Ex umbra in solem

Las Cuevas de Jumandy: Schon nach wenigen Metern umfängt uns die Dunkelheit wie ein Vorhang aus schwarzem Samt. Nur unsere Stirnlampen spenden jetzt noch Licht. Wir gelangen in eine Kaverne, deren Wände wie ein Kamin in die Höhe wachsen. An ihrem Grund liegt ein schwarzer Pool. Ein Wasserfall bricht sich an mehreren Felsstufen und mischt sich schäumend mit den schwarzen Wassern. Starke Strömungen wallen die Oberfläche des Pools auf. An dieser Stelle sei der Fluss vier Meter tief, lässt uns der Guide wissen. Das ist sehr beruhigend, zumal es nun gilt, das Gewässer zu überwinden. Doch kein Charon geleitet den Reisenden auf seiner Barke zum jenseitigen Ufer. Wir sind gehalten, uns selbst den Weg zu bahnen.

An einer der Felswände ist ein Seil verankert und an diesem dünnen Lebensfaden hangelt sich der Reisende hinüber, während er bis zur Brust im Wasser hängt. Als ich mich durch die schwarzen Fluten ziehe, taste ich nach dem Grund, doch wie die Füße eines Schwimmers über einer Meerestiefe finde ich nur Leere. Die Strömung ist so stark, dass man fortgerissen würde, wenn man sich nicht mit aller Kraft am Seil festhielte. Während ich mich durchs Wasser ziehe – ich bin froh, dass ich Klimmzüge übe –, fühle ich plötzlich, wie mir die Strömung einen Gummistiefel fortreißt. Ich kann nichts dagegen tun. Es ist, als würde mir ein Wal den Stiefel vom Fuß lutschen und im Bruchteil einer Sekunde ist der plumpe Treter fort, unrettbar verloren am Grunde des Styx.

Der Guide macht ein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen, doch ich würde jede Wette eingehen, dass man mit den Gummistiefeln, die mittlerweile am Grunde des Pools liegen, ganze Kompanien ausrüsten könnte. Ich ziehe mir den anderen Stiefel aus und laufe barfuß und dabei stelle ich fest, dass man so viel leichter und viel sicherer durch die Dunkelheit geht. Freilich muss man aufpassen, wohin man tritt, und manchmal pikt es auch ein bisschen, aber die Eindrücke vervielfachen und verstärken sich, da nun alle Sinne gereizt werden.

Die Wände sind überzogen mit dicken Krusten aus Kalkablagerungen, die an manchen Stellen aussehen wie die fleischigen Bäuche von Sepien, an anderen wie versteinerte Wasserfälle. Die Inkrustationen sind von matter Pastellfarbe und schimmern in einem hellen Fleischton. Schwarze Adern laufen durch das Gestein als wäre es Sepsis. Wir ducken uns unter stachelige Gewölbe aus Stalaktiten. In Äonen verwachsen die Tropfsteine mit ihren Schwestern, den Stalagmiten, zu Säulen, die wie die schlanken Körper korsettierter Sufragetten wirken. Kraggewölbe schießen in die Höhe – man könnte glauben, man sei im Innern eines prähistorischen Grabtumulus eingeschlossen. Im Gewölbesturz leuchtet Glimmer. Das Funkeln erinnert mich an den unterirdischen Himmel bei Jules Verne und ich hoffe, wir müssen nicht wie seine Helden durch das Innere eines Vulkans an die Oberfläche zurückkehren.

Als wir in einer größeren Kaverne anlangen, legen wir eine kurze Verschnaufpause ein. Unser Guide steht auf einem Sims hoch über uns und im fahlen Licht der Lampen wirkt er wie der stolze Krieger eines untergegangenen Volkes. Er berichtet von Jumandy. Die Geschichte ist schnell erzählt: Jumandy war der Anführer eines Aufstandes gegen die Spanier. Im Jahre 1578 erfasste die Erhebung die Region rund um Archidona. Es gelang den Rebellen, die Herrschaft der grausamen Fremden für kurze Zeit abzuschütteln, gerade so lange, wie die spanischen Herren benötigten, um frische Truppen heranzuführen. Die Erhebung endete in Feuer und Tod. Die Anführer des Aufstandes wurden nach Quito verschleppt, gefoltert und gevierteilt. Ihre Schädel stellte man jahrelang an den Mauern von San Blas aus. Zwar konnten die Spanier die Rebellen besiegen, doch die Erinnerung an die Rebellion vermochten sie nicht auszulöschen.

Der Guide bittet uns, für einen Augenblick das Licht zu löschen. Die Dunkelheit, die uns nun umfängt, ist so vollständig, dass man das Gefühl hat, man könnte sie mit Händen greifen. Man reißt die Augen auf und starrt hinein, aber man weiß plötzlich nicht mehr, ob man überhaupt noch Augäpfel hat, mit denen man schauen könnte. Mir, dem Atheisten, kommt ein kurioser Gedanke: Solche Dunkelheit muss in der Welt geherrscht haben, bevor Gott das Licht erschuf. Dann gehen die Lampen wieder an – fiat lux – und die Welt, die eben noch ausgelöscht war, ist so plötzlich wieder da, als wäre sie in diesem Augenblick erschaffen worden.

Manche Durchlässe sind so schmal, dass man sich regelrecht hindurchzwängen muss. Die Wände sind feucht und glatt wie eine schwitzende Glatze. Wenn man zwischen ihnen hindurchschlüpft, hat man in der Tat den Eindruck, man dränge sich zwischen schwitzende Körper, die sich in inniger Umarmung zu vereinen suchen. Manche Kavernen sind so flach, dass man den Kopf einziehen muss, doch hat man nie das Gefühl, die Wände würden einen bedrängen. Viel eher fühlt man sich behütet, beschützt von Tausenden Tonnen Fels, während draußen die Welt gegen einen wütet.

Ich hatte mir vorgestellt, ich würde in einen klaustrophobischen Alptraum hinabsteigen, wie er in „The Descent“ auf das Schillerndste ausgemalt wird, doch stattdessen finde ich mich in einer verzauberten Märchenwelt von anrührender Schönheit wieder. Die Bewohner dieser stillen Landschaft sind friedlich: blasse Fischlein, die flink durch die Pools schwimmen, und Spinnen, die mit ihren tentakelartigen Beinen lautlos über die Glimmerwände schreiten. Die Tiere bewegen sich dabei geisterhaft langsam wie Tiefseekrabben und wenn man sie dem grellen Licht der Lampen aussetzt, krabbeln sie einfach ungerührt weiter. Wahrscheinlich sind sie blind, wie die agilen Fische.

Wir kommen an einen weiteren Pool, in dem es wirbelt wie in einem Jakuzzi. Über eine Felskante stürzt ein Wasserfall. Unser Führer durch das Reich der Finsternis fragt uns mit einem maliziösen Lächeln, ob jemand schwimmen wolle. In diesem Augenblick könnte man ihn für den Leibhaftigen halten. Es ist fast stockdunkel und die Wasser sind schwarz wie Tinte. Man könnte höchstens einmal kurz eintauchen, denn ein Jakuzzi ist dieser See natürlich nicht, wenn er auch so brodeln mag. Außerdem habe ich den Eindruck, niemand will sich vor den Augen der anderen lächerlich machen. Vielleicht fürchtet man auch, man könnte enden wie mein Gummistiefel. Wir lehnen dankend ab. Unser Führer macht eine Miene, als sei er enttäuscht.

Ein schwacher Schein zeigt uns den Weg an die Erdoberfläche. Wir steigen dem Licht entgegen wie Gefangene, die einem lichtlosen Verlies entrinnen. Wir waren nur kurz in der Dunkelheit und doch sind unsere Augen dem Tageslicht entwöhnt. In den Mythen ist nicht vielen Reisenden eine glückliche Rückkehr aus der Unterwelt beschieden. Doch wir sind nur zu Besuch und dies ist ein Spaßbad mit Wasserrutschen und nicht die Phlegräischen Felder.

Unser Vergil führt uns sicher ans Licht: Ein Katarakt aus moosbewachsenen Felsblöcken steigt empor in den Tag. Wir klettern hinauf und schon sind wir wieder an der Erdoberfläche. Das erste, was ich sehe, ist ein Typ in quietschbunter Badehose, der seinen Selfie-Stick schwenkt, als wollte er das Bad, die Höhlen, uns und seine eigene Dummheit in ein 360-Grad-Panoramabild bannen. Ich weiß nicht, ob ich mit auf das Foto möchte, aber zumindest kann ich nun absolut sicher sein, dass ich wieder zuhause bin.

Ich gehe sofort zur Stiefelausgabe und melde pflichtschuldigst den Verlust – da bin ich ganz deutsche Sekundärtugend. Kühl gibt man mir zu verstehen, ich solle am Ausgang zehn Dollar entrichten, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen. Ich gräme mich nicht allzu sehr, denn ich gehe davon aus, dass man mit den Stiefeln, die mittlerweile im Pool liegen, einen regelrechten Gummistiefelgroßhandel begründen könnte.

Wir fahren weiter nach Norden und die wilde grüne Landschaft bezaubert uns so sehr, dass wir ganz melancholisch werden. Dies ist ein Abschied, doch wir hoffen, eines Tages werden wir zurückkehren. Die Straße führt durch verwunschene Wälder und über rauschende Flüsse. Die Autopista ist makellos glatt und es fährt sich darauf so sanft wie auf der Magistrale, über die der Präsident seiner allmorgendlichen Lagebesprechung entgegenrollt. Doch hier, in der Einsamkeit des Tieflandes, begegnet uns niemand – keine Touristen, keine Anwohner, nicht einmal Präsidenten. Wir sind allein, verloren im grünen Labyrinth der Flüsse, die alle zum Amazonas streben. In Baeza schwenken wir nach Westen. Bis zum Pass geht es nun stetig bergauf. Das Auto scheint sich in sein Schicksal gefügt zu haben: Als ich ihm wütend die Sporen gebe, habe ich den Eindruck, die Maschine würde unter dem Gaspedal jeden Augenblick still entschlafen.

Nachdem wir den Pass überwunden haben, gelangen wir zu dem einzigen Streckenabschnitt, an dem noch immer gebaut wird: Die Straße kerbt sich durch das Gebirge, als hätten Titanen mit gewaltigen Felshämmern einen Keil in den Horizont geschlagen. Es ist Abend geworden. Die Sonne sinkt in die Klamm als fiele sie plötzlich vom Himmel und es ist, als würden wir ihrer Bahn folgen – zuerst hinter die Berge und dann immer weiter nach Westen, bis an die Küsten Elysiums. Die Welt ist von der Magie des Abends erfüllt und die Anden entbieten uns einen letzten Gruß, ehe sie im Abendrot verglühen. Drei Tage später werden wir Ecuador verlassen.

Höhlensucher

Die Cuevas de Jumandy befinden sich nur wenige Kilometer nördlich von Archidona. Wer nun glaubt, eine lückenlose Kette von Hinweisschildern und Wegmarkierungen müsste den Reisenden zu dieser berühmten Sehenswürdigkeit führen, beweist nur einmal mehr, dass ihm die Landessitten kaum geläufig sind. Wäre der Ort nicht als touristisches Ziel in meiner Karte markiert und würde der Reiseführer die Höhlen nicht in einem Nebensatz erwähnen, wüsste ich von ihrer Existenz ungefähr so viel wie von den unentdeckten Monden des Planeten Uranus.

Von Archidona aus fahren wir in der festen (und recht naiven) Überzeugung nach Norden, dass uns ein Wegweiser rechtzeitig auf unser Reiseziel aufmerksam machen würde. Wir halten Ausschau wie die Luchse, wie Luchse auf Amphetamin sogar, und acht Augen sehen bekanntlich sowieso mehr als zwei (zählt man den Hund noch dazu, sind es sogar zehn; der Hund aber bleibt still, so dass ich annehmen muss, er findet Höhlen doof). Doch entweder betört uns der Liebreiz der üppig grünen tropischen Landschaft so sehr, dass wir für nichts anderes mehr Augen haben, oder wir sind schlicht mit Blindheit geschlagen. Nirgends taucht ein Hinweisschild auf. Wir finden nur, die Strecke sei allzu lang, zumal es sich auf der Karte doch nur um wenige Kilometer zu handeln scheint. Wie Entfernungen doch täuschen können …

Uns beginnt zu dämmern, dass wir die Einfahrt wohl verpasst haben. Wir drehen. Ich entsinne mich dunkel, irgendwo eine Lücke im gleichförmigen Grün bemerkt zu haben, aber an ein Schild mit der Aufschrift „Cuevas de Jumandy“ kann ich mich nicht erinnern. Es ist reiner Zufall, dass wir die richtige Stelle fast auf Anhieb finden – die Chancen dafür können kaum günstiger als Eins zu Tausend stehen. Wir freuen uns des seltenen Glücks, doch angesichts seiner Flüchtigkeit trösten wir uns mit dem Gedanken, dass die launische Fortuna uns zumindest bis zur nächsten Katastrophe gewogen bleiben würde.

Wie Scouts in Feindesland tasten wir uns auf den Parkplatz vor, der uns verdächtig verwaist vorkommt. Wir rechnen mit einem Hinterhalt. Vielleicht erwartet uns aber nur die Nachricht, dass die Höhlen an diesem Tag geschlossen seien, wie der Wald in Tena. Da wir nicht wissen, ob es Umkleidemöglichkeiten gibt, zwingen wir uns schon einmal im Auto in die Badehosen. Wie die Strandtouristen betreten wir die Anlage, die sich – vollkommen überraschend, aber passend zu unserer Kleidung – als der Alptraum von einem Erlebnisbad entpuppt.

Am Scheideweg

Nur eine kurze Strecke nördlich von Archidona befinden sich die Cuevas de Jumandy. Dabei handelt es sich um ein weites Höhlensystem, das der Tourist in Begleitung fachkundiger Führer auch begehen und erkunden kann. Nachdem Tena sich als Enttäuschung erwiesen hat und uns auch die Zeit fehlt, an einer längeren Urwald-Expedition teilzunehmen – zumal es uns am Willen mangelt, länger auf die gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten als bloß ein paar Stunden –, bieten die Höhlen noch einmal Gelegenheit, den unverfälschten Geschmack der Aventüre zu kosten. Die Cuevas de Jumandy sind der letzte Höhepunkt in einer an vielfältigen Eindrücken keineswegs armen Reise und nachdem wir uns bis an den Rand des Himmels vorgewagt haben, wollen wir nun in den Schoß der Erde hinabsteigen.

Der Parque Amazónico in Tena ist leider geschlossen und die Stadt selbst bietet dem neugierigen Reisenden zu wenig Reize, als dass er wünschte, länger zu verweilen. Nach einem Spaziergang entlang des Flussufers beschließen wir daher, weiter nach Norden zu fahren. Über Archidona, wo wir schon die Nacht verbrachten, geht es durch die Provinz Napo Richtung Baeza. Hier gabelt sich die Autopista: Ein Abzweig führt in weitem Bogen nach Nordosten, dicht entlang der Grenze zum Nationalpark Sumaco Galeras. Würden wir dieser Route folgen, könnten wir in wenigen Stunden Lago Agrio erreichen – vorausgesetzt, das Beförderungsmittel, das sich den stolzen Namen „Automobil“ anmaßt, wäre in der Lage, die Strecke zu meistern. Man darf es bezweifeln.

Lago Agrio oder Nueva Loja ist eine Gründung der Ölindustrie. Vor zwanzig Jahren war die Gegend noch unerschlossene Wildnis, doch die Gier nach dem schwarzen Gold brachte die Sünde in das grüne Paradies: neben Träumen von unermesslichen Reichtümern auch texanische Bohrspezialisten. Aus einem Mangel an Phantasie oder schlicht aus Bequemlichkeit liehen sie der Siedlung, die sie soeben aus dem lehmigen Boden gestampft hatten, den Namen ihrer Heimat nahe Houston: Sour Lake. Spanische Zungen können die englischen Namen mit den weichen Vokalen aber unmöglich aussprechen und deshalb werden Fremdwörter in die spanische Sprache eingemeindet, gnadenlos und ohne jede Ausnahme: So wurde Sour Lake zum ecuadorianischen Lago Agrio.

Der andere Abzweig, der in Baeza seinen Ausgang nimmt, führt in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Diese Strecke ist uns bereits bekannt: Zunächst erreicht man die Thermen von Papallacta ehe man am Pass gleichen Namens auf über viertausend Metern die Kordillere überschreitet. Bis zur Passhöhe geht es stetig und unwiderruflich bergauf und schon kurz hinter Baeza betritt man das Reich der Berge mit den schneebedeckten Vulkangipfeln und den kalten nebligen Tälern. Wir ahnen, welche Qualen dem Automobilisten auf den langen Anstiegen noch bevorstehen, denn schon auf ebener Strecke tendiert das Beschleunigungsvermögen unseres Wagens gegen Null. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass dies die letzte Fahrt ist – schon zwei Tage später werden wir das Auto zurückgeben.

Paradiesische Wildnis

Die letzte Nacht im Tiefland östlich der Anden verbringen wir nicht in Tena, sondern in Archidona. Da wir schon einmal in Tena sind, wäre es naheliegend, irgendwo in der Stadt ein Zimmer für die Nacht zu buchen. Wie Freier auf der verzweifelten Suche nach dem schnellen Abenteuer cruisen wir durch die abendliche tropische Stadt. In der Hoffnung auf ein Wunder fahren wir die Hauptstraße gleich mehrmals im Schritttempo ab, doch keines der Hostals erscheint uns annehmbar. Vielleicht sind wir verwöhnte Kinder der Wohlstandsgesellschaft, vielleicht aber möchten wir einfach nur in der Gewissheit einschlafen, dass zumindest die Laken, auf die wir uns betten, fleckenfrei sauber sind.

Eines der Hotels, das zumindest von außen einen recht passablen Eindruck macht, erweist sich als schmierige Absteige mit Zimmern, die so wirken, als würden darin jede Nacht Orgien gefeiert und als hätte man vergessen, die Bettwäsche zu wechseln und die verräterischen Flecken vom Teppich zu entfernen. Ein säuerlicher Geruch liegt in der Luft, wie wenn das Hotel bereits in Gärung übergegangen wäre. Vielleicht stammt der Odor vom Schimmel an den Wänden oder vom Teppich, der in der tropisch feuchten Luft langsam aber unwiderruflich in den Kreislauf der Natur einzugehen scheint.

Der Besitzer, ein alter Mann, dessen verschwitzter Kugelbauch wie die Glatze seines siamesischen Zwillings aus dem geöffneten Hemd schaut, ist in einer Art Delirium. Ich weiß nicht, ob es der Bluthochdruck ist, der Alkohol, die Hitze oder die Krampfadern, die seine Waden umschlingen wie Würgefeigen. Er scheint uns gerade noch als Halluzination am Rande seines Wachtraumes wahrzunehmen. Vielleicht hat er sich aber bloß eine Auszeit genommen von einer zunehmend surrealen Wirklichkeit, in der insektoide Aliens, die vorübergehend die Gestalt von harmlosen Gringos angenommen haben, ausgerechnet in sein Hotel einchecken möchten. Der Hoteljunge, vielleicht ein Enkel oder Urenkel, zeigt uns die Zimmer. Das Hotel ist leer, aber die Gäste bleiben nicht ohne Grund aus. Wir fahren weiter nach Archidona.

Ich wünschte, ich könnte über Archidona etwas Tröstlicheres berichten als über die übrigen Städte des Oriente. Der Name weckt die schönsten Hoffnungen; er lässt an stolze spanische Kolonialstädte denken, an Kirchen und Klöster und an paradiesische Patios unter geschnitzten Säulen. Obgleich Archidona schon 1560 gegründet wurde und der Ort damit zu den allerersten spanischen Siedlungen im Amazonas-Tiefland zählt, hat der heutige Besucher den Eindruck, es sei noch gar nicht lange her, dass die Stadt über die Einfriedung eines Goldgräbercamps mitten im unberührten Urwald hinausgewachsen ist. Prächtige Kirchen, beeindruckende Stadtpaläste oder alte Klöster findet man hier nicht. Eigentlich gibt es nichts, das einen daran erinnern könnte, dass die Stadt nicht erst zwanzig Jahre, sondern immerhin fast ein halbes Millennium alt ist. Mit Traurigkeit im Herzen fahren wir am nächsten Morgen zurück nach Tena.

In Tena gibt es eigentlich nur eine einzige Sehenswürdigkeit, die einen Besuch lohnt: den Parque Amazónico. Auch wenn der Wald um Puyo, Tena und Archidona den Anschein erweckt, er würde schon seit Tausenden von Jahren unbehelligt von der verderblichen Einflussnahme des Menschen die feuchte Erde des Amazonas-Tieflandes bedecken, handelt es sich in Wahrheit um Sekundärwald. Das ist das Biotop, das sich entwickelt, nachdem der ursprüngliche Wald – der Primärwald – der Axt zum Opfer gefallen ist.

Zwar gibt es im ecuadorianischen Oriente auch heute noch riesige Gebiete mit ursprünglicher Bewaldung, doch muss man dazu dem Lauf den Río Napo weit nach Osten, bis fast an die peruanische Grenze folgen. Die Natur, der man dort in geschützten Nationalparks begegnet, ist noch weitgehend frei vom zerstörerischen Einfluss des Menschen. Moderne Infrastruktur, wie Straßen und Brücken, gibt es nicht, und wer bis zu den letzten Refugien der ursprünglichen Natur dieses Planeten vordringen möchte, benötigt neben einem kundigen Führer und einem Kanu auch ein nicht eben geringes Maß an Abenteuerlust.

Der Parque Amazónico befindet sich mitten in der Stadt, direkt am Zusammenfluss von Río Tena und Río Pano. Auf dem Land, das als dreieckige Erdscholle zwischen den Flüssen liegt, ragen die letzten Urwald-Riesen in den Himmel. Es sind Mahnmale einer untergegangen Welt und es sind die letzten ihrer Art. Manchmal scheint mir, es ist nur eine Frage der Zeit, dass die verbliebenen Urwälder vom Angesicht der Erde verschwinden werden.

Der Park ist für uns die einzige und letzte Chance, uns wenigstens einen vagen Eindruck davon zu verschaffen, was man gemeinhin für die grüne Lunge unseres Planeten hält. Leider ist der Urwald an diesem und an vielen weiteren Tagen geschlossen, denn der Park unterliegt umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Überall, wo der Mensch sich einmischt, ist die Ordnung der Natur gestört und ein Gleichgewicht kann nur mit Mühe und nur durch ständige Hege aufrechterhalten werden: Flüsse müssen ausgebaggert werden, Ufer befestigt, Wälder aufgeforstet, Arten müssen geschützt oder ausgemerzt werden. Unter den wachenden Händen des Menschen scheint die Natur den Willen verloren zu haben, selbst für sich zu sorgen.

Von der Stadt aus führt eine Fußgängerbrücke über den Río Pano. Der Brückensteg hängt an Stahlseilen, die an einem kolossalen Aussichtsturm ankern. Die Taue durchschneiden den einheitlich grauen Himmel wie die Saiten einer Eierharfe. Der Turm, das mit Abstand höchste und hässlichste Bauwerk der Stadt, ist eine sperrige Stahlkonstruktion, die so fremd in der tropischen Landschaft steht wie ein stillgelegter Förderturm in einem der alten Kohlereviere.

Der Wachmann am Fuße des Turms hat die Aufgabe, allzu neugierige Touristen daran zu hindern, den Park zu betreten. Er ist recht gesprächig und er erzählt uns, fast drei Millionen Dollar seien für die Sanierungsarbeiten bewilligt worden. Das ist viel Geld in einem Land wie Ecuador. Doch die Investition ist natürlich nicht ganz selbstlos, denn die aufwendige Verschönerung verspricht mehr Touristen in die Stadt zu locken. Ihr Geld könnte dazu beitragen, der lokalen Wirtschaft aufzuhelfen, die dem Augenschein nach darniederliegt wie ein totes Faultier.

Wir besteigen den Turm und machen Fotos von der Stadt und der Flusslandschaft. Der Blick reicht bis zu den Bergen, die sich als dunkelblauer Schattenriss gegen das Wolkengrau des Himmels abheben. Eine Wolkenbank umhüllt den Fuß der Berge wie ein Haufen frische Schurwolle. Wir laufen am Ufer des Río Tena entlang. Auf der anderen Seite des Stromes versperren uns Stämme und dichtes Unterholz die Sicht. Der Wald erhebt sich in den Himmel wie ein grünes Bollwerk. Alles ist gesättigt von Grün, jede andere Farbe scheint ausgelöscht.

Wir ahnen, ein echtes Urwald-Abenteuer würde uns mehr abverlangen als wir an Komfort zu opfern bereit wären. Wie alle Kinder der Zivilisation verspüren wir eine romantische Sehnsucht nach der Wildnis. Als aufgeklärte Menschen wissen wir natürlich, dass wir Teil der Natur sind, aber wir vergessen dabei, dass wir nicht mehr in der Natur leben. Aus der Darwinschen Hölle haben wir uns in jene Bequemlichkeit gerettet, die wir Zivilisation nennen. Der Wald erscheint uns als eine ferne Heimat und ein Teil von uns wünscht sich in das verlorene Paradies zurück. Doch die Zeit hat unser Erinnerungsvermögen getrübt. Was wir für ein Paradies halten, ist in Wirklichkeit eine Hölle, in der ein ständiger Überlebenskampf tobt: Auf uns allein gestellt, würden wir wohl kaum auch nur drei Tage durchhalten.

Dorfleute, Burschenschafter und die Leichtigkeit des Scheiterns

Wir wollen ja baden und deshalb sind wir unterwegs wie die Strandurlauber: In Erwartung klarer Pools und rauschender Wasserfälle haben wir uns schon einmal ins Badedress geworfen. Über der Schulter hängen bunte Badetücher. Nur wenige Male begegnen uns Bewohner der Gegend. Einer trägt Shorts und Flipflops, aber der kräftige Oberkörper ist nackt. Er schaut uns an, als könne er gar nicht fassen, was er da sieht, und auf unseren freundlichen Gruß hin presst er ein ziemliches gezwungenes „Buenas tardes“ hervor. Die Leute sind den Umgang mit Fremden nicht gewohnt. Nicht selten begegnet man ihnen mit einer gewissen Scheu, oft reserviert, manchmal auch ängstlich. Dass man uns für Einheimische halten könnte, obwohl doch auch wir Shorts und Flipflops tragen, ist natürlich ausgeschlossen.

Wir möchten es nicht zu kompliziert machen und fragen den Mann daher bloß nach einer Badestelle. Er zeigt vage in die Richtung, in die wir ohnehin zu gehen beabsichtigen. Wir hätten auch gern von ihm gewusst, wo das ethnokulturelle Museum zu finden sei, von dem der Reiseführer in den wärmsten Tönen spricht. Wir sparen die komplizierte Vokabel aus, um ihn nicht vollends zu verwirren. Er weiß von keinem Museum und hat auch noch nie davon gehört, dass es in der Gegend irgendwann einmal eines gegeben hätte. Museen haben es hierzulande schwer, sich gegen Shopping-Malls zu behaupten, zumal gerade für den vermögenderen Teil der Ecuadorianer Einkaufskultur und Kultur schlicht dasselbe sind. Wir danken dem Mann, der es mit einem Mal eilig zu haben scheint, für seine Mühe und folgen weiter dem Fluss.

Ein anderer gibt uns den Tipp, in einem Viertelkilometer den Abzweig nach rechts einzuschlagen. Dort gelange man zum Fluss, der übrigens Iloculín heißt, und an dieser Stelle lasse es sich auch schön baden. Wir folgen exakt den Anweisungen und nach zweihundertfünfzig Metern stehen wir mit unseren Handtüchern und unseren Badehosen plötzlich mitten auf einem Dorfplatz. Von tropischen Regenfallen geschwärzte Holzhütten reihen sich um ein weites Rund aus gestampfter Erde. Der Platz ist riesig – man müsste sich anstrengen, um einen Stein zur anderen Seite zu werfen. Hinter dem Platz und den letzten Hütten gewahren wir den Fluss. Man hört das Rauschen der Stromschnellen.

Keine Menschenseele ist da. Die Bewohner des Dorfes könnten tot in ihren Hütten liegen, so leer wirkt der Ort, aber wahrscheinlich machen sie nur Siesta, denn es ist bereits Nachmittag. Um zum Fluss zu gelangen, müssen wir durch das Dorf, und da niemand da ist, den wir fragen oder um Erlaubnis bitten könnten, machen wir uns eben einfach auf den Weg. Gerade schicken wir uns an, den Dorfplatz zu überqueren, als uns plötzlich ein wütender Schrei Halt gebietet.

Eine Frau hockt vor ihrer Hütte und kreischt irgendetwas. Erst jetzt, da sie auf sich aufmerksam gemacht hat, bemerken wir sie. Ich weiß nicht, was sie von uns will, aber die schrillen Obertöne in ihrer Stimme verheißen nichts Gutes. Da wir sie nicht verstehen wollen, macht sie uns mit unmissverständlicher Geste klar, wir sollen verschwinden. Aus ihrem Verhalten spricht unverhohlene Feindschaft.

Ich hasse unhöfliche Menschen und deshalb frage ich sie schon aus Trotz, wo es denn zum Fluss geht. Sie aber wiederholt nur, was ich allmählich für eine Drohung zu halten beginne. Wir beschließen, es sei das Klügste zu verschwinden, ehe wir es mit der rasenden Dorfmeute zu tun bekommen. Vielleicht ist dem Dorf in letzter Zeit übel mitgespielt worden und seine Bewohner sind deshalb nicht gut auf Fremde zu sprechen. Oder die Frau hasst einfach nur Badetücher. Vielleicht trocknet sie sich mit dem Bettvorleger ab. Ich weiß es nicht und ich habe auch keine Lust, es herauszufinden.

Wir lassen uns nicht entmutigen. Schon kurze Zeit später begegnet uns eine junge Frau. Sie ist deutlich netter als die Dorffurie und sie erklärt uns bereitwillig, wie wir zum Fluss gelangen. Selbstverständlich könne man dort baden, setzt sie mit einem Lächeln hinzu. Wir sind froh, dass nicht alle in dieser Gegend schlecht auf Gringos zu sprechen sind. Doch in Wahrheit sind wir gar keine Gringos, wir sehen nur zufällig so aus, denn als Gringos gelten allein die Nordamerikaner, nicht aber die Europäer. Leider wird man immer mit den amerikanischen Vettern verwechselt.

Es ist schwül wie in einer Dampfsauna und der Schweiß würde einem schon aus den Poren brechen, wenn man nichts weiter täte, als sich im Sessel zu rekeln und ein kaltes Pils zu zischen. Irgendwann fängt es an zu regnen, doch die Tropfen verdursten auf halbem Weg zwischen Himmel und Erde. Allenfalls ein paar warme Sprengsel netzen unsere Shirts. Der Schauer ist so erfrischend wie der Schwall, der aus dem Geschirrspüler dringt, wenn man die Tür zu früh öffnet. Wir sind eingehüllt in die zirpende Kakophonie des Waldes, die uns nicht mehr verlässt, bis wir zur Hauptroute zurückkehren.

Ein Wanderer überholt uns hurtigen Schrittes. Wenn es nicht so abgeschmackt klänge, würde ich behaupten, es handele sich um einen Landsmann. Er würdigt uns keines Blickes, auch ein Gruß unterbleibt. Wie ein Pilger oder wie der Hüter seiner Herde führt er einen Wanderstock. Da nur wirklich ernst gesinnte Wandersleute auch einen Stecken haben, vermute ich, das Wandern ist diesem Knaben mehr Lebensaufgabe als Lebenslust. Das Habit spricht dafür: Der Hosenbund sitzt an der Rippe und die Hosenbeine enden über den strammen Oberschenkeln. Eigentlich sieht man so nur aus, wenn man Burschenschafter ist oder einem Wanderverein angehört, der es mit der Traditionspflege etwas zu genau nimmt. Es kommt aber durchaus vor, dass man in Ecuador Leute vom Schlage verschrobener Weltfluchtromantiker trifft, die in der Einsamkeit der Wälder ihren Tick gnadenlos ausleben.

Schließlich finden wir die bezeichnete Stelle: Eine weitere Fußgängerbrücke spannt sich über den Río Iloculín. Die Haltetaue wirken wie die Ankerseile eines Spinnennetzes und der Brückensteg schwebt über dem Fluss als wäre er schwerelos. Die Wasser rauschen durch dichten Wald. Vor Felsblöcken stauen sich Bugwellen und Katarakte schlagen den Fluss zu Schaum. Die Felsen am Grund zwingen die Wasser in eine Parabel und dann in ein Tal, das so glatt ist wie der weiche Bauch einer Meereswelle. Strudel ziehen Schnörkel in die Oberfläche, die den Rauchkringeln einer Zigarre gleichen.

Nur dort, wo der Fluss flache Ausbuchtungen bildet, ist er sanft. Durch das stille Wasser kann man die Sandrippen am Grund sehen. Einheimische baden in dem brodelnden Inferno. Sie vertrauen ihr Leben einem aufgepumpten Traktorreifen an und lassen sich hundert Meter mit der Strömung treiben, ehe der Fluss ihre erschöpften Leiber auf einen der Felsen am Ufer wirft. Wir würden es auch gern einmal versuchen, doch haben wir leider keinen Reifen zur Hand.

Wir überlegen, ob wir zum Fluss hinabsteigen sollen. Allein der Abstieg stellt schon eine beachtliche Herausforderung dar, denn die Ufer werden von zerklüftetem Fels eingeschlossen und zudem sind sie in dichte Vegetation gehüllt. Wenn man die geeigneten Stellen nicht kennt, begibt man sich in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wir sind allein, von jeder Hilfe abgeschnitten (ich glaube kaum, dass die Frau aus dem Dorf uns helfen würde) und selbst nur ein verstauchter Knöchel wäre da schon eine Katastrophe. Wir geben der Vernunft nach und erfreuen uns einfach an dem schönen Anblick.

Nachdem wir unsere Sinne bis zur Abstumpfung mit den Eindrücken der Wildnis aufgeladen haben, kehren wir zurück. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das sich unter dem erdrückenden Grün duckt wie ein flüchtiger Sträfling unter einer Gartenhecke. Ein Hund kommt heraus und verteidigt pflichtschuldig den Besitz seines Herrn. Es ist ein winziges süßes Hündchen, kaum größer als ein Kaninchen, mit flatternden Öhrchen und kurzem seidigen Fell von der Farbe eines Sahnetoffees. Das Schwänzchen, dünn wie ein Zweiglein, wedelt aufgeregt hin und her. Das Hündchen kläfft uns böse an, aber selbst ein Häschen würde bedrohlicher klingen. Wir müssen lachen und versuchen das kleine Tier weiter zu reizen, weil es einfach nur drollig ist, wie es uns in die Flucht zu schlagen versucht. Die Bewohner des Hauses lassen sich nicht sehen, aber das ist auch gar nicht nötig, denn schließlich passt ihr scharfer Hund auf.

Wir sind den Geheimtipps des Reiseführers gefolgt wie der Jäger der Spur des Wildes, aber statt des Paradieses, zu dem man uns zu führen versprach, haben wir ein anderes Paradies gefunden. Man muss sich damit abfinden, dass Pläne auch einmal scheitern – das ist im Leben nicht anders als auf Reisen. Was sonst ist das Leben als eine Reise mit nur zu bekanntem Ausgang, wenn auch zu einem unbekannten Ziel. Aber wer würde diese Reise nicht antreten, obgleich er doch wüsste, wie sie endet?

Endstation

Noch am selben Tag, an dem wir die Ufer des Río Napo erreichen, fahren wir weiter nach Tena. Tena liegt nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt und hat man die Wassermassen, die den Wald wie ein Band aus flüssiger Milchschokolade durchschneiden, erst einmal überwunden, gelangt man auf der hervorragend ausgebauten Autopista schon nach wenigen Minuten ans Ziel. Die Stadt, die ähnlich Puyo kaum über die Dimensionen einer Kleinstadt hinauswächst, breitet sich recht malerisch an beiden Ufern des Río Tena aus, eines von unzähligen Strömen, die das Tiefland als dichtes Adergeflecht durchziehen. Östlich der Anden kennen die Flüsse nur noch eine Richtung – gen Osten – und nachdem sie Tausende von Kilometern durch dichten Urwald gereist sind, vereinigen sie sich mit dem Vater aller Ströme, dem Amazonas.

Über Tena ließe sich dasselbe sagen wie über Puyo, denn genau wie dieser Stadt sagt man auch jener nach, sie sei ein Tor zum Oriente (das ist das grüne Tiefland östlich der Anden). Leider pflegt der Besucher sich nie lange an Toren aufzuhalten, wenn die eigentliche Attraktion dahinter zu finden ist. Niemand reist in den Oriente, um dessen schöne Städte zu besuchen, denn schöne Städte gibt es hier nicht. Weit lohnender erscheint es da, sich alsbald auf die Suche nach dem wirklichen Wunder zu begeben: die unberührte, weithin ursprüngliche Natur.

Als Sprungbrett für Expeditionen aller Art eignet sich Tena indes ganz hervorragend und so verwundert es nicht, dass man in der Stadt selbst nur vereinzelt Touristen begegnet (man erkennt sie an den Trekking-Rucksäcken und am verwahrlosten Erscheinungsbild). Dafür wimmeln die Wälder der Umgegend wahrscheinlich nur so von Hobby-Entdeckern, Möchtegern-Abenteuern und Sofa-Desperados.

Wir haben von einem angeblichen Geheimtipp gehört: Irgendwo westlich der Stadt liegt ein Dorf namens Serena, in dessen Nähe es eine wunderschöne Badestelle mit einem Wasserfall geben soll. In meiner Phantasie schießt ein glasklarer Bach rauschend über eine Felskante. Als durchsichtige Wasserwand fällt er in einen türkisblauen Pool, dessen Ufer von einem Baldachin aus glänzendem Blattwerk beschattet wird. Feuerfarbene Orchideen leuchten aus dem Dunkel. Ein Regenbogen bricht sich im Sprühnebel … Nachdem wir uns in Tena umgesehen und nichts gefunden haben, das unsere Aufmerksamkeit augenblicklich in Beschlag genommen hätte, beschließen wir, das Wagnis einzugehen: Aufs Geratewohl fahren wir Richtung Westen, nach Serena.

Die Schwierigkeiten stellen sich ein, kaum dass wir die Stadt verlassen. Google-Maps, unser allwissender Begleiter, ist leider so nützlich wie der Navigations-Computer des Space-Shuttle bei der Suche nach einem Parkplatz – weder will die störrische Maschine einen Ort namens Serena kennen noch überhaupt Straßen, die dorthin führen. Die Karte zeigt lediglich ein einheitliches graues Nichts. Man könnte glauben, wir fahren durch ein Testgelände für thermonukleare Sprengsätze.

Zu unserem Glück gibt es noch Menschen. Wir fragen Einheimische, doch ihre Antworten sind keineswegs erhellender als die Nonsens-Vorschläge unseres Fährtensuchers aus dem Internet. Unisono gibt man uns zu verstehen, man hätte noch nie von einem Dorf mit dem Namen Serena gehört. Die Leute scheinen sich sehr zu wundern, was ein Haufen Gringos in irgendeinem Nest mitten im Wald zu suchen hat und vor allem fragt man sich, was diese komischen Fremden in der Pampa eigentlich zu finden hoffen.

Allmählich beginnen wir zu glauben, dass das Internet vielleicht doch Recht haben könnte und dass wir nichts weiter als einer Chimäre hinterherjagen. Uns schwant, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen wird. Doch das Schicksal hat anders entschieden: Wir treffen eine Frau, bei der der Name „Serena“ etwas zum Klingen bringt. Dunkel erinnert sie sich, schon einmal von diesem Ort gehört zu haben. Das erscheint uns sehr vielversprechend. Sie weist uns sogar noch vage die Richtung und wir fahren los, als jagten wir dem Gold von El Dorado hinterher.

Zunächst führt die Straße durch einen Flecken namens Pano, dann durch Talag und direkt dahinter macht der Asphalt einem wüsten Schotterweg Platz. Als wollte Google doch noch Recht behalten, verschlechtert sich der Zustand der Straße mit jedem Meter: Bald versinken die Räder in tiefen Spurrillen oder sie tauchen so hart in Schlaglöcher, dass man um seine Bandscheiben fürchten muss. Das Auto, das kaum mehr Bodenfreiheit hat als ein ordnungsgemäß bemannter Viererbob, setzt alle paar Meter mit einem hässlichen Schleifgeräusch auf. Auf dem Beifahrersitz wird derweil gejammert, was wir dem armen Wagen alles zumuteten. Niemand aber klagt darüber, welche Verwüstungen diese Maschine an meinem Nervenkostüm angerichtet hat – nach dieser Tour bin ich reif für den Therapeuten („Bitte nicht schreien! Das ist doch nur ein Autoschlüssel.“).

Die Straße ist mittlerweile nur noch eine bucklige Lehmpiste, eingeschlossen in unüberwindliche Mauern aus Grün. Wir sind ganz allein, verlassen von Google und der Welt. Anderen Fahrzeugen begegnen wir nicht, obwohl doch allein schon die Existenz der Straße – einer Art Straße – beweist, dass Menschen hier leben müssen. Uns beschleicht der nicht sehr einladende Gedanke, dass wir bis in alle Ewigkeit durch dieses grüne Labyrinth irren werden, wenn wir nicht bald einem rettenden Engel begegnen.

Wir beschließen, der Straße noch zehn Minuten zu folgen und dann umzukehren. Als wir gerade enttäuscht aufgeben wollen, taucht wie aus dem Nichts ein einsamer Spaziergänger auf. Ein älterer Herr schreitet würdevoll am Wegesrand entlang: eisgraues Haar und verwegener Schnurrbart, das Hemd offen wie ein Millionär im Jacht-Urlaub, den Bauch würdevoll vorgestreckt, die dicke Goldkette vergraben im üppigen Brusthaar. Wir erklären ihm, wonach wir suchen: paradiesische Wasserfälle und kristallklare Pools unter tropischem Mondlicht. Er hört uns zu ohne die geringste Regung und meint nur „rechts“. Wir sollen nach rechts fahren. Mehr sagt er eigentlich nicht. Ich kann sein Rasierwasser riechen – man lebt zwar in der Wildnis, aber unzivilisiert ist man deshalb noch lange nicht. Vielleicht denkt er, es sei nicht gut, mit Leuten zu reden, die ohne Google gar nicht lebensfähig sind. Immerhin hat er uns einen Wink gegeben und immerhin gelangen wir auch irgendwohin.

An der Weggabelung fahren wir nach rechts ab – und landen schon nach kurzer Zeit in einem Ressort. Das hat man davon, wenn man die Leute von hier fragt, denn wer im Wald lebt, sucht natürlich die Zivilisation. Nur diese merkwürdigen Gringos kommen auf die verrückte Idee, die dunkelsten Geheimnisse der Wildnis ergründen zu wollen. Wir fahren zurück zur Gabelung und nehmen den linken Abzweig. Die Straße windet sich Kilometer um Kilometer durch den dichten Urwald und endet schließlich an einem Fluss.

Da nur eine Fußgängerbrücke zum anderen Ufer führt, ist die Fahrt hier beendet. Pikanterweise befindet sich am Ende der Strecke eine Bushaltestelle. Die Straße krümmt sich in einer Schlaufe, so dass der Bus wenden kann. Um uns ist nichts als Wald und da drängt sich natürlich die Frage auf, wer hier wohnt, so dass er den Bus nehmen müsste. Wir sehen weder einen Bus noch Menschen, die ihn nutzen könnten. Es wäre sicher interessant, einmal den Berufsverkehr zu erleben.

Laut meinem Reiseführer, der kaum halb so dick wäre, wenn er nicht vor lauter Geheimtipps nur so strotzen würde, solle man den Fluss überqueren und rechter Hand dem Ufer folgen. Nach einem kurzen Spaziergang sei man am Ziel: Wasserfälle und ein paradiesischer Badepool erwarteten den Besucher. Außerdem befände sich ein hübsches ethnokulturelles Museum ganz in der Nähe; ein Besuch lohne sich. Wir gehen über die Brücke und folgen dem Fluss nach rechts, immer stromaufwärts. Ein schmaler Fußgängerweg führt in Reichweite des Ufers immer tiefer in den Wald hinein.

Zwischen den Strömen

Unser ecuadorianisches Abenteuer ist beendet, doch die letzten Berichte harren noch immer ihrer Niederschrift. Die Wochen vor unserer Abreise waren so turbulent, dass fürs Schreiben einfach keine Zeit blieb. Ich habe mir fleißig Notizen gemacht, so dass ich mich auch jetzt – mir scheint, eine Ewigkeit ist seitdem vergangen – noch an jede Einzelheit genau erinnere. Zwar kann ich mir keinen einzigen Namen merken (dies schließt die engsten Angehörigen durchaus mit ein), was ich aber gesehen oder erlebt habe, klammert sich mit solcher Zähigkeit an mein Gedächtnis, dass ich nichts davon je wieder vergessen werde, ehe es niedergeschrieben ist. Dieser Pflicht, die zugleich ein Vergnügen ist, möchte ich nun nachkommen.

Wir erreichen den Río Napo bei Puerto Napo, einer Stadt, die nicht weiter der Erwähnung wert wäre, wenn nicht zufällig an dieser Stelle die Straße den Fluss überwinden würde. Es gibt nichts, was uns veranlassen könnte, zu verweilen und so folgen wir, kaum dass wir den Strom überquert haben, dem Lauf der zimtbraunen Wassermassen nach Osten. Die Fahrt führt entlang einer idyllischen Landstraße, die sich durch üppig wucherndes Grün schneidet, das den Fluss nicht mehr verlässt, bis er, Tausende Kilometer entfernt, in den Amazonas mündet.

Zu unserem Glück ist das Terrain flach, denn solange unser Wagen nicht gegen Steigungen ankämpfen muss und nur immer hübsch rollen darf, kommen wir gut voran. Dem Anschein nach ist die Straße erst kürzlich asphaltiert worden. Wir sind seit einem Jahr im Land unterwegs und über die allgegenwärtige Bauwut mag man sich schon gar nicht mehr wundern: In ihrem Bemühen, die Infrastruktur modernen Standards anzugleichen, hat die Regierung selbst in den entlegensten Regionen ganze Arbeit geleistet. Die Straßen sind so gut wie nur irgendwo in Europa und man muss schon weite Strecken fahren und dann auch nur die wenig bekannten Nebenrouten nutzen, um Straßenverhältnisse vorzufinden, wie sie in Ecuador noch vor zwanzig Jahren fast überall gang und gäbe waren.

Nach gut einer halben Stunde Fahrt durch ein Meer von Grün erreichen wir Misahuallí. Das Dorf wird in jedem Reiseführer als naheliegendes Ziel für denjenigen Reisenden gepriesen, der sich einen Eindruck vom Amazonas-Tiefland zu verschaffen hofft, ohne sich deswegen gleich einer mehrtägigen Urwald-Expedition anschließen zu müssen. Der Ort liegt recht abgelegen am Zusammenfluss von Río Misahuallí und Río Napo. Doch die Zivilisation ist längst bis in die entferntesten Gegenden vorgedrungen, und auf den schönen neuen Straßen finden Ideen ihren Weg mittlerweile fast so schnell in die Köpfe der Menschen wie durch das Glasfaserkabel, das Außenposten wie dieses Dorf am Rande der Welt mit den Knotenpunkten des Lebens verbindet.

Ein wenig idyllisch ist es in Misahuallí dennoch, wenn man auch von dem eigentlichen Dorf absehen sollte, das in seiner Beliebigkeit den meisten Dörfern in Ecuador in nichts nachsteht. Doch Auswechselbarkeit bis hin zur Ununterscheidbarkeit scheint ein Kennzeichen unserer modernen globalen Kultur zu sein. Demgegenüber stehen die Annehmlichkeiten: In diesem Flecken mitten im Urwald kann man Eiscreme-Sandwiches essen und eisgekühlte Coke trinken. Ich kenne keinen Ecuadorianer, der da geröstete Maden bevorzugen würde. Immer wieder wird kolportiert, das fettreiche Ethno-Food sei der bevorzugte Gaumenkitzel in den Wäldern am Amazonas. Ich habe nie jemanden die possierlichen Tierchen essen sehen und man müsste schon tief in den Wald hinein, um ein Menü à la Amazonica aufgetischt zu bekommen.

Der Zauber Amazoniens offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Zu weit schon ist der Mensch in den Wald vorgedrungen, als dass sich das Geheimnis offen zeigte. Dieses Land will entdeckt, will erkundet werden. Seine Schätze ringt man ihm nur mühsam ab – ganz gleich, ob es sich um wertvolle Rohstoffe handelt oder um ein unbezahlbares Fotomotiv. Doch dort, wo die trüben Wasser des Río Misahuallí sich in den Río Napo ergießen, kann der Besucher gerade noch erahnen, wie das Leben im Oriente gewesen sein mag, lange bevor jemand auf die Idee kam, Reiseführer für verwöhnte Großstadtbewohner aus der Ersten Welt zu schreiben.

Der Parkplatz, auf dem wir den Wagen abstellen, ist fast leer – Touristen gibt es offenbar kaum. Der Parkplatzwächter nimmt die drei Dollar Parkgebühr entgegen und als er unsere besorgten Gesichter sieht, beteuert er, dass dem Wagen nichts geschehen werde. Wir sind optimistisch, denn es ist ja niemand da, der das Auto aufbrechen könnte.

Wir gehen über die Hängebrücke, die sich über die braunen Fluten des Río Napo spannt. Der Fluss ist an die hundert Meter breit und dennoch gilt er hier in Misahuallí, das am Oberlauf liegt, noch als schmal, verglichen mit dem gewaltigen Strom, als der er sich träge in den Amazonas wälzt. Die milchkaffeebraunen Wasser treiben schneller unter uns hindurch als ein Mensch gehen könnte. Man sieht die Strömung aus der Tiefe aufwallen wie Suppe in einem Kochtopf und an den Uferfelsen bilden sich rauschende Schleppen.

Bunte Kanus, deren Form an halbierte Chili-Schoten erinnert, ziehen mit Motorkraft unter uns entlang. Der Fluss ist nicht sehr befahren. Wäre nicht das Dorf, wirkte er geradezu verlassen. Bereits hinter der nächsten Biegung verliert man das braune, glänzende Band aus den Augen und der Río Napo verbirgt sich unauffindbar im schattigen Grün des Waldes. Wir kehren zurück ins Dorf, das sich gleich einem Keil zwischen die Flüsse drängt.

An der Landzunge zwischen den Strömen ruhen die Kanus auf dem flachen Sandstrand, gleichsam erschöpft von langer Fahrt. An diesem Tag gibt es kaum Besucher. Die Guides vertreiben sich derweil die Zeit bei ihren Booten. Freilich wartet man nicht mehr darauf, dass einem Fische ins Netz gehen wie in alter Zeit. Man hat es auf lohnendere Beute abgesehen: Touristen. Meist fährt man sie hinter die nächste Flussbiegung, wo die Wunder des Urwalds nur darauf warten, besichtigt zu werden – so jedenfalls lautet das Versprechen.

Kaum ein Dutzend Besucher verliert sich am Strand. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich bei allen um Ecuadorianer. Die meisten scheinen sogar aus der Gegend zu stammen. Einer der Bootsführer versucht uns auf sein Kanu zu locken (unter all den Einheimischen fallen wir natürlich auf wie der sprichwörtliche bunte Hund), aber eine Stunde auf dem Fluss ist nicht mehr als eine Stippvisite, die kaum der Mühe lohnt, und für eine längere Bootspartie reicht die Zeit wieder einmal nicht aus.

Man sollte keine zu hohen Erwartungen hegen – die Geheimnisse, die der Wald vor den Menschen verborgen hält, werden nicht enthüllt, nur weil der Reisende sich in ein Kanu bequemt, in dem er dann ein paar Hundert Meter den Fluss hinunterfährt. Die Ufer des Río Napo sind in undurchdringliche Vegetation gehüllt und die Wunder, die zweifelsohne darin zu finden sind, offenbaren sich nicht schon deshalb, weil man das ortsübliche Transportmittel benutzt. Der dichte Wald bietet den Bewohnern des Amazonas-Tieflandes zuverlässigen Schutz vor neugierigen Blicken – wer würde sich nicht verstecken, wenn ein Boot mit lärmenden Touristen nahte, von denen sich mindestens die Hälfte mit dem berüchtigten Selfie-Stick bewaffnet hat.

Der Sandstrand in Misahuallí schmiegt sich weich wie der Körper einer Frau zwischen die Schenkel der Flüsse. An der Mündungsgabelung schweift der Blick weit über die trügerisch stillen Wasser ehe er sich im Dunkel des Waldes verliert. In den Bäumen am Ufer leben langschwänzige Affen, welche die Sicherheit des Geästs nur verlassen, um den Touristen unter lautem Geschrei die Snacks zu stibitzen. Der Mundraub bleibt folgenlos für die Menschen, ich glaube allerdings nicht, dass unseren tierischen Verwandten das Menschenfutter wirklich gut bekommt, da es schon bei uns Gicht, Arthritis und Fettleibigkeit auslöst. Weiter den Río Misahuallí aufwärts sieht man badende Kinder, Pärchen mit Picknickkörben und Familien, die sich für einige unbeschwerte Stunden am Ufer eingerichtet haben. Dennoch wirkt der Strand verlassen, als seien die Menschen nur zu Besuch und als würden sie in Wahrheit gar nicht hierher gehören.

Wenn man dem kleinen Bruder des Río Napo stromaufwärts folgt, ist man schon nach kurzer Zeit ganz allein. Die dichte Vegetation saugt die letzten menschlichen Stimmen auf wie ein Schwamm. Doch Wald und Fluss sind nicht still. Man hört das Rauschen des Urwald-Stromes, dessen braunes Band sich behände über flache Kaskaden ergießt. Begierig, sich mit seinem großen Bruder zu vereinen, eilen die Wasser dem mächtigen Río Napo entgegen.

Eine Nymphe liegt still im warmen Sand, versunken in einen Traum. Eine Regenflut hat sie auf den Strand getragen und die Hitze ließ den Leib zerfließen wie den Gallertkörper einer Meduse. Nur der Abdruck im Sand erinnert den Besucher daran, dass der Fluss die Heimat von Wesen ist, deren Rechte weit älter sind als die des Menschen.

Im Wald

Wenn man reist, sollte man Zeit erübrigen, denn die Dinge wollen mit Muße entdeckt werden. Eile ist dem genussvollen Reisen ebenso abträglich wie fast allem, das man um seiner selbst willen tut. Leider steht uns wieder einmal viel zu wenig davon zur Verfügung und wieder einmal gibt es mehr zu sehen, als selbst der unternehmungslustigste Reisende in einer ganzen Woche bewältigen könnte. Es scheint, die Eile ist unser treuer Begleiter.

Der ecuadorianische Oriente, die Urwaldregion östlich der Anden, ist riesig und auch heute noch sind weite Teile fast ebenso unwegsam wie zu Zeiten der Konquistadoren. Ehe der Reisende überhaupt nur den kleinsten Teil davon gesehen hat, zwingen ihn die Distanzen zwischen den lohnenswertesten Zielen zu langen erschöpfenden Autofahrten. Die Piste zieht sich Kilometer um Kilometer durch das eintönige Grün und am Ende ist die Reise, die zu einer erlebnisreichen Expedition ins Unbekannte hätte werden sollen, nichts als eine lange strapaziöse Fahrt mit dem Auto.

Nach einem turbulenten Jahr unter der Äquatorsonne, einem Jahr, das uns viel Kraft abverlangt hat, ist der anfängliche Enthusiasmus gebrochen. Erschöpfung hat von uns Besitz ergriffen und schon beginnen wir uns nach Ruhe zu sehnen. Das Feuer, das am Anfang in uns loderte, findet kaum noch neue Nahrung. Am Ende ist alles eine Frage der Gewöhnung und selbst das größte Abenteuer, eine Unternehmung, die wie geschaffen dafür ist, die Phantasie zu reizen und einen in wohligen Schauern der Vorfreude zu baden, kann einen mit der Zeit so lästig werden wie ein unausstehlicher Begleiter. Jenes eine Jahr hat uns überreich beschenkt mit Freude, uns aber auch so manches Mal Anlass zu Kummer gegeben. Es war ein langes Jahr, aber jetzt geht es zu Ende. Dies ist die letzte Reise, die wir in Ecuador unternehmen. Unglücklich sind wir deshalb nicht.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach Coca zu reisen. Coca oder Francisco de Orellana, wie die Stadt auch genannt wird, hat natürlich nichts mit den berauschenden Blättern zu tun, aus denen man den berühmten Tee bereitet, der die Höhenkrankheit so vortrefflich in Zaum hält. Coca wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Missionsstützpunkt der Kapuzinermönche gegründet, aber erst seit kurzer Zeit führen – dank der Ölindustrie – auch Straßen dorthin, auf denen Fahrzeuge fahren können, die nicht über Allradantrieb verfügen.

Der Bekehrungseifer der Kapuziner hat den Ölmultis übrigens gute Dienste geleistet, denn der bekehrte Indio, besänftigt durch das Beispiel christlicher Nächstenliebe, begegnet dem Landraub und der Zerstörung seiner Lebensgrundlagen offenbar mit weniger Unduldsamkeit als der Heide. So eine Wange, die man hingehalten bekommt, nachdem man sich an der anderen Wange schon die Hand taub geschlagen hat, wirkt in der Tat viel weniger bedrohlich als ein Gewehrlauf, der zum Blattschuss ansetzt.

Wenngleich mittlerweile weite Gebiete im Osten Anschluss an den Rest des Landes gefunden haben, ist es noch immer möglich, unberührte Natur zu erleben. Allerdings beginnt das Abenteuer meist erst dort, wo die Straßen enden und der Naturfreund, will er zum grünen Herz des Planeten vordringen, ist auf lange Kanufahrten und beschwerliche Wanderungen durch den Wald verwiesen. Leider fehlte uns dafür die Zeit.

Von Ambato kommend, erreichen wir Puyo erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Die Stadt gilt als Tor zum Oriente, doch so, wie niemand an der Türschwelle eines Hauses verweilen würde, wenn sein eigentliches Ziel das Wohnzimmer ist, mag man sich auch hier nie lange aufhalten. Puyo ist Durchgangsstation und um länger zu verweilen, bietet die Stadt auch keinen Anlass.

Wie im übrigen Ecuador vermag der Reisende auch in den meisten Städten des Oriente kaum mehr als eine regellose Ansammlung liebloser und ziemlich heruntergekommener Zweckbauten zu erkennen (Die Maxime des Bauhaus – die Form folgt der Funktion – hat man offenbar nur allzu wörtlich in die Tat umgesetzt). Sollte die geschundene Natur eines Tages ihr Recht fordern, wäre es nur billig, den ganzen Ort ohne Bedauern dem Untergang preiszugeben. Erst als ich später mein Fotoarchiv durchsehe, wird mir bewusst, dass es unter den Tausenden von Bildern kein einziges aus Puyo gibt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich Anlass gehabt hätte, auf den Auslöser zu drücken.

Im Zentrum der Stadt finden wir ein Hotel. Seine bevorzugte Klientel scheint sich aus Low-Budget-Öko-Urwald-Abenteurern zu rekrutieren: Die übrigen Hotelgäste tragen Dreadlocks, schamanistische Anhänger an Lederbändern und T-Shirts im marihuana-bunten Tie-dye-Design. Zwischen ihnen wirken wir geradezu bieder. Aber die Zimmer sind vergleichsweise billig, komfortabel und auch sauber: Es gibt fließendes Wasser und Toiletten, auf denen man im Fall aller Fälle auch einmal länger verweilen könnte, ohne fürchten zu müssen, später von noch schlimmeren Plagen infektiöser Art gepiesackt zu werden. Über den Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers, der wie ein Gruß aus den Siebzigern an der Wand hängt, flimmern aber nur graue Schemen. Mitten durch das Bad führt ein Ameisenpfad, doch so lange die munteren Kerbtiere keine Umleitung durch mein Bett nehmen, sollen sie nur weiter emsig ihr Werk verrichten.

Beim Einchecken ergibt sich ein Augenblick der Verwirrung, denn offenbar beherbergt die Stadt zwei Hotels desselben Namens, die sich nur durch einen kleinen – und demzufolge leicht zu übersehenden – aber nichtsdestotrotz feinen Namenszusatz unterscheiden: Während das eine Etablissement vor allem den Lifestile-Abenteurer mit kleinem Geldbeutel anspricht, offeriert das andere neben den zu erwartenden zivilisatorischen Annehmlichkeiten sogar einen Pool.

Zu diesem Zeitpunkt ist uns noch nicht klar, dass unser Hotel über keinen Pool verfügt, und so bestürmen wir den Angestellten völlig unbekümmert und gleich auch ein paar Mal mit der Frage, wo denn der Pool sei und ob wir als Hotelgäste einen Code benötigten, um hineinzugelangen. Der Angestellte sieht uns mit einem ziemlich perplexen Gesichtsausdruck an, aber da wir so überzeugend und vor allem mit so viel Nachdruck auftreten, kann er sich nicht entschließen, uns kategorisch zu widersprechen. Vielleicht hat sein Chef ja Geheimnisse vor ihm und das ist alles nur ein Test. Erst nach wiederholtem Nachfragen klärt sich das Missverständnis auf. Wir nehmen die Zimmer dennoch, denn schließlich sind wir nicht nach Puyo gekommen, um Pool-Partys zu feiern.

Nachts fängt es an zu regnen. Es ist ein unaufhörlicher, strömender Regen, der Stunde um Stunde auf die Stadt niedergeht. Der Regenvorhang ist so dicht, dass man ertrinken müsste, wenn man längere Zeit mit geöffnetem Mund in den Himmel starrte. Die Regentropfen scheinen unter dem niedrigen tropischen Himmel aus schweren Kumuluswolken zu beeindruckender Größe zu wachsen, denn als sie auf die Wellblechdächer prasseln, ist es wie ein Wirbel von tausend Trommeln. Die Nacht dröhnt so laut, dass selbst die Geräusche des Waldes ausgelöscht sind. Die Luft ist feucht und warm. Die Betttücher kleben einem nach kurzer Zeit am Leib. Man liegt in seichtem Schlaf, unruhig wie in einem Fiebertraum. Ohne Klimaanlage hält man es nicht lange aus.

Am nächsten Morgen ist es vorbei. Die Luft ist klar und nur die dampfende Feuchtigkeit verrät, dass die Stadt in der Nacht fast in einer Sintflut ertränkt worden wäre. Der Wagen war auf dem Hof des Hotels eingeschlossen, in einem Paradiesgarten aus blühenden Bäumen und schwelgendem Blattwerk in allen Schattierungen von Grün. Als hätte er eine heimliche nächtliche Spritztour durch dieses wilde Paradies unternommen, ist er gepudert von Blütenstaub und betupft mit Blütenblättern. Der Lack ist wie gesalbt mit duftendem Harz.

Beim Frühstück in der Lobby des Hotels treffen wir Vater Abraham. Wie uns, hat es auch ihn zielsicher an diesen Ort geführt. Das hat jedoch nichts mit Vorsehung zu tun, denn kommt man von Süden oder Westen und beabsichtigt man darüber hinaus, die Urwald-Region zu bereisen, führt der Weg zwangsläufig über Puyo. Vater Abraham bedauert, dass man Altar und Sangay, zwei Vulkane der Gegend, nicht sehen könne, aber die Wärme lässt den Dunst aufsteigen und über dem Wald sieht man nichts als dichte Nebelschleier. Wenn die Feuerberge Magma in den Himmel schleudern, wird man Zeuge eines unvergesslichen Schauspiels, des lebendigen Schöpfungsaktes unseres Planeten. Doch die Natur will sich nicht unseren anmaßenden menschlichen Wünschen fügen. Der Himmel über dem Horizont bleibt eine undurchdringliche graue Wand.

Wir machen uns auf nach Norden, zu den Ufern des Río Napo. Eigentlich hatten wir dem Fluss erst weiter stromabwärts, in Coca, begegnen wollen, dort, wo er der Vorstellung von dem gewaltigen Urwaldstrom viel eher entspricht. Es heißt, in Puerto Napo, wohin wir zu reisen beabsichtigen, sei der Fluss noch ziemlich schmal. Größe ist jedoch relativ und in Amazonien ist man ohnehin gehalten, ganz andere Maßstäbe anzulegen.

Dieses Land ist so gewaltig, dass man von seiner Größe beinahe erdrückt wird. Und auch die Flüsse sind kaum weniger eindrucksvoll als das Land, welches sie so zahlreich durchziehen wie die Arterien den lebendigen Organismus. Über Tausende von Kilometern führt der Weg der Ströme durch die grüne Lunge des Planeten. Wer ihnen sein Schicksal anvertraut, den geleiten sie zur anderen Seite des Kontinents, wo ein weiterer Ozean der Entdeckung harrt: der Atlantik. Unser nächstes Ziel sind die Ufer des Río Napo.

Abstieg in neue Welten

Ganz wie ein richtiger Astronaut, verlasse ich den Mars nicht, ohne vorher ein paar Gesteinsproben eingesammelt zu haben. Die geologische Fracht verstaue ich stilecht im Rucksack. Dann wende ich mich endgültig der Welt der Erdenbewohner zu. Für den Abstieg wähle ich eine andere Route: Es ist ein staubiger Bergrücken, der parallel zum Weg meines Aufstiegs verläuft. Hier ist man allein, denn der bunte Strom der Anoraks bewegt sich ein-, zweihundert Meter weiter zur Linken den Berg hinauf.

Ich lasse die Laguna und die Whymper-Hütte hinter mir. Das Refugium mit den blitzenden Sonnenkollektoren liegt zwischen den Schenkeln der Schuttberge gleich einem Habitat am Grunde eines gefrorenen Mars-Canyons. Weiter unten sieht man die Carrel-Hütte als winzigen roten Würfel. Wie ein Leuchtfeuer der Wärme und Geborgenheit steht die menschliche Behausung in der majestätisch kargen Landschaft.

Zum Parkplatz ist es recht weit und der Weg, der dorthin führt, balanciert auf dem Grat eines steilen Höhenrückens entlang. Starkes Gefälle macht zügiges Ausschreiten unmöglich. Der Schotter ist so locker, dass man schon bei der geringsten Unachtsamkeit ins Rutschen kommt. Man könnte sich in einen Wok setzen und den Berg hinunterrasen und man würde sämtliche Geschwindigkeitsrekorde brechen. Ich wundere mich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist.

Zweimal verliere ich den Halt und bevor ich mich versehe, liege ich im Staub und ich rutsche auch gleich noch ein paar Meter den Hang hinunter. Der einzige andere Mensch, dem ich hier begegne und den ich ausgerechnet im Augenblick meiner Beschämung treffen muss, fragt, ob ich wohlauf sei. Es gehe mir gut, lasse ich ihn wissen, aber als sei ich der Buffo am Berg, liege ich schon in der nächsten Sekunde wieder auf dem Rücken. Es zieht mir förmlich die Beine weg und kommt man erst einmal ins Rutschen, kann man das Unglück nicht mehr aufhalten. Ich sehe nun aus, als hätte ich mich nach allen Regeln der Kunst in der roten Erde gesuhlt. Der feine Staub hängt an mir wie der Puderzucker am Weihnachtsstollen.

Als ich schließlich an der Carrel-Hütte ankomme, schmerzt mir der Ellenbogen. Das unangenehme Stechen sollte mir auch noch während der nächsten Monate erhalten bleiben. Richtig weh tut es aber nur beim Gewichtestemmen. Ich schließe daraus, dass es nichts Ernstes sein kann, doch der Schmerz ist mir eine stete Erinnerung an unser Abenteuer unter dem eisigen Thron Gottes.

Das Dramolett, in das ich anlässlich meiner Rückkehr in die Zivilisation geraten bin, ist nichts im Vergleich zu dem Drama epischen Ausmaßes, das sich während meiner Abwesenheit auf dem Parkplatz abgespielt hat: Hatte die eine Hälfte der Seilschaft beschlossen, dem Pfad des Abenteuers hinauf ins ewige Eis zu folgen, beschied sich die andere Hälfte mit Warten. Viele Bergtouristen bleiben in der Nähe des Parkplatzes und genießen von hier den Ausblick in die malerisch öde Landschaft. Sie müssen auch so schon gegen Atemnot kämpfen, der Aufstieg wäre eine einzige Tortur.

Als ich verfroren und ziemlich derangiert beim Auto eintreffe, empfängt man mich mit der durchaus vorwurfsvollen Feststellung, man habe volle drei Stunden warten müssen. Drei Stunden? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, aber wahrscheinlich hat die dünne Luft ein Delirium mit anschließender Amnesie bei mir ausgelöst. Ich habe wirklich den Eindruck, ich sei nur einen Augenblick fort gewesen, so viele Eindrücke sind in so kurzer Zeit auf mich eingestürmt.

Auf dem Parkplatz wurde es dennoch nicht langweilig, denn spannende Unterhaltung war auch hier garantiert: Francisco hatte uns den Wagen mit nur einem Schlüssel ausgehändigt und damit uns die Zentralverriegelung nicht eines Tages aussperrte, war als erstes Gebot beschlossen worden, dass derjenige, der fährt, auch für den Schlüssel verantwortlich sei. Die Fahrt hinauf zum Vulkan hatte unser Nervenkostüm arg strapaziert und nur so lässt sich erklären, wie es zu der Konfusion kommen konnte, die wieder einmal in dem unanfechtbaren Beweis mündete, dass Murphys Gesetz eine ebenso unumstößliche Naturkonstante ist wie die Lichtgeschwindigkeit: Die Türen schnappten zu und der Schlüssel steckte ordnungsgemäß an seinem Platz im Zündschloss.

In Deutschland hätte sich das Malheur zur wahren Tragödie ausgewachsen (und wahrscheinlich zum finanziellen Melodram), doch in Ecuador sind die Leute praktisch veranlagt und für alle Lebenslagen gibt es einen Kunstgriff. Meine Frau traf gerade noch rechtzeitig auf dem Parkplatz ein, um den schlimmsten Ausbruch der Verzweiflung abzuwenden – man wog bereits den Stein, mit dem man zur Tat zu schreiten gedachte (vulkanisches Ergussgestein, das so aussah wie die Proben, die ich im Rucksack trug).

Es dauerte nicht lange und man hatte jemanden ausfindig gemacht, der sich erbot, die Tür zu öffnen: Dazu war lediglich ein Stück Draht nötig. Mit Geschick war das Werk in wenigen Sekunden vollbracht. Ich frage mich bis heute, warum man unser Auto nicht andauernd knackte. Wie man einen Wagen gegen seinen Willen öffnet, scheint hierzulande Allgemeinwissen zu sein. Doch bekanntlich ist Wissen blind gegen den Zweck, dem es dient, und es hilft dem Bösen wie dem Guten stets mit derselben Gleichgültigkeit.

Wir nehmen Abschied vom Chimborazo mit dem Gefühl, einen Triumph errungen zu haben, denn allen Widrigkeiten zum Trotz haben wir unser Ziel erreicht und mit den besten Erwartungen setzen wir unsere Reise fort: Wir schlagen einen weiten Bogen zurück zur Panamericana, auf die wir in Ambato treffen. Doch wir verweilen nicht. Schon nach kurzer Rast geht es über die Kordillere und weiter nach Osten, hinab ins Tiefland mit seinen heißen, schwitzenden Urwäldern. Die Strecke ist so malerisch wie ein Landschaftsbild der Romantik, mit Geheimnissen, die in purpurnen Schatten lauern, und geisterhaften Nebelgebilden.

Der Sonnenuntergang reißt uns in die Nacht, die das Land, den Himmel und die Autopista in kohlschwarze Finsternis taucht. Um uns ist nichts als samtene Schwärze, in der die Rücklichter der vorausfahrenden Wagen wie Granate leuchten. Baños, die Stadt der heißen Quellen, taucht daraus auf als warmer Lichtschein aus Autokolonnen, Musik und feiernden Menschen. In der Nacht erreichen wir Puyo, das Eingangstor zum Amazonas-Tiefland. Gerade drei Stunden und viertausend Höhenmeter trennen uns nun vom Eisigen Thron Gottes, doch es fiele leichter zu glauben, wir hätten Kontinente und Ozeane überquert, um hierher zu gelangen. Puyo ist eine gänzlich andere Welt – eine neue Welt für uns. Wir sind begierig, das Amazonas-Tiefland und seine Geheimnisse zu ergründen.

Paradies in Schokolade

Auf der Suche nach dem Schokoladenland: Wir rechneten damit, dass sich irgendwo hinter Nanegalito die Ausfahrt befinden müsste, die uns direkt nach Mashpi Shungo führen würde, ins süße Land der Schokolade. Aus der Karte, die auf dem Handzettel abgedruckt war, mit dem die Farm für sich warb, ging nicht klar hervor, ob man die Hauptroute vor oder hinter San Miguel de los bancos verlassen sollte. Wir entschieden uns für die Ausfahrt davor und wie üblich war es der falsche Weg: Der Asphalt verschwand schon nach wenigen hundert Metern und von jetzt an bewegten wir uns auf einer Schotterpiste, deren Zustand sich mit jedem weiteren Kilometer zu verschlechtern schien. Doch die Landschaft war ein üppiges tropisches Paradies, wie es den Visionen Henri Rousseaus entsprungen sein könnte.

Über die in sattes Grün getauchte Flur schweifte der Blick in einen scheinbar unberührten Garten Eden. Kolibris, schillernd wie Edelsteine, schwirrten auf der Jagd nach Blüten durch das Blattwerk. Oft kreuzten sie wie bunte Geschosse den Weg und ich fürchtete, sie könnten als Federknäuel auf der Windschutzscheibe enden. Doch sie waren viel zu flink; der trägen Maschine wichen sie mit artistischer Behändigkeit aus.

Die Straße wurde immer schlechter und der zerklüftete Untergrund schaukelte den Wagen derart auf, dass man fürchten musste, hinter der nächsten Biegung in den Büschen zu landen. Zeitweise kamen wir nur mit Schrittgeschwindigkeit voran. So unberührt uns das Land auch erschien, die Gegend war vollständig erschlossen und alle paar hundert Meter kamen wir an einem Tor vorbei, das zu einer Finca führte, deren Herrenhaus sich irgendwo im Hügelland unter undurchdringlichem Grün verbarg.

Eigenartigerweise trugen die Farmen in dieser Gegend ausschließlich englische Namen. Wir fragten später in Mashpi Shungo, was es damit auf sich habe – wir vermuteten, dass Amerikaner das Land gekauft hätten –, und man bestätigte uns, dass der Boden in dieser Gegend tatsächlich im Besitz von Ausländern sei. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, was man in der lähmenden Beschaulichkeit zwischen Orchideen und Kolibris mit seinem Leben anfangen könnte, aber paradiesisch schön muss es sein.

Irgendwann verloren sich die Reste der Straße im dichten Urwald. Unser Weg war nur noch ein Pfad. Eine dicke Laubschicht bedeckte den Boden. Man konnte den Verlauf der Straße nur deshalb noch vage ausmachen, weil dort keine Bäume wuchsen und der Wald gleichsam Spalier bildete. Durch das Halbdunkel unter dem Kronendach führte ein Fluss und irgendwann standen wir ratlos an seinem Ufer. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo wir uns befanden.

Unten am Wasser waren Männer damit beschäftigt, tote Baumstämme zu zersägen. Wir fragten sie, ob man auf dieser Straße nach Mashpi Shungo komme, aber sie meinten, die Straße sei hier zu Ende – man konnte es unschwer erkennen. Wenn wir weiter nach Norden wollten, müssten wir die Ausfahrt hinter San Miguel de los bancos nehmen. Wir drehten und fuhren zurück. Der Wagen war mittlerweile von oben bis unten mit Schlamm besudelt. Wer uns sah, musste glauben, wir wären gerade von einer amphibischen Expedition durch das Amazonas-Delta zurückgekehrt.

Mit dem nördlichen Abzweig hatten wir mehr Glück. Die Straße war so schön asphaltiert wie in einem Werbeprospekt der BVG und tatsächlich verkehrte sogar ein Bus auf der Strecke. Wir fuhren vorbei an purpurnen Bananenstauden und Bambusdickichten, deren Halme wie gotische Säulenbündel in den Himmel strebten. Die Kronen fächerten zu wahren Gewölben aus. Die Straße wand sich in unzähligen Kurven durch die hügelige tropische Landschaft. Es waren kaum Menschen unterwegs und außerhalb der kleinen Dörfer sah man niemanden. Einmal kamen wir an einen Fluss. Die Wasser rauschten über Stromschnellen ehe der Wald sie wieder verschluckte.

Nach Mashpi Shungo führte ein weiterer Abzweig. Die Straße war nun nur noch ein enger Schotterweg, den man am besten mit einem geländegängigen Fahrzeug befuhr – schade, dass unser Wagen keinen Allradantrieb hatte. Trotz des erbarmungswürdigen Zustandes der Wege und obwohl die Gegend so abgelegen war, sah man plötzlich erstaunlich viele Fahrzeuge. Die meisten, die uns begegneten, schienen hier Besucher zu sein wie wir.

Manche fuhren Autos, wie sie für die Stadt geeignet waren. Diese Urwaldpiste zu befahren, stellte aber ein nicht geringes Wagnis dar. Bei der kleinsten Bodenwelle setzten die Wagen auf und oft blieben sie sogar hängen. Die Fahrer setzten zurück und versuchten es so oft, bis sie schließlich einmal Glück hatten. Das schabende Geräusch ließ nichts Gutes erahnen und die nächste Durchsicht wird vielleicht keine erfreulichen Nachrichten bringen. Ich würde auf jeden Fall nachschauen, ob sich über Nacht ein Ölfleck unter dem Wagen gebildet hat.

Die Straße führte direkt am Ufer des Río Mashpi entlang. Von einer Anhöhe aus, die wie die Tempelpyramide einer untergegangen Kultur über das Kronendach des Waldes emporwuchs, konnte man auf den Fluss blicken. Der Strom kerbte sich wie eine regennasse Allee durch das dichte Grün. In der Ferne, dort, wo das Band des Flusses fast schon wieder vom Wald verschluckt wurde, sah man Badende. Das Bild erinnerte mich an eine Szene aus „Die Mission“ und ich verspürte augenblicklich Lust, im nächsten DVD-Shop eine Raubkopie zu erstehen.

Hin und wieder sah man Leute am Ufer picknicken und Badenden begegnete man mehr als einmal. Eine Hängebrücke überspannte das träge Gewässer, doch der Eigentümer der Finca auf der anderen Seite verbat sich unbefugtes Betreten: Ein Schild machte unmissverständlich klar, dass Besuch nicht erwünscht sei. Auf dem jenseitigen Ufer gibt es keine Straßen und die Bewohner der Häuser, deren Dächer allenthalben aus der dichten Vegetation hervorschauen, müssen erst den Fluss überqueren, wenn es sie danach gelüstet, wieder einmal die Annehmlichkeiten der Zivilisation zu genießen. Blattschneiderameisen nutzten das Werk des Menschen und transportierten ihre wertvolle Fracht zu den Kolonien am anderen Ufer.

Man findet den Eingang zur Finca nicht leicht, denn anders als die durch ein Heer von Sicherheitspersonal, durch Schranken, Mauern und Stacheldraht gesicherten Wohnanlagen der Städte gibt es hier oft nur ein unscheinbares Tor, das man manchmal sogar erst im Dickicht suchen muss. Nirgendwo finden sich Namensschilder und man sieht auch keine Wächter, die einem verraten könnten, ob man an der richtigen Adresse ist. Es hat den Anschein, man verzichtet auf Sicherheitsmaßnahmen, was in diesem von Kriminalität schwer gebeutelten Land recht seltsam anmutet. Das Tor zur Finca war nicht abgeschlossen und jeder hätte das Grundstück unbeobachtet betreten können.

Ich glaube aber, die Gegend ist zu abgelegen, als dass man unerwünschten Besuch fürchten müsste. Hier, in der spärlich bevölkerten Landschaft des Noroccidente kennt ohnehin jeder jeden und Fremde würden da natürlich schnell auffallen. Außerdem führen die Leute immer eine Machete mit sich – ein unentbehrliches Arbeitsmittel auf dem Feld wie im Wald. Man sollte die Bewohner dieses Landstrichs nicht reizen, denn wenn es sein muss, erweisen sie sich als sehr geschickt darin, dieses einfache Arbeitsgerät als Waffe einzusetzen. In alter Zeit wurden mit der Machete blutige Kämpfe ausgetragen.

Als wir die Finca endlich erreichten, schickte man sich gerade an, Schokolade zu verkosten. Die Führung hatten wir versäumt, aber von der Schokolade wollten wir unbedingt eine Kostprobe. Es war aber nicht weiter schlimm, dass wir nicht an dem Rundgang teilgenommen hatten, denn nach der Verkostung erhielten wir die Erlaubnis, uns auf eigene Faust auf dem Gelände umzusehen.

Die Verkostung fand im kleinen Kreis statt – kaum mehr als ein halbes Dutzend Interessierter hatte sich eingefunden. Präsentiert wurden Handwerksschokoladen, die ohne den in der Industrie üblichen Emulgator Lezithin auskommen und auch ohne Milchpulver. Stattdessen verwendet man ausschließlich hochwertigen Kakao, Kakaobutter und Rohrzucker. Obwohl es sich um dunkle Sorten handelte, schmeckte die Schokolade erstaunlich mild, fast wie Vollmilchschokolade. Durch den hohen Kakaoanteil hatte die Schokoladenasse allerdings nicht die typische cremige Textur der Vollmilchsorten.

Manche der Schokoladen hatten Fruchtfüllungen. Die Früchte, aus denen man sie herstellt, waren mir so wenig bekannt wie das Obst von einem fremden Planeten. Nach Auskunft der Kakao-Farmerin, welche die Verkostung leitete, wächst alles, was man verarbeitet, in der Gegend. Eine Sorte war mit einer Creme aus dem Fruchtfleisch der Kakaoschote gefüllt (das ist die dicke, fleischige Haut, welche die Kakaobohnen umhüllt). Ich hatte die Pulpa schon einmal probieren dürfen, aber erst in der Schokolade erfuhr das säuerlich-fruchtige Fleisch seine wahre Bestimmung.

Ein junges amerikanisches Pärchen fand sich unter den Gästen der Finca und die beiden bestaunten die Schokoladentafeln, als gäbe es so etwas nicht in amerikanischen Supermärkten. Zugegeben, Sortenschokoladen aus Edelkakao muss man lange suchen und solche exquisiten Genüsse, wie die Farm sie offerierte, findet man sicher nicht bei Walmart. Doch es gibt in den Staaten Bio-Supermärkte, die alles in den Schatten stellen, was sich der visionäre Bio-Weltverbesserer aus Deutschland in seinen kühnsten Träumen ausmalen könnte. Es würde mich keineswegs verblüffen, wenn man dort Manufaktur-Schokoladen aus Mashpi Shungo fände. Das Pärchen staunte aber die Schokolade an, als hätte es den Stein der Weisen gefunden. Man war so angetan, dass man gleich ein Dutzend Tafeln kaufte. Wir nahmen auch ein paar mit, aber einige sollten nicht den Abend erleben.

Die Finca ist ein riesiges Gelände, welches mit einem Wald aus Kakaobäumen bepflanzt ist. Allenthalben sieht man Kakaoschoten in allen Reifegraden im Geäst hängen – grün, gelb, rot. Das Hauptgebäude ist eine luftige Lodge, die sich in die Höhe reckt, als wollte sie dem allerorten wuchernden Grün entrinnen. Überall leuchten Blütenstauden in einem geradezu wollüstigen Rot aus dem Blätterwerk.

Wenn man durch den Kakaowald streift, hat man das Gefühl, man sei in einer Art Paradiesgarten. Wohin man blickt, ist spießende Vegetation. Blätter und Blüten treiben so mannigfaltig und farbenfroh aus, dass man nie satt wird, das betörende Gemisch aus Formen und Farben in sich einzusaugen. Ich stelle mir vor, so müsse Macondo ausgesehen haben, bevor es sich unauffindbar im Urwald verlor. Im dichten Wald begreift man, dass die Menschen von der Natur nur auf Zeit geduldet sind und lassen sie in ihren Anstrengungen nach, holt sich die lebenstolle Wildnis zurück, was ihr gestohlen wurde. Aber so lange es Liebhaber der Schokolade gibt, wird die Farm wohl Bestand haben. Jedenfalls wäre zu wünschen, dass noch recht viele Menschen dieses Paradies in Schokolade besuchen.