Am Meerschweinchensee

Ecuador ist ein Land der Vulkane. Der Reisende, den es aus einer tektonisch eher verschlafenen Weltgegend wie Deutschland in ein Land verschlägt, das von Nord nach Süd von einem Gürtel aktiver Vulkanberge durchzogen wird, ist erstaunt darüber, in welchem Einvernehmen und mit welcher stillen Gelassenheit die Menschen mit den Kräften der Natur leben. Die Vulkane gehören seit Urzeiten zum Alltag der Menschen, nicht anders als überfüllte Bankfilialen, stundenlanges Warten auf Ämtern und KFC (nur kann man nicht genau sagen, wer zuerst da war – die Berge oder der Colonel).

Am westlichen Saum des amerikanischen Kontinents taucht die pazifische unter die südamerikanische Platte. Die Kontinentalplatte wird dabei gestaucht wie ein Bogen Papier, der sich in den Walzen eines Druckers verklemmt hat. Das gewaltige Bergmassiv der Anden faltet sich in die Höhe und von Magmakammern aus wachsen Kanäle durch das Gestein gleich den Fäden eines Myzels. Wo sie die Erdoberfläche durchbrechen, wird Lava ausgespien und Vulkane wachsen als feuriges Fanal der plutonischen Kräfte in den Himmel.

Die Menschen haben dem Schauspiel der Natur seit frühester Zeit ehrfurchtsvoll und staunend gegenübergestanden. Oft mischte sich Angst in die Faszination, da man die Ursache für Lavaströme und Ascheregen nicht kannte. Die Angst mag gewichen sein, seit ein immer präziserer wissenschaftlicher Verstand den Vulkanen viele ihrer Geheimnisse entrissen hat, doch die Gefahren sind geblieben.

Oft liegt die Gefahr in Sichtweite städtischer Ansiedlungen: Von Quito aus kann man zum Beispiel bei klarem Wetter den Vulkan Pichincha majestätisch über der Stadt thronen sehen (bezeichnend ist, dass man ausgerechnet einer Bank den Namen eines unberechenbaren Vulkanberges gegeben hat: Banco del Pichincha). Auch einer der berühmtesten Vulkane der Welt, der Cotopaxi, den wir das Glück hatten, besuchen zu dürfen, befindet sich nicht einmal eine Autostunde von Quito entfernt. Seismologen beobachten den Berg so aufmerksam wie Anstaltsärzte einen somnambulen Axtmörder. Wenn sie ungewöhnliche Ausschläge im seismischen Herzschlag des Vulkanriesen entdecken, bereitet sich die Hauptstadt auf den Notfall vor.

Die Menschen leben seit Jahrtausenden mit der Gefahr, aber sie sind sich auch der Wohltaten bewusst, die ihnen die Vulkane spenden. Die Vulkanasche verwandelt die Gegend rund um die Berge in ein fruchtbares Eden, und so sind es gerade diese gefährdeten Regionen, in die es die Menschen seit der Erfindung des Ackerbaus zieht. Oft kann man beobachten, dass die Berge weit die Hänge hinauf in eine grüne Flickendecke aus Feldern, Wiesen und Weiden gewandet sind.

Wie überaus gnädigen, manchmal jedoch jähzornigen, aber immer unberechenbaren mächtigen Patronen begegnen die Menschen den Bergen mit Respekt, Ehrerbietung und stets auch mit der sehr realen Angst, die Wohltäter könnten ihnen ihre Gnade auch wieder entziehen. Immer wieder haben katastrophale Eruptionen die Anstrengungen vieler Generationen zunichte gemacht, und immer wieder und fast schon mit der Regelmäßigkeit eines Opferrituals haben die Berge Menschenleben gefordert – sei es, dass man ihnen freiwillig das Opfer brachte, um sie zu besänftigen, sei es, dass pyroklastische Ströme und Ascheregen ganze Landstriche auslöschten. Es ist kein Wunder, dass alle frühen Kulturen des amerikanischen Kontinents mächtige Gottheiten in den Vulkanen erkennen wollten.

Die Cuicocha-Kraterruine ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein aktiver Vulkan – zumindest nicht in dem winzigen erdgeschichtlichen Augenblick, den wir Menschheitsgeschichte nennen. Cuicocha bedeutet je nach Lesart „Meerschweinchensee“ (Cuy heißt Meerschweinchen) oder Regenbogensee. Die gewaltige Caldera entstand vor über dreitausend Jahren infolge eines Ausbruchs unvorstellbaren Ausmaßes: Nicht nur wurde der Vulkankegel regelrecht vaporisiert und in die Stratosphäre geschleudert, die Explosion hat auch ein Loch von der Größe eines Asteroidenkraters in die Erdoberfläche gegraben. Die Asche fiel im Tal von Otavalo nieder und machte die Gegend zu einer der fruchtbarsten Regionen in Ecuador. Die Kraterruine füllte sich rasch mit Regenwasser und es entstand ein See. Zwei Inseln erheben sich über das stille Gewässer. Merkwürdig genug, sind beide nach deutschen Forschern benannt.

Der Krater liegt in der Nähe von Cotacachi, einer Stadt, die vor allem für ihre Lederarbeiten berühmt ist. Wir waren schon mehrmals dort und wir fahren immer wieder gern hierher, auch deshalb, weil man in einer Nebenstraße ein kleines Café namens „Serendipity“ findet. Dort gibt es alles, wonach das Herz des an zivilisatorischen Luxus gewöhnten Reisenden verlangt: guten Kaffee und einen Lemon pie, bei dessen Genuss einem die Sinne schwinden. Man verlässt Quito auf dem Abzweig der Panamericana, der nach Norden führt, aber von Cumbayá aus führt eine günstigere und weit angenehmer zu befahrende Route über Tababela, den nagelneuen internationalen Flughafen der Hauptstadt.

Man erreicht Cotacachi von Quito aus mit dem Auto in ca. anderthalb Stunden. Nachdem man den nördlichen Vororten Quitos glücklich entronnen ist, beschreibt die Autopista eine Schleife um das Tal des Río Pisque. Die Straße legt sich um die Flanke des Berges und auf der Beifahrerseite kann man in den Cañon blicken – wenn man nicht alle Hände voll damit zu tun hat, auf der Straße zu bleiben. Über dem Flusstal, direkt am Hang, dort, wo die Arbeit des Wassers Jahrmillionen alte Gesteine freigelegt hat, befindet sich ein Aussichtspunkt mit einem Parkplatz. Viele Reisende lassen sich die Gelegenheit zu einem Zwischenstopp nicht entgehen. Man picknickt oder vertritt sich die Beine, während man den Blick über das Tal des Río Pisque genießt.

Wann immer wir auf der Panamericana nach Norden fahren, halten wir an dieser Stelle. Die Landschaft wirkt eher karg und abweisend und sie erinnert mich ein wenig an New Mexico, was vielleicht einer der Gründe sein mag, warum ich so gern durch diese Gegend reise. Doch dieser Aussichtspunkt mit seiner grandiosen Fernsicht schmeichelt nicht nur dem ästhetischen Empfinden, sondern er dient auch ganz und gar praktischen Zwecken: Ein breiter Fächer Müll ergießt sich vom Parkplatz über Jahrmillionen alte Sedimente den Hang hinunter, womöglich sogar über Fossilien, die den Tod der Dinosaurier gesehen haben.

Unter den illegal entsorgten Relikten unserer Konsumkultur finden sich nicht nur Getränkeflaschen, Styropor-Boxen und Plastiktüten, sondern auch Artefakte der Wohnkultur des 21. Jahrhunderts, wie Sofas, Stühle und sogar ein Kühlschrank. Ich bin zuversichtlich, die Archäologie der fernen Zukunft wird allein schon durch die akribische wissenschaftliche Auswertung unserer zahlreichen Mülldepots mit fast absoluter Sicherheit auf die Ursache schließen können, die zum Untergang unserer Kultur geführt hat.

Wir halten uns in Cotacachi nur kurz auf, denn wir wollen zum Kratersee. Als würde man das unaussprechliche Geheimnis vor Fremden verbergen wollen, ist der Weg dorthin kaum ausgeschildert. Eigentlich sehen wir nicht einen einzigen Wegweiser und als wäre der Vulkansee nicht eine erstklassige touristische Attraktion, geht es über Landstraßen, die nicht nur so aussehen, als wären sie von allen Verkehrsministerien der letzten fünfzig Jahre ignoriert worden. Vielleicht ist aber nur noch kein Straßenbautrupp bis in diese entlegene Gegend vorgedrungen. Mancher Angehörige der Oberschicht lässt sich gern vernehmen, Ecuador verfüge über die besten Straßen in ganz Lateinamerika. Ich habe das Gefühl, dass damit keineswegs ein Kompliment ausgesprochen ist.

Wir müssen die Einheimischen fragen. Sie zeigen uns gutwillig den Weg. Wir befinden uns in einer dörflichen Einöde, die Lichtjahre vom nächsten ordentlichen Espresso entfernt scheint, aber die Jugendlichen, die wir treffen, stehen ihren Altersgenossen in Berlin in nichts nach: Der Schritt der Hose hängt fast an den Knien, die Cap lässig ins Gesicht gezogen, teure Sneakers, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern zum Buckel gerundet. In einer beliebigen europäischen Großstadt würde man so nicht weiter auffallen. Einzig die Gesichtszüge verraten, dass man von hier ist und dass die Vorfahren schon hier lebten, bevor die ersten Weißen übers Meer kamen.

Und dann sehen wir endlich den Kratersee. Bevor die Straße in den Naturpark einmündet, führt sie oberhalb der Uferböschung entlang. Viele Besucher ergreifen schon hier die Gelegenheit, das Auto am Straßenrand zu parken und fleißig Fotos zu schießen. Man kann einfach nicht weiterfahren, denn der Anblick des Sees ist so unglaublich fremd und über alle Maßen beeindruckend, dass man nicht erst warten möchte, bis man den Besucherparkplatz erreicht hat. Nachdem unsere Neugier fürs Erste befriedigt ist, fahren wir dann doch auf den Parkplatz des Besucherzentrums, der zu diesem Zeitpunkt erstaunlich leer wirkt.

Das Besucherzentrum ist ein massiver Bau direkt am Ufer der Cuicocha-Kraterlagune. Es gibt eine Kantine, in der landestypische deftige Schweinefleischgerichte angeboten werden und einen Bootssteg, von dem Ausflugsboote zum Rundkurs um die Inseln ablegen. Als wir eines der Boote zurückkehren sehen, entschließen wir uns spontan zu einer „Kreuzfahrt“. Die Tourteilnehmer haben ganz verfrorene Gesichter, doch das kann uns nicht schrecken. Aber erst einmal kaufen wir Tickets, sehen uns an den Souvenirständen um und machen Fotos. Als wir an der Lagune eintrafen, hatte gerade einmal ein halbes Dutzend Interessierter an der Bootsanlegestelle gestanden. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange gebildet und wir bedauern, dass wir uns so viel Zeit gelassen haben. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.

Wir reihen uns dennoch unter den Wartenden ein, denn zu dieser Zeit des Tages – es war bereits Nachmittag – nimmt der Besucherstrom deutlich zu, und zu hoffen, dass der Andrang nachlassen würde, scheint uns deshalb zwecklos. Also hieß es warten. Die meisten, die den See besuchen, wollen auch zu den Inseln. Wir warten eine geschlagene Stunde, doch dann endlich sind wir so weit nach vorn gerückt, dass wir mit der nächsten Tour an Bord dürfen. Zuvor wird man genötigt, eine Schwimmweste anzulegen, und wenn man dann inmitten all der anderen Schwimmwestenträger am Bootssteg steht und darauf wartet, dass es endlich losgeht, kommt man sich vor, als nähme man gerade an einer Rettungsübung auf der Titanic teil.

Dann kam das Boot, eine überdachte Ausflugsbarke. Nachdem die Passagiere, die das Glück hatten, vor uns in der Reihe zu stehen, ihren Platz geräumt haben, gehen wir an Bord, immer einer hübsch nach dem anderen. Ein kleines Mädchen hat ihre Rettungsweste so lieb gewonnen, dass sie sich weigert, sie wieder herzugeben. Man muss sie ihren kleinen Händen förmlich mit Gewalt entreißen und dann schreit die Kleine, als hätte man ihr den Arm ausgerissen. Ich kann sie noch hören, als wir längst abgelegt haben und das Boot sich schon fast in der Mitte des Sees befindet. Doch dann wird es mit einem Mal ganz still und man hört nichts weiter als das Brummen des Schiffsmotors und das sanfte Plätschern des Wassers.

Der See ist glatt wie ein Spiegel, das Wasser kristallklar und nahe der Bootsanlegestelle sieht man Seegras sich sanft in der Strömung wiegen. Ich tauche meine Hand hinein und ich bin mir nicht sicher, ob jemand mit einem nicht mehr ganz so kräftigen Herzen einen Sturz in die Fluten überleben würde, denn die Kälte beißt einen förmlich in die Finger. Bear Grylls wäre begeistert. Der Bootsführer erklärt, siebzig Meter sei der See tief und es lebten keine Fische darin. Der Grund dafür sei, dass es keine Zuflüsse gibt; Regen ist die einzige Quelle, aus der sich das Wasserreservoir speist.

Wir nähern uns den Inseln, die in der Mitte des Sees die Wasseroberfläche durchstoßen wie die Buckel der Midgardschlange. Das größere der beiden Eilande trägt den Namen Teodoro Wolf, das kleinere heißt Yerovi. An Steuerbord gleiten die in dichte Vegetation gehüllten Hänge der größeren Insel vorbei. Die Pflanzen sind braun wie überkochtes Gemüse, aber so passen sie viel besser zu dem schwermütigen Himmel, der wie eine Wattedecke über dem Kraterloch liegt.

An Backbord erheben sich die Kraterwände. Sie sind so steil, dass Pflanzen keinen Halt finden. Ein Freizeitkletterer könnte sie wohl kaum ohne Hilfsmittel erklimmen. Da man auf allen Seiten von senkrechten Wänden eingeschlossen ist, fühlt man sich wie ein Käfer in einer Schüssel. Die Landschaft ist mit nichts zu vergleichen, was man kennt, jedenfalls mit nichts in der Welt der Realität. Nicht nur einmal drängt sich mir der Eindruck auf, ich wäre in die Romanwelt Jules Vernes versetzt, und manchmal habe ich das Empfinden, es hätte mich in die romantischen, unheimlichen und oft bizarren Kulissen Karel Zemans verschlagen.

Wir umrunden die große Insel und dann kommt der Höhepunkt des Bootsausfluges: die Fahrt durch den Sund zwischen den Inseln, der passend zur Landschaft „Canal de los ensueños“ heißt. Ensueño kann gleichermaßen Traum, Träumerei oder Trugbild bedeuten und so bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, ob er seine Träume oder seine Illusionen in der fremdartigen Landschaft gespiegelt sehen will.

Das Boot gleitet langsam durch den schmalen Kanal. Man sieht nichts als einen Wald aus Schilf und dahinter erheben sich die Inseln wie die aufgeblähten Kadaver toter Giganten. Das Rohr raschelt leise, wenn die Bordwände daran vorbeistreichen, doch es ist eigenartig, dass man keine Vögel hört. Die Vegetation wirkt welk, als begännen die Pflanzen unter dem trüben Himmel bereits zu vermodern, noch ehe sie in Blüte gestanden haben. Alles Leben scheint erstorben. Die Landschaft ist so tot wie die Darstellung eines Friedhofs auf einem vergilbten Gemälde.

Irgendwo an der Einfahrt zum Kanal sehen wir Ruinen. Sie verwittern langsam in der Wildnis aus braunem Gestrüpp, doch Niedergang und Verfall wollen zu dieser leblosen Landschaft viel besser passen als Entstehen und Wachsen. Ein Restaurant sollen die Mauern einst beherbergt haben, aber man vermag sich nicht so recht vorzustellen, dass sich Gäste an jenem trübsinnigen Ort zu feucht-fröhlicher Runde eingefunden haben könnten. Der Anblick ist bedrückend. Doch die Inseln sind nun Schutzgebiet und niemand darf sie betreten. So bleiben die traurigen Überbleibsel menschlicher Kolonisationsgelüste sich selbst überlassen. Irgendwann wird die Natur sie verschlungen haben.

Wir gleiten mit halber Motorkraft in den Kanal. Das stille Wasser schneidet sich durch einen dichten Wald aus Binsen. Einen Augenblick lang werden wir vollständig vom Schilf eingeschlossen, doch dann weichen die Halme zurück und wir blicken über den See auf das Besucherzentrum, auf das wir nun Kurs halten. An Backbord erscheint hoch über dem Wasser eine Grotte, in der, gleich der Madonnenerscheinung von Lourdes, die weiße Statue der Jungfrau steht. Wer gute Augen hat, kann sie sogar vom Besucherzentrum aus sehen, doch wahrscheinlich bekommt sie nur selten Besuch, denn schließlich gibt es an jeder Straßenkreuzung eine Madonna und es besteht keine echte Notwendigkeit, erst den beschwerlichen Weg hierher auf sich zu nehmen. Als ich einen letzten Blick hinauf zur Grotte werfe, kommt mir Arnold Böcklins „Toteninsel“ in den Sinn, doch im Brummen des Schiffsmotors und im Geschwätz der Passagiere verfliegt der Gedanke.

Nur Augenblicke später haben wir die Bootsanlegestelle erreicht. Wir geben die Rettungswesten artig ab und lassen den Bootstouristen nach uns den Vortritt. Oberhalb des Anlegers befindet sich die Kantine und dort wird jetzt an alle Teilnehmer der Tour Canelazo ausgeschenkt. Canelazo ist eine Art Grog, nur ohne Rum. Der Sud ist heiß, süß und schmeckt angenehm nach Zimt (Canela – Zimt). Und so ein wärmendes Getränk ist jetzt auch genau das Richtige, denn auf dem Wasser ist es kalt wie in einem Kühlschrank. Wenn man eine Dreiviertelstunde dem Fahrtwind ausgesetzt ist, fährt einem die feuchte Kälte irgendwann bis in die Knochen. Die dünne Höhenluft tut ein Übriges und eigentlich ist einem immer nur kalt. Der Canelazo wärmt uns aber wieder auf.

Wir streifen noch eine Zeitlang ziellos über das Gelände oberhalb des Bootsanlegers, schießen Fotos und lassen uns von dem spektakulären Panorama gefangennehmen. Wenn man vom Besucherzentrum aus nach oben blickt, sieht man über einer Klippe die Glasfront eines Restaurants. Wir denken uns, die Aussicht muss einfach großartig sein und so machen wir uns auf den Weg. Eine holprige Schotterstraße balanciert auf dem Grat des Kraterwalls entlang. Wir fahren mit dem Auto, weil wir nach der kurzen Stippvisite gleich aufbrechen wollen. Die Schotterstraße läuft nach ein paar Hundert Metern vom Kraterwall herunter und mündet in eine idyllische Landstraße ein. Es gibt übrigens einen Wanderweg, der auf dem Kraterwall entlang läuft, und wer gut zu Fuß ist, kann die Vulkanruine in sechs Stunden umrunden.

Wir erreichen das Restaurant über eine schmale Zufahrt. Die Einfahrt zum Parkplatz ist mit einem Seil gesperrt – nur Gäste des Restaurants haben das Privileg, hier parken zu dürfen. Wir geben uns als solche aus und ein glatzköpfiger kleiner Mann sprintet herbei und öffnet das Tor. Offenbar haben wir es mit dem Maître zu tun. Der See liegt auf der anderen Seite des Gebäudes und vom Parkplatz aus kann man leider überhaupt nichts sehen. Eigentlich wollen wir nur die Aussicht genießen, aber der kleine agile Mann schaut mich fragend an, und deshalb bekunde ich den Wunsch, Kaffee zu trinken. Ich ernte einen misstrauischen Blick. Der Mann scheint seine ganz eigene Philosophie zu haben und wie man potentielle Kundschaft verprellt, darauf versteht er sich offenbar ganz ausgezeichnet.

Der Gästeraum des Restaurants entpuppt sich als ein schmuckloser Saal. Es gibt keine Gardinen an den Fenstern und Energiesparlampen ragen nackt aus den Fassungen. Der Raum versprüht den Charme einer Bahnhofsmission der Heilsarmee. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gäste, wenn schon nicht des Ambientes wegen, hier gern einkehren würden, um das gute Essen zu genießen.

Ich entscheide mich im letzten Moment gegen den Kaffee, denn ich ahne Schlimmes, und ich nehme stattdessen die heiße Schokolade. Heiß ist sie – daran gibt es nichts zu deuteln –, aber ich habe das Gefühl, man hat einfach gewöhnliches Kakaopulver aus dem Supermarkt in die gepanschte Milch gerührt. Dafür zwei Dollar zu verlangen, empfinde ich als eine Unverschämtheit.

Die Betreiber scheinen allen Ernstes zu glauben, allein schon der schöne Ausblick würde die Gäste in Scharen zu ihnen treiben. Berückend schön ist die Aussicht in der Tat. Man könnte sich durchaus vorstellen, in gepflegter Atmosphäre hinter den weiten Panoramafenstern zu sitzen und bei gutem Kaffee und leckerem Kuchen diesen phantastischen Ausblick über den See und die Inseln zu genießen. Leider findet man sich nur im Wartesaal eines Bahnhofs wieder und sogar das Essen erinnert an Mitropa. Was für eine Lage – und was für eine grandiose Verschwendung!

Wir brechen auf, sobald ich ein paarmal anstandshalber von meiner „Schokolade“ genippt habe. Zahlende Gäste sind wir und so kann man uns kaum verbieten, ein paar Aufnahmen vom See und den Inseln zu machen. Doch wir wollen die Kreise des misstrauischen Restaurantbesitzers nicht länger stören. Wir fahren auf den Asphalt der Straße und durch die liebliche Landschaft geht es zurück nach Quito. Es dauert eine Weile, bis die Kälte ganz aus meinem Körper gewichen ist.

Auf der Panamericana

Von Ingapirca ging es zurück nach Quito. Es war bereits Nachmittag und uns wurde klar, dass wir die Hauptstadt nicht vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Nachts in den Anden unterwegs zu sein, ist wahrlich kein Vergnügen, zumal, wenn man schon mehrere Stunden hinter dem Lenkrad verbracht hat. Doch es sollte noch besser kommen und manchmal bin ich nahe daran zu glauben, Murphys Gesetz gehört wie das Newtonsche Gravitationsgesetz, das Plancksche Wirkungsquantum oder die Zahl Pi zu jenen unabänderlichen Größen, die seit dem Beginn der Zeit eingewebt sind in den Stoff, aus dem der Kosmos gemacht ist. Es scheint, es musste alles so kommen, wie es nun einmal gekommen ist.

Nicht lange nachdem wir Ingapirca verlassen hatten, gerieten wir in einen Stau. Es war nicht zu erkennen, was ihn verursacht hatte und angesichts der Witterungsbedingungen wäre vieles denkbar gewesen: ein Erdrutsch, ein entwurzelter Baum, eine Überschwemmung, ein unterspülter Abschnitt der Straße. Während wir geduldig darauf warteten, dass sich der Stau auflöste, wurde uns wieder einmal ein Beweis geboten für die unschlagbare Fähigkeit der Ecuadorianer zur Improvisation und dafür, jede noch so kleine Chance wahrzunehmen, wenn es darum geht, ein Einkommen zu erzielen, unabhängig davon, wann und wo auch immer sich die Gelegenheit dazu bieten mag: Wir hatten uns gerade hinter das letzte Auto der Kolonne eingereiht, als auch schon der erste Händler auftauchte.

Es ist ein Phänomen, das seit jeher einer schlüssigen Erklärung harrt, aber wann immer sich an irgendeinem Abschnitt der Autopista ein Stau bildet, sind fliegende Händler zur Stelle, um die Reisenden mit Snacks, Getränken oder Eis zu versorgen. Dabei spielt es gar keine Rolle, wo der Stau auftritt – ob mitten in der Stadt oder irgendwo in den Anden an einem menschenleeren Abschnitt der Panamericana. Wenn mehr als drei Autos länger als ein paar Minuten auf einem Fleck stehen, kann man sicher sein, dass ein Händler nicht weit ist.

Das hat etwas von einem Mysterium, denn die Leute können unmöglich so schnell erfahren haben, wo der Verkehr stockt. Ich frage mich auch, wo sie eigentlich wohnen. Das gebirgige Terrain beiderseits der Straße wirkte wie ausgestorben. Nirgends sah man Häuser, geschweige denn Geschäfte oder einen Markt, doch die Händler waren zu Fuß unterwegs und es bleibt wahrscheinlich auf ewig ein Rätsel, wie sie zielsicher und vor allem so schnell die eine Stelle finden konnten, an der sich ihnen Möglichkeiten für ihr Business eröffneten.

Meine Frau kaufte Chifles, also Chips aus Kochbananen, und sie fragte den Händler bei dieser Gelegenheit, ob er wüsste, was den Stau ausgelöst hatte. Ein Lkw sei verunglückt, meinte er so gleichgültig, als erlebe er Ähnliches jeden Tag. Es hätte in den letzten Jahren immer wieder Unfälle auf diesem Abschnitt der Panamericana gegeben. Vor gar nicht langer Zeit sei ein Lastwagen von der Brücke gefallen, die ein Stück weiter die Straße hinunter den Fluss überspanne. Die Straße sei gefährlich, aber die Leute fahren wie die Verrückten.

Als sich der Stau dann nach einer Stunde auflöste, hatten wir Gelegenheit, die Unfallstelle näher zu betrachten: Ein großer Laster war von der regennassen Straße abgekommen, auf die Gegenfahrbahn geraten und hatte sich schließlich in die Böschung gefräst. Die Unfallstelle war in das rot-blaue Blitzlichtgewitter der Polizei getaucht. Ob der Fahrer verletzt war, konnte man nicht erkennen, aber die Fahrerkabine war noch intakt und so konnte man das Beste für ihn hoffen. Es hatte lange gedauert, bis es der Polizei und den Einsatzkräften gelang, die Unfallstelle zu räumen, doch nun war die Straße wieder frei und wir konnten die Reise fortsetzen.

Kurz vor Riobamba ließ uns das Navi im Stich – endgültig und unwiderruflich. Das launische Gerät hatte uns schon vorher hin und wieder auf Routen geschickt, die nur ihm bekannt zu sein schienen, von denen aber die altmodische Karte nichts wusste. Jetzt aber wollte uns die Maschine nicht einmal mehr in die Irre führen: Die App hatte den Betrieb eingestellt und außer einer nervigen Mitteilung, die den konsternierten Fahrer großspurig darüber in Kenntnis setzte, dass das Programm gerade geladen werde, erfuhr man nichts. Es sollte auch später nichts mehr passieren. Das Navi war tot.

Als wäre das Gerät von einem tödlichen Virus befallen, stellte das Radio nach und nach seine Funktionen ein. Am Ende machte der Computer nicht einmal mehr den Versuch hochzufahren. Man sah nur noch das Herstellerlogo und es war fast wie der Nachruf auf einen Toten – Exitus. Die Techniker unseres Vertragshändlers versuchten eine Stunde lang, die komatöse Maschine zu reanimieren, doch ohne Erfolg. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als das Radio auszubauen und an den Hersteller zu schicken. Das war vor einigen Wochen und wahrscheinlich werden wir auf die Auferstehung noch bis zum Jüngsten Tag warten müssen.

Man könnte einwenden, wozu braucht es auf der Panamericana ein Navi, da man doch immer nur geradeaus fahren muss. Das mag der Fall sein, solange es einen nicht in eine größere Stadt verschlägt. Denn zwar ist die Panamericana recht gut ausgebaut und man kommt daher in der Regel zügig voran, doch da es nur selten Umgehungsstraßen gibt, verliert sich die Autopista in den größeren Städten schnell im dichten Verkehr.

Nach mehreren Stunden anstrengender Autobahnfahrt ist eine solche Verzögerung mehr als bloß lästig und man verflucht die Verkehrsplaner, die zwar ein schönes Stück Autobahn in die Landschaft gesetzt haben, aber die Umgehungsstraßen vergaßen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ausschilderung im besten Falle äußerst spärlich ist; meist sucht man Wegweiser ganz vergeblich. Und so fährt man größtenteils blind – wenn das Navi ausgefallen ist und wenn man zufällig keine Straßenkarte der Stadt zur Hand hat.

Das Schicksal ereilte uns zum ersten Mal in Riobamba. Nachdem wir dreimal abgebogen waren, hatten wir uns so hoffnungslos verirrt, dass wir fragen mussten, um aus dem fremden Straßen-Labyrinth wieder herauszufinden. Wir mussten sogar mehrmals fragen, denn dass man Straßen der leichteren Orientierung wegen ausschildern kann, davon scheint man noch nie gehört zu haben. Einmal glaubten wir schon, wieder auf dem richtigen Weg zu sein, als meine Frau die glorreiche Idee hatte, zum wiederholten Male die ecuadorianische Methode auszuprobieren und wieder einmal jemanden zu fragen, einfach zur Sicherheit.

Das war leichter gesagt als getan, denn die Gegend wirkte schon auf den ersten Blick wie der Alptraum jedes Reisenden – die Straßen lagen einsam in der Dunkelheit und das Viertel beiderseits der Bürgersteige zählte augenscheinlich nicht gerade zu den Renommieradressen der Stadt. Hier zu halten, war wirklich nicht die beste Idee, aber dazu hätte man überhaupt erst einmal jemanden finden müssen, den man fragen könnte.

Schließlich kamen wir doch an einem nächtlichen Spaziergänger vorbei. Die Straße war nur schummrig beleuchtet und hinter jeder Ecke hätte jemand stehen können, der es nicht unbedingt darauf abgesehen hat, verirrten Reisenden mit einem Rat hilfreich zur Seite zu stehen. Ich wunderte mich, was der junge Mann hier mutterseelenallein zu schaffen hatte, zu dieser Stunde. Meine Frau fragte ihn, ob die Straße zur Panamericana führt. Wir waren fast sicher, dass dies der Fall wäre, aber der Mann machte ein sehr besorgtes Gesicht und meinte, wir sollten unbedingt umdrehen. Wenn wir der Straße folgten, kämen wir in ein wirklich schlimmes Viertel und dort wolle man Nachts auf keinen Fall sein. Wir glaubten ihm aufs Wort und fuhren zurück.

Nach über zehn Stunden Fahrt hatte mich die Erschöpfung dann doch überwältigt und ich musste erst einmal eine Pause einlegen, um meine müden Augen zu entspannen und meine Nerven zu beruhigen. Irgendwo in der Stadt fanden wir ein gut besuchtes KFC-Restaurant und ich hoffte auf einen starken Kaffee, aber aus einem Grund, der mir wahrscheinlich auf ewig verschlossen bleiben wird, wurde hier kein Kaffee verkauft, obwohl es doch sonst in jeder Filiale der Fastfood-Kette Kaffee gibt, und zwar zu jeder Tageszeit. Ich nahm stattdessen einen Eisbecher, denn ich hoffte, dass der Zucker eine ähnliche Wirkung hätte wie das Koffein.

Während ich in aller Ruhe mein Eis genoss, konnte ich den Leuten dabei zusehen, wie sie an der Theke die fettigen Kalorienbomben orderten, für die der Colonel berühmt ist. Angesichts der Größe der Portionen muss man davon ausgehen, dass die zumeist übergewichtigen Konsumenten für die Bucket-Challenge trainierten.

Nach anderthalb Stunden erzwungenen Zwischenaufenthalts ging es endlich weiter. Ich hatte mich leidlich erholt und ich hoffte, dass der restliche Teil der Strecke mit weniger Herausforderungen aufwarten würde, als der Teil, der bereits hinter uns lag, doch kaum hatten wir das verregnete Ambato erreicht, da wiederholte sich die Geschichte: Unser Navi war ausgefallen und es gab nicht einen Wegweiser, der uns einen Anhaltspunkt geben konnte, wo die Panamericana zu finden sei.

Wir fragten einen Taxifahrer, der sein Auto zufällig am Straßenrand geparkt hatte, und der Mann schickte uns in eine Straße, die so verlassen wirkte, dass es leicht möglich gewesen wäre, die Autos, die am Tag auf ihr entlangfuhren, an einer Hand abzählen. Doch der Taxifahrer kannte sich natürlich bestens aus und so gelangten wir schließlich zu einer Brücke, welche die Schlucht überspannt, die Ambato in zwei Hälfen teilt. Wir fuhren hinüber und auf der anderen Seite fanden wir relativ problemlos zurück auf die Panamericana. Eine halbe Stunde hatte das Intermezzo in Ambato dennoch gedauert.

Es ging weiter auf der Panamericana. Seit dem frühen Vormittag hatte es fast ohne Unterbrechung geregnet und auch in der Nacht blieb uns der strömende Regen erhalten. Bei Dunkelheit durch die Anden zu fahren, ist leider überhaupt kein Vergnügen und wenn noch Regen und schlechte Sicht dazukommen, ist man als Autofahrer jede Sekunde zu einhundert Prozent gefordert. Und wieder einmal konnten wir uns davon überzeugen, dass so manche unschöne Landestradition wohl niemals aussterben wird: Wenn man in Ecuador mit dem Auto unterwegs ist und man plötzlich ein wichtiges Anliegen hat, ist es üblich, einfach am Straßenrand zu halten. Natürlich trägt der verantwortungsvolle Autofahrer für seine und für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer Sorge und deshalb schaltet er immer die Warnblinklichter ein.

Die Signallichter, die doch eigentlich nur für seltene Notfälle reserviert sein sollten, werden bei so ziemlich jeder Gelegenheit genutzt und man bedient sich ihrer viel öfter als etwa der Fahrtrichtungsanzeiger – im Grunde könnte man die Autos in Ecuador ohne Blinklichter an die Kunden ausliefern, denn niemand braucht sie. Man scheint zu glauben, jedermann würde instinktiv wissen, was man beabsichtigt und deshalb sei es auch ganz unnötig, ein Vorhaben, wie etwa eine Richtungsänderung, durch Blinken anzuzeigen.

Das Warnblinklicht wird aber sehr häufig genutzt und zwar für fast alles, was einem auf der Straße so passieren kann: etwa wenn man ein dringendes Telefonat zu führen hat (um die anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu behindern, rollt man manchmal im Schritttempo auf dem Standsteifen entlang, während man telefoniert), wenn man seine Notdurft am Wegesrand verrichtet oder wenn man sich die Beine vertritt.

Häufig kann man beobachten, dass die Leute einfach anhalten, wenn sie sich an irgendeinem Stand etwas zu Essen kaufen möchten. Das Auto wird derweil mit vorschriftsmäßig eingeschaltetem Warnblinklicht auf dem rechten Fahrstreifen geparkt. Wenn man nachts bei Regen und schlechter Sicht, dazu nach fast zwölf Stunden strapaziöser Fahrt Blinklichter am Straßenrand sieht, kann es vorkommen, dass man, magisch angezogen wie die Motte vom Licht, auf die Blinksignale zuhält als wäre man in Trance. Man ist gut beraten, die rechte Spur grundsätzlich zu meiden. Ohnehin wird man alle paar hundert Meter durch Leute, die irgendein wichtiges Geschäft zu erledigen haben, zum Ausweichen gezwungen.

Die Panamerica ist in Ecuador in der Regel gut ausgebaut und nirgends erwarten den Reisenden größere Schwierigkeiten, doch erst kurz vor Latacunga, der letzten größeren Stadt vor Quito, wird die schlichte Autopista zum Luxus-Highway: Der Asphalt ist so neu und glatt, dass der Wagen förmlich darüber zu schweben scheint. Die dreispurige Trasse wird durch ein Spalier von Bogenlampen großzügig erleuchtet und die Ausschilderung ist einfach nur superb. Zu dieser späten Stunden waren wir fast die einzigen auf der Straße und hätte mich die lange Fahrt nicht restlos erschöpft, wäre es das reinste Vergnügen gewesen, in die sanften Schwünge der schönen neuen Autopista zu preschen. Diesmal mussten wir uns auch nicht durch den Stadtverkehr quälen und mühsam nach der richtigen Route suchen, denn Latacunga verfügt über eine exzellent ausgebaute Umgehungsstraße. In wenigen Minuten ließen wir die Stadt hinter uns.

Am Stadtrand von Quito gerieten wir in eine Nebelbank, die so dicht war, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Nach vierzehnstündiger Fahrt war ich nun fast dem Zusammenbruch nahe, aber ich musste mich noch eine weitere halbe Stunde zusammennehmen, bis ich mich endlich ins Bett fallen lassen konnte. Der Nebel lag so dick über der Stadt, dass man beiderseits der Straße nicht einmal Umrisse erahnen konnte. Manchmal sah man blasse Schemen, die jedoch an nichts Bekanntes erinnerten. Wir rollten in ein graues, waberndes Nichts.

Plötzlich tauchten vor uns zwei Warnblinklichter auf und ich muss dem Fahrer des Wagens dankbar sein, dass er die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, denn in den undurchdringlichen Nebelschwaden hätte ich ihn glatt übersehen. Er fuhr nur mit Schrittgeschwindigkeit und ich war kaum schneller, und diesmal war ich wirklich froh, dass jemand das Warnblinklicht auf diese höchst sinnvolle Weise zu verwenden wusste.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir wieder nach Hause fanden. Zwischen den dichten Nebelschleiern konnte man Richtungsweiser eher erahnen, als dass es einem gelungen wäre, sie zu lesen. Ich kenne mich in Quito nicht sehr gut aus und ich glaube, es war reiner Zufall, dass wir in dieser Nacht keine einzige Ausfahrt verpassten. Schließlich, nach über vierzehn Stunden Fahrt durch die Anden, fanden wir den Weg zu unserer Urbanisation, ohne dass wir uns auch nur ein einziges Mal verirrten. Wir stellten den Wagen ab, erledigten das Nötigste und fielen so erschöpft ins Bett, als wären wir soeben glücklich von der gefahrvollen Expedition in die unerforschten Weiten dieses erst kürzlich entdeckten Kontinents zurückgekehrt.

Auf unbekannten Straßen

Am Donnerstag müssen wir dann aber wirklich wieder zurück nach Quito, denn die Schule hat bereits begonnen und uns fällt keine sinnvolle Ausrede ein, die unserem Sohn erlaubt hätte, noch länger dem Unterricht fernzubleiben. Ursprünglich wollten wir schon am Morgen aufbrechen, aber am Ende sind alle Pläne für die Katz, denn die Wirklichkeit bringt sich immer gerade dann unangenehm in Erinnerung, wenn man am wenigsten damit rechnet. Es waren noch letzte Besorgungen zu machen und das Packen dauerte wieder einmal den ganzen Vormittag. Mein Einwand, dass ich auf keinen Fall Nachts fahren wolle, weil die Strecke viel zu gefährlich sei, wurde geflissentlich überhört und so musste es erst Mittag werden bis wir endlich Richtung Quito aufbrechen konnten. Die Schwiegermutter begleitete uns. Sie wollte sehen, wie ihre Tochter lebt, und außerdem beabsichtigte sie, bei dieser Gelegenheit gleich ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen. Ich ahnte, diese Fahrt würde meine Kräfte bis zum Äußersten beanspruchen.

In der Nähe Santo Domingos lebt ein alter Studienkollege meiner Frau und obwohl abzusehen ist, dass wir Quito erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, muss erst noch ein Zwischenstopp bei besagtem Ex-Kommilitonen eingelegt werden. Ich fahre ungern bei Dunkelheit durch die Anden. Die Straßen sind schon am Tage gefährlich genug, Nachts aber verlangt die Strecke einem alles ab und nach ein paar Stunden Fahrt durch die Berge, inklusive Passhöhen von über dreitausend Metern, ist man am Ende seiner Kräfte – physisch wie mental. Meine Frau telefoniert noch einmal und René, so der Name des ehemaligen Mitstudenten, sagt, das Essen würde bei unserem Eintreffen schon bereitstehen. Wer kann da schon Nein sagen!

René wohnt irgendwo auf dem Campo, d. h. auf dem Land, und seine Adresse ist so schwer zu finden, dass selbst das Navi mit seinem Latein am Ende ist. Wir verabreden uns deshalb zehn Kilometer hinter einem markanten Verkehrskreisel. Er sei nicht zu verfehlen, meint René, aber wir haben so unsere Erfahrungen mit Verkehrskreiseln und schon aus Angst, die Stelle wieder zu verpassen, wittern wir wie die Eichhörnchen ständig in alle Richtungen. Entgegen allen Erwartungen finden wir den Kreisel auf Anhieb und alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist Kilometer zählen. Ich schaue genau auf den Kilometeranzeiger und tatsächlich, gerade als die Ziffern zur Zehn Komma Null umschalten, sehe ich René winkend und lächelnd am Straßenrand stehen. Wir begrüßen uns kurz und weiter geht es über eine mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste. René fährt einen Pickup mit Allradantrieb und wahrscheinlich ist ein geländegängiges Fahrzeug auch nötig. Ich wage mir kaum auszumalen, wie die Wege bei Regen aussehen. Die Straße führt durch eine Art pastorale Idylle. Kein Anzeichen menschlicher Tätigkeit bändigt die wild wuchernde Natur. Plötzlich halten wir vor einem stählernen Flügeltor von geradezu zyklopischen Ausmaßen. Wir stehen davor wie die Besucher des „Jurassic Park“, aber natürlich sind wir nur zum Essen gekommen und nicht als die Mahlzeit. Es steht aber nichts zu befürchten, denn René ist einer der freundlichsten Zeitgenossen, die ich kenne. Er öffnet das Tor und wir rollen auf den Hof.

René wohnt so, wie man sich gemeinhin vorstellt, dass ein Großagrarier leben müsste: Der flache Gebäudekomplex von gewaltigen Ausmaßen thront auf der Anhöhe wie das Hauptquartier eines Generalobersten. Rundherum breitet sich eine verwilderte Hügellandschaft aus. Eine Meute furchteinflößender Wachhunde patrouilliert argwöhnisch um das Haus und verbellt jeden Einbrecher. Wir dürfen passieren, aber nur weil René die Hunde zurückhält. Er führt uns ins Wohnzimmer des Hauses, einen Raum von den Ausmaßen eines Audienzsaals. In dessen Mitte befindet sich gleich einer Insel der Ruhe eine bequeme Sitzgruppe. Wir lassen uns erschöpft in die weichen Polster fallen. Vitrinen und Bilder schmücken die Wände. Um wirklich zu glauben, man befände sich im Herrenhaus einer großen Hacienda, fehlt eigentlich nur der Kamin mit dem ausgestopften Stierkopf an der Wand darüber. Doch in einem Land, in dem immer sommerliche Temperaturen herrschen, sind Kamine wohl fehl am Platze. Und René ist kein Rinder-, sondern ein Hühnerbaron. Und wie sähe denn ein Huhn über dem Kamin aus!

Unser Gastgeber hat in Deutschland Landwirtschaft studiert und reüssiert seit Jahren als Hühnerzüchter. Ich habe noch nie zuvor einen Leibhaftigen Hühnerbaron getroffen und René muss herzlich lachen, als er den Ausdruck hört. Ich frage ihn, ob wir uns die Ställe anschauen dürfen und während seine Frau das Essen zubereitet, machen wir einen kurzen Spaziergang. Wir schlagen den Weg über einen holprigen Sandpfad ein. Es geht bergab und dann bergauf und nachdem wir uns unter einem Dornendickicht hindurch gebückt haben, öffnet sich plötzlich der Blick: Wir schauen über ein weites, von sattgrünem Gestrüpp überwuchertes Hügelland. Aus der dichten Vegetation erheben sich vier kastenförmige Gebäude, jedes von den Ausmaßen einer Kaserne. Wir befinden uns oberhalb der Anlage und schauen aus der Vogelperspektive herunter. An einigen Stellen hat man die Dachluken geöffnet und darunter herrscht heilloses Gewimmel: Jeder der kleinen weißen Punkte ist ein Huhn. Es müssen Tausende sein. Über den Hügeln hört man ihr Gegacker, das einem tausendstimmigen geschwätzigen Chor gleicht.

Die Hügelketten steigen wie eine Theaterkulisse sanft zum Horizont hin an. Gleich dem Rand eines Suppentellers rahmen sie eine Senke ein, in deren Mitte Renés Hühnerfarm liegt. Die Kämme der weiter weg liegenden Höhenzüge nehmen uns die Fernsicht. Die Hügel breiten sich vor uns aus wie Sandrippen an einem Strand und die vier Gebäude, jedes so lang wie ein Fußballfeld, wirken darin wie Fremdkörper. Ich frage René, ob das alles ihm gehöre und mache dazu eine ausschweifende Geste bis hin zu den entferntesten Hügeln. Und dieser bescheidene Mann nickt etwas schüchtern. Das Areal ist riesig, geradezu gigantisch und es fällt mir schwer zu glauben, dass René, wie er sagt, nur eine kleine Nummer im Hühnerbusiness ist. Er erzählt mir, er habe zur Zeit sechzigtausend Hühner, um aber als Großproduzent zu gelten, müsse man mindestens dreihunderttausend Tiere besitzen. Das sind eine Menge Vögel!

Ich erzähle ihm, dass der Vater eines der Klassenkameraden meines Sohnes der größte Hühnerproduzent Ecuadors sei. Der Mann gehöre zu den Top-Lieferanten für KFC (das ist der Colonel) in ganz Lateinamerika und überdies sei er auch noch Eigentümer des „El Español“, einer Kette von Deli-Restaurants. René nickt abermals – ja, er kenne ihn. Wahrscheinlich geht es in in seiner Branche zu wie auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt. Sicherlich trifft man sich alljährlich auf den einschlägigen Fachmessen und bebauchpinselt sich auf den Verbandsfeiern.

Als wir zurückkehren, wartet schon das Essen auf uns. Es gibt Reis mit – wer hätte es ahnen können! – Hühnchen. Wir setzen uns an den Tisch, der die Ausmaße einer Rittertafel hat. René und ich nehmen jeweils am Kopfende Platz und wir müssen laut sprechen, damit unsere Stimmen die Worte über die große Entfernung tragen. Von meinem Platz aus kann ich die Küche sehen – sie ist so groß wie unsere ganze Wohnung in Berlin und mit so viel Kücheninventar ausgestattet, dass leicht zwei Dutzend hungriger Landarbeiter verköstigt werden könnten. Hier ist einfach alles riesig, doch selbst noch das größte Anwesen verliert sich in der weithin leeren Landschaft. Renés Frau kümmert sich offenbar um das Haus, was angesichts von dessen Größe keine leichte Aufgabe ist. Ich glaube, es ist weniger fordernd, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, als diesen Pharaonenpalast von einem Haus zu verwalten. Sie ist von der herzlich-zupackenden Art der Landfrauen, obwohl ich mich nicht dafür verbürgen könnte, dass sie wirklich vom Lande stammt. Aber vielleicht wird man so, wenn man nur lange genug auf dem Campo gelebt hat. Seit dem Morgen haben wir nichts gegessen und wir langen ordentlich zu. Das Essen ist lecker – kein Wunder, dass René Bauch angesetzt hat, seit ich ihn das letzte Mal sah.

Nach dem Essen plaudern wir noch ein wenig, aber wir können nicht lange bleiben. Schon bald wird es dunkel und ich bin ein wenig besorgt, weil uns der schwierigste Teil der Strecke noch bevorsteht. In einigen Wochen wollen wir uns wieder treffen, diesmal bei uns in Cumbayá, und neben René sind all die anderen „Ossis“ eingeladen. Die Ecuadorianer, die in der DDR studiert haben, nennen sich selbst immer scherzhaft „Ossis“. Meine Frau möchte eine Nostalgie-Party veranstalten und sie hat deshalb Bockwürste, Gewürzgurken im Glas und noch vieles mehr mitgebracht, das an die alte Zeit erinnert. Ein halbes Dutzend Leute werden der Einladung wohl folgen und wir sind jetzt schon gespannt, was sie zu erzählen haben.

Wir verabschieden uns bald und René öffnet uns das Tor. Die Wachhunde umkreisen argwöhnisch unser Auto. Ein letzter Abschiedsgruß und dann geht es wieder auf die Autopista. Zwar hoffen wir, dass wir die Berge vor Einbruch der Dunkelheit überwunden haben werden, aber die Zeit ist zu knapp. Ich verkneife mir einen rechthaberischen Einwand und stelle mich mental schon einmal auf eine lange und anstrengende Nachtfahrt ein. Ich entschließe mich, die nördliche Route nach Quito auszuprobieren. Diese führt nicht über Santo Domingo sondern über San Miguel de los bancos. Wir hoffen so, dem Regen, dem Nebel und den tückischen Serpentinen mit ihren starken Steigungen und Gefällen zu entgehen.

Unsere Reise steht unter einem guten Stern: Wir haben noch mehr als zwei Stunden Tageslicht, die Straße ist in exzellentem Zustand und es gibt so gut wie keinen Verkehr. Einmal fahren wir eine Stunde oder länger am Stück, ohne dass uns ein anderes Fahrzeug begegnet wäre. Die Straße führt durch sanft geschwungene grüne Hügel unter einem blaue Himmel, über den gemächlich Schäfchenwolken treiben. Wir fahren durch winzige Dörfer, deren Namen wir noch nie gehört haben, und die wir schon wieder vergessen, als wir die letzten Häuser passieren. Die Straße zieht sich in immer neuen Schwüngen durch das Grün der Hügel. Alles ist ruhig, friedvoll und einfach nur schön. Die Landschaft ist der Traum von einer Idylle, wie er nur dem Kopf eines Großstadtmenschen entspringen kann. Mir kommt der Gedanke, hier vielleicht einmal Urlaub zu machen, doch ich verwerfe sofort diese Weltfluchtidee des Großstädters in mir. Wie sollte man sich hier versorgen – ich hatte seit Stunden nicht ein Geschäft gesehen – und vor allem, was sollte man hier eigentlich tun? Außer der schönen Landschaft gibt es absolut nichts; wir sahen nicht einmal Menschen. Die meisten Einheimischen sind froh, wenn sie der Tristesse und der Armut ihrer Dörfer entrinnen können. Nur der Reisende von weither ist der Wirklichkeit fern genug, um mit dem Blick des Romantikers in der Einöde ein Paradies zu erkennen.

Wir waren nun schon über zwei Stunden unterwegs und so schlagartig, als hätte sich ein Vorhang gesenkt, kam die tropische Nacht über uns. Wir hatten noch kaum die Hälfte geschafft und mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, schien sich die Strecke zum zwei zu verlängern. Auf der Karte sehen beide Routen – die südliche über Santo Domingo und die nördliche über San Miguel de los bancos – etwas gleich weit aus, tatsächlich aber benötigt man auf der nördlichen Strecke fast zwei Stunden mehr bis Cumbayá. Bei Tage mag dies noch angehen, denn die Straßen sind in gutem Zustand und die nördliche Strecke ist viel weniger gefährlich als die südliche. Während der ganzen Fahrt war es trocken und auch der Nebel blieb uns erspart, was dem Umstand zu danken ist, dass die Strecke nicht so hoch in die Tierra fría hinaufführt wie die Route über Santo Domingo. Für diesen Komfort muss man jedoch mehr Zeit einplanen. Bei Tag macht es sogar richtig Spaß, diese Route zu befahren, bei Nacht kann es jedoch passieren, dass man unversehens in einen Alptraum gerät.

Es war stockdunkel. Ohne das Licht der Scheinwerfer hätte ich die Hand vor Augen nicht sehen können. Hin und wieder kamen uns andere Fahrzeuge entgegen. Die meisten der Fahrer schienen nicht zu wissen, dass man das Licht auch abblenden kann, und nach jeder dieser Begegnungen sah ich für Sekunden nur noch grüne Punkte. Ich fuhr langsam, so langsam, dass man mich einige Male überholte, aber die Straße war wegen der Dunkelheit und auch wegen der schlechten Kennzeichnung stellenweise kaum noch zu erkennen. Als wäre ich hypnotisiert, hielt ich die Augen die ganze Zeit starr auf den Seitenstreifen gerichtet, der einzigen Orientierungshilfe in der undurchdringlichen Dunkelheit.

Plötzlich, als hätte die Nacht sie verschluckt, waren die Fahrbahnmarkierungen verschwunden. Im Licht der Scheinwerfer versuchte ich die Straße auszumachen, doch im nächsten Augenblick bäumte sich der Wagen auf wie ein bockendes Pferd und sprang ein paarmal wie wild auf und ab. Wir wurden hart in die Sitze gestaucht und dann hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl von Schwerelosigkeit, wie wenn man mit dem Auto über einen Hügel rast und wenn man die Kuppe erreicht, zieht es einem die Eingeweide nach oben und es ist, als tanzten Schmetterlinge im Bauch. Doch das verheißungsvolle Gefühl entpuppte sich als Täuschung, denn die Fahrt endete mit einem großen Plumps.

Der Motor lief noch, die Scheinwerfer brannten auch noch und die Airbags hatten nicht ausgelöst. Um uns herum breitete sich tiefschwarze Nacht aus, die durch die Scheinwerfer eher noch verstärkt wurde, als dass das Licht sie durchdringen konnte. Alles ging so schnell, doch meine Schwiegermutter hatte noch Zeit, die Mutter Gottes und sämtliche Heiligen um Hilfe anzurufen. Und es hat etwas genutzt! Ich hörte ihre Worte in meinem Kopf nachhallen und ich musste fast lachen, als ich daran dachte, dass wir vielleicht nur deshalb noch am Leben waren, weil der Himmel mich, den Atheisten, verschmäht hatte. Ich spürte überhaupt keine Angst, obwohl ich doch Angst haben sollte. Stattdessen überkam mich eine geradezu meditative innere Ruhe wie sonst nur nach der Neujahrsansprache unserer Bundeskanzlerin.

Da niemand verletzt war – alle saßen noch angeschnallt und mit perplexem Gesichtsausdruck auf ihren Sitzen –, konnte ich mich um den Wagen kümmern. Meine Frau meinte, da lägen Teile. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Sobald ich die Tür geöffnet hatte, versanken meine Füße im Matsch. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Wagen in einer Schlammpfütze gelandet war. Rundherum verstreut lagen Teile von Kotflügeln, Scheinwerfer, eine zerbrochene Stoßstange, Radkappen. Ich stakte auf Zehenspitzen um den Wagen herum, doch ich konnte keinen Schaden feststellen. Bis auf die Tatsache, dass das Auto verdreckt war wie nach einer Tauchfahrt durch einen Schlammgeysir, schien alles in Ordnung. Die Teile, die ich im Matsch liegen sah, stammten nicht von uns. Sehr wahrscheinlich waren wir nicht die einzigen, und ganz sicher nicht die ersten, die in diese gemeingefährliche Falle tappten.

Was war geschehen? Die Straße hatte sich gegabelt und ich hatte mich für den falschen Abzweig entschieden. In der Dunkelheit ließ sich nicht erkennen, ob auf dem Weg, den wir eingeschlagen hatten, gerade gebaut wurde oder man den Abzweig einfach stillgelegt hatte. Jedenfalls waren zehn Meter hinter der Gabelung einige Sandhügel aufgeschüttet worden. Über den letzten davon hatte es uns wie auf einer Sprungschanze hinausgetragen und der Wagen war in die dahinter liegende Schlammpfütze geplumpst. Ob die Straße noch weiter ging, konnte man wegen der Dunkelheit nicht erkennen. Sie verlor sich irgendwo an der Flanke eines Hügels im Gebüsch.

Jedenfalls mussten wir wieder zurück. Ich legte also den Rückwärtsgang ein – der Wagen reagierte wie gewohnt –, umfuhr die Sandhügel und setzte zurück auf die Hauptroute. Erst jetzt wunderte ich mich, warum man vor dem toten Abzweig keinen Warnhinweis angebracht hatte. Sonst pflegt die Verkehrspolizei aus unerfindlichen Gründen an den unmöglichsten Stellen Kegel aufzustellen. Warum sie das tut, bleibt ein ungelöstes Rätsel, denn die willkürlichen Absperrungen behindern eher den Verkehr, als dass sie für einen reibungslosen Ablauf sorgen. In diesem Fall hätte sich eine Markierung als nützlich erweisen können, zumal wir nicht die ersten gewesen zu sein scheinen, die sich für die falsche Ausfahrt entschieden hatten. Aber man darf den Leuten hier nicht mit Logik kommen. Ich habe schon oft daran gedacht, dass man vielleicht einer anderen Art Logik folgt, die zu erkennen, ich bloß noch keinen Sinn entwickelt habe. Das kommt aber alles noch – da bin ich mir ganz sicher!

Der restliche Teil der Fahrt verlief dann mehr oder weniger ohne Zwischenfälle. Auf dem allerletzten Abschnitt kurz vor Quito gerieten wir hinter einen Laster, der eine schwere Ladung Holzbohlen transportierte. Die meiste Zeit zuckelte er mit allenfalls vierzig Kilometern pro Stunde durch die Nacht. Ein dickes Seil, mit dem wohl ursprünglich die Ladung gesichert war, schleifte hinter ihm her und pendelte wie ein Treibanker von einer Straßenseite zur anderen. Ich hätte ihn gern überholt, aber nach acht Stunden Fahrt und nachdem wir nur knapp der Katastrophe entronnen waren, hatte ich keine Nerven mehr, an ihm vorbeizuziehen. Die Straße war ziemlich schmal und durch die vielen Serpentinen konnte man den Gegenverkehr erst im allerletzten Moment erkennen. Mehrmals überholte man mich, doch ich war keineswegs darauf erpicht, es selbst zu versuchen, denn einige Male hatte ich den Eindruck, der Zusammenstoß wäre unausweichlich. Doch dann, im letzten Moment, zog der Überholende mit verzweifelter Verwegenheit vor den Laster und der Aufprall wurde nur um Zentimeter vermieden. Auch wenn es ein wenig länger dauerte, schafften wir es schließlich sicher nach Hause, und an diesem Abend war ich darüber so froh wie noch nie.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.