Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Endstation

Noch am selben Tag, an dem wir die Ufer des Río Napo erreichen, fahren wir weiter nach Tena. Tena liegt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt und hat man die Wassermassen, die den Wald wie ein Band aus flüssiger Milchschokolade durchschneiden, erst einmal überwunden, gelangt man auf der hervorragend ausgebauten Autopista schon nach wenigen Minuten ans Ziel. Die Stadt, die ähnlich Puyo kaum über die Dimensionen einer Kleinstadt hinauswächst, breitet sich recht malerisch an beiden Ufern des Río Tena aus, eines von unzähligen Strömen, die das Tiefland als dichtes Adergeflecht durchziehen. Östlich der Anden kennen die Flüsse nur noch eine Richtung – gen Osten – und nachdem sie Tausende von Kilometern durch dichten Urwald gereist sind, vereinigen sie sich mit dem Vater aller Ströme, dem Amazonas.

Über Tena ließe sich dasselbe sagen wie über Puyo, denn genau wie dieser Stadt sagt man auch jener nach, sie sei ein Tor zum Oriente (das ist das grüne Tiefland östlich der Anden). Leider pflegt der Besucher sich nie lange an Toren aufzuhalten, wenn die eigentliche Attraktion dahinter zu finden ist. Niemand reist in den Oriente, um dessen schöne Städte zu besuchen, denn schöne Städte gibt es hier nicht. Weit lohnender erscheint es da, sich alsbald auf die Suche nach dem wirklichen Wunder zu begeben: die unberührte, weithin ursprüngliche Natur.

Als Sprungbrett für Expeditionen aller Art eignet sich Tena indes ganz hervorragend und so verwundert es nicht, dass man in der Stadt selbst nur vereinzelt Touristen begegnet (man erkennt sie an den Trekking-Rucksäcken und am verwahrlosten Erscheinungsbild). Dafür wimmeln die Wälder der Umgegend wahrscheinlich nur so von Hobby-Entdeckern, Möchtegern-Abenteuern und Sofa-Desperados.

Wir haben von einem angeblichen Geheimtipp gehört: Irgendwo westlich der Stadt liegt ein Dorf namens Serena, in dessen Nähe es eine wunderschöne Badestelle mit einem Wasserfall geben soll. In meiner Phantasie schießt ein glasklarer Bach rauschend über eine Felskante. Als durchsichtige Wasserwand fällt er in einen türkisblauen Pool, dessen Ufer von einem Baldachin aus glänzendem Blattwerk beschattet wird. Feuerfarbene Orchideen leuchten aus dem Dunkel. Ein Regenbogen bricht sich im Sprühnebel … Nachdem wir uns in Tena umgesehen und nichts gefunden haben, das unsere Aufmerksamkeit augenblicklich in Beschlag genommen hätte, beschließen wir, das Wagnis einzugehen: Aufs Geratewohl fahren wir Richtung Westen, nach Serena.

Die Schwierigkeiten stellen sich ein, kaum dass wir die Stadt verlassen. Google-Maps, unser allwissender Begleiter, ist leider so nützlich wie der Navigations-Computer des Space-Shuttle bei der Suche nach einem Parkplatz – weder will die störrische Maschine einen Ort namens Serena kennen noch überhaupt Straßen, die dorthin führen. Die Karte zeigt lediglich ein einheitliches graues Nichts. Man könnte glauben, wir fahren durch ein Testgelände für thermonukleare Sprengsätze.

Zu unserem Glück gibt es noch Menschen. Wir fragen Einheimische, doch ihre Antworten sind keineswegs erhellender als die Nonsens-Vorschläge unseres Fährtensuchers aus dem Internet. Unisono gibt man uns zu verstehen, man hätte noch nie von einem Dorf mit dem Namen Serena gehört. Die Leute scheinen sich sehr zu wundern, was ein Haufen Gringos in irgendeinem Nest mitten im Wald zu suchen hat und vor allem fragt man sich, was diese komischen Fremden in der Pampa eigentlich zu finden hoffen.

Allmählich beginnen wir zu glauben, dass das Internet vielleicht doch Recht haben könnte und dass wir nichts weiter als einer Chimäre hinterherjagen. Uns schwant, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen wird. Doch das Schicksal hat anders entschieden: Wir treffen eine Frau, bei der der Name „Serena“ etwas zum Klingen bringt. Dunkel erinnert sie sich, schon einmal von diesem Ort gehört zu haben. Das erscheint uns sehr vielversprechend. Sie weist uns sogar noch vage die Richtung und wir fahren los, als jagten wir dem Gold von El Dorado hinterher.

Zunächst führt die Straße durch einen Flecken namens Pano, dann durch Talag und direkt dahinter macht der Asphalt einem wüsten Schotterweg Platz. Als wollte Google doch noch Recht behalten, verschlechtert sich der Zustand der Straße mit jedem Meter: Bald versinken die Räder in tiefen Spurrillen oder sie tauchen so hart in Schlaglöcher, dass man um seine Bandscheiben fürchten muss. Das Auto, das kaum mehr Bodenfreiheit hat als ein ordnungsgemäß bemannter Viererbob, setzt alle paar Meter mit einem hässlichen Schleifgeräusch auf. Auf dem Beifahrersitz wird derweil gejammert, was wir dem armen Wagen alles zumuteten. Niemand aber klagt darüber, welche Verwüstungen diese Maschine an meinem Nervenkostüm angerichtet hat – nach dieser Tour bin ich reif für den Therapeuten („Bitte nicht schreien! Das ist doch nur ein Autoschlüssel.“).

Die Straße ist mittlerweile nur noch eine bucklige Lehmpiste, eingeschlossen in unüberwindliche Mauern aus Grün. Wir sind ganz allein, verlassen von Google und der Welt. Anderen Fahrzeugen begegnen wir nicht, obwohl doch allein schon die Existenz der Straße – einer Art Straße – beweist, dass Menschen hier leben müssen. Uns beschleicht der nicht sehr einladende Gedanke, dass wir bis in alle Ewigkeit durch dieses grüne Labyrinth irren werden, wenn wir nicht bald einem rettenden Engel begegnen.

Wir beschließen, der Straße noch zehn Minuten zu folgen und dann umzukehren. Als wir gerade enttäuscht aufgeben wollen, taucht wie aus dem Nichts ein einsamer Spaziergänger auf. Ein älterer Herr schreitet würdevoll am Wegesrand entlang: eisgraues Haar und verwegener Schnurrbart, das Hemd offen wie ein Millionär im Jacht-Urlaub, den Bauch würdevoll vorgestreckt, die dicke Goldkette vergraben im üppigen Brusthaar. Wir erklären ihm, wonach wir suchen: paradiesische Wasserfälle und kristallklare Pools unter tropischem Mondlicht. Er hört uns zu ohne die geringste Regung und meint nur „rechts“. Wir sollen nach rechts fahren. Mehr sagt er eigentlich nicht. Ich kann sein Rasierwasser riechen – man lebt zwar in der Wildnis, aber unzivilisiert ist man deshalb noch lange nicht. Vielleicht denkt er, es sei nicht gut, mit Leuten zu reden, die ohne Google gar nicht lebensfähig sind. Immerhin hat er uns einen Wink gegeben und immerhin gelangen wir auch irgendwohin.

An der Weggabelung fahren wir nach rechts ab – und landen schon nach kurzer Zeit in einem Ressort. Das hat man davon, wenn man die Leute von hier fragt, denn wer im Wald lebt, sucht natürlich die Zivilisation. Nur diese merkwürdigen Gringos kommen auf die verrückte Idee, die dunkelsten Geheimnisse der Wildnis ergründen zu wollen. Wir fahren zurück zur Gabelung und nehmen den linken Abzweig. Die Straße windet sich Kilometer um Kilometer durch den dichten Urwald und endet schließlich an einem Fluss.

Da nur eine Fußgängerbrücke zum anderen Ufer führt, ist die Fahrt hier beendet. Pikanterweise befindet sich am Ende der Strecke eine Bushaltestelle. Die Straße krümmt sich in einer Schlaufe, so dass der Bus wenden kann. Um uns ist nichts als Wald und da drängt sich natürlich die Frage auf, wer hier wohnt, so dass er den Bus nehmen müsste. Wir sehen weder einen Bus noch Menschen, die ihn nutzen könnten. Es wäre sicher interessant, einmal den Berufsverkehr zu erleben.

Laut meinem Reiseführer, der kaum halb so dick wäre, wenn er nicht vor lauter Geheimtipps nur so strotzen würde, solle man den Fluss überqueren und rechter Hand dem Ufer folgen. Nach einem kurzen Spaziergang sei man am Ziel: Wasserfälle und ein paradiesischer Badepool erwarteten den Besucher. Außerdem befände sich ein hübsches ethnokulturelles Museum ganz in der Nähe; ein Besuch lohne sich. Wir gehen über die Brücke und folgen dem Fluss nach rechts, immer stromaufwärts. Ein schmaler Fußgängerweg führt in Reichweite des Ufers immer tiefer in den Wald hinein.

Zwischen den Strömen

Unser ecuadorianisches Abenteuer ist beendet, doch die letzten Berichte harren noch immer ihrer Niederschrift. Die Wochen vor unserer Abreise waren so turbulent, dass fürs Schreiben einfach keine Zeit blieb. Ich habe mir fleißig Notizen gemacht, so dass ich mich auch jetzt – mir scheint, eine Ewigkeit ist seitdem vergangen – noch an jede Einzelheit genau erinnere. Zwar kann ich mir keinen einzigen Namen merken (dies schließt die engsten Angehörigen durchaus mit ein), was ich aber gesehen oder erlebt habe, klammert sich mit solcher Zähigkeit an mein Gedächtnis, dass ich nichts davon je wieder vergessen werde, ehe es niedergeschrieben ist. Dieser Pflicht, die zugleich ein Vergnügen ist, möchte ich nun nachkommen.

Wir erreichen den Río Napo bei Puerto Napo, einer Stadt, die nicht weiter der Erwähnung wert wäre, wenn nicht zufällig an dieser Stelle die Straße den Fluss überwinden würde. Es gibt nichts, was uns veranlassen könnte, zu verweilen und so folgen wir, kaum dass wir den Strom überquert haben, dem Lauf der zimtbraunen Wassermassen nach Osten. Die Fahrt führt entlang einer idyllischen Landstraße, die sich durch üppig wucherndes Grün schneidet, das den Fluss nicht mehr verlässt, bis er, Tausende Kilometer entfernt, in den Amazonas mündet.

Zu unserem Glück ist das Terrain flach, denn solange unser Wagen nicht gegen Steigungen ankämpfen muss und nur immer hübsch rollen darf, kommen wir gut voran. Dem Anschein nach ist die Straße erst kürzlich asphaltiert worden. Wir sind seit einem Jahr im Land unterwegs und über die allgegenwärtige Bauwut mag man sich schon gar nicht mehr wundern: In ihrem Bemühen, die Infrastruktur modernen Standards anzugleichen, hat die Regierung selbst in den entlegensten Regionen ganze Arbeit geleistet. Die Straßen sind so gut wie nur irgendwo in Europa und man muss schon weite Strecken fahren und dann auch nur die wenig bekannten Nebenrouten nutzen, um Straßenverhältnisse vorzufinden, wie sie in Ecuador noch vor zwanzig Jahren fast überall gang und gäbe waren.

Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch ein Meer von Grün erreichen wir Misahuallí. Das Dorf wird in jedem Reiseführer als naheliegendes Ziel für denjenigen Reisenden gepriesen, der sich einen Eindruck vom Amazonas-Tiefland zu verschaffen hofft, ohne sich deswegen gleich einer mehrtägigen Urwald-Expedition anschließen zu müssen. Der Ort liegt recht abgelegen am Zusammenfluss von Río Misahuallí und Río Napo. Doch die Zivilisation ist längst bis in die entferntesten Gegenden vorgedrungen, und auf den schönen neuen Straßen finden Ideen ihren Weg mittlerweile fast so schnell in die Köpfe der Menschen wie durch das Glasfaserkabel, das Außenposten wie dieses Dorf am Rande der Welt mit den Knotenpunkten des Lebens verbindet.

Ein wenig idyllisch ist es in Misahuallí dennoch, wenn man auch von dem eigentlichen Dorf absehen sollte, das in seiner Beliebigkeit den meisten Dörfern in Ecuador in nichts nachsteht. Doch Auswechselbarkeit bis hin zur Ununterscheidbarkeit scheint ein Kennzeichen unserer modernen globalen Kultur zu sein. Demgegenüber stehen die Annehmlichkeiten: In diesem Flecken mitten im Urwald kann man Eiscreme-Sandwiches essen und eisgekühlte Coke trinken. Ich kenne keinen Ecuadorianer, der da geröstete Maden bevorzugen würde. Immer wieder wird kolportiert, das fettreiche Ethno-Food sei der bevorzugte Gaumenkitzel in den Wäldern am Amazonas. Ich habe nie jemanden die possierlichen Tierchen essen sehen und man müsste schon tief in den Wald hinein, um ein Menü à la Amazonica aufgetischt zu bekommen.

Der Zauber Amazoniens offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Zu weit schon ist der Mensch in den Wald vorgedrungen, als dass sich das Geheimnis offen zeigte. Dieses Land will entdeckt, will erkundet werden. Seine Schätze ringt man ihm nur mühsam ab – ganz gleich, ob es sich um wertvolle Rohstoffe handelt oder um ein unbezahlbares Fotomotiv. Doch dort, wo die trüben Wasser des Río Misahuallí sich in den Río Napo ergießen, kann der Besucher gerade noch erahnen, wie das Leben im Oriente gewesen sein mag, lange bevor jemand auf die Idee kam, Reiseführer für verwöhnte Großstadtbewohner aus der Ersten Welt zu schreiben.

Der Parkplatz, auf dem wir den Wagen abstellen, ist fast leer – Touristen gibt es offenbar kaum. Der Parkplatzwächter nimmt die drei Dollar Parkgebühr entgegen und als er unsere besorgten Gesichter sieht, beteuert er, dass dem Wagen nichts geschehen werde. Wir sind optimistisch, denn es ist ja niemand da, der das Auto aufbrechen könnte.

Wir gehen über die Hängebrücke, die sich über die braunen Fluten des Río Napo spannt. Der Fluss ist an die hundert Meter breit und dennoch gilt er hier in Misahuallí, das am Oberlauf liegt, noch als schmal, verglichen mit dem gewaltigen Strom, als der er sich träge in den Amazonas wälzt. Die milchkaffeebraunen Wasser treiben schneller unter uns hindurch als ein Mensch gehen könnte. Man sieht die Strömung aus der Tiefe aufwallen wie Suppe in einem Kochtopf und an den Uferfelsen bilden sich rauschende Schleppen.

Bunte Kanus, deren Form an halbierte Chili-Schoten erinnert, ziehen mit Motorkraft unter uns entlang. Der Fluss ist nicht sehr befahren. Wäre nicht das Dorf, wirkte er geradezu verlassen. Bereits hinter der nächsten Biegung verliert man das braune, glänzende Band aus den Augen und der Río Napo verbirgt sich unauffindbar im schattigen Grün des Waldes. Wir kehren zurück ins Dorf, das sich gleich einem Keil zwischen die Flüsse drängt.

An der Landzunge zwischen den Strömen ruhen die Kanus auf dem flachen Sandstrand, gleichsam erschöpft von langer Fahrt. An diesem Tag gibt es kaum Besucher. Die Guides vertreiben sich derweil die Zeit bei ihren Booten. Freilich wartet man nicht mehr darauf, dass einem Fische ins Netz gehen wie in alter Zeit. Man hat es auf lohnendere Beute abgesehen: Touristen. Meist fährt man sie hinter die nächste Flussbiegung, wo die Wunder des Urwalds nur darauf warten, besichtigt zu werden – so jedenfalls lautet das Versprechen.

Kaum ein Dutzend Besucher verliert sich am Strand. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich bei allen um Ecuadorianer. Die meisten scheinen sogar aus der Gegend zu stammen. Einer der Bootsführer versucht uns auf sein Kanu zu locken (unter all den Einheimischen fallen wir natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund), aber eine Stunde auf dem Fluss ist nicht mehr als eine Stippvisite, die kaum der Mühe lohnt, und für eine längere Bootspartie reicht die Zeit wieder einmal nicht aus.

Man sollte keine zu hohen Erwartungen hegen – die Geheimnisse, die der Wald vor den Menschen verborgen hält, werden nicht enthüllt, nur weil der Reisende sich in ein Kanu bequemt, in dem er dann ein paar Hundert Meter den Fluss hinunterfährt. Die Ufer des Río Napo sind in undurchdringliche Vegetation gehüllt und die Wunder, die zweifelsohne darin zu finden sind, offenbaren sich nicht schon deshalb, weil man das ortsübliche Transportmittel benutzt. Der dichte Wald bietet den Bewohnern des Amazonas-Tieflandes zuverlässigen Schutz vor neugierigen Blicken – wer würde sich nicht verstecken, wenn ein Boot mit lärmenden Touristen nahte, von denen sich mindestens die Hälfte mit dem berüchtigten Selfie-Stick bewaffnet hat.

Der Sandstrand in Misahuallí schmiegt sich weich wie der Körper einer Frau zwischen die Schenkel der Flüsse. An der Mündungsgabelung schweift der Blick weit über die trügerisch stillen Wasser ehe er sich im Dunkel des Waldes verliert. In den Bäumen am Ufer leben langschwänzige Affen, welche die Sicherheit des Geästs nur verlassen, um den Touristen unter lautem Geschrei die Snacks zu stibitzen. Der Mundraub bleibt folgenlos für die Menschen, ich glaube allerdings nicht, dass unseren tierischen Verwandten das Menschenfutter wirklich gut bekommt, da es schon bei uns Gicht, Arthritis und Fettleibigkeit auslöst. Weiter den Río Misahuallí aufwärts sieht man badende Kinder, Pärchen mit Picknickkörben und Familien, die sich für einige unbeschwerte Stunden am Ufer eingerichtet haben. Dennoch wirkt der Strand verlassen, als seien die Menschen nur zu Besuch und als würden sie in Wahrheit gar nicht hierher gehören.

Wenn man dem kleinen Bruder des Río Napo stromaufwärts folgt, ist man schon nach kurzer Zeit ganz allein. Die dichte Vegetation saugt die letzten menschlichen Stimmen auf wie ein Schwamm. Doch Wald und Fluss sind nicht still. Man hört das Rauschen des Urwald-Stromes, dessen braunes Band sich behände über flache Kaskaden ergießt. Begierig, sich mit seinem großen Bruder zu vereinen, eilen die Wasser dem mächtigen Río Napo entgegen.

Eine Nymphe liegt still im warmen Sand, versunken in einen Traum. Eine Regenflut hat sie auf den Strand getragen und die Hitze ließ den Leib zerfließen wie den Gallertkörper einer Meduse. Nur der Abdruck im Sand erinnert den Besucher daran, dass der Fluss die Heimat von Wesen ist, deren Rechte weit älter sind als die des Menschen.

Im Wald

Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.

Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.

Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.

Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.

Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.

Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.

Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.

Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.

Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.

Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.

Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.

Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.

Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.

Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.

Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.

Unter der Pyramide

Nachdem wir unseren schwächelnden Kreislauf mit Hilfe der uralten Hausmedizin Coca wieder in Schwung gebracht haben, steigen wir zur Pyramide auf. Das Pyramiden-Monument ist mit Sicherheit die beliebteste Destination für all jene Chimborazo-Touristen, die nicht die Absicht haben, den Gipfel des Eisriesen zu erklimmen. Streng genommen, handelt es sich gar nicht um eine Pyramide, sondern um einen recht stämmigen Obelisken, aber wer möchte schon als Klugscheißer gelten, zumal mit Rechthaberei nichts gewonnen wäre: Das Monument markiert keinen besonderen Punkt. Es steht nur für sich selbst oder zum Zeichen, dass die Menschheit sogar von diesem verlassenen und ödesten aller Orte Besitz ergriffen hat. Obelisken haben hierzulande keine Tradition, aber Pyramiden lassen an berühmte Hochkulturen denken, sie gemahnen an alte Götter und blutige Opferkulte, und Opfer hat der Berg immer wieder gefordert.

Öde ist die Gegend fürwahr, doch keineswegs verlassen: Ein bunter, nie abreißender Strom von Touristen zieht vom Parkplatz hinauf zum Monument. Für die meisten markiert die Pyramide, die kaum hundert Meter von der Sicherheit des eigenen Wagens entfernt liegt, zugleich den Endpunkt der Reise. Das Gelände ist nicht sonderlich steil, der Aufstieg verlangt keine bergsteigerischen Fähigkeiten. Jeder, der es aus eigener Kraft aus dem Fond seines SUV schafft, vermag auch bis zu dieser Stelle zu laufen.

Man könnte sogar noch höher hinaufsteigen, viel höher, doch die meisten ziehen es vor, ihr Abenteuer an diesem – wie sie meinen – besonderen Ort zu beschließen, in Tuchfühlung zur Carrel-Hütte, dem vorletzten warmen und sicheren Platz unter dem Gipfel, wo es Schoko-Doughnuts gibt und reich gefüllte Teigtaschen und wo man den Schwindel und das Rauschen in den Ohren mit heißem Coca-Tee bekämpft, der einem auch ein bisschen die Seele wärmt.

Das größte Problem ist die dünne Luft. Auf fünftausend Metern Höhe überlegt man sich jeden Schritt zweimal und an sportliche Aktivitäten sollte man gar nicht erst denken. Viele jener Besucher, die aus dem Flachland aufgestiegen sind, und deren Kreislauf demzufolge keine Möglichkeit hatte, sich allmählich an die Höhe zu gewöhnen, leiden schon bei der kleinsten Anstrengung unter Atemnot und Schwindelanfällen. Da wir in den letzten Monaten fast durchgängig auf gut zweieinhalbtausend Metern gelebt haben (Quito liegt auf rund 2.800 Metern und Cumbayá nur wenig tiefer), macht uns die Höhe nicht so zu schaffen wie diesen Frischlingen.

Der Pfad, der zur Pyramide hinaufführt, ist recht schmal und so ist man immer wieder gezwungen, über Geröll zu steigen, wenn der Zug der Gipfelaspiranten in den bunten Watteanoraks einmal ins Stocken gerät: Alle paar Meter sitzt jemand auf einem Felsblock, zusammengesunken zu einem Häufchen Elend, schwer atmend und mit fahlem Gesicht. Die dünne Luft macht den Leuten zu schaffen. Da hilft es auch nicht, dass man den von Atemnot und Schwindel Geplagten gut zuredet. Manche von ihnen scheinen nur wenige Höhenmeter vom Kreislaufzusammenbruch entfernt. Eine junge Frau macht den Eindruck, sie sei kaum noch ansprechbar. In den meisten Fällen hilft da nur der Abstieg. Hätten diese Wagemutigen es bis zur Pyramide geschafft, würden sie vielleicht eingesehen haben, dass der Preis für das flüchtige Gefühl, ein Abenteuer zu erleben, manchmal viel zu hoch ist.

Direkt an der Pyramide sind Gedenktafeln aufgestellt, die an jene erinnern, die ihren Traum vom Bergabenteuer mit dem Leben bezahlten. Manche der Tafeln erinnern tatsächlich an Grabsteine, doch ich bezweifle, dass auch nur einer der Unglücklichen hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat, in dieser kalten Einöde. Überdies fördern die klimatischen Bedingungen die Konservierung in besonderer Weise, wie man durch gut erhaltene Inka-Mumien weiß, die man in den letzten Jahren aus ihren eisigen Grüften nahe der schneebedeckten Gipfel der Vulkane hat bergen können. Die Vorstellung, irgendwann als Schauobjekt in einem Museum zu enden, eingeschlossen in eine Glasvitrine, hat etwas Bizarres und zugleich Beängstigendes an sich.

Auf manchen der Stelen sieht man Eispickel eingraviert, so dass man annehmen darf, es handele sich um Bergsteiger. Andere zeigen nur ganz schlicht den Namen des Verstorbenen sowie das Datum seines Geburts- und seines Todestages. Es ist immer tragisch, wenn ein junger Mensch stirbt, doch bei vielen der Verblichenen handelt es sich, wie man den Lebensdaten unschwer entnehmen kann, um alte Menschen. Der Chimborazo ist nicht hoch genug, um eine eigene Todeszone zu besitzen, aber ich frage mich dennoch, was fast Achtzigjährige dazu treibt, sich in alpinen Höhenlagen zu tummeln, wenn nicht Todessehnsucht.

Es ist bedrückend, so viele Tafeln zu sehen. Jede einzelne steht für den Tod eines Menschen – so viele Schicksale, die aus wenigen nüchternen Zeilen sprechen. Kaum einer der Bergtouristen in den bunten Anoraks interessiert sich für diesen Bergfriedhof, obwohl doch nur ein Umweg von wenigen Schritten nötig wäre, um der Toten zu gedenken.

Die meisten treibt es zur Pyramide oder in die Carrel-Hütte. Sie machen Fotos mit dem Handy, wobei sie sich in immer neue Posen werfen, den Berg als Staffage im Hintergrund. Manche haben gleich den berüchtigten Selfie-Stick mitgebracht, denn schließlich hat ein Foto nur dann Bedeutung, wenn man selbst darauf zu sehen ist. Für die meisten ist die Pyramide aber das Ultima Thule. Hier kehren sie um und gut gelaunt oder atemlos oder atemlos und dennoch gut gelaunt steigen sie wieder hinab in freundlichere Gefilde.

An der Pyramide haben wir Gelegenheit, zur Kenntnis zu nehmen, dass offenbar jeder, der der ecuadorianischen Geschichte irgendein Vermächtnis hinterlassen hat, eine Reise zum Berg unternahm. Merkwürdig genug, führen solche Reisen immer zu unwirklichen Orten wie der Tierra nevada, wo man doch genauso gut einen pazifischen Palmenstrand besuchen könnte, denn schließlich verlangt es die Reisenden nicht nach Entdeckerruhm, sondern nach innerer Einkehr (bei Humboldt waren es bekanntlich Forscherdrang und Eitelkeit). Aber Besinnung liegt der Costa fern; man ist eher dem Dies- als dem Jenseits zugewandt – kaum vorstellbar, dass dem Libertador unter Palmen ein Satz in den Sinn gekommen wäre, den man für würdig erachten könnte, einem sterbenden Freiheitskämpfer von den Lippen zu fließen.

Für eine stilechte Einkehr bedarf es der Stille und vor zweihundert Jahren musste man ganz gewiss noch nicht fürchten, von SUVs niedergewalzt oder von einer anorakbewehrten Meute erdrückt zu werden. Die Liste der berühmten Namen wäre nicht vollständig, wenn sich nicht auch der große Simón Bolívar in ihr verewigt hätte. Meine Frau schwelgt in Bewunderung. Was für ein Mannsbild, sogar unbezwingbare Berge hat er bezwungen! Ich habe Glück, dass der Libertador in den Heroen-Himmel entrückt ist.

So viel konzentrierte Bedeutungsschwere bleibt nicht ohne Wirkung: Angesteckt von dem Memento mori unterhalb der Pyramide und befeuert vom Beispiel der Prominenz, beginne ich über die Vergeblichkeit menschlicher Anstrengungen zu grübeln. Doch Rettung naht und noch rechtzeitig bevor mein Verstand sich im Tiefsinn verliert wie am Grunde einer Sickergrube, bringt mich ein alter Bekannter zurück in die Wirklichkeit.

Vater Abraham kommt mir in seiner signalbunten Schlechtwetter-Outdoor-Abenteuer-Kombi hurtig entgegengestiefelt, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Sein langer Rauschebart weht verwegen im Wind. Er hat die Whymper-Hütte doch noch gefunden. Bis dort hinauf sei es aber eine ziemliche Strecke, sagt er. Er meint, man könne auch noch höher aufsteigen, zur Laguna Condor Cocha, doch bei der Hütte sei für ihn Schluss gewesen – die Höhe.

Wir sind dem Himmel so nahe, dass wir ihn fast berühren könnten, doch wir stehen verloren wie Fremde in einer Landschaft, die sich als staubige Ödnis unter der ätherisch blauen Kuppel ausbreitet. Beklemmung kommt uns an, denn wir fühlen, dass sich die Seele hier niemals heimisch fühlen könnte. Über uns erhebt sich drohend das Eisgebirge des Chimborazo, doch wir plaudern so geschwätzig gegen das Gefühl der Verlassenheit an, dass es scheint, wir hätten uns irgendwo in Bahía zufällig auf der Straße getroffen. Ein schneidend kalter Wind streicht um meine nackten Waden und in meiner dürftigen Kleidung beginne ich allmählich zu frieren. Ich muss in Bewegung bleiben.

Ich verabschiede mich von Vater Abraham mit dem Hinweis, dass ich ebenfalls zur Hütte aufsteigen wolle. Ich dränge weiter. Es ist kein unfreundlicher Abschied, zumal es auch ihn wieder nach unten zieht, ins warme Innere seines allradgetriebenen Wagens. Mich aber zieht es mit Macht hinauf zum letzten Refugium der Zivilisation, zur fernsten Exklave der Menschheit im Niemandsland zwischen Himmel und Erde, zu einem Ort namens Whymper-Hütte.

Vater Abraham und die Lamas

Wir nähern uns dem Chimborazo von Südosten. Von Riobamba aus, wo wir die Nacht verbrachten, folgen wir der Panamericana ein Stück weit in umgekehrte Richtung. Nur wenige Kilometer vor der Stadt, kurz hinter einem Flecken namens Calpi, nehmen wir einen Abzweig, der uns in nordwestliche Richtung führt, hinauf zum Chimborazo.

Die Straße ist in vorzüglichem Zustand, der Asphalt so frisch, als wäre er auf die Nachricht unseres Kommens erst in der Nacht zuvor wie ein roter Teppich ausgerollt worden. Wir hoffen, dass uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, aber ausgerechnet an diesem Morgen ist es trübe und regnerisch. Ein kalter Wind treibt immer wieder feuchten Dunst über die zerklüftete Landschaft. Jede Böe lässt uns zittern. Nieselregen, fein wie Vapor, durchtränkt das Land mit kalter ungesunder Nässe. Die Feuchtigkeit dringt durch sämtliche Kleiderschichten und das Frösteln kriecht einem über den Rücken wie Spinnenbeine.

Der Chimborazo, mit seinen offiziell 6.310 Metern der höchste Berg des Landes, erhebt sich im äußersten nordwestlichen Zipfel der gleichnamigen Provinz. Als sei er eine Grenzfestung, deren unüberwindliche Mauern sich des Ansturms feindlicher Nachbarn zu erwehren hätten, verläuft nur wenige Kilometer nördlich und westlich der Abhänge des Vulkans die Provinzgrenze – im Westen liegt Bolívar, im Norden Tungurahua, eine Provinz, die ihren Namen ebenfalls einem berühmten Vulkan verdankt.

Die Straße, die uns zum Berg führt, überschreitet diese Grenzen, aber da uns keine Schranke und keine weiße Linie auf dem Asphalt daran erinnern, merken wir es nicht. Die Grenzen, die uns der Berg setzt – Eis und Kälte, dünne Luft und Atemnot –, können wir nicht überschreiten und wir wollen es auch gar nicht. Wir belassen es bei einem Besuch an der Pforte, von der aus uns ein flüchtiger Blick ins Reich des ewigen Eises vergönnt ist.

Wir steigen immer weiter ins Gebirge auf. Würden wir der Straße folgen, müssten wir den Berg, der schon bald rechter Hand aus dem Dunst auftaucht, hinter uns lassen und den Pass von El Arenal überwinden, der die Kordillere auf einer Höhe von 4.320 Metern übersteigt. Die Passstraße steht uns noch auf dem Rückweg bevor, doch wir sollen uns gehörig täuschen, als wir leichtsinnig annehmen, dies sei schon der schwierigste Abschnitt der Strecke.

Kurz vor der Passhöhe von El Arenal gibt es einen Abzweig nach Osten. Auf der Schotterstraße, die hier ihren Anfang nimmt, gelangt man hinauf zu einer Stelle direkt unterhalb des eigentlichen Gipfelmassivs. Der wagemutige Reisende ist jedoch gut beraten, sich ausreichend zu motorisieren. Unser Wagen taugt leider nur für gemütliche Flachlandfahrten und es erfordert schon einiges an fahrerischem Geschick und darüber hinaus bedarf es auch noch des vielbeschworenen Quäntchens Glück, um diesen flügellahmen Blech-Ikarus bis an den Rand des Himmels zu hieven.

Und dann sehen wir zum ersten Mal den Berg. Eine Nebelwand öffnet sich wie ein Vorhang und die Natur gibt die Sicht frei auf ein Schauspiel, wie man ihm im Leben wohl kaum ein zweites Mal beiwohnen darf: Hinter einem sanft geschwungenen Hang, der in einen dichten Pelz stacheligen Grases gekleidet ist, thront fern und unnahbar der majestätische Chimborazo. Noch ist das Geheimnis nicht vollständig gelüftet, denn noch zeigt sich der Bergriese nicht in seiner ganzen Pracht, aber allein dieser flüchtige Blick durch den Nebel lässt die gewaltige diamantförmige Felspyramide erahnen. Wir können es kaum erwarten, dem Berg von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

Die Gegend rund um den Vulkan wirkt verlassen. Obwohl man allerorten Felder und Weiden sieht, erscheint das Land so leer, als sei es durch ein schreckliches Ereignis entvölkert worden. Der düstere Himmel drückt auf das Gemüt und betrachtet man diese Landschaft nur lange genug, fällt es schwer, sich jener Traurigkeit zu erwehren, die einem wie die feuchte Kälte bis in die Seele zu kriechen scheint. Man hat den Eindruck, niemand könnte hier leben, ohne früher oder später lebensbedrohlicher Schwermut zu verfallen.

Bergbewohner

Wir freuen uns, dass wir doch noch typische Bewohner dieser Gegend treffen: Lamas. Als wir die friedlichen Tiere mit dem warmen wolligen Fell vor uns auf der Straße laufen sehen, glaube ich einen Augenblick lang, es handele sich um Schafe, doch als wir uns nähern, ist der Irrtum schnell aufgeklärt. Ein Hirte führt die Herde auf eine neue Weide und die gutmütigen Lamas lassen sich bereitwillig durch das Gatter lenken. Wir wollen uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und so halten wir und machen Fotos. Die Tiere, an die Nähe des Menschen gewöhnt, zeigen nicht die geringste Scheu. Sie blicken gleichgültig in die Kamera und äsen einfach weiter, als sei es ihr Job, dem Touristen zu jenen Erinnerungsbildern zu verhelfen, die das bekannteste Klischee von den Anden auf das Schönste bestätigen.

Lamas sieht man weitaus seltener als es einem die einschlägigen Reiseanbieter weiszumachen versuchen, und wenn man nicht den abgelegensten Routen durch die Berge folgt, bekommt man sie gar nicht zu Gesicht. Auch ein anderer Reisender nutzt die Gunst der Stunde. Die bunte Wetterschutzkleidung, die er am Leib trägt, weist ihn unzweifelhaft als Touristen aus, und als wir ein paar Worte wechseln, zeigt sich, dass er sogar ein Landsmann ist. Mit seinem langen silbrigen Rauschebart könnte man ihn glatt mit Vater Abraham verwechseln (das ist der mit den Schlümpfen) oder ihn, passend zur Landschaft, für eine Art Alm-Öhi halten. Wir sollten ihm noch öfter begegnen, denn der Tourist folgt – ob er nun will oder nicht – den immer gleichen ausgetretenen Pfaden ins Abenteuer.

Die Straße führt noch höher hinauf. Sie taucht durch Mulden und fräst sich durch Hügel. Die Böschungen beiderseits der Fahrbahn wirken wie frische Schnitte in den Leib der Erde. Wie die Schichten eines Baumkuchens stapeln sich die Zeitalter: jede Lage ein Vulkanausbruch oder ein Staubsturm, eine Gerölllawine oder ein Ascheregen – Tausende Jahre Erdgeschichte, zusammengedrängt auf wenige Meter. Kaum einem Bergtouristen ist der Blick in die Eingeweide des Planeten einen kurzen Stopp wert, aber ich muss unbedingt ein Foto machen.

Irgendwann fahren wir über eine weite Geröllebene, die sich schräg gegen den Himmel neigt, als wäre plötzlich die Erdscheibe gekippt. Wir befinden uns bereits auf der Flanke des Vulkans. Rechter Hand gleitet der Hang ab ins Nirgendwo. Um uns herum ist nur noch Himmel. Am Rande, dort wo der Berg wie abgeschnitten endet, heben sich plötzlich mehrere grazile Gestalten gegen das einheitliche Grau des Himmels ab. Das sind Vicuñas, die wilden Vettern der domestizierten Lamas.

Man bekommt diese Tiere nur sehr selten zu Gesicht, denn anders als ihre Verwandten, sind sie überaus scheu. Sie dulden den Menschen nicht in ihrer Nähe und beim leisesten Anzeichen dafür, dass man sich ihnen nähern wolle, entfernen sie sich. Sie fliehen aber nicht einfach. Ich habe fast den Eindruck, sie meiden uns, wie man jemanden meiden würde, den man auf den Tod nicht ausstehen kann – unauffällig, diskret, aber bestimmt. Ein Mensch könnte die eleganten Läufer ohnehin nicht einholen. Wir sind auf über viertausend Metern Höhe und die Landschaft gleicht der Marswüste. Ich frage mich, wovon die scheuen Tier leben.

Per aspera ad astra

Die Straße ist nur noch ein staubiger Schotterweg, der sich in Serpentinen am Berg hinaufwindet. Eigentlich ist die Steigung nicht sehr groß, doch der schwachbrüstige Motor röchelt in der dünnen Luft wie ein Schwindsüchtiger. Schon die kleinste Mulde im Boden erweist sich als schwerwiegendes Problem und nur ständige Aufmerksamkeit und geschicktes Fahren retten uns jetzt noch davor, hilflos in der Einöde liegen zu bleiben. Einige Male überlegen wir ernsthaft, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Doch dann müssen wir uns selber zur Räson rufen, denn schließlich sind wir fast am Ziel und jetzt aufzugeben, wäre eine Schmach, die uns auf ewig anhängen würde.

Meist tasten wir uns im ersten Gang vor und nur mit ein wenig Glück gelingt es auch einmal, in den zweiten hochzuschalten. Damit ist die Maschine schon an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angelangt. Doch es gibt kein Halten, wir müssen immer weiter, denn stehenzubleiben, käme einer Katastrophe gleich: In dem staubtrockenen pulvrigen Schotter können sich die profillosen Reifen nicht festkrallen und beim Anfahren drehen sie einfach durch. Einige Male bleiben wir dennoch stehen, weil der Wagen an einer Steigung erschöpft aufgibt – am Hang verhungert. Nach einer langen Schrecksekunde geht es dann aber doch irgendwie immer weiter: Es ist jedes Mal ein nervenaufreibendes Kunststück, dieses Ärgernis von einem Auto wieder in Gang zu bringen.

Während wir darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, dass alle bis auf den Fahrer ausstiegen, um den Wagen ein wenig zu erleichtern, donnern immer wieder SUVs mit aufheulendem Motor an uns vorbei. Die Fahrer beschleunigen, dass die Räder nur so durchdrehen. Staubfontänen sprudeln in die dünne Luft. Ich bin nicht sehr erbaut angesichts der Vorstellung, die letzten Meter auch noch zu Fuß zurücklegen zu müssen.

Ich verfluche diese Angeber in den SUVs mit den verdunkelten Scheiben und ich verfluche unser Auto und alle Autovermietungen gleich mit (Meine Flüche sind wahrscheinlich gar nicht wirksam, weil ich sowieso nicht an die Macht von Flüchen glaube). Mein Groll wird schnell wieder besänftigt, denn zur rechten Zeit entsinne ich mich eines wichtigen Naturgesetzes, einer Wechselbeziehung, die als bewiesener Lehrsatz dieselbe unumstößliche Gültigkeit beanspruchen kann wie das Newtonsche Gravitationsgesetz: Danach steht die PS-Stärke des Autos in reziprokem Verhältnis zur Größe gewisser Körperteile des Fahrzeugbesitzers (kleiner Tipp: Es sind nicht die Ohren). Ich kann den Fahrern dieser großen, großen Autos nicht länger böse sein; ich empfinde sogar ein wenig Mitleid mit ihnen.

Hütten, Pyramiden und tonisierende Tränke

Es kommt einem Wunder gleich, dass wir unser Ziel in 4.800 Metern Höhe überhaupt erreichen: ein Parkplatz, der so dicht mit Autos zugestellt ist wie die Parkflächen vor Kaufland an einem samstäglichen Verkaufsvormittag. Nur mit Mühe finden wir eine freie Stellfläche. Ich steige aus und sehe mich ein wenig um, und sofort erfasst mich das Bergfieber. Ich will hinauf, immer nur hinauf, höher und höher. Die meisten Besucher scheint derselbe Wahnsinn umzutreiben, denn eine Kette aus bunten Watteanoraks bewegt sich vom Parkplatz aus hinauf zur Pyramide, einem Monument und einer bekannten Landmarke etwa hundert Meter oberhalb der Carrel-Hütte.

Als ich ziellos herumlaufe, begierig, alle Eindrücke aufzusaugen wie ein Schwamm, stehe ich plötzlich vor meinem Landsmann, demselben, dem ich schon einmal bei der Lamaherde begegnet bin und den ich einen Moment lang (irrtümlich) für Vater Abraham hielt. Er fragt mich, wo denn die Whymper-Hütte sei. Ich habe keine Ahnung, aber da diese Berghütte von allen Außenposten der Menschheit in der größten Höhe zu finden ist, nehme ich an, man müsste, um dorthin zu gelangen, den Berg nur weiter hinaufsteigen.

Er scheint mich für den einzigen kundigen Menschen zu halten und in der Tat muss ich in meinen Cargo-Shorts und mit meinen nackten Waden in dieser Höhe – wir sind nun auf fast fünftausend Metern – einen recht verwegenen Eindruck hinterlassen. Wahrscheinlich denkt er sich, wer die Chuzpe hat, mit kurzen Hosen bis an den Rand des ewigen Eises aufzusteigen, würde auch mit Leichtigkeit zum Gipfel marschieren, und zwar noch vor den Frühstücks-Cornflakes (tatsächlich muss man Nachts aufbrechen, um den Abstieg noch rechtzeitig vor dem Abend zu schaffen).

Mit einiger Sicherheit kann ich erklären, dass ich seit Humboldt gewiss der erste bin, den der Berg in kurzen Hosen und Sommerjacke sieht. Wer mich erblickt, muss denken, dass mir die schneidende Kälte und die dünne Luft nichts ausmachen. Doch das ist alles nur ein Missverständnis, denn meine lange, warme Hose ist mir vom Bund bis in die Kniekehle zerrissen, ausgerechnet beim Zitronenpflücken auf der Finca eines Freundes.

Und so stehe ich nun am Rande des Parkplatzes wie ein Strandurlauber am Pazifik, während alle anderen in dicken Thermo-Anoraks und Bergstiefeln zur Pyramide aufsteigen. Doch ich fühle mich von einer Woge jener Euphorie getragen wie sie vor über zweihundert Jahren Humboldt erfasst haben muss, als er den Berg zum ersten Mal sah. Die schockierten Blicke, die ich für meinen leichtsinnigen Aufzug ernte, beflügeln meine Hybris und ebenso sehr befeuern sie meine Entschlossenheit. Ich fürchte, der Höhenrausch hat mich erfasst.

Wir kehren kurz in die Carrel-Hütte ein, um uns für den bevorstehenden Aufstieg zu wappnen. Die Hütte liegt nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt und ist für gewöhnlich der erste Anlaufpunkt des Laien-Alpinisten. In der dünnen Höhenluft kriecht einem die Kälte rasch bis in die Knochen und dann ist man froh über einen gemütlichen Platz in der mollig warmen Hütte. Auf dem Tresen stehen Doughnuts mit dicker Schokoladenglasur und reich gefüllte Teigtaschen. Wer sonst auch streng auf seine Linie achten mag, hier ist er dankbar für die gehaltvolle Stärkung.

Wir haben genug Reserven und so nehmen wir Vorlieb mit einem erprobten Hausmittel gegen die Höhenkrankheit – Coca-Tee. Mit etwas Zucker schmeckt der heiße Sud gar nicht so schlecht und nachdem ich meine Tasse ausgetrunken habe, fühle ich mich elektrisiert bis in die Haarwurzeln. Meine Wangen glühen und mein Kopf ist so leicht, als wäre mal eben kurz durchgelüftet worden im Oberstübchen.

Übrigens heißen die Berghütten „Whymper“ und „Carrel“ zu Ehren der Erstbesteiger. Das war im Jahre 1880, ein Menschenleben nach Humboldt. Edward Whymper war Engländer und mit Sicherheit wird er im letzten Biwak vor dem Gipfel seinen Tee getrunken haben – keine heroische Großtat zum Ruhme des Empire ohne Tee! Vielleicht schwammen da in Whympers Tasse, passend zum Anlass, ein paar Coca-Blätter.

Über uns wächst der Berg in einen Himmel, in dem das reine kristallklare Azurblau mit jeder weiteren Stunde die Oberhand gewinnt. Der Himmel ist so nah, dass man beinahe die Hände in seinem Blau baden könnte (auf dem Bild hebe ich schon mal die Arme). Wir schließen uns dem Zug der anorakbewehrten Hobby-Alpinisten an und steigen auf zum Pyramiden-Monument. Es sollte nicht die letzte Station sein.

Zweihundert Blogposts

Hundenarren

Am nächsten Tag bezwingen wir die 444 Stufen, die uns hoch hinauf nach Las Peñas führen. Obwohl das Viertel so etwas wie das Schaukästchen der Stadt ist und normalerweise Touristen in Scharen hierher pilgern, sind wir an diesem Tag allein. Außer einigen Anwohnern, die heimlich aus der Tür lugen, und den unentbehrlichen Polizisten, die für Sicherheit sorgen, begegnen wir niemandem. Erst oben auf dem Gipfel, unter dem Leuchtturm, sehen wir wieder Touristen; Ausländer finden sich freilich nicht unter ihnen. Wir machen Fotos und steigen durch die verschlungenen Gassen des Viertels zum Ufer des Río Guayas hinab.

Die Uferpromenade macht einen belebteren Eindruck, doch viel ist auch hier nicht los. Die Leute fotografieren sich vor dem Guayaquil-Schriftzug und Kinder versuchen, auf die monumentalen Buchstaben zu klettern. Seit unserem letzten Besuch hat man die Lettern mit den Farben der Stadt geschmückt: Himmelblau und Weiß. Das Banner mit den Sternen war sogar einmal die Nationalfahne des Landes bevor die bolivarianische Trikolore in Rot, Blau, Gelb – die Farben Gran Colombias – es wieder ablöste. Überall in den Straßen sieht man die Fahne Guayaquils wehen und fast könnte man den Eindruck gewinnen, die stolzen Guayaquileños zögen ihr Sternenbanner der Trikolore vor.

Der Hund ist von dem stundenlangen Spaziergang erschöpft und möchte sich nur immerfort hinsetzen. Aber noch können wir ihm keine Rast gönnen, erst müssen wir wieder zurück zum Hotel. Später im Auto hat er es dann ruhig und bequem. Auf der Promenade sind keine Hunde erlaubt und so fordern uns die schmucken Politessen ein ums andere Mal auf, das Tier zu tragen. Mittlerweile sind jedoch auch wir mit jener Renitenz gegen jede Art Gesetz infiziert, wie sie für die Bewohner dieses Landes typisch ist, und deshalb tragen wir den Hund auch gerade so lange, wie die wachsamen Augen des Gesetzes auf uns ruhen. Schließlich wiegt das Tier acht Kilo und mit der Zeit werden einem die Arme lahm.

Als wir schließlich das Hotel erreichen, fällt den Jungs wie aus heiterem Himmel ein, dass sie unbedingt noch einen Milchshake bräuchten, andernfalls könnten sie nicht abreisen. Die Drohung ist ernst. Wir könnten sie freilich einfach hier lassen, aber wer soll sich dann um den Hund kümmern? Es trifft sich gut, dass wir in der Nähe einen Wendy´s gesehen haben. Nur kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wo das gewesen sein soll, doch unser Freund Google-Maps hilft uns wieder einmal aus der Patsche. Ich warte mit dem Hund vor dem Laden (Hunde dürfen nicht hinein), während die anderen die Shakes ordern. Der Laden ist so voll, als würde man gerade Baconator mit extra crispy Bacon verschenken. Es dauert geraume Zeit, bis die Jäger wieder mit ihrer Beute auftauchen. Ich harre derweil geduldig vor dem Eingang aus.

Man glaubt gar nicht, wie viele Leute man trifft, wenn man mit einem Hund vor dem Fast-Food-Restaurant steht – kaum einer, der ihn nicht zu streicheln versuchte oder nach seinem Namen fragte. Und der Hund ist glücklich, dass er so viel Aufmerksamkeit bekommt: Zwei ältere Damen, beide klein, übergewichtig, stark geschminkt, auf den Köpfen monströs auftoupierte Frisuren, heben den Hund auf, herzen ihn, drücken in an ihren Busen und knuffen ihn so liebestoll, dass mir wirklich Bange wird und ich schon fürchte, sie könnten ihn zerquetschen. Es scheint, sie wollten ihn nie wieder hergeben – oder aufessen – und tatsächlich können sie sich nur mit Mühe losreißen. Bereits im Gehen begriffen, drehen sie sich immer wieder um, werfen dem Hund Kusshände zu und winken ihm hinterher wie verliebte junge Dinger.

Ein Typ, der aussieht wie der Geldeintreiber des lokalen Mobs, streichelt das Tier. Er hält sich gar nicht erst damit auf, meine Erlaubnis einzuholen. Nach einer Weile fragt er mich wie beiläufig, ob der Hund einen Namen hätte. Er lüftet lässig die Sonnenbrille und ein eisiger Blick trifft mich. Ich sage ihm, wie der Hund heißt – das ist ja kein Geheimnis –, aber im selben Augenblick fühle ich, dass dies ein Fehler war, denn ich glaube nicht, dass der Hund sich Schutzgeldzahlungen leisten kann, zumal er von uns nur Leckerlis bekommt.

Geheimnisse des French Toast und echte Wikinger

Bahía de Caráquez, die Stadt am Pazifik, wird von drei Seiten von Wasser umschlossen. Bis vor wenigen Jahren verlief die einzige dünne Lebensader, die den Ort mit dem Festland verband, entlang des Grates der Halbinsel, an deren Spitze Bahía liegt. Dann erbaute man unter großen Kosten und Mühen eine Brücke, welche den Einwohnern der Stadt nun eine schnellere Verbindung zum Rest der Welt gestattet. Doch Bahía bleibt seiner insularen Bestimmung treu: Auch wenn man heutzutage nicht mehr die beschwerliche Fahrt über die Halbinsel in Kauf nehmen muss, weil man das Festland in wenigen Minuten über die neue Brücke erreichen kann, bleibt einem doch das Gefühl erhalten, man befände sich auf einer Insel.

Die Nähe des Meeres nimmt dem Leben die Schwere und obwohl es hier in Wahrheit nicht leichter sein mag als an anderen Orten in Ecuador, befällt jeden, der die Stadt besucht, schon nach kurzer Zeit ein Gefühl der Sorglosigkeit gleich einer Amnesie. Aller Ungemach fällt ab und alle lästigen Verpflichtungen, alle Notwendigkeiten (wahre oder eingebildete), die der Reisende in der Welt jenseits des Meeres zurückgelassen hat, beginnen zu verblassen, als hätte das Rauschen der Wellen sie ausgelöscht. Der Ozean übt eine eigenartige, fast schon hypnotische Anziehungskraft aus auf alle, die nach festem Grund suchen im Wildwasser des Lebens. In Bahía, der Stadt im Meer, finden sie ihre friedliche Insel, und die Welt scheint sich um sie zu drehen wie der Hurrikan um ein Auge vollkommener Windstille.

In den letzten Jahren ist Bahía zum Refugium eines bunten Völkchens von Expats geworden – Auswanderer, Wanderer zwischen den Welten, gestrandete Reisende, Weltflüchtige, Träumer und Suchende. Mit den Immigranten wurde die Stadt zum Emporium für Sehnsüchte aller Art; einen schillernd bunten Markt für Träume und Träumereien von einem unbeschwerten Glück beherbergt dieser Ort. Die Einheimischen sind gegen dieses Fieber größtenteils immun, doch sie lassen die Fremden in ihrer Mitte gern gewähren. Aber sie wollen nicht mittun beim Bau der Luftschlösser – die Leute mit den verrückten Ideen sind immer die Fremden.

Es gibt kaum einen, in dem der Zauber der tropischen Meeresküste nicht das Verlangen nach einem Leben ohne verzweifelte Sinnsuche wachrufen würde. Manch einer der zugereisten Fremden hat sich in der Stadt häuslich niedergelassen und er versucht, seine Vision vom Glück Wirklichkeit werden zu lassen. Und manchmal, sehr selten freilich, wird man Zeuge, dass es tatsächlich noch möglich ist, Träume zu leben – in Bahía, der Stadt am Ende der Welt.

Amerikaner sind angenehme Zeitgenossen: Man kommt mit ihnen schnell ins Gespräch. Aus ihren Überzeugungen machen sie kein Geheimnis; sie sind stets gerade heraus ohne grob zu sein. Besonders fällt auf, wie unglaublich nett die Leute sind. Wer wie ich an die berüchtigte Berliner Ruppigkeit gewöhnt ist, kann gar nicht glauben, wie nett man sein kann. Da trifft es sich gut, dass die Kommune der Expats in Bahía zu einem Großteil aus Amerikanern besteht. Nicht alle freilich pflegen engen Kontakt zu den Einwohnern der Stadt – man hat genug an sich selbst und wenn man unter sich bleibt, fühlt man sich auch nicht so fremd. Doch es gibt Ausnahmen.

„Henry´s Sports Café“ ist ein schönes Beispiel dafür, welche Art „Karrieren“ in der Stadt möglich sind. Henry, mein Namensvetter, ist vor Jahren nach Bahía gekommen mit kaum mehr als dem Wunsch, Ruhe und Frieden zu finden. Obwohl ich mehr als nur einmal Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, welche Sehnsüchte es sind, die ihn bestimmten, seine Zelte an diesem abgelegenen Flecken aufzuschlagen. Wer weiß schon, welche Hoffnungen sich erfüllt haben, welche Träume wahr geworden sind – und Bahía ist gewiss nicht der schlechteste Platz in der Welt, um sich heimisch zu fühlen. Henry jedenfalls scheint ein glücklicher Mensch zu sein und jedem, der es wissen will, würde er dies wahrscheinlich auch genau so sagen.

Das „Sports Café“ ist einer amerikanischen Sportsbar nachempfunden: Über den Köpfen der Gäste hängen große Bildschirme, auf denen rund um die Uhr Fußball-, Basketball- oder Football-Übertragungen aus den Staaten laufen. Die Wände sind mit Vereinsdevotionalien geschmückt und auf der Bar stehen Hörnerhelme – wahlweise, um daraus stilecht wie ein Wikinger Bier zu trinken, oder um als gehörnter Volltrottel lallend um die Zapfhähne zu stolpern, was gewiss nicht oft vorkommt, da man ausschließlich teure Cervezas artesanales (Craftbiere oder Handwerksbiere) ausschenkt. Doch im Augenblick bringt die Belegschaft ihre Zeit nicht mit Zapfen zu, sondern mit Däumchen-drehen. Die Gäste bleiben aus und durstige Kehlen sind rar.

Wir frühstücken ein paarmal im „Sports Café“ und immer treffen wir den Besitzer an. Er sitzt entspannt zwischen Tresen und Bar, trinkt seinen Morgenkaffee, checkt die Mails und erweckt darüber hinaus den Eindruck, er sei fest entschlossen, diesen Tag für einen guten Tag zu halten, ganz gleich, was in den nächsten Stunden geschehen mag – ob nun das Klo verstopft ist, die Lautsprecherboxen Feuer fangen oder ein Asteroid die Erde trifft. Und so ist es an jedem Tag. Henry ist Amerikaner und was man daher mit Gewissheit sagen kann, ist, dass er hinsichtlich dessen, was er von der Zukunft zu erwarten hat, eine durch und durch optimistische Einstellung hegt. Man mag dies für naiv halten, aber rosige Aussichten verschönern bekanntlich das Leben.

Wir bestellen den suchterzeugenden Stuffed French Toast und die üppigen Frühstücks-Burritos, Orangensaft mit Vanille und kanisterweise Kaffee. Der French Toast ist so gut, dass mein Sohn, ein ausgewiesener Liebhaber und Kenner dieses Gerichts, mich drängt, nach dem Rezept zu fragen, und Henry, der Besitzer des Cafés, teilt das Geheimnis gern mit seinen Gästen: Betty Crocker und Liebe – mehr bedarf es nicht. Vielleicht kommt es am Ende ja nicht darauf an, was man hat, sondern vielmehr, was man daraus macht.

Wir sind die einzigen Gäste und zwar an jedem einzelnen Morgen, an dem wir das Café besuchen (Abends bestellen wir Cocktails und wir sind ebenfalls allein). Seit dem Erdbeben bleiben die Touristen aus und obwohl Ferien sind und sich die Leute sonst keine Gelegenheit entgehen lassen, in Scharen an die Küste zu pilgern, wirkt die Stadt wie ausgestorben. Man könnte glauben, die Ausgangssperre sei verhängt (was sie eine Zeitlang tatsächlich war – zum Schutz vor Plünderern und Kriminellen). Es wird sicher noch Jahre dauern, bis der Ort zu alter Blüte zurückgefunden hat.

Das Café hat als eines von wenigen Gebäuden in Bahía das Erdbeben überstanden, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben. Mehr noch, während viele in der Stadt alles verloren haben und andere Unternehmer aus der Gastronomiebranche herbe Einbußen hinnehmen mussten, könnte die Katastrophe dem „Sports Café“ sogar noch zum Vorteil gereichen: Zwar befindet sich das Gebäude, in dem das Etablissement untergebracht ist, nur einen Steinwurf vom Ufer des Río Chone mit Blick auf den Ozean entfernt, doch ein Haus direkt an der Wasserkante versperrte die Sicht. Wie auf Bestellung hat das Erdbeben dessen Mauern zum Einsturz gebracht und als wir das Café besuchten, beseitigten Planierraupen gerade den Schutt – gute Nachrichten für die Gäste des „Sports Café“.

Auch wenn man es ihm nicht anmerkt, macht sich Henry Sorgen um die Zukunft des Cafés – es gibt wohl keinen Gastronomen, der nicht besorgt wäre, wenn der Gästeraum seines Lokals über Wochen ausgestorben wirkte wie eine evangelische Kirche in Berlin zur Messfeier. Doch wie alle seine geschäftlich umtriebigen amerikanischen Landsleute hat auch er gleich mehrere Eisen im Feuer und vielleicht versprechen ja seine anderen Unternehmungen Erfolg. Und außerdem darf man hoffen, dass die Feriengäste irgendwann nach Bahía zurückkehren werden. Wo sollen sie sich am Abend vergnügen, wenn nicht im „Sports Café“, wo sie Cocktails schlürfen und Bier aus Hörnerhelmen trinken dürfen wie waschechte Barbaren!

Als wir von Bahía Abschied nehmen – es ist ein Abschied für immer –, wünsche ich Henry alles Gute und ich gebe meiner Überzeugung Ausdruck, dass die Zeiten nur besser werden können. Mein Namensvetter pflichtet mir bei, aber wie sollte er auch nicht: Schließlich ist er Amerikaner und Amerikaner sind bekanntlich Meister darin, das helle Licht am Ende des Tunnels zu erspüren, wenn niemand sonst daran glauben mag, dass der Tunnel überhaupt jemals endet, und so kann Henry der Tatsache, dass er nun von der Terrasse seines Lokals freie Sicht auf den Ozean hat, auch noch etwas Positives abgewinnen. Ich bin überzeugt, wir werden uns wiedersehen, und dann wird zur Feier des Tages das erlesene Craftbier in Strömen fließen. Und wenn es sein muss, werde ich mich sogar dazu überreden lassen, das edle Gebräu aus dem Wikingerhelm trinken.

Das grüne Herz des Paradieses

Unsere Tour durch die Mangrove begann am Hafen von Puertobelo. Wir waren die einzigen, die zu dieser Stunde beabsichtigen, zur Insel überzusetzen. Man erzählte uns später, dass der Tourismus seit dem Erbeben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wir bestiegen ein kleines Touristenboot und mit Motorkraft ging es über die breite Wasserstraße zwischen Festland und Insel. Salzige Seeluft wehte uns ins Gesicht. Der Atem des Meeres hatte sich bereits mit den Noten des Magrovensumpfes gemischt und die drückende Hitze trieb einen fauligen Geruch auf.

Die Isla Corazón ist eigentlich keine Insel im herkömmlichen Sinne, denn bei Flut ist sie vollständig mit Wasser bedeckt. Der braune Strom des Río Chone mischt sich an dieser Stelle mit dem Ozean und die Mangrove, welche die Insel als dichter Wald bedeckt, gedeiht prächtig in dieser Brackwasserzone, die weder ganz Fluss noch ganz Meer ist. Bei Hochwasser ragt allein das dichte Mangrovengestrüpp über den Meeresspiegel, und selbst bei Ebbe müsste ein Besucher des Eilandes durch zähen Schlick waten. Man hatte einen Pfad auf Pfählen angelegt, so dass Touristen die Insel trockenen Fußes besichtigen konnten. Das letzte Erdbeben hat ihn zum Einsturz gebracht und der Magrovensumpf hat ihn verschluckt.

Bei Ebbe saugt der Ozean die Wassermassen aus der Flussmündung und die Segelyachten, die mitten im Fluss ankern, richten ihren Bug nach der Gezeitenströmung aus. Dann sieht man plötzlich Sandbänke auftauchen, auf denen Vogelschwärme ein Festmahl an Krabben und Würmern vorfinden. An manchen Stellen wird das Meer so flach, dass das Wasser als glatter Spiegel über dem Grund liegt, während darum herum Wellen die Oberfläche kräuseln. Überall erzeugt der Sog des Meeres Strudel.

An den Inseln gibt die Ebbe Strände frei, die bei Hochwasser nur ein Tummelplatz für Fische sind. Die Strände legen sich wie eine cremefarbene Bordüre um die grünen Eilande und in dem feinen Sand finden einzelne Sonnenanbeter ihr Paradies. Manchmal sieht man Schiffe ankern und eine illustre Gesellschaft aus Skippern und Gezeitentouristen nimmt dann den Strand bis zur nächsten Flut in Besitz.

Nachdem die Motorschaluppe, die uns über den Sund beförderte, das grüne Ufer der Insel erreicht hatte, stiegen wir in ein Kanu um. Die Flut hatte die Insel überschwemmt und allein das dichte Mangrovengestrüpp schaute noch aus den bräunlichen Wassermassen hervor. Bei Ebbe wäre eine solche Tour nicht möglich, denn der tiefe Schlamm würde ein Fortkommen unmöglich machen. Wir saßen hintereinander im Boot wie die Teilnehmer einer gefährlichen Urwaldexpedition – in jeder Doku über den Amazonas kann man so etwas sehen. Unser Guide nahm den Platz am Heck ein und dann paddelte er seine neugierige Fracht durch das Dickicht.

Die Insel wird von einem natürlichen Kanal durchzogen. An einigen Stellen war die Wasserstraße so schmal, dass wir die Luftwurzeln der Mangroven zu beiden Seiten berühren konnten, während sich das Blätterdach wie ein grünes Gewölbe über uns schloss. Die Gezeiten drückten das milchig-trübe Wasser mit solcher Kraft durch den Mangrovenwald, dass man überall Wirbelschleppen sehen konnte. Blätter und paddelnde Insekten trieben an uns vorbei. Der Geruch von Fäulnis lag in der Luft wie der Odor der stymphalischen Sümpfe. Im Wald stand die Luft förmlich, nicht die geringste Brise war zu spüren und die Hitze trieb einem den Schweiß aus den Poren. Zumindest schützte das dichte Kronendach vor der heißen Sonne.

Einige Male lief das Kanu auf Baumstämme auf, die versteckt unter der Wasseroberfläche lagen. Unser Guide sprang in die schlammige Brühe, die ihm bis zur Brust reichte, und schob das Boot weiter. Da ich ihn so unbekümmert durch das Wasser rudern sah, fragte ich ihn später, ob es hier Haie gäbe. Er meinte, bis zum Jahr 1998, als El Niño die Küste traf, hätte man in den Mangrovensümpfen und im Meer vor der Küste eine reiche Tierwelt vorgefunden. Es hätte in der Tat viele Arten Haie, dazu Kaimane, Krokodile und sogar Mantarochen gegeben. Heute könne man immer noch Fregattvögel beobachten, Pelikane und Ibisse, die jedoch eine invasive Art auf dem amerikanischen Kontinent darstellten. Die meisten Spezies seien aber verschwunden und ausnahmsweise trug einmal nicht die andere invasive Art, der Mensch, die Schuld daran.

Der Mangrovensumpf mit seinem Gezirpe und Geraschel, mit all den versteckten Bewegungen, die man nur aus dem Augenwinkel gewahrt und wenn man hinsieht, kann man nichts entdecken, das trübe Wasser, bei dem allein ein Kräuseln an der Oberfläche verrät, dass sich etwas Lebendiges darunter verbirgt, gemahnten mich an die dampfende Dschungelwelt von Dagobah und hätte man eine Realverfilmung gewünscht, hätte dieser Mangrovensumpf als perfekter Drehort dienen können.

An manchen Bäumen waren kleine Leinensäcke angebunden. Unser Guide öffnete eines der Behältnisse und zeigte uns den Inhalt: Krabben. Die Menschen nutzen die Mangrove genau wie vor Tausenden von Jahren heute immer noch zur Nahrungssuche. Unterwegs begegneten uns zwei Jungs von dreizehn oder vierzehn Jahren. Sie zogen im Kanal entlang, das Wasser reichte ihnen bis zur Brust. Wir fragten, was sie dort täten, und sie meinten, sie noodlen.

Beim Noodlen handelt es sich um eine spezielle Fischfangtechnik. Ich weiß nicht, ob die spanische Sprache dafür ein Wort hat, aber mit „to noodle“ bezeichnet man in Texas den Versuch, einen Wels oder Catfish, wie sie dort heißen, mit der bloßen Hand zu fangen: Man tastet im trüben Wasser nach Höhlen und hat man eine gefunden und versteckt sich zufällig ein Fisch darin – Welse lauern gern in Höhlen –, steckt man ihm die Hand ins Maul. Wenn der Fisch nun zuschnappt, weil er glaubt, dass sich Beute in die Falle verirrt habe, greift man in die Kiemen und zieht ihn mit einem beherzten Ruck an die Oberfläche. Welse haben nur winzige Zähne, die einen nicht wirklich verletzen können – keine Gefahr also. Wir wünschten den Jungs viel Glück bei der Jagd und sie zogen weiter durch das undurchdringliche Dickicht Dagobahs.

Wir verließen die Mangalares, die Mangroven, auf der anderen Seite der Insel. Der Urwald öffnete sich plötzlich und wir glitten hinaus aufs offene Wasser. Eine frische Meeresbrise kühlte den Schweiß und man hatte den Eindruck, das Atmen fiele einem plötzlich Mal viel leichter. Vor uns lag die weite Mündung des Río Chone. Nachdem wir vom Kanu wieder in ein Motorboot umgestiegen waren, ging die Fahrt an der Südseite der Insel entlang zu den Kolonien der Fregattvögel und Pelikane.

Schon von weitem hörten wir das Gekreisch der agilen Fregattvögel, die sich in artistischen Flugmanövern gegenseitig Nistmaterial und Futter abjagten. Eine schwarze Wolke aus Vögeln kreiste ununterbrochen über den Wipfeln des Mangrovenwaldes. Wie Schatten zogen die kohlschwarzen Silhouetten mit den schlanken Flügeln und den gegabelten Schwänzen über den Himmel. Es herrschte ständiges aufgeregtes Gekreisch und immer war Bewegung in der Luft.

Überall leuchteten uns rote Farbtupfer aus dem Geäst entgegen. Der Farbton erinnerte verblüffend an Mohnblumen, aber hier handelte es sich um die Kehlsäcke der Männchen. Voller Eifer waren sie damit beschäftigt, Partnerinnen zu werben. Der bis zum Bersten aufgepumpte Hautsack hing ihnen vor der Brust wie der Blasebalg eines Dudelsacks. Das schrille Konzert hallte in ohrenbetäubender Lautstärke über das Wasser, aber ich weiß nicht, ob es Triumphschreie waren oder Schreie der Enttäuschung.

Die Plätze in den oberen Stockwerken der Baumkronen waren ausschließlich für die Brutplätze der Fregattvögel reserviert. Etwas tiefer saßen mit stolzer Würde die Pelikane und darunter, dicht am Wasser, die Kormorane. Durch das laute Gekreisch hindurch erklärte unser Guide, dass ein Kormoran ein halbes Kilo Fisch am Tag verspeisen könne und Pelikane könnten Fische bis zu einer Größe von einem halben Kilo schlucken. Im Wasser lagen zahlreiche Kadaver junger Fregattvögel. Die Tierleichen hatten sich zwischen den Luftwurzeln der Mangroven verfangen – Nahrung für die Fische. Einige sahen aus wie abgestürzte Segelflugzeuge.

Unser Guide ließ das Boot eine Weile in den Wellen schaukeln und gab uns Gelegenheit zu fotografieren. Dann drehten wir bei. Auf der Rückfahrt nahmen wir den längeren Kurs um die Insel. Das Geschrei der Vögel verstummte bald in der Ferne, wir aber hielten uns dicht an der Insel und folgten der Strömung des Río Chone.

Im Hafen von Puertobelo konnten wir uns mit eigenen Augen von den Auswirkungen einer anderen Naturgewalt überzeugen, welche die Gegend nach El Niño verheert hatte. Im April 2016 hatte ein starkes Erdbeben die Küstenregion heimgesucht. Obgleich das Epizentrum sich viel weiter im Norden befunden hatte, verursachten die Erdstöße in Bahía beträchtliche Schäden.

Schon bei unserer Ankunft am Hafen hatte ich mich gewundert, dass mitten in der Flussmündung Bäume standen. Man erklärte uns, die Erdbewegungen seinen derart heftig gewesen, dass riesige Erdschollen mitsamt dem Wald, der darauf wuchs, die Hänge hinunterrutschten. Erst im Wasser, einen Steinwurf vom Ufer entfernt, kamen sie zum Stehen. Ein Gutes hätte die Katastrophe allerdings: Die Äste der mittlerweile abgestorbenen Bäume bieten den Jungfischen gute Verstecke und auch Nahrung und so könnte man seit Kurzem in der Flussmündung einen nicht mehr erwarteten Fischreichtum feststellen.

Am Tage des Erdbebens lag eine kleine Flotte von Ausflugsschiffen im Hafen von Puertobelo vor Anker. Für den nächsten Tag hatte sich ein Minister zum Besuch angekündigt und wie in einem solchen Fall üblich, war man eifrig bemüht, einen würdevolleren Rahmen zu schaffen. Bei dem Schiff, das die honorigen Gäste durch die Flussmündung navigieren sollte, handelte es sich deshalb auch nicht um eine Schaluppe, wie sie uns zur Insel übergesetzt hatte, sondern um eine stattliche Yacht. Dann kam das Beben. Das Schiff fand sich am Grund des Flusses wieder, wo es sich mehrere Meter in den Schlick gebohrt hatte.

Unser Guide erzählte, die Geologen vermuten, es habe einen Mini-Tsunami gegeben. Das Erdbeben fand in der Nacht statt und niemand hat etwas beobachtet, aber die Erdrutsche, die ganze Wälder in den Fluss trugen, und versenkte Schiffe sprechen dafür, dass eine Flutwelle den Mündungstrichter des Río Chone getroffen hat. Mittlerweile wollen die Wissenschaftler sogar eine Verwerfung entdeckt haben, die sich der Länge nach durch die gesamte Flussmündung zieht. Es steht zu befürchten, dass es auch in Zukunft immer wieder heftige Erdstöße geben wird.

Wir waren am Ende unserer Tour, doch wir wollten von unserem Guide noch wissen, ob er eigentlich aus der Gegend stamme. Gutgelaunt entgegnete er, er sei hier sogar geboren und er habe immer hier gelebt. Nach El Niño hätte sich das Schicksal Puertobelos erst in den letzten Jahren wieder zum Besseren gewendet, und zwar dank der Touristen. Doch seit dem Erdbeben komme niemand mehr – wir waren an diesem Tag die einzigen, die hierher gefunden hatten.

Die Leute wollen dennoch nicht wegziehen und ich kann sie gut verstehen, denn trotz aller Härten und trotz der offensichtlichen Armut erscheint dieser Ort auf den ersten Blick wie das Paradies (und vielleicht auch auf den zweiten). Lichtjahre entfernt vom hektischen Getriebe einer vereinten Welt ruhen die Menschen noch in sich selbst. Fast könnte man im Anklang an alte utopistische Ideen behaupten, sie lebten im Einklang mit der Natur. Wer freilich eine gute Ausbildung hat, träumt von einem besseren Leben, und es sind nicht wenige, die das Land jedes Jahr Richtung Amerika oder Europa verlassen. Und dennoch, nicht alle wollen gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ein solches Paradies leicht aufgibt.

Nach den Mühen kommt die Belohnung: In San Vicente (das ist die Stadt auf der Festlandseite der Bucht) gibt es eine Bäckerei namens „El Toñito“. Wir fuhren ziellos durch die Stadt und fragten Leute auf der Straße, wo man um diese Zeit – die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt – etwas Leckeres essen könnte. Alle meinten das „El Toñito“ sei der Ort, nach dem wir suchten. Nachdem wir mehrmals um den Block gefahren waren – ein Kunststück, das man erst einmal fertigbringen muss in einer so übersichtlichen Stadt –, fanden wir den Laden dann schließlich doch.

Der Gästeraum war überfüllt und an der Theke musste man regelrecht drängeln, um sich Gehör zu verschaffen. In den Auslagen begegnete mir eine Spezialität der Gegend, ein letzter kulinarischer Gruß der Mangalares: Es gab Empanadas de pescado y de cangrejo, also Teigtaschen mit Fisch- und mit Krebsfleisch-Füllung. Wir aber orderten Berge von Kuchen, um die enormen Energiemengen zu ersetzen, die man beim Stillsitzen in einem Kanu verbraucht – Völlerei ist in diesem Zusammenhang ein viel zu milder Ausdruck. Die Halbwüchsigen wurden mit Pizza ruhiggestellt; eine eisgekühlte Cuvée der erlesensten Jahrgänge Champagne américain dünkte sie die passende Begleitung.

Ich fühlte mich gut, doch es waren nicht die toxischen Mengen Zucker, die mich in Hochstimmung versetzten. Die Eindrücke der letzten Stunden gingen mir durch den Kopf. Ich dachte an unsere Fahrt durch den Mangrovenwald und ich dachte an die Menschen, die in diesem Paradies leben. Wie schön das alles ist und wie gesegnet man sein muss, dies jeden Tag sehen zu dürfen. Ich kann gut verstehen, warum niemand von hier fortgehen will. Niemals.

Insel im Strom

Die Isla Corazón ist ein über und über mit Magroven bewachsenes sumpfiges Eiland in der Mündung des Río Chone. Der Mündungstrichter des Flusses schneidet durch die Küstenebene und trennt eine gebirgige Halbinsel vom Festland. Die Landzunge ragt wie ein Sporn in den glitzernden Spiegel des Pazifiks und in dem Maße, wie sie sich verjüngt, gewinnt der Strom an Breite. Am äußersten Ende der Halbinsel, gleich einem glitzernden Juwel an der Spitze eines Szepters, liegt Bahía.

Seit einigen Jahren überspannt eine mehrere Kilometer lange Brücke die Mündung des Río Chone und verbindet die Stadt direkt mit dem Festland auf der anderen Seite des Flusses. Wenn man von der Stadt aus dem Chone stromaufwärts folgt und an der Brücke vorbeifährt, gelangt man schon nach wenigen Kilometern zu einer Insel, die wie ein flacher Diskus im Mündungstrichter des Flusses zu treiben scheint. Ihren Namen Isla Corazón, Herzinsel, verdankt sie ihrer Form, doch nur, wenn man auf die Berge hinauffährt, welche die Halbinsel wie ein Rückgrat durchziehen, kann man es tatsächlich sehen: ein grünes Herz, von den braunen Fluten des Río Chone umspült.

Doch das Bild der Naturidylle täuscht, denn die Küste war wie nur wenige Regionen des Landes in den letzten Jahren starken Eingriffen des Menschen ausgesetzt: Die Shrimpzucht mit ihrem unstillbaren Hunger nach Land – man brauchte das Land, um darauf Becken für die Aufzucht der Krebstiere anzulegen – sorgte seit den achtziger Jahren zuverlässig dafür, dass die Magrove allmählich verschwand. Heute findet man sie nur noch in einigen geschützten Naturreservaten – und auf der Isla Corazón.

Zum ersten Mal habe ich Ecuador im Jahre 1992 bereist. Damals erlebte das Land die Hochzeit der Shrimpindustrie – weite Landstriche an der Küste waren von Shrimpfarmern in Beschlag genommen worden. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung: Jeder, der auch nur ein wenig Kapital aufzubringen vermochte, versuchte sich in der Shrimpzucht. Die Methoden, die man damals anwandte, wären wohl schwerlich mit heutigen Umweltschutzbestimmungen vereinbar gewesen; oftmals errichtete man die Farmen sogar illegal. Die Mangrove aber verschwand nach und nach, obwohl sie doch einst fast überall an der ecuadorianischen Küste zu finden war. Unersetzbare Naturreichtümer wurden der Profitgier geopfert, einzigartige Biotope vernichtet.

Damals, 1992, unternahmen wir eine Bootstour zur Insel. So etwas wie Tourismus war in jener Zeit praktisch nicht existent und bei den wenigen Reisenden, die es ins Land verschlug, handelte es sich ausnahmslos um den Typus des Freizeit-Abenteurers. Diese Leute schreckten auch vor Gefahren nicht zurück und der Gefahren waren viele. Man hatte es mit hartgesottenen Typen vom Schlage eines Bear Grylls zu tun – man hätte sie ohne schlechtes Gewissen in einem krokodilverseuchten Sumpf aussetzen können und hätte allenfalls um das Schicksal der Krokodile fürchten müssen. Die Bootstour zur Insel war von einem Freund organisiert, der auf einer Shrimpfarm arbeitete. Bootsfahrten für Touristen gab es damals nämlich nicht, ebenso wenig wie Touristen.

Seit jener Zeit hat sich viel verändert. Zwar wird auch heute noch Shrimpzucht betrieben, aber viele Farmen haben mittlerweile auf ökologische Erzeugung umgestellt – es werden wenig oder gar keine Antibiotika eingesetzt und man verwendet zunehmend Futter aus umweltgerechter Herstellung. Die Erträge sind nun zwar deutlich zurückgegangen, aber merkwürdigerweise sind die Shrimps viel größer und sie erzielen auch höhere Preise. Zugute kommt diese Entwicklung auch der geschundenen Küstenlandschaft, doch darf man bezweifeln, dass es auf absehbare Zeit gelingen wird, die mit Antibiotika und Exkrementen verseuchten Böden zu renaturieren.

Der Tourismus hat seit damals einen gewaltigen Aufschwung genommen und viele kommen hierher, um sich auf der Isla Corazón von den Wundern der Natur und ihrer Schönheit bezaubern zu lassen. Seit vielen Jahren ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Naturinteressierte. Mit den zahlreichen Touristen beginnen auch die Einheimischen den Wert ihres Landes zu erkennen.