Endstation

Noch am selben Tag, an dem wir die Ufer des Río Napo erreichen, fahren wir weiter nach Tena. Tena liegt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt und hat man die Wassermassen, die den Wald wie ein Band aus flüssiger Milchschokolade durchschneiden, erst einmal überwunden, gelangt man auf der hervorragend ausgebauten Autopista schon nach wenigen Minuten ans Ziel. Die Stadt, die ähnlich Puyo kaum über die Dimensionen einer Kleinstadt hinauswächst, breitet sich recht malerisch an beiden Ufern des Río Tena aus, eines von unzähligen Strömen, die das Tiefland als dichtes Adergeflecht durchziehen. Östlich der Anden kennen die Flüsse nur noch eine Richtung – gen Osten – und nachdem sie Tausende von Kilometern durch dichten Urwald gereist sind, vereinigen sie sich mit dem Vater aller Ströme, dem Amazonas.

Über Tena ließe sich dasselbe sagen wie über Puyo, denn genau wie dieser Stadt sagt man auch jener nach, sie sei ein Tor zum Oriente (das ist das grüne Tiefland östlich der Anden). Leider pflegt der Besucher sich nie lange an Toren aufzuhalten, wenn die eigentliche Attraktion dahinter zu finden ist. Niemand reist in den Oriente, um dessen schöne Städte zu besuchen, denn schöne Städte gibt es hier nicht. Weit lohnender erscheint es da, sich alsbald auf die Suche nach dem wirklichen Wunder zu begeben: die unberührte, weithin ursprüngliche Natur.

Als Sprungbrett für Expeditionen aller Art eignet sich Tena indes ganz hervorragend und so verwundert es nicht, dass man in der Stadt selbst nur vereinzelt Touristen begegnet (man erkennt sie an den Trekking-Rucksäcken und am verwahrlosten Erscheinungsbild). Dafür wimmeln die Wälder der Umgegend wahrscheinlich nur so von Hobby-Entdeckern, Möchtegern-Abenteuern und Sofa-Desperados.

Wir haben von einem angeblichen Geheimtipp gehört: Irgendwo westlich der Stadt liegt ein Dorf namens Serena, in dessen Nähe es eine wunderschöne Badestelle mit einem Wasserfall geben soll. In meiner Phantasie schießt ein glasklarer Bach rauschend über eine Felskante. Als durchsichtige Wasserwand fällt er in einen türkisblauen Pool, dessen Ufer von einem Baldachin aus glänzendem Blattwerk beschattet wird. Feuerfarbene Orchideen leuchten aus dem Dunkel. Ein Regenbogen bricht sich im Sprühnebel … Nachdem wir uns in Tena umgesehen und nichts gefunden haben, das unsere Aufmerksamkeit augenblicklich in Beschlag genommen hätte, beschließen wir, das Wagnis einzugehen: Aufs Geratewohl fahren wir Richtung Westen, nach Serena.

Die Schwierigkeiten stellen sich ein, kaum dass wir die Stadt verlassen. Google-Maps, unser allwissender Begleiter, ist leider so nützlich wie der Navigations-Computer des Space-Shuttle bei der Suche nach einem Parkplatz – weder will die störrische Maschine einen Ort namens Serena kennen noch überhaupt Straßen, die dorthin führen. Die Karte zeigt lediglich ein einheitliches graues Nichts. Man könnte glauben, wir fahren durch ein Testgelände für thermonukleare Sprengsätze.

Zu unserem Glück gibt es noch Menschen. Wir fragen Einheimische, doch ihre Antworten sind keineswegs erhellender als die Nonsens-Vorschläge unseres Fährtensuchers aus dem Internet. Unisono gibt man uns zu verstehen, man hätte noch nie von einem Dorf mit dem Namen Serena gehört. Die Leute scheinen sich sehr zu wundern, was ein Haufen Gringos in irgendeinem Nest mitten im Wald zu suchen hat und vor allem fragt man sich, was diese komischen Fremden in der Pampa eigentlich zu finden hoffen.

Allmählich beginnen wir zu glauben, dass das Internet vielleicht doch Recht haben könnte und dass wir nichts weiter als einer Chimäre hinterherjagen. Uns schwant, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen wird. Doch das Schicksal hat anders entschieden: Wir treffen eine Frau, bei der der Name „Serena“ etwas zum Klingen bringt. Dunkel erinnert sie sich, schon einmal von diesem Ort gehört zu haben. Das erscheint uns sehr vielversprechend. Sie weist uns sogar noch vage die Richtung und wir fahren los, als jagten wir dem Gold von El Dorado hinterher.

Zunächst führt die Straße durch einen Flecken namens Pano, dann durch Talag und direkt dahinter macht der Asphalt einem wüsten Schotterweg Platz. Als wollte Google doch noch Recht behalten, verschlechtert sich der Zustand der Straße mit jedem Meter: Bald versinken die Räder in tiefen Spurrillen oder sie tauchen so hart in Schlaglöcher, dass man um seine Bandscheiben fürchten muss. Das Auto, das kaum mehr Bodenfreiheit hat als ein ordnungsgemäß bemannter Viererbob, setzt alle paar Meter mit einem hässlichen Schleifgeräusch auf. Auf dem Beifahrersitz wird derweil gejammert, was wir dem armen Wagen alles zumuteten. Niemand aber klagt darüber, welche Verwüstungen diese Maschine an meinem Nervenkostüm angerichtet hat – nach dieser Tour bin ich reif für den Therapeuten („Bitte nicht schreien! Das ist doch nur ein Autoschlüssel.“).

Die Straße ist mittlerweile nur noch eine bucklige Lehmpiste, eingeschlossen in unüberwindliche Mauern aus Grün. Wir sind ganz allein, verlassen von Google und der Welt. Anderen Fahrzeugen begegnen wir nicht, obwohl doch allein schon die Existenz der Straße – einer Art Straße – beweist, dass Menschen hier leben müssen. Uns beschleicht der nicht sehr einladende Gedanke, dass wir bis in alle Ewigkeit durch dieses grüne Labyrinth irren werden, wenn wir nicht bald einem rettenden Engel begegnen.

Wir beschließen, der Straße noch zehn Minuten zu folgen und dann umzukehren. Als wir gerade enttäuscht aufgeben wollen, taucht wie aus dem Nichts ein einsamer Spaziergänger auf. Ein älterer Herr schreitet würdevoll am Wegesrand entlang: eisgraues Haar und verwegener Schnurrbart, das Hemd offen wie ein Millionär im Jacht-Urlaub, den Bauch würdevoll vorgestreckt, die dicke Goldkette vergraben im üppigen Brusthaar. Wir erklären ihm, wonach wir suchen: paradiesische Wasserfälle und kristallklare Pools unter tropischem Mondlicht. Er hört uns zu ohne die geringste Regung und meint nur „rechts“. Wir sollen nach rechts fahren. Mehr sagt er eigentlich nicht. Ich kann sein Rasierwasser riechen – man lebt zwar in der Wildnis, aber unzivilisiert ist man deshalb noch lange nicht. Vielleicht denkt er, es sei nicht gut, mit Leuten zu reden, die ohne Google gar nicht lebensfähig sind. Immerhin hat er uns einen Wink gegeben und immerhin gelangen wir auch irgendwohin.

An der Weggabelung fahren wir nach rechts ab – und landen schon nach kurzer Zeit in einem Ressort. Das hat man davon, wenn man die Leute von hier fragt, denn wer im Wald lebt, sucht natürlich die Zivilisation. Nur diese merkwürdigen Gringos kommen auf die verrückte Idee, die dunkelsten Geheimnisse der Wildnis ergründen zu wollen. Wir fahren zurück zur Gabelung und nehmen den linken Abzweig. Die Straße windet sich Kilometer um Kilometer durch den dichten Urwald und endet schließlich an einem Fluss.

Da nur eine Fußgängerbrücke zum anderen Ufer führt, ist die Fahrt hier beendet. Pikanterweise befindet sich am Ende der Strecke eine Bushaltestelle. Die Straße krümmt sich in einer Schlaufe, so dass der Bus wenden kann. Um uns ist nichts als Wald und da drängt sich natürlich die Frage auf, wer hier wohnt, so dass er den Bus nehmen müsste. Wir sehen weder einen Bus noch Menschen, die ihn nutzen könnten. Es wäre sicher interessant, einmal den Berufsverkehr zu erleben.

Laut meinem Reiseführer, der kaum halb so dick wäre, wenn er nicht vor lauter Geheimtipps nur so strotzen würde, solle man den Fluss überqueren und rechter Hand dem Ufer folgen. Nach einem kurzen Spaziergang sei man am Ziel: Wasserfälle und ein paradiesischer Badepool erwarteten den Besucher. Außerdem befände sich ein hübsches ethnokulturelles Museum ganz in der Nähe; ein Besuch lohne sich. Wir gehen über die Brücke und folgen dem Fluss nach rechts, immer stromaufwärts. Ein schmaler Fußgängerweg führt in Reichweite des Ufers immer tiefer in den Wald hinein.

Zwischen den Strömen

Unser ecuadorianisches Abenteuer ist beendet, doch die letzten Berichte harren noch immer ihrer Niederschrift. Die Wochen vor unserer Abreise waren so turbulent, dass fürs Schreiben einfach keine Zeit blieb. Ich habe mir fleißig Notizen gemacht, so dass ich mich auch jetzt – mir scheint, eine Ewigkeit ist seitdem vergangen – noch an jede Einzelheit genau erinnere. Zwar kann ich mir keinen einzigen Namen merken (dies schließt die engsten Angehörigen durchaus mit ein), was ich aber gesehen oder erlebt habe, klammert sich mit solcher Zähigkeit an mein Gedächtnis, dass ich nichts davon je wieder vergessen werde, ehe es niedergeschrieben ist. Dieser Pflicht, die zugleich ein Vergnügen ist, möchte ich nun nachkommen.

Wir erreichen den Río Napo bei Puerto Napo, einer Stadt, die nicht weiter der Erwähnung wert wäre, wenn nicht zufällig an dieser Stelle die Straße den Fluss überwinden würde. Es gibt nichts, was uns veranlassen könnte, zu verweilen und so folgen wir, kaum dass wir den Strom überquert haben, dem Lauf der zimtbraunen Wassermassen nach Osten. Die Fahrt führt entlang einer idyllischen Landstraße, die sich durch üppig wucherndes Grün schneidet, das den Fluss nicht mehr verlässt, bis er, Tausende Kilometer entfernt, in den Amazonas mündet.

Zu unserem Glück ist das Terrain flach, denn solange unser Wagen nicht gegen Steigungen ankämpfen muss und nur immer hübsch rollen darf, kommen wir gut voran. Dem Anschein nach ist die Straße erst kürzlich asphaltiert worden. Wir sind seit einem Jahr im Land unterwegs und über die allgegenwärtige Bauwut mag man sich schon gar nicht mehr wundern: In ihrem Bemühen, die Infrastruktur modernen Standards anzugleichen, hat die Regierung selbst in den entlegensten Regionen ganze Arbeit geleistet. Die Straßen sind so gut wie nur irgendwo in Europa und man muss schon weite Strecken fahren und dann auch nur die wenig bekannten Nebenrouten nutzen, um Straßenverhältnisse vorzufinden, wie sie in Ecuador noch vor zwanzig Jahren fast überall gang und gäbe waren.

Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch ein Meer von Grün erreichen wir Misahuallí. Das Dorf wird in jedem Reiseführer als naheliegendes Ziel für denjenigen Reisenden gepriesen, der sich einen Eindruck vom Amazonas-Tiefland zu verschaffen hofft, ohne sich deswegen gleich einer mehrtägigen Urwald-Expedition anschließen zu müssen. Der Ort liegt recht abgelegen am Zusammenfluss von Río Misahuallí und Río Napo. Doch die Zivilisation ist längst bis in die entferntesten Gegenden vorgedrungen, und auf den schönen neuen Straßen finden Ideen ihren Weg mittlerweile fast so schnell in die Köpfe der Menschen wie durch das Glasfaserkabel, das Außenposten wie dieses Dorf am Rande der Welt mit den Knotenpunkten des Lebens verbindet.

Ein wenig idyllisch ist es in Misahuallí dennoch, wenn man auch von dem eigentlichen Dorf absehen sollte, das in seiner Beliebigkeit den meisten Dörfern in Ecuador in nichts nachsteht. Doch Auswechselbarkeit bis hin zur Ununterscheidbarkeit scheint ein Kennzeichen unserer modernen globalen Kultur zu sein. Demgegenüber stehen die Annehmlichkeiten: In diesem Flecken mitten im Urwald kann man Eiscreme-Sandwiches essen und eisgekühlte Coke trinken. Ich kenne keinen Ecuadorianer, der da geröstete Maden bevorzugen würde. Immer wieder wird kolportiert, das fettreiche Ethno-Food sei der bevorzugte Gaumenkitzel in den Wäldern am Amazonas. Ich habe nie jemanden die possierlichen Tierchen essen sehen und man müsste schon tief in den Wald hinein, um ein Menü à la Amazonica aufgetischt zu bekommen.

Der Zauber Amazoniens offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Zu weit schon ist der Mensch in den Wald vorgedrungen, als dass sich das Geheimnis offen zeigte. Dieses Land will entdeckt, will erkundet werden. Seine Schätze ringt man ihm nur mühsam ab – ganz gleich, ob es sich um wertvolle Rohstoffe handelt oder um ein unbezahlbares Fotomotiv. Doch dort, wo die trüben Wasser des Río Misahuallí sich in den Río Napo ergießen, kann der Besucher gerade noch erahnen, wie das Leben im Oriente gewesen sein mag, lange bevor jemand auf die Idee kam, Reiseführer für verwöhnte Großstadtbewohner aus der Ersten Welt zu schreiben.

Der Parkplatz, auf dem wir den Wagen abstellen, ist fast leer – Touristen gibt es offenbar kaum. Der Parkplatzwächter nimmt die drei Dollar Parkgebühr entgegen und als er unsere besorgten Gesichter sieht, beteuert er, dass dem Wagen nichts geschehen werde. Wir sind optimistisch, denn es ist ja niemand da, der das Auto aufbrechen könnte.

Wir gehen über die Hängebrücke, die sich über die braunen Fluten des Río Napo spannt. Der Fluss ist an die hundert Meter breit und dennoch gilt er hier in Misahuallí, das am Oberlauf liegt, noch als schmal, verglichen mit dem gewaltigen Strom, als der er sich träge in den Amazonas wälzt. Die milchkaffeebraunen Wasser treiben schneller unter uns hindurch als ein Mensch gehen könnte. Man sieht die Strömung aus der Tiefe aufwallen wie Suppe in einem Kochtopf und an den Uferfelsen bilden sich rauschende Schleppen.

Bunte Kanus, deren Form an halbierte Chili-Schoten erinnert, ziehen mit Motorkraft unter uns entlang. Der Fluss ist nicht sehr befahren. Wäre nicht das Dorf, wirkte er geradezu verlassen. Bereits hinter der nächsten Biegung verliert man das braune, glänzende Band aus den Augen und der Río Napo verbirgt sich unauffindbar im schattigen Grün des Waldes. Wir kehren zurück ins Dorf, das sich gleich einem Keil zwischen die Flüsse drängt.

An der Landzunge zwischen den Strömen ruhen die Kanus auf dem flachen Sandstrand, gleichsam erschöpft von langer Fahrt. An diesem Tag gibt es kaum Besucher. Die Guides vertreiben sich derweil die Zeit bei ihren Booten. Freilich wartet man nicht mehr darauf, dass einem Fische ins Netz gehen wie in alter Zeit. Man hat es auf lohnendere Beute abgesehen: Touristen. Meist fährt man sie hinter die nächste Flussbiegung, wo die Wunder des Urwalds nur darauf warten, besichtigt zu werden – so jedenfalls lautet das Versprechen.

Kaum ein Dutzend Besucher verliert sich am Strand. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich bei allen um Ecuadorianer. Die meisten scheinen sogar aus der Gegend zu stammen. Einer der Bootsführer versucht uns auf sein Kanu zu locken (unter all den Einheimischen fallen wir natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund), aber eine Stunde auf dem Fluss ist nicht mehr als eine Stippvisite, die kaum der Mühe lohnt, und für eine längere Bootspartie reicht die Zeit wieder einmal nicht aus.

Man sollte keine zu hohen Erwartungen hegen – die Geheimnisse, die der Wald vor den Menschen verborgen hält, werden nicht enthüllt, nur weil der Reisende sich in ein Kanu bequemt, in dem er dann ein paar Hundert Meter den Fluss hinunterfährt. Die Ufer des Río Napo sind in undurchdringliche Vegetation gehüllt und die Wunder, die zweifelsohne darin zu finden sind, offenbaren sich nicht schon deshalb, weil man das ortsübliche Transportmittel benutzt. Der dichte Wald bietet den Bewohnern des Amazonas-Tieflandes zuverlässigen Schutz vor neugierigen Blicken – wer würde sich nicht verstecken, wenn ein Boot mit lärmenden Touristen nahte, von denen sich mindestens die Hälfte mit dem berüchtigten Selfie-Stick bewaffnet hat.

Der Sandstrand in Misahuallí schmiegt sich weich wie der Körper einer Frau zwischen die Schenkel der Flüsse. An der Mündungsgabelung schweift der Blick weit über die trügerisch stillen Wasser ehe er sich im Dunkel des Waldes verliert. In den Bäumen am Ufer leben langschwänzige Affen, welche die Sicherheit des Geästs nur verlassen, um den Touristen unter lautem Geschrei die Snacks zu stibitzen. Der Mundraub bleibt folgenlos für die Menschen, ich glaube allerdings nicht, dass unseren tierischen Verwandten das Menschenfutter wirklich gut bekommt, da es schon bei uns Gicht, Arthritis und Fettleibigkeit auslöst. Weiter den Río Misahuallí aufwärts sieht man badende Kinder, Pärchen mit Picknickkörben und Familien, die sich für einige unbeschwerte Stunden am Ufer eingerichtet haben. Dennoch wirkt der Strand verlassen, als seien die Menschen nur zu Besuch und als würden sie in Wahrheit gar nicht hierher gehören.

Wenn man dem kleinen Bruder des Río Napo stromaufwärts folgt, ist man schon nach kurzer Zeit ganz allein. Die dichte Vegetation saugt die letzten menschlichen Stimmen auf wie ein Schwamm. Doch Wald und Fluss sind nicht still. Man hört das Rauschen des Urwald-Stromes, dessen braunes Band sich behände über flache Kaskaden ergießt. Begierig, sich mit seinem großen Bruder zu vereinen, eilen die Wasser dem mächtigen Río Napo entgegen.

Eine Nymphe liegt still im warmen Sand, versunken in einen Traum. Eine Regenflut hat sie auf den Strand getragen und die Hitze ließ den Leib zerfließen wie den Gallertkörper einer Meduse. Nur der Abdruck im Sand erinnert den Besucher daran, dass der Fluss die Heimat von Wesen ist, deren Rechte weit älter sind als die des Menschen.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.

Freundliche Parkranger

Wir folgten der Panamericana einige Kilometer weiter nach Süden und die Ausschilderung ließ tatsächlich nichts zu wünschen übrig. Wir fanden die Zufahrt zum Cotopaxi-Nationalpark ohne Probleme und nach kurzer Fahrt auf der schön asphaltierten Straße gelangten wir zum Eingangstor. Der ecuadorianische Staat hat seine Naturparks in den letzten Jahren nach US-Vorbild erschlossen und unter Verwaltung genommen. Das imposante Eingangsportal macht jedem Besucher klar, dass er im Begriff steht, eine Grenze zu überschreiten. Wenn man sich dann dem Tor nähert und schließlich hindurchfährt, befällt einen freudige Erregung wie sonst nur im Kino, wenn die Lichter ausgehen und der Film beginnt.

Ausnahmslos jeder, der den Park zu betreten wünscht, muss sich zunächst registrieren lassen. Selbst die Pässe werden eingesehen und das Prozedere erinnert ein wenig an die Abfertigung an einer streng bewachten internationalen Grenze. Der Besucherverkehr war an diesem Tag nicht besonders stark und der große Parkplatz vor dem Eingangstor lag größtenteils verwaist. Die Mehrheit der Besucher schienen Ecuadorianer zu sein. Gringos oder zumindest Menschen, die so aussahen, als wären sie welche (was auf mich zutrifft), sah man nicht. Eigentlich schien ich weit und breit der einzige Nicht-Ecuadorianer zu sein und deshalb fiel ich dem Bodenpersonal der Parkverwaltung natürlich sofort auf. So ist es auch nicht verwunderlich, dass mich der erste Parkranger ansprach, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen war.

Während meine Frau uns für den Besuch anmeldete und die Tickets kaufte, unterhielt ich mich mit dem Mann. Wir stellten einander vor. Er sagte, er heiße Giovanni und sei Parkranger. Mich verwunderte ein wenig, dass man uns so leutselig begrüßte, denn eine solche Umgänglichkeit geht den Leuten aus der Sierra meist ganz ab. Man ist eher verschlossen und oft auch ein wenig reserviert, insbesondere gegenüber Fremden. Hier nun hatte man aber jemanden als eine Art Conferencier angestellt, dem es sichtlich Spaß machte, die Gäste des Parks zu begrüßen, zu informieren und mit ihnen zu plaudern. Wenn man so begrüßt wird, fühlt man sich wirklich willkommen.

Ich fragte Giovanni, ob es denn seine hauptsächliche Beschäftigung sei, Gäste zu begrüßen. Eigentlich schon, meinte er, und er fügte hinzu, dass er seinen Job leidenschaftlich liebe. Doch oft hätte er auch im Park selbst zu tun und Gäste zu empfangen, sei zwar ein wichtiger und auch ein sehr angenehmer Teil seiner Arbeit, aber eben nur ein Teil. Ich bemerkte, er hätte es kaum besser treffen können: Immer sei er in der Natur und zumeist hätte er es mit gutgelaunten Menschen zu tun. Er pflichtete mir ohne Einschränkung bei. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von uns beiden haben könnte. Por supuesto – selbstverständlich! Und so kam die Aufnahme in die Galerie – ich mit Parkranger Giovanni.

Neben dem Eingangstor liegt das Gebäude der Parkverwaltung; man findet dort auch das Besucherzentrum, den unvermeidlichen Souvenirshop und ein Café. In einer Auslage des Cafés entdeckten wir rein zufällig, wonach wir schon so lange gesucht hatten: Coca-Blätter. Zwar nutzen die Einheimischen Coca seit jeher, um die Auswirkungen der Höhenkrankheit zu lindern, aber dennoch ist es ein Rätsel, warum man Coca-Blätter nirgendwo kaufen kann. Hier nun wurden wir fündig und wir kauften zwei kleine Päckchen mit getrockneten Blättern für Tee und eine Salbe. Wem die Höhe zu schaffen macht und wer sich schon hier, am Eingang des Parks, ein wenig flau fühlt, kann sich auch gleich im Café seinen Coca-Tee zur Stärkung bestellen. Im Besucherzentrum des Parks hat der Reisende zudem zum letzten Mal Gelegenheit, eine zivilisierte Toilette aufzusuchen. Die Tour durch den Park dauert mehrere Stunden und man ist gut beraten, das sanitäre Angebot zu nutzen.

Mindo: Lockruf des Abenteuers

Mindo ist eine kleine Stadt auf halber Strecke zwischen Quito und San Miguel de los Bancos. Eigentlich wäre der Ort nicht weiter der Erwähnung wert, wenn sich in den letzten Jahren nicht ein beispielloser Öko- und Abenteuerrummel ausgehend von seinem Infektionsherd Mindo in der ganzen Gegend den Masern gleich ausgebreitet hätte. Wir haben schon so viel von Mindo gehört – die Leute erzählen sich geradezu Fabeldinge – und nun fuhren wir mit großen Erwartungen und nicht geringeren Befürchtungen dorthin, um mit eigenen Augen die Wunder zu schauen, von denen man uns berichtet hatte.

Ich bin dem Abenteuer in der Wildnis nicht sonderlich zugetan, aber es gibt ja kaum einen anderen Grund, der den wagemutigen Reisenden reizen könnte, einen Ort wie diesen zu besuchen. Ich frage mich dabei nur immer, warum es fünftausend Jahre Kultur gegeben hat, wenn man sich am Ende doch wieder mit nassen Hosen durchs Gestrüpp schlägt.