Einmal Flughafen und zurück

In Ecuador tut man gut daran, sich immer auf das Unerwartete einzurichten, bei allem, was man unternimmt. Das Unerwartete ist dabei nur in seltenen Fällen das Ungewöhnliche, denn selbst das Leben hier in den Tropen – so abenteuerlich es manchmal auch sein mag – folgt einer Routine, nicht anders als der Alltag in Deutschland. Wie überall, hat man auch hier mit den Tücken dieses Alltags zu kämpfen, und wenn auch die Herausforderungen, die man zu bestehen hat, gänzlich anderer Art sein mögen, so werden sie in der Regel als nicht weniger nervtötend empfunden. Zum Beispiel kann eine kaum dreißigminütige Fahrt zum Flughafen hierzulande mit mehr denkwürdigen Begebenheiten aufwarten als eine ganze Woche in Berlin, obwohl die Spreemetropole doch von vielen gleichsam als der Hort der Merkwürdigkeiten und der schrägen Gestalten empfunden wird.

Vorgestern habe ich meine Frau zum Flughafen gebracht. Aus Gründen, die sich manchmal nicht so recht mit den Gesetzen der Logik vertragen wollen, bin ich der einzige in der Familie, der Auto fährt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, doch wenn man tagtäglich mehrere Stunden hinter dem Lenkrad sitzt, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben, fühlt man sich am Ende ein wenig wie Sisyphus, und zwar wie in just jenem Moment, da der Held den Felsbrocken den Berg wieder hinunterrollen sieht.

Meine Frau hatte sich in den Kopf gesetzt, einige Tage bei ihrer Familie in Bahía zu verbringen. Die Nachrichten, die aus der Küstenregion eingehen, sind alles andere als ermutigend. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihrer Familie gut geht und, falls möglich, möchte sie ihre Mutter für einige Zeit zu uns nach Cumbayá holen. Platz genug wäre in unserer Wohnung.

Nun ist es nicht so einfach, nach Bahía zu reisen, denn die Straßen befinden sich noch immer in einem äußerst schlechten Zustand und außerdem setzt sich jeder, der die Katastrophenzone besucht, nicht geringen Gefahren aus. Passagiere sind schon ausgeraubt worden und die Busverbindungen sind auch nicht immer sicher. Es kann vorkommen, dass man irgendwo strandet, und wie es dann weitergeht, steht in den Sternen.

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, verfiel meine Frau auf die Idee zu fliegen. Schon unmittelbar nach dem Beben wurden die ersten Hilfsflüge organisiert. Die Maschinen nahmen auch immer wieder spontan Passagiere mit, wenn diese nur glaubhaft zu machen verstanden, dass sie Angehörige im Katastrophengebiet hätten und diesen helfen wollten. Für die Beförderung zahlte man nicht einen Cent.

Ein paar Tage zuvor waren wir schon einmal nach Tababela gefahren, um Erkundigungen einzuholen (Tababela ist der Name des internationalen Flughafens für Quito). Viele Informationen werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet; oft gibt es keinen offiziellen Informationskanal, wie zum Beispiel eine Website, über den man wichtige Nachrichten beziehen könnte. Wie die Information, dass man mit einem der Hilfsflüge an die Küste gelangen könnte, zu meiner Frau kam, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hörte sie davon durch Facebook-Bekannte oder durch Kollegen in ihrer Schule.

Am Flughafen sagte man uns, man solle sich gegen sechs Uhr Morgens am Gebäude von Petroamazonas einfinden. Dort müsse man erfragen, ob freie Plätze verfügbar seien. Es gäbe jedoch keine Garantie und es könnte ebenso gut passieren, dass man unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren muss, weil alle Plätze bereits besetzt sind. Meine Frau war bereit, das Risiko einzugehen.

Öko-Elite

Am Abend vor dem Abflug hatten wir einen Bekannten meiner Frau besucht. Nachdem er davon gehört hatte, dass sie zu ihren Verwandten an die Küste reisen wolle, überließ er ihr spontan ein Solar-Paneel. Noch immer sind weite Teile der Küstenprovinzen ohne Strom und die Sonne ist die einzige verlässliche Energiequelle, wenn man zum Beispiel das Handy aufladen möchte. Der Bekannte ist übrigens im Ökostrom-Business, einer Branche, die in Ecuador gerade erst bescheiden Fuß zu fassen beginnt. Doch Solarstrom hat es schwer, denn das Land verfügt über gewaltige Ölreserven und Treibstoff ist so billig wie kaum ein anderes Gut. Argumente, die sich in Dollar ausdrücken lassen, zeigen bei den Leuten eben mehr Wirkung als moralische Appelle.

Umweltbewusstsein verbindet sich hierzulande oft aufs Schönste mit dem Repräsentationsbedürfnis einer klassenbewussten Elite: Wer es sich leisten kann, einen Wagen mit Hybrid-Antrieb zu fahren – und das ist eine verschwindend geringe Minderheit –, mag sich auch die sündhaft teuren Solar-Paneele aufs Dach setzen lassen, denn so kommt zusammen, was zusammengehört. Sicherheit ist dabei ein unentbehrlicher Luxus, den man sich als Angehöriger der Oberschicht aber gern und reichlich gönnt. Man hört immer wieder davon, dass kriminelle Dachdecker-Brigaden die Dächer der hochgesinnten Umweltfreunde heimsuchen, denn die Paneele versprechen ein gutes Geschäft. Wenn man also hierzulande wirklich einen Beitrag für die Umwelt leisten möchte, kauft man sich am besten eine teure Wohnimmobilie in einer sicheren Urbanisation.

Autobahn-Greise

Pünktlich um halb sechs Uhr Morgens brechen wir Richtung Flughafen auf. Meine Frau hat nur einen Rucksack gepackt, denn schließlich gedenkt sie, allenfalls ein paar Tage an der Küste zu bleiben. Man macht im Laufe der Zeit so seine Erfahrungen und ich hätte deshalb fast wetten mögen, dass sie nicht auf ihren großen Koffer verzichten könnte, obwohl sie nur wenige Tage fort bleiben will. Da aber diesmal kein Kofferträger zur Verfügung steht, bevorzugt sie den handlicheren Rucksack (Geht doch!). Auf der Rückbank des Wagens ruht das Solar-Paneel.

Die Strecke zum neuen Flughafen Tababela ist hervorragend ausgebaut. Über weite Abschnitte hat man den Eindruck, man fahre über eine deutsche Autobahn. Man kommt zügig voran, denn nirgendwo wird man durch Ampeln oder Kreuzungen aufgehalten. Meist führt die Piste über wunderbar glatten Asphalt schnurgerade durch die Landschaft. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man gezwungen ist, die Geschwindigkeit zu drosseln, sind die wenigen Rondelle, die Schnittpunkte im Highway-Netz markieren und die manchmal ein wenig an überdimensionierte Carrera-Autorennbahnen erinnern. Die meisten der Kreisverkehre sind so gewaltig wie Stadien und wahrscheinlich könnte man auf dem Rundkurs sogar Rennen austragen. Zu dieser frühen Stunde sind die Straßen aber wie ausgestorben und zu bremsen, wäre da fast schon eine unverzeihliche Sünde.

Wir rollen auf der mehrspurigen Autopista durch die Dunkelheit. Wir sind allein. Selten begegnen wir an diesem Morgen anderen Verkehrsteilnehmern und wenn doch, dann werden wir mit röhrendem Motor und viel zu hoher Geschwindigkeit überholt. Es scheint, manch einer lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und testet die Grenzen seines Fahrzeugs. Geschwindigkeitskontrollen muss man hierzulande nicht fürchten, denn die Polizei hat ihre eigentliche Bestimmung darin gefunden, den Verkehr zu regeln.

Wir fahren ruhig durch die schwindende Nacht, als plötzlich aus heiterem Himmel drei Gestalten in Warnwesten vor uns auftauchen. Sie schwenken hektisch phosphoreszierende Leuchtstäbe und fuchteln dabei mit den Armen als wären sie Fluglotsen auf dem Rollfeld eines Flughafens, aber ich denke, das kann unmöglich schon der Flughafen sein. Ich drossele die Geschwindigkeit und fahre einen weiten Bogen – die Fahrbahn ist mehrspurig und breit genug, dass ich bequem an den Leuten vorbeikomme, ohne jemanden zu gefährden. Ich habe einen Moment lang den Eindruck, sie seien Aktionskünstler, wie sie manchmal während der Rot-Phase an Kreuzungen vor den Autos herumturnen. Dass sie ihre Kunst aber ausgerechnet auf der Fahrbahn der Autopista zeigen, verwundert mich dann aber doch ein bisschen.

Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch als ich später zu meiner Frau hinübersehe, ist sie ganz blass geworden. Sie meint, da wäre ein alter Mann auf der Straße gewesen. Warum müssen Greise Morgens um halb Sechs über die Autobahn laufen? Wenigstens hatte er seine eigenen Lotsen – so konnte er sich zumindest nicht verlaufen. Ich frage mich besorgt, was wohl passiert wäre, wenn wir so schnell gefahren wären wie die anderen Verkehrsteilnehmer.

Wie geölt

Wir erreichen sicher das Gebäude von Petroamazonas, von wo aus, wie man uns sagte, Flüge in die Küstenregion starten. Petroamazonas ist eine staatliche Ölgesellschaft, der vom ecuadorianischen Staat die Erkundung und Ausbeutung der Öllagerstätten in ganz Ecuador übertragen wurde. Wer nun eine Wellblech-Baracke vorzufinden erwartet und einen schiefen Hangar mit einigen rostigen Propellermaschinen darin, sieht sich aber getäuscht.

Die Gesellschaft unterhält ihren eigenen Flugplatz nur einen kurzen Spaziergang vom neuen Passagier-Terminal des internationalen Flughafens Tababela entfernt. Obwohl dies der Flughafen einer Ölfirma ist, begegnet man hier keineswegs den vollbärtigen, ölverschmierten Typen, wie man sie vielleicht aus „Flight of the Phoenix“ kennt. Alles geht ganz gesittet zu: Man könnte das nagelneue Flughafengebäude für die Lobby eines kleinen, aber feinen Business-Airports halten. Und die Leute, die auf den verchromten Stahlrohr-Bänken Platz genommen haben, wirken eher wie Angestellte einer Reinigungsfirma für Kindertagesstätten, denn wie das bärbeißige Personal am Bohrgestänge. Draußen auf dem Parkplatz treiben sich derweil Leute herum, die Business-Anzug und Krawatte tragen. Am Revers hängen ID-Karten.

Nach einigem Hin und Her ist klar, dass der nächste Flug um neun Uhr nach Manta starten würde. Meine Frau hat Glück und bekommt einen Platz in der Maschine. Sie darf auch das Solar-Paneel mitnehmen, das so groß wie die Kuchenbleche in einer Großbäckerei ist. In Manta wird sie ihr Bruder abholen und zusammen werden sie dann mit dem Bus nach Bahía weiterfahren. Da alles bestens geregelt ist, verabschiede ich mich, denn ich muss zurück nach Cumbayá, um unseren Sohn in die Schule zu bringen.

Trucks auf Abwegen

Das Teilstück der Zubringerautobahn direkt vor dem Flughafen ist besonders schön ausgebaut: Die Autopista führt schnurgerade durch die Landschaft. Der Asphalt der zweispurigen Piste wirkt so neu, als wäre er gerade erst gegossen worden. Der Standstreifen zu beiden Seiten ist an die zwei Meter breit. Daran schließt sich ein mindestens ebenso ausgedehnter Rasenstreifen an und erst jenseits davon zieht sich der Straßengraben hin gleich dem Schanzwerk vor einem Feldlager der römischen Armee.

Es gibt also genug Platz am Fahrbahnrand und man müsste daher annehmen, es sei unmöglich, im Straßengraben zu landen, aber an diesem Morgen hat jemand tatsächlich das Kunststück fertiggebracht. Offenbar ist niemand verletzt, aber der schwere Pickup lehnt mit der Seite am Hang des Grabens. Der Wagen scheint noch vollkommen intakt, selbst die Scheinwerfer brennen noch, aber man würde eine Winde brauchen, um ihn wieder herauszuhieven. Doch wie konnte er im Straßengraben landen, zumal es zu dieser Zeit fast keinen Verkehr gibt? Entweder ist der Fahrer eingeschlafen oder er musste Slalom um die zahlreichen Greise fahren, die zu dieser frühen Stunde die Fahrbahn bevölkern. Vielleicht hat er dabei die Kontrolle verloren.

Flugzeuge im Nebel

Ich lasse das Blitzgewitter der Polizei hinter mir und fahre in den allmählich erwachenden Tag. Nur eine Minute, nachdem ich die Unfallstelle passiert habe, taucht Nebel vor mir auf. In den Anden ist Nebel in den frühen Morgenstunden nichts Ungewöhnliches und so steht er plötzlich grau und dicht wie eine Wand vor mir und die Straße verliert sich darin, als wäre die Welt hier zu Ende. Durch den Unfall in Alarmbereitschaft versetzt, fahre ich recht langsam, und ich bin noch etwa fünfzig Meter von der Nebelwand entfernt, als sich direkt vor mir die Nase eines Flugzeugs aus dem Dunst bohrt.

Die Maschine durchstößt die Nebelwand als wäre sie ein Vorhang. Die Flügel schneiden durch das milchige Grau und ihre Spitzen ziehen Spiralen. Das Leitwerk verquirlt den Nebel gleich der Sahne im Kaffee. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Das Flugzeug gleitet majestätisch in einer Höhe von kaum zehn Metern über die Autopista. Ich habe den Eindruck, wenn ich meine Hand aus dem Fenster hielte, könnte ich den Rumpf streicheln. Nachdem die Maschine aus dem Nebel getaucht ist, zieht sie eine lange weiße Schleppe hinter sich her. Die Dunstschleier verwehen im Abgasstrahl der Triebwerke.

Ich weiß nicht, ob der Pilot in dem dichten Nebel die Orientierung verloren hat, aber die Landebahn liegt ganz sicher noch einige Kilometer entfernt. Doch die Maschine gleitet so tief über die Autopista, als wollte sie gleich jenseits des Straßengrabens aufsetzen. Ich hätte mein Handy zücken und Fotos machen können, aber leider denkt man immer erst daran, wenn es zu spät ist. In nur wenigen Sekunden ist alles vorbei.

Hinterher bin ich froh, dass ich nicht daran gedacht habe, die ungewöhnliche Szene mit der Handykamera einzufangen, denn vielleicht hätte ich beim Fotografieren in voller Fahrt die Kontrolle über den Wagen verloren und wäre im Straßengraben gelandet. Ein Unfall an diesem Morgen ist aber mehr als genug.

[…]

P.S. Als ich meine Frau einige Tage später wieder vom Flughafen abholte, zeigte sich, dass die neuen sicheren Straßen die Verkehrsteilnehmer keineswegs vor Leichtsinn, Unachtsamkeit und der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bewahren können.

Vor uns gab es plötzlich Stau und als wir nach einer Ewigkeit endlich weitergeleitet wurden, sahen wir auch, was den Stau verursacht hatte: Auf der Fahrbahn lag ein verletzter Motorradfahrer. Der Mann trug eine neonfarbene Motorradkluft mit Protektoren und er hatte immer noch den Helm auf dem Kopf – was die Ausrüstung anging, hatte er offenbar alles richtig gemacht. Doch er lag so merkwürdig verrenkt auf dem Asphalt, dass man das Schlimmste befürchten musste. Sein Motorrad war arg lädiert und ein Stück entfernt stand ein Pkw, dessen gesamte Front zerstört war, als hätte jemand wie in Rage mit dem Vorschlaghammer darauf eingeschlagen. Die Polizei war schon vor Ort, doch die Ambulanz ließ noch auf sich warten. Wir mussten weiterfahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern, und so kann ich nicht sagen, ob die Geschichte ein gutes Ende nahm. Ich hoffe es.

Todesfahrt nach Cumbayá

Ich wünschte, ich könnte sagen, die Fahrt von Santo Domingo nach Cumbayá wäre langweilig gewesen. Leider war ganz das Gegenteil der Fall. Die Autopista führte an der Seite eines Tales entlang, das ein Fluss in die Berge gefräst hatte. Dutzende Meter unterhalb der Fahrbahn, zwischen dichter Vegetation und Gesteinstrümmern, sah man das Wasser durch Felswehre sprudeln und schäumend über Stromschnellen fließen. Unsere Fahrt führte durch eine Art tropisches Eden: An den Fenstern glitten Landschaften vorbei, die so unberührt und friedvoll schienen, dass man glauben konnte, kein Mensch hätte je seinen Fuß hierher gesetzt. Doch der Eindruck täuschte, denn schon hinter der nächsten Biegung stand ein Zementwerk mit riesigen Halden aus Steinmehl davor.

Es ging weiter durch die paradiesische Landschaft, mit Palmen, Bananen- und Mangobäumen so weit das Auge reichte. Die Berge waren wie von dunkelgrünem Pelz überzogen, so dicht war die Vegetation, und der Fluss zwängte sich irgendwo tief unter uns durch den Fels. Man konnte ihn kaum je sehen, denn das dichte Blätterwerk verwehrte den Blick. Hin und wieder kam ein Haus in Sicht; die meisten jener ärmlichen Behausungen wurden von der wuchernden tropischen Vegetation fast verschluckt. Es gab nur wenige Orte. Einer trug den bezeichnenden Namen „El Paraíso“ – Paradies, bestand aber nur aus einem ärmlichen Spalier schiefer Häuser links und rechts der Straße. In einer Minute hatten wir den Ort von einem Ende zum anderen durchquert.

Die Autopista wand sich immer weiter in die Berge hinauf, die Vegetation wurde allmählich karger und mit zunehmender Höhe wurde es auch merklich kühler. Bald schon sah man statt üppiger tropischer Wälder mit Gras bewachsene Almen, an denen Wolken klebten wie Wattebäusche. Die Straße folgte einem Zickzackkurs, der so unberechenbar war wie die Ausschläge eines Seismometers. Es gab Haarnadelkurven und tückische Schikanen, dazu kamen noch Steigungen und manchmal kurze Gefälle. Die Landschaft machte einen sehr friedvollen Eindruck, die Fahrt aber war gar nicht so friedlich, denn auf der Straße wurde ein brutaler Überlebenskampf ausgefochten.

Weil das Tal so eng war, hatte die Straße über einen Großteil der Strecke nur zwei Spuren, wovon eine für den Gegenverkehr reserviert war. Wenn man also überholen wollte, musste man notgedrungen auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Wegen der vielen Kurven konnte man den Gegenverkehr meist keine hundert Meter einsehen, dennoch gab es nicht wenige, die jede sich bietende Gelegenheit nutzten, um zum Überholmanöver anzusetzen. Oft stauten sich ganze Kolonnen hinter langsameren Fahrzeugen, aber diese Wahnsinnigen verschwendeten keine Zeit damit abzuwarten, dass sie an der Reihe wären, sondern rollten gleich die ganze Kolonne von hinten auf. Wenn dann doch urplötzlich Gegenverkehr auftauchte (wer hätte das gedacht!), scherten sie einfach wieder ein, ohne Rücksicht auf Verluste („Wenn du leben willst, mach Platz!“).

Einmal zog der Fahrer eines vollbesetzten Reisebusses an uns vorbei. Wir durchfuhren gerade eine Rechtskurve und man konnte die Strecke vielleicht auf einer Distanz von gerade einmal fünfzig Metern einsehen. Plötzlich tauchte auf der Gegenspur ein Truck auf und der Bus war gezwungen einzuscheren. Der Kleintransporter vor uns musste fast eine Vollbremsung hinlegen, sonst wäre er von dem Bus zerquetscht worden. Unser Fahrer, der diese Strecke wie seine Westentasche kennt, hatte Gott sei Dank vorausgesehen, was passieren würde, und rechtzeitig gebremst. Mancher Motorradfahrer fühlte sich inmitten des dichten Verkehrs vielleicht ein wenig bedrängt und fuhr daher lieber gleich auf der gelben Doppellinie, die Fahrbahn und Gegenfahrbahn voneinander trennt. Manchmal betrug der Abstand zum Gegenverkehr kaum einen Meter, aber diese Irren rasten, Sozius auf dem hinteren Sitz, mit Vollgas zwischen den Autos hindurch. Dazu fällt einem dann wirklich nichts mehr ein.

Manchmal verbreiterte sich die Straße auf zwei Fahrspuren – da wurde es richtig gefährlich. Wie oft hatte man mir in der Fahrschule Rechtsfahrgebot und Spurtreue gepredigt! Mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich der sportliche Autofahrer hierzulande gar nicht erst auf. Zwei Spuren heißt lediglich, dass man die Kurven nun besser schneiden und demzufolge mit höherer Geschwindigkeit nehmen kann. Die rechte Spur sollte man eher meiden, denn es kommt gar nicht so selten vor, dass Trucks dort aus unerfindlichen Gründen halten. Man zieht nichtsahnend in die Kurve und dreißig Meter vor einem steht plötzlich ein Monstrum von einem Lkw in der Spur – kein Warndreieck zeigt die Gefahrenquelle an. Die möglichen Optionen lauten Vollbremsung oder abrupter Spurwechsel, wobei dann sichergestellt sein sollte, dass die Spur auch tatsächlich frei ist. Weniger lebensgefährlich ist es, man bleibt gleich auf der linken Spur.

Unser Fahrer legte sich ordentlich ins Zeug. In manchen engen Kurven quietschten die Reifen und wir wurden hin- und hergeworfen wie in der Achterbahn. Es war ein Glück, dass es nicht geregnet hatte, denn sonst wären wir schon längst ein paar hundert Meter tiefer zwischen scharfkantigem Geröll gelandet. Einmal schwanden mir fast die Sinne, als uns ein Auto von der Gegenfahrbahn direkt entgegenkam. Dem Fahrer des anderen Wagens hatten offenbar die zwei Fahrspuren auf seiner Seite nicht ausgereicht, so dass er auch noch unsere Fahrbahn nutzen musste – die durchgezogene gelbe Doppellinie hatte ihn nicht vom Spurwechsel abgehalten. In diesem Augenblick glaubte ich wirklich, es wäre um uns geschehen, doch im letzten Moment lenkte der Geisterfahrer wieder zurück und schoss haarscharf an uns vorbei. Unser Fahrer lachte nur, aber mir wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Meine Frau, die fröhlich mit dem anderen Fahrgast plauderte, hatte von alledem nichts bemerkt.