Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Über den Pass

Von Papallacta hatten wir gehört, dass es sich um die schönsten Thermalquellen des ganzen Landes handeln soll. Abgesehen davon, dass Superlative in mir immer eine gesunde Skepsis wachrufen, kann man über solch ein Urteil durchaus geteilter Meinung sein. Viele meinen, Baños sei unübertroffen, aber nach Baños sollten unsere Wege vielleicht nicht mehr führen. Einmal zumindest wollten wir eine echte Therme in diesem an Vulkanen reichen Lande besuchen – umso besser, wenn es sich da gleich um die angeblich schönste handelte.

Von Cumbayá aus benötigt man mit dem Auto gerade eine Stunde nach Papallacta. Mein Reiseführer, den ich mir vorsorglich aus Deutschland mitgenommen hatte, obwohl ich ja eigentlich kein Tourist bin, empfahl den Besuch ausdrücklich (Wenn man sich nur immer auf Reiseführer verlassen könnte!), merkte jedoch an, dass die Bäder fast immer überlaufen seien und empfahl deshalb den Besuch unter der Woche. Wenn wir auch keine großen Erwartungen hegten, hofften wir zumindest, dass die enthusiastischen Beschreibungen des Travel-Guides die Wirklichkeit nicht allzu zu sehr beschönigten. Kurzentschlossen fuhren wir also nach Papallacta.

Bis nach Papallacta ist es nicht weit und auf der Karte erscheint die Strecke als ein Katzensprung, kaum die Spanne eines Zolls, den man leicht mit Daumen und Zeigefinger abmessen kann. Ich hatte freilich die Höhenangabe auf halber Strecke übersehen und erst auf den zweiten Blick stach mir die vierstellige Ziffer ins Auge. Die Straße führt hinauf in die Ostkordillere und am Scheitelpunkt ist man auf fast 4.100 Meter aufgestiegen. Nur wenige Menschen gelangen in ihrem Leben in solche alpinen Höhen und dazu musste ich noch nicht einmal das Auto verlassen. So hoch war ich noch nie über dem Meeresspiegel und wie ein Skipper, der Kap Hoorn umrundet hat, sich stolz Kaphoornier nennen darf, wird man wahrscheinlich automatisch Mitglied irgendeines Stratosphärenvereins, wenn man diesen Pass überwindet. Ich warte immer noch auf die Einladung.

Die Straße führt geradewegs nach Osten. Von unserer Haustür in Miravalle aus fährt man immer geradeaus und über Cumbayá, Tumbaco und Pifo gelangt man schließlich zur Passhöhe. Man hat die Autopista erst kürzlich ganz neu ausgebaut und wir glitten förmlich über den Asphalt, der so glatt war, als hätte man eigens für uns einen Teppich ausgelegt. Hinter Pifo verliert die Landschaft allmählich alle Siedlungsspuren und das Gelände steigt immer steiler an. Manchmal hat man den Eindruck, die Erdoberfläche wäre gegen die Richtung der Gravitation gekippt und irgendwie wirkt alles „schief“.

Nach mehreren langen Steigungen schien die schwachbrüstige Maschine unseres Wagens an die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu stoßen, doch dank des hervorragenden Zustandes der Straße gelangten wir dann doch relativ schnell zum Pass. Es gibt nur einen kurzen Streckenabschnitt, an dem noch gebaut wird. Dort führt die Autopista dicht unterhalb einer Felswand entlang. Immer wieder stürzen Felslawinen auf die Straße und Arbeiter sind mit schweren Maschinen zugange, um auch diesen Abschnitt alsbald wieder in einen perfekten Zustand zu versetzen. Am Scheitelpunkt der Strecke gönnten wir dem Motor, der zuletzt in der dünnen Luft wie ein Ertrinkender gejapst hatte, erst einmal eine Rast.

Immer wieder überholten wir Radfahrer, die sich schaukelnd die Steigung hinaufquälten. Auch sie schienen ihre Belastungsgrenze erreicht zu haben (und einige hatten sie wahrscheinlich schon überschritten), doch ausgerechnet auf der Passhöhe sieht man so viele Laienpedaleure wie sonst nirgendwo auf den Straßen. Nicht wenige zeigten eine solch erbarmungswürdige Leidensmiene, dass man schon glauben wollte, sie versuchten die Imitatio Christi. Es muss eine unbeschreibliche Plackerei sein, die unendliche Steigung auf fast viertausend Metern Höhe mit dem Rad zu bewältigen. Manch einer dieser Freizeitsportler hat sicher eine ausgeprägte pathologische Affinität zu allen Arten von Leiden. Aber man muss den Schmerz schon lieben, denn sonst würde man diese Folter wohl kaum freiwillig auf sich nehmen.

Am Scheitelpunkt der Strecke, direkt an der Straße, steht eine kleine Kapelle mit einer Statue der Madonna darin. Die meisten Reisenden machten hier Rast, um dem Auto und sich selbst eine Erholung vom anstrengenden Aufstieg zu gönnen. Nicht wenige statteten der Jungfrau einen Besuch ab, einfach, um sie zu sehen, oder um zu beten – es ist sicher kein Fehler, sich für die Fahrt auf gefährlichen Straßen himmlischen Schutzes zu versichern.

Am Straßenrand sah man Radfahrer in voller Profimontur ihre Maschinen checken. Dem äußeren Anschein nach zu urteilen, stand mancher der Hobbypedaleure kurz vor dem Zusammenbruch. Man wartete erst einmal ab, bis sich die Vitalwerte aus dem Bereich akuter Lebensgefahr wieder auf ein normales Niveau eingepegelt hatten. Ein schnelles Bittgebet kann da manchmal Wunder wirken, zumal die nächste Rettungsstelle mit Sicherheit weiter entfernt ist als die Hilfe der Mutter Gottes.

Wir vertraten uns ein wenig die Beine. Meine Frau und mein Sohn bewegten sich aber kaum einige Schritte vom Auto fort, denn schon bei der kleinsten Anstrengung bekam man Atemnot. Ein kalter Wind strich zudem beständig über den Pass und in der dünnen Luft begann man leicht zu frösteln. Auf der Suche nach Motiven lief ich ein Stück die Autopista entlang. Schon nach wenigen Sekunden fing mein Herz wie verrückt an zu pumpen und als ich ein Stück rannte, hatte ich einen Eindruck davon, wie man sich beim Waterboarding fühlen muss.

Am Pass befindet man sich tatsächlich an einem Scheitelpunkt, denn folgte man der Autopista von hier nach Osten, gelangte man irgendwann in den Amazonas-Urwald. Auf dem Grat der Kordillere verläuft zudem die Grenze zwischen den Provinzen Pichincha und Napo. Die Provinz jenseits der Anden ist natürlich nach dem Río Napo benannt und auch, wenn man hier noch ganz unter dem Eindruck des Gebirges steht, beschwört allein schon der Name „Napo“ vor Feuchtigkeit dampfenden Dschungel und träge braune Gewässer unter lichtundurchlässigem Blätterdach herauf.

Wir haben uns fest vorgenommen, den Konquistadoren, Forschern und Abenteurern zu folgen. Eine Tour in das Amazonastiefland gilt als beschlossene Sache und es wäre wirklich ein unverzeihliches Versäumnis, wenn wir Ecuador verlassen würden, ohne wenigstens einmal in das grüne Herz dieses Planeten hinabgestiegen zu sein. Unser Weg wird uns dann wieder hinauf zum Pass von Papallacta führen, doch das nächste Mal werden wir unserer Bestimmung folgen, bis sich die Straße im undurchdringlichen Dickicht des Waldes verliert (oder in Coca am Ufer des Río Napo endet).

Von der Passhöhe aus ließen wir uns von der Autopista durch die zerklüftete Landschaft des Hochgebirges hinab ins Tiefland führen. Freilich würden wir der Route nur bis zu den Thermen von Papallacta folgen, dem immer noch das Flair eines Andenstädtchens anhaftet, denn das einer Urwaldstadt. Eine Anhöhe gestattete den Blick über eine in Berge und Täler gefaltete Landschaft. Die Autopista lag wie ein dünner Lebensfaden am Fuße einer himmelwärts strebenden Felswand. Das schräg einfallende Sonnenlicht schnitt ein wild bewegtes Relief in das zerfurchte Gestein. Man sah Autos die dünne Linie der Straße entlangkriechen, winzig wie Blattläuse auf einem Grashalm.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.