Vor der Flut

Auf der Rückfahrt von Canoa führt uns der Weg am „Pelícano“ vorbei. Wir waren schon öfter zu Gast in diesem kleinen Restaurant, das seinen Gästen eine gute Auswahl lokaler Spezialitäten offeriert. Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist. Ganz hervorragend ist der Ceviche de camarón (mit Shrimps). Ceviche ist eine Erfindung der lateinamerikanischen Küche. Das Besondere daran ist, dass die Meeresfrüchte (es gibt auch Ceviche de pescado, d.h. mit Fisch, oder Ceviche de concha, d.i. mit Muschelfleisch) nicht gekocht, sondern in Zitronensaft gegart werden. Die Zubereitungsart variiert freilich von Region zu Region, aber die Ceviches im „Pelícano“ sind mit das Beste, was man essen kann – zumindest, wenn man meiner Frau glaubt, einer ausgewiesenen Kennerin und Liebhaberin dieses Gerichts. Ich selbst mache mir leider nicht viel aus Meeresfrüchten.

Ich hatte geglaubt, es sei die Großmutter, die kocht, aber an diesem Tag bedienen uns die Enkel und von ihnen erfahren wir, dass es der Großvater ist, der in der Küche wirkt. Es scheint, je öfter man fragt, desto mehr Versionen der derselben Geschichte bekommt man zu hören, aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch die Oma hin und wieder am Herd steht. Als der Chef dann höchstpersönlich an den Tisch kommt, um sich nach dem Wohl seiner (einzigen) Gäste zu erkundigen, fragt ihn meine Frau ein wenig aus.

Wir erfahren, dass er früher bei einer der berühmten Familien Bahías als Koch angestellt war. In ihren Diensten lernte er, selbst die einfachsten Gerichte zu wahren Gaumenfreuden zu veredeln. Meine Frau kennt die Leute sogar und wie über alle prominenten Familien gäbe es auch über diese jede Menge Geschichten zu erzählen. In einer kleinen Stadt wie Bahía lassen sich Geheimnisse nur schwer verbergen, zumal die Leute nichts lange für sich behalten können.

Berühmte und vor allem vermögende Familien beschäftigen nicht selten ein ganzes Heer von Angestellten. Wer diese Art der Abhängigkeit nicht aus eigener Anschauung kennt, fühlt sich auf eine unangenehme Weise berührt, wenn er ihr als etwas begegnet, das so allgemein verbreitet und vor allem so alltäglich ist, dass niemand daran Anstoß nimmt. Solche Klientelverhältnisse wecken Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, aber hierzulande ist das Wort „Padrón“, womit natürlich ganz wörtlich der Patron gemeint ist, noch keineswegs aus der Alltagssprache verschwunden. Eine Anstellung bei einem vermögenden Brotherrn – manchmal auf Lebenszeit – ist oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen in Gegenden, in der es sonst keine Arbeit gibt.

Die beiden Enkelkinder, die an diesem Tag das Essen servieren, mögen zehn oder elf Jahre alt sein. Sie nehmen ihre Aufgabe mit großem Ernst wahr und stellen eine sehr „erwachsene“ Würde zur Schau. Streng genommen ist das natürlich Kinderarbeit, aber obwohl auch hierzulande die Kinderarbeit verboten ist, nimmt man es mit dem Gesetz nicht immer allzu genau. Außerdem scheinen die beiden Jungs ganz erpicht darauf zu sein, dem Großvater zu helfen, und da wir an diesem Tag die einzigen sind, die sich hierher verirrt haben, kann man auch nicht wirklich von Arbeit sprechen.

Später gibt meine Frau jedem von ihnen einen Dollar Trinkgeld. Die Kinder freuen sich darüber wie die Könige und zeigen sich gegenseitig ihre Dollars als wären es Trophäen. Sie schwelgen im Vorgefühl des Glücks, das sich einstellt, als sie sich wortreich ausmalen, was sie damit wohl alles kaufen könnten. Manchmal kostet das Glück nicht viel.

Nach dem Essen fahren wir zum Strand. Wir passieren den Verkaufsstand des Kokosmannes, der zwischen Kühltruhe und Tresen entspannt in seiner Hängematte liegt, und setzten mit Schwung über ein Sandfeld, das schon andere vor uns aufgewühlt haben. Der Wagen, den wir zur Zeit fahren, hat kleinere und schmalere Reifen als unser alter Kia und außerdem ist er erbarmungswürdig schwach motorisiert. Würde man das Auto mit einem Pferd vergleichen, wäre es eine klapperdürre Schindmähre, die zudem noch lahmt. Wir machen uns Sorgen, wir könnten steckenbleiben. Doch mit aufheulendem Motor schaffen wir es bis auf die Strandebene. Dort hat die letzte Flut den Sand zu einer betonharten Piste zusammengebacken.

Wir fahren einen halben Kilometer die Küste hinauf. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als wir unseren Jungs gestatten, das Steuer zu übernehmen. Das Auto, ein Mietwagen, verfügt über eine recht wackelige Knüppelschaltung, und wer in seinem Leben noch nie mit einer Schaltung gefahren ist, lässt den Motor erst einmal ein Dutzend Mal absaufen, bevor es ihm gelingt, auch nur eine Strecke von hundert Metern zurückzulegen.

Der Strand ist an diesem Tag leer und wir fühlen uns so allein wie an der Küste eines unentdeckten Kontinents. Wir sind gekommen, um den Sonnenuntergang zu sehen – den letzten, den wir in Bahía erleben sollten. Für gewöhnlich versammelt sich bei Ebbe eine Autokarawane auf der flachen Halbinsel. Die Leute verabschieden den Tag mit einem fröhlichen Familienfest – man grillt, trinkt, lacht und hat Spaß.

An diesem Abend liegt der Himmel düster und schwer über einem bleigrauen Ozean. Es ist etwas kühler als an anderen Tagen, aber man genießt die Frische, die wenigstens für den Augenblick die Gluthitze vergessen macht. Eine stramme Brise weht warme, feuchte Seeluft in unsere Gesichter. Sie ist erfüllt von den Gerüchen des Meeres, von Salz und Tang und Wehmut. Ich sauge die Aromen tief in mich ein, damit sie meine Erinnerungen durchtränken wie ein Schwamm, denn ich weiß nicht, ob ich den Pazifik je wiedersehen werde.

Irgendwann setzen wir über ein Sandfeld, das so glatt wirkt wie der übrige Strand, und wahrscheinlich wäre auch gar nichts passiert, wenn der Wagen nicht gestoppt hätte. Bisher ist alles gut gegangen, doch dann stottert der Motor unter der unsachgemäßen Handhabung des Fahreleven. Der Wagen bäumt sich ein paarmal auf und mit einem Ruck bleibt er stehen. Wir lassen den Motor wieder an, aber die Räder stecken bereits fest und beim Versuch anzufahren, graben sie sich noch tiefer ein. Behutsam versuche ich zurückzusetzen, doch der Motor heult nur auf und das Auto schaukelt wie ein Irrer, der in eine Zwangsjacke gefesselt ist.

Die Vorderräder stecken im feuchten Sand als wären sie darin einbetoniert. Da nützen auch alle Fahrkünste nichts – wir müssen den Wagen ausgraben und hoffen, dass wir irgendwie wieder freikommen. Während also die eine Hälfte der Fahrgäste die Räder freischaufelt, sucht die andere stabile Äste und Bretter. Der Strand ist übersät mit Treibgut und so haben wir im Nu genug beisammen. Wir graben hastig und mit bloßen Händen, wie Piraten, die einen Schatz vor der anrückenden Royal Navy verstecken. Aber zur Eile besteht eigentlich kein Grund, denn die Flut würde erst in einigen Stunden einlaufen. Und dann glauben wir, dass unsere Anstrengungen weit genug gediehen sind. Voller Ungeduld wollen wir den Start versuchen.

Der Wagen ruckt kurz an, aber er schafft es nicht aus der Kuhle. Stattdessen graben sich die Reifen mitsamt Stöcken und Brettern noch tiefer in den feuchten Sand. Jetzt hat sich sogar die Karosse wie der Schild einer Planierraupe in die Erde geschoben. Ich habe das Gefühl, wir werden noch eine ganze Weile festsitzen. Langsam senkt sich die Dunkelheit herab und außer uns ist niemand am Strand. Die Küste scheint sich endlos in die Ferne zu erstrecken. Irgendwo in der Nähe des Horizonts verliert sie sich im Dunst des Meeres. Zwar sind wir in den nächsten Stunden noch sicher vor der Flut, doch mir will der weiße Streifen aus Sand schon jetzt viel schmaler erscheinen.

Wir überlegen, ob meine Frau ihren Onkel anrufen soll, damit er uns mit seinem Pickup aus dem Sand herauszieht. Mit schwindendem Tageslicht verlöschen Strand und Meer allmählich zu einer dunklen Schwarz-weiß-Fotografie. Die Farben schwinden und dort, wo das sinkende Tagesgestirn das Firmament allabendlich mit Rottönen tränkt, sieht man nichts als eine graue Wolkenfläche, die den Himmel bedeckt wie eine leere Leinwand. Wir wollten den Sonnenuntergang sehen, doch der Tag verdämmert als würde eine Kerzenflamme ersticken.

Durch das Halbdunkel kommt ein Motorrad. Erst als der Fahrer schon fast bei uns ist, erkennen wir, dass es sich um einen Polizisten handelt. Mir rutscht das Herz in die Hose, denn ich rechne damit, dass er uns mindestens einen strengen Verweis erteilt, weil wir es gewagt haben, seinen Strand mit dem Auto zu befahren. Er hält, steigt von der Maschine wie der Sheriff vom Pferd und nimmt das Malheur neugierig und auch ein wenig amüsiert zur Kenntnis. Unsere Beschämung ist vollständig, als er uns auch noch fragt, worin das Problem bestehe. Wir sind erleichtert, dass er uns nicht rügt – offenbar ist die Vergnügungsfahrt über den Strand keine Ordnungswidrigkeit.

Er steht lässig im Sand und beobachtete uns geraume Zeit dabei, wie wir aufgeregt wie die Hühner um das Auto laufen und uns den Kopf darüber zerbrechen, was zu tun sei. Er rät, wir sollten den Wagen ausgraben. Wir wagen nicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass wir genau das schon probiert hätten. Die Motorrad-Polizisten in Ecuador sehen etwa so aus wie der T-1000 im „Terminator“ und zu widersprechen würde wahrscheinlich nur dazu führen, dass man „terminiert“ wird. Während wir graben, spaziert er lässig über den Strand. Irgendwann – er hat es nicht eilig – kommt er mit einem langen, stabilen Brett zurück. Ich frage mich, wie wir es übersehen konnten. Mit bloßen Händen schaufeln wir uns ein Stück näher an den Erdmittelpunkt heran, und als unsere Ausschachtungsarbeiten weit genug gediehen sind, platzieren wir die Rampen.

Einer fährt und alle anderen müssen schieben – selbst unser Polizist hilft mit, freilich so, wie der Kapitän seiner Crew dabei helfen würde, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Der Motor heult auf, die Kupplung greift und rückwärts zieht die Maschine den Wagen so leicht aus dem Loch, als hätte er sich nie eingegraben. Ich schiebe direkt vor einem der Vorderräder. Das Rad dreht plötzlich durch und eine Fontäne aus Sand und Schlamm sprudelt mir ins Gesicht. Der Wagen ist frei, aber ich sehe nun aus wie einer der Typen, die sich bei Urwald-Trophies werbewirksam als „echte Kerle“ profilieren. Vielleicht sind Schlamm und Dreck die Wegmarken zum Männerruhm – ich nehme es als Auszeichnung. Ausgerechnet an diesem Tag trage ich ein weißes T-Shirt. Selbst nach dreimaligem Waschen sind die Dreckflecken noch sichtbar.

Unser Polizist entlässt uns mit einer lässigen Geste – geht doch! Wir danken ihm für die Hilfe. Er zieht von dannen in der sicheren Gewissheit, wieder einmal ein paar einfältigen Fremden aus der Patsche geholfen zu haben. Ohne Eile steigt er auf seine Maschine und Augenblicke später ist er auch schon verschwunden. Wir sind nun allein am Strand. Die Sonne ist längst untergegangen. Himmel und Ozean verschmelzen als graue Schemen mit der Dunkelheit. Noch immer lässt die Flut auf sich warten. Erst in einigen Stunden würde das Meer den Strand wieder in Besitz nehmen. Doch wir haben keine Veranlassung, länger zu verweilen. Wir fahren zurück nach Bahía.

Gladiatoren

Als wir unseren Coco helado trinken, fallen mir ein paar Hähne auf, die hinter der Kühltruhe, in der die Kokosnüsse auf Trinktemperatur gekühlt werden, entweder in Käfige gesperrt oder an Pflöcke angebunden sind. Die Hähne wirken nicht wie die Tiere, die man für gewöhnlich auf einem Bauernhof anzutreffen vermutet. Diese hier sind viel schlanker und sie sind hochbeinig, als liefen sie auf Stelzen. Ihr Gefieder ist prächtig und die Schwanzfedern spreizen sich herausfordernd. Mit ihren schlanken Körpern, ihren grazilen Beinen und den agilen Bewegungen sehen sie eher aus wie kleine befiederte Dinosaurier denn wie gewöhnliche Hühner, und wenn man den Paläontologen glauben will, ist das ohnehin fast dasselbe. Es kommt mir so vor, als stolzierten sie kampflustig und mit der Todesverachtung von Gladiatoren durch ihre kleine Arena hinter der Kühltruhe. Morituri te salutant!

Wir geben uns arglos, denn es ist natürlich offensichtlich, dass es sich um Kampfhähne handelt. Wir fragen den Mann, was es mit den Tieren auf sich habe. Der Kokosmann rückt nur zögernd mit der Sprache heraus, vielleicht ja auch, weil Hahnenkämpfe illegal sind. Aber wir sehen nicht aus wie Gesetzeshüter und deshalb erzählt er uns dann doch ein wenig: Ja, das seien seine Kampfhähne. Mehr sagt er erst einmal nicht. Ich will wissen, ob diese hier schon einmal gekämpft hätten. Mit stolzer Geste erklärt er, alle seien Champions. Wir erfahren weiterhin, dass den Hähnen Sporen an die Krallen gesteckt werden, so dass ein Kampf eine recht blutige Angelegenheit sein kann, die für den Verlierer – und manchmal auch für den Sieger – nicht selten tödlich ausgeht.

Nicht ohne stille Genugtuung erklärt der Kokosmann, man könne viel Geld mit Kampfhähnen verdienen. Da es sich bei seinen Tieren, wie er behauptet, um Champions handelt, darf man annehmen, dass er von sich selbst spricht. Seit jeher ist es Sitte, bei Hahnenkämpfen hohe Wetteinsätze zu platzieren und wer da einen „Champion“ in seinem Stall hat, dem winkt sicher oft das Glück in Gestalt klingender Münze.

Meine Frau stammt zwar aus Bahía, aber sie hat noch nie davon gehört, dass irgendwo in der Stadt Kämpfe veranstaltet würden. Der Mann aber meint, das Spektakel würde jedes Wochenende in San Vicente abgehalten (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht). Aber Hahnenkämpfe sind sicher nicht die Art von Freizeitvergnügen, deren Besuch man einem Mädchen in jenen Tagen im erzkatholischen Bahía gestattet hätte. Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber ich kann mir dennoch nicht vorstellen, dass das blutige Schauspiel irgendwann eine Frauendomäne sein könnte.

Pazifische Träume in Stein

Von Bahía aus benötigt man auf der glänzend ausgebauten Küstenstraße mit dem Auto keine halbe Stunde bis Canoa. Kurz hinter San Vicente legen wir einen Zwischenstopp ein, um eine eisgekühlte Kokosnuss (Coco helado) zu genießen. Wenn es richtig heiß ist – und das ist es hier an fast jedem Tag –, löscht das isotonische Kokoswasser (Agua de coco) den Durst einfach am besten. Da in so einer unreifen grünen Nuss ziemlich viel des milchigen Getränks enthalten ist, kann man anschließend auch wieder ordentlich schwitzen, wenn man nicht gerade das Glück hat, im frostig-kühlen Innern eines vollklimatisierten Wagens Platz nehmen zu dürfen. Doch das Auto, das wir zu diesem Zeitpunkt fahren, ist nicht nur äußerst schwachbrüstig motorisiert – an mancher Steigung hätte Schieben wirklich geholfen –, sondern verfügt nicht einmal über eine Klimaanlage. In einem tropischen Land ist das eigentlich schon ein Verbrechen.

Der Kokosverkäufer hat seinen Verkaufsstand an der Küstenstraße direkt hinter einem Berg eingerichtet. Eine Ausfahrt führt zum Strand und wenn man wollte, könnte man mit dem Wagen ins Meer rollen. Wer sich traut, kann bei Ebbe mit dem Auto der Küste nach Norden bis Briceño folgen. So eine Strand-Rallye ist ein großer Spaß, aber die Fahrt ist nicht ganz ungefährlich – wir sollten dies schon bald selbst herausfinden. Der Kokosmann sitzt direkt neben der Ausfahrt, auf der man nach nicht einmal fünfzig Metern den Strand erreicht, und jeder, der vom Meer kommt oder dorthin will, löscht seinen Durst mit einem Coco helado. Lage ist eben alles, soll sich so ein Geschäft lohnen.

Der Berg, an dessen Fuß die eisgekühlten Kokosnüsse auf durstige Kehlen warten, verfügt übrigens über eine eigene Zufahrt. Auf der gegenüberliegenden Seite, nach San Vicente hin, führt ein gepflasterter Weg unter einem romantischen Blättergewölbe hindurch. Stauden von Beerenfrüchten leuchten einladend aus dem Blattwerk. Die Straße, die gerade breit genug ist, dass ein einzelnes Auto sie befahren kann, schlängelt sich halb um die Flanke des Berges und mündet dann abrupt auf einem Parkplatz.

Der Berg selbst, der sich nur eine kurze Strecke von San Vicente entfernt befindet, erhebt sich unvermittelt aus der Strandebene. Er ist nahezu kegelförmig und er steht über dem Meer als solitäres geologisches Monument, fast wie ein Leuchtturm, der auf einem Landvorsprung Wache hält. Auf dem Konus wächst der Wald struppig wie ein grüner Pelz, doch wenn man sich von Norden nähert, sieht man an der steilen Flanke, hoch über dem Meer, eine Wohnanlage. Die Nobelimmobilie klammert sich an den Fels wie die Festung des Alten vom Berge. Eine kleine Kuppel am Eingang blendet den Besucher mit einer Art ägäischem Zauber.

Wir haben uns schon immer gefragt, wer sich in diesem Schloss à la Philipp K. Dick hoch über dem Meer eingerichtet haben mag, und obwohl wir den Ort mehrere Male besuchten, trafen wir nie jemanden an, den wir mit Fragen belästigen konnten. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab. Wir sind die einzigen Besucher, zumindest ist unser Auto das einzige Gefährt auf dem großen Parkplatz und daher drängt sich die Vermutung auf, dass derzeit niemand die Anlage bewohnt. Einige der Parkplätze werden von neckischen Zelten überdacht, einer Art Tunnelgewölbe aus Zeltplane mit Wimpeln daran, wie man sie vor Luxushotels und edlen Sterne-Restaurants findet.

Wir betreten die Anlage, bei der es sich genau genommen um Privatbesitz handelt, mit der Unverfrorenheit von reichen Kaufinteressenten. Von der Balustrade aus eröffnet sich dem Besucher ein atemberaubendes Panorama: Der Blick schweift bis zum Horizont, wo Himmel und Ozean in einer dünnen Linie ineinanderfließen. Im Schein der Nachmittagssonne vermählen sich Land und Meer zu einer unendlichen Ebene. Die Küste ragt als flacher Sporn in die See und eine milde Brise legt einen Saum aus Wellen darum. Es ist Ebbe, der Strand ist so flach und breit wie die Krempe eines Sombreros. Obwohl der Himmel etwas trübe ist, reicht der Blick bis Briceño und sogar bis Canoa.

Wir sind laut und benehmen uns mit der Ungezwungenheit von Leuten, die daran gewöhnt sind, mit einem Bündel Geldscheinen in der Tasche durch die Welt reisen, um reflexartig alles zu kaufen, was ihr Entzücken hervorruft. In einer Ecke liegt einsam ein Basketball und mein Sohn dribbelt aus Langeweile über die Terrasse. Das Geräusch macht dann doch jemanden auf uns aufmerksam: Der Junge ist etwa sechzehn Jahre alt und sein Vater sei, wie er uns später erzählt, der Verwalter der Anlage. Während der Abwesenheit der Eigentümer kümmere er sich darum, dass alles in gutem Zustand bliebe. Im Augenblick ist der Vater aber auch nicht da und so fragen wir den Sohn ein wenig aus.

Der Junge gibt sich ganz fachmännisch. Unter der Oberfläche seiner Abgeklärtheit spüre ich aber, wie aufgeregt er ist. Er ist stolz darauf, dass wir ihn für kompetent halten, unsere Fragen zu beantworten, denn immerhin treten wir als reiche Immobilienkäufer auf (wenn wir erklärt hätten, wir wollten uns bloß umsehen, hätte man uns sicher aufgefordert, die Anlage unverzüglich zu verlassen). Wir erfahren auf unsere Nachfrage, dass die Wohnungen vornehmlich Leuten aus Quito gehörten. Die Eigentümer lebten aber nicht darin, sondern sie nutzten sie entweder als Ferienwohnungen oder sie vermieteten sie an Touristen. Was für eine Verschwendung – man könnte sich jahrelang sozusagen frei Haus die Sonnenuntergänge am Pazifik ansehen und dennoch würde man nie genug daran haben.

Eine der Wohnungen sieht ziemlich heruntergekommen aus. Das Haus stünde seit zwanzig Jahren leer, erfahren wird. Durch den Beton der Terrasse ziehen sich Risse und die salzige Meeresluft hat die Farbe abgebeizt. Infolge der Erschütterungen durch das Erdbeben seien einige Häuser nicht mehr sicher und sie müssten deshalb abgerissen werden. Ich empfinde ein wenig Bedauern für die Besitzer, denn die Lage der Wohnungen auf ihrem Adlerhorst in der Höhe des Berges ist so unglaublich schön, dass man selbst in einem an Naturschönheit reichen Land wie Ecuador lange suchen müsste, um einen zweiten Ort wie diesen zu finden.

Im grünen Innern der Landzunge, die sich in die See bohrt wie die Schnauze eines Delphins, sieht man die Dächer zweier Anwesen aus der dichten Vegetation wachsen. Eines davon sei, wie man uns sagt, einmal ein Hotel gewesen, doch es hätte den Betrieb eingestellt. Es liegt nun als traurige Ruine im wuchernden Gestrüpp, ein Tummelplatz für Eidechsen, Spinnen und Geckos. Das andere liegt näher zum Meer hin und es erweckt ganz den Eindruck, als wäre es erst vor kurzer Zeit verlassen worden. Vielleicht hatte es einmal einer Familie als Heim gedient.

Aber auch dieses Anwesen ist verlassen, und wer auch immer einst darin gelebt haben mag – das Haus ist nun sich selbst überlassen und seinem Schicksal, das darin besteht, allmählich mit der Natur der Halbinsel zu verschmelzen. Ich kann mir vorstellen, die einstigen Bewohner fanden sehr schnell heraus, dass es kein ungeteiltes Vergnügen ist, an diesem einsamen Ort zu leben. Man zieht nur Ungemach, Ärger und letztlich Gefahren auf sich, wenn man hier in Ecuador sein Glück in der Abgeschiedenheit der Natur sucht. Ich muss gestehen, gäbe es eine vollkommene Version dieses Landes, hätte es mich gereizt, an diesem Ort zu leben – nur schade, dass sich die Welt weder um Träume, noch um Vollkommenheit schert.

Seit dem Erdbeben scheint der Küstenstreifen verlassen. Nicht nur einmal drängt sich uns der Eindruck auf, viele hätten der Region für immer den Rücken gekehrt und die, die geblieben sind, wären noch hier, weil sie keinen anderen Ort hätten, zu dem sie Zuflucht nehmen könnten. Manch einer will aber gar nicht weg und wenn man hier geboren ist und sein ganzes Leben am Meer verbracht hat, ist die Aussicht, etwa in eine so bedrückende Stadt wie Quito zu ziehen, keine Perspektive, die man freudigen Herzens annehmen würde.

Stadtrundfahrt mit Tía Tocha

An unserem letzten Abend in Bahía de Caráquez wollen wir das „Sorbetito“ besuchen. Ein Sorbete ist eigentlich ein Shake, ganz gleich, ob man ihn mit oder ohne Milch mixt, und „Sorbetito“ ist die Verkleinerungsform davon, ein kleiner Shake gewissermaßen. Es würde überraschen, wenn ein Lokal, das so heißt, für etwas anderes berühmt wäre als für seine Milchmixgetränke. Wir hatten schon viel Gutes über das „Sorbetito“ berichten hören und an diesem Abend wollen auch wir uns endlich einmal selbst davon überzeugen, dass das Lob gerechtfertigt ist.

Das „Sorbetito“ befindet sich nicht in Bahía, sondern in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht). Obwohl man einräumen muss, dass San Vicente sich in den letzten Jahren von einem unansehnlichen Flecken, den der Reisende in der Regel so schnell wie möglich zu verlassen wünscht, zu einer schöneren Stadt herausgeputzt hat, ist Bahía die bei weitem attraktivere der beiden Geschwister an der Mündung des Río Chone. Bahía ist recht klein, aber dennoch versprüht es städtisches Flair und es besitzt einen gewissen Charme, dem der Besucher nur zu gern erliegen möchte.

Doch wenn es um das gastronomische Angebot geht, hat San Vicente einiges zu bieten. Die Baheños selbst fahren nur zu gern in die Nachbargemeinde, in deren Restaurants man so gut und vor allem so preiswert essen kann. Seit eine Brücke das Delta des Río Chone überspannt und die beiden Städte über die Bucht hinweg wie eine Nabelschnur verbindet, ist das auch leicht möglich: Eine Fahrt mit dem Auto zur anderen Seite dauert gerade ein paar Minuten.

Im geschwätzigen Bahía spricht sich schnell herum, dass wir den Abend mit einem Besuch im „Sorbetito“ einzuläuten gedenken (später zeigt sich, dass das Einläuten eher ein Ausklingen ist, denn für den Rest des Abends sollte uns der Fernseher mit seiner Magie der bunten Bilder in Bann schlagen). Die Großtanten meiner Frau sind schon sehr alt und sie verlassen nicht mehr so oft das Haus wie früher. Ihr größtes Vergnügen besteht darin, abends vor der Tür zu sitzen und ein Schwätzchen zu halten. Wer zufällig vorbeikommt, gesellt sich einen Augenblick lang zu ihnen und so erfahren sie immer, was es Neues in der Stadt gibt. Wahrscheinlich ist ihnen durch einen Besucher zu Ohren gekommen, dass wir ausgehen wollen.

Es sind ihrer drei: Tía Tocha, Tía Vicenta und Tía Juanita. Tía Juanita war von allen dreien stets die Unternehmungslustigste und sie reist auch jetzt noch gern, da sie auf die Neunzig zugeht, und sie schreckt auch vor langen beschwerlichen Busfahrten nicht zurück, sofern ihr nur jemand Gesellschaft dabei leistet.

Tía Vicenta fällt das Gehen mittlerweile so schwer, dass sie die meiste Zeit im Haus verbringt. Sie war früher Krankenschwester und ich erinnere mich, dass sie mir anlässlich unserer ersten Reise nach Ecuador im Jahre 1992 fachmännisch eine Spritze in den Allerwertesten verabreichte (so etwas vergisst man nie!). Ich litt damals an diversen Tropenkrankheiten – nicht an allen auf einmal, sondern immer hübsch nacheinander – und ich musste mich deshalb gleich mehrmals in ärztliche Behandlung begeben. Tía Vicenta übernahm dann die „Detailarbeit“. Ich kann mich rühmen, sie alle gehabt zu haben, darunter solch erlesene Menschheitsplagen wie Dengue und eine recht milde Form von Typhus. Der Arzt jedenfalls versicherte, sie sei milde, was den Typhus aber nicht davon abhielt, mich zwei Tage lang ununterbrochen auf dem Lokus festzuhalten.

Die dritte schließlich, Tía Tocha, ist stolze Bahieña und sie hat daher wenig Veranlassung, die Stadt zu verlassen, in der zudem ihre ganze Familie lebt. Wie die anderen beiden Tanten ist sie mittlerweile fast Neunzig. Die Beine bereiten ihr zunehmend Probleme und weite Strecken kann sie nicht mehr zu Fuß zurücklegen. So kommt sie nur selten in der Stadt herum und alles, was sie erfährt, erfährt sie von Leuten, die sie vor der Haustür trifft oder die sie besuchen kommen.

Als Tía Tocha davon hört, dass wir das „Sorbetito“ besuchen möchten, will sie auch mit. Sie kommt so selten unter Leute und ergreift deshalb nur zu gern jede sich bietende Gelegenheit, das Haus zu verlassen. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir die Tía mitnehmen, und im Auto reservieren wir für sie den Beifahrersitz. Ein paar Cousins und Cousinen meines Sohnes fahren ebenfalls mit, aber die Kinder brauchen nicht viel Platz oder werden, wie hierzulande üblich, gleich Gepäckstücken unter der Heckklappe verstaut.

Die Sonne schickt sich gerade an, im Ozean zu versinken, als wir vor dem Restaurant vorfahren. Ich parke den Wagen direkt vor dem Eingang und helfe der Tía aus dem Sitz. Das „Sorbetito“ ist im Grunde nur ein kleines Eckgrundstück, das von einem Zaun umgrenzt wird. Im vorderen Teil, der zur Straße weist, befindet sich eine Art Pavillon mit einer Bar darin, auf deren Tresen man drei oder vier elektrische Mixer sieht. Auf dem Grundstück stehen mehrere Bankreihen, die nach Art der Sitzgelegenheiten an Autobahnrastplätzen überdacht sind. Die Gäste nehmen auf Sitzmöbeln Platz, die an Campinggestühl erinnern.

Neben Sorbetes, also Shakes, serviert das „Sorbetito“ noch eine Auswahl an Sandwiches und Hotdogs. Mein Sohn und sein Cousin bestellen die ausgezeichneten Hotdogs und die Tía Tocha gelüstet es nach einem Sandwich, das sie dann so genussvoll verspeist, als hätte sie dieses Vergnügen seit langer Zeit entbehren müssen. Dazu trinkt sie ganz stilecht eine Cola. Der Arzt hat ihr süße Softdrinks strengstens verboten, aber Tía Tocha liebt nun einmal die klebrige Limonade und sie kann der Versuchung einfach nicht widerstehen.

Ich halte mich derweil an die Shakes. Die Shakes sind geeist und erinnern in ihrer festen cremigen Konsistenz an die Milchshakes bei McDonalds. Um den vielen Bestellungen nachzukommen, arbeiten die Leute hinter den Mixern im Akkord. Nicht weit von uns entfernt nehmen ein älterer Herr mit schlohweißem Haar und Schnurrbart und seine Frau Platz. Der agile Kellner begrüßt den Besucher mit „Herr Richter“, doch der honorige Gast bestellt ganz schlicht ein Sandwich, das er mit einem Shake herunterspült. Seine Frau isst nichts. Sie sitzt nur steif auf ihrem Stuhl und schaut etwas pikiert dabei zu, wie der Richter sein Sandwich genießt.

Ich bestelle einen Schoko-Shake, denn leider erliege ich den Einflüsterungen meines Sohnes. Der Sorbete de chocolate ist nicht schlecht, wirklich nicht, doch nachdem ich den Mora-Shake probiert habe, bereue ich fast, dass ich so ein Schokoladen-Freak bin und reflexartig alles esse oder trinke, was nur irgendwie nach Schokolade aussieht oder riecht.

Mora ist die Maulbeere. Die Mora ist in Ecuador so weit verbreitet wie Erdbeeren zur Sommerzeit in Deutschland. Man kann die fast schwarzen Beeren praktisch überall kaufen. Verarbeitet werden sie zu Eis oder Saft und Mora-Geschmack ist hier so gewöhnlich wie Erdbeere in Deutschland. Aber ihre wahre Bestimmung hat die Mora in den Shakes des „Sorbetito“ gefunden. Diese Shakes sind einfach nur göttlich. Der Becher kostet gerade einen Dollar und ich trinke an diesem Abend drei. Danach zittere ich zwar vor Kälte, als hätte ich Schüttelfrost, aber mein Bauch ist gefüllt mit cremiger Glückseligkeit in Mora-Geschmack.

Die Tía Tocha möchte sich noch ein wenig in San Vicente umsehen. Sie war seit Jahren nicht mehr dort und da man die Stadt in der letzten Zeit großzügig verschönert hat, gibt es viel Neues zu sehen. Wir rollen langsam auf den nächtlichen Straßen San Vicentes dahin. Die Gegend an der Seeseite ist dicht bevölkert – die Menschen genießen die milde tropische Nacht und den Blick auf das auf der anderen Seite der Bucht gelegene Bahía.

Wir fahren weiter zu einem Aussichtspunkt wenige hundert Meter außerhalb der Stadt, doch zu dieser späten Stunde ist der Ort verwaist wie die Oberfläche des Mondes. Nicht ein einziger Besucher hat sich an diesen Platz über dem Meer verirrt, dabei treibt es die Leute am Tage in Scharen hierher. Es ist so dunkel wie es in einer mondlosen Nacht nur sein kann. Wir werfen einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Lichter-Silhouette Bahías, die jenseits der Bucht in der Dunkelheit schwimmt. Dann fahren wir zurück.

Comida manabita

Das „Pelícano“ ist ein einfaches Strandrestaurant mit einer großartigen Küche. Es befindet sich nur einen Katzensprung außerhalb von San Vicente. Wir kehren um die Mittagszeit ein, aber das Lokal ist leer wie eine Cocktailbar am Morgen. Wir glauben schon, man habe geschlossen, als plötzlich die junge Bedienung auftaucht und etwas schüchtern die Bestellung entgegennimmt. Meine Frau, die Salat solchen stärkehaltigen Magenfüllern wie Kochbanane vorzieht, äußert ihren Sonderwunsch und die junge Frau vom Restaurant meint, sie werde fragen, ob ihre Großmutter es einrichten könne. Das Lokal ist also in Familienhand – wir nehmen es als ein gutes Zeichen.

Während wir auf das Essen warten, haben wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Durch das Souterrain unter dem Gastraum gelangt man zu einem Ausgang auf der Strandseite. Nachdem wir Berge von Treibgut überstiegen haben, vertreten wir uns die Beine am Wasser. Zwar kommen wir gerade vom Strand und die Sonne hat uns ordentlich zugesetzt, aber als geborene Landratten und als Bewohner eines kalten Landes kann man nie genug davon kriegen. Vom Restaurant aus blickt man auf das weite Mündungsdelta des Río Chone und am anderen Ufer sieht man Bahía geisterhaft im Dunst des Meeres liegen. Es scheint fast, die Stadt schwimme auf dem Wasser. Schneller als wir es erwartet hatten, ist das Essen fertig, und der Junge aus dem Restaurant ruft uns zurück.

Serviert wird Comida manabita, also Essen, wie es für die Küstenprovinz Manabí typisch ist: Unsere gute Freundin, die mit uns reist, hatte sich Corvina al ajillo bestellt, meine Frau nimmt einen Ceviche de camarón und mich erwartet die Corvina a la plancha. Ceviche ist eine lateinamerikanische Erfindung. Wenn man ganz streng sein will, darf man das Fleisch der Meeresfrüchte nur in Zitronensaft ziehen lassen, denn das ist das Besondere am Ceviche: Die Meeresfrüchte werden nicht gekocht, sondern ausschließlich in Zitronensaft „gegart“. Ich glaube aber, in der Gegend um Bahía ist es üblich, die Camarones, die Shrimps, vorher zu kochen. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden und nur haarspalterische Puristen würden darüber die Nase rümpfen. Serviert werden die Krustentiere in einer würzigen Tomatensoße mit Chilis, rohen Zwiebeln und gehacktem Korianderkraut. Dazu gibt es Patacones. Das sind frittierte Kochbananenscheiben, die man anschließend zusammendrückt, so dass sie aussehen wie zerquetschte Doughnuts.

Die Corvina ist ein wohlschmeckender Speisefisch, der an der gesamten Pazifikküste Südamerikas vorkommt. Im Pons Online-Wörterbuch wird Corvina wahlweise mit Adlerfisch, Seebarsch oder Meerbarbe übersetzt; der Langenscheidt weist sie schlicht als Adlerfisch aus. Die Gattungsbezeichnung lautet Cilus gilberti, aber das wird den hungrigen Restaurantbesucher in der Regel wohl kaum interessieren, es sei denn, er hätte eine „ichthyophile“ Marotte oder wäre ein Hobby-Fischkundler. Das Fleisch ist weiß und fest und man findet nur wenige oder gar keine Gräten darin. Der Geschmack erinnert mich ein wenig an Seelachs.

Eigentlich esse ich nie frischen Fisch. Nur wenn ich in Ecuador bin, mache ich eine Ausnahme, und hier auch nur dann, wenn ich mich an der Küste aufhalte. Ich meine, wenn man den Ozean nicht sehen, hören und riechen kann, schmeckt der Fisch nur halb so gut. In Berlin begnüge ich mich eigentlich immer mit Thunfisch aus der Büchse. Ich hätte natürlich nichts gegen ein dickes Thunfischsteak vom Grill, aber für den Gegenwert könnte man wahrscheinlich bei Aldi einen ganzen Einkaufswagen füllen. Wie man ihn hier an der Küste zubereitet, ist der Fisch wirklich lecker, und eigentlich kann man nichts falsch machen, wenn man ihn in irgendeinem der Restaurants Manabís frisch bestellt.

Das Essen im „Pelícano“ hat uns so gut geschmeckt, dass wir gleich am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Wir sind ein wenig verwundert darüber, dass ein gutes Restaurant wie dieses mit solch einem vorzüglichen Essen so schlecht besucht ist. An den Preisen kann es jedenfalls nicht liegen, denn für ein Essen bezahlt man gerade einmal fünf Dollar. Verglichen mit dem Preisniveau in Cumbayá, ist das wirklich lächerlich, aber hier bekommt man ein Schlemmermahl zum Spottpreis.

Ich glaube, die Leute aus der Sierra fahren deshalb so gern an die Costa, weil sie sich dort endlich einmal preiswert mit gutem Essen vollstopfen können. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn die Küche der Sierra kann bei weitem nicht die Vielfalt an Zutaten und Aromen aufbieten, wie sie für die Speisen der Küste typisch sind. Die Cocina manabita gilt nicht ohne Grund als die beste Küche des Landes. Im Essen macht sich eben der Einfluss des Meeres bemerkbar und all die Händler, Siedler, Seefahrer und Reisenden aus fernen Weltgegenden, die über Jahrhunderte mit ihren Schiffen die ecuadorianische Küste ansteuerten, haben nicht nur ihre Spuren im Lande und in den Gesichtszügen der Menschen hinterlassen, sie haben letztlich auch die Kochkunst bereichert.

Strand-Rallye

Das Leben in Bahía besteht natürlich nicht nur aus Sonne, Strand und Frohsinn. Meine Frau hat sich schon seit längerer Zeit mit dem Wunsch getragen, den Friedhof zu besuchen, und eines Morgens fahre ich sie mit dem Auto dorthin und begleite sie. Es ist zwar erst früher Vormittag, aber es ist heiß wie in einer Sauna und nachdem ich das klimatisierte Innere des Wagens verlassen habe, bin ich augenblicklich in Schweiß gebadet. Angezogen von dem verführerischen Schweißgeruch, stürzen sich Schwärme von Mosquitos sogleich angriffslustig auf jede freie Hautstelle.

Wir finden den Platz mit den Gräbern der Großeltern meiner Frau nicht sofort und irren wie zwei Touristen, die sich verlaufen haben, auf dem labyrinthischen Gottesacker umher – für die Mücken Zeit genug, erst einmal in aller Ruhe ein gehaltvolles Frühstück zu tanken. Meine Frau legt Blumen nieder und nach einer kurzen Andacht geht es schon wieder zurück. Länger hätte man es ohnehin nicht ausgehalten, wegen der Hitze und wegen der stechlustigen Plage. Als wir zum Auto zurückkehren, ist meine Haut von Schwellungen übersät und sieht aus wie eine Hügellandschaft; die Stiche wachsen sich zu eitrigen Beulen aus und jucken noch Tage später so höllisch, dass ich an die Decke gehen könnte.

Gegen Mittag fahren wir zu einer Landzunge nördlich von San Vicente. Ein breiter Sandstreifen ragt dort wie ein Dorn dreihundert Meter in die glitzernde Weite des Ozeans hinein. Bei Ebbe ist der Strand breit wie ein Fußballplatz und flach wie ein Teller. An einer Stelle gibt es eine Zufahrt und man kann mit dem Auto bis auf den Strand fahren und diesem sogar noch entlang der Küste folgen, wenn man will. In Deutschland wäre das natürlich strengstens verboten, aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt, weil der Amtsschimmel schlicht an Langeweile eingehen würde, wenn er nicht alle Naselang Verbote aufstellen und deren Einhaltung überwachen könnte. Wie man weiß, sind Bußgelder ein substantieller Bestandteil des kommunalen Budgets.

Aber wir sind hier in Ecuador und die Polizei kümmert sich hierzulande lieber darum, mehr schlecht als recht den Verkehr zu regeln, oder man sieht sie irgendwo einfach nur gravitätisch und gleichermaßen nutzlos herumzustehen. Dabei gäbe es mehr als genug zu tun: Die Gesetzeshüter könnten zum Beispiel versuchen, die vielen Wohnungseinbrüche aufzuklären; sie könnten die Leute davon abhalten, den Müll einfach aus dem Fenster ihres Autos zu werfen. Die illegale Müllentsorgung ist so weit verbreitet, dass man sie fast schon als gute alte Landessitte ansehen muss. Manches Teilstück der neuen Autopistas ist links und rechts des Asphalts bereits flächendeckend zugemüllt. An einigen Aussichtspunkten, die man nach US-Vorbild an landschaftlich besonders reizvollen Stellen angelegt hat, empfangen den Reisenden stinkende Halden aus Haus- und Sperrmüll. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Ecuadorianer mögen ihr Land nicht sonderlich.

Da es allgemein üblich ist, mit dem Auto zum Strand zu fahren, müssen auch wir kein schlechtes Gewissen haben, zumal der Wagen fast neu ist und die Ölwanne dichthält. Wir sind an diesem Tag nicht die einzigen motorisierten Strandbesucher, denn mit uns kurvt ein halbes Dutzend weiterer Wagen fröhlich durch den Sand. Wir hatten lediglich beabsichtigt, ein paar hundert Meter den Strand hinauf zur Landspitze zu ziehen, aber als wir dort angekommen sind, sehen wir manchen der Strandbesucher weiter nach Norden fahren. Der Strand schlängelt sich flach und glatt wie eine Autobahn an der Küste entlang. Bei Ebbe gelangt man mit dem Wagen bis nach Briceño, einen kleinen Badeort kurz vor Canoa. Erst hinter Briceño wird der Strand dann immer schmaler und Felsen versperren den Weg gleich den Mauern eines Festungsgürtels.

Im Innern der Landzunge hatte die Flut einen riesigen Gezeitentümpel zurückgelassen. Das flache, spiegelglatte Gewässer hat die Ausmaße eines Sees; man könnte darauf sogar segeln oder Wasserski fahren. Am Ufer hat sich eine Fischerfamilie unter einem schattenspendenden Baldachin niedergelassen. Der Fischer wirft träge das Netz aus. Die Kinder spielen im flachen Wasser oder rennen quietschend und schreiend am Ufer entlang – halbnackte Wilde in ihrem Paradies. Später, nachdem die Hitze und das Toben sie ermattet haben, ruhen sie wie Könige unter ihrem roten Baldachin.

Es ist heiß wie in einem Backofen und die Sonne brennt aus einem schmerzhaft gleißenden Himmel erbarmungslos auf den Strand hernieder. Man hat den Eindruck, Nadeln würden sich einem in den Schädel bohren, so grell gleißt der Strand im hellen Sonnenlicht. Der Sand streut die Helligkeit in alle Richtungen, so dass das Auge nirgendwo Linderung findet. Ich war klug genug, mir eine Cap mitzubringen, denn ohne Schutz hätte mein Hirn zu kochen angefangen wie ein Blumenkohl im Schnellkochtopf. Nur selten streicht an diesem Tag eine kühlende Brise über den Strand und wenn sich doch einmal ein Lüftchen hierher verirrt, fühlt es sich glühend heiß an wie die Winde über der Atacama.

Mit dem Auto folgen wir dem Strand nach Norden. Es tut gut, den Schweiß für einen Augenblick im kühlen Luftstrahl der Klimaanlage trocknen zu lassen. Die Piste ist fast hundert Meter breit und die letzte Flut hat den Sand zu einer betonharten Schicht verfestigt. Besucher gibt es nicht und der Wagen rollt leicht dahin über den Strand, der so ausgedehnt erscheint wie das Rollfeld eines Flughafens. Die Autos vor uns sind längst im Dunst irgendwo weiter die Küste hinauf verschwunden und hinter uns ist ebenfalls niemand zu sehen. Der Strand wirkt verwaist wie am Tage nach der Schöpfung.

Ich lasse meinen Sohn das Steuer übernehmen – was soll schon passieren, schließlich hat der Wagen Automatik und Gefahr, dass jemand überfahren wird, besteht auch nicht. Cool wie ein professioneller Rallye-Pilot nimmt er im Fahrersitz Platz und dann treibt er den Wagen mit Sechzig über die sich scheinbar endlos hinziehende Sandpiste. Ich muss ihn immer wieder zügeln, aber die fast unendliche Weite des Strandes verlangsamt die Bewegung und man könnte noch viel schneller fahren und würde dennoch den Eindruck haben, man krieche langsam dahin wie eine Schnecke.

Wir fahren bis nach Briceño. Rauschende Palmenhaine und grüne Hügel ziehen an uns vorbei, Strandhäuser und Berge von Treibgut, die der Ozean mit der letzten Flut ans Land geworfen hat. Kurz vor der Stadt treffen wir auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Einheimischen, die damit beschäftigt sind, etwas im Sand zu suchen. Die Szene wirkt so archaisch, dass ich mich für einen kurzen Augenblick in eine ferne prähistorische Zeit zurückversetzt glaube. Die Leute knien auf dem Strand und zerreiben den feuchten Sand zwischen den Fingern. Wenn ihre akribische Suche etwas zutage gebracht hat, stecken sie es in ein winziges Eimerchen, das jeder von ihnen bei sich hat. Man kann nicht erkennen, was sie sammeln, denn es ist zu klein.

Wir halten und meine Frau fragt ein Mädchen von etwa zehn Jahren, was sie denn da im Sand suchten. Das Mädchen bringt ein paar kaum verständliche Sätze hervor und spricht, als hätte es überhaupt keine Ahnung, was es da eigentlich tue (unser Sohn wundert sich und fragt uns leise, ob das arme Ding nicht ganz richtig im Kopf sei). Trotz mehrfachen geduldigen Nachfragens ist aus ihm nicht herauszubringen, was es ist, wonach man so angestrengt sucht. Ein paar der Erwachsenen gucken schon, als wären wir Sittenstrolche auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer. Meine Frau stellt die Befragung frustriert ein und wir drehen bei. Wahrscheinlich hatte man dem Kind eingeschärft, niemandem zu verraten, was man da tue. Ich vermute, die Leute waren auf der Suche nach Muschelstücken und Korallen, aus denen man Schmuck herstellen kann. Vielleicht hat man in dieser Gegend ein Monopol, das man eifersüchtig zu hüten bestrebt ist, und da kann man natürlich niemandem trauen, selbst wenn es sich augenscheinlich nur um harmlose Touristen wie uns handelt.

Mein Sohn fährt uns auch wieder sicher zurück zur Landspitze und stolz überlässt er mir schließlich das Steuer – so einfach kann Autofahren sein! Am Ausgang des Strandes, nur wenige Schritte vom spiegelnden Asphalt der Straße entfernt, hat ein Kokosverkäufer seinen Stand aufgebaut. Wie ein mächtiger Kazike liegt er in seiner Hängematte und wartet darauf, dass ihm die Straße die durstige Kundschaft direkt in die Arme treibt. Auf dem Schild an seinem Verkaufsstand soll man lesen „Se vende coco helado“ (eisgekühlte Kokosnuss zu verkaufen), geschrieben steht aber „Seven de coco hela do“. Völlig perplex, sinne ich geraume Zeit darüber nach, welche mystische Bedeutung die Zahl Sieben wohl im Zusammenhang mit Kokosnüssen haben könnte, bis mir plötzlich aufgeht, dass es sich keinesfalls um ein pythagoräisches Zahlenrätsel handelt, sondern bloß um eine simple Anzeige. Wir kaufen ein paar Cocos, denn bei dieser Hitze gibt es nichts Besseres, als den Durst mit kaltem Agua de coco (Kokoswasser) zu stillen.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein Junge am Straßenrand. Er wartet augenscheinlich auf den Bus, der entweder jeden Augenblick wie eine Fata Morgana aus der flimmernden Hitze auftaucht oder niemals kommt. Wir fragen, ob wir ihn mitnehmen können. Er nimmt unser Angebot an und wir fahren ihn zurück nach San Vicente, wo, wie er sagt, sein Onkel auf ihn warte. Meine Frau versucht ein wenig Konversation zu treiben, aber die ungewöhnliche Tatsache, dass ihn jemand Wildfremdes mit dem Auto mitgenommen hat, und der Umstand, dass das Auto auch noch vollgestopft ist mit neugierigen Gringos, scheinen ihn über alle Maßen zu beeindrucken. Er bringt kaum ein Wort heraus. Wir setzen ihn in San Vicente ab und fahren weiter zum „Pelícano“, denn so ein Strandausflug macht unglaublich hungrig.

Weihnachten mit Erol Sander

Von Santo Domingo aus ging es weiter nach Bahía. Es ist immer wieder ein Erlebnis, sich dem Meer zu nähern: Schon wenn man die salzige Seeluft riecht, hat man plötzlich den Eindruck, als wäre der Horizont viel weiter und der Himmel höher und die Luft wäre viel leichter zu atmen. Man mag sagen, das sei Einbildung, aber irgendwie gerät man augenblicklich in eine andere Stimmung. Das Leben fühlt sich so viel leichter an am Meer und die Leute scheinen viel weniger von den tristen Notwendigkeiten des Lebens getrieben als in den Bergen, wo alles schwer ist, als herrschte eine andere Schwerkraft, die unerbittlicher als anderswo am Gemüt der Menschen zerrt. Die Küste verspricht Leichtigkeit und der Ozean Vergessen. Man möchte den flüchtigsten Launen nachgeben und das Leben einfach treiben lassen, als wäre es ein Sandkorn in den Gezeiten.

Bei Pedernales stießen wir endlich auf die Küste und dann ging es eine Stunde auf der neuen Autopista nach Süden. Wir überquerten die Brücke, die Bahía bei San Vicente mit dem Festland verbindet, und fuhren in den goldenen pazifischen Sonnenuntergang. Die Tante wartete schon auf uns. Sie hatte eine ihrer Wohnungen, die sie über die Feiertage für gewöhnlich an zahlende Gäste vermietet, eigens für uns reserviert. Das Haus der Tante war übrigens eines von wenigen Häusern im Ort, die weihnachtlich dekoriert waren. Auch hier hatte man wie schon in Cumbayá den Eindruck, den Leuten liege nicht viel an Weihnachten. Jedoch geht man in die Kirche und feiert die Messe und für die Nacht an Heiligabend bereitet man ein großes Essen im Kreise der Familie, das dann genau Schlag Zwölf im Gedenken an die Geburt des Erlösers eingenommen wird.

Mein Sohn und ich warfen uns sofort aufs Bett, regelten die Klimaanlage, die im Haus der Tante nur selten benutzt wird, auf eisige Temperaturen herunter und zappten uns durch das Fernsehprogramm. Meine Frau hatte leider nicht so viel Glück an diesem Abend, denn als gute Katholikin war sie verpflichtet, die Tante und ihre Mutter zur abendlichen Messe zu begleiten. Was war ich froh, dass ich so ein Heide bin!

Im Fernsehen liefen die Avengers, aber in der Werbepause zappte ich ziellos durch das Programm und plötzlich sah ich ein bekanntes Gesicht. Wie um die Weihnachtszeit nahezu überall üblich, lief auch hier auf den meisten Sendern das unumgängliche „Familienprogramm“, also Herz-Schmerz-Filme der übelsten Sorte, Schmachtfetzen zum Davonlaufen oder zum Augenausweinen, je nach Seelenzustand. Es ist interessant zu sehen, dass viele Produktionen ganz offensichtlich auf einen internationalen Einheitsgeschmack abzielen, unabhängig davon, aus welchem Land sie stammen. Ein wenig verwunderte es mich dann aber schon, plötzlich das Gesicht Erol Sanders auf dem Bildschirm zu sehen. Ich schaltete sofort zu den Avengers zurück. Wir guckten dann noch bis in die Puppen. Viel später wiegte uns das Rauschen des Meeres endlich in den Schlaf (vielleicht war es auch nur das monotone Fauchen der Klimaanlage).

Familientreffen

Der Tag sollte noch eine Überraschung bereithalten: Irgendwann rief der Vater meiner Frau an, um mitzuteilen, dass er wieder wohlauf sei. Natürlich freuten wir uns, dass es ihm besser ging, denn schließlich ist er nicht mehr der Jüngste und mit Erkrankungen dieser Art sollte man nicht scherzen, zumal es in den tropischen Breiten Krankheitserreger gibt, mit denen Bekanntschaft zu machen, nicht sehr vergnüglich ist. Als meine Frau ihrem Vater sagte, dass wir uns gerade in Bahía befänden, verkündete er ohne eine Sekunde zu zögern, dass er noch heute zu uns kommen wolle. Wir könnten am Abend mit seinem Eintreffen rechnen.

Das war nun wirklich eine Überraschung und ein seltenes Beispiel blitzartiger Genesung. Meine Frau grübelte so angestrengt, dass ich ihre Gedanken förmlich hören konnte. Sie fragte sich, was der Entschluss ihres Vaters wohl zu bedeuten hätte. Anders als Männer, behaupten Frauen ja immer (und besonders gern hinterher), Vorahnungen zu haben, und ich glaube, wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie alles rückgängig gemacht. Aber jetzt war es heraus und wir konnten dem Schwiegervater, da er so guter Stimmung war, wohl kaum raten, er solle lieber in Santo Domingo bleiben. Das ungute Gefühl aber wollte nicht verfliegen.

Wir verabredeten uns für den Abend im „Muelle Uno“. Das ist ein Restaurant an der Buchtseite der Stadt, direkt am Wasser gelegen, und der Name ist auch passend, denn er bedeutet nichts anderes als Pier. Viele Restaurants der Stadt liegen direkt an der Bucht – die See ist viel ruhiger als an der Pazifikseite und die besorgten Restaurantbesitzer fürchten zu Recht die Naturgewalten. Sturmfluten haben immer wieder die Uferpromenade unter Wasser gesetzt und Palmen fortgerissen. Auf der Pazifikseite gibt es an der Promenade, die direkt am Strand vorbeiführt, eigentlich nur ein Restaurant. Von weitem würde man den schlichten weißen Bau für eine Strandbar halten, doch gibt es dort den besten Langustensalat an der ganzen Küste. Das Restaurant hat jeden Tag nur wenige Stunden um die Mittagszeit geöffnet – nur so lange, wie es frische Languste gibt. In der Feinschmeckerabteilung des KaDeWe müsste man für solch ein Gericht ein kleines Vermögen hinblättern. Auch hier ist das Vergnügen infolge Überfischung und gestiegener Nachfrage nicht ganz billig, aber zumindest ist es auch für den normalen Geldbeutel erschwinglich.

Als wir am Restaurant eintrafen, erwartete uns der Vater meiner Frau bereits. Er wirkte gesund und geradezu revitalisiert nach seiner kurzen schweren Erkrankung und wir wunderten uns über seine Agilität. Zu unser aller, vor allem aber zur Überraschung meiner Frau, erschien der Vater nicht allein (das war die Vorahnung!). Im Schlepptau hatte er gleich noch seinen ältesten Sohn, dessen Frau sowie deren halbwüchsige Töchter, und einen alten Freund, dessen Frau und dessen halbwüchsige Töchter. Uns begleitete nur der Cousin meines Sohnes, der Neffe meiner Frau. Insgesamt zählten wir nun zwölf Personen. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich zu freuen, dass wir uns endlich einmal trafen, nachdem der Schwiegervater allen von uns erzählt hatte. Wir machten uns miteinander bekannt und heiterer Stimmung begaben wir uns ins Restaurant.

Das „Muelle Uno“ bietet vor allem lokale Gerichte in großer Auswahl. Die Küche Manabís, das ist die Küstenprovinz, in deren Zentrum Bahía de Caráquez liegt, ist abwechslungsreich wie kaum eine andere Lokalküche Ecuadors und die meisten Einheimischen halten sie für die beste des ganzen Landes. Das mag damit zusammenhängen, dass über die Jahrhunderte immer wieder fremde Einflüsse über das Meer in die Region gelangt sind. Die Bewohner der Provinz haben diese Neuheiten stets begierig aufgenommen und kreativ verarbeitet. Selbstverständlich lud der Schwiegervater alle ein. Da zeigte sich wieder ganz der großzügige Spender, der er ist, und etwas anderes hätte er auch gar nicht akzeptiert.

Die meisten am Tisch langten ordentlich zu, bestellten Grillplatten, Fischsuppen, Berge von Reis und Gemüse, dazu noch Vorspeisen und Getränke. Man hatte den Eindruck, sie hätten in Vorbereitung auf diesen Abend seit Tagen gefastet, so gewaltig waren die Portionen, die sie orderten. Ich verspürte allenfalls leichten Appetit und wollte mich deshalb mit etwas ganz Einfachem begnügen. Also bestellte ich ein preiswertes Gericht, von dem ich glaubte, man würde es in einer bescheideneren Portion servieren.

Dann kam das Essen. Man brachte mir einen Teller, der fast begraben wurde unter drei gewaltigen Scheiben gegrilltem Rindfleisch. Es war gerade noch genug Platz für den Salat. Ich wunderte mich, denn ich hatte Menestra con arroz y carne, also Linsen mit Reis und Fleisch, bestellt. Von Reis und Linsen fand sich aber keine Spur. Doch dann kam noch ein zweiter Teller, auf dem sich ein Berg Reis türmte, hoch wie der Mount Everest, der zudem noch von einem Meer aus Linsen umspült wurde. Ich fragte mich, wer es fertigbringt, solche wahnwitzigen Portionen zu verspeisen. Ein Blick auf die Teller der anderen Gäste belehrte mich, dass es in der Tat keine kleinen Portionen gab – das waren Mahlzeiten für hungrige Sumo-Ringer, nicht für Normalmenschen. Die meisten schafften nur die Hälfte, den Rest ließen sie sich einpacken. Mein Gericht hatte gerade 4,50 Dollar gekostet, aber dafür war ich jetzt auch für die ganze Woche satt. Und es war wirklich gut. Ich genoss das Fleisch mit ein wenig Ají, einer scharfen Soße aus Zwiebeln und Chili. Das Essen war so lecker, dass akutes Suchtpotential bestand, und ich musste mich regelrecht zwingen aufzuhören, ansonsten hätte ich wohl weiter gegessen bis ich geplatzt wäre.

Mein Schwiegervater ist nicht nur spendabel, sondern er ist auch ein Mann, der sich um den Zustand der Welt sorgt, und der ihre derzeitige Verfassung als nicht sehr befriedigend empfindet. Er selbst bezeichnet sich als Marxist und er ergriff freudig meine Hand – geradezu wie die eines Verbündeten –, als ich im Tischgespräch offenbarte, dass ich Atheist sei. Man wundert sich nur, dass es hierzulande so wenige wie ihn gibt. Man muss kein besonders geschultes Auge haben, um die enormen Klassenunterschiede zu sehen und die Ungerechtigkeit, auf der sie gründen. Jedermann mit einem gesunden Gerechtigkeitsempfinden erkennt, dass Veränderungen notwendig, ja, unausweichlich sind, wenn diese Gesellschaft in Frieden leben will. Man würde erwarten, dass viel mehr Menschen diese Überzeugung teilen, zumal einem die Tatsachen förmlich ins Auge springen, aber die Reichen hierzulande kümmern sich nur um ihren Besitz und sie würden ihn jederzeit und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die berechtigten Ansprüche der Besitzlosen verteidigen.

Apropos Weltrevolution: Als waschechter Salonrevolutionär und als glühender Bewunderer der russischen Revolution hat mein Schwiegervater seinen Erstgeborenen selbstverständlich Lenin genannt. Für europäische Ohren klingt das natürlich äußerst merkwürdig, aber hierzulande sind solche aus der jüngsten Weltgeschichte entlehnten Vornamen nicht ungewöhnlich. Auf vorangegangen Reisen bin ich schon einem Stalin und sogar einem Hitler begegnet – das sind Namen, die im deutschen Standesamt alle Alarmglocken schrillen lassen würden, doch hier stört sich niemand an ihnen. Ich bezweifle sogar, dass die Mehrheit der Menschen hierzulande weiß, wer Lenin war und wahrscheinlich wüsste kaum einer etwas Gescheites über die Oktoberrevolution zu sagen. Eigenartig ist nur, dass es so wenige Bolivars oder Sucres gibt, also Menschen, die man nach den Heroen des Kontinents benannt hat. Mir ist jedenfalls noch keiner begegnet.

Es ist eine Ironie, dass Lenin, ich meine Lenin 2 (nicht den Berufsrevolutionär und Theoretiker der Weltrevolution), so gar nichts von einem Umstürzler an sich hat. Er gebärdet sich zwar wie ein linker Intellektueller und macht ganz den Eindruck eines streitbaren Salondiskutanten, aber in Wahrheit ist er ein Sybarit, wie man ihn lange suchen müsste. Als Genussmensch aus Leidenschaft verbringt er seine ganze Freizeit mit der unermüdlichen Suche nach guten Restaurants, die er dann besucht, um zum einen natürlich das gute Essen zu genießen und zum anderen um Freunde und Verwandte mit seinem nie versiegenden Redefluss zu beglücken. Menschen, die es verstehen zu genießen – die sowohl an gutem Essen als auch an der Gesellschaft anderer Menschen Gefallen finden –, sind mir allemal lieber als jene grimmigen Revolutionäre, die nur zu gern bereit wären, für den Himmel auf Erden die Menschheit durch die Hölle zu schicken.

Lenin hatte an diesem Abend übrigens eine interessante Geschichte zu erzählen: In erster Ehe war er mit einer Wittmer verheiratet, einer Nachfahrin deutscher Einwanderer. Die Wittmers hatten sich, neben anderen Deutschen, auf Floreana, einer der kleineren Inseln im Galapagos-Archipel, mit dem Ziel niedergelassen, dort nicht weniger als ein ganz neues Leben zu beginnen. Und in der Tat war es ein neues Leben, das sie auf dem öden Eiland fanden; es war nur nicht das Leben ihrer Träume. Fast alle Auswanderer waren Suchende, die auf der Insel eine Art Elysium zu finden hofften. Die meisten sind am Ende gescheitert, wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten. Der Traum von Autarkie und einem selbstbestimmten Leben ließ sich nicht verwirklichen. Nur die Wittmers fanden ein Auskommen: sie bauten ein Hotel. Es war eine ihrer Enkelinnen, die Lenin heiratete.

Lenin erzählte an diesem Abend noch viel über die Galapagos-Inseln und es war interessant, die Geschichte einmal aus der Perspektive ihrer Bewohner zu hören. Über Floreana und ihre deutschen Bewohner gibt es übrigens einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „The Galapagos Affair. Satan Came to Eden“ (erschienen 2013). Eigentlich wurde ich nur wegen des Films hellhörig, als Lenin von seiner ersten Ehe zu erzählen begann und dabei erwähnte, dass seine Frau von Floreana stamme. Familiengeschichten dieser Art interessieren mich sonst eigentlich nicht.

Wir ließen den Abend in einer Strandbar nahe dem Hotel meines Schwiegervaters bei Bier und Cocktails ausklingen. Rechtzeitig kam uns in den Sinn, dass wir das Auto für die Nacht an einem sicheren Ort unterstellen mussten. Lenin erbot sich sogleich, es doch einfach bei ihm zu lassen. Er hat ein Ferienhaus in San Vicente (das ist die Stadt auf der anderen Seite der Bucht) und da wir uns ohnehin gerade hier befanden, könnten wir das Auto auch gleich dalassen. Er bot sich sogar an, uns von San Vicente nach Bahía zu fahren. Gern willigten wir ein. Lenins Haus hat einen riesigen ummauerten Hof, auf dem man mit Leichtigkeit dreißig Fahrzeuge abstellen könnte. Er meinte, das Grundstück gehöre nicht ihm, sondern einer Frau, die zur Zeit in Florida lebe. Wenn es nach ihm ginge, würde er Ferienwohnungen darauf errichten lassen und diese für gutes Geld vermieten, doch die Eigentümerin hat kein Interesse und so ist die einmalige Chance vertan. Auf dem Grundstück wuchert derweil das Unkraut.

Nach Bahía

Bevor uns der Alltag einfängt, wollen wir noch einmal ein wenig ausspannen, die Seele baumeln lassen und den lieben langen Tag am besten gar nichts tun. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Bahía de Caráquez! Bahía liegt ähnlich wie San Francisco an der Spitze einer Halbinsel, die sich gleich einem Dorn in den Pazifischen Ozean bohrt. Zwischen Halbinsel und Festland liegt die Mündung des Rio Chone und die Stadt ist an drei Seiten von Meer umschlossen, so dass man bis vor ein paar Jahren immer ein wenig das Gefühl hatte, auf einer Insel zu leben. Doch dann errichtete man eine Dammbrücke, die nun Halbinsel und Festland miteinander verbindet. Für die Einwohner der Stadt ist das ein großer Vorteil, denn um aufs Festland zu gelangen, musste man früher eine Fähre nehmen oder mit dem Auto ganz um die Bucht herumfahren. Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an.

Die Busfahrt von Quito nach Bahia dauert elend lange. Auf der Karte sieht es gar nicht so weit aus, aber wenn man dann im Bus sitzt, merkt man, durch welch schwieriges Terrain die Ingenieure die Trasse legen mussten und es erscheint wie ein Wunder, dass es überhaupt eine Straße gibt. Alle Routen nehmen im Terminal Terrestre ihren Anfang. Das Terminal ist der zentrale Busbahnhof der Stadt und da es keine Eisenbahn gibt, ist auf dem Busbahnhof zu jeder Tageszeit ungefähr so viel los wie auf einem großen deutschen Zentralbahnhof. Früher befand sich der Busbahnhof mitten in der Stadt, doch seit ein paar Jahren hat Quito ein nagelneues Terminal. In der Hauptstadt, die von malerischen Bergketten umgeben ist, steht nur wenig freier Baugrund zur Verfügung, und so befindet sich der neue Busbahnhof etwas außerhalb. Man muss einen ziemlich weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Zwar gibt es einen Expressbus, aber wir sind bequem und so nehmen wir ein Taxi. Wir durchqueren die Stadt von einem Ende zum anderen und haben nur ganze elf Dollar dafür bezahlt. Das Taxameter zeigt acht an, doch da wir den Preis für die Fahrt vorher vereinbart haben, wollen wir nicht feilschen.

Geht man ins Innere des Terminal Terrestre, hat man den Eindruck, eine Tropenhalle betreten zu haben, denn zwischen den Treppenaufgängen und den Rampen für die Fahrgäste hat man üppige Blumenrabatten mit allerlei tropischen Gewächsen angelegt. Das Gebäude selbst ist eine moderne Konstruktion aus Glas und Stahl, alle wirkt sauber und gepflegt, etwas, das man nicht überall in Ecuador vorfindet. Von der riesigen, mit einer Glaskuppel überspannten Haupthalle gelangt man zu den einzelnen Gates mit den Bussteigen, von denen aus jeden Tag wahrscheinlich Hunderte Busse in alle Richtungen abgehen.

Bis zur Abfahrt unseres Busses haben wir noch ein wenig Zeit. Wir setzen uns in die Haupthalle und warten, dass der Abfahrtstermin heranrückt. Von den Bänken aus können wir unbeschwert den Publikumsverkehr beobachten, der träge an uns vorbeifließt. Es ist wirklich erstaunlich, was man dort so alles zu sehen bekommt. Wir hatten während der ganzen Zeit, die wir in Quito verbrachten, kaum Touristen zu Gesicht bekommen. Hier am Terminal Terreste begegnen uns nun einige mehr. Touristenströme freilich darf man nicht erwarten, denn Ecuador gehört nicht zu den Ländern, in denen der Massentourismus Fuß gefasst hat – zum Glück, muss man sagen, denn so ist vieles von dem, was das Land und seine Kultur ausmacht, in seiner ganzen Urspünglichkeit erhalten geblieben.

Die Touristen erkennt man übrigens – wie sollte es anders sein – ausnahmslos an ihrer Kleidung: Typisch sind die Trekkingschuhe mit Profilsohle, wenn man nicht gleich schwere Armee- oder Outdoorstiefel trägt. Quito ist zwar restlos asphaltiert und gepflastert, doch wenn man diese Leute sieht, hat man den Eindruck, die Stadt wäre eine jener unerschlossenen Ruinenstädte aus präkolumbianischer Zeit, von denen jeder Schatzsucher träumt. Die Cargohosen dürfen natürlich nicht fehlen, ganz egal ob nun lang oder als Shorts. Khaki und andere Brauntöne werden offenkundig bevorzugt. An den Gürtelschlaufen hängen meist Utensilien, wie man sie für den monatelangen Überlebenskampf im Dschungel gebrauchen könnte: Wasserflaschen an Karabinerhaken, Werkzeug und dergleichen mehr. In der Regel ist die Kleidung robust, ihre Pflege verlangt wenig Aufwand, als wollte man in Regionen reisen, zu denen die Kunde, dass es Waschmaschinen gibt, noch nicht vorgedrungen ist. Vervollständigt wird die Ausrüstung durch den Trekkingrucksack, selbstverständlich in Übergröße, wasserdicht und nach Möglichkeit in Tarnfarbe.

In Wahrheit besuchen die meisten jener sich wie Abenteurer gebärdenden Touristen nur die Städte. Sie sitzen mit ihren Trekkingschuhen in den Cafés und schlürfen Latte macchiato. Kaum einer von ihnen käme auf die Idee, wirklich durch den Dschungel zu wandern. Aber so mancher mag glauben, was ihm der Abenteuer-Reiseführer erzählt. Einem Ecuadorianer jedenfalls würde niemals einfallen, Trekkingschuhe und Cargohosen zu tragen, und schon gar nicht in seiner Hauptstadt.

Für unsere Reise von Quito zur Küstenprovinz Manabí waren sechs Stunden veranschlagt, tatsächlich wurden daraus acht. Quito liegt in einer Hochebene, die von schroffen Gebirgsketten, der Ost- und der Westkordillere, eingeschlossen wird. Um zur Küste zu gelangen, muss man zunächst die Westkordillere überwinden. Der Bus quälte sich die Berge hinauf. Manchmal ist die Steigung so stark, dass wir nur mit Schrittgeschwindigkeit vorankommen. Der Motor röhrt, als würde er gleich explodieren. Die Straße windet sich in unendlichen Serpentinen an fast senkrechten Hängen entlang. Rechter Hand geht es fünfhundert Meter in die Tiefe. Obwohl die Straßen in sehr gutem Zustand sind, wird uns klar, dass ein Fehler des Fahrers uns alle in den Abgrund reißen könnte. Im Talgrund sieht man Wasser durch Felsen sprudeln. Die Straße ist regelrecht in die Bergflanke gefräst; diese Seite des Berges ist so steil, dass man den Eindruck hat, sie stünde senkrecht. Alles ist mit sattgrüner Vegetation bedeckt. Wolkenschleier reißen von den Bergen und schweben mit dem Wind fort.

Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie es ist, durch die Anden zu reisen, schaue man sich „Aguirre – der Zorn Gottes“ an, den Film von Werner Herzog. Darin gibt es eine sehr eindrucksvolle Szene, in der die Expedition der Konquistadoren aus den Bergen ins Amazonas-Tiefland hinabsteigt. Ich habe den Eindruck, der Film hätte auch auf unserer Route gedreht worden sein können. Manchmal sieht man einzelne kleine Häuser aus dem allgegenwärtigen Grün herausstechen. Sie kleben wie Schwalbennester an den Bergen. Man fragt sich unwillkürlich, wer dort lebt, denn weder sieht man Straßen, die dorthin führen, noch gibt es Anzeichen für Felder oder Gärten, so dass es ein Rätsel bleibt, wovon die Bewohner dieser Häuser eigentlich leben. Ich möchte nicht glauben, dass sie vom Hubschrauber aus versorgt werden.

Dann ist die Passhöhe überschritten und es geht hinab zur Küste. Allmählich wird es wärmer und die Vegetation ist bald von tropischer Üppigkeit. Es gibt in dieser Gegend keine größeren Städte, das Land wirkt streckenweise wie verwaist. Menschen zeigen sich nur selten. Weiter zur Küste kommen unendlich scheinende Bananenplantagen ins Blickfeld. Hügel und flaches Land wechseln sich jetzt immer wieder ab. Wo es flacher ist, begegnen Weiden, auf denen Kühe und Pferde grasen. Meist ist das Land mit dichtem, grünen Buschwerk bewachsen, aus dem sich Palmen und Bananenbäume erheben.

Dann plötzlich, kilometerweit entfernt von jeder Ansiedlung, irgendwo zwischen Bananenbäumen und Palmen, kommen wir an einem Kentucky Fried Chicken vorbei, der tatsächlich so wirkt, als wäre er über Nacht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Man fragt sich, wer in dieser von Menschen verlassenen Gegend würde ein KFC-Lokal besuchen? Auf dem kleinen Parkplatz stehen einige Pickups – Kundschaft, wer immer das sein mag, gibt es also. Die Lokale mit dem KFC-Logo sieht man in Ecuador wesentlich öfter als etwa McDonalds und dessen zahlreiche Konkurrenten. Das mag daran liegen, dass die Ecuadorianer bevorzugt Hühnchen essen: es ist nahhaft, schmeckt gut und ist vor allem billig. Das Konterfei Colonel Sanders sieht man deshalb in fast jeder Stadt, in jeder Mall sowieso, den goldenen Bögen des McDonalds-Imperiums begegnet man hingegen nur selten.

Die Strecke zwischen Quito und Bahía de Caráquez führt durch zwei größere Städte: Santo Domingo und Chone. Santo Domingo ist nicht weiter erwähnenswert – eine unregelmäßige Zusammenballung von Häusern ohne Geschichte und Tradition. Dasselbe lässt sich über Chone sagen (die Einwohner behaupten natürlich das Gegenteil). Auf halber Strecke machen wir eine Pause bei einem Comedor, d.i. eine Art Kantine, in der man sich für wenig Geld satt essen kann. Die Hitze ist brutal: man steigt aus dem klimatisierten Bus und findet sich in einem Backofen wieder. Man möchte augenblicklich zerfließen. Die Mahlzeiten im Comedor kosten 3,50 Dollar und dafür bekommt man einen riesigen Teller mit Fleisch, Reis und Spaghetti (sic!) sowie Salat, die einem mit der Schöpfkelle auf den Teller gepappt werden. Das Getränk dazu ist gratis. Angesichts der Hitze ist es schon erstaunlich, dass die Leute solche gewaltigen Portionen vertilgen können. Trotz oder gerade wegen des Kantinencharmes – das Essen ist ausgezeichnet. Wir kaufen uns noch ein Eis-Sandwich für achtzig Cents (Sahneeiscreme zwischen Schokowaffeln – lecker).

Als wir nach Bahía kommen, ist es bereits Abend. Zur Halbinsel zu wird die Landschaft wieder hügelig; die Straße windet sich an der östlichen Seite der Landzunge nach Norden, zur Stadt. Bevor wir einen Blick auf den Pazifik erhaschen können – die letzten Strahlen der Sonne schwinden rasch – sehen wir die Cameroneras, die Shrimp-Farmen, deren Zuchtbecken sich kilometerweit im Innern der Bucht entlangziehen. Bevor die Shrimp-Züchter kamen und die ganze Küste in Beschlag nahmen, erstreckten sich hier weite Mangrovensümpfe. Die Mangrove ist längst vor den Menschen gewichen, nur im Innern der Buch, dort, wo das Wasser seicht ist, finden sich letzte grüne Inseln. Im Geäst der Mangrovenbäume haben Fregattvögel ihre Brutkolonie eingerichtet.

Es wird allmählich dunkel und voraus sehen wir die Lichter der Stadt in der Dunkelheit leuchten wie einen Cluster aus schwachen Sternen. Getrennt durch einen schmalen Sund, sieht man auf der anderen Seite der Bucht – dort befindet sich das Festland – San Vicente als leuchtendes Band aus funkelnden Lichtern liegen. Als wir die Stadt erreichen, ist es bereits stockdunkel. Bahía empfängt uns mit dichtem Verkehr und feiernden Menschen. Die Leute haben Ferien und viele zieht es zur Küste, ans Meer, wo sie ein paar unbeschwerte Tage am Strand verbringen wollen. Der Onkel meiner Frau holt uns mit dem Pickup von der Bushaltestelle ab. Wir laden die Sachen ein und wenige Minuten später sind wir im Haus einer Tante meiner Frau angekommen. Wir sind erschöpft von der langen, beschwerlichen Fahrt und sehnen uns nur noch nach Ruhe. Nach einer frugalen Abendmahlzeit sind wir reif für das Bett.