichkeiten, muss man es schon als eine grobe Stilwidrigkeit ansehen, an einem Ort, der für seine heiße Schokolade bekannt ist, Bier zu trinken, und dann auch noch aus der Flasche. Aber es ist mir egal und die Gründe für diese nur allzu offensichtliche Provokation interessieren mich herzlich wenig, denn im Augenblick genieße ich bloß meine Schokolade. Nachdem ich ausgetrunken habe, bestelle ich noch eine zweite Tasse, denn die schönen Dinge im Leben sind leider immer viel zu schnell vorbei.